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Interkulturelle Kompetenz als Voraussetzung für eine erfolgreiche Geschäftstätigkeit am russischen Markt

Kulturwissenschaftliche Analyse und ökonomische Aspekte im Rahmen einer empirischen Studie

Masterarbeit 2015 168 Seiten

VWL - Internationale Wirtschaftsbeziehungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Abbildungsverzeichnis

Abstract

1 Einleitung

2 Definitionen und Bedeutung kultureller Gegebenheiten
2.1 Kultur vs. Interkulturalität
2.2 Kommunikation vs. interkulturelle Kommunikation
2.3 Kompetenz- und Wissensbegriff
2.4 Interkulturelle Kompetenz
2.5 Relevanz von interkultureller Kompetenz im Zeitalter der Globalisierung

3 Theoretische Ansätze aus kulturwissenschaftlicher Perspektive
3.1 Vergleichsstudien unterschiedlicher Kulturen
3.1.1 Kulturdimensionen nach Hofstede
3.1.2 Kulturdimensionen nach Trompenaars
3.2 Die Rolle von Stereotypen & Ethnozentrismus

4 Wirtschaftswissenschaftliche Perspektive
4.1 Zerfall der UdSSR: Scheitern und Neubeginn
4.2 Systemwechsel: Übergang zur Marktwirtschaft
4.3 Russland in der Ära El'cin (1991–1999)
4.3.1 Wirtschaftsreform (1991–1993)
4.3.2 Die russländische Verfassung von 1993
4.3.3 Das System El'cin – Eine Bilanz
4.4 Russland in der Ära Putin (2000 bis heute)
4.4.1 Das System unter Putin
4.4.2 Kritik aus dem Westen
4.4.3 Die Entklammerung aus der Oligarchie
4.4.4 Wirtschaftsaufschwung
4.4.5 Russische „Tandemokratie“ (2008–2012)
4.4.6 Die Putin-Ära: Eine Zwischenbilanz mit Ausblick
4.4.7 Nachwort zu Russland
4.4.8 Beziehungen zwischen der EU und Russland

5 Empirische Studie
5.1 Umfrage 1: Österreichische Unternehmen mit Russlandbezug
5.1.1 Methodik: Eine quantitative Erhebung
5.1.2 Durchführung
5.1.3 Selektion der Zielgruppe
5.1.4 Statistische Daten
5.1.5 Auswertung und Interpretation der Ergebnisse
5.2 Umfrage 2: Russische Führungskräfte mit Österreichbezug
5.2.1 Methodik und Durchführung
5.2.2 Selektion der Zielgruppe
5.2.3 Statistische Daten
5.2.4 Auswertung und Interpretation der Ergebnisse

6 Zusammenfassung und Ausblick

7 Содержание

Literaturverzeichnis

Anhang

Danksagung

Mein Dank gilt allen, die mich im Laufe meines Studiums und im Rahmen meiner Masterarbeit unterstützt haben. An erster Stelle bedanke ich mich bei Herrn Prof. Mag. Dr. Leben, der mich angesichts meines beruflichen Hintergrunds, meiner wirtschaftlichen Ausbildung und meinem Interesse für Russland auf die Möglichkeit dieses individuellen Masterstudiums aufmerksam gemacht hat. Ebenso richtet sich mein Dank an meine Betreuerin Frau Prof. Dr. Hansen-Kokorus, die mich durch ihre Offenheit, ihr Interesse und ihre fachkundigen Inputs oft zum Weiterdenken animiert hat. Nicht zuletzt haben ihre wissenschaftlichen Anregungen einen erheblichen Anteil am Entstehen dieser Arbeit. Für seine fachkundigen Kommentare im Laufe der wissenschaftlichen Begleitung der Masterarbeit möchte ich auch Herrn Prof. Mag. Dr. Pfandl danken, der mir tiefe Einblicke in die russische Seele gewährt hat. Im Zusammenhang mit der empirischen Untersuchung gebührt Frau Chumirina mein Dank dafür, dass sie mir bei der wissenschaftlichen Formulierung der Fragestellungen in russischer Sprache im Rahmen der Online-Umfrage behilflich war. Des Weiteren bedanke ich mich beim Direktor der Wirtschaftskammer Steiermark Dr. Dernoscheg, bei Dr. Fellner vom Außenwirtschaftscenter Moskau, bei Frau Mag. Ulrich (ICS) und bei Frau Mag. Polz von der Österreichisch-Russischen Freundschaftsgesellschaft für die freundliche und hilfreiche Unterstützung.

Abschließend möchte ich meinen Freunden und besonders meiner Familie danken. Sie waren es, die mich während aller Höhen und Tiefen dieses Lebensabschnitts begleitet und in schwierigen Situationen unterstützt haben. Vielen Dank!

Graz, November 2015 Armin Kienreich

Abbildungsverzeichnis

Abb.1: Interaktionsmodell der interkulturellen Kommunikation

Abb.2: Wissen und Kompetenz

Abb.3: Geringe vs. hohe Machtdistanz

Abb.4: Soziokulturelle Einordnung bezüglich Machtdistanz und Maskulinität

Abb.5: Individualismus vs. Kollektivismus

Abb.6: Soziokultur. Einordnung: Individualismus & Unsicherheitsvermeidung

Abb.7: Maskulinität vs. Femininität

Abb.8: Schwache vs. starke Unsicherheitsvermeidung

Abb.9: Kurzfristige vs. langfristige Zeitorientierung

Abb.10: Kulturvergleich Österreich vs. Deutschland

Abb.11: Vergleich Russland/Österreich nach Hofstede

Abb.12: Universalismus vs. Partikularismus

Abb.13: Individualismus vs. Kollektivismus

Abb.14: Neutrale vs. emotionale Kulturen

Abb.15: Spezifische vs. diffuse Kulturen

Abb.16: Leistung vs. Herkunft

Abb.17: Unterschiedliches Zeitverständnis

Abb.18: Umwelteinstellung

Abb.19: Überschneidung kultureller Situationen

Abb.20: Anzahl der Mitarbeiter

Abb.21: Geschäftsfelder

Abb.22: Russland-Erfahrung & Geschäftsbeziehungen

Abb.23: Geschlecht und Altersgruppe

Abb.24: Assoziierung mit alten Feindbildern

Abb.25: Dialog auf Augenhöhe mit Russland

Abb.26: Österreich als enger Freund Russlands

Abb.27: Korrelation von Gefahrenpotenzial

Abb.28: Beziehungen und Netzwerke

Abb.29: Stellenwert russischer Markt für österreichische Unternehmen

Abb.30: Einfluss der Sanktionen auf Österreichs Betriebe mit Russlandbezug

Abb.31: Markteintritt in Russland

Abb.32: Gesprächsklima in der Zusammenarbeit mit russ. Führungskräften

Abb.33: Eigenschaften der russ. Geschäftspartner

Abb.34: Wahl des Verhandlungsteams (in Anzahl der Personen)

