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Kosenamen bei Hunden. Eine synchrone Analyse von Hundenamen mit Fokus auf die Verwendung von Koseformen

Petnames as petnames

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 20 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung - Hundenamen gleich Petnames?

2. Der Hund, das ‚vermenschlichte‘ Haustier

3. Hundenamenserhebung beim Tierheim N.
3.1. Methode
3.2. Zu Kosenamen
3.3. Modifizierte Eigennamen als Hundenamen
3.4. Übernamen als Hundenamen
3.5. Bedeutung von Kosenamen bei der Hundebenennung

4. Hundenamen im schwedischen Sprachraum

5. Phonologisches Auswahlprinzip bei Hundenamen

6. Zusammenfassung

7. Materialteil

8. Literaturliste

1. Einleitung - Hundenamen gleich Pet Names?

„Die Grenze zwischen Mensch und Tier verschwindet zunehmend“1,“ der Un- terschied zwischen Tier und Mensch ist nicht so wahnsinnig groß“2, „Waldi, Bello und Hasso waren gestern“3, „Hasso und Bello sterben aus“4: Diese Aussagen sind vier aktuelle Zitate aus der deutschen Presse, die allesamt das gleiche Phänomen behandeln: Hunde werden mehr und mehr wie Menschen benannt, wohingegen typische Hundenamen wie Bello oder Hasso von Hundebesitzern immer weniger vergeben werden. Die jeweiligen Artikel stützen sich dabei auf die Arbeiten von Eva Schaab und Damaris Nübling, die 2012 eine umfangreiche Studie zu Hunde- namen in Deutschland veröffentlichten, wobei sich der Trend der Anthroponymi- sierung in dieser Arbeit bestätigte.

Mir scheint jedoch ein weiterer Trend mit hinzuzukommen, betrachtet man häufig zu findenden Beispiele wie Amy, Sam oder Sammy, die zu den Top 10 un- ter den in Deutschland vergebenen Hundenamen zählen5. Durch die sehr intensive Beziehung zwischen Mensch und Tier, scheinen oft pet names6, also kosende Namen beziehungsweise Spitznamen, die eigentlich in familiären oder partner- schaftlichen Kreisen vorzufinden sind, an die Hunde vergeben zu werden.

Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich nun an die oben genannten Ausführungen zu Hundenamen in Deutschland anknüpfen, wobei Namen im Zentrum stehen sollen, die als hypokoristisch eingeordnet werden können, also als Kose- beziehungsweise Diminutivform vorliegen.

So werde ich herausarbeiten, dass Hunde in Deutschland zwar Großteils anth- roponymisch benannt werden, jedoch bestimmte Abweichungen vorliegen, die dem Hund eine ganz bestimmte Rolle im Zusammenleben mit dem Menschen zuschreiben: Gerade durch die Häufung der hypokoristischen Bildungen unter den Benennungen für die Tiere liegt die Vermutung nahe, dass Hundebesitzer auf der Ebene der Sprache eine zunehmend intimere Beziehung zu ihrem Haustier auf- bauen, vergleichbar etwa wie zu einem Kind oder Liebespartner. Diese These ver- suche ich mit dieser Arbeit herauszustellen und zu diskutieren, wobei ich eine kontrastive Perspektive zum schwedischen Sprachraum mithinzufügen möchte.

2. Der Hund, das ‚vermenschlichte‘ Haustier

Dotson / Hyatt (2008)7 erläutern in ihrer Arbeit, dass der Hund zunehmend „weniger als Tier denn als Mensch wahrgenommen wird“ (Schaab 2012:136). So wird er auch „als volles Familienmitglied, ja sogar als Ersatz für ein Kind“ (ebd.) betrachtet. Galt der Hund vorher noch als Nutztier, so dominiert jetzt eine eher emotionale Bindung des Menschen zu ihm; der Hund ist zum Haustier mit ande- ren Funktionen geworden.

Dies geht auch aus den Untersuchungen von Wiedenmann (2005) hervor: Im Rahmen einer Telefonbefragung aus dem Jahr 1987 in den USA wurde festgestellt, dass das Heimtier Hund von 40 % der Befragten sehr stark in die Familiengemeinschaft inkludiert wird. Dieses Phänomen ist auch in Deutschland zu erkennen, betrachtet man die steigende Anzahl der Tierfriedhöfe im Zeitraum ab den frühen 1990er Jahren bis 2002 (vgl. ebd.).

Zudem geht der Kontakt des Menschen zum Tier als sehr intensiv und hinge- bungsvoll hervor, wodurch die Beziehung des Menschen zum Hund „ähnlich der zu einem Kind, Freund oder Geliebten“ (Schaab 2012:133, nach Dotson / Hyatt 2008:458) wirkt.

