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Das Burn-out-Syndrom und die Risikogruppe der Polizeivollzugsbeamten

Bachelorarbeit 2013 44 Seiten

Psychologie - Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Burn-out-Syndrom
2.1 Begriffsbestimmung
2.1 Burn-out & Stress
2.3 Entstehungsursachen & Burn-out-Typen
2.4 Verlauf und Symptomatik des Burn-out-Syndroms
2.5 Differentialdiagnosen
2.6 Folgen und Auswirkungen

3. Burn-out im Kontext der Polizei
3.1 Polizeirelevante Erhebungen
3.2 Polizeispezifische Begünstigungen
3.3 Psychische Stressoren des Polizeiberufes
3.4 Organisationspsychologische Stressoren des Polizeiberufes

4. Prävention und Gegenmaßnahmen
4.1 Individualmaßnahmen
4.2 Organisationsmaßnahmen

5. Fazit und Schlussfolgerungen

6. Literatur

Elektronische Ressourcen

Anhang

Interview Polizeiseelsorger

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Wie bis zur Unkenntlichkeit verändert sein Gesicht sich ausnahm, wenn er sich allein befand! Die Muskeln des Mundes und der Wangen, sonst diszipliniert und zum Gehorsam gezwungen, im Dienste einer unaufhörlichen Willensanstrengung, spannten sich ab, erschlafften; wie eine Maske fiel die längst nur noch künstlich gehaltene Miene der Wachheit, Umsicht, Liebenswürdigkeit und Energie von diesem Gesichte ab, um es in den Zustande einer gequälten Müdigkeit zurückzulassen; die Augen, mit trüben und stumpfen Ausdruck auf einen Gegenstand gerichtet, ohne diesen zum umfassen, röteten sich, begannen zu tränen – und ohne Mut zu dem versuche, auch sich selbst noch zu täuschen, vermochte er von allen Gedanken, die schwer, wirr und ruhelos seinen Kopf erfüllten, nur den einen, verzweifelten festzuhalten, daß Thomas Buddenbrock mit zweiundvierzig Jahren ein ermatteter Mann war.“

Aus Thomas Manns „Buddenbrooks“ (1901)

1. Einleitung

Liest man den zitierten Abschnitt aus Thomas Manns „Buddenbrooks“, so könnte dieser auch in einer Fallbeschreibung eines Burn-out Ratgebers zu finden sein. Tatsächlich sind ähnliche Beschreibungen in der Literatur nicht selten. Selbst in der Bibel ist vom erschöpften Propheten Elija die Rede, welcher sich nach aufopferndem Einsatz für Gott gänzlich ausgebrannt zurückzieht und sich nach dem Tod sehnt. Zu Zeiten Thomas Manns oder gar dem Verfassen biblischer Textpassagen scheint es also bereits eine “arbeitsbedingte“ Erschöpfung gegeben zu haben, auch wenn diese sicherlich noch nicht als Burn-out bezeichnet wurde.

Jeder kennt den Begriff des Burn-outs – und es dürfte klar sein, dass sich diese Arbeit nicht mit dem Durchdrehen lassen des Hinterrades eines Motorrades, bis dieses anfängt zu brennen, befasst – auch wenn es sich sinngemäß auf den Menschen übertragen ließe. Den Begriff zu kennen, heißt nicht darüber Bescheid zu wissen. Was genau ist ein Burn-out? Was kennzeichnet das Burn-out-Syndrom und wer ist davon betroffen? Wie kommt es dazu, dass jemand ausbrennt und wie lässt es sich vermeiden? Im Bachelorstudiengang der Polizei wird das Burn-out-Syndrom behandelt, dass man allerdings auch einmal selbst betroffen sein könnte schließt man aus. In einigen Fällen liegt da ein Irrtum vor und man kann schneller in die Burn-out-Falle geraten als angenommen. Diese Bachelorarbeit soll einen grundsätzlichen Überblick über das Burn-out-Syndrom bieten. Dem Leser soll verdeutlicht werden, was ein Burn-out ist – und was eben nicht. Durch die genaue Erläuterung, um was es sich bei einem Burn-out handelt, was diesen begünstigt und wie sich jener äußert, soll die Frage beantwortet werden, ob Polizeivollzugsbeamte grundsätzlich ein hohes oder gar höheres Risiko haben einen Burn-out zu erleiden als Angehörige anderer Berufsgruppen.

