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Die Lebenswelt der türkischen Muslime in Graz

von Thomas Tripold (Autor) F. Spendlingwimmer (Autor)

Forschungsarbeit 2003 39 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. TheoretischerBezugsrahmen
a. Identitätskonstruktionen – Ein Überblick zur Identitätsforschung
a.a. Akkulturation – Assimilation und ethnische Kolonienbildung
a.b. Zur Funktion der Bildung von ethnischen Kolonien a.c Zur Funktion der Religion für die Identitätsbildung

3. Stand der Forschung

4. Methoden und Durchführung der Feldforschung
Empirischer Ergebnisteil
I. Lebenswelt von Türken der ersten Generation in Graz
a. Lebenssituation und Sozialkontakte von türkischen Muslimen in Graz
b. Muslimische Türken und die Familie
c. Religiöse Pflichten von türkischen Muslimen
i. Das Gebet
ii. Das Almosengeben
iii. Das Fasten
iv. Die Pilgerfahrt
d. Die Bedeutung des Islam – ein Resümee
II. Fragebogenuntersuchung
a. Durchführung der Fragebogenuntersuchung
i. Probleme der Validität des Fragebogens
b. Ergebnisse der Befragung
i. Religiosität der Jugendlichen
ii. Freizeitverhalten der türkischen Jugendlichen
c. Zusammenfassende Darstellung der Fragebogenuntersuchung
III. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen des Forschungspraktikums „multikulturelle Lebenswelten in Graz“, beschäftigten wir uns mit der Lebenswelt von muslimischen Türken. Im Zentrum des Interesses stehen die Religion des Islams und die damit verbundenen Lebensweisen von gläubigen Muslimen.

Vorweg sollen hier einige Fragen angeführt werden, die wir in dieser Arbeit beantworten wollen.

- Welche Bedeutung spielen generell die Religion und die Moschee als Institution für türkische Migranten?
- Wie kommen Muslime mit ihrer Religion in einer westlichen (christlich geprägten) Gesellschaft zurecht, deren Grundprinzipien freiheitlich und säkular sind?
- Welche Schwierigkeiten tauchen auf, wenn ein Muslim mit der westlichen Kultur und Gesellschaft in Berührung kommt?
- Schließt sich die ethnische Gruppe bewusst von der Bevölkerung des Gastlandes ab, weil durch das Vorhandensein sozialer Netzwerke überhaupt keine Notwendigkeit besteht, mit den ansässigen Menschen Kontakt aufzunehmen? Welche Elemente führen zur sozialen Schließung, und wie wirkt sich diese auf Lebens- und Verhaltensweisen von türkischen Männern und Frauen aus?

Der Wunsch, Antworten auf diese Fragen zu finden, hat die Autoren motiviert, tiefer in die Lebenswelt türkischer Muslime einzutauchen. Wie wir feststellen mussten, war dies nicht immer leicht, da die Religion des Islams bei türkischen Migranten ein sensibles Thema darstellt – nicht zuletzt durch die negative Darstellung in den Medien. Letztendlich konnten wir dann doch einen guten Kontakt zum Feld aufbauen.

Im ersten Teil unserer Arbeit wollen wir anhand einiger theoretischer Überlegungen einen geeigneten Rahmen für unseren Forschungsbereich schaffen. Danach werden einige Studien über Türken in Deutschland und Österreich vorgestellt, die für unser Themengebiet wichtige Vorinformationen liefern. Im empirischen Teil werden die Ergebnisse von qualitativen Interviews mit muslimischen Männern, sowie einer kleinen Fragebogenerhebung unter türkischen Berufsschülern dargestellt und interpretiert.

2. Theoretischer Bezugsrahmen

Im Zentrum unserer Überlegungen steht das für Emigranten so wichtige Thema der Identität. Nach einem allgemeinen Überblick zu den für unsere Thematik relevanten Bereichen der Identitätsforschung, sollen die speziell für Emigranten wichtigen Konzepte zur Akkulturation und Kolonienbildung dargestellt werden. Am Ende dieses Kapitels soll der Themenschwerpunkt Religion genauer beleuchtet werden. Hierbei geht es vordergründig darum, welche Funktion die Religion für die Identitätsbildung bei Emigranten hat.

a. Identitätskonstruktionen – Ein Überblick zur Identitätsforschung

Im Hinblick auf die folgenden Kapitel, die sich konkreter mit ethnischen Identitäten beschäftigen, soll hier nun kurz auf die allgemeine Thematik der Identitätsforschung eingegangen werden.

