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Weblogs und klassischer Online-Journalismus. Zum Verhältnis der beiden Kommunikationsformen

Bachelorarbeit 2015 53 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

I Einleitung
I.I Problemstellung und Relevanz
I.II Zielsetzung
I.III Methodisches Vorgehen und Aufbau der wissenschaftlichen Arbeit

II. Theoretischer Rahmen und Forschungsüberblick
1 Web 2.0
2 Weblogs
3 Forschungsstand: Journalismus, Online-Journalismus und „Partizipativer Journalismus“
3.1 Journalismus
4 Der Strukturwandel des Journalismus im Web 2.0
4.1 Der Wandel der Medienkommunikation und des Journalismus
4.2 Der Versuch einer Definition von Online-Journalismus
4.3 Anforderungen an den Online-Journalisten
4.4 Was wird unter Partizipativem Journalismus verstanden?
4.5 Qualitätskriterien des Partizipativen Journalismus
5 Rekonstruktion des Forschungsthemas

III. Sekundäranalytischer Teil
6 Das Verhältnis von Weblogs und Online-Journalismus
6.1 Sind Weblogs Journalismus?
6.2 Der Strukturwandel der Öffentlichkeit im Web 2.0
6.3 Die gegenseitigen Abhängigkeiten der beiden Kommunikationsformen
6.4 Weblogs und Online-Journalismus – Konkurrenz und Bereicherung
7 Das Engagement der Zeitungen im Web 2.0 am Beispiel von redaktionsinternen Blogs
8 Watchblogs – Weblogs als Medienkritikinstanzen am Beispiel „Bildblog“
9 Exkurs: Social Media und Online-Journalismus
10 Fazit und Ausblick

IV Literaturverzeichnis
Monografien
Sammelbände
Aufsätze aus Zeitschriften
Aufsätze aus Sammelbänden

V Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Klassische Kommunikationsmodelle und netzwerkartige Kommunikation

Abb. 2 Vergleich der Merkmale von Weblogs und Journalismus.

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Merkmale von traditionellem Journalismus und Weblog-Journalismus

I Einleitung

I.I Problemstellung und Relevanz

„[...] Wir müssen als professionelle Medien eine Haltung zu Blogs entwickeln, und die Debatte darüber steht noch aus. Blogs haben ihre Berechtigung und sind eine Bereicherung des Internets. Aber sie stehen für etwas ganz anderes als wir“ (Christoph Keese, zit. nach Keil 2010).

Diese Worte sprach der Chefredakteur der Welt am Sonntag Christoph Keese in einem Interview mit Christopher Keil, welches am 17. Mai 2010 mit dem Titel „Es müssen nicht immer Köpfe rollen“ in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist. Mit diesen drei Sätzen fasst er zusammen, was den Journalismus seit der Verbreitung der Weblogs beschäftigt. Denn seit dem grundlegenden Medienwandel der 1990er-Jahre kann theoretisch jeder mit Hilfe der interaktiven und dezentralen Kommunikation im Internet publizieren. Der Journalismus verliert damit seine vorher exklusive Rolle als Informationslieferant. Dadurch wächst die Unsicherheit über die Zukunft des Journalismus und über die Beziehung zu dem Weblog-Format. Eine Beziehung in Konkurrenz oder in Kooperation – dies scheint ungewiss zu sein sowohl für Journalisten als auch für Weblogger[1] [2].

Eine Feststellung des Kommunikationswissenschaftlers Hans Wagner auf dem Klappentext seines Buches „Journalismus mit beschränkter Haftung? Gesammelte Beiträge zur Journalismus- und Medienkritik“ lautet: „Der Journalismus ist für die Gesellschaft viel zu wichtig, als dass man ihn den Journalisten allein überlassen dürfte“ (Wagner 2003). Liest man diese Zitation aus der Perspektive des Internets, so bleibt der Journalismus tatsächlich nicht sich selbst überlassen. Denn insbesondere die Publikationsform Weblog kann durch bewertende, beobachtende, aber auch korrigierende Beiträge Druck auf den Journalismus ausüben.

Parallel zu dem rasanten Wachstum der Anzahl an Weblogs im Internet[3] haben sich unterschiedliche Positionen diverser Medien- und Kommunikationswissenschaftler zu dieser neuen Kommunikationsform und ihren Auswirkungen auf den professionellen Journalismus[4] herausgebildet. So spricht Mrazek davon, dass „da [...] etwas [entsteht] [...] das langfristig deutliche Auswirkungen auf die Qualität journalistischer Produkte hat [...]. Da werden sich künftig viele mehr Mühe geben, wenn die Gefahr besteht, dass ein kritisches Publikum sich öffentlich über sie lustig macht“ (Lorenz-Meyer, zit. nach Mrazek 2006).

Auf seinen Standpunkt, dass Weblogs eine ergänzende Funktion haben, folgen selbstkritische Momente einer bekannten Redakteurin in leitender Position: „Wir haben alle keinen festen Grund unter den Füßen. In den alten Medien nicht mehr, den neuen noch nicht. Da klammert sich jeder an das, was ihm am nächsten ist und neigt dazu sich abzuschotten. [...]“ (Tissy Bruns 2007). Auch einige Kritiker, die von diesen durch Weblogs „plötzlich aufgetauchten Hobbypublizisten“ (Sixtus 2005, zit. nach: Trümper 2008, S. 14) sprechen, mischen mit in der Weblog-Debatte. Die drei Untersuchungsrichtungen, die sich herausgebildet haben, hat Neuberger (2007) passend in der folgenden Fragestellung zusammengefasst: „Weblogs und Journalismus – Konkurrenz, Ergänzung oder Integration?“

Die ungeheure Dynamik, die die Weblog-Kommunikation schon heute auf den traditionellen Journalismus hat, ist nicht zu übersehen. Allerdings ist die Blogosphäre als Untersuchungsgegenstand schwierig, da sie sich ständig wandelt. Denn die Blogosphäre ist noch lange kein abgeschlossener Bereich des Internets.