Daher wird zunächst eine einheitliche Wissensgrundlage. Beginnend mit einer Begriffsdefinition und der Darlegung der Zusammenhänge zwischen Burn-out und Stress. Es werden die Entstehung und der Verlauf beleuchtet, gefolgt von der Schilderung der vielfältigen, möglichen Symptome. Zudem wird ein Überblick geschaffen, welche Auswirkungen das Burn-out-Syndrom erzeugt bzw. erzeugen kann, sowohl persönlich als auch wirtschaftlich. Anschließend wird das Burn-out-Syndrom in den Kontext der Polizei gesetzt. Anhand polizeirelevanter Studien wird geprüft, ob tatsächlich eine Gefährdung für die Polizeibediensteten besteht und es werden evtl. sich aus der Polizeiarbeit ergebende Begünstigungen angesprochen. Zuletzt werden Maßnahmen genannt, welche helfen können die Auswirkungen eines Burn-out zu mildern bzw. zu verhindern, dass es überhaupt zu einem Ausbrennen kommt. Abschließend wird das Fazit die Aussagen dieser Arbeit zusammenfassen und die Fragestellung dieser Arbeit beantworten.

Im Rahmen der Bearbeitung dieser Bachelorarbeit wurde, neben der Literaturanalyse, ein Interview mit dem Polizeiseelsorger Herrn A. K. geführt. Durch dieses sollte geprüft werden, ob sich die Angaben und Aussagen der Literatur mit denen aus der Praxis, also bei der Arbeit mit Burn-out-Betroffenen, decken oder ob hier Unterschiede festzustellen sind. Bei Verweisen auf das Interview wird die Zeilennummer genannt.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personen-bezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

In der Literatur finden sich verschiedene Schreibweisen des Begriffs „Burn-out / Burnout“. In dieser Arbeit wird sich auf “Burn-out“ bzw. “Burn-out-Syndrom“ festgelegt.

2. Das Burn-out-Syndrom

Burn-out – ein Begriff, welcher in den vergangenen Jahren stark an Popularität gewonnen hat. Im Fernsehen wurden und werden diverse Berichterstattungen oder Talkrunden gesendet und auch in den Printmedien erscheinen immer wieder Sonderhefte. Leider neigt die Presse oftmals dazu Kernelemente zu kürzen oder gar zu dramatisieren, oft haben die Berichtenden nicht das ent-sprechende professionelle Hintergrundwissen, um psychologische Probleme korrekt einschätzen und darstellen zu können. Auf dem deutschsprachigen Markt existieren schon beinahe unzählige literarische Werke; eine Suche auf amazon.de liefert zum Thema Burn-out über 2500 Ergebnisse – selbst ein “Burn-out für Dummies“ Ratgeber ist zu finden. Laut Hillert und Marwitz (2006) entsteht hier die Gefahr durch Halbwissen, gemischt mit einer Persönlichkeitsfixierung, eine Art Modediagnose zu schaffen, ähnlich wie die Multiple-Persönlichkeit Ende der 1980er-Jahre oder dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, die kaum noch etwas mit dem aktuellen wissenschaftlichen Stand der Forschung gemein hat. Fast jeder kann zum Thema Burn-out etwas beitragen, hat bzw. hatte bereits einen Burn-out oder kennt zumindest jemanden der ganz offensichtlich betroffen ist (vgl. Väth 2011: 71f). In einer Emnid-Umfrage gaben 25 Prozent der Befragten an, dass diese sich durch ihren Job erschöpft und verschlissen fühlen, oftmals diagnostizieren sich die Menschen selbst einen Burn-out (vgl. Unger/Kleinschmidt 2006: 75). Hier muss jedoch differenziert werden, eine einfache erschöpfte Phase sollte nicht direkt als Burn-out bezeichnet werden. Burn-out ist mehr als eine vorübergehende Phase der Erschöpfung, hier ist es nicht ausreichend, dass der Betroffene sich einmal richtig ausschläft oder einen Kurzurlaub einlegt (vgl. burnout fachberatung.de 2013). Die Bandbreite der möglichen Betroffenen ist weit gefächert. Bei ca. 60 Berufen bzw. Personengruppen wurde das Burn-out-Syndrom bereits beschrieben und bei der Mehrheit handelt es sich um Berufsbilder, von denen Hilfe und emotionale Zuwendung erwartet wird (Beraten, Helfen, Schützen, Heilen) (vgl. Burisch 2010: 21-24).

