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Eine Analyse konzeptueller Metaphern in der Talkshow Anne Will nach Lakoff und Johnson anhand eines Talkshowtranskripts

Hausarbeit 2016 32 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Theorie der konzeptuellen Metapher

3. Metapherntypen
3.1. Strukturmetaphern
3.2. Orientierungsmetaphern/ Raummetaphern
3.3. Ontologische Metaphern
3.3.1. Gefäß- Metaphern
3.3.2. Personifikation

4. Metaphern in den Massenmedien und in der Politik

5. Die Funktion von Sprache im politischen Kontext

6. Analyse der Metaphern aus dem Talkshowausschnitt
6.1.1. Beispiel: BANKER AN DIE LEINE LEGEN (Wagenknecht)
6.2.2. Beispiel: IST EUROPA ZU ZAHM MIT DEN BANKEN ? (Will)
6.3.3. Beispiel: DAS FUNDAMENT IST DA, SANIERUNG DER BANKEN (Kornblum)
6.4.4. Beispiel: UM DIE AUS DER WELT ZU SCHAFFEN (Reding)

7. Fazit

8. Anhang: Metaphernkatalog

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Theorie der konzeptuellen Metapher nach George Lakoff und Mark Johnson. Sie soll anhand eines Talkshowausschnitts erläutert werden, während dieser in seiner sprachlichen Metaphorik zersetzt, strukturiert und analysiert wird. Als Talkshow dient die Sendung Anne Will. Es werden die sprachlichen Ausdrücke der Moderatorin Anne Will, der Politikerin Sarah Wagenknecht, des ehemaligen Kommunikationschef von Josef Ackermann, Stefan Baron, der Vizepräsidentin der Europäischen Kommission Viviane Reding und des ehemaligen amerikanischen Botschafter und Investmentbanker John Kornblum in den Fokus genommen.

Ein Metaphernkatalog im Anhang strukturiert eine Vielzahl der in der Talkshow benutzten metaphorischen Ausdrücke, während im Analyseteil meiner Arbeit vier verschiedene Metaphern herausgegriffen werden, um anhand ihrer sprachlichen Besonderheiten und Auffälligkeiten die Theorie der konzeptuellen Metapher nach Lakoff und Johnson zu erläutern.

Zusätzlich verschaffe ich in meiner Arbeit einen Einblick in die Funktion von Sprache im politischen Kontext und in den Massenmedien.

Neben der leitenden Theorie beziehe ich mich ebenfalls auf die generelle sprachwissenschaftliche Forschung, um den Begriff der Metapher in seiner Theorie klar umreißen zu können und ein Verständnis für seine sprachliche Besonderheit und Verwendung zu schaffen. Basierend auf der Theorie der konzeptuellen Metapher unterscheide ich verschiedene Typen von Metaphern.

Bei der Analyse wird erwartet, dass die Metapher nicht nur ein Mittel der Poetik und Rhetorik darstellt, sondern ein alltägliches Konzeptsystem begründet, nach dem wir leben.

2. Die Theorie der konzeptuellen Metapher

Der Begriff Metapher stammt vom griechischen Wort metaphorâ und bedeutet übersetzt Übertragung.

Er findet seine Verwendung in der klassischen Rhetorik, aber geht auch über den sprachlichen Bereich hinaus. „[Es sei] typisch, daß die Metapher für ein rein sprachliches Phänomen gehalten wird (...)."[1] Sie manifestiert sich allerdings auch im menschlichen Denken und Handeln und durchdringt damit unser Alltagsleben. „Wenn (...) unser Konzeptsystem zum größten Teil metaphorisch angelegt ist, dann ist unsere Art zu denken, unser Erleben und unser Alltagshandeln weitgehend eine Sache der Metapher."[2] Kommunikation basiert auf dem gleichen Konzeptsystem, nach dem wir denken und handeln. Somit ist die Sprache eine wichtige Erkenntnisquelle dafür, wie dieses System organisiert ist.[3]