Welches Potenzial haben Weblogs aber für den Journalismus und welche Risiken können entstehen? Können Weblogs womöglich die Gatekeeper-Funktion[5] professioneller Journalisten in Frage stellen? Welche Auswirkungen hat die eine Publikationsform auf die jeweils andere? Sind Weblogs eine neue Form von Journalismus und haben Blogger ein journalistisches Selbstverständnis? Diesen und weiteren Fragen wird in der vorliegenden Arbeit nachgegangen.

Wie der Titel dieser Bachelorarbeit bereits ankündigt, soll die Beziehung der beiden Kommunikationsformen Online-Journalismus und Weblog behandelt werden. Hierbei wird sich auf die Wechselwirkung zwischen der Blogosphäre und dem klassischen Online-Journalismus konzentriert[6].

I.II Zielsetzung

Die große Bandbreite an persönlichen Weblogs, die über die unterschiedlichsten Themen berichten, wie beispielsweise die sogenannten Watchblogs oder Warblogs, aber auch Weblogs von Parteien und Hochschulen, repräsentiert die inhaltliche Vielfalt und die Darstellung verschiedener medialer Auseinandersetzungen mit Welt und Alltag dieser Kommunikationsform. Aus diesem Grunde ist das Weblog ein interessanter Untersuchungsgegenstand für viele wissenschaftliche Disziplinen geworden. Für die vorliegende Arbeit sind allerdings größtenteils kommunikationswissenschaftliche Untersuchungen von Relevanz, welche die Beziehung zwischen Weblogs und Journalismus zum Thema haben.

Aus der Sicht eines Konkurrenzverhältnisses stellt sich die Frage, in welcher Beziehung Weblogs zum Online-Journalismus stehen und umgekehrt. Eine These, die sich aus dieser Frage ergibt und die es im Laufe dieser Arbeit zu klären gilt, lautet: Die Publikationsform Weblog bildet eine neue Form öffentlicher Medienkritik, die Einfluss auf die Transparenz und die Authentizität des Journalismus hat.

Im Sinne einer komplementären Beziehung von Weblog und Journalismus wird nach der ergänzenden Funktion der einen Kommunikationsform für die jeweils andere gefragt. Auch hier lässt sich das Weblog als eine medienkritische Kontrollinstanz aufführen, die dem Journalismus Richtungen aufzeigt. Augenzeugenberichte und Lokalberichterstattungen, die auf Weblogs publiziert werden, werden als komplementär zum Journalismus betrachtet. Inwieweit fördern Weblogs also neue Öffentlichkeiten?

Bei der Thematisierung der Integration von Weblogs in den professionellen Journalismus stellt sich die Frage, warum Online-Zeitungen diese integrieren und auf welche Art und Weise dies geschieht.

Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit leistet einen Beitrag zum Verständnis der Rolle von Weblogs im professionellen Online-Journalismus und thematisiert den Umgang der Journalisten mit der neuen Kommunikationsform.

I.III Methodisches Vorgehen und Aufbau der wissenschaftlichen Arbeit

Aus den Thesen und den Fragestellungen ergibt sich die Herangehensweise an die drei Themenkomplexe Weblogs, Journalismus und das Verhältnis der beiden Kommunikationsformen zueinander. Das methodische Vorgehen dieser Bachelorarbeit ist eine theoretische Sekundäranalyse. Es werden relevante Texte und Studien der Kommunikationswissenschaft bearbeitet, ausgewertet und in Beziehung zu den Fragestellungen gesetzt.

Im ersten Teil werden das Web 2.0 und die für diese wissenschaftliche Arbeit relevante Kommunikationsform „Weblog“, die Teil des Web 2.0 ist, definiert. Es wird insbesondere auf die inhaltlichen Kategorien eingegangen. Die technischen Merkmale werden größtenteils außen vor gelassen.

Ab Kapitel 3 wird auf den Journalismus, den Online-Journalismus und den Partizipativen Journalismus eingegangen. Der Journalismusbegriff wird aus systemtheoretischer Perspektive definiert, bevor die Funktionen des Journalismus und die journalistischen Qualitätskriterien thematisiert werden. Im Anschluss wird versucht, den Gegenstandsbereich des Online-Journalismus sowie den des Partizipativen Journalismus zu definieren und dessen Qualitätskriterien herauszuarbeiten. Diese Kapitel schaffen eine Basis, um in nachfolgenden Kapiteln einen Vergleich des Journalismus mit dem Weblog-Format anzustellen.

Die Wechselbeziehung zwischen Journalismus und Weblog kann unterschiedliche Perspektiven haben. Die Forschung der wissenschaftlichen Literatur zeigt, dass die Weblogs einen Strukturwandel der Öffentlichkeit zur Folge haben können. In Kapitel 6.3 werden dann die gegenseitigen Abhängigkeiten der beiden Kommunikationsformen zum Thema, woraufhin das Konkurrenzverhältnis der beiden aufgezeigt wird als auch eine Möglichkeit der Bereicherung für den Online-Journalismus durch die Weblogs. Im Anschluss werden neue Konzepte für den Online-Journalismus aufgezeigt, die den Partizipativen in den professionellen Journalismus integrieren. In Kapitel 8 werden Weblogs als Medienkontrollinstanzen am Beispiel des „Bildblogs“ beschrieben. Danach folgt ein kurzer Exkurs in den Bereich der Social Media und deren Einfluss auf den Online-Journalismus. Im letzten Kapitel erfolgt dann die Darstellung der Ergebnisse im Hinblick auf die Fragestellung und ein Zukunftsausblick.