Abb.35: Antwortfeld aus Fragebogen (Druckversion)

Abb.36: Wahrnehmung eigener und fremder Kultur & Gesellschaft

Abb.37: Kollektiv vs. Individuum

Abb.38: Wahrnehmung kult. Differenzen zwischen Russland und Österreich

Abb.39: Wertempfinden beider Länder aus österr. Sicht

Abb.40: Vorbereitungsmöglichkeiten im Unternehmen (in Anzahl Personen)

Abb.41: Zusammenhang von interkultureller Kompetenz & Erfolgschancen

Abb.42: Aktuelle Geschäftsbeziehungen mit Österreich

Abb.43: Erfahrung am österreichischen Markt

Abb.44: Geschlecht

Abb.45: Altersgruppe

Abb.46: EU-Sanktionen gegen Russland

Abb.47: Eigenschaften eines österr. Geschäftspartners

Abb.48: Wertigkeit von diversen Eigenschaften aus Sicht der Russen

Abb.49: Grad der Vorbereitung und interkultureller Kompetenzen

Abb.50: Wahrnehmung kult. Differenzen zwischen Russland und Österreich

Abb.51: Vergleich der Geschäftskultur Österreichs und Russlands

Abstract

Die vorliegende Masterarbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung interkultureller Kompetenz im Rahmen der Interaktion zwischen österreichischen und russischen Geschäftsleuten. Dabei werden im Konkreten die folgenden drei größeren Abschnitte behandelt: Ansätze aus kulturwissenschaftlicher Perspektive, wirtschaftsgeschichtliche und systemische Aspekte sowie eine empirische Studie mittels quantitativer Methode. Der kulturwissenschaftliche Teil der Arbeit stützt sich dabei auf theoretische Ansätze und jene relevanten Kulturdimensionen, die auch im Rahmen der praktischen Studie analysiert werden. Ebenso finden sich eingangs einige Begriffserklärungen, darunter eine Definition des Begriffes „Interkulturalität“. Der wirtschaftliche Teil der Arbeit behandelt im Speziellen die Entwicklung der russländischen Wirtschaft ab dem Zerfall der Sowjetunion im Jahre 1991 in der Jelzin - und Putin-Ära sowie die parallel dazu verlaufenden diplomatischen Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Russland. Auf diesen theoretischen Teil folgt im letzten Abschnitt eine praktische Analyse. Ausgehend von der Annahme, dass das Vorhanden- oder Nichtvorhandensein von interkultureller Kompetenz nicht selten darüber entscheidet, ob sich beispielsweise ein Markteintritt in Russland oder das erste persönliche Aufeinandertreffen erfolgreich oder nicht erfolgreich gestalten, soll im Zuge einer Analyse untersucht werden, welche Rolle das Thema „interkulturelle Kompetenz“ in der gelebten Praxis des 21. Jahrhunderts einnimmt. Der empirische Teil der Arbeit gliedert sich in zwei Abschnitte, in denen sowohl österreichische als auch russische Führungskräfte und Mitarbeiter unabhängig voneinander befragt wurden. Dabei versucht der Autor Begegnungs- und Interaktionsprobleme zu eruieren und zu analysieren. Demnach kann diese Arbeit auch als Unterstützung und Orientierung für Führungskräfte aus dem deutschsprachigen Raum herangezogen werden, die entweder bereits einer Tätigkeit mit russischen Geschäftsleuten nachgehen oder deren Markteintritt in Russland unmittelbar bevorsteht.

1 Einleitung

Russland kommt nicht zur Ruhe. Dreimal wurde das Land im 20. Jahrhundert quasi neu erfunden und war dadurch innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne markanten Veränderungsprozessen unterworfen: Zunächst im Zuge der Modernisierung des späten Zarenreichs, später unter den Kommunisten und schließlich nach dem Ende der Sowjetunion. Die russländische1 Bevölkerung musste dabei viele Entbehrungen auf sich nehmen und war stets politischen Repressionen ausgesetzt. Diese Lasten und Bürden der Vergangenheit spiegeln sich heute noch generationsübergreifend im Verhalten der Menschen wider. Als sich der russische Markt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Zuge des „holprigen“ Übergangs von der Planwirtschaft zur freien Marktwirtschaft für den „Westen“2 öffnete, stellten sich westliche Vertreter die Frage, warum sich das postkommunistische Russland darüber den Kopf zerbrechen sollte, eine eigene nationale Idee zu finden. Wäre es nicht für alle Beteiligten vernünftiger, sich der westlichen Zivilisation anzuschließen und die Regeln der Globalisierung zu befolgen? Niemand konnte damals jedoch erahnen, wie schnell der amtierende Präsident Vladimir V. Putin seinem Volk wieder neues Nationalbewusstsein einflößen würde. Nach dem Einzug Putins in den Kreml hat sich die Suche nach einem alternativen Entwicklungsmodell und anderen Werten beschleunigt. Auf der Suche nach einer Identität unterstützen viele Bürger Russlands einen konservativen Kurs als Möglichkeit, sich vom Westen abzugrenzen, aber dennoch Europa nicht zu verlassen. Doch auf dem Weg dahin, eine Demokratie nach russländischem Verständnis zu installieren und im Zuge dessen eine attraktive nationale Idee zu entwickeln, hat es Russland bis dato nicht geschafft, die Sympathien der Weltgemeinschaft für sich zu gewinnen (vgl. auch Rossija Segodnja 2013). Nach Meinung des Autors ist es jedoch unbestritten, dass Ratschläge darüber, wie die Demokratie in Russland auszusehen habe, fehl am Platz sind, vor allem dann, wenn es darum geht, auch eigene Interessen durchzubringen. Dies war mitunter auch ein Anstoß für die Beschäftigung mit dieser Thematik.

Zum Einstieg in die Materie werden zunächst einige für die Arbeit relevanten Definitionen zum Thema Kultur und Interkulturalität angeführt. Darauf folgt eine Abhandlung theoretischer Ansätze aus kulturwissenschaftlicher Perspektive. Dabei wird insbesondere Bezug auf die Kulturdimensionen nach Hofstede und Trompenaars genommen, die einen systematischen Rahmen zur Einschätzung der Unterschiede zwischen Nationen und Kulturen bieten. Aufgrund des engen Zusammenhangs mit der Thematik dieser Arbeit soll auch kurz die Rolle von Stereotypen und Ethnozentrismus erläutert werden. Im Anschluss an diese auch zu Orientierungszwecken dienlichen Kapiteln wird im folgenden Abschnitt auf die wirtschaftliche Entwicklung Russlands seit den 1990er Jahren und den nach Ende des Kalten Krieges neu aufkommenden Bestrebungen nach einem nachhaltigen Aufbau europäisch-russischer Wirtschaftsbeziehungen eingegangen.