Lakoffs und Johnsons Metapherntheorie geht davon aus, dass Metaphern alltäglich und zum größten Teil unbewusst benutzt werden. In ihrer Natur ist die Metapher konzeptuell und nicht linguistisch. Konzeptuelle Metaphern bestehen aus einer systematischen Verbindung von zwei verschiedenen, konzeptuellen Domänen. Eine von ihnen fungiert als Zielbereich, die andere als Ursprungsbereich. Das Wesen der Metapher ist demnach die Tatsache, dass wir Elemente einer Erfahrungsdomäne durch Termini einer anderen Erfahrungsdomäne verstehen und erfahren können. Dabei findet eine Übertragung der Termini der einen Erfahrungsdomäne auf die andere statt. Konzeptuelle Metaphern bilden kognitive Modelle, die die komplexe Realität vereinfachen. Diese kognitiven Modelle können als Denkmodelle gelten, die das Weltbild einer ganzen Kultur prägen.[4]

Betrachtet man beispielsweise die Metapher ARGUMENTIEREN IST KRIEG, so ergibt sich, dass Ausdrücke aus dem Kriegsvokabular wie eine Position angreifen, unhaltbar, Strategie, neue Attacke reiten, gewinnen, an Boden gewinnen, ein Terrain abstecken oder verteidigen, Gegenangriffe führen eine systematische Art und Weise veranschaulichen, in der wir über Kampfaspekte des Argumentierens sprechen. Es geschieht nicht zufällig, dass Ausdrücke des Argumentierens kampfbezogene Bedeutung annehmen. Ein Teil des Konzept des Kampfes bestimmt das Konzept der Argumentation und durch die Sprache wird dies zum Ausdruck gebracht. Wir Menschen verstehen verbal ausgetragene Kämpfe in den gleichen Begriffen wie physisch ausgetragene Kämpfe. Die Art unserer Argumentation ist darin verankert, was wir über den phsysischen Kampf wissen und welche Erfahrung uns dabei leitet. Metaphorische Ausdrücke sind mit metaphorischen Konzepten verbunden.[5] Sie sind Teil des Konzeptsystems der Kultur, in der man lebt.[6]

Konzeptualisierung wirft die Fragen auf, auf welche Konzepte bei metaphorischem Sprachgebrauch Bezug genommen wird und welche Konzeptkombinationen dabei entstehen. Konzepte sind in diesem Zusammenhang mentale Organisationseinheiten, in denen Wissen gespeichert wird. Konzeptualisierung meint also den Prozess der Bildung von geistigen Repräsentationen. Generell sind alle Konzeptkombinationen möglich, häufig wird jedoch ein abstraktes Konzept mit Hilfe eines konkreten Konzepts definiert. Die Bedeutung ist kontextabhängig und der Grad der entstandenen Abstraktheit kann stark variieren. Resultat dieser Eigenschaften ist, dass viele Konzeptkombinationen nicht einfach umkehrbar sind. Weitere Konzeptkombinationen verbinden Konzepte, die nicht abstrakt sind oder unterschiedliche Sinneswahrnehmungen repräsentieren. Bei dem Verhältnis von Referenz und Bedeutung bei metaphorsichen Äußerungen ergibt sich: „Die Rezipienten vollziehen einerseits diese Referenz; andererseits konstruieren sie im Verstehensprozess eine spezifische Relation zwischen Konzept eins und Konzept zwei, die im Normalfall gedeutet wird als KONZEPT 1 IST WIE KONZEPT 2 BEZÜGLICH DER MERKMALE Z."[7]

Metaphern beschreiben den jeweiligen Zielbereich jedoch nur teilweise. Die Metapher hebt einige Aspekte der Begriffe hervor, andere wiederum blendet sie aus. Die Metapher ist nur auf einen bestimmten Aspekt gerichtet, auf den die Konzentration erfolgt. Wenn wir uns in einem Streit zu sehr auf die Aspekte des Krieges fokussieren, gehen die Aspekte der Kooperation während einer Diskussion oder Meinungsverschiedenheit verloren.[8]

Die Sprachwissenschaften definieren den Metaphernbegriff als eine „(...) besondere Form des nicht- wörtlichen Gebrauchs eines Ausdrucks in einer bestimmten Kommunikationssituation (...)"[9]. Erweiternd definiert gibt es einen Gegenstand, der die lexikalische Bedeutung des Ausdrucks trägt und einen Gegenstand, auf den sich der Ausdruck bei metaphorischer Verwendung bezieht. Beide Gegenstände befinden sich normalerweise in einer Analogie- oder Ähnlichkeitsbeziehung. In der modernen Metaphernforschung geht man davon aus, dass diese Beziehungen zwischen den Gegenständen manchmal erst über die Metapher selbst entstehen.