Gleichzeitig gilt der Hund „als Kommunikationsteilnehmer“ (Wiedenmann 2005:299) und ist nach Döbnig-Jülch (1996) grundsätzlich „namensfähig“ (Döb- nig-Jülch 1996:1584), was kaum verwunderlich ist, da „99 % der Hundehalter mit ihrem Hund (in einer Art Kindersprache)“ (Nübling 2012:194) sprechen.

Diese beiden Aspekte - die mehr und mehr intensive Beziehung zwischen Hund und Mensch und die grundsätzliche Benennung und Kommunikation mit dem Tier - spiegeln sich auch in der Namensvergabe und -wahl8 für den Hund wieder (Schaab 2012:133, Wiedenmann 2013:1): Schaab (2012) stellt in ihrer Arbeit heraus, dass sich durch den Einschluss des Tieres in das Sozialgefüge Fa- milie eine Anthroponymisierung der verwendeten Hundenamen bemerkbar macht. Im historischen Vergleich mit älteren Studien aus dem 19. Jahrhundert9 bestätigt sich Schaabs These der Vermenschlichung der Hundenamen, obwohl für die Be- nennung von Hunden in Deutschland keine rechtlichen Vorschriften bestehen, die festlegen, welchen Namen ein Hund bekommen darf. So gäbe es eine Fülle von Möglichkeiten, das Haustier zu benennen (vgl. Schaab 2012:133), es wirken aber scheinbar bestimmte Trends bei der Namensvergabe, die sich quantitativ und auch qualitativ untersuchen lassen.

Die Auswertung dieser Arbeit wird auch von Nübling (2012) besprochen, wobei betont wird, dass durch Schaabs Ausführungen neue Fragestellungen, etwa nach der Morphologie von Hundenamen beziehungsweise der Anzahl der Diminutiva unter diesen, aufkommen. Es stellt sich nun die Frage, ob bei der Wahl des Hundenamens stärker diminuiert wird, beziehungsweise eher eine Koseform eines Namens gewählt wird als bei der Vergabe eines Namen an einen Menschen. Ich habe zu diesem Thema eine Erhebung beim Nördlinger Tierheim durchgeführt, die ich nun im Folgenden vorstellen werde.

3. Hundenamenserhebung beim Tierheim N.

3. 1. Methode

Bei der Einsicht der Daten beim N. Tierheim vor Ort, konnte ich Kar-teien zu 100 verschiedenen Hunden, die zwischen 2009 und 2014 geboren wur den, als Datengrundlage für meine Arbeit heranziehen. Freilich ist die Anzahl der erhobenen Tokens im Vergleich mit anderen Arbeiten verhältnismäßig gering, dennoch lassen sich mit diesen Daten Aussagen über qualitative Aspekte von Hundenamen treffen. Auch vorsichtige, quantitative Überlegungen sind möglich, berücksichtigt man die relativ zufällige Zusammenstellung dieser Hundenamen, zumal viele verschiedene Rasse- und Hundetypen bei den gewonnenen Daten ver- treten sind.

Bei der Erhebung wurden Name, Geburtsjahr, Geschlecht, Namensgeber (durch Vorbesitzer, Tierheim beziehungsweise Tierschutzorganisation), Rasse und Fellfarbe tabellarisch verzeichnet. So konnten die Namen von 45 Hündinnen und 55 Rüden festgestellt werden.

Es stellte sich schnell heraus, dass durch diese Art der Erhebung keine großflächigen Aussagen über etwaige Benennungsmuster10 - wie etwa bei Schaab (2012) durch die Einordnung in Kategorien wie Anthroponyme, Theonyme oder Ergonyme -getroffen werden können. Zudem sind die meisten Hunde (70 %) von den Vorbesitzern benannt worden, wodurch die Rekonstruktion des Namensgebungsbeziehungsweise Namensfindungsvorgangs nicht möglich ist.

Auch ein Zusammenhang zwischen jeweiligem Namen und Rasse kann aus den Daten nicht erschlossen werden, da der Großteil der Hunde als Mischling und Kreuzung verzeichnet ist. Typische Benennungen nach der Rasse - zum Beispiel Rex für einen deutschen Schäferhund (vgl. dazu Schaab 2012:144) oder Bernd für einen Berner Sennenhund - kommen so überhaupt nicht vor.

Auch die Benennung nach der Fellfarbe erschließt sich nur in zwei Fällen - Blacky und Shadow erhielten wahrscheinlich ihre Namen gemäß ihrer schwarzen Fellfarbe. Bei allen anderen Namen sind keine weiteren vordergründigen Benennungsmuster erkennbar beziehungsweise herauszuarbeiten.

Dennoch bestätigen sich auch bei diesem Datensatz wie bei Schaab (2012) die anthroponymischen Tendenzen bei der Hundenamenswahl: 75 % der erhobenen Daten können als menschliche Namen bewertet werden, wobei auch die zwei Fäl- le Tyson oder Rivette - diese bezeichnen menschliche Nachnamen, und nicht, wie in den anderen Fällen, Vornamen - mit dazu gezählt werden. So bleibt für meine Auswertung lediglich die formale Analyse der verwendeten Hundenamen.