Dem theoretischen Teil dieser wissenschaftlichen Arbeit folgt auf Basis zweier voneinander unabhängig durchgeführter quantitativer Erhebungen eine Analyse der ausgewerteten Ergebnisse der Studie. Es handelt sich dabei jeweils um einen Online-Fragebogen, der standardmäßig auswertbar ist, aber auch optionale Eingaben ermöglicht. Im Zuge einer ersten Untersuchung wurden jene Führungskräfte bzw. Mitarbeiter3 in österreichischen Unternehmen befragt, welche Geschäftsbeziehungen zu Russland pflegen und/oder in der Vergangenheit geschäftliche Erfahrungen gesammelt haben. Die zweite Untersuchung ist an russische Geschäftsleute4 adressiert, die über Erfahrungen in der Kommunikation und Zusammenarbeit mit österreichischen Partnerorganisationen verfügen. Häufig bedingt durch eine mangelhafte Vorbereitung zeigt sich in den gemeinsamen Gesprächen zwischen österreichischen und russischen Führungskräften oft eine Diskrepanz von Wunsch und Wirklichkeit. Die daraus resultierenden Konfliktherde können die Geschäftsbeziehungen stark beeinträchtigen. Mit Hilfe dieser Studie sollen daher Missverständnisse entschärft werden, wobei es jedoch zu bedenken gilt, dass die Untersuchungen nur einen Auszug kultureller Gemeinsamkeiten und Differenzen berücksichtigen. Diese vorliegende wissenschaftliche Arbeit versucht daher eine Antwort auf folgende zentrale Forschungsfragen zu geben: Welche interkulturellen Differenzen zwischen Österreich und Russland liegen vor und worin liegt das Konfliktpotenzial bei gemeinsamen Projekten? Wie werden Kulturunterschiede von Führungskräften beider Länder wahrgenommen und wie wirken sich diese auf die gemeinsame Zusammenarbeit aus?

Die Ergebnisse der Studie zeigen ein – in Anbetracht der weltpolitisch angespannten Situation – aktuelles Stimmungsbild aus Unternehmersicht. Aus diesem lassen sich Rückschlüsse ziehen, inwieweit kulturell bedingte Differenzen in der Wahrnehmung und eine sich daraus ergebende unterschiedliche Bewertung einer bestimmten Situation zu Spannungen im österreichisch-russischen Verhältnis führen können. Abweichungen bieten dabei sowohl Platz für mögliche Verbesserungen in der gemeinsamen Zusammenarbeit als auch Chancen auf künftige Wettbewerbsvorteile durch den Aufbau von interkultureller Kompetenz.

Demnach soll mit dieser Masterarbeit die momentane Krisenlage – insbesondere hinsichtlich der ökonomischen Beziehungen mit Russland – als Chance begriffen werden, die Notwendigkeit interkultureller Kommunikation zu verdeutlichen.

2 Definitionen und Bedeutung kultureller Gegebenheiten

In jeder interkulturellen Begegnung treffen nicht nur Menschen aufeinander, sondern vielmehr unterschiedliche Lebenswelten, die kulturell geprägt sind. Um der Frage nachzugehen, was man unter Kultur versteht und wie diese mit der Kommunikation verflochten ist, muss zunächst erklärt werden, wie Kultur und Kommunikation definiert sind (vgl. Broszinsky-Schwabe 2011: 41). Dieses Kapitel befasst sich daher mit dem Terminus Kultur. Im Zeitalter der Globalisierung und dem damit verbundenen steigenden Wettbewerb wird es immer schwieriger, sich am Markt zu behaupten. Daher könnte eine im Vergleich zur Konkurrenz besser funktionierende interkulturelle Kommunikation ausschlaggebend dafür sein, am Ende doch die am selben Markt drängenden oder bereits agierenden Mitspieler hinter sich zu lassen. Um einen guten Überblick darüber zu bekommen, was eigentlich unter Interkulturalität verstanden wird, werden zunächst jene Begriffe erläutert, die für die Beschäftigung mit dieser Thematik als relevant erscheinen. Abschließend behandelt dieses Kapitel kurz und kritisch das vorherrschende globale Wirtschaftssystem. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie bedeutend das Aneignen von interkultureller Kompetenz in der globalisierten Welt für österreichische Unternehmen ist bzw. sein kann.

2.1 Kultur vs. Interkulturalität

Der Ausdruck Kultur ist ein sehr weitreichender. In der Literatur sind über 250 unterschiedliche Definitionen zu finden. Seinen Ursprung findet der Terminus Kultur im lateinischen Wort cultus. Die Bezeichnung cultus wird mit Bearbeitung und Kultur assoziiert. In Verbindung mit weiteren lateinischen Wörtern ergeben sich daraus unter anderem Begriffe wie Anbau, Anpflanzung, Pflege, Bildung, Erziehung, Kleidung und Schmuck (vgl. Stowasser/Petschenig/Skutsch 1997: 132).

„Kultur und Interkulturalität gelten heute mithin sowohl in der Wissenschaft wie auch in Politik, Wirtschaft und im Alltag als Modewörter. Mode entspringt allerdings immer einem realen Bedürfnis, sodass Aktualität und Legitimität einer neuen Interkulturalitäts-Kultur in der Gegenwart kaum zu bestreiten sind“ (Földes 2009: 504).

Je nach Autor wird der Begriff Kultur anders interpretiert. Im Folgenden werden einige dem Verfasser dieser Arbeit wesentlich erscheinende Kulturdefinitionen angeführt, die einerseits den Begriff Kultur etwas klarer erscheinen lassen sollen und andererseits zum grundlegenden Verständnis der nachstehenden Themenbereiche beitragen sollen.

Laut Hofstede wird unter Kultur immer ein kollektives Phänomen verstanden, da man sie zumindest teilweise mit Menschen teilt, die im selben sozialen Umfeld leben oder lebten. Des Weiteren bezeichnet er Kultur als kollektive Programmierung des Geistes, welche die Mitglieder einer Gruppe von jenen Menschen, die einer anderen Gruppe angehören, unterscheidet. Darüber hinaus besteht Kultur aus den ungeschriebenen Regeln des sozialen Spiels (vgl. Hofstede 2006: 4). Im Vergleich dazu kann Kultur auch als ein System von Konzepten, Überzeugungen, Einstellungen und Wertorientierungen verstanden werden, die sowohl im Verhalten und Handeln der Menschen als auch in ihren geistigen und materiellen Produkten sichtbar werden (vgl. Maletzke 1996: 16).