II. Theoretischer Rahmen und Forschungsüberblick

1 Web 2.0

Der Begriff „Web 2.0“ wurde zum ersten Mal 2005 vom amerikanischen Verleger Tim O’Reilly auf einer Technologiekonferenz verwendet, um die rasche Verbreitung des neuen Webs und die damit verbundenen Veränderungen zu thematisieren (vgl. O’Reilly 2005). Zu der Zeit entwickelten sich immer mehr neue, sich von den vorherigen Anwendungen und Diensten unterscheidende Anwendungsmöglichkeiten und Seiten im World Wide Web auf (vgl. Alpar/ Blaschke 2008, S. 4). Kennzeichnend für das World Wide Web im Web 1.0, dem Vorgänger des Web 2.0, war Passivität – der Nutzer konnte die Inhalte schlichtweg nur abrufen. Das Web 2.0 als sogenanntes „Mitmachnetz“ (Fisch/ Gscheidle 2008, S. 1) propagiert hingegen vielfältige Partizipationsmöglichkeiten (vgl. ebd. S. 1). Auch wenn sich auf eine allgemeine Definitionsmöglichkeit noch nicht geeinigt wurde, beschreiben Alpar et al. das Phänomen Web 2.0 wie folgt:

„Der Begriff Web 2.0 kennzeichnet Anwendungen und Dienste, die das World Wide Web als technische Plattform nutzen, auf der die Programme und die benutzergenerierten Inhalte zur Verfügung gestellt werden. Die gemeinsame Nutzung der Inhalte und gegenseitige Bezüge begründen Beziehungen zwischen den Benutzern.“ (Alpar et. al 2007, zit. nach: Alpar/ Blaschke 2008, S. 5)

Das Web 2.0 ist also geprägt von der Möglichkeit zur Partizipation und einer einfachen technischen Handhabbarkeit, die es dem Nutzer ermöglicht, auch ohne Vorwissen eigene Beiträge zu publizieren, eigene Videos hochzuladen und Teil eines sozialen Netzwerkes zu sein. Zwei der wichtigsten Angebote im Mitmachnetz sind die Onlineenzyklopädie Wikipedia, bei der jeder Eintrag von jedem Nutzer bearbeitet werden kann und das Videoportal YouTube, bei dem die Nutzer eigene Videos publizieren können (vgl. O’Reilly 2005). Man bezeichnet die Ergebnisse dieser Partizipation als „user-generated content“, die wesentlicher Bestandteil solcher Online-Angebote sind (vgl Alpar/ Blaschke 2008, S. 1). Das Medium Internet hat sich durch das Web 2.0 in ein soziales Medium gewandelt. Eine häufig verwendete Anwendung des Web 2.0 ist das sogenannten Weblog.

2 Weblogs

Die vorigen Absätze dienten der Einführung in das Thema Web 2.0 und dessen Eigenschaften. Da sich diese Arbeit zu einem großen Teil mit Weblogs – ein Format im Web 2.0, welches den Nutzern ermöglicht, eigene Inhalte zu veröffentlichen und diese von anderen Nutzern interaktiv kommentieren zu lassen – beschäftigt, bezieht sich der folgende Teil auf den Versuch einer Definition des Phänomens „Weblog“, der Beschreibung der Eigenschaften und inhaltlichen Kategorien und dessen Einordnung in diese wissenschaftliche Arbeit.

„Ein Blog ist ein persönliches Tagebuch. Ein Rednerpult. Ein Raum für Zusammenarbeit. Eine politische Bühne. Ein Ventil für Nachrichten. Eine Sammlung interessanter Links. Ihre ganz privaten Gedanken. Notizen für die Welt“ (Martin-Jung, Helmut 2005, S. 3).

Zum Einstieg in das Kapitel der Weblogs verdeutlicht dieses Zitat von Helmut Martin-Jung die Schwierigkeit einer Definition der Kommunikationsform „Weblog“, da jeder Blog einer ganz eigenen Definition zu Grunde liegt. Trotz intensiver Auseinandersetzung mit diesem Thema sowohl in der Wissenschaft als auch in den Medien, lässt sich in der Literatur noch keine allgemeingültige Definition eines „Weblog“ finden. Besonders aber die Entwicklung des US-amerikanischen Weblog-Marktes macht eine ausführliche wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema unumgänglich. Dort wurde das Wort „Blog“ bereits 2004 zum Wort des Jahres (vgl. BBC News 2004) und die Blogger zu den „People of the Year“ 2004 gekürt (vgl. Vargas 2004).

Der Begriff „Weblog“, als Kombination von „Web“ und „Logbuch“, wurde erstmals im Jahre 1997 vom US-amerikanischen Blogger Jørn Barger verwendet, um einen Weblog als „web page where a Web logger ‚logs’ all the other Web pages she finds interesting“ (Jørn Barger, in: Schmidt 2006, S. 13) zu definieren. Der Blogger als Betreiber eines öffentlich zugänglichen Weblogs postet[7] Beiträge zu bestimmten Themen, die ständig um Kommentare und Notizen ergänzt werden können, verweist auf andere Weblogs und ist damit Teil der sogenannten „Blogosphäre“, die „den Kosmos, der aus der Gesamtheit der Weblogs sowie den kommunikativen und sozialen Verbindungen zwischen Weblog-Betreibern und –Nutzern besteht“ beschreibt (vgl. Armborst 2006, S. 9).

Weblogs sind Webseiten, die regelmäßig aktualisiert werden und deren Inhalte in umgekehrt chronologischer Reihenfolge dargestellt werden, sodass der aktuellste Beitrag am Anfang des Blogs erscheint. Sie gelten als eine sehr authentische Kommunikationsform, da die Autoren durch das Format „Weblog“ die Möglichkeit haben, ihre Persönlichkeit zu repräsentieren, ihre Identität zu erkunden und zu finden und sich dezentral auszutauschen (vgl. Schmidt 2006, S. 9-13). Der Journalistik-Professor Christoph Neuberger beschreibt die häufigen Aktualisierungen und den dynamischen Charakter der Kommunikation als zwei der wichtigsten Eigenschaften der Weblogs (vgl. Neuberger 2005a, S. 84). Weitere Eigenschaften dieser Kommunikationsform sind die Subjektivität ihrer Inhalte, die Mitteilungs- und Meinungsfreudigkeit ihrer Betreiber sowie die Vernetzung zwischen den Webloggern und ihren Publikationen (vgl. Armborst 2006, S. 10).

