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René Descartes' Naturphilosophie. Die Wissenschaftliche Methode, die Substanzontologie und die Naturgesetze

Referat (Ausarbeitung) 2014 19 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Die wissenschaftliche Methode
1.1 Die Evidenzregel
1.2 Die Zerlegungsregel
1.3 Die Ordnungsregel
1.4 Die Vollständigkeitsregel

2. Die Substanzontologie
2.1 Eine denkende Substanz
2.2 Eine vollkommene Substanz
2.3 Eine ausgedehnte Substanz

3. Die Naturgesetze
3.1 Die Erhaltungssätze
3.2 Das Trägheitsprinzip
3.3 Die Stoßgesetze

4. Fazit15

Literatur

0. Einleitung

In der neuzeitlichen Naturphilosophie vollzieht sich eine umfassende Abkehr vom aristotelisch-scholastischen Weltbild.[1] In seiner Zwei-Welten-Lehre unterteilt Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) den Kosmos in den veränderlichen, sublunaren und den unveränderlichen, supralunaren Bereich. Die sublunare Welt erstreckt sich zwischen Erde und Mondumlaufbahn, während sich die supralunare Welt jenseits der Mondumlaufbahn befindet. Gemäß dieser Lehre eignet sich die Mathematik, die in der Antike noch ohne den Funktionsbegriff auskommen muss, nicht für die Beschreibung der veränderlichen Naturphänomene im sublunaren Bereich einschließlich unseres Planeten.[2] In den natürlichen Bewegungen der sublunaren Welt sieht Aristoteles teleologische Wirkmechanismen am Werk, die in Verbindung mit der Vier-Elementen-Lehre des Empedokles von Akragas (492 – 432 v. Chr.) auf dem Streben der Dinge nach ihrem natürlichen Ort, auf ihrem Telos, beruhen.[3] Systematische Experimente in der Naturerforschung zur Überprüfung aufgestellter Hypothesen lehnt Aristoteles ab, weil er die dabei erzeugten Phänomene als künstlich und widernatürlich ansieht. Stattdessen gibt er einer kontemplativen Naturbeobachtung den Vorzug.[4]

Galileo Galilei (1564 – 1642) propagiert bereits 1623 in Il Saggiatore die Mathematik als Erkenntnisinstrument in der Naturphilosophie, ohne dabei die zwei Welten des Aristoteles zu unterscheiden. Im Jahr 1637 weist René Descartes (1596 – 1650) in seiner Schrift Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs der Mathematik ebenfalls eine entscheidende Funktion für den Erwerb gesicherten Wissens zu und wertet sie als paradigmatisch für alle weiteren Wissenschaften.[5] Während Galilei die mathematische Erforschung der Natur eng an die experimentelle Physik knüpft, schätzt der Rationalist Descartes physikalische Experimente gering und nutzt lieber die reine Erkenntniskraft seiner Vernunft und Intuition.[6] Empirische Befunde dürfen ihm bei seiner Suche nach Erkenntnis allenfalls als Bestätigung oder Konkretisierung seiner Ergebnisse dienen, aber ausdrücklich nicht als Kontrollinstanz.[7]

Im Spannungsfeld zwischen der Ablösung des aristotelischen Weltbilds mit seiner fast 2000-jährigen Tradition und den Anfängen der modernen Physik mit Isaac Newton (1642 – 1727) als einem ihrer herausragendsten Vertretern entwickelt René Descartes als erster Naturphilosoph seit Aristoteles ein geschlossenes naturphilosophisches System.[8] Descartes macht sich um die Philosophie, Mathematik und Physik verdient. Er gilt als Begründer der neuzeitlichen Metaphysik und Erkenntnislehre sowie als Wegbereiter der analytischen Geometrie, die Algebra und Geometrie miteinander verbindet. Zudem formuliert er bereits Erhaltungssätze und das Trägheitsprinzip der geradlinig, gleichförmigen Bewegung.[9]

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, Descartes' Alternative zur aristotelischen Naturphilosophie, seine Metaphysik und seine Erkenntnislehre darzustellen. Vor dem Hintergrund der Newtonschen Mechanik, die Newton 1687 in seinem Hauptwerk Mathematische Grundlagen der Naturphilosophie formuliert und die bis heute, ergänzt durch Relativitätstheorie und Quantenmechanik, ihre eingeschränkte Gültigkeit besitzt, arbeite ich außerdem heraus, inwiefern sich Descartes aus heutiger Sicht irrt und inwiefern er Recht behält.

Zunächst stelle ich Descartes' wissenschaftliche Methode vor, die er als Gegenentwurf zum traditionellen Bildungsideal konzipiert. Dazu betrachte ich die vier Grundregeln dieser Methode, die Evidenz-, Zerlegungs-, Ordnungs- und Vollständigkeitsregel. Anschließend arbeite ich seine Substanzontologie mit ihren drei Substanzen heraus, der denkenden, vollkommenen und ausgedehnten Substanz. Im darauf folgenden Schritt befasse ich mich mit den Erhaltungssätzen und den drei cartesischen Naturgesetzen, d. h. mit dem Trägheitsprinzip und den zwei Stoßmechanismen, auf die Descartes seine sieben Stoßgesetze zurückführt. Seine kosmologische Wirbeltheorie bleibt in meiner Betrachtung seiner Naturphilosophie unberücksichtigt. Abschließend fasse ich im Fazit die Ergebnisse meiner Arbeit zusammen.