2.1 Begriffsbestimmung

Aufgrund der obigen Ausführungen ist es daher sinnvoll den Begriff des Burn-out-Syndroms bzw. des Burn-outs zu definieren, um eine klare Wissensbasis zu schaffen. Der Begriff „Burn-out“ (engl. „to burn out“, dt. „ausbrennen“) stammt ursprünglich aus dem technischen Bereich. In der Luftfahrt wird damit der Ausfall eines Triebwerkes aufgrund von Treibstoffmangel bezeichnet; im Bereich der Kernenergie, das Durchbrennen von Brennstoffelementen aufgrund von Überhitzung. Auf den Menschen übertragen haben Betroffene ihren Treibstoff verbraucht, sind erloschen bzw. heiß gelaufen und aus-gebrannt. Von einem Syndrom wird in diesem Zusammenhang gesprochen, wenn mehrere bzw. verschiedene Symptome gemeinsam, sei es in gegen-seitiger Abhängigkeit, in zeitlicher Reihenfolge oder gar zeitgleich, auftreten. Dieses zeitgleiche oder zeitnahe Auftreten bestimmter Symptome deutet auf eine gemeinsame Ursache hin, ohne dass diese als eigenständige Krankheit benannt werden kann (vgl. burnout-fachberatung.de 2013).

Erstmals wurde der Begriff Burn-out, so wie er heute auch verwendet wird, 1974 von dem amerikanischen Psychiater Herbert Freudenberger gebraucht. Er beschrieb damit einen Erschöpfungszustand, welcher bei Pflegekräften einer alternativen Klinik für Drogensüchtige und psychiatrische Patienten auftrat (vgl. Rümke 2012: 37). Das ICD-10 stuft das Burn-out-Syndrom unter Faktoren die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten führen ein, genauer unter – „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ ICD – Z73.0 Erschöpfungssyndrom (Burn-out-Syndrom). Somit ist Burn-out als Einfluss-faktor, nicht aber als Behandlungsdiagnose klassifiziert. Im DSM-IV ist die Diagnose Burn-out nicht enthalten. Es ist also festzustellen, dass Burn-out nach offiziellen Maßstäben keine Krankheit darstellt. Ursächlich dürften hierfür das Fehlen klar abgrenzbarer Auslöser, nicht vorhandene Schwellenwerte und undefinierte Diagnosekriterien sein. Die DGPPN empfiehlt daher bei Patienten, die an einer im ICD-10 angeführten Krankheit leiden, zu prüfen ob diese zumindest teilweise auf eine chronische Arbeitsbelastung zurückzuführen ist und die Diagnose entsprechend um Z73.0 zu ergänzen. Dies soll zu einer systematischen Berücksichtigung der Ätiologie einer ICD-10-Diagnose führen, sofern diese eine Verbindung zu Burn-out hat (vgl. Akimova/Kasper 2012: 191).