Weblogs lassen sich aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht als Genre (vgl. Herring/ Schei/ Bonus/ Wright 2004) oder als Medienschema[8] (vgl. Neuberger 2005a, S. 73) darstellen, die zwischen E-Mail und Diskussionsforen – welche asynchrone Formen der computervermittelten Kommunikation darstellen – und klassischen Webseiten ihren Platz einnehmen. Die wesentlichen Eigenschaften, die Weblogs von anderen Kommunikationsformen unterscheiden, sind hauptsächlich nicht technischer Natur. Eher die oben erwähnte häufige Aktualisierung und der kommunikative Austausch zwischen Autor und Leser durch die Kommentarfunktion zeichnen das Phänomen Weblog aus. Weblogs verändern damit die klassische „one-to-many“-Kommunikation zu einer netzwerkartigen Kommunikation (vgl. Plake/ Jansen/ Schuhmacher 2001, S. 108f.), die durch die Hypermedialität der Kommunikationsform ermöglicht wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Klassische Kommunikationsmodelle und netzwerkartige Kommunikation (Quelle: http://www.neuegegenwart.de/ausgabe40/corporateblogs.htm, 17.07.2015)

Mit Hilfe dieser Einführung in die Eigenschaften der Weblogs werden die Informationen nachfolgend zu einer Definition zusammengefasst.

Weblogs sind Webseiten, die von sogenannten Webloggern betrieben und regelmäßig aktualisiert werden (vgl. Schmidt 2006, S. 13), deren Beiträge in umgekehrt chronologischer Reihenfolge erscheinen (vgl. Armborst 2006, S. 10), die mit Links[9] auf andere Webseiten verweisen und die für die Leser häufig die Möglichkeit bieten, mit Kommentaren auf die publizierten Inhalte zu reagieren (vgl. Schmidt 2006, S. 13).

Zusammenfassend formuliert sind die wichtigsten Merkmale eines Weblogs die Authentizität der Beiträge, die stetige Aktualisierung der Website, ein hohes Ausmaß an Interaktivität und der dynamische Charakter der Kommunikation (vgl. Neuberger 2005a, S. 83f.).

3 Forschungsstand: Journalismus, Online-Journalismus und „Partizipativer Journalismus“

3.1 Journalismus

„Studien, die sich mit dem Journalismus und seiner Organisation befassen, kommen nicht umhin, sich mit dem Journalismus als sozialem System zu beschäftigen [ … ] “ (Altmeppen 1999, S. 27).

Um den Online-Journalismus in späteren Kapiteln zu thematisieren, bedarf es vorerst einer Erläuterung des klassischen Journalismus. Die Definitionen des Begriffs und Gegenstandsbereiches Journalismus sind weitreichend. Besonders Metaphern vom „Spiegel“ oder „Bildschirm“ der Gesellschaft scheinen den journalistischen Sinn nicht ausreichend zu beschreiben (vgl. Kohring 2004, S. 195). Durch die vielen Funktionen in der Gesellschaft, z.B. als Informationsquelle, Unterhaltungsmedium oder als Public Relations, kann dem Journalismus keine eindeutige Begriffsbestimmung zugeschrieben werden. Von anderen Medienbetrieben lässt er sich also nicht mehr klar unterscheiden. Klaus Meier (vgl. Meier 2011, S. 12) spricht davon, dass es sich bei wissenschaftlichen Definitionen meist um „mehr“ oder „weniger“ Journalismus handele, was für die Wissenschaft höchst unbefriedigend sei. Als grundlegende Aufgabe habe der Journalismus, durch Recherche, Selektion und Präsentation von Themen, Öffentlichkeit herzustellen. Er beobachte die Gesellschaft und stelle diese Informationen einem Massenpublikum zur Verfügung. Dadurch werde eine gemeinsame Wirklichkeit konstruiert und die Komplexität der Welt verringert (vgl. ebd. S. 13).

Um ein eindeutigeres Bild der Bedeutung des Journalismus für die Gesellschaft zu gewinnen, wird in dieser Bachelorarbeit der Journalismus als soziales System aus sozialtheoretischer Perspektive betrachtet.

Tatsächlich hat sich die soziologische Systemtheorie, trotz ihrer Komplexität, zu einem der wichtigsten Ansätze der Kommunikationswissenschaft und zum „Mainstream“ (Löffelholz/ Quandt/ Thomas 2004, S. 181) der Journalismus-Forschung entwickelt. Auf den ersten Blick allerdings scheint sich eine systemtheoretische Perspektive in Bezug auf die Fragestellung dieser Arbeit nicht besonders zu eignen. Denn das Erkenntnisinteresse bezieht sich hier eher auf das individuelle Handeln eines Journalisten, wohingegen sich die Systemtheorie auf übergeordneter, gesamtgesellschaftlicher Ebene bewegt und fragt, welche unterschiedlichen Funktionen verschiedene soziale Systeme für die Gesellschaft erfüllen (vgl. ebd. S. 181). In dem oben genannten Zitat des Journalismus-Forschers Altmeppen spiegelt sich jedoch ganz klar wieder, dass die Systemtheorie in der Journalismus-Forschung immer wieder Verwendung findet und Verwendung finden muss. Insbesondere weil das System Journalismus, welches gesellschaftliche Funktionen übernimmt, durch Weblogs einen Wandel als Ganzes durchläuft.