1. Die wissenschaftliche Methode

Descartes kritisiert am traditionellen Bildungsideal, dass es keine systematische Methode für den Wissenserwerb bieteund daher die Gewissheit des Wissens fehle. Lediglich in den mathematischen Disziplinen sieht er wegen der überzeugenden Kraft ihrer klaren Beweise eine Ausnahme mit paradigmatischem Charakter hinsichtlich der weiteren Wissenschaften.[10] Descartes' Lösung ist eine neue, analytisch-synthetische Methode mit den folgenden vier Regeln.

1.1 Die Evidenzregel

Die Evidenzregel fordert, niemals eine Sache als wahr anzuerkennen, von der ich nicht evidentermaßen erkenne, daß sie wahr ist: d.h. Übereilung und Vorurteile sorgfältig zu vermeiden und über nichts zu urteilen, was sich meinem Denken nicht so klar und deutlich darstellte, daß ich keinen Anlass hätte, daran zu zweifeln.[11]

Mit seiner Evidenzregel etabliert Descartes seinen methodischen Zweifel, der über subjektive Gewissheit zu objektiver Erkenntnis führen soll. Er unterscheidet drei Stufen des Zweifels: den gewöhnlichen Zweifel, den verschärften Zweifel und den fundamentalen Zweifel. Der gewöhnliche Zweifel bezieht sich auf Sinnestäuschungen und fehlerhafte Schlussfolgerungen, der verschärfte Zweifel thematisiert das Problem der Unterscheidung von Wach- und Traumzuständen und auf der höchsten Stufe des methodischen Zweifels, beim fundamentalen Zweifel, wird ein betrügerischer Dämon vorausgesetzt, der den Menschen sogar bezüglich der Mathematik und Logik prinzipiell und umfassend täuschen will.[12]

1.2 Die Zerlegungsregel

Die Zerlegungsregel besagt, „jedes Problem […] in so viele Teile zu teilen, […] wie es nötig ist, um es leichter zu lösen.“[13] Hier offenbart sich die paradigmatische Rolle, die Descartes der Mathematik zuweist, indem er die analytisch-synthetische Methode zum Paradigma für alle weiteren Wissenschaften erklärt. Die Zerlegungsregel baut insofern auf der Evidenzregel auf, als sie fordert jedes Teilproblem nach der Evidenzregel zu lösen und sie immer dann zur Anwendung kommt, wenn die Evidenzregel bei einem komplexen Problem, das noch nicht in seine Teilprobleme zerlegt worden ist, versagt.

1.3 Die Ordnungsregel

Die Ordnungsregel fordert, in der gehörigen Ordnung zu denken, d. h. mit den einfachsten und am leichtesten zu durchschauenden Dingen zu beginnen, um so nach und nach, gleichsam über Stufen, bis zur Erkenntnis der zusammengesetztesten aufzusteigen, ja selbst in Dinge Ordnung zu bringen, die natürlicherweise nicht aufeinander folgen […].[14]

Die Ordnungsregel bildet den Kern der cartesischen Gedankenordnung, die die Dinge nach der Relation „a ist einfacher erkennbar als b“ ordnet. Diese epistemologische Ordnung beginnt bei den für den Menschen einfachen Erkenntnisgegenständen und endet bei den für den Menschen komplexen Erkenntnisgegenständen. Im Unterschied dazu ist die aristotelische Seinsordnung eine kausale Ordnung nach der Relation „c ist die Ursache von d“. Sie führt von dem für den Menschen Ersten zu dem der Natur nach Ersten.[15]

1.4 Die Vollständigkeitsregel

Auf Grundlage der bisherigen Regeln erhebt die Vollständigkeitsregel den Universalitätsanspruch der cartesischen Methodologie, „überall so vollständige Aufzählungen und so allgemeine Übersichten aufzustellen, daß ich versichert wäre, nichts zu vergessen.“[16]

2. Die Substanzontologie

Mit Hilfe seiner neuen wissenschaftlichen Methode untersucht Descartes gemäß seiner Ordnungsregel und Evidenzregel das für ihn am einfachsten Erkennbare: sein eigenes Denken. Von diesem Ausgangspunkt aus arbeitet er die drei Prinzipien der Metaphysik heraus und beantwortet die Fragen nach der Existenz und Essenz dieser Prinzipien bzw. Substanzen. Descartes identifiziert unter Berücksichtigung seiner Vollständigkeitsregel eine denkende Substanz (1. Prinzip der Metaphysik), eine vollkommene Substanz (2. Prinzip der Metaphysik) und eine ausgedehnte Substanz (3. Prinzip der Metaphysik).

[...]


[1] vgl. Huber 2002, S. 181f

[2] vgl. Huber 2002, S. 105ff

[3] vgl. Huber 2002, S. 53, 110ff

[4] vgl. Huber 2002, S. 99

[5] vgl. Descartes 1637, S. 33ff

[6] vgl. Descartes 1644, S. 155

[7] vgl. Descartes 1637, S. 105ff

[8] vgl. Huber 2002, S. 267

[9] vgl. Huber 2002, S. 227, 267f

[10] vgl. Descartes 1637, S. 7 - 35

[11] Descartes 1637, S. 31

[12] vgl. Huber 2002, S. 233

[13] Descartes 1637, S. 31

[14] Descartes 1637, S. 31

[15] vgl. Huber 2002, S. 230

[16] Descartes 1637, S. 33

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668127791
ISBN (Buch)
9783668127807
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314093
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund – Institut für Philosophie und Politikwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
rené descartes naturphilosophie wissenschaftliche methode substanzologie naturgesetze

Autor

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Titel: René Descartes' Naturphilosophie. Die Wissenschaftliche Methode, die Substanzontologie und die Naturgesetze