Der Begriff Identität und dessen Nutzung, welche heute schon fast inflationäre Züge angenommen hat, ist in der Moderne gerade durch seine vielschichtige Bedeutung relevant. So wird die Suche nach Identität als krisenhafte Herausforderung an das Subjekt verstanden und die Frage nach dem „Wer bin ich?“ hat sich in einer individualisierten, pluralisierten und globalisierten Welt dramatisch verändert. Wenn nun weiters von Identität die Rede ist, soll bedacht werden, das es sich bei deren Bildung um eine subjektiven Konstruktionsprozess handelt, der auf wechselseitige soziale Anerkennung angewiesen ist. Von Hegel über Erikson bis Mead wird mit dem Konzept der Identitätskonstruktion auf das menschliche Grundbedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit verwiesen. Menschen oder Gruppen können „wirklich Schaden nehmen, eine wirkliche Deformation erleiden, wenn die Umgebung oder die Gesellschaft ein einschränkendes, herabwürdigendes oder verächtliches Bild ihrer selbst zurück spiegelt. Nichtanerkennung oder Verkennung kann Leiden verursachen, kann eine Form von Unterdrückung sein, kann den anderen in ein falsches, deformiertes Dasein einschließen“ (Taylor 1993, 13f, zitiert nach Keupp). Gruppen oder Individuen, die von Anerkennungskonflikten besonders betroffen sind, weil sie auf Grund bestimmter Eigenschaften von der definierten Dominanzkultur als minderwertig stigmatisiert werden (z.B. wegen ethnischer Zugehörigkeit, religiöser oder ideologischer Bekenntnisse), haben es besonders schwer, eine gelungene Identität[1] zu bilden.

Weiters geht es bei Identität auch immer um die Herstellung einer Passung zwischen dem subjektiven „Innen“ und dem gesellschaftlichen „Außen“. Hier wird der Doppelcharakter von Identität sichtbar: Sie soll sowohl das unverwechselbar individuelle, als auch das sozial akzeptable darstellbar machen (vgl. Keupp u.a. 2002, 27f). Das Subjekt muss also für sich immer einen Kompromiss bilden zwischen Autonomiestreben und Unterwerfung. Heute wird Identität als ein Projektentwurf des eigenen Lebens verstanden, wo sich traditionelle Sicherheiten aufgelöst haben. Ralf Dahrendorf beschreibt diesen Wandel der Lebenschancen mit seinem Konzept der Ligaturen und Optionen. Unter „Optionen“ versteht er die Wahlmöglichkeiten, über die eine Person in ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Position und Situation verfügt. Auf der anderen Seite bezeichnen Ligaturen gesicherte Bezüge, Verankerungen, Bindungen. Sie stellen fixe Handlungskoordinaten dar, während die Optionen die Entscheidungs- und Wahlmöglichkeiten beschreiben. Die Modernisierung brachte laut Dahrendorf eine Ausweitung von Wahlmöglichkeiten, durch das Aufbrechen von Ligaturen (vgl. Dahrendorf 1979, 51f, zitiert nach Keupp). Weiters sind Ligaturen auf einem hohen wohlfahrtsstaatlichen Niveau in Auflösung betroffen, wodurch sich die Freiheit, ja die unabdingbare Notwendigkeit ergibt, sich seine eigenen Ligaturen zu konstruieren, damit man nicht „die Lebensfeindlichkeit sozialer Wüsten [erfährt]“ (ebd. 52). Der hier beschriebene Prozess kann kurz als Individualisierung zusammengefasst werden – die Freisetzung aus Traditionen und Bindungen, die das eigene Handeln in hohem Maß steuern. Peter Berger beschreibt, dass mit der Individualisierung und Pluralisierung die traditionellen Instanzen der Sinnvermittlung an Bedeutung verlieren, da große Vielfalt an Deutungen nicht mehr abgedeckt werden kann. Dieser Trend erzeugt den individualisierten Sinn-Bastler, denn die „Sehnsucht nach Sinn“ bleibt erhalten (ebd.52).