3.1.1 Journalismus als Teil der sozialen Systemtheorie

Die Systemtheorie ist ein wissenschaftliches Konstrukt, die es möglich macht, Wirklichkeit aller Art als System zu erfassen, um dadurch Zusammenhänge bzw. Wechselbeziehungen zwischen den Systemen erkennbar zu machen. Sie ist ein geeignetes wissenschaftliches Instrument, um Struktur und Umweltbeziehungen gesellschaftlicher Bereiche zu beschreiben. Unter System wird „ein Netz zusammengehöriger Operationen, die sich von nicht-dazugehörigen Operationen abgrenzen lassen“ (Willke 1996, S. 53) verstanden. Grundsätzlich geht diese Theorie davon aus, dass sich die Gesellschaft in soziale Systeme gegliedert hat, die jeweils spezifische Aufgaben für die Gesamtgesellschaft übernehmen und somit spezifische gesellschaftlich relevante Probleme lösen (vgl. Meier 2011, S. 28). Aus diesem Grund ist die Systemtheorie dazu geeignet, die Struktur des Journalismus und dessen Rolle in der Gesellschaft zu beschreiben.

Gründervater der Systemtheorie mit seinem System/Umwelt-Paradigma ist Niklas Luhmann. Ihm ging es dabei um die Entwicklung einer universalen Theorie der Gesellschaft (vgl. ebd. S. 28). Ein System besteht nicht aus seinen Elementen, sondern aus den Relationen der Elemente zueinander. Ein System bildet sich, wenn es aus einer nahezu unbegrenzten Anzahl von Ereignismöglichkeiten eine Auswahl trifft, sich durch diese Auswahl von der System-Umwelt abgrenzt und auf diese Weise gesellschaftliche Komplexität reduziert (vgl. Kohring 2004, S. 187). Dieser Prozess der „Erfassung und Reduktion von Komplexität“ (Luhmann 1984, S. 116) sei laut Luhmann die Funktion sozialer Systeme. Die Sinngrenzen der sozialen Systeme, welche die gesellschaftliche Komplexität reduzieren, werden kommunikativ hergestellt. „Insofern heißt Kommunizieren beschränken“ (Luhmann 1988, S. 66).

Die Anwendung der Systemtheorie auf den Journalismus macht Hoffnung auf eine eindeutige Eingrenzung des Forschungsgegenstandes und einer Annäherung an eine Journalismus-Definition. Im Folgenden werden die Versuche von Bernd Blöbaum und Manfred Rühl, den Journalismus als System zu identifizieren, grob erläutert. Andere theoretische Entwürfe, die beispielsweise die Aktualität als Leitdifferenz des Journalismus sehen, können nicht aufgegriffen werden, da der Inhalt den Umfang dieser Bachelorarbeit sprengen würde.

Bei seinem umfassenden Entwurf, Journalismus als System zu identifizieren, unterscheidet Blöbaum zwischen der Leistungsrolle des Journalisten und der Publikumsrolle des Rezipienten, der sich zur Teilhabe am journalistischen System selbstständig entscheidet. Wie oben genannt bestehen Systeme aus Kommunikation, so auch das soziale System Journalismus. Durch systemspezifische journalistische Organisationen, Programme und Rollen gewinnt das auf den Journalismus fokussierte System Stabilität. Gesellschaft und Systeme wie Wirtschaft, Politik oder Sport werden als die Umwelt vom Journalismus behandelt, mit denen es Interdependenzen pflegt und die unterschiedliche Bedeutungen für Strukturveränderungen im Journalismus haben. Somit ist Journalismus ein strukturdeterminiertes soziales System (vgl. Blöbaum 2004, S. 203).

Bezüglich der Bezeichnung des Systems und der Codierung, welche die Grenzen des Systems beschreibt und es damit stabilisiert, besteht im Bereich der Journalismus-Forschung kein Übereinkommen. Betrachtet man die Geschichte des Journalismus und den Medienwandel, der nicht nur Redaktionen als Organisationen, sondern auch Journalisten als Rolleninhaber sowie die Darstellungsform und die Informationsauswahl betrifft, zeigt sich, dass die strukturelle Ebene eines Systems offen und lernfähig ist, sich anpasst oder sich ändern kann (vgl. ebd. S. 205).

Da die Systemtheorie die Entwicklungsdynamik und die gesellschaftliche Evolution berücksichtigt, lassen sich durch sie sowohl die systeminternen Prozesse als auch die Bezüge des Systems zur Umwelt beobachten. Das soziale System Journalismus mit der Primärfunktion der Informationsvermittlung bildet im Laufe der Geschichte im Rahmen von Differenzierungsvorgängen Journalismus-spezifische Organisationen, Programme und Rollen aus, welche die Fähigkeit zur Informationsverarbeitung steigern. Da der Journalismus entscheidet, ob eine Kommunikation als relevant oder als irrelevant klassifiziert wird, sei der binäre Code für das System Journalismus nach Blöbaum – und auch nach Luhmann – Information/ Nicht-Information (vgl. ebd. S. 206; vgl. Meier 2011, S. 29). Diese Klassifizierung unterliegt einiger Kritik, da sie als zu allgemein – „schließlich ist Information einer der notwendigen Bestandteile jeder Kommunikation“ (Kohring 2004, S. 191) – gilt und zusätzlicher theoretischer Nachbesserung bedarf (vgl. Weischenberg/ Scholl 1998, S. 73).

Auch der Journalismus-Forscher und Kommunikationswissenschaftler Manfred Rühl hat den Versuch einer systemtheoretisch orientierten Theorie des Journalismus erbracht.

„Der Journalismus als strukturiertes Sozialsystem der Weltgesellschaft reduziert die Komplexität und die Veränderlichkeit der Weltereignisse durch thematisierte Mitteilungen auf Ausmaße, die eine sinnvoll informierende Kommunikation erlauben [...]. Alle Strukturen des Journalismus sind [...] Vereinfachungsmechanismen, die zur Kommunikationserleichterung dienen“ (Rühl 1992, S. 128).