Nach Schaufeli und Enzmann (1998) stellt die Behandlungsdiagnose einer Neurasthenie gemäß ICD-10, wenn diese berufs- oder arbeitsbezogen ist, jedoch die treffendste dar. Eine Neurasthenie (F48) geht mit vermehrter Müdigkeit nach geistigen Anstrengungen einher, oftmals mit abnehmender Arbeitsleistung oder Effektivität bei der Bewältigung täglicher Aufgaben. Bei einer anderen Form liegt der Schwerpunkt auf Gefühlen körperlicher Schwäche und Erschöpfung nach nur geringer Anstrengung, u.a. begleitet von der Unfähigkeit sich zu entspannen (vgl. Schaufeli/Enzmann 1998, zitiert nach Litzcke u.a. 2013: 150; Dilling 2011: 56). Eine allgemeingültige Definition des Burn-out-Syndroms wurde bisher noch nicht gefunden, an Ansätzen dazu mangelt es jedoch nicht.Freudenberger und Richelson (1980) definierten Burn-out als „einen Zustand der Ermüdung oder Frustration, herbeigeführt durch eine Sache, einen Lebensstil oder eine Beziehung, die nicht die erwartete Belohnung mit sich brachte.“Diese Definition bestimmt den Burn-out als einen Zustand – den man also hat oder eben nicht. Hier besteht indes das Problem, dass nicht klar wird, ab wann man bei dem Betroffenen von einem Burn-out sprechen kann. Cherniss (1980) definierte Burn-out als „ein Prozess, in dem sich ein ursprünglich engagierter Mitarbeiter von seiner Arbeit zurückzieht, als Reaktion auf Beanspruchung und Belastung im Beruf.“Hier wird von einem Prozess und nicht von einem Zustand gesprochen. Eine recht umfassende und wohl derzeit auch weitestgehend anerkannte Definition stammt von Schaufeli & Enzmann (1998): „Burnout ist ein dauerhafter, negativer, arbeitsbezogener Seelenzustand ‚normaler‘ Individuen. Er ist in erster Linie von Erschöpfung gekennzeichnet, begleitet von Unruhe und Anspannung (distress), einem Gefühl verringerter Effektivität, gesunkener Motivation und der Entwicklung dysfunktionaler Einstellungen und Verhaltensweisen bei der Arbeit. Diese psychische Verfassung entwickelt sich nach und nach, kann dem betroffenen Menschen aber lange unbemerkt bleiben. Sie resultiert aus einer Fehlpassung von Intentionen und Berufsrealität. Burnout erhält sich wegen ungünstiger Bewältigungsstrategien, die mit dem Syndrom zusammenhängen, oft selbst aufrecht.“ Leider wirft auch diese Definition Fragen auf bzw. ist teilweise unklar: Was genau wird hier als Seelenzustand bezeichnet, reicht das genannte Hauptsymptom, die Erschöpfung, aus oder müssen auch die Begleitsymptome auftreten? Sind evtl. mangelnde Kompetenzen oder Verhaltensmuster des Betroffenen irrelevant, da nur Intentionen genannt sind? Somit scheint auch diese Definition nicht ausreichend, um eine klare Differentialdiagnostik zu betreiben (vgl. Burisch 2010: 17-19). Das Burn-out-Syndrom ist somit eine bisher nicht eindeutig definierte und daher rand-unscharfe Erscheinung, deren Abgrenzung sich, z.B. zu einer Depression, schwierig gestaltet (a.a.O.: 20).

Allgemein kann der Burn-out als ein Prozess des Ausbrennens, geprägt von körperlichen und psychischen Erscheinungen, wie Erschöpfung, Negativismus und Zynismus gegenüber den Mitmenschen, der Arbeit und sich selbst sowie dem Gefühl von Sinnlosigkeit und Ineffektivität beschrieben werden. Ausschlaggebend sind die Haltung der Person, die inneren Motivationen und Blockaden gegenüber der Arbeitswelt (vgl. Unger /Kleinschmidt 2006: 75ff). Hinzu kommen allerdings neben der individuellen Ebene noch die Mentalität und die Organisationstruktur unserer Kultur (vgl. Rümke 2012: 36).