In der aufgezeigten Entwicklung wird schon deutlich, dass die neuen Freiheiten, wie z.B. sich das Drehbuch seines Lebens selbst schreiben zu können, mit diversen Formen von Ressourcen einher geht, die es zu mobilisieren gilt. Kann man die erforderlichen materiellen, sozialen und psychischen Ressourcen nicht aufbringen, wird die gesellschaftliche Notwendigkeit der Selbstgestaltung zur schwer erträglichen Aufgabe, der man sich gerne entziehen möchte. Der Identitätsprozess wird also von der Verfügbarkeit von Ressourcen bestimmt, wobei nicht automatisch ein großes Reservoir an Ressourcen mit einer gelingenden Identitätsentwicklung einher gehen muss.

Im Folgenden sollen kurz drei wichtige Ressourcen – ökonomische, soziale und kulturelle – bei Pierre Bourdieu primäre Kapitalsorten genannt, dargestellt werden.

Ökonomische Ressourcen. Hier handelt es sich um die materiellen Ressourcen, die einem Subjekt zur Identitätsarbeit zur Verfügung stehen und die „unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar“ sind „und sich besonders zur Institutionalisierung in der Form des Eigentumrechts“ eignen (Bourdieu 1983, 185). Aktien, Geld, Grund und Boden würden beispielsweise darunter fallen. Bei Emigranten ist diese Kapitalform in der Regel eher unterentwickelt, kann daher auch nicht gut in die anderen Ressourcen/Kapitalsorten transformiert werden.

Kulturelle Ressourcen. Diese Art von Kapital kann in drei Bereiche unterteilt werden – inkorporiertes, objektives und institutionalisiertes Kulturkapital. Inkorporiertes Kapital meint verinnerlichte Fertigkeiten und Haltungen. Die Inkorporierung (Einverleibung) dieses Kulturkapitals kostet Zeit und Energie, die von einer Person persönlich investiert werden muss, ist also körpergebunden (ebd. 186). Objektiviertes Kulturkapital meint Bücher, Tonträger oder Kunst, und man ist bei der Aneignung den gleichen Regeln unterworfen wie beim inkorporiertem Kulturkapital. Institutionalisiertes Kulturkapital meint staatlich anerkannte Abschlüsse und Titel, die, wenn sie einmal erworben sind, ihren Träger vom Nachweis seines tatsächlich akkumulierten Kulturkapitals entlasten.

Genauso wie das materielle Kapital, so wird auch das Kulturelle primär über die Familie weitergegeben (ebd. 128).

Für Emigranten spielen die kulturellen Ressourcen, auf die sie zurückgreifen können, oder die sie sich erst aneignen müssen, wenn sie sich in einem fremden Land zurechtfinden wollen, eine große Rolle. Vor allem inkorporiertes und institutionalisiertes Kulturkapital – Wissen, Informationen, Qualifikationen einerseits, und Zertifikate, Abschlüsse und Titel andererseits – erleichtern natürlich die Umsetzung angepeilter Identitätsprojekte. Leider sind bei der Erlangung oder Anerkennung des kulturellen Kapitals Emigranten meist im Nachteil, sodass die Verwirklichung von Identitätsprojekten oft ein Traum bleibt.

Soziale Ressourcen. Das soziale Kapital beschreibt all jene Ressourcen, die auf Zugehörigkeit zu anderen Personen beruhen. Sozialkapital ist „die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind [...]“ (ebd. 190f). Zu Sozialkapital gelangen Personen über bewusste oder unbewusste Investitionen in Sozialbeziehungen, „die früher oder später einen unmittelbaren Nutzen versprechen“ (ebd. 192).

Für die Identitätsentwicklung ist also nicht bloß der Besitz dieser Ressourcen relevant, sondern auch „die Art, wie diese im Rahmen einer Identitätsentwicklung für die jeweiligen Prozesse in identitätsrelevante Abläufe übersetzt werden“ (Keupp u.a. 201). Um ein allgemeines Modell zur Identitätsentwicklung zu formulieren hat Heiner Keupp zwei Transformationsleistungen beschrieben: 1. die Verwandlung von Kapitalsorten in andere – z.B. kann man sein soziales Kapital dazu nutzen, um an materielles zu kommen, wie beispielsweise zu einer Arbeit. 2. äußere Kapitalien werden in identitätsrelevante innere Kapitalien übersetzt.

