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Schicksal und Vorsehung in Gellerts Roman "Leben der schwedischen Gräfin von G***"

Hausarbeit 2013 17 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Begriffsbestimmung

3. Die Frage nach der Selbstbestimmung

4. Funktionen der Prädestination im Roman Leben der schwedischen Gräfin von G***
4.1 Legitimation und Sicherung des Herrschaftssystems
4.2 ‚Heilige Sorglosigkeit‘
4.3 Verdrängung der Schuld und die Einsicht der Machtlosigkeit

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Die Prädestination besitzt in der christlichen Glaubensrichtung eine zentrale Bedeutung. Sie ist ein wichtiger Bestandteil der Glaubenslehre im 18. Jahrhundert, in der Zeit, in welchem auch das Werk „Leben der schwedischen Gräfin von G***“1 entstanden ist, welches in Form eines Briefromans vom Autor Christian Fürchtegott Gellert geschrieben wurde. Die Prädestination ist mit dem heutigen Begriff der Vorherbestimmung zu verstehen und erscheint in Gellerts Bildungsroman in verschiedenen Problematiken. In dem autobiografischen Roman beschreibt die fiktive Protagonistin, die Gräfin von G***, ihr Familienname ist nicht bekannt, ihr Leben und damit verbunden auch das ihres Personenumfeldes. Dieses ist gespeist von glücklichen Lebensphasen aber auch von Schicksalsschlägen. Die Figuren und die Protagonistin stehen in den Phasen des Glückes und des Unglückes permanent in einem Spannungsfeld zwischen Selbst- und Fremdbestimmung.

Das Ziel vorliegender Untersuchung ist es, die Rolle der Prädestination, die sie im gesamten Roman einnimmt, zu erhellen und den Umgang der Figuren mit dieser herauszustellen. Dabei wird untersucht, welche Funktionen die Prädestination besitzt und wie letztendlich Gellert das Problem der Selbstbestimmung in Abhängigkeit der göttlichen Fremdbestimmung zu lösen versucht. Das Letztere verlangt nach der Frage hinsichtlich der Freiheit der Figuren in ihrem Handeln und Willen unter dem Aspekt der Prädestination.

Zu diesem Zweck werden verschiedene Forschungsbeiträge zum Themenbereich der Prädestination hinzugezogen, mit deren Hilfe der Begriff der Prädestination zuerst bestimmt und abgegrenzt, anschließend durch die Ergebnisse ein Bezug auf Gellerts Roman geschaffen wird. Umrahmt wird diese Untersuchung mit der Frage, wer das Leben lenkt und leitet.

2. Begriffsbestimmung

Im Folgenden wird eine Abgrenzung der Begrifflichkeiten durchgeführt, die im allgemeinen Sprachgebrauch oft deckungsgleiche Verwendung finden. Um mit den Begriffen Schicksal und Vorsehung zu arbeiten, welche auch explizit in Gellerts Briefroman erwähnt werden, bedient sich die folgende Untersuchung den Begriffsbestimmungen von Klaus Berger2 und erweitert diese mithilfe eigener Überlegungen und anderen Forschungsbeiträgen.

Das Schicksal wird als „Etwas, das eine unpersönliche höhere Macht [über den Menschen] verhängt hat“3 beschrieben. Es gälte als unabwendbar, dem sich der Betroffene ergeben und dies über sich erdulden müsse. Wiederum sei die Vorsehung die Lenkung des Lebens der Menschen durch eine höhere Macht. Sie könne weder beeinflusst noch berechnet werden. In Anlehnung auf den stoischen Sprachgebrauch der Providentia beinhalte die Vorsehung den Glauben an einen vernünftig lenkenden Gott, dessen Werk eine Weltordnung darstelle.4 Die Prädestination stelle den religiösen Begriff der Vorherbestimmung dar und drücke aus, dass das Leben im Ganzen und in Einzelheiten im Voraus von Gott festgelegt werde: „Der souveräne Gott hat »alles« vorherbestimmt, das Heil ebenso das Unheil im Ganzen und auch alle Einzelheiten.“5 Gesamt betrachtet zu Bergers oben geschilderten Begriffsbestimmungen, wird das Schicksal im Gegensatz zu der Vorsehung als etwas Negatives verstanden. Dies leitet sich auch daraus ab, dass das Schicksal wie Berger beschreibt, erduldet und sich diesem ergeben werden müsse. (s.o) Diese negative Konnotation findet sich ebenfalls in Gellerts Roman wieder: „[…] so traurig auch mein künftiges Schicksal der Welt vorkommen wird“, (Gellert, S. 17) „Doch es ist eine Schickung. Ich will meinen Tod mit Standhaftigkeit ertragen.“ (Gellert, S. 26) Das Ertragen des Todes markiert die bereits erwähnte negative Eigenschaft des Schicksals. Das Wort „Etwas“, (s.o) das Berger bei seiner Beschreibung des Schicksals verwendet, deutet darauf hin, dass das Schicksal ein punktuelles Ereignis darstellt und nicht die gesamten Umstände eines Menschenlebens beschreibt. Auch der positive Aspekt der Vorsehung, die von ihm als etwas Vernünftiges hervorgehoben wird,6 findet sich in der Handlung des Romans wieder:

Liebt getreu, und genießt das Leben, das uns die Vorsehung zum Vergnügen und zur Ausübung der Tugenden geschenkt hat. (Gellert, S. 21)

Der Begriff der Prädestination an sich wird keines mal in Gellerts Roman wörtlich erwähnt. Die folgende Untersuchung bezieht sich, auch aufgrund des durch religiöse Elemente gefärbten Romans, auf die Prädestination des biblischen Gottes. Dabei erweitert sie den Begriff der Prädestination und fasst diesen als Oberbegriff für Ereignisse, die der Vorsehung oder dem Schicksal zugeschrieben werden, zusammen. Dieser Schritt ergibt sich aus folgender Überlegung: Wenn das Leben eines Menschen durch die Vorsehung gelenkt wird7 und den Ereignissen des Schicksals unterliegt, dann muss die Lebenszeit insgesamt als eine konstante Vorgabe von Gott, die sich in der Vorsehung und im Auftreten von Schicksalsereignissen äußert, betrachtet und somit gemein als absolute Prädestination verstanden werden.