Die primäre Funktion des Journalismus sieht Rühl also in der „Herstellung und Bereitstellung von Themen zur öffentlichen Kommunikation“ (Rühl 1980, S. 319). Zu den Umwelten des Journalismus ordnet er Verlagsunternehmen, Anzeigenabteilungen, Technologie und andere Massenkommunikationsmittel sowie das Publikum, die relevant für das System seien, sich aber dennoch von ihm unterscheiden (vgl. Rühl 1989, S. 109ff.).

Rühl nennt drei „exemplarisch[e] [...] Strukturen, [...] [die] als Kommunikationsstrategie des Journalismus“ (Rühl 1992, S. 131) zusammengefasst werden können. In der „Sozialdimension“, als erste der drei Dimensionen, seien es die organisierten Redaktionen, Berufs- und Arbeitsrollen, durch die die am System Journalismus Beteiligten kommunizieren. Die „Sachdimension“ vereinfache die Kommunikation durch Stil- und Darstellungsformen und die „Zeitdimension“, als letzte Dimension, reguliere die Werte und Normen, was „richtiger“ Journalismus sei und was nicht (vgl. ebd., S. 131). Daraus lasse sich schließen, dass das System Journalismus ein relativ autonomes System sei (vgl. Blöbaum 2004, S. 201).

Die systemtheoretische Betrachtungsweise des Journalismus ermöglicht einen komplett neuen Zugang zur gesellschaftlichen Bedeutung journalistischer Kommunikation und lässt die Journalismus-Forscher ihr Forschungsfeld schärfer von anderen Formen gesellschaftlichen Handelns bzw. gesellschaftlicher Kommunikation trennen. Allerdings kann die systemtheoretische Darstellung des Journalismus nicht als vollendet angesehen werden. Insbesondere fordern Journalismus-Forscher nach einer empirischen Nutzbarmachung dieser Theorie (vgl. Kohring 2004, S. 198f.).

3.1.2 Funktionen des Journalismus

Aus den systemtheoretischen Erkenntnissen im vorigen Kapitel lassen sich nun die Funktionen des Journalismus ableiten. Hierbei kann unterschieden werden zwischen systemtheoretisch und normativ orientierten Ansätzen, die jedoch nur kurz angerissen werden können.

Aus systemtheoretischer Sicht wird der Begriff „Funktionen“ im Sinne von denkbaren Alternativen, die einem System zur Problemlösung zur Verfügung stehen, gesehen (vgl. Armborst 2006, S. 88).

Laut Neuberger und Kapern (2013) sei eine wesentliche Funktion des Journalismus die Selbstbeobachtung der Gesellschaft. Damit sei gemeint, dass der Journalismus einen Gesamtüberblick über das relevante und reale Geschehen gebe. Für die einzelnen Teilsysteme, wie Politik und Wirtschaft, erbringe der Journalismus vermittelnde Leistungen. Bezogen auf das Teilsystem Politik bedeute dies, dass der Journalismus zwischen den Bürgern und den Politikern vermittle. Im Wirtschaftssystem hingegen vermittle er zwischen den Konsumenten und den Unternehmen (vgl. Neuberger/ Kapern 2013, S. 26f.).

Nach Rühl ist die journalistische Primärfunktion die „Herstellung und Bereitstellung von Themen zur öffentlichen Kommunikation“ (Rühl, zit. nach Weischenberg 1994, S. 429).

„Aktuelle Informationsangebote aus den diversen sozialen Systemen (Umwelt) als Medienangebote zur Verfügung zu stellen“ (Weischenberg 1992, S. 41), ist für Siegfried Weischenberg die wesentliche Funktion des Journalismus.

Einen weiteren Versuch der Differenzierung nach Funktionen ausgehend von der Systemtheorie unternimmt Roland Burkart. Er unterscheidet nach Funktionen für das soziale Subsystem (Sozialisation, soziale Orientierung, Rekreation und Integration), für das politische Subsystem (Herstellen von Öffentlichkeit, Artikulierung, Bildung, Kritik und Kontrolle) und für das ökonomische Subsystem (unter anderem die Zirkulation von Wissen). Des Weiteren wird allen drei gesellschaftlichen Subsystemen eine Informationsfunktion zugeschrieben (vgl. Burkart 2002, S. 382).

Bei den Funktionen aus normativer Sicht handelt es sich weitestgehend um Ableitungen aus Gesetzen und Gerichtsurteilen. Dem Journalismus wird hierbei eine „Informations-, eine Orientierungs-, eine Kontroll- und eine Artikulationsfunktion“ (Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, zit. nach Branahl 2000, S. 20) zugeschrieben. Zudem darf die Funktion der Reduktion von Komplexität und die Vermittlerfunktion des Journalismus nicht außer Acht gelassen werden (vgl. Armborst 2006, S. 90).

Letztendlich ist das Ziel journalistischer Arbeit, für jeden die Möglichkeit zu sichern, am gesellschaftlichen Ganzen teilzunehmen. Aber wie kann der Journalist seine Funktionen erfüllen, um sein Ziel zu erreichen? Diese Fragestellung wird im Kapitel der journalistischen Qualitätsforschung konkretisiert.

3.1.3 Kriterien journalistischer Qualität

„Qualität im Journalismus definieren zu wollen, gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln“ (Ruß-Mohl 1992, S. 85).

An dieser Aussage des Kommunikationswissenschaftlers Stephan Ruß-Mohl kommt wohl kaum ein Journalismus-Forscher beim Versuch, journalistische Qualität zu definieren, vorbei. Dennoch ist eine solche Definition natürlich nicht unmöglich, es bedarf lediglich einer theoretischen Grundlage, auf der sich die journalistische Qualität verankern lässt und zudem aus der Theorie abgeleitete, empirisch messbare Qualitätskriterien, welche die Qualität bestimmen können (vgl. Engesser 2013, S. 43)[10]. Um aber im vertiefenden Teil dieser Bachelorarbeit auf die funktionalen Äquivalente, die – laut einigen Kommunikationswissenschaftlern – manche Weblogs zum traditionellen Journalismus haben, einzugehen, bedarf es der Aufführung von Qualitätskriterien des traditionellen Journalismus. Diese Notwendigkeit ist gegeben, da es noch keine wissenschaftlichen Standards zur Untersuchung der journalistischen Leistungen von Bloggern gibt, es aber Hilfskonstruktionen in Form journalistischer Qualitätskriterien braucht, um wissenschaftliche Aussagen über das Weblog-Phänomen machen zu können. Die Beschreibung von etwas Neuem bedarf also der Orientierung an etwas Bekanntem (vgl. Armborst 2006, S. 94).