Keupp geht dabei von folgendem Modell aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Soziales Kapital

Die drei Kapitalsorten und Identitätsentwicklung – drei Übersetzungskategorien (Keupp, 202)

Keupp zeigt anhand des sozialen Kapitals, welche dreifache Rolle dieses für die Identitätsentwicklung des Subjekts spielt

Als Optionsraum: In einem Netzwerk von versammelten Personen werden verschiedene Identitätsentwürfe und –Projekte gebildet – es entstehen also die verschiedensten Identitätsentwürfe, aus welchen man wählen kann, wobei die Realisierung eines Identitätsprojektes vielfach an Aushandlungsprozesse gebunden ist. Strebt man z.B. Optionen an, die zu einer bestimmte Form von Partnerschaft führen, werden diese ohne Chance auf Verwirklichung bleiben, wenn kein gegenüber existiert, das diese Form akzeptiert (ebd. 202).

Als subjektive Relevanzstruktur: Was für eine Person relevant ist, wird meist während eines Aushandlungsprozesses mit den sozialen Netzwerken erworben. Sie wirken wie ein „Filter für die von den Massenmedien angebotenen Lebensstilpakete“. Welcher Mode bzw. welchem Trend ich mit unterwerfe „hängt stark von der Bewertung durch signifikant andere meines Netzwerkes ab (ebd. 203). Diese Netzwerke sind weiters für den Identitätsprozess deshalb so wichtig, da in ihnen soziale Anerkennung verteilt wird.

Als Bewältigungsressource: Soziale Netzwerke fungieren in Orientierungskrisen als Rückhalt und emotionale Stütze. „Gerade wenn der Prozess der Identitätsbildung durch innere Spannung oder äußere Umbrüche kritisch wird, ist es eine Frage [...] des sozialen Kapitals, über welche Möglichkeiten des Krisenmanagements ein Subjekt verfügt, weil ihm in seinem Netzwerk entsprechende Unterstützung zuteil wird [...]“ (ebd. 203).

Diese drei Übersetzungskategorien lassen sich auch auf das materielle und kulturelle Kapital anwenden.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Identität als ein fortschreitender Prozess eigener Lebensgestaltung, der sich zudem in jeder alltäglichen Handlung neu konstruiert, verstanden wird. Weiters ist Identität auch eine Passungsarbeit, die nie nur Anpassung an außen oder innen bedeutet, sondern eine konfliktbezogene Aushandlung zwischen divergierenden Anforderungen meint (ebd. 196f). Sich zu verwirklichen und für sich zu einer stimmigen Passung seiner Identität zu gelangen ist ohne geeignete Ressourcen und deren Transformation in gerade identitätsrelevante Ressourcen nicht möglich.

Ist der Identitätsbildungsprozess schon für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die mit den Werten und Normen einer Kultur vertraut sind, ein schwieriges Unterfangen, welches häufig zum Scheitern eines Identitätsentwurfes führt, so ist es für Emigranten, die noch dazu meist Defizite in den drei Kapitalsorten aufweisen, besonders schwer, zu einer gelungenen Identität zu gelangen. Welche Probleme, die eine gelungene Identität verhindern, sich bei der ethnischen Identitätsbildung nun konkret ergeben, aber auch welche Strategien ethnische Minderheiten entwerfen, um in einer individualisierten Welt nicht orientierungslos in einem sozialen Vakuum existieren zu müssen, wird nun in den folgenden Kapiteln beschrieben.

a.a. Akkulturation - Assimilation und ethnische Identitätsbildung

Das Konzept der Akkulturation, wie es Friedrich Heckmann beschreibt, stellt eine wichtige Form des ehnischen Wandels dar. Es kommt dabei zu Veränderungen der Identität bei Personen und Gruppen, aber auch Institutionen ändern sich in Folge von Kulturkontakt. Die Frage ist nun, wie weit sich Einwandererminderheiten an die jeweilige dominante Gruppe anpassen müssen, und ob die Minderheiten nur bei völliger Assimilation einer Marginalisierung[2] entgehen können?