2.1 Burn-out & Stress

Beschäftigt man sich mit dem Burn-out so taucht unweigerlich der Begriff Stress auf. In der Literatur wird Stress durchgängig als Schlüsselphänomen für das Auftreten eines Burn-outs genannt. Gemäß der Stresstheorie von Selye (1936) kann zwischen positivem (Eustress) und negativem (Disstress) Stress unterschieden werden. Im Folgenden bezieht sich der Begriff Stress auf den Disstress. Stress entsteht durch das Einwirken von äußeren und inneren Stressoren, durch welche es zu physischen und psychischen Reaktionen des betroffenen Organismus kommt. Als Stressoren können z.B. Ärger, Frust und Belastung genannt werden (vgl. Kollak 2008: 6f;

Dilling: 2011: 212f).In unserer heutigen Kultur lässt sich Stress aufgrund des hohen Lebens-tempos, der Dominanz von Kopfarbeit und dem Mangel an Ruhe und Entspannung nicht vermeiden. In der TK-Stressstudie (2013) geben annähernd ein Drittel der Befragten an häufig gestresst zu sein, beinahe fünfzig Prozent sind zumindest manchmal gestresst. Eine dauerhaft hohe Stressbelastung kann zu diversen Krankheitssymptomen führen. Zu nennen sind hier u.a. Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Unruhe und depressive Verstimmungen bis hin zu Herzrasen. Es besteht ein fließender Übergang zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Burn-out (vgl. Rümke 2012: 36). Physiologisch kann Stress als eine hormonelle Veränderung beschrieben werden und soll den Organismus für eine Gefahr wappnen, soll sicherstellen, dass der Mensch bereit ist für Flucht oder Kampf. Diese Optionen stehen in der heutigen Arbeitswelt jedoch meist nicht zur Auswahl. Wer dauerhaft unter zu starker Stressbelastung steht, verbraucht seine körperlichen und geistigen Reserven, die Folge ist das Gefühl verbraucht, ausgebrannt zu sein. Burn-out kann also als Folge einer chronischen Stressbelastung auftreten. Das Risiko des Eintretens eines Burn-outs steigt, je mehr negative Elemente durch Umwelteinflüsse, Stressauslöser und dementsprechende Stressreaktionen auf eine Person einwirken (vgl. Kollak 2008:10f). Die Betonung liegt hier auf dem dauerhaften, überhöhten Stressaufkommen durch z.B. zu starke Belastung. Das Übermaß ist es, was zu negativen Folgen führt, denn in der richtigen Dosis kann Stress auch anspornen und einen Leistungsschub liefern.

2.3 Entstehungsursachen & Burn-out-Typen

In einem Ökosystem besteht ein natürliches Gleichgewicht zwischen Aufbau und Abbau. Wird dieses aus der Balance gebracht, wie z.B. bei der Über-fischung der Meere oder Abholzung der Regenwälder, kommt es folgend mit einer Verzögerung zu Problemen. Dies kann auch auf den Menschen übertragen werden – überwiegt der Abbau über den vernachlässigten Aufbau, so resultieren daraus unweigerlich Defizite. Menschen die ein Burn-out erleiden haben dieses Übermaß an Abbau über längere Zeit betrieben. Sie haben alle Signale, welche auf eine mögliche Überlastung hindeuten, ignoriert und sich folglich über ein erträgliches und gesundes Maß hinaus in Anspruch genommen (vgl. Rümke 2012: 38f). Im Normalfall sollte jedem bewusst sein, dass fehlende Entspannung und eine dauerhaft überhöhte Arbeitsbelastung zu Stress führen, dennoch verzichten viele Arbeitnehmer freiwillig auf die in Deutschland gesetzlich vorgeschriebene Pause bzw. verbringen diese am Arbeitsplatz und auch der Kaffee wird ohne Arbeitsunterbrechung am Schreibtisch getrunken. Der Mensch hat in der heutigen Arbeitswelt das Bedürfnis ständig aktiv sein zu müssen. Die dauerhafte Erreichbarkeit über Smartphone, Laptop usw. kommt noch hinzu und unterstützt die gern genutzte Option die Arbeitszeit in das Private auszudehnen (vgl. Väth 2001: 149-151).