Der Terminus Kultur wird auch im Sinne von Gemeinschaften = Kulturen benutzt. Menschliche Gemeinschaften existieren in ganz unterschiedlicher Größe und Entwicklungsstufe, man spricht in diesem Sinne von Stammeskulturen, Regionalkulturen oder Nationalkulturen. In diesem Kontext erscheint es daher hilfreich, auch eine Definition von kultureller Identität vorzunehmen. „Kulturelle Identität bezieht sich auf die Gemeinsamkeiten von Sprache, Normen des Zusammenlebens, weltanschauliche und religiöse Orientierungen, künstlerische und wissenschaftliche Traditionen, sportliche und handwerkliche Fertigkeiten, gemeinsame Ideale und Werte. Die Gemeinsamkeiten in der Lebensweise zeigen sich z.B. im Wohn- und Siedlungsverhalten, an Essgewohnheiten, Mode, Umgangsformen, Symbolen, Festen und Feiern“ (Brozinsky-Schwabe 2011: 46).

Der Begriff Kulturstandards versucht die Mentalität einer Kultur zu klassifizieren und zu beschreiben. Als Kulturstandards werden laut Thomas alle Arten des Wahrnehmens, Denkens, Wertens und Handelns verstanden, die von der Mehrzahl der Mitglieder einer bestimmten Kultur als normal, selbstverständlich, typisch und verbindlich angesehen werden (vgl. Thomas 1996: 112). Im Gegensatz zu Thomas Kulturstandards spricht Maletzke von Strukturmerkmalen von Kulturen, welche unter anderem Nationalcharakter, Wahrnehmung, Zeit- und Raumerleben, Denken, Sprache und Nichtverbale Kommunikation beinhalten (vgl. Maletzke 1996: 42).

Kultur weist außerdem eine viel größere Bedeutung auf, als einem Individuum zumeist bewusst ist, denn vieles davon befindet sich im Unterbewusstsein. Das ist mitunter ein Grund dafür, dass sich der Umgang mit anderen und fremden kulturellen Phänomenen häufig als sehr schwierig gestaltet (vgl. Prisching 1995: 340).

Unter diesem Aspekt ist es sinnvoll, nach einem Begriff zu suchen, der verschiedenste Kulturen in Texten, Diskursen und Handlungsweisen produktiv miteinander zu verschmelzen versucht: Die Interkulturalität.

Auch der Begriff Interkulturalität ist unterschiedlich interpretierbar. Im Zusammenhang mit der vorliegenden Arbeit bevorzugt der Autor eine Definition des deutsch-iranischen Philosophen Hamid Reza Yousefi, der Interkulturalität als Name einer Theorie und Praxis bezeichnet, die sich mit dem historischen und gegenwärtigen Verhältnis aller Kulturen und der Menschen als ihre Träger auf der Grundlage ihrer völligen Gleichwertigkeit beschäftigt. Interkulturalität gilt dabei als wissenschaftliche Disziplin, sofern sie diese Theorie und Praxis methodisch untersucht (Yousefi 2011: 29).

2.2 Kommunikation vs. interkulturelle Kommunikation

Wie bereits erläutert treten, aufgrund von Internationalisierung und Globalisierung, interkulturelle Interaktionen sowohl in privaten als auch in geschäftlichen Lebensbereichen immer mehr in den Vordergrund. Aus diesem Grund wird das Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Kulturen als Prozess der interkulturellen Kommunikation oder der interkulturellen Interaktion bezeichnet. Einige Wissenschaftler haben dabei bereits mehrmals versucht, begriffliche Unterschiede zwischen Interaktion und Kommunikation zu definieren (vgl. Maletzke, 1996: 37).

Bei Gudykunst und Kim (2003) wird unter der Kommunikation als Interaktionsbegriff das Abfassen einer Nachricht seitens des Sprechers, das Verschlüsseln der Gedanken, Meinungen, Informationen etc. als Enkodieren bezeichnet. Unter Dekodieren wird hingegen das Schließen vom Sprachzeichen auf das Gemeinte, also das Entschlüsseln der Nachricht verstanden. Dabei ist Enkodierung und Dekodierung der kommunikativen Mitteilung ein interaktiver Prozess, der von kulturellen, soziokulturellen, psychokulturellen und situativen Faktoren beeinflusst wird. Mit Hilfe des folgenden Modells (Abb. 1) lassen sich Auffälligkeiten in der Kommunikation mit fremden Kulturen beschreiben. Dabei kann untersucht werden, welche kulturspezifische De-/Enkodierung von welchen Faktoren beeinflusst wird (vgl. Gudykunst/Kim 2003: 45).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Interaktionsmodell der interkulturellen Kommunikation

Quelle: Gudykunst/Kim 2003

Während unter Kommunikation lediglich der Austausch oder die Übertragung von Informationen verstanden wird, gilt die interkulturelle Kommunikation als Spezialfall sozialer Kommunikation und ist fest verbunden mit Interkulturalität, d.h. mit Beziehungen zwischen den Kulturen. In der Geschichte der Menschheit gab es permanent Kontakte und Begegnungen von Menschen, vom Tauschhandel bis zum globalen Markt unserer Zeit. Ein wechselseitiges Verstehen war nur dort gegeben, wo bestimmte Gruppen sich über eine gemeinsame Sprache verständigen konnten. Innerhalb der eigenen Gruppe war Kommunikation kein wirkliches Problem (vgl. Broszinsky-Schwabe 2011: 19 f.). Sobald es jedoch zu Begegnungen mit Fremden kam, musste ein gemeinsamer Weg zur Verständigung erst gesucht werden. Aus heutiger Sicht wird eine Beschäftigung mit den Sprachen und kulturellen Verhaltensmustern bisher fremder kultureller Gemeinschaften spätestens dann unabdingbar, wenn sich wirtschaftliche und politische Interessen über die eigenen Grenzen hinausverlagern, wie es zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Fall war. Im Begriff interkultureller Kommunikation sind Faktoren enthalten, die in der Praxis ineinandergreifen (vgl. ebenda):

- Kommunikation im Allgemeinen als Verständigung zwischen Menschen,
- Interkulturell als Begegnung und Verständigung zwischen Menschen, die verschiedenen Kulturen angehören.

2.3 Kompetenz- und Wissensbegriff

Bevor sich die Arbeit dem eigentlichen Thema, nämlich der Relevanz von interkultureller Kompetenz, zuwendet, erfolgt nachstehend eine kurze Gegenüberstellung der Begriffe Wissen und Kompetenz. „Wissen ist die Kombination von Daten und Informationen unter Einbeziehung von Expertenmeinungen, Fähigkeiten und Erfahrungen, mit dem Ergebnis einer verbesserten Entscheidungsfindung. Wissen kann explizit und/oder implizit, persönlich und/oder kollektiv sein“ (vgl. CEN 2004:10). Abb. 2 soll veranschaulichen, wie die Lücke zwischen Wissen und Kompetenz geschlossen werden kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Wissen und Kompetenz

Quelle: Zawacki-Richter 2004: 253

Wie in obiger grafischer Darstellung ersichtlich, steht folglich bei der Verwendung des Kompetenzbegriffes die Anwendbarkeit von Wissen, Kenntnissen und Fertigkeiten im Vordergrund.

