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Der organisationale Wandel des IWF

Policy Learning als theoriegeleiteter Erklärungsansatz des Paradigmenwechsels einer Internationalen Organisation

Bachelorarbeit 2015 53 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Int. Organisationen u. Verbände

Leseprobe

A. Inhaltsverzeichnis

B. Der organisationale Wandel des IWF – Policy Learning als theoriegeleiteter Erklärungsansatz des Paradigmenwechsels einer Internationalen Organisation

I. Einleitung

II. Policy Learning
1. Einführung in das Lernen in der Politik
1.1 Einführung in das Lernen
1.2 Einführung in die Akteure des Lernens
1.3 Ansätze des Lernen in der Politik
1.3.1 Beratungsorientierte Ansätze
1.3.2 Analyse orientierte Ansätze
1.3.3 Soziologisch orientierte Ansätze
1.3.4 Übersichtstabelle: Drei elementare lerntheoretischer Ansätze
1.4 Zwischenfazit: Warum Hall?
2. Halls Theorie des Sozialen Lernens
2.1 Historischer Institutionalismus
2.2 Politikfeld
2.3 First Order Change
2.4 Second Order Change
2.5 Third Order Change
2.6 Paradigmenwechsel
2.7 Die Idee im politische Prozess
3. Erwarteter Erklärungswert

III. IWF
1. Geschichte: Gründung, Übereinkommen, Ziele
2. Organisationsstruktur
2.1 Mitgliedschaft und Quoten
2.2 Organe
2.2.1 Gouverneursrat
2.2.2 Exekutivdirektorium
2.2.3 Geschäftsführender Direktor
2.2.4 Beratungs- und Kontrollkomitees
2.3 Stimmrecht und Wahlsystem
2.4 Mittelaufkommen
3. Instrumentarien
3.1 Überwachung und Konsultation
3.2 Finanzierungsmechanismen
3.2.1 Ausgestaltung der Kredite
3.2.2 Kredite
3.3 Technische Unterstützung
4. Demokratische Legitimation

IV. Der Paradigmenwechsel in der Organisation des IWF – ein theoriegeleiteter Erklärungsversuch
1. Die Gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
1.1 Globalisierung
1.2 Die Ökonomie des Weltmarktes
1.3 Neoliberalismus als Politik-Paradigma
1.4 (Neo)Keynesianismus
1.5 Gegenüberstellung Neoliberalismus – Keynesianismus
2. Der Wandel des IWF
2.1 First Order Change
2.2 Second Order Change
2.3 Third Order Change

V. Fazit

C. Tabellenverzeichnis

D. Abbildungsverzeichnis

E. Literaturverzeichnis

„ The ideas of economists and political philosophers, both when they are right and when they are wrong, are more powerful than is commonly understood. Indeed the world is ruled by little else. Practical men, who believe themselves to be quite exempt from any intellectual influence, are usually the slaves of some defunct economist. Madmen in authority, who hear voices in the air, are distilling their frenzy from some academic scribbler of a few years back. I am sure that the power of vested interests is vastly exaggerated compared with the gradual encroachment of ideas. “

John Maynard Keynes, The General Theory, 1935, Seite 383 .

„ Any doctrine is more likely to be accepted by professional economist if it is theoretically appealing, and that will turn on its relationship to existing theory. “

Peter Hall, The Political Power of Economic Ideas. Keynesianism across Nations, 1989, Seite 372.

B. Der organisationale Wandel des IWF – Policy Learning als theoriegeleiteter Erklärungsansatz des Paradigmenwechsels einer Internationalen Organisation

I. Einleitung

Seit Beginn der Europäischen Wirtschaftskrise 2007/2008 erfreut sich auch der Internationale Währungsfonds (IWF) wachsender, vielfach aber auch zweifelhafter Berühmtheit. Insbesondere im Fall der Griechenlandkrise wird dem IWF oftmals Versagen vorgeworfen. So seien die gemeinsam mit der Europäischen Union und der Europäischen Zentralbank (Troika) auferlegten Sparmaßnahmen zu harsch, würden Unruhen und unweigerlich den Zusammenbruch des Sozialstaats zur Folge haben. Die Troika hingegen verweist stetig auf den Reformunwillen der Regierung Tsipras. Der IWF selbst lässt feststellen, dass bereits viel früher von Seiten der Internationalen Organisation ein Schuldenschnitt gefordert worden sei (vgl. Sapin, 2015: 7).