Zusätzlich spielt der Arbeitgeber, genauer dessen Organisationstruktur, eine entscheidende Rolle bei der Gesunderhaltung seiner Angestellten. Fehlender individueller Spielraum aufgrund starrer Strukturen, aber auch eine un-geordnete, unklare Arbeitsstruktur, verhindern, dass der Arbeitnehmer ein Gefühl für die eigene Rolle entwickelt und in der Lage ist Verantwortung für seine Arbeit zu übernehmen. Im ersten Fall verwirren die unklaren Rahmenbedingungen, im zweiten entsteht ein Gefühl der Abhängigkeit von Regeln oder Vorgesetzten. Beides endet schlussendlich in einer gleichgültigen und inaktiven Arbeitshaltung (vgl. Rümke 2012: 84-87).Nicht unbekannt ist auch, dass geringer Entscheidungsspielraum, mit wenigen Möglichkeiten die eigenen Fähigkeiten einzubringen, in Kombination mit einer hohen Arbeitslast, eine starke Belastung darstellt. Dominierend in dieser Gleichung ist jedoch der geringe Entscheidungsspielraum. Der Mensch kommt mit einer hohen Arbeitsleistung besser zurecht, wenn er eigene und auch wichtige Entscheidungen treffen kann. Die Erfüllung dieses Arbeitspensums kann mit vielen Möglichkeiten, die eigenen Fähigkeiten einzusetzen, zu einer Chance für die Persönlichkeitsentwicklung, gar Selbstverwirklichung werden. Belegt wird dies z.B. durch die White Hall Studie II, diese zeigt auf, dass geringe Kontroll- und Einflussmöglichkeiten negative Folgen für die Gesundheit haben (vgl. Unger/Kleinschmidt 2006: 14-23; Ferrie 2004: 7).Eine weitere Kenngröße der Gesundheit ist das subjektive Gefühl der Entlohnung. Siegrist stellte fest, dass Menschen die sich nicht ausreichend be- oder entlohnt und respektiert fühlen, ein deutlich gesteigertes Risiko für einen Herzanfall und Depressionen aufweisen. Diese Gratifikation umfasst mehr als nur den finanziellen Aspekt, wichtiger ist die interpersonelle Anerkennung und die Möglichkeiten der persönlichen Entwicklung (vgl. Unger/Kleinschmidt 2006: 23; Ferrie 2004: 11). Zusammenfassend kann gesagt werden, dass ein Burn-out aus einem Zusammenwirken ungünstiger Personen- und Situationsfaktoren entstehen kann. Bei zunehmender Berufserfahrung nimmt der Einfluss der Situationsmerkmale ab, die Personenmerkmale dominieren. Dies ist vermutlich in einer sich mit der Zeit verbessernden Anpassung an die Arbeitsbedingungen begründet (vgl. Enzmann 1996, zitiert nach Litzcke 2013: 161).