Für ein gewinnorientiertes Unternehmen bedeutet dies, dass vorhandenes Wissen durch einen starken Willen und die Fähigkeit, es richtig anzuwenden, sowie situationsbezogen richtig zu handeln, zu Kompetenz führen kann. Dies wiederum ist eine Voraussetzung dafür, in bestimmten Segmenten über Alleinstellungsmerkmale (USP) zu verfügen und sich somit von potenziellen Mitbewerbern abzugrenzen, sodass Wettbewerbsvorteile generiert werden können. Kompetenzen, die für die persönliche und soziale Entwicklung eines jeden Menschen in modernen Gesellschaften wesentlich sind, werden als sogenannte Schlüsselkompetenzen bezeichnet.

Gemäß OECD5 sollten Schlüsselkompetenzen folgende drei Kriterien erfüllen: (vgl. OECD Program DeSeCo: Strategy Paper (2002):

- sie tragen sowohl auf der individuellen als auch gesellschaftlichen Ebene zum Erfolg bei,
- sie werden benötigt, um bedeutsame komplexe Anforderungen bzw. Herausforderungen in möglichst vielen Kontexten bewältigen zu können,
- sie sind für alle Individuen von Bedeutung;

Die in diesem Zusammenhang häufig synonym verwendeten Begriffe Kompetenz und Qualifikation sind ebenfalls voneinander abzugrenzen. Während Kompetenz individuelle Fähigkeiten und Fertigkeiten zu beschreiben versucht, wird der Qualifikationsbegriff personenunabhängig verwendet. Dabei wird die konkrete Befähigung bzw. Eignung ausgedrückt, eine Tätigkeit auf einem bestimmten Niveau verrichten zu können (vgl. ISB 2006: 1).

Interkulturelle Kompetenz wird häufig als Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Was nun konkret unter dem Begriff Interkulturelle Kompetenz verstanden wird, soll der nachfolgende Teilabschnitt klären.

2.4 Interkulturelle Kompetenz

Auf allen Ebenen des Arbeitsmarktes lässt sich ein wachsender Bedarf an Mitarbeitern mit internationalen und interkulturellen Kompetenzen feststellen. Das Bewusstsein für das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen nimmt allgemein zu und bringt auch in der Berufswelt Änderungen mit sich. Nachdem die Wirtschaft zunächst die Herausforderung vorrangig auf der fachlichen Ebene, also in der Aneignung, Integration und Nutzung von Wissen über Auslandsmärkte und der damit einhergehenden sich vertiefenden Bindung des Unternehmens an diese Märkte gesehen hat, stellte sich bald auch ein Bewusstsein für die interkulturellen Hürden auf der Ebene der Kommunikation ein. Aus diesem Grunde definieren sich Wettbewerbsvorteile international immer weniger über die Eigenschaften der jeweils vertriebenen Produkte selbst, sondern zunehmend über die Kommunikationsqualität, und dazu sind mehr als ausgeprägte Fremdsprachenkenntnisse erforderlich (Bahl 2009: 5f.).

Der Begriff Interkulturelle Kompetenz wird von verschiedenen Autoren unterschiedlich bewertet. Interkulturelle Kompetenz kann als „die allgemeine linguistische, soziale und psychische Fähigkeit einer Person, mit Individuen und Gruppen, die einer anderen Kultur angehören, erfolgreich zu kommunizieren“ definiert werden (Moosmüller 1996: 272). Thomas (2003: 141) bezeichnet interkulturelle Kompetenz als die Fähigkeit, „den interkulturellen Handlungsprozess so (mit)gestalten zu können, dass Missverständnisse vermieden oder aufgeklärt werden können und gemeinsame Problemlösungen kreiert werden, die von den beteiligten Personen akzeptiert und produktiv genutzt werden können“. Aus diesen eben erläuterten beiden Definitionen lässt sich erkennen, welches Ziel die interkulturelle Kommunikation verfolgt. Die über interkulturelle Kompetenzen verfügenden Personen sind in der Lage, mittels Kommunikation produktive Kooperationen mit Interaktionspartnern aus fremden Kulturen einzugehen. Dabei sind die Ergebnisse der sich ergebenden Kooperationen für beide Seiten gewinnbringend.

Trotz der Vielzahl unterschiedlicher Definitionen des Begriffs Interkultureller Kompetenz hat sich dennoch folgendes dreigeteiltes Konzept der Dimensionen von Bolten weitgehend durchgesetzt:

- Kognitive Dimension: betrifft das interkulturelle Wissen, das heißt Wissen um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Kulturen. Mit Hilfe dieser Dimension kann die Komplexität einer Kultur verstanden werden.
- Affektive Dimension: betrifft die interkulturelle Sensibilität. Insbesondere sind hier bestimmte Sozialkompetenzen von Bedeutung, um Situationen interkulturellen Kontakts, an denen man selbst beteiligt ist, zu durchschauen und eventuell auftretende Probleme als kulturbedingt zu erkennen.
- Kommunikativ-verhaltensbezogene Dimension: beschreibt die interkulturelle Handlungskompetenz. Um effektiv mit Menschen einer anderen Kultur interagieren und Probleme und Konflikte, die aus kulturellen Unterschieden resultieren, bewältigen oder von vornherein vermeiden zu können, benötigen interkulturelles Wissen und interkulturelle Sensibilität eine Ergänzung um Fähigkeiten und Fertigkeiten auf der kommunikativen und der Verhaltensebene (vgl. Bolten 2003: 373f.).

Betrachtet man unterschiedliche Geschäftskulturen, auf die im Kapitel 5 im Zuge der empirischen Studie am Beispiel Österreich und Russland noch ausführlich eingegangen wird, so kann interkulturelle Kompetenz als überfachliche Kompetenz angesehen werden, die für viele Berufsfelder relevant ist. Sie zählt mittlerweile zu den Schlüsselqualifikationen im Ausbildungskanon der meisten deutschen Universitäten. Um Kommunikationsbrüche und unvorhersehbare Folgen zu minimieren bzw. zu vermeiden, hat die interkulturelle Managementforschung damit begonnen, Komponenten der Geschäftsetikette zu analysieren und als „To-do-Listen“ bzw. Benimmregeln an interessierte Unternehmern zu überreichen. Die Auflistung von starren Regeln reicht jedoch nicht aus, um das Wesen und die Wirkungsweise interkultureller Kompetenz erfassen zu können. Hierfür ist ein kulturhistorischer Blick auf die national unterschiedlichen Verhaltensweisen und ihre Motive unabdingbar. Für die Praxis relevant sind besonders die Auswirkungen auf die Geschäftskultur und das kulturell geprägte Management zu nennen. Als kollektives System von Normen, Denkweisen und Wertvorstellungen hat Kultur im Arbeitsprozess unter anderem Einfluss auf die Personalführung (Kontrolle, Motivation, Arbeitsstil), Planung (langfristig oder kurzfristig), Entscheidungsfindung (autoritär oder demokratisch), Besprechungs- und Verhandlungsführung, Werbung im Ausland (Wirkung von Symbolen und Bildern) oder etwa auf die Auslandsentsendung (fachliche oder soziale Kompetenz). Im Zuge der Internationalisierung der Managementprozesse ergab sich mehr und mehr die Notwendigkeit, Einzelkulturen zu vergleichen und sich auf interkulturelles Agieren vorzubereiten – also interkulturelle Kompetenz zu erwerben (Igra 2010: 1f.).