Schwierigkeiten bei der Bestimmung der Qualitätskriterien ergeben sich dadurch, dass die Bestimmung des Qualitätsbegriffs an sich bisher nicht abgeschlossen ist (vgl. Bucher/ Altmeppen 2003, S. 12ff.) und die Qualitätsdiskussion schließlich „von ganz unterschiedlichen Akteurskategorien mit unterschiedlichen Interessen am Journalismus und unterschiedlichen Perspektiven“ (Bonfadelli/ Wyss, zit. nach Pürer 2003, S. 139) durchgeführt wird.

Ob etwas als qualitativ wertvoll – oder nicht wertvoll – beurteilt wird, hängt also vom Standpunkt des Betrachters ab, was angesichts des schnellen Medienwandels und dessen Einfluss auf den Journalismus mehr denn je gilt. Laut Axel Springer sei schon die tägliche „Abstimmung am Kiosk“ (Springer, zit. nach Ruß-Mohl 1992, S. 89) ein Ausdruck von Qualität. Um auf eine wissenschaftliche Grundlage zur Erforschung der Qualität zurückgreifen zu können, verweist der Journalismus-Forscher Horst Pöttker (2000) auf acht Kriterien journalistischer Qualität, die auf eine der journalistischen Primärfunktionen – der Reduktion von Komplexität – zurückzuführen sind. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass dieser Entwurf immer weiterzuentwickeln ist und einzelne Qualitätskriterien untereinander unverträglich sein können.

Die ersten vier Kriterien, die Pöttker nennt, beziehen sich auf den Journalismus als Beruf. Insbesondere die Faktoren Richtigkeit, Vollständigkeit, Wahrhaftigkeit und Universalität seien ausschlaggebend für die Qualität eines journalistischen Beitrags (vgl. Pöttker 2000, S. 382-384). Daraufhin beschäftigt er sich mit den eher am Publikum orientierten Qualitätskriterien und nennt dafür die Unabhängigkeit, die Aktualität, die Verständlichkeit und die Unterhaltsamkeit (vgl. ebd., S. 385-387). Dieser oben genannte Katalog lasse sich laut Ruß-Mohl um die Kriterien Relevanz, Objektivität, Interaktivität und Transparenz erweitern (vgl. Ruß-Mohl 2005, S. 374). Mit Relevanz meint Ruß-Mohl die Bedeutung eines Themas für die Rezipienten, und mit Objektivität möchte er die Trennung von Nachricht und Meinung als Qualitätskriterium festlegen. Qualität durch Interaktivität setze voraus, dass der Austausch mit dem Publikum gegeben sei. Transparenz drücke die kritische Behandlung von Quellen und die Offenlegung der Berichterstattungsbedingungen aus (vgl. Ruß-Mohl 2005, S. 374f.).

Um die qualitativen Unterschiede des Journalismus von anderen Formen des Publizierens zu erkennen, ist es enorm wichtig, dass die individuelle und institutionelle Unabhängigkeit gewahrt bleibt. Das heißt: Sobald ein Journalist seinen kommunikativen Einfluss in den Dienst fremder Interessen stelle, erfolge Pöttker zufolge eine „Überredungsabsicht“ (Pöttker 2000, S. 385), die sich nicht mit journalistischer Qualität vereinen lasse. Mit dem Kriterium der Aktualität drückt der Autor aus, dass ein inhaltlicher Bezug zur Gegenwart vorhanden sein müsse, um von Qualität sprechen zu können. Auch die Faktoren der Verständlichkeit – sprich: der Journalist verwendet einen prägnanten Stil und berichtet vielfältig über etwas mit hohem Gesprächswert – und der Unterhaltsamkeit, durch die der Rezipient aktiv angeregt werde, seien bei der Qualitätsbestimmung von Bedeutung. Durch eigene und intensive Recherche, durch exklusives Material und durch Leseanreize können diese Qualitätskriterien vom Journalismus erfüllt werden (vgl. ebd., S. 385).

Zu diesen Qualitätskriterien des klassischen Journalismus kommen weitere onlinespezifische Kriterien hinzu, die unter dem Begriff „Hypermedialität“ (Dahinden/ Kaminski/ Niederreuther, zit. nach Hutter 2009, S. 57) zusammengefasst werden können. Hiermit seien, laut der Autoren, die Dimensionen Multimedialität, wenig Werbung, Zugang, Aktualisierung, Sicherheit, Verlässlichkeit, Ladezeit, grafisches Design, Aufbereitung, Strukturierung, Hyperlinks sowie Vernetzung gemeint (vgl. Hutter 2009, S. 57). Bezogen auf das Thema dieser Bachelorarbeit und die Spezifizierung auf Weblogs sind diese Qualitätskriterien von besonderer Bedeutung.

4 Der Strukturwandel des Journalismus im Web 2.0

4.1 Der Wandel der Medienkommunikation und des Journalismus

„Ein Mann, der etwas zu sagen hat, und keine Zuhörer findet, ist schlimm dran. Noch schlimmer sind Zuhörer dran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat“ (Brecht 1967, S. 123).

