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Tagelieder im Vergleich. "Sîne klawen" und "Den morgenblic bî wahtaeres sange erkôs" von Wolfram von Eschenbach

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 13 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Handlungsablauf
2.2 Figurenkonstellation
2.3 Gesellschaftszustände
2.4 Sîne klâwen durch die wolken sint geslagen
2.5 Den morgenblic bî wahtaeres sange erkôs

3. Schlusswort

4. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Eine lyrische Form für die Thematik der Liebe im Mittelalter stellt die Gattung des Tageliedes dar. Spricht man von einem Tagelied, so meint man eine Liedgattung des Minnesangs.

„Obwohl in diesen Liedern [Tageliedern] das in der Werbelyrik [Minnesang] offen oder verdeckt angestrebte Ziel [Liebeserfüllung] erreicht ist, bleibt auch diese Gattung durch die leidbesetzte Situation des Abschieds im Stimmungsrahmen des Minnesangs.“[1]

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit den Tageliedern „Sine klâwen“ und „Den Morgenblic“ von Wolfram von Eschenbach, welche zu den bedeutendsten Tageliedern des deutschen Mittelalters zählen. Neben seinen lyrischen Qualitäten ist der Dichter Eschenbach vor allem für seine epischen Werke Parzival oder Willhalm bekannt.

Da viele Menschen mit Gefühlen wie Liebe oder Trennungsschmerz vertraut sind und somit die Situation des Liebespaares in Tageliedern nachempfinden können, eignet sich diese Thematik als Untersuchungsgegenstand einer Hausarbeit. Dass die Liebe aus gesellschaftlichen Gründen nicht an die Öffentlichkeit geraten darf, ist auch heute noch eine Problematik, die Liebende beschäftigt. Dieser Aspekt ermöglicht eine Parallele zwischen dieser Arbeit und der Aktualität herzustellen.

Primär gilt zu klären, was im Allgemeinen charakteristisch für die Tagelieder des deutschen Mittelalters ist. Auch werden anhand zweier konkreter Beispielstexte Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Tageliedern erörtert.

Um den Einstieg in diese Arbeit zu erleichtern, werden zunächst die Merkmale, wie beispielsweise der Rollenverteilung und der Handlungsablauf eines typischen Tageliedes aufgezeigt. Im weiteren Verlauf wird das Tagelied „Sine klâwen“ vorgestellt, auf stilistischer Ebene analysiert und interpretiert. Im Anschluss folgt das zweite Lied Eschenbachs „Den Morgenblic“. Auch hier erfolgt eine ausführliche Analyse. Die Ergebnisse der Analyse beider Tagelieder werden anschließend miteinander verglichen. Die zentrale Frage nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den beiden Tageliedern wird in einer abschließenden Zusammenfassung im Schlussteil beantwortet.

2. Hauptteil

2.1 Handlungsablauf

„Tagelieder poetisieren den Schmerz, den ein Liebespaar empfindet, das nach der nächtlichen Vereinigung bei Tagesanbruch voneinander Abschied nehmen muß.“[2] Während im klassischen Minnesang ein männliches lyrisches Ich eine Frau gehobenen Standes anbetet, die für ihn jedoch unerreichbar ist, ist die Situation im Tagelied eine andere. Anders als in der Minne beklagt im Tagelied zunächst die weibliche Figur die Situation des Paares. Nach einer leidenschaftlichen Nacht erwacht das Liebespaar, welches durch den Ruf des Wächters oder die aufgehende Sonne geweckt wird. Ehe sich das Liebespaar trennt, kommt es meist zu einer letzten sexuellen Handlung.

Zwar kann man im Tagelied von einer erfüllten Liebe sprechen, doch nimmt dieser Aspekt im Vergleich zum schmerzerfüllten Abschied eine unbedeutendere Rolle ein. Die Liebenden werden von Gedanken geplagt, man könne sie bei ihrem geheimen Zusammentreffen erwischen. Ihr Aufeinandertreffen verstößt gegen die gesellschaftlichen Normen ihrer Zeit. Aus diesem Grund ist eine Trennung am Morgen unumgänglich. Doch trotz der Trauer, die die beiden empfinden, wissen sie, dass der „Abschied [...] die innigste Weise menschlichen Zusammenseins“[3] ist und diese Trennung kein endgültiger Abschied sein wird.