Die vorliegende Ausarbeitung wird natürlich nicht zur Lösung der Griechenlandkrise beitragen oder unmittelbare Lösungsansätze finden. Jedoch kann die Untersuchung um einen Paradigmenwechsel des IWF im Konflikt des Washington Consensus – sowie dem damit verbundenen Marktfundamentalismus – gegenüber dem Aufbegehren eines neuen Keynesianismus viel über eine der einflussreichsten Internationalen Organisationen der Welt aufdecken. Auch kann eine kritische Untersuchung Aufschluss über Entwicklungsdynamiken im Hinblick auf die Entwicklung im internationalen Wirtschaftsraum nach der Wirtschaftskrise geben.

Um zu einer Darlegung solcher Entwicklungen und Dynamiken beizutragen, musste der vorliegende Untersuchungszeitraum eingegrenzt werden. Wenn auch die Entwicklung des IWF bereits früh durch den Konflikt von Neoliberalismus und Keynesianismus geprägt war, so erscheint es geboten den unmittelbaren Wandel nach der Wirtschaftskrise 2007/2008 zu fokussieren. Hier wurden aufgrund einer ökonomischen und subsequent auch politischen Krise der bestehende Interpretationsrahmen verschoben. Vor diesem Hintergrund wird das Policy Learning als theoriegeleiteter Erklärungsansatz herangezogen, um dem Grad des Politikwandels einen Erklärungswert beizumessen.

Hierzu erfolgt nun im ersten Teil eine theoretische Einführung unter historischer wie theoretischer Betrachtung des Policy Learning. Aus dem Kontext der Entwicklung dieses Untersuchungsfeldes wird Halls Theorie des Social Learning hervorgehoben und dezidiert dargelegt. Der zweite Teil beschäftigt sich dann mit der organisationalen Ausgestaltung des IWF, welche zur weiteren Analyse sehr detailliert und umfassend erfolgt. Der dritte und Hauptteil wird dann den Erklärungsansatz des Social Learning nach Hall auf den IWF übertragen, untersucht und kritisch hinterfragt. Zunächst wird dazu einleitend der gesellschaftliche Rahmen der Arbeit des IWF sowie bestehende Paradigmata kurz umschrieben. Im Anschluss erfolgt die besagte Analyse des Politikwandels, die im vierten Teil mit einem Fazit ihren Abschluss findet. Das Untersuchungsergebnis wird letztlich darstellen, dass ein dreistufige Wandel im Rahmen des First, Second und Third Order Change nach Hall in den Prozessen des IWF zu beobachten ist. Dabei wird insbesondere herausgestellt, dass der Wandel im Rahmen der Stufen des First und Second Order Change als Prozesse des Einfachen und Komplexen Lernen s zu identifizieren sind, die durch die inkrementelle Neujustierung von Politikinstrumenten sowie schließlich die Ablösung bestehender Förderinstrumente erfolgt. Es wird dargelegt, dass die Initiative dieser Maßnahmen zumeist auf Seite der Experten und des Fachpersonals lag, wohingegen der Third Order Change, welcher letztlich zu einem Paradigmen führen kann tatsächlich „breite gesellschaftliche Kräfte“ erforderte. Dass es zu einem Paradigmenwechsel gekommen ist, wird durch die Ausführungen nicht abschließend bewiesen. Vielmehr verbleibt die Erkenntnis, dass in derart technisch komplexen Umgebungen sich Paradigmata in bürokratischen Routinen verankern. Mithin liegt ein inkrementeller Wandel hin zu einem neuen Paradigma des wiederauflebenden Keynesianismus nahe.

