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"Gehen, ging, gegangen" von Jenny Erpenbeck. Inhaltlicher Überblick und Analyse der Erzählstruktur

Ein Roman über Krieg, Flucht, Vertreibung und Fremdheitserfahrungen auf dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingsthematik

Wissenschaftlicher Aufsatz 2016 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Krieg, Flucht, Vertreibung und Fremdheit als menschliche Grunderfahrungen

2. Das Interesse am Vergangenen im Verhältnis zum Gegenwärtigen

3. Inhaltlicher Überblick
"Apoll" aus Niger
"Tristan" (Awad) aus Ghana
Der "Blitzeschleuderer" (Raschid) aus Nigeria

4. Aufbau und Erzählstruktur
Die Erzählsituation: auktoriale und personale Erzählweise
Beispiel einer auktorialen Erzählsituation: Protestaktion vor dem Roten Rathaus
Personale Erzählsituation: die zentrale Romanfigur wird in erlebter Rede vorgestellt
Schlüsselbegriffe "Zeit", "Denken" und "Warten"
Hinwendung zum zielgerichteten Denken und Handeln
Statt geschlossener Gesamthandlung Geflecht von Einzelhandlungen
Binnentexte: die afrikanischen Flüchtlinge als Ich-Erzähler
Verknüpfung von Mythologie und erlebter Gegenwart
Faktuales und fiktionales Erzählen
Reportagestil und literarisches Erzählen
Unterschiedliche Textsorten: Beispiel Gebrauchstexte
Akribische Auflistungen
Die Überwindung von Vorurteilen
Zitate und intertextuelle Bezüge
Sprache als Zeichensystem
Denken in dialektischen Gegensatzpaaren

"Gehen, ging, gegangen" von Jenny Erpenbeck: ein Roman über Krieg, Flucht, Vertreibung und Fremdheitserfahrungen auf dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingsthematik

(Teil I)

Gliederung und kurze Zusammenfassung

1. Krieg, Flucht, Vertreibung und Fremdheit als menschliche Grunderfahrungen

In einem Interview erläutert die Autorin ihr Romanprojekt und die Absichten, die sie damit verbindet. Kritische Stimmen beurteilen den Roman unterschiedlich, jedoch überwiegend positiv. Die Thematik "Krieg, Flucht und Vertreibung" gehört seit jeher zu den menschlichen Grunderfahrungen. Im Roman "Gehen, ging, gegangen" werden nicht nur die Erlebnisse junger afrikanischer Männer auf ihrer Flucht nach Europa, sondern auch Flucht- und Vertreibungserlebnisse während und nach dem zweiten Weltkrieg verarbeitet. Ende des zweiten Weltkrieges waren Millionen Menschen innerhalb Europas auf der Flucht. Bis 1961 kamen etwa drei Millionen Menschen aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland, die häufig als Wirtschaftsflüchtlinge angesehen wurden. Diese Zeit sowie das bis Ende der 80-er Jahre geteilte und dann wieder vereinigte Deutschland gehören zu den prägenden Erfahrungen der zentralen Romanfigur.

2. Das Interesse am Vergangenen im Verhältnis zum Gegenwärtigen

Erpenbecks Roman reiht sich in eine jahrhundertelange Tradition der literarischen Darstellung von Kriegs- und Fluchterlebnissen ein. Als pensionierter Altphilologe hat Richard, die zentrale Figur, ein besonderes Interesse daran, in Vergangenem und Gegenwärtigem Gemeinsamkeiten zu entdecken. Außerdem sucht er neue Betätigungsfelder. Die Suche führt ihn schließlich zu den afrikanischen Flüchtlingen, die sich auf dem Alexanderplatz in Berlin versammelt haben, um anonym gegen ihre Abschiebung zu protestieren. In Homers "Odyssee" glaubt er einen Schlüssel für das Verhalten dieser Männer gefunden zu haben.

3. Inhaltlicher Überblick

Man kann Richard als literarische Doppelfigur auffassen: halb sinnsuchendes Individuum, halb Symbolfigur, die versucht, zwischen verschiedenen Welten eine Brücke zu schlagen. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen Flüchtlingen aus verschiedenen afrikanischen Ländern. Richard nimmt Kontakt zu ihnen auf und befragt sie nach ihren Erlebnissen. Stellvertretend für viele andere werden in diesem Teil "Apoll" aus Niger, "Tristan" aus Ghana und der "Blitzeschleuderer" aus Nigeria vorgestellt. Richard unterstützt seine Schützlinge tatkräftig, kann aber nicht verhindern, dass eine ganze Reihe von ihnen abgeschoben werden.