Was aber bedeutet es, einen sprachlichen Ausdruck nicht wörtlich zu gebrauchen? Es meint, dass dieser Ausdruck vom Sprachproduzenten so verwendet wird, dass er nicht seiner im Sprachsystem festgelegten Bedeutung entspricht. Sprachrezipienten müssen diesen Gebrauch erkennen und die nicht- wörtliche Bedeutung verstehen.

Anhand der Metapher DER SPORTLEHRER IST EIN BAUM kann die Verwendung einer Metapher erklärt werden. Die Sprachrezipienten werden die Verwendung von Baum als nicht- wörtlich identifizieren, wenn in einer bestimmten Kommunikationssituation dieser Satz über einen bestimmten Sportlehrer geäußert wird. Würde man den Satz wörtlich verstehen, würde es sich um eine falsche, unserem enzyklopädischen Wissen widerstrebende Aussage handeln. Wörtlich ausgedrückt fällt der bezeichnete Sportlehrer unter die durch Baum bezeichnete Kategorie. Die Kategorie Baum und die Kategorie Mensch, zu der der Sportlehrer gehört, sind jedoch miteinander unvereinbar. Es handelt sich demnach bei dem Beispielsatz um einen logisch- kategorialen Widerspruch. Wenn die Äußerung den Rezipienten trotzdem als inhaltlich nachvollziehbar erscheint, müssen sie dem Ausdruck Baum eine andere als dessen wörtliche Bedeutung anhaften.

Die wörtliche Bedeutung bezeichnet man auch als lexikalische Bedeutung und ein Wort, dass zum Lexikon einer Sprache gehört, nennt man Lexem. Die lexikalische Bedeutung setzt sich zusammen aus einer Menge von distinktiven Merkmalen, durch die festgelegt wird, welche außersprachlichen Gegenstände man mit dem Lexem bezeichnen könnte. Der Lexikoneintrag für Baum vereint also alle außersprachlichen Gegenstände, auf die die Beschreibung im Eintrag zutrifft. All diese können als Baum bezeichnet werden. Der Lexikoneintrag beschreibt also die Klasse Baum.

Baum darf im Beispielsatz also nicht wörtlich verstanden werden, damit eine plausible Lesart von statten gehen kann, denn die durch der Sportlehrer bezeichnete Person entspricht nicht den in der lexikalischen Bedeutung von Baum erfassten distinktiven Merkmale. Der Hörer könnte in einer bestimmten Kommunikationssituation den Beispielsatz so verstehen, dass über den Sportlehrer mit Hilfe der Verwendung von Baum ausgesagt werden soll, er vereine die Merkmale groß und kräftig. Die Ähnlichkeitsbeziehung basiert demnach auf der Gestalt des Sportlehrers und der typischen Gestalt eines Baumes.[10]

„Wir dürfen Metaphern daher auch keineswegs nur als stilistisch-rhetorische Mittel betrachten, sondern als Ausdrucksvarianten unserer Sprache, mit denen wir insbesondere das schwer-fassbare, schwer-beschreibbare unserer Gefühls- und Erlebenswelt konzeptuell greifbar machen und benennen, mit denen wir komplexe abstrakte Sachverhalte komprimiert und mental-bildhaft wiedergeben (...)."[11]

Metaphern haben ohne Kontext keine Bedeutung und werden erst sinnvoll in dem Kontext, in dem sie geäußert werden. Eine einzige Metapher kann aber auch für unterschiedliche Menschen unterschiedliche Bedeutung haben. Eine Metapher ist davon abhängig, wer sie ausspricht, wer sie hört und welche sozialen und politischen Einstellungen Sprecher oder Rezipient mit der Metapher verbinden.

Eine Metapher hat physische und gesellschaftliche Wurzeln. Die Kohärenz innerhalb des Gesamtsystems begründet, warum eine bestimmte Metapher gewählt wird und keine andere. Glücklichsein assoziieren wir mit einem Lächeln und einem Gefühl des Überschwangs. So entsteht beispielsweise die Metapher GLÜCKLICHSEIN IST WEIT, aus der beispielsweise der metaphorische Ausdruck ICH KÖNNTE DIE GANZE WELT UMARMEN entspringt.