Nun habe ich dem Hinweis von Nübling (2012) folgend die Anzahl der Kose- namen überprüft, wobei ich den erhobenen Datensatz formal-morphologisch nach Auslaut bearbeitet und markiert habe. Auch wurden die Daten daraufhin unter- sucht und entsprechend gekennzeichnet, ob der jeweilige Name in diminutiver beziehungsweise gekürzter Form vorliegt, beziehungsweise, ob der Name eine kosende Funktion (vgl. Übername) übernimmt, die sich in der Semantik des Na- mens wiederspiegelt.

So hat etwa der Name Tommi ein -i im Auslaut, ist die durch ein i-Suffix dimi- nuierte Form von Tomas und übernimmt keine vordergründig erkennbare seman- tisch-kosende Funktion, wie es zum Beispiel bei Angelface der Fall ist, bei wel- chem mit der Wortbedeutung auf ein „Engelsgesicht“ des Hundes angespielt wer- den könnte.

An diesen beiden Stichproben fällt bereits auf, dass eine systematische Einteilung der Kosenamen nötig ist, um die erhobenen Daten sinnvoll auszuwerten. Damit beschäftigt sich der folgende Punkt.

3.2. Zu Kosenamen

Kosenamen bezeichnen alle Derivate der Vornamen mit positiver Bedeutung. Diese lassen sich auch in die Unterarten Hypokoristika, Diminutiva oder Kurzna- men einteilen (vgl. Schiller 2007:49)und zählen zu den inoffiziellen Rufnamen (Nübling 2012:172), wobei die terminologische Einteilung in betreffenden Litera- turen recht uneinheitlich ist (vgl. ebd.). Zudem orientieren sich diese Systemati- sierungen an Korpora zu Personennamen, und nicht zu Hundenamen.

Dies stellt sich insofern als problematisch heraus, als dass das Hauptmerkmal von Kose- beziehungsweise Spitznamen bei der Vergabe an Haustiere nicht be- steht: „Spitznamen sind inoffizielle (nichtamtliche), nicht erbliche Personenna- men, die Menschen irgendwann im Laufe ihres Lebens bekommen können“ (Nüb- ling 2012:171).

[...]


1 http://www.swr.de/swr2/wissen/tiernamensforschung/- /id=661224/nid=661224/did=12366504/jzv1mv/ [aufgerufen am 21.03.2014, 1:43 Uhr].

2 Seibold, Karin: Die Beliebtesten Tiernamen. In: Donauwörther Zeitung vom 16.01.2014, S. 1.

3 http://www.sn-online.de/Nachrichten/Welt-im-Spiegel/Uebersicht/Hundenamen-werden- moderner [aufgerufen am 21.03.2014, 2:21 Uhr].

4 http://www.augsburger-allgemeine.de/wissenschaft/Wandel-bei-Hundenamen-Hasso-und- Bello-sterben-aus-id18284596.html [aufgerufen am 21.03.2014, 2:22 Uhr].

5 http://www.agila.de/images/pdf/Hundenamen_2013_top_10.pdf [aufgerufen am 01.03.2014, 5:44 Uhr]: Die Agila Hundeversicherung AG stellt seit 1994 eine Top 10 Liste für Hundenamen auf, die Agila-Kunden (ca. 150.000) ihren Vierbeiner vergeben. Die oben genannten Beispiele stammen alle aus der Liste des Jahres 2013.

6 Im Folgenden werde ich vereinfachend die Bezeichnung Kosename verwenden.

7 hier aus Schaab (2012), S. 136.

8 Diese Arbeit beschäftigt sich mit Hunde-Rufnamen, die im Folgenden vereinfachend als Hundenamen bezeichnet werden.

9 Zwar mangelt es den Studien von Andreae (1916) und Branky (1907) an wissenschaftlich und empirisch korrekter Vorgehensweise, wodurch die Vergleichbarkeit zu aktuellen Studien eingeschränkt wird, aber der Trend hin zur Anthroponymisierung bei Hundenamen ist zu deutlich, um nicht anerkannt zu werden.

10 Schaab (2012) verwendet dabei stets den Begriff „Benennungsmotiv“ (S. 146), wohingegen die Bezeichnung „Benennungsmuster“ zutreffender ist, da die Begriffe „Motiv“ und „Motivation“ in der linguistischen Forschung bereits mit anderer Bedeutung belegt sind.

Details

Seiten
20
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668169760
ISBN (Buch)
9783668169777
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314236
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,7
Schlagworte
kosenamen hunden eine analyse hundenamen fokus verwendung koseformen petnames

Autor

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Titel: Kosenamen bei Hunden. Eine synchrone Analyse von Hundenamen mit Fokus auf die Verwendung von Koseformen