2.5 Relevanz von interkultureller Kompetenz im Zeitalter der Globalisierung

Nach Ansicht des Autors steht das westlich-kapitalistische System mehr denn je auf dem Prüfstand. Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise und die damit verbundene Stagnation haben vor allem innerhalb der Europäischen Union eine erhöhte Arbeitslosigkeit verursacht. Bedingt durch die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts und dem zunehmenden Druck innerhalb der Organisationen wird zur Einsparung teurer Ressourcen sukzessive menschliche Arbeitskraft durch Maschinen und intelligente Systeme ersetzt. Da jedoch mit Nachdruck versucht wird, das System aufrecht zu erhalten, steigen die Produktionszahlen unaufhaltsam an. Der Angebotsüberschuss hierzulande sucht folglich und immer verzweifelter nach potenziellen neuen Abnehmern und das weit über die Grenzen der Europäischen Union hinaus. Die Globalisierung kann in diesem Zusammenhang auch als Erhalter des Wohlstandes in der westlich-industrialisierten Welt der modernen Staaten gesehen werden. Ein Wohlstand mit Ablaufdatum? Gerade in schweren Krisenzeiten mit unsicherem Ausgang wird diese Frage gerne diskutiert. Es ist nicht zu überhören, dass immer lauter Kritik am jetzigen vorherrschenden kapitalistischen System geübt wird. Demnach werden nach Meinung des Autors Politik und Hochfinanz dazu angehalten, an einer gemeinsamen Lösung zu arbeiten, die künftig das globale Wirtschaftssystem wieder auf Vordermann bringt und in die richtigen Bahnen lenken kann.

Gleichzeitig mit der immer stärker werdenden Globalisierung wächst in der gesamten Welt auch das Unbehagen in Bezug auf Konfliktpotenziale, die mit kulturellen Differenzen zusammenhängen. Bedingt durch die Globalisierung treten auch österreichische Führungskräfte mit Kunden, Lieferanten, Vorgesetzten, Behörden, Institutionen und anderen staatlichen Organisationen fremder Länder in Kontakt. Diese Arbeit verlangt eine Interaktion von Personen unterschiedlicher Kulturen, die für viele Führungskräfte ein wesentlicher bzw. täglicher Bestandteil ihrer Tätigkeit ist (vgl. Köppel 2007: 18f).

Kultur macht sich in allen Lebensbereichen bemerkbar. In der Berufswelt wirkt sie sich auf den Führungsstil im Unternehmen, den Umgang im Team, das Führen von Verhandlungen und viele weitere Bereiche aus. Bemerkenswert ist, dass diese Punkte in der Zusammenarbeit mit Personen aus der eigenen Kultur kaum bemerkt oder beachtet werden. Die Unterschiede zeigen sich erst beim Kontakt mit Menschen aus einer anderen Kultur. Die Problematik in diesem Zusammenhang ergibt sich häufig dadurch, dass – wenn Mitglieder zweier unterschiedlicher Kulturen miteinander in Kontakt treten – meist die eigene Nationalkultur in den Vordergrund gestellt und dadurch die Wahrnehmung des Gegenübers beeinflusst wird (vgl. ebenda). In derartigen Situationen erscheint es daher sinnvoll, dass sich die Beteiligten, darunter vor allem aber im Zusammenhang mit vorliegender Arbeit die österreichische Unternehmerseite, welche Produkte, Dienstleistungen, Lösungen und somit Know-how nach Russland exportiert und die Wertschöpfung großteils im eigenen Lande behält, mit der Thematik der kulturellen Unterschiede auseinandersetzen. Dabei sollten – bereits in der Vorbereitung auf das Partnerland – kulturelle Gegebenheiten und mögliche Unterschiede berücksichtigt werden (vgl. Podsiadlowski 2002: 26).

3 Theoretische Ansätze aus kulturwissenschaftlicher Perspektive

Nachdem der Kulturbegriff aus unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet und das Thema rund um den Oberbegriff interkultureller Kommunikation relativ ausführlich behandelt wurde, nimmt dieses Kapitel nun Bezug auf die für die Arbeit relevanten Vergleichsstudien unterschiedlicher Kulturen. Mit Hilfe von Kategorien versuchen kulturtheoretische Ansätze die Kultur einer Gruppe zu erklären. Unterschiedliche Kulturen sollen durch diese Kategorisierung miteinander verglichen werden (vgl. Schugk 2004: 109).

Im vorliegenden Kapitel werden die Dimensionen nach Hofstede und Trompenaars näher erläutert. Im Rahmen der theoretischen Aufbereitung dieser Masterarbeit wird abschließend noch auf die Bedeutung von Ethnozentrismus und Stereotypen eingegangen. Eine eingehende Analyse zum Thema Geschäftskultur in Russland, kulturelle Differenzen in der Berufswelt sowie über die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Geschäftstätigkeit am russischen Markt wird im Anschluss an den kultur- und wirtschaftswissenschaftlichen Teil der Arbeit im Rahmen einer empirischen Studie im Kapitel 5 vorgenommen.

3.1 Vergleichsstudien unterschiedlicher Kulturen

Eine Gegenüberstellung unterschiedlicher Kulturen erfolgt auf der Ebene „eigene Kultur“ und „fremde Kultur“ (unsere Kultur und die der Anderen). Aufgrund der vielen unterschiedlichen Standards innerhalb einzelner Kulturen haben Kulturforscher wie Hall, Hofstede und Trompenaars, aber auch Kluckhohn und Strodtbeck Versuche unternommen, diese auf makroanalytischer Ebene in unterschiedliche Dimensionen einzuteilen. Als Kulturdimensionen bezeichnet man typische Verhaltensweisen einer kulturellen Gruppe (vgl. Rentzsch 1999: 35).

Ziel der Kulturdimension ist es, Kulturunterschiede bzw. Kulturgemeinsamkeiten zu erklären, um daraus Handlungsweisen für die kulturelle Zusammenarbeit ableiten zu können“ (Schneider/Hirt 2007: 85).

Dort, wo es im Rahmen der kulturtheoretischen Ansätze möglich erscheint, wird der Versuch unternommen, Kulturvergleiche zwischen Russland und Österreich herzustellen. Sofern das Land Österreich nicht Teil der Untersuchungen war, werden stattdessen Untersuchungsergebnisse über das Nachbarland Deutschland herangezogen.