Somit wurde eine Begriffsbestimmung vorgenommen, und die Prädestination findet im weiteren Verlauf dieser Untersuchung für die Aspekte der Vorsehung und des Schicksals Verwendung.

3. Die Frage nach der Selbstbestimmung

In diesem Abschnitt wird der Frage nachgegangen, ob in Gellerts Roman Leben der schwedischen Gräfin von G*** die Möglichkeit zum selbstbestimmten Handeln in einem durch Gott prädestinierten Leben besteht.

Am Anfang des Romans wird berichtet, dass auf das Verlangen des Vetters der Gräfin von G*** dieselbe klug gelehrt werden soll, damit sie später niemand als ein vernünftiger Mann zur Gemahlin nehme. (vgl. Gellert, S. 5) Erkennbar ist, dass hier durch das Handeln des Vetters bereits etwas Zukünftiges beeinflusst wird. Der Roman entwirft hiermit, dass die göttliche Prädestination nicht als etwas Absolutes, das alle Einzelheiten im Leben bereits im Voraus bestimmt, verstanden werden soll, denn der Vetter bestimmt durch sein Eingreifen in die Erziehung die Beschaffenheit der Männer, die später die Gräfin von G*** als Gemahlin, weil sie die Vernunft und die Klugheit verkörpert, die sie selbst besitzen, in Betracht ziehen. Der Vetter greift in den göttlichen Prozess des vorherbestimmten Werdens ein. Die philosophische Verwendung des Begriffs der Providentia geht davon aus, dass die Geschehnisse nach dem Gesetz der Ursache und der Wirkung miteinander verkettet seien, sodass der Mensch im Laufe seines Lebens nichts zu ändern vermöge.8 Daraus folgt, dass die Gräfin nicht imstande ist, die Beschaffenheit ihrer vorher eingegrenzten potenziellen Ehemänner zu verändern. Fischer unterstreicht diese Ohnmacht, in der sich die Gräfin wegen ihres Vetters befindet, mit den folgenden Worten: „homo homini fatum“,9 das soviel heißt wie ‚der Mensch ist dem Menschen Schicksal‘. Das schließt ein, dass der Mensch für sich selbst verantwortlich ist, aber auch, dass sein Leben von anderen Menschen ebenfalls determiniert wird. Dabei seien die heutigen Menschen Opfer der ‚Zukunftswerkstätten‘ ihrer nahen Vorfahren.10 Daraus ergibt sich die Annahme, dass alles, was der Gräfin nach ihrer Heirat mit dem Grafen zustößt, ihrem Vetter anzuhaften wäre. Dass dies nicht so einfältig gegolten werden darf und ob die Erziehung der Gräfin von G*** tatsächlich als alleinige Ursache für die darauffolgenden Ereignisse in ihrem Leben darstellt, wird in der Heiratsanfrage des Grafen an die Gräfin ersichtlich:

Ich lasse Ihnen zu Ihrem Entschlusse soviel Zeit, als Sie verlangen. Doch sage ich Ihnen zugleich, daß mir jeder Augenblick zu lang werden wird, bis ich mein Schicksal erfahre.

(Gellert, S. 6) Hier ist deutlich zu erkennen, dass der Graf der Gräfin von G*** die freie Entscheidung seiner Anfrage zur Eheschließung entgegenkommen lässt. Dies impliziert die zweite Aussage, zumal die Anspielung auf das Schicksal gemacht wird, (s.o.) dass der Gräfin von G*** die Option zu Teil ist, den weiteren Verlauf ihres Lebens selbst zu bestimmen. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Prädestination vieles im Leben vorausbestimmt, letztlich einem dennoch eine gewisse Wahl- bzw.

[...]


1 Gellert, Christian Fürchtegott: Leben der schwedischen Gräfin von G***. Hrsg. v. Jörg-Ulrich Fechner. Stuttgart: Reclam 1997.

2 Berger, Klaus: Wer bestimmt unser Leben? Schicksal - Zufall - Fügung. Gütersloh: Quell 2002.

3 Ebd. S. 12.

4 Vgl. ebd.

5 Ebd.

6 Vgl. Berger: Wer bestimmt unser Leben? S. 13.

7 Vgl. ebd. S. 12.

8 Boulnois, Olivier: Unser Gottesbild und die Vorsehung. In: Internationale Katholische Zeitschrift. »COMMUNIO« 31. Jahrgang 2002, S. 303 - 323, hier S. 304.

9 Fischer, P. Klaus: Schicksal, Fügung, Gott. In: Zeitschrift für katholische Theologie 133. Band. Heft 1. 2011, S. 49-68, hier S. 51.

10 Vgl. ebd. S. 52.

Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668134270
ISBN (Buch)
9783668134287
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314330
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Schlagworte
Selbstbestimmung Fremdbestimmung Prädestination Schicksal Fügung Freier Wille Autonomie Gellert Leben der schedischen Gräfin von G***

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