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Regionale Hegemonie oder Selbstüberschätzung? Der Auftritt Nigerias im liberianischen Bürgerkrieg

Hausarbeit 2012 19 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Afrika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Regionale Hegemonie
2.1 Selbst- und Fremdwahrnehmung
2.2 Vermittlung und Übertragung von Werten
2.3 Bereitstellung öffentlicher Güter
2.4 Die Einbettung regionaler Hegemone in das internationale System

3. Nigerias Umgang mit Liberia
3.1 Die Selbstwahrnehmung des regionalen Hegemon
3.2 Das regionale Akzeptanzniveau der Sekundärstaaten
3.3 Nigerias Vermittlung von Werten in der westafrikanischen Region
3.4 Nigerias Bereitstellung öffentlicher Güter
3.5 Die Einbettung Nigerias in das internationale System

Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zunehmend weisen prospektive Studien auf eine Verschiebung aufstrebender und stagnierender Wirtschaftsmächte in den nächsten Dekaden hin (Nolte 2006: 6).

Ursprünglich wurden Konzepte zur Untersuchung von Hegemonie für Staaten entwickelt, die außerhalb des afrikanischen Kontinents liegen. Bei der Anwendung im afrikanischen Kontext müssen die komplexen Dynamiken der regionalen Beziehungen berücksichtigt werden. Allgemein lässt sich konstatieren, dass vergleichende Studien über die Außenpolitik in Afrika große Lücken aufweisen. Von der Vielzahl theoretischer Ansätze zur Erklärung von Außen- und Sicherheitspolitik gingen nur wenige gedankliche Anregungen aus, die sich auf Afrika und die intraregionalen Beziehungen auf diesem Terrain sinnvoll anwenden lassen (Körner 1996: 42ff).

Diese Arbeit beschäftigt sich gezielt mit Nigeria als potentielle Regionalmacht. Es soll der Auftritt sowie seine Vorgehensweise im liberianischen Bürgerkrieg untersucht werden. Anhand verschiedener Indikatoren, die sich etwa auf das sicherheitspolitische Verhalten beziehen, soll analysiert werden inwieweit Nigeria als regionaler Hegemon betrachtet werden kann. Folgende Fragestellung soll diesbezüglich Zielführend sein:

„ Kann Nigeria aufgrund seines missionarischen Auftritts im liberianischen B ü rgerkrieg als regionaler Hegemon in Westafrika betrachtet werden? “

Die Unförmigkeit verschiedener Analysemodelle trifft in diesem Kontext auch auf das von Barry Buzan entwickelte „regional security complex“ Konzept zu. Es scheint ungeeignet in der Übertragung auf die westafrikanische Region, da Buzan argumentiert, dass Machtbeziehungen in regionalen Sicherheitskomplexen alle Staaten verbindet und sich erkennbare Muster im Verhalten der Regionalstaaten wieder finden. Die Komplexe bilden:

„ [...]a goup of states whose primary security concerns link together sufficiently closely that their national securities cannot realistically be considered apart from one another (Buzan 1983: 105f.). “

Diese mechanische Untersuchung lässt sich jedoch nicht auf den Bürgerkrieg in Liberia anwenden. Regionalstaaten und liberianische Unterstützer haben während des Konflikts ständig ihre Bündnispartner gewechselt. Obgleich Buzan selbst an der Formation der ECOWAS (The Economic Community of West African States) ein solches Muster erkennen lassen will, muss entgegen gesetzt werden, dass bis heute keine stringenten Verhaltensweisen bezüglich regionaler Sicherheitsstrategien in Westafrika erkennbar sind (Adebajo 2002: 6).

Bei der Untersuchung einer Regionalmacht muss zudem beachtet werden, dass diese in einer Wechselbeziehung mit dem sogenannten globalen System steht. Diese Einbettung hat wiederum Auswirkungen auf unser Verständnis von strukturell definierten Rollen sowie auch ganz konkret auf die Handlungskapazitäten und das Verhalten von Regionalmächten, beispielsweise in Bezug auf Sekundärstaaten (Prys 2012: 185).