Der Burn-out-Forscher Matthias Burisch (2010) legt dar, dass sich ver-schiedene Burn-out-Typen unterscheiden lassen. Zwei Typen weisen seiner Meinung nach eine besonders hohe Gefährdung auf. Auf der einen Seite ist der “aktive Typ“, ein dynamischer, charismatischer und zielstrebiger Mensch, der sich vollständig für eine Sache engagiert und an dieser innerlich stark beteiligt ist. Dieser wird als “Selbstverbrenner“ bezeichnet, jemand der nicht Nein zu sich selbst sagen kann. Dieser reißt die Arbeit an sich und schafft sich so seinen eigenen Stress. Demgegenüber steht der “passive Typ“, der “Verschlissene“, ein abhängig-passiver Mensch mit limitiertem Selbstwert-gefühl, welcher zu anderen nicht Nein sagen kann und keine definierten Zielvorstellungen hat. Menschen die unter Burn-out leiden, befinden sich oftmals in einer Situation, welcher sie nicht entgehen können. Sie sind lt. Burisch entweder blockiert bei der Verfolgung eines nicht erreichbaren Zieles oder in einer Situation gefangen, welche sie nicht verändern können bzw. deren Preis für eine Veränderung subjektiv zu hoch erscheint. Blockiert kann z.B. der überforderte Vorgesetzte sein, welcher die ihm Unterstellten nicht in den Griff bekommt oder der Polizeibeamte, welcher sich an nicht veränder-baren Gegebenheiten aufreibt. Als charakterisierend für den Gefangenen ist z.B. jemand, der zu spät merkt, dass er den falschen Beruf gewählt hat und der Meinung ist diesen nicht mehr wechseln zu können (vgl. Burisch 2010; Unger/Kleinschmidt 2006: 77).

Übereinstimmend gibt es bei allen Betroffenem immer eine Beteiligung von inneren und äußeren Faktoren, je nach Persönlichkeit mit unterschiedlicher Gewichtung. Als äußere Faktoren zählen neben einer hohen Arbeitsbelastung z.B. die ständige Konfrontation mit Problemen anderer, mangelhafte Arbeitsorganisation und schlechte Rahmenbedingungen, zu wenig oder gänzlich fehlendes positives Feedback, dauerhafte Überforderung oder mangelnde Ressourcen. Neben diesen äußeren Faktoren sind zusätzlich die inneren Faktoren von Bedeutung, denn diese bestimmen, wie eine Person die äußeren Einflüsse wahrnimmt und auf diese reagiert. Ohne innere Faktoren ließe sich nicht ansatzweise erklären, wieso ein Mitarbeiter ausbrennt und ein anderer immun erscheint, obwohl beide mit der identischen Arbeitssituation konfrontiert sind. Die Persönlichkeitsstruktur des Betroffenen, mit den jeweiligen Wünschen und Vorstellungen ist demnach entscheidend. Zu nennen sind hier u.a. hoher Ehrgeiz oder hohe Ideale, Perfektionismus, Angst vor Ablehnung oder Kritik, Versagensängste, die Suche nach Anerkennung und Wertschätzung oder auch die Unfähigkeit Nein zu sagen. Bei der Analyse, der Ursachen des Burn-outs eines Betroffenen müssen also innere und äußere Faktoren betrachtet werden, da diese miteinander verzahnt sind und sich gegenseitig beeinflussen (vgl. burnout-fachberatung.de: 2013). Überwiegen die inneren Faktoren und die äußeren sind annähernd entbehrlich, lediglich als Auslöser zu bezeichnen, so kann von den “Selbstverbrennern“ gesprochen werden. Bei den ‚Verschlissenen‘ hingegen überwiegen klar die äußeren Faktoren, sie sind sozusagen Opfer der Umstände und ohne eigenes Zutun in eine zermürbende Situation geraten (vgl. Burisch 2010: 55f).