II. Policy Learning

Zu Beginn dieser Ausführungen steht also eine Einführung in die dem Erklärungsversuch zugrunde gelegte Theorie: Policy Learning – Lernen in der Politik. So soll in diesem Kapitel zunächst eine allgemeine Einführung unter Verweis auf die divergierenden Ansätze innerhalb des Theorie-Stranges sowie kurz auf einige bahnbrechende Arbeiten eingegangen werden. Diese werden anhand von Lernformen und der Rolle der Akteure differenziert (vgl. Biegelbauer, 2007). Nach einer den ersten Teil abschließenden Übersicht wird herausgestellt, warum die Theorie Hall s vorliegend den größten Erklärungswert zu bieten scheint. Im zweiten Teil wird dann dezidiert auf den Ansatz Hall s eingegangen. Dabei soll die Struktur des hall schen Ansatzes, insbesondere das Verständnis von Paradigmata sowie die First, Second and Third Order Changes herausgearbeitet werden. Im Anschluss wird sodann, gewissermaßen als Zwischenfazit, ein erwarteter Erklärungswert für die Anwendung auf den organisationalen Wandel des IWF vorgetragen.

1. Einführung in das Lernen in der Politik

Eine Einführung in das Thema des Policy Learning hat zwangsläufig mit einer Begriffsbestimmung zu beginnen. Im Fokus dieser Begriffsbestimmungen steht zunächst einmal der Terminus des „Lernens“, denn von diesem ausgehend kann sich ein lerntheoretischer Ansatz erst entwickeln. Im Anschluss müssen dann noch die Akteure herausgestellt werden, bevor überhaupt die lerntheoretischen Ansätze selbst behandelt werden können.

1.1 Einführung in das Lernen

Wie so oft in wissenschaftlichen Kontexten ist die Frage nach einer Definition nicht einfach zu beantworten, da es auch bzgl. des „Lernens“ unterschiedliche Ansätze gibt (vgl. Bandelow, 2003: 300; Biegelbauer, 2007: 237 ff.). Zielführend erscheint es jedoch, im vorliegenden Analyserahmen auf eine Kategorisierung aus der Organisationsforschung zurückzugreifen. Diese unterscheidet u.a. drei Kategorien von Lerntypen: Einfaches, Komplexes und Reflexives Lernen. Schon allein in der Bezeichnung wird ein Steigerungsgrad deutlich, welcher essentiell die steigenden Anforderung an Lernen im Kontext des Zusammenspiels von Akteur und Organisation widerspiegelt (ibid).

Unter dem Einfachen Lernens wird der Lernprozess als Anpassung von Strategien an die Zielerreichung begriffen. In einem veränderten Umfeld müssen Akteure und Organisationen fundamentale Handlungsstrategien oder Annahmen derart justieren, dass das Ziel bzw. die „Wertvorstellung einer Handlungstheorie“ unabhängig von der Veränderung erhalten bleibt (Argyris/Schön, 1999: 36 f.).[1]

Das Komplexe Lernen geht einen Schritt weiter. Aufgrund des Infragestellens von Zielen erfasst dieser Lernprozess sowohl die fundamentalen Handlungsstrategien oder Annahmen als auch das bestehende Ziel. Die erfolgende Neubewertung führt zu einem „Wertewechsel“, welcher sich insbesondere durch die Änderung der Werte innerhalb handlungsleitender Theorien eines Akteurs oder der gesamten Organisation äußert (Argyris/Schön, 1999: 37).[2]

Im Rahmen des Reflexiven Lernens, welches durch Bateson geprägt wurde, wird dann das organisationsinterne Lernsystem ins Zentrum gestellt. Dabei sollen Mitglieder einer Organisation, aufgrund des Bewusstseins der Existenz und Veränderlichkeit solcher Lernsysteme, die Möglichkeit haben die vorherrschenden Lernmuster in der organisationalen Untersuchung festzulegen (Argyris/Schön, 1999: 37; Biegelbauer, 2007: 238).[3]

Diese Kategorisierung, wenn auch aus der Organisationsforschung entstammend, kann aufgrund des inhärenten Erklärungsgehaltes als zielführendes Addendum für die nachfolgenden Ausführungen zum Policy Learning verwandt werden.