Aus diesem Grund wird das hegemoniale sowie sicherheitspolitische Verhalten Nigerias mit einem Ansatz untersucht, der weniger die klassischen Indikatoren wie militärische- und ökonomische Stärke als Maßstäbe anwendet, sondern deutlich spezifischer hegemoniale Potentiale untersucht. Prys hat in ihrem Aufsatz „Developing a Contextually Relevant Concept of Regional Hegemony: The Case of South Africa, Zimbabwe and “Quiet Diplomacy”“ die Kategorien: Selbst- sowie Fremdwahrnehmung (perception), Vermittlung von Werten (projection) und die Bereitstellung öffentlicher Güter (provision) entwickelt, anhand derer mögliche regionale Hegemonie untersucht werden kann.

Zunächst sollen im zweiten Kapitel die Eigenschaften eines regionalen Hegemons beschrieben und das von Prys entwickelte Regionalmacht Konzept mit seinen verschiedenen Indikatoren vorgestellt werden. Dieses Konzept wird anschließend im dritten Kapitel auf Nigerias Auftritt im Liberia Konflikt übertragen. Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Nigeria, in Bezug auf seine Sicherheitspolitik in Westafrika sehr wohl eine hegemoniale Vormachtstellung einnimmt, diese aber aufgrund der innenpolitischen Defizite nicht auf die globale Ebene übertragen kann.

2. Regionale Hegemonie

„ Regionalm ä chte sind Staaten, die die Macht und das Selbstverst ä ndnis besitzen, ein regionales Subsystem zu dominieren, Staaten, die mehr Einflu ß auf ihre Nachbarn aus ü ben als diese umgekehrt, Staaten, denen zudem eine Schl ü sselrolle f ü r die Stabilit ä t innerhalb ihrer Region unterstellt wird (K ö rner 1996: 52). “

Bei dem Forschungsthema regionale Führungsmächte geht es nach Nolte um ein geographisches Konzept (Region), dass mit einem Grundkonzept aus den Theorien der Internationalen Beziehungen (Macht) verknüpft wird. Regionale Hegemone können als Staaten betrachtet werden, die innerhalb ihrer Sub- Region über Macht verfügen und einflussreich sind. Macht ist eines der zentralen Konzepte in realistischen Ansätzen der Internationalen Beziehungen und beschreibt die Kontrolle über vorrangig militärische Ressourcen (Nolte 2012: 22f.). Jedoch können realistische Ansätze, die von nur einem globalen Hegemon ausgehen, die Relevanz aufstrebender Regionalmächte nicht abbilden. Zudem beschränken sich die Indikatoren zur Analyse hegemonialer Staaten zumeist auf die militärische- und wirtschaftliche Macht des Staates (hard power). Dies ist jedoch lediglich eine Teileigenschaft und kann die Existenz von regionaler Hegemonie nicht erschöpfend erklären.

Regionalmächte sind grundsätzlich bestrebt, ihren Einfluss innerhalb der Region auszubauen und ihre Selbständigkeit gegenüber den wichtigsten externen beziehungsweise globalen Akteuren zu vergrößern und zu demonstrieren. Dabei hegen sie unumgänglich ein Interesse an ökonomischer Entwicklung sowie militärischer Aufrüstung. Jedoch gilt der höchsten Priorität, als Vorraussetzung für die Wahrung und den Aufbau der überlegenen Position, vorrangig Stabilität und Sicherheit - unter ihrer Dominanz, wenn nicht Hegemonie. Stabilität und Sicherheit gelten als zentrale Rahmenbedingungen und Hauptzielsetzung regionaler Integration (Körner 1996: 54).

Ein gemeinsamer Nenner der verschiedenen hegemonialen Theorieansätze lässt sich auf Gramsci zurückführen, der Hegemonie als subtile Form der Machtausübung beschreibt. Im Fokus stehen dabei die Ziele des Hegemons, die gegebenenfalls auch zum Nachteil der anderen Akteure verfolgt werden. Als subtil lässt sich die Hegemonie charakterisieren, da eigene Ziele als gemeinsame dargestellt werden, um somit die Legitimation und Unterstützung der Sekundärstaaten zu erhalten (Destradi 2012: 139f.).

Für die Analyse regionaler Führungsmächte ist es zudem unabdingbar die strukturellen Elemente mit außenpolitischen Strategien und dem Ergebnis dieser zu verknüpfen. Es wird folgend nicht von einer globalen Machthierarchie ausgegangen, sondern viel mehr von einem parallelen, sich überlagernden System globaler, regionaler sowie subregionaler Machthierarchien, die sich aus einem permanenten Prozess wechselseitiger Interaktionen ergeben. In diesem Sinn bilden Regionalmächte die Knotenpunkte zwischen der regionalen und globalen Machthierarchie (Nolte 2012: 29).