4. Aufbau und Erzählstruktur

Der Text enthält sich gegenseitig durchdringende auktoriale und personale Erzählanteile. Durchgehend wird das Präsens (Präsens historicum) verwendet. Viele Passagen werden aus der Sicht Richards erzählt. Sie stehen zumTeil in der erlebten Rede und erinnern an die Erzähltechnik eines "Bewusstseinsromans". Der Roman bietet keine geschlossene, kontinuierliche Gesamthandlung, sondern besteht aus miteinander verflochtenen Einzelhandlungen oder Handlungssträngen, die in Richard gespiegelt und durch collage- oder montageartig eingeschobene Zwischenteile angereichert werden. Die jungen Afrikaner berichten als Ich-Erzähler ihre bisherigen Lebens- und Fluchtgeschichten, wobei Richard versucht, gedankliche Verbindungslinien zwischen ihrer einstigen und der neuen Umgebung bzw. ihrer und seiner eigenen Gegenwart und Vergangenheit zu ziehen. Im Unterschied zum rein fiktionalen Erzählen wird das Faktische und Dokumentarische besonders hervorgehoben. Außerdem enthält der Text eine große Bandbreite von Gebrauchstexten wie Namenlisten, Einkaufslisten, Preisangaben, Notizen, Internettexte, Lexikoneintragungen usw., die den dokumentarischen Charakter unterstreichen. Darüberhinaus werden viele intertextuelle Bezüge hergestellt und Zitate eingearbeitet. Richards Denken vollzieht sich vorzugsweise in dialektischen Gegensatzpaaren, wobei er bestrebt ist, diese zu harmonisieren.

1. Krieg, Flucht, Vertreibung und Fremdheit als menschliche Grunderfahrungen

In seinem Interview mit Jenny Erpenbeck vom 02. September 2015 fragt Thomas Frey von "FOCUS Online" die Autorin, warum ihr Buch [1] gerade in dem Moment erscheine, in dem das Flüchtlingsthema so hohe Wellen schlägt. [2] Erpenbeck erwidert, der Roman sei nicht als Kommentar zur aktuellen politischen Situation konzipiert worden. Sie habe sich schon jahrelang intensiv mit den Fluchtgeschichten von Menschen aus verschiedenen Ländern beschäftigt. Diese Thematik bilde auch einen wesentlichen Teil ihrer eigenen Familiengeschichte und sei schon vorher von ihr literarisch verarbeitet worden (wie es zum Beispiel in ihrem Roman "Heimsuchung" der Fall gewesen war). Es ginge ihr nicht darum zu moralisieren oder zur Weltverbesserung aufzurufen, sondern "eine Bestandsaufnahme zu machen" (ebd.) und aufzuzeigen, dass nicht nur Flüchtlinge entmutigende Fremdheitserfahrungen machen. Auch die zentrale Romanfigur Richard, der pensionierte Altphilologe und emeritierte Professor, in dem das Geschehen fokussiert und gespiegelt wird, hat sich als ehemaliger DDR-Bürger nach dem Mauerfall im wiedervereinigten Berlin fremd gefühlt. Und dieses Fremdheitserlebnis - verstärkt noch durch den Eintritt in eine neue Lebensphase als Pensionär - sei das verbindende Element und der Anknüpfungspunkt für seine Gespräche mit den Flüchtlingen.

Seit August 2015 melden sich in den Feuilletons bekannter Zeitschriften, im Hörfunk und im Fernsehen Stimmen zu Wort, die den Roman kritisch beurteilen, während die Autorin in weiteren Interviews bereitwillig Auskunft über ihr literarisches