Tabelle 1 Übersicht Lerntypen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Übersicht, vgl. Bandelow, 2003: 300; Biegelbauer, 2007: 237 ff.

1.2 Einführung in die Akteure des Lernens

Aus den vorangegangenen Ausführungen lässt sich deutlich entnehmen, dass Policy Learning von aktiv in der Formulierung und Umsetzung politischer Programme beteiligten Akteuren ausgeht. Ansätze, wie sie in den realistisch geprägten, staatszentrieten Ansätzen der Internationalen Politischen Ökonomie zu finden sind, die von unitarischen Akteuren ausgehen, reichen hier nicht aus (vgl. Lütz, 2014: 428). Vielmehr werden vorliegend darüber hinaus auch die einzelnen Akteure, aus denen sich der IWF und seine Stakeholder zusammensetzen, in den Fokus gerückt. Mithin sollen auch Ansätze, die Informationsasymmetrien im Prinzipal-Agenten Kontext (Rationalistische Prinzipal Agenten Modelle) oder den bürokratischen Charakter von Internationalen Organisationen (Konstruktivistische Modelle) erfassen, Berücksichtigung finden (in Anlehnung an Lütz, 2014: 428).

Die konkrete Konzeptualisierung der Akteure verschiebt sich also je nach Forschungsinteresse oder Untersuchungsschwerpunkt (Biegelbauer, 2007: 236; Bandelow 2003: 291), sodass in den nachfolgenden Ausführungen lediglich begrifflich zwischen den Kategorien individueller und kollektiver Akteuren unterschieden werden soll (vgl. Tabelle 2). Der Erklärungswert aus unterschiedlichen Modellen soll jedoch weitestgehend utilisiert werden. Dies erfolgt im Anbetracht des Analyserahmen aufgrund der Handlungen von Individuen, Organisationen und Staaten im Umfeld des IWF.

Tabelle 2 Akteure des Lernens

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Übersicht, vgl. Scharpf, 2000: 103ff.

1.3 Ansätze des Lernen in der Politik

Um nun aber mit der Einführung fortzufahren, muss an dieser Stelle sodann die dem Policy Learning zugrundeliegenden Annahme dargestellt werden. Sie dient als letztlich alleinstehendes Bindeglied zwischen den zu differenzierenden lerntheoretischen Ansätzen. Diese Grundannahme konstatiert, dass Lernen in der Politik als auf Basis neuer Informationen erfolgende, dauerhafte Verhaltensänderung der Akteure zu begreifen sei (Bandelow, 2003: 311). Zugleich steht bei lerntheoretischen Ansätzen – im Unterschied zu den Rational Choice Theorien – zudem der Gedanke von Ideen und Überzeugungen im Vordergrund (vgl. Blyth, 1997: 230f.; Bandelow, 2003:289f.).

Von dieser Grundannahme ausgehend konnten sich verschiedene Ansätze entwickeln, die sich mit stets unterschiedlichem Fokus dem Lernen in der Politik widmen. Es treten drei Kategorien zutage.

1.3.1 Beratungsorientierte Ansätze

Die erste Kategorie bilden dabei die beratungsorientierten Ansätze. Diese fokussieren die Policy Analyse und sollten wissenschaftlich fundiert Beratung im Hinblick auf einen rationalen Politik-Prozess einführen (Biegelbauer, 2007: 233).[4] Daher kann man sie in der Tradition von Deutsch kybernetischer Systemtheorie der Politik (Deutsch 1966) sehen (vgl. Biegelbauer, 2007: 233).

Als einer ihrer prominentesten Vertreter ist Heclo anzuführen. Er konstatierte aufgrund seiner Studie der britischen und schwedischen Sozialpolitik, dass politische Interessen und Prozesse sich durch Erfahrung verändern können. In diesem Zusammenhang stellt Heclo als elementar heraus, dass Akteure sich auch mit Unsicherheiten auseinandersetzen müssen, wodurch Politik zur kollektiven Lösungssuche für soziale Probleme wird (Heclo, 1974: 305 – 306):

„Governments not only ‚power’ […] they also puzzle. Policy-making is a form of collective puzzlement on societies’ behalf“ (Heclo, 1974: 305; auch zitiert in Hall, 1993: 275 – 276).