Anhand der drei folgenden, von Prys entwickelten, Indikatoren soll anschließend ein alternativer Zugang des regionalen hegemonial Begriffes in Bezug auf Nigeria eröffnet werden.

2.1 Selbst- und Fremdwahrnehmung

Maßgeblich nach Beendigung des Kalten Krieges und der Auflösung zweier sich rivalisierender Großmächte haben sich regionale Machtverhältnisse teilweise unintendiert verschoben. Bisherige Erklärungsansätze gehen zumeist davon aus, dass ein regionaler Hegemon den eigenständigen Willen hat, seine Macht aktiv zu demonstrieren. Diese Annahme schließt jedoch die passive Rollenzuschreibung eines aus.

Nach Prys ist hingegen die Selbstwahrnehmung einer regionalen Macht ebenso bedeutend wie die Wahrnehmung der sie umgebenen, relevanten Sekundärstaaten. Nur wenn diese ihre eigene Schwäche auch erkennen, kann eine Regionlmacht als solche begriffen werden. Dabei ist es gleichfalls nicht notwendig, dass jeder einzelne Staat der Region dieser Ordnung zustimmt (Prys 2008: 8).

Sekundärstaaten haben zudem die Möglichkeit den regionalen Hegemon mit der Unterstützung externer Staaten in seiner Machtausübung zu beeinflussen. So haben in vielen Regionen schwächere Staaten die Option, eine Sonderbeziehung mit der verbleibenden globalen Supermacht zu pflegen und auf diese Weise den Einfluss prospektiver regionaler Führungsmächte einzuschränken. Die Beziehung zwischen einer regionalen Führungsmacht und ihrer Bezugsregion kann somit ambivalent und belastend sein. Das regionale Umfeld und Missstände im eigenen Hinterhof können die Möglichkeit für eine globale Machtprojektion von regionalen Führungsmächten einschränken (Nolte 2012: 21).

Wie hoch die Akzeptanz einer Regionalmacht in ihrem Umfeld ist, zeigt sich dann beispielsweise an der Bereitschaft von Sekundärstaaten, tatsächlich Hilfe von dem jeweiligen Hegemon anzunehmen und gegebenenfalls gegenüber externer Unterstützung zu präferieren. Zudem kann die Bereitschaft Verantwortung in der Region zu übernehmen, besonders hinsichtlich ökonomischer und administrativer Aufgaben, ein Indiz für die Akzeptanz darstellen. Umgekehrt hat eine Regionalmacht oftmals einen besonderen Anreiz daran, das Bildungsniveau in der Region auszubauen (Prys 2008: 9).

2.2 Vermittlung und Übertragung von Werten

Ein weiteres Charakteristikum einer Regionalmacht ist dessen Projektion von Werten in der jeweiligen Region. Dieser Prozess kann allgemein als „Sozialisation“ verstanden werden. Zwei Faktoren erschweren jedoch diese Untersuchung. Zum Einen ist der Sozialisierungsprozess langwierig und läuft nicht unbedingt bewusst ab. Beispielsweise kann sich dieser aus mehreren unbeabsichtigten Konsequenzen ergeben. Zweitens ist der Begriff „Sozialisation“ nur schwer definierbar und kaum ausreichend erforscht um ihn als Analyse Maßstab anwenden zu können.

Sozialisationsforschungen in den Internationalen Beziehungen stützen sich zumeist auf konstruktivistische Ansätze die das veränderte machtpolitische Denken, den Schlüsselfaktor der hegemonialen Sozialisation, vernachlässigen. Der gangbarste Weg hegemoniale Sozialisation zu messen ist vermutlich sehr differenziert historische Abläufe zu betrachten, um anschließend das Verhalten von politischen Eliten zu deuten. Dieser Vorgang erweist sich jedoch offensichtlich als unbrauchbar bei der Erforschung einer aktuellen Thematik.

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Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668128606
ISBN (Buch)
9783668128613
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314070
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Politische Wissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Regionalmacht Nigeria Bürgerkrieg Afrika Liberia Westafrika Hegemon ECOWAS Sicherheitspolitik

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