2.2 Figurenkonstellation

Die Dame repräsentiert die Hauptfigur im mittelhochdeutschen Tagelied. Sie, die für gewöhnlich einem hohen Stand angehört, trifft auf ihren Liebhaber. Diesen gesellschaftlichen Status genießt die Dame auch im Minnegesang.

Das Tagelied beginnt häufig mit dem Klagen der Frau, die sich nicht von ihrem Gatten trennen möchte und den Abschied auf weinerliche Art herbei dichtet. Es ist selten der Fall, dass das männliche lyrische Ich das Wort übernimmt, da dieser zu sehr von Liebeskummer und dem Abschiedsschmerz gequält ist.

Viele Tagelieder lassen sich auch als Wächterlieder betiteln, da sie eine dritte wichtige Person mit einschließen. Diese Figur ist der Wächter, der das Pärchen von außen schützen will und den Mann am Morgen heimlich aus dem Gemach verschwinden lässt. Auf respektvolle Art appelliert der Wächter an die Vernunft der Liebenden.Wolfram von Eschenbach wird von vielen auch als der „Schöpfer der Wächterfigur“[4] betitelt. Seinen lyrischen Stücken sagt man nach, dass sie die ersten Wächterlieder seiner Zeit waren.

2.3 Gesellschaftszustände

Das mittelhochdeutsche Tagelied zeichnet sich neben seiner besonderen Handlung und mittelhochdeutschen Sprache auch durch die Gesellschaftszustände aus. Die Menschen des Mittelalters lebten in einer Ständegesellschaft, die sich in Geistliche, Adlige und freie Bürger einteilte. Die Dame der vorliegenden Tagelieder gehört dem Adelsstand an. Einige Textstellen weisen darauf hin, dass auch der Geliebte diesem Stand angehört. Ein Beispiel hierfür findet man im Tagelied „Den morgenblic bi wahtaeres sange erkôs“[5], da ihm das Adjektiv „werden“[6] (edel) zugeschrieben wird.

Die Eheschließung war ein wichtiges Ereignis im Leben der Frau, doch wurde diese oft nicht aus Liebe geschlossen. Dem Sohn einer Adelsfamilie stand es frei, welche Frau er sich für sein Leben aussuchte. Das Paar musste jedoch demselben Stand angehören, damit die Gleichrangigkeit erfüllt ist. Heiratete ein Adliger eine ihm untergeordnete Bürgerin, so gehörte auch er nach der Eheschließung dem niederen Stand an. Die zukünftige Ehefrau hatte bezüglich der Ehe keinerlei Mitspracherecht. Auch innerhalb der Ehe musste sie sich ihrem Gatten unterordnen. In Bereich der Sexualität hatten die Frauen Vorgaben, denen sie folgen mussten. So war es unerwünscht, dass sie durch knappe Kleidung oder unangebrachtes Verhalten auffallen.

Ausgehend von diesen Tatsachen erscheint es grotesk, dass im Tagelied all diese Verbote von der Frau ausgelebt werden. Es wirkt, als ob die Dame sich im Tagelied gegen alle Vorschriften richtet und sich ihren Gefühlen hingibt.

2.4 Sîne klâwen durch die wolken sint geslagen

Im folgenden Kapitel wird das Tagelied „Sîne klâwen“ vorgestellt und auf charakteristische Merkmale untersucht. Zu finden ist das Lied mit der dazugehörigen Übersetzung in Anhang 1. Dieses Tagelied zählt zur Gattung der Wächterlieder.