Letztlich wird hier ein normativer Lernbegriff zur Ideen-gesteuerten systematischen Politikentwicklung durch kollektive Akteure und politische Mittelsmänner geschaffen (vgl. Bandelow, 2003, 289 ff.; Biegelbauer, 2007: 240).

1.3.2 Analyse orientierte Ansätze

Auch die zweite Kategorie beschäftigt sich mit der Analyse politischer Prozesse, wobei der Policy Transfer im Fokus steht. So wird hier vordergründig die wertfreie Beurteilung von Veränderungsprozessen bei der Verschiebung von Überzeugungen in politischen Sub-Systemen behandelt. Dabei ist insbesondere der Ansatz von Jenkins-Smith/Sabatier (1993) hervorzuheben. Die zentralen Akteure dieses Ansatzes sind in Netzwerke (advocacy coalitions) von individuellen aber auch kollektiven Akteuren, die durch Interessenkoalitionen ins Leben gerufen werden, zu verstehen (Sabatier, 1998: 99 ff.). Lernprozesse finden in oder zwischen diesen Koalitionen statt (Biegelbauer, 2007: 240).

1.3.3 Soziologisch orientierte Ansätze

Abschließend ist noch auf die dritte Kategorie, nämlich soziologisch orientierte Ansätze zu sprechen zu kommen. Diese zeichnet sich durch ihre Schnittmenge zur Soziologie, aber auch ihre Anlehnung an Raumplanung und Mikroökonomie aus (vgl. Biegelbauer, 2007: 235). Dies wird insbesondere durch die Begrifflichkeit des Social Learning ausgedrückt, welche am aussagekräftigsten durch Halls Theorie des Sozialen Lernens unterstrichen wird (1989; 1993). In dieser erklärt Hall im Kontext des wirtschaftspolitischen Wechsels vom Keynesianismus zum Monetarismus im England der 1970er und 1980er Jahre anhand eines neutralen Lernbegriffes wirtschaftspolitischen Politikwandel. Dabei wird dreistufig zwischen Lernformen unterschieden: Einstellungen von Steuerungsinstrumenten (First Order Change), Wahl neuer Steuerungsinstrumente (Second Order Change) und grundlegender Paradigmenwechsel (Thrid Order Change) (Hall, 1993: 281 ff.) .

1.3.4 Übersichtstabelle: Drei elementare lerntheoretischer Ansätze

Tabelle 3 Übersichtstabelle: Drei elementare lerntheoretischer Ansätze

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung, vgl. Haiden (2008: 21)

1.4 Zwischenfazit: Warum Hall?

Es erscheint zwar als Vernachlässigung, nicht weiter auf die benannten bahnbrechenden Werke einzugehen, jedoch ist eine Beschränkung angesichts des Analyserahmen zielführend. Vorliegend fällt die Wahl ob des größten Erklärungspotentials auf Hall s Theorie des Social Learning. Im Zentrum dieser Analyse steht der Wandel des IWF, welcher sich prominent auf verschiedenen Ebenen auszuwirken und zugleich bisherige Politiken – insbesondere den Washington Consensus – in Frage zu stellen scheint. Somit wird ein bestehendes Paradigma durch einen potentiellen Wandel von Ideen im Angesicht einer Krise angegriffen. Mithin liegt der hallsche Ansatz ob seines spezifischen Fokus auf Pfadabhängigkeit und Third Order Change nahe, um den Grad von Politikwandel zu bewerten. Nicht zuletzt ist aber auch die historisch Konnotation – ohne Einfluss auf den Erklärungswert zu nehmen – anzumerken: Hall untersuchte bereits den Paradigmen-Wechsel vom Keynesianismus hin zum Monetarismus. Keynes kam wiederum eine grundlegende Funktion in der Entwicklung des Bretton Woods Systems und insbesondere des IWF zu.