Friedrich Heckmann schreibt in seinem Konzept der „Akkulturation“ und „Akkomodation“, dass in gewissen Bereichen eine absolute Notwendigkeit der Anpassung an die Kultur der Majorität seitens der Minderheit besteht:

„Bei Einwanderern, die in einer für sie neuen und fremden Gesellschaft leben und arbeiten wollen, aber auch für „ansässige“ Minderheitenangehörige, die sich in der Mehrheitsgesellschaft oder in den von der Mehrheit beherrschten Institutionen einer Gesamtgesellschaft „bewegen“ wollen, besteht die Notwendigkeit, sich einen bestimmten Fundus von Wissensbeständen und Qualifikationen anzueignen, der für die Kommunikation mit und in der Mehrheit notwendig ist. Aus der Macht- und Ressourcenungleichheit zwischen den Gruppen folgt, dass die Minderheit überwiegend von der Mehrheit lernen muss“(Heckmann 1992, 167).

Funktionale Lern- und Anpassungsprozesse die aus einem Zusammentreffen zweier Kulturen resultieren, nennt Heckmann also Akkomodation und meint damit beispielsweise die Kenntnis von den grundlegenden Institutionen und Regeln, „um in (einer) Gesellschaft interaktions- und handlungsfähig zu werden“ (ebd. 168) (Wissen, was man tun muss, wenn man telefoniert, wenn man krank ist usw.).

Kommt es bei der Akkomodation noch zu keinen grundlegenden Änderungen der Werte und Normen, Denkweisen und Überzeugungen eines Menschen, so meint die Akkulturation genau diese Aspekte, die durch den Kulturkontakt hervorgerufen werden (z.B. Übernahme gesellschaftlicher Werte und Verhaltensweisen, wie Pünktlichkeit, oder Fleißmoral, und die damit verbundenen Änderungen im Lebensstil). Akkulturation hat laut Heckmann immer Akkomodation zur Voraussetzung. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass der Prozess der Akkulturation keineswegs ein einseitiger ist, da es zur wechselseitigen – aber nicht gleichwertigen Beeinflussung von Mehrheits- und Minderheitenkultur kommt. Wird es beim Prozess der Akkulturation immer ethnische Unterschiede geben, so lösen sich diese bei der Assimilierung auf. Es kommt dabei zur vollständigen Übernahme der Kultur der Mehrheitsgruppe, sowohl auf der Ebene von Einzelpersonen, als auch von Gruppen (ebd. 169). Generell kann man sagen, dass sich jene ethnischen Gruppen als besonders resistent gegen die vollständige Übernahme der Mehrheitskultur erweisen, die durch eine gemeinsame Geschichte oder einen gemeinsamen Glauben miteinander verbunden sind. So wird die kulturelle Identität eines Muslims beispielsweise von der Vorstellung einer gemeinsamen Herkunft und Kultur, sowie Erfahrungen gemeinsamer geschichtlicher, religiöser und aktueller Erfahrungen bestimmt (ebd. 37). Bei einem Muslim wird die kulturelle Orientierung jedoch dadurch erschwert, dass er in seiner Identitätsbildung einerseits auf die Situation im Einwanderungsland reagiert, andererseits aber noch die alten kulturellen Muster seiner Heimat in sich trägt. Dadurch ergibt sich die Schwierigkeit, dass sich die Heimatdörfer und Städte ebenfalls in einem Wandel befinden: „Man selbst bleibt beim ‚Alten‘ und hat sich doch der alten Heimatkultur entfremdet, weil diese sich ihrerseits vom ‚Alten‘ entfernt hat“ (Bausinger 1986, 150f zitiert nach Strobl).