3. Metapherntypen

3.1. Strukturmetaphern

Strukturmetaphern bieten uns viele Untersuchungsmöglichkeiten und gehen darüber hinaus, Konzepte nur zu bestimmen, auf diese Bezug zu nehmen und sie zu quantifizieren, wie wir das bei einfachen Orientierungs- und ontologischen Metaphern machen. Wir können mit ihnen ein komplex strukturiertes und klar defniertes Konzept verwenden, um ein anderes Konzept metaphorisch zu strukturieren. Beispiele sind die oben genannten Ausdrücke aus dem Kriegsvokabular. Obwohl in unserer Kultur in der Metapher ARGUMENTIEREN IST KRIEG gelebt wird, wird sie nicht als metaphorisch anerkannt. Doch die Metapher ist in unserer Erfahrung verankert und deshalb eine Strukturmetapher, die in unseren Kulturkreisen grundlegend ist.[12]

Ein abstraktes Konzept wie beispielsweise Seele können wir bis ins Detail charakterisieren und herausfinden, welche Aspekte eines Konzepts beleuchtet werden und welche verborgen bleiben. Wie auch die Orientierungs- und ontologischen Metaphern ergeben sich die Strukturmetaphern aus „(...) systematischen Korrelationen innerhalb unserer Erfahrung."[13] [14]

3.2. Orientierungsmetaphern/ Raummetaphern

Eine andere Art von metaphorischem Konzept bilden die Orientierungsmetaphern. Hier wird ein ganzes System von Konzepten in ihrer welchselseitigen Bezogenheit organisiert. Die meisten von den unter diesen Begriff fallenden Metaphern haben mit der Orientierung im Raum zu tun: oben- unten, innen- außen, vorne- hinten, dran- weg, tief- flach und zentral- peripher. Orientierungsmetaphern verleihen einem Konzept eine räumliche Beziehung, zum Beispiel GLÜCKLICH SEIN IST OBEN. Weil dieses Konzept nach oben orientiert ist, entstehen Ausdrücke wie beispielsweise MAN FÜHLT SICH oben AUF. Diese metaphorischen Orientierungen sind nicht willkürlich. Unsere physische und kulturelle Erfahrung bildet ihre Grundlage. Zwischen der Emotion glücklich sein und unseren senso- motorischen Erfahrungen, wie die aufrechte Körperhaltung, bestehen Korrelate, die die Grundlage für orientierungsbezogene metaphorische Konzepte wie GLÜCKLICH SEIN IST OBEN bilden. Unsere Emotionen können so schärfer abgegrenzt und zu anderen Konzepten, die mit dem allgemeinen Wohlbefinden in Verbindung stehen, in Beziehung gesetzt werden.[15]

Die oben genannten Gegensatzpaare sind zwar physikalischer Natur, jedoch die darauf basierenden Orientierungsmetaphern von Kultur zu Kultur verschieden. Beispielsweise liegt die Zukunft in einigen Kulturen vor den Menschen und in anderen hinter ihnen . In unserem Kulturraum erscheint uns der Mensch als aufgerichtet, er schaut und bewegt sich nach vorne, er übt eine Tätigkeit aus und hält sich für gut. Diese Erfahrung lehrt uns, dass die Zukunft vorne ist und die Vergangenheit hinter uns. Es entstehen Orientierungen.[16]

[...]


[1] Lakoff, George / Johnson, Mark: Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern. Heidelberg 2011, S.11.

[2] Ebd. S.11.

[3] Vgl. Ebd. S. 11-12.

[4] Vgl. Metaphern im politischen Diskurs, S. 19-20.

[5] Vgl. Leben in Metaphern. S. 11-15.

[6] Vgl. Ebd. S. 76-78.

[7] Ebd. S. 9.

[8] Vgl. Mikulova, Anna: Metaphern im politischen Diskurs. Brno 2008, S. 21.

[9] Schwarz-Friesel, Monika / Skirl, Helge: Metapher. Kurze Einführungen in die germanistische Linguistik. Heidelberg 2013, S. 4.

[10] Vgl. Ebd. S. 1-3.

[11] Schwarz- Friesel: Sprache und Emotion. Tübingen 2013, S. 202.

[12] Vgl. Leben in Metaphern. S. 75-83.

[13] Ebd. S. 75.

[14] Vgl. Ebd. S. 75.

[15] Vgl. Ebd. S. 72.

[16] Vgl. Ebd. S. 22-26.

Details

Seiten
32
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668177802
ISBN (Buch)
9783668177819
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v313830
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Philosophische Fakultät
Note
Schlagworte
Politik Metapher Talkshow

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