2. Halls Theorie des Sozialen Lernens

Nachdem nun also die Theorie des Sozialen Lernen s nach Hall dargestellt werden soll, erfolgt zunächst eine Zuordnung zu einer Theorie-Schule der Politikwissenschaft, namentlich dem historischen Institutionalismus. Im Anschluss soll dann sogleich dezidiert dargelegt werden, welche Annahmen Hall zur Politikfeldanalyse hat und wie sich seine Theorie des Social Learning konzipiert. Abschließend soll im Rahmen der Betrachtung des Third Order Change auch auf den Paradigmen-Begriff unter den Anlehnung an der kuhnschen Analogie eingegangen werden. Letztlich wird dann noch die zentrale Rolle der Idee im Politikprozess herausgestellt.

2.1 Historischer Institutionalismus

Zunächst ist also festzuhalten, dass Hall einen prominenter Vertreter des historischen Institutionalismus darstellt (vgl. Blyth, 1997: 229, 233f.). Zentrale Annahmen des historischen Institutionalismus rotieren um die Strukturierung des Konflikts rivalisierender Gruppen um knappe Ressourcen (Taschowsky, 2001: 5) und ergänzen die Institutionalistischen Theorien durch den Aspekt der Historizität von Institutionen und Entscheidungsprozessen (Morisse-Schilbach, 2013: 273). Innerhalb der Gesellschaftsstruktur nehmen hier also Institutionen, welche sich als in Organisationsstrukturen verwirklichte formale und informelle Prozesse, Handlungsmuster, Normen und Konventionen darstellen (Hall/Taylor, 1996: 6), eine zentrale Funktion ein.

Die Bedeutung dieser Funktion lässt sich anhand des Akteur-Bildes erklären. So geht der historische Institutionalismus von am Zielerreichungsgrad orientierten Akteur-Handeln unter Berücksichtigung der eigenen Präferenzordnung aus (Taschowsky, 2001:5). Dies lässt sich – wie eingangs erwähnt – mit den dargestellten lerntheoretischen Ansätzen kontextualisieren.

Darüber hinaus werden zwei Stränge hinsichtlich der Ausbildung der Präferenzen unterschieden: der historisch-ökonomische sowie der historisch-soziologische Strang. Erster Strang fußt auf einem Verständnis von Institutionen, welches als „thin institutions“ bezeichnet wird (Morisse-Schilbach, 2013: 274). So verringern Institutionen der Gesellschaftsstruktur inhärente Unsicherheiten durch die Bereitstellung von Informationen sowie Durchsetzungs- und Sanktionsmechanismen (Taschowsky, 2001: 6). Hierdurch wird ein Muster von Zwängen und Anreizen geschaffen, welches seinerseits dem Akteur exogen generierte typische Strategien, Problemlösungs- und Entscheidungsoptionen auferlegt (Morisse-Schilbach, 2013: 274).

Diese Logik wird als Pfadabhängigkeit bezeichnet und schafft die Unsicherheit reduzierende Vorhersehbarkeit (Thelen/Steinmo, 1992). Jedoch ist zu betonen, dass hier nicht von einer rein exogenen Determination des Akteurs ausgegangen werden kann, da insbesondere Struktur und Handeln in ihrer Zweidimensionalität wechselseitig auf einander einwirken (Kaiser, 2001: 263). Der Wandel von Organisationsstrukturen wird hier also als inkrementeller Prozess begriffen, der aus dem strategischen Bestreben der Akteure erwächst. Wichtig ist dabei der inkrementelle Charakter, da lediglich Innovationen oder Krisen zu einem grundlegenden Wandel führen (vgl. Beyer, 2005: 18).