Die eigentliche Identitätsproblematik bei Muslimen beginnt jedoch erst bei der zweiten Generation. Das Leben in „Zwischenwelten“ führt zur Orientierungslosigkeit und Heimatlosigkeit, da sich die Jugendlichen sowohl der ursprünglichen Heimat, als auch dem Aufnahmeland fremd fühlen. Der Zwiespalt in der Identitätsbildung erhöht sich noch, wenn die Jugendlichen auf der einen Seite die Kultur der Eltern nicht aufgeben wollen, und auf der anderen Seite sich nicht völlig in die Gesellschaft des Gastlandes einzugliedern vermögen (Strobl 1996, 54). Zusätzlich sind Jugendliche der zweiten Generation in den drei Kapitalsorten, die unter dem Kapitel Identitätskonstruktionen angeführt wurden, gegenüber Jugendlichen der Mehrheitsgesellschaft benachteiligt und in eine Randsituation gedrängt. Daraus können sich nicht nur schwerwiegende soziale Probleme ergeben, es entwickeln sich auch die unterschiedlichsten Strategien, mit diesen identitätsbedrohenden Situationen umzugehen.

Heckmann hat sechs Hypothesen entwickelt, welche die Entstehungsbedingungen ethnischer Orientierung in marginalen Positionen (Inhaber einer marginalen Position sind weder der Mehrheit noch der Minderheit klar zuordenbar) erfassen sollen. Die Formen ethnischer Orientierung – Assimilation, Überanpassung, Herkunftsorientierung, Marginalität, und duale Orientierung – sollen hier kurz dargestellt werden, da einige Typen für den späteren Teil der Arbeit empirisch relevant sind.

Der Assimilierte:

Dieser Typ tritt auf „bei relativer Schwäche oder Auflösung der Minderheitenkultur, einem Hierarchieverhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit aber relativer Offenheit des Zugangs zur Mehrheitsgesellschaft, bikultureller Bestimmung der Positionen und einer Lösung der Zugehörigkeits-, Selbstwert- und Kulturkonflikten durch Bekenntnis zur Mehrheitsgesellschaft“ (Heckmann, 204). Es kommt zu einer „Aufgabe der Minderheitenkultur“ und zu einer Assimilierung an die Mehrheitskultur.

Der Überangepasste:

Von diesem Typ kann man sprechen, „bei Schwäche bzw. Auflösung der Minderheitenkultur, starkem Hierarchieverhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit, bikultureller Bestimmung der Positionen, und einer ‚Bewältigung‘ der Zugehörigkeitsunsicherheit durch Abbruch und Leugnung von Beziehungen der Herkunftsgruppe, ‚Lösungen‘ des Selbstwertkonflikts durch ‚Identifikation mit dem Starken‘, d.h. der Mehrheitsgesellschhaft [...]“ (ebd, 205). In dieser marginalen Position kommt es sozusagen zu einer Überanpassung.

Der Herkunftsorientierte:

Kommt vor „bei relativer Stärke der Minderheitenkultur, Hierarchieverhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit mit relativer Geschlossenheit des Zugangs zur Mehrheitsgesellschaft, bikultureller Bestimmungen der Positionen, einer Bewältigung der Zugehörigkeitsunsicherheit und des Selbstwertkonflikts durch Bekenntnis zur Herkunftsgruppe [...]“ (ebd. 205). Die Herkunftskultur hat also Priorität, diese schließt jedoch arbeits- und kommunikationsfunktionale Anpassungen an die Mehrheitskultur nicht aus.

Der Marginalisierte:

[...]


[1] Als gelungene Identität soll hier jener Zustand verstanden werden, der dem Subjekt das ihm eigene Maß an Kohärenz, Authentizität (Gefühl der Stimmigkeit, dass man selbst etwas Gelungenes geschaffen hat), Anerkennung und Handlungsfreiheit ermöglicht.

[2] Marginalität ist ein Resultat von ungeklärter Zugehörigkeit und Kulturkonflikt, daraus entsteht eine Identitätsunsicherheit. Weiters zeigt sich Marginalität in Verhaltensunsicherheit, Orientierungszweifel, Stimmungslabilität, Entschlusslosigkeit, Minderwertigkeitsgefühlen, Angst vor der Zukunft bis hin zu Selbsthass. (vgl. Heckmann 1992, 178ff)

Details

Seiten
39
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638324458
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v31433
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – Soziologie
Note
sehr gut
Schlagworte
Lebenswelt Muslime Graz Forschungspraktikum

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