Flüchtlingsprojekt gibt. Wie bei einer derart brisanten Thematik zu erwarten und voraussagbar, wird der Roman teils mit Begeisterung aufgenommen, teils aber auch ablehnend beurteilt. Manche Rezipienten (wie Stefanie Sabin in der "NZZ" vom 30.08.2015) verweisen lobend auf den reflektierenden Realismus des Romans oder heben (wie Ulrike Sárkány in "NDR Kultur" am 13.08.2015) den Verzicht auf "Gefühlsduselei, Klischees und Schwarzmalerei" hervor. Im "NDR Bücherjournal" vom 09.09.2015 erkennt Susan Loehr in "Gehen, ging, gegangen" einen "großen Wurf und eine Besinnung auf die Grundwerte der Humanität". Ähnlich äußert sich Welf Grombacher im "Südkurier" vom 09.09.2015, wenn er feststellt, es sei "die Qualität dieses Romans, dass er mit Vorurteilen bricht, unter die Oberfläche schaut und fremde Kulturen näher bringt." Dabei weiche Jenny Erpenbeck in den Worten Felicitas von Lovenbergs in der "F.A.Z." vom 14.08.2015 "den Konflikten, die die Annäherung der Kulturen mit sich bringt, nicht aus." Sie gewähre vielmehr - so ein ungenannter Leser in "ARD Druckfrisch" vom 04.10.2015 - "empathische Inneneinblicke in die wirklichen Probleme der Flüchtlinge, die einem zuvor nicht bewusst waren". Ganz im Gegensatz dazu kritisiert Hannah Lühmann den "völligen Antirealismus" des Romans, "dem man erst nach einigem Lesen auf die Spur kommt." ("Die Welt" vom 31.08.2015) Sie vertritt die Auffassung, Erpenbecks Figuren seien "präzise genug gezeichnet, um lebendig zu werden, doch immer so allgemein gehalten, dass sich jeder in ihnen wiederfinden kann. Um die Flüchtlinge als Individuen kenntlich werden zu lassen, muss sie von jeder wirklichen Individualität absehen." Die berechtigte Frage, ob die Romanfiguren eher als Individuen mit einem reichen Innenleben ausgestattet oder mehr funktional als schematisierte Typen und Identifikationsfiguren konzipiert worden seien, wird hier zurückgestellt und an geeigneterer Stelle aufgegriffen und erörtert werden.

Krieg, Heimatverlust, Flucht, Vertreibung und monate- oder jahrelanges Herumirren auf der Suche nach einer neuen Bleibe hat es zu allen Zeiten gegeben. Die Menschheitsgeschichte kann als eine nicht endende Kette von Massenfluchten und Völkerwanderungen gelesen werden. Dies gilt sowohl für vorstaatliche Gesellschaften, wo der Mensch Naturkatastrophen ausgesetzt war oder sich gegen feindselige Rivalen behaupten musste, als auch für staatlich organisierte Gesellschaften, in denen Menschen durch strategische Kriegsführung in großer Zahl umgebracht, versklavt, verschleppt, vertrieben oder sogar systematisch ausgerottet wurden. Einen unübertroffenen Höhepunkt bildet in dieser Hinsicht das 20. Jahrhundert mit einer Kriegsmaschinerie bisher unbekannten Ausmaßes und unvorstellbarem Zerstörungspotenzial, durch das hunderte von Millionen Menschen vernichtet oder zur Flucht gezwungen wurden.

Flucht und Vertreibung erlebten auch Millionen Deutsche, die gegen Ende und nach dem zweiten Weltkrieg ihr Heimat im Osten des ehemaligen Deutschen Reiches vor den heranrückenden Truppen verlassen mussten und in den Westen flohen. Auf dem Gebiet der späteren Bundesrepublik Deutschland waren daher etwa 12 Millionen Menschen zusätzlich mit Wohnraum, Nahrung und Bekleidung zu versorgen. Eine beispiellose, jahrelang andauernde Völkerwanderung innerhalb Europas setzte ein. Von über 16 Millionen Deutschen, die aus Ostpreußen, Polen, der Tschechoslowakei und anderen Ländern vertrieben wurden, starben über 2 Millionen an Hunger, Entkräftung und Krankheiten auf dem Weg in den Westen. Nicht nur Flüchtlinge oder Vertriebene waren unterwegs. Auch entlassene Soldaten, Verwundete oder von ihren Eltern getrennte Kinder aus der Kinderlandverschickung, Überlebende der KZs und Zwangsarbeiter zogen auf der Suche nach ihren Familien oder nach einer festen Bleibe in einer oft monatelangen Odyssee quer durch Deutschland. Der mit Hilfe des Roten Kreuzes gegründete Suchdienst trug dazu bei, dass viele Vermisstenschicksale geklärt und auseinandergerissene Familien wieder zusammengeführt werden konnten. [3] Allein in Niedersachsen lebten 1950 mehr als 1,8 Millionen Flüchtlinge aus den Ostgebieten. Zwischen 1950 und 1961 fanden knapp drei Millionen Menschen aus der DDR in der Bundesrepublik Deutschland eine neue Bleibe. Bald darauf kamen die "Gastarbeiter", vor allem aus den südeuropäischen Ländern und der Türkei.