Die Grundlage dieser wissenschaftlichen Arbeit bilden die Theorien der Kulturdimensionen, die von Geert Hofstede begründet und von Fons Trompenaars weiterentwickelt wurden. Nachdem sich der Autor dieser Arbeit jedoch auch mit dem kulturtheoretischen Ansatz von Edward T. Hall beschäftigt hat, erscheint es ihm zunächst wichtig, kurz zu dessen Konzept Stellung zu nehmen. Gemeinsam mit seiner Frau Mildred Hall entwickelte Edward T. Hall6 einen wesentlichen kulturtheoretischen Ansatz, welcher häufig zur Erklärung und zum Vergleich von Kulturen (vgl. z.B. Hasenstab 1999, Schneider/Hirt 2007, Schugk 2004) herangezogen wird. Dabei orten Hall & Hall einen sehr starken Zusammenhang zwischen Kultur und Kommunikation. Deren Beziehung zueinander betrachten sie als derart intensiv, dass sie Kultur als Kommunikation bezeichnen (vgl. Hall 1990: 94ff.). Aufgrund dieser Ansicht beleuchten Hall & Hall die Kulturdimensionen insbesondere aus dem Blickwinkel der Kommunikation. Hall versucht in seinem Modell zu beweisen, dass die Ursachen kultureller Probleme zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen häufig durch unterschiedliche Wahrnehmungen zustande kommen. Die Form der Wahrnehmung wird von der jeweiligen Tätigkeit, der Situation, dem Status, von früheren Erfahrungen und vor allem durch die Kultur in der man lebt selbst, beeinflusst. Da die meisten Menschen sich dieser Tatsache jedoch nicht bewusst sind, neigen sie dazu, ihre eigenen Verhaltensweisen und Empfindungen auf andere zu übertragen, was oft unweigerlich zu Missverständnissen führen kann. Um diese zu minimieren bzw. gänzlich zu vermeiden ist es entscheidend, sich der kulturellen Unterschiede bewusst zu werden und diese zu verstehen. Hierzu hat Hall vier Dimensionen entwickelt, die als generelle Orientierungen zu deuten sind und im Management vor allem in Kommunikationssituationen hilfreich sein können. Als Ergebnis langjähriger Forschungs- und Beratungstätigkeiten sind folgende vier Kulturdimensionen entstanden, die sich in vielen Fällen aufeinander beziehen (vgl. Kutschker/Schmied 2002: 695ff.):

- Kontextorientierung (high vs. low context),
- Raumorientierung,
- Zeitorientierung (monochron vs. polychron),
- Informationsgeschwindigkeit (fast vs. slow messages);

Demnach beschäftigt sich Halls Ansatz mit den „grundlegenden Dimensionen menschlichen Zusammenlebens […], mit denen sich Menschen in allen Kulturen auseinandersetzen müssen […] Jede Kultur ist somit gezwungen, hinsichtlich dieser Grunddimensionen bestimmte Handlungsstandards zu entwickeln“ (Thomas, Kinast & Schroll-Machl 2005: 63).

Was den Menschen ausmacht und ihm seine Identität verleiht, ist seine Kultur und deren gesamter kommunikativer Rahmen. Dazu gehören Wörter, Handlungen, Mimik und Gestik, das Zeit- und Raumerlebnis, die Art und Weise, wie der Mensch arbeitet, spielt, liebt und kämpft. Die Zusammenhänge und deren Aspekte, welche in diesem Kommunikationssystem entstehen, sind nur dann richtig zu interpretieren, wenn man dazu in der Lage ist, dieses Verhalten in seinem historischen, sozialen und kulturellen Kontext zu deuten (vgl. Hall 1976a).

Nachstehend wird in dieser Arbeit jedoch nicht näher auf Halls Kulturdimensionen und Ländervergleiche eingegangen, da ein Großteil der Zahlen, welche für seine Untersuchungen verwertet wurden, bereits einige Jahrzehnte zurückliegen. Diese Tatsache verdeutlicht das Problem der Vernachlässigung von Kulturwandel (vgl. Richter 2009: 29). Darüber hinaus waren die damals sozialistische Sowjetunion bzw. das heutige Russland ebenso wie Österreich nicht Teil seiner Erhebungen.

3.1.1 Kulturdimensionen nach Hofstede

Als einer der bekanntesten und oft zitierten Kulturforscher der Welt beschäftigt sich Geert Hofstede7 bereits seit Jahrzehnten ausführlich mit Zusammenhängen und Vergleichen nationaler Kulturen und Unternehmenskulturen. Im Zuge seiner IBM-Studie verwendete Hofstede bei der Erforschung fremder Kulturen einen Katalog von Werten und Normen, den er am Beginn seiner Studie 116.000 IBM-Mitarbeitern in verschiedenen Gebieten der Welt zur Bewertung vorgelegt hat. Aus der anhand der Bewertungen erfolgten Faktoranalyse ergaben sich die fünf Kulturdimensionen nach Hofstede. Die ersten vier Dimensionen identifizierte er am Beginn seiner Forschungsarbeit: Individualismus vs. Kollektivismus, Machtdistanz, Maskulinität vs. Femininität und Unsicherheitsvermeidung. Erst später wurde die Zeitorientierung als fünfte Dimension hinzugefügt (vgl. Schneider/Hirt 2007: 95). Im Laufe der letzten Jahre kam mit der Nachgiebigkeit und Beherrschung eine sechste Dimension hinzu, die zunächst von Minkov formuliert und von Hofstede übernommen wurde. (vgl. Minkov 2007: 114ff.).

Die für die einzelnen Kulturen aus der Bewertung errechneten Durchschnittswerte ermöglichen eine Beschreibung sowie einen Vergleich von Kulturen durch die Dimensionen (vgl. ebenda). Nachstehend werden die sechs Dimensionen nach Hofstede beschrieben.

3.1.1.1 Machtdistanz

Als erste Dimension nennt Hofstede die Machtdistanz. Darunter versteht er die Akzeptanz und das Erwarten von Menschen aus niedrigeren Schichten der Gesellschaft hinsichtlich der Ungleichverteilung der Macht (vgl. Hofstede 1993: 42). Nach Hofstede existieren in jeder Gesellschaft Ungleichheiten. Schon in primitiven Gesellschaften wie etwa der Jäger-Sammler-Kultur kam es stets zu Ungleichheiten. Als Folge dessen, dass manche Menschen größer und stärker sind bzw. mehr leisten als andere, besitzen einige Menschen mehr oder weniger Macht, sind reicher oder ärmer als andere. Laut Hofstede bezieht sich die menschliche Ungleichheit einer Gesellschaft vor allem auf physische und intellektuelle Fähigkeiten, Macht, Wohlstand, Status und Respekt. Darüber hinaus wird die Ungleichheit in verschiedenen Kulturen unterschiedlich wahrgenommen (vgl. Hofstede 2006: 55ff).