Beginnend mit der Situation innerhalb des Tagesliedes, lässt sich feststellen, dass die Dame sich in einem Streitgespräch mit dem Wächter befindet. Im Wechsel von einer zur nächsten Strophe diskutieren die Dame und der Wächter über die Trennung des Liebespaares. Daraus lässt sich schließen, dass es kein greifbares lyrisches Ich gibt, da mehrere Stimmen miteinander interagieren. Durch ihr dominantes Verhalten gegenüber dem Wächter wird deutlich, dass sie einen höheren gesellschaftlichen Rang einnimmt.[7] Die ermahnenden Worte des Wächters, sie solle sich nun trennen, ignoriert die Dame. Durch den Gesang des Wächters und die aufgehende Sonne erwacht auch der Liebhaber aus seinem Schlaf.

In der ersten Strophe kündigt der Wächter den Tagesanbruch an. „Der Tag [...] ist auch Symbol der Öffentlichkeit[8], da man nun nicht mehr den Blicken der Gesellschaft entfliehen kann. Der Wächter setzt den Morgen einem Monster gleich, das durch seine Klauen die Wolken durchschlägt.[9] Es lassen sich leise Zweifel des Wächters erkennen, da er sich besorgt über den Besuch des edlen Mannes äußert. Doch aufgrund der Vorbildlichkeit[10] des Mannes, gehorcht der Wächter diesem und möchte ihm dennoch zur Flucht verhelfen. Voller Schmerz betrauert die Liebende in der zweiten Strophe den Abschied von ihrem Geliebten und weist den Wächter darauf hin, dass er ihr das ganze Glück nimmt.[11] Die Antwort des Wächters in Strophe drei ist das Versprechen, ihr ihren Geliebten bald zurückzubringen. Trotz des Widerstandes der Dame in Strophe vier, besteht der Wächter auf die Trennung des Paares. Die Dame merkt an, dass er ihr schon oft aus ihren „nackten Armen gerissen [wurde], aber nicht aus ihrem Herzen (du hâst in dicke mir benomen von blanken armen, und ûz herzen niht).“[12] Dem vierstrophigen Dialog folgt in der fünften und letzten Strophe der Eingriff des Erzählers. Dieser berichtet vom letzten sexuellen Aufeinandertreffen der Liebenden. Die eigentliche Trennung findet im Tagelied keine Erwähnung.

[...]


[1] Schweikle, Günther: Minnegesang, Stuttgart: J.B. Metzler Verlag 1995, S. 135.

[2] Wolf, Alois: Tagelieder des deutschen Mittelalter, Stuttgart: Philipp Reclam Verlag 1992, S. 11.

[3] Wapnewski, Peter: Die Lyrik Wolframs von Eschenbach, München: 1972, S. 90.

[4] Knoop, Ulrich: Das mittelhochdeutsche Tagelied. Inhaltsanalyse und literaturhistorische Untersuchungen, Marburg: Marburger Beiträge zur Germanistik 52 1976, S. 13.

[5] Wolf, Alois: Tagelieder des deutschen Mittelalter, Stuttgart: Philipp Reclam Verlag 1992, S. 88f.

[6] Ebd., S. 90.

[7] Wolf, Alois: Tagelieder des deutschen Mittelalter, Stuttgart: Philipp Reclam Verlag 1992, S. 92.

[8] Kühnel, Jürgen: Das Tagelied. Wolfram von Eschenbach: Sine klawen in: Gedichte und Interpretationen. Mittelalter, Stuttgart: Reclam UB 1993, S. 157.

[9] Wolf, Alois: Tagelieder des deutschen Mittelalter, Stuttgart: Philipp Reclam Verlag 1992, S. 91.

[10] Vgl Ebd.

[11] Wolf, Alois: Tagelieder des deutschen Mittelalters, Stuttgart: Philipp Reclam Verlag 1992, S. 93.

[12] Ebd.

Details

Seiten
13
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668129993
ISBN (Buch)
9783668130005
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314039
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
2,3
Schlagworte
tagelieder vergleich sîne wolfram eschenbach

Autor

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