Dem gegenüber unterliegt der historisch-soziologische Institutionalismus einem „thick institutions“-Verständnis (Morisse-Schilbach, 2013: 274). Nach dieser Ansicht kommt Institutionen also ein prägender, identitäts- und präferenzenstiftender Charakter zu (ibid). Demnach gestaltet sich der Charakter von Akteuren nicht mehr als rein rationaler Nutzenmaximierer (Taschowsky, 2001:6), sondern vielmehr als überwiegend gesellschaftlich definierten Regeln folgend und nicht zweckrational auf (eigene) Vorteilmaximierung ausgelegt. Mithin handelt es sich um eher normengeleitete Akteure.

Weiterführend bedeutet dies aber auch, dass Institutionen den Handlungskontext der Akteure, sprich das Umfeld und die Machtverteilung, regeln. Dadurch bilden sich Präferenzen endogen heraus (ibid). Dies bewirkt den identitätsstiftenden Charakter und steckt den Rahmen politischer Prozesse ab (Morisse-Schilbach, 2013:274). Sodann führt aber auch die benannte Wechselwirkung dazu, dass die auf endogenen Präferenzen hervorgerufenen Handlungen der Akteure ebenso ursächlich für die Veränderungen der Institutionen an sich sind. Vor eben diesem Hintergrund erklärt der historisch-soziologische Institutionalismus, dass die endogenen Präferenzen, die Entscheidungen und das Handeln der Akteure durch die historische Entwicklung hervorrufen.

Diese Pfadabhängigkeit grenzt über die historische Entwicklung hinweg die Entscheidungsspanne durch die getroffenen Entscheidungen immer weiter ein. Auch hier wird der Ursprung von grundlegendem organisationalem Wandel in Krisen gesehen, hervorgerufen durch so ein genanntes punctuated equilibrium (Beyer, 2005:13). Letztlich wird deutlich, dass Hall sich durch seinen bisher nur skizzierten Erklärungsrahmen dem historisch-soziologischen Institutionalismus zuordnen lässt.

2.2 Politikfeld

Wenden wir uns nun wieder der Theorie des S ocial Learning zu. Mit dem Politikfeld beginnend wird deutlich, dass Hall dieses anhand dreier Variablen konstruiert (Hall, 1993: 278):

(1) übergreifende Zielen, die die Politik in einem bestimmten Feld leiten;
(2) angewendete Instrumenten und Techniken zur Zielerreichung;
(3) konkrete Ausgestaltung der Instrumentarien und Techniken.

Durch diese drei Variablen kann Hall sodann zwischen einfachen Lernprozessen und tiefgreifenden Transformationsprozessen distinguieren. Dabei entlehnt er seinen Lernbegriff der Theorie Heclo s, wonach Social Learning als eine bewusste Anpassung von Politik infolge neuer Information ist, die durch einen Politikwechsel indiziert wird (Hall, 1993: 278). Weiterführend identifiziert Hall sodann drei Stufen des Politikwandels: First, Second und Third Order Change.

[...]


[1] Argyris/Schön bewerten und benennen dies als Einschleifen-Lernen.

[2] Argyris/Schön sprechen sodann von Doppelschleifen-Lernen.

[3] Bateson spricht in diesem Zusammenhang von deutero-learning, wohingegen er die vorangegangenen Ausführungen als proto-learning bezeichnet würde. Im Übrigen ist die vorangegangene Darstellungen von Ein- und Doppelschleifen-Lernens nach Argyris/Schön historisch eine Fortentwicklung/Erweiterung der Theorie Batesons '.

[4] Im Zusammenhang des Policy Learning soll hier noch kurz auf das lesson drawing nach Rose hingewiesen werden, welches ganz zentral Einfache Lernen anhand von konkreten politischen Maßnahmen herausstellt (vgl. Rose, 1991).

Details

Seiten
53
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668128750
ISBN (Buch)
9783668128767
Dateigröße
792 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314016
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Institut für Politikwissenschaft
Note
2,1
Schlagworte
IWF Internationaler Währungsfonds Internationale Organisation IB Organisationsentwicklung Paradigma Paradigmenwechsel Policy Learining Politiklernen Finanzkrise Europäische Finanzkrise Hall Peter Hall Keynes

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Titel: Der organisationale Wandel des IWF