Die Teilnehmer einer Tagung am 28. November 2015 mit dem Titel "Migration und Flucht nach Niedersachsen" im Historischen Museum Hannover entdeckten manche Parallele zur heutigen Zeit. Jochen Oltmer, Historiker an der Universität Osnabrück, stellte fest: "Anfang der Fünfziger Jahre galten die meisten Zugewanderten aus der DDR als Wirtschaftsflüchtlinge, die argwöhnisch beäugt wurden."[4] Andrea Genest, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde, erinnerte in diesem Zusammenhang an die Schlagzeilen der Fünfziger Jahre, mit denen im Westen die Angst der einheimischen Bevölkerung vor der angeblichen Kriminalität der neu Hinzugewanderten geschürt wurde: "Was heute als einzigartige Integrationsleistung gefeiert wird, war damals mit Neid und Ablehnung verbunden. Schimpfwörter wie 'Pollackensiedlung' kannte jeder." (Ebd.) Carl-Hans Hauptmeyer, Historiker an der Universität Hannover, kommentierte diesen Sachverhalt mit dem eindringlichen Appell: "Das darf uns heute nicht wieder passieren." (Ebd.)

In Erpenbecks "Gehen, ging, gegangen" wird dieser Bogen in die Gegenwart geschlagen, und man könnte nach der Lektüre des Romans im Hinblick auf Hauptmeyers mahnenden Ausruf die Frage stellen: "Ist uns das wirklich gelungen oder bleibt es nur ein frommer Wunsch, der sich nicht erfüllen wird?" Im Roman wird diese Frage keineswegs ausgespart, sondern stellt sich immer wieder aufs Neue. In vielen Passagen artikuliert sich das Misstrauen der einheimischen Bevölkerung gegenüber den afrikanischen Flüchtlingen unverhohlen mit abfälligen verbalen Seitenhieben und groben Beschimpfungen. Auch die Nachkriegszeit und traumatische Flucht- und Vertreibungserlebnisse seiner frühen Kindheit und die seiner Frau geraten in Richards Erinnerung wiederholt ins Blickfeld. Bei der Übersiedlung der Familie von Schlesien nach Deutschland wäre er als Säugling beinahe von seiner Mutter getrennt worden. Im letzten Moment reicht ihn ein russischer Soldat über die Köpfe der anderen Aussiedler hinweg ins Zugabteil. Erst zwei Jahre nach Kriegsende findet sein Vater als Heimkehrer von der russischen Front seine Familie in Berlin wieder. Am Radio verfolgen seiner Eltern noch jahrelang die Suchmeldungen des Deutschen Roten Kreuzes. Seine spätere Frau wird auf der Flucht vor russischen Panzern von deutschen Tieffliegern in die Beine geschossen. Im letzten Moment zieht ihr Bruder sie von der Straße und bringt sie in Sicherheit. (Vgl. 25 f.) Richards afrikanische Freunde können sich nicht vorstellen, dass Deutschland 1939 - 1945 in einen katastrophalen Weltkrieg verwickelt war, der von den Nazis angezettelt wurde und Millionen Opfer forderte. Dass Deutschland später durch eine Mauer gespalten und Berlin in Ost und West geteilt war, nimmt - wie auch die Lebensverhältnisse in der DDR - in Richards Erinnerung einen wichtigen Stellenwert ein, ist aber für die jungen Afrikaner ebenso unvorstellbar, liegt zumindest in unendlich weiter Ferne. (Vgl. 149) Über diese und viele andere Ereignisse wird der Leser nicht explizit durch eine Erzählerfigur informiert. Er erfährt sie indirekt, wenn Richard sich in Gedanken mit seinen Erlebnissen im zweiten Weltkrieg und seiner DDR-Vergangenheit beschäftigt bzw. in den Dialogen mit seinen afrikanischen Freunden, wobei Richard aus der Position des mit den Verhältnissen vertrauten Einheimischen spricht und seine Freunde die Rolle der Unwissenden übernehmen, denen die neue Umgebung fremdartig und unverständlich erscheint - eine Konstellation, die oft auch umgekehrt funktioniert und in der Richard die Rolle des Unwissenden zugewiesen wird.