Um den Wandel der Medienkommunikation begreifen zu können, bedarf es eines kurzen Blickes in die Vergangenheit dieser und des Journalismus. Hierbei spielt die Massenkommunikation eine elementare Rolle. Der Kommunikationswissenschaftler Gerhard Maletzke beschreibt Massenkommunikation als eine Kommunikationsform, die – durch technische Verbreitungsmittel – Aussagen öffentlich, indirekt und einseitig an ein verstreutes Publikum vermittle (vgl. Maletzke 1998, S. 45f.). Die angesprochenen Verbreitungsmittel seien in diesem Falle die traditionellen Medien Presse, Rundfunk, Fernsehen und Film. Der einseitige und indirekte Charakter der Massenkommunikation wird nicht nur von Maletzke, sondern unter anderen auch von Michael Kunczik und Astrid Zipfel betont. Sie sind der Meinung, dass „Kommunikator und Rezipient [...] die Positionen nicht tauschen [können], [...]“ (Kunczik/ Zipfel 2001, S. 50). „Jede Verantwortung und ‚Revolution’ ist in dieser Struktur ausgeschlossen [...]“ (Flusser 1998, S. 28), da die Rezipienten keine andere Möglichkeit haben, als nur zu empfangen. Lang galten die interpersonale Kommunikation und die Massenkommunikation als zwei nicht miteinander vereinbare Parteien, bei denen allerdings – mit der Verbreitung des Internet – eine „Grenzaufhebung“ (Theis-Berglmaier 1997, S. 9) stattfand. Im Internet ist es möglich, als Beteiligter an einzelne Empfänger aber auch an ein Massenpublikum zu senden, wobei jeder einzelne Empfänger auch zum Sender werden kann. Diese von Wechselseitigkeit und Reflexivität gekennzeichnete Kommunikation bezeichnen Claus Leggewie und Christoph Bieber als eine „individualisierte Massenkommunikation“ (Leggewie/ Bieber 2001, S. 41).

Schon in den Zwanziger und Dreiziger Jahren hat sich der Literat Brecht mit neuen, sich durchsetzenden Medien und den damit einhergehenden großen Hoffnungen auf einen Demokratisierungsschub beschäftigt. Verweisend auf das Zitat zu Beginn dieses Kapitels, bei dem Brecht auf die mangelnde Demokratie im Radio eingeht, lässt sich sagen, dass er als Konsequenz auf diesen Missstand eine technisch-organisatorische Umstrukturierung dieses Mediums fordert. Es bestünde die Notwendigkeit das Radio „aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat“ (Brecht 1967, S. 134) zu verwandeln, der nicht nur dazu fähig wäre „auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur zu hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern in Beziehung zu setzen“ (ebd., S. 134).

[...]


[1] Aus Gründen der verbesserten Lesbarkeit wird in dieser wissenschaftlichen Arbeit die männliche Form als geschlechtsübergreifende Bezeichnung für Autorinnen und Autoren, Leserinnen und Leser, Bloggerinnen und Blogger, etc. verwendet.

[2] Laut dem Duden ist ein Blogger/ Weblogger „jemand, der an einem Blog [mit]schreibt“. URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/Blogger (14.05.15.). Anmerkung d.A.: Die Duden-Definition soll den alltäglichen Gebrauch des Blogger-Begriffs verdeutlichen und die gesellschaftliche Integration untermauern.

[3] „More than 8 Million Blogs Online, A New Blog Created Every 7,4 Seconds, 12,000 New Blogs Created Every Day, 2,75,000 New Posts Are Made Every Day, 10,800 Updates Are Made Every Hour“ (Technorati.com, 2010)

[4] Der Begriff „professioneller/klassischer Journalismus“, bzw. „professioneller/klassischer Online-Journalismus“ wird in der vorliegenden Arbeit in erster Linie in Abgrenzung zum Partizipativen Journalismus und damit zu den Weblogs gebraucht. Unter ersten beiden ist jede Form des Journalismus zu verstehen, bei der sich die Kommunikatoren nicht freiwillig beteiligen. Die Adjektive „professionell“ und „klassisch“ haben also eher die Bedeutung von „beruflich“.

[5] Nach dieser Theorie haben allein die Gatekeeper, also die Journalisten, die Aufgabe Nachrichtenmaterial zu filtern, zu reduzieren, zu bearbeiten und zu modifizieren (vgl. Armborst 2006, S. 110).

[6] Anmerkung d.A.: Der Journalismus im Netz wurde aus dem Grunde gewählt, da er, als oft kostenlose Publikationsform im Internet, eher in Konkurrenz mit Weblogs steht als der klassische Journalismus im Papierformat.

[7] Das Verb „posten“ beschreibt das Schreiben in Internetforen und Weblogs, sowie das Teilnehmen mit Fragen, Antworten und Kommentaren an Internetforen und Weblogs. URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/postenschreibenInternetNewsgroup (14.05.15).

[8] Genres bzw. Schemata verfolgen gemeinsame Kommunikationsziele, besitzen ähnliche Strukturen und stilistische Merkmale, berichten über ähnliche Inhalte und wenden sich an ein bestimmtes Publikum. (vgl. Herring, Susan; Schei, Lois; Bonus, Sabrina; Wright, Alijah: Bridging the Gap. A genre analysis of Weblogs. Vortrag bei der „37th Hawaii International Conference on System Sciences“, 05.-08.01.2004. URL: http://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/summary?doi=10.1.1.129.8162 (14.05.15).

[9] Ein Link ist eine „Verknüpfung mit einer anderen Datei oder einer anderen Stelle derselben Datei“. URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/Link (14.05.15).

[10] Im Laufe der Zeit korrigiert Ruß-Mohl seine Aussage und sagt, dass der Pudding sich wohl doch mithilfe von Qualitätskriterien „festpinnen“ (Held/ Ruß-Mohl 2000, S. 368) lasse.

Details

Seiten
53
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668132160
ISBN (Buch)
9783668132177
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314188
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
2,0
Schlagworte
weblogs online-journalismus verhältnis kommunikationsformen

Autor

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Titel: Weblogs und klassischer Online-Journalismus. Zum Verhältnis der beiden Kommunikationsformen