2.4 Verlauf und Symptomatik des Burn-out-Syndroms

Ein Burn-out entsteht nicht über Nacht, sondern stellt einen Prozess dar, welcher sich über einen langen Zeitraum entwickelt. Dieser Prozess wird in der Literatur einheitlich in Stufen bzw. Phasen eingeteilt, welche sich durch verschiedene körperliche sowie geistige Beeinträchtigungen unterscheiden lassen. Die hier dargestellten Phasenmodelle stellen lediglich Auszüge der tatsächlich über die Jahre entwickelten dar. Freudenberger und Richelson (1983) unterscheiden lediglich zwei Phasen im Burn-out-Prozess:Die erste Phase bezeichnen sie als “Empfindendes Stadium“ geprägt von chronischer Müdigkeit. Bedingt dadurch wird ein höherer Energieeinsatz zur Erhaltung des gewohnten Lebens- und Arbeitsstandards benötigt, einhergehend mit einer Verdrängung negativer Gefühle. Die zweite Phase wird als “Empfindungsloses Stadium“ bezeichnet. In diesem treten die Symptome der ersten Phase plus z.B. Zynismus, Ungeduld, erhöhte Reizbarkeit, Schuld-zuschreibungen und gar psychosomatische Beschwerden bis hin zu Depressionen auf. Maslach & Pines ergänzen bzw. erweitern die Phasen des Burn-out-Syndroms. Phase eins A – “Emotionale Erschöpfung“, Phase eins B – “Physische Erschöpfung“. Phase zwei “Dehumanisierung“, welche u.a. von Negativismus gegenüber Kollegen und Patienten/Klienten, Schuldgefühlen, allgemeinem Rückzug und einer Reduzierung der Arbeit auf das Notwendigste geprägt ist, bis hin zu Phase drei, dem “Terminalen Stadium“. In diesem besteht ein Widerwille des Betroffenen gegen sich selbst, gegen andere Menschen und letztendlich ein Widerwille gegen überhaupt alles (vgl. Burisch 2010: 39ff).

Eine äußerst umfangreiche und daher wohl am besten nachvollziehbare Phasenunterteilung stammt von Dr. V. Mansmann. Dieser benennt insgesamt zwölf Phasen der Erschöpfung:

1. Übertriebener Ehrgeiz und Drang nach Anerkennung

Der Betroffene erledigt seine Aufgaben mit Ehrgeiz, steckt seine Ziele zu hoch und überfordert sich daher oftmals.

2. Übertriebene Leistungsbereitschaft

Erhöhter Energieeinsatz, um die eigenen hohen Anforderungen zu erfüllen. Es entsteht ein Gefühl der Unersetzbarkeit – daher werden kaum Aufgaben abgegeben. Die Erholung von der Arbeit wird vernachlässigt.

3. Ausklammern eigener Bedürfnisse

Physische und psychische Bedürfnisse werden verdrängt, oftmals wird vermehrt auf legale Drogen in Form von Alkohol, Kaffee oder Nikotin zugegriffen.

4. Ignorieren von Warnsignalen und Überforderung

Warnsignale werden ignoriert, es gilt zu funktionieren. Die Fehler-häufigkeit steigt, im Alltag kommt es zu Unzuverlässigkeit.

5. Verzerrte Realitätswahrnehmung

Soziale und berufliche Kontakte werden vermehrt als Be- statt Entlastung wahrgenommen. Es kommt zu reduzierter Wahrnehmung und oftmals zu Problemen in der eigenen Beziehung.

6. Ausblendung erster Beschwerden

Es kommt im Leben des Betroffenen vermehrt zu Problemen. Auch körperliche Beschwerden, z.B. Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Angstgefühle treten auf. Diese werden weitestgehend ignoriert.

7. Rückzugsphase

Positive Gefühle werden durch Hoffnungslosigkeit verdrängt. Das soziale Umfeld wird nicht nur als belastend sondern gar als Bedrohung erlebt. Oftmals werden Alkohol und Medikamente zur Ablenkung eingenommen.

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Details

Seiten
44
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668132757
ISBN (Buch)
9783668132764
Dateigröße
819 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314301
Institution / Hochschule
Polizeiakademie Niedersachsen – Standort Oldenburg
Note
12
Schlagworte
burn-out-syndrom polizeivollzugsbeamte risikogruppe

Autor

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