2. Das Interesse am Vergangenen im Verhältnis zum Gegenwärtigen

Mit ihrem Roman reiht sich Jenny Erpenbeck in eine lange Tradition der literarischen Verarbeitung von Kriegs- und Fluchterlebnissen ein, auf die sie in Gestalt von intertextuellen Bezügen und Anspielungen wiederholt zurückgreift. Ein Beispiel hierfür ist die mehrfach im Text aufgerufene mythologische Figur des Odysseus (vgl. 13, 29, 31 f., 98, 187 u. a.) bzw. Homers epische Erzählung "Die Odyssee" (8. Jahrhundert v. Chr.). Nach seiner Teilnahme am Trojanischen Krieg kehrt der Held, der sich nicht nur durch seine Tapferkeit, sondern vor allem wegen seiner Listigkeit und seinem Erfindungsreichtum auszeichnet, nach einer zehn Jahre dauernden Irrfahrt in seine Heimat (Ithaka) zurück. Jenny Erpenbeck erblickt in ihm offensichtlich eine klassische Bezugsfigur für das Schicksal der afrikanischen Flüchtlinge in ihrem Roman und in mancher Hinsicht auch für Richard, die zentrale Romanfigur. Es ist keineswegs ein Zufall, dass der pensionierte Intellektuelle mit dem altmodischen Namen Richard, einen Archäologen namens Peter zum Freund hat und sich für die Ausgrabungen am Alexanderplatz interessiert, wo sich im Mittelalter ein unterirdischer Markt befand. (Vgl. 19) Das Interesse am Vergangenen, Untergründigen und Verborgenen gehört zu seinen Wesensmerkmalen und ist Erbteil seines vorherigen Lebens als erfolgreicher Altphilologe. Es erweist sich als treibende Kraft, auch in der Gegenwart Verborgenes und Unbekanntes aufzuspüren, Grenzen zu überschreiten, sich abseits ausgetretener Pfade zu bewegen und ein eurozentrisch geprägtes Weltbild allmählich zu überwinden. Als Wissenschaftler - so die Autorin im eingangs erwähnten FOCUS-Interview - ist Richard "von Berufs wegen neugierig", wahrt aber gleichzeitig "die Distanz des Beobachters". Darüberhinaus ist er auch ein Brückenbauer, der die Antike und das Mittelalter mit der Gegenwart verbindet, Vergessenes aus der Versenkung und aus dem Halbdunkel der Erinnerung ans Tageslicht befördert, um es mit der Gegenwart zu vergleichen. Richard gehört jedoch nicht zu denjenigen, die das, was sie vorfinden, sofort begreifen, einordnen und beurteilen können. Auf unbekanntem Terrain tastet er sich vorsichtig und schrittweise weiter, bewegt sich hin und wieder auch ein Stück zurück, um den Gegenstand seines Interesses erneut in den Blick zu nehmen und eine zuvor noch nicht wahrgenommene Eigenschaft zu entdecken. Manchmal, zum Beispiel wenn Awad ihn nach dem Sinn von Krieg, Zerstörung und Vertreibung befragt, ist er am Ende seiner Weisheit und muss passen. Mit seiner sicheren Pension ist er, der gewohnt ist, sich im Supermarkt sorglos aus der Fülle des Angebots zu bedienen, in Überlebensfragen ein absoluter Analphabet: "Richard hat Foucault gelesen und Baudrillard und auch Hegel und Nietzsche. Aber was man essen soll, wenn man kein Geld hat ... weiß er auch nicht." (81) Das vermeintlich Vertraute seines bisherigen Lebens kommt ihm manchmal selbst rätselhaft und unbegreiflich vor. Um diesem Manko abzuhelfen, greift er weit zurück in die antike und mittelalterliche Mythologie, wo er sich nach wie vor auf festem Boden wähnt. Um sie sich besser einprägen zu können, versieht er seine schwarzafrikanischen Freunde mit für sie fremdartig klingenden Namen wie Hermes, Apoll, Tristan oder, in Anspielung auf den Göttervater Zeus, auch den "Blitzeschleuderer".

[...]


[1]"Gehen, ging, gegangen", München: Knaus Verlag 2015, 6. Auflage. Zitiert wird aus dieser Ausgabe, wobei die Seitenzahl jeweils in runden Klammern an das Zitat angefügt wird.

[2]"Flüchtlinge" wurde im Dezember 2015 von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) zum Wort des Jahres gewählt.

[3] Vgl. hierzu "Beispiele Praxis, Nachkriegsjahre 1945 - 1949". München: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Bayern 2006, 46 - 48.

[4]"Und was lernen wir? Historiker debattieren Geschichte der Migration und warnen vor alten Fehlern", in: HAZ vom 30.11.2015)

Details

Seiten
22
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668126596
ISBN (Buch)
9783668126602
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v313889
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Deutsches Seminar
Note
Schlagworte
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Titel: "Gehen, ging, gegangen" von Jenny Erpenbeck. Inhaltlicher Überblick und Analyse der Erzählstruktur