Ein geringer Wert an Machtdistanz steht für eine Kultur, in der Ungleichheiten vermieden werden. Diese Kultur hat sich folglich zum Ziel gesetzt, dass jeder die gleichen Rechte besitzt. Die Macht einer Person ergibt sich nicht aus deren Familienherkunft, sondern aus deren Fähigkeiten. Hingegen gibt ein erhöhter Wert darüber Auskunft, dass eine Ungleichheit zwischen den Menschen erwartet und akzeptiert wird. Folglich verfügen in dieser Kultur mächtige Personen über mehr Rechte. Dabei erlangen sie ihre Macht durch ihre Herkunft oder durch Freunde (vgl. Hofstede 1993: 52ff).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3: Geringe vs. hohe Machtdistanz

Quelle: Hofstede 2006: 76.

Wie in Abb. 4 ersichtlich, wurde die niedrigste Machtdistanz mit 11 Punkten in Österreich erhoben, gefolgt von Israel mit 13 und Dänemark mit 18 Punkten. Im Vergleich dazu verzeichnet Russland einen sehr hohen Wert von 93 Punkten (vgl. The Hofstede Centre 2010). In Ländern wie Österreich und Dänemark, in denen Gleichheit eine bedeutende Rolle spielt, finden Entscheidungen und Kommunikation auf partizipativer Ebene statt (vgl. Hofstede 2006: 51ff.). Folglich werden Mitarbeiter, die meist mit einem partnerschaftlichen und freundschaftlichen Führungsstil konfrontiert werden, verstärkt in Entscheidungsprozessen miteinbezogen (vgl. Rothlauf 2006: 30). Auf den Grad der Maskulinität, welcher auf der zweiten Achse der Grafik abgebildet wird (Abb. 4), bezieht sich die dritte Dimension Hofstedes, die Maskulinität vs. Femininität (siehe Abschnitt 3.1.1.3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.4: Soziokulturelle Einordnung bezüglich Machtdistanz und Maskulinität

Quelle: Hofstede 2006: 117.

Laut Hofstede weisen Länder wie Russland, Malaysia oder die Slowakei einen hohen Machtdistanz-Wert auf, welcher auch akzeptiert wird. Entscheidungs- und Kommunikationsstrukturen funktionieren in diesen Kulturen von oben nach unten, wobei den Autoritätspersonen niemals widersprochen wird (vgl. Kumbruck/Derboven 2009: 14).

3.1.1.2 Individualismus vs. Kollektivismus

Die zweite Dimension von Hofstede wurde aufgestellt, um Kulturvergleiche zum Thema Individualismus und Kollektivismus durchführen zu können. In individualistischen Kulturen steht das Interesse des Einzelnen im Vordergrund. Dies bedeutet, dass das Individuum über der Gruppe steht und das Ziel der Selbstverwirklichung verfolgt (vgl. Rothlauf 2006: 30).

Im Gegensatz dazu hat in kollektivistischen Kulturen das Gemeinwohl der Gruppe oberste Priorität. Hierbei sind Individuen ein Leben lang in einer Gruppe integriert. Diese Gruppenmitglieder helfen und unterstützen einander, indem sie sich mit der Gruppe identifizieren und sich dieser unterordnen. Harmonie und Konsens innerhalb der Gruppe werden angestrebt (vgl. Hofstede 1993: 67, 91 bzw. Hofstede 2006: 100f.). Das Erreichen von Gruppenzielen sowie ein Herbeischaffen eines Wir-Gefühls stehen dabei im Mittelpunkt (vgl. Rothlauf 2006: 30).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.5: Individualismus vs. Kollektivismus

Quelle: Hofstede 2006: 139.

Für Kollektivismus steht ein kleiner Indexwert. Die niedrigsten Werte weisen dabei die zentral- und südamerikanischen Länder Guatemala (6 Punkte), Ecuador (8) und Panama (11) auf. Österreich ist mit einem Wert von 55 Punkten im Mittelfeld zu finden (Abb. 6), tendiert aber aufgrund der Punkteanzahl zu einer individualistischen Kultur. Russland hingegen wird mit einem Wert von 39 Punkten eher der kollektivistischen Kultur zugeordnet (vgl. The Hofstede Centre 2010). Die zweite Achse der Grafik ordnet die untersuchten Länder nach der Stärke der Unsicherheitsvermeidung, der vierten Dimension Hofstedes (siehe Abschnitt 3.1.1.4) ein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.6: Soziokultur. Einordnung: Individualismus & Unsicherheitsvermeidung

Quelle: Hofstede 2006: 264.

Generell ist festzustellen, dass Kulturen mit einem hohen Individualitätswert größtenteils im angloamerikanischen Raum, aber auch in verschiedenen westlichen Kulturen, anzutreffen sind (vgl. Apfelthaler 1999: 55).

3.1.1.3 Maskulinität vs. Femininität

Die dritte Dimension handelt von der Verteilung und Akzeptanz der Geschlechterrollen in einer Kultur. In einer maskulinen Gesellschaft sind diese Rollen klar definiert. „Richtige“ Männer sind groß, stark, sach- und erfolgsorientiert und weisen mit der Rolle des Hauptverdieners eine weitere stereotype Eigenschaft auf. Zu den maskulinen Werten zählen beispielsweise Einkommen, Anerkennung, Beförderung und Herausforderung. Frauen hingegen übernehmen die Rolle der Mutter und Hausfrau, welche häuslich, sensibel und fürsorglich ist. Attribute wie ein gutes Arbeitsverhältnis zum Vorgesetzten, Teamarbeit, Sicherheit des Arbeitsplatzes und Kooperationen können femininen Werten zugeschrieben werden. Jedoch sind die Grenzen zwischen diesen traditionellen Vorstellungen zwischen Männern und Frauen meist erloschen, allerdings nicht in allen Gesellschaften (vgl. Apfelthaler 1999: 59; vgl. Hofstede 2006: 163ff.).

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Abb.7: Maskulinität vs. Femininität

Quelle: Hofstede 2006: 145f.

Mitglieder aus maskulinen Gesellschaften orientieren sich außerdem an Gewinn, Leistung, Besitz und Durchsetzungsvermögen, während Beziehungen und Kooperationen eher in femininen Kulturen von Bedeutung sind (vgl. Kumbruck/Derboven 2009: 15). Im Vergleich zur maskulinen liegt in der femininen Kultur keine klare Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern vor. Sowohl Frauen als auch Männer sollen sensibel sein (vgl. Hofstede 1993: 101). In einer Gesellschaft, in der der Wohlfahrtsstaat als das Maß aller Dinge gesehen wird, werden sozial Schwache unterstützt. Die Konfliktlösung wird durch Verhandlungen und Kompromissbereitschaft herbeigeführt (vgl. ebenda: 123).

Die höchste Maskulinität zeigt sich nach Hofstede mit 95 Punkten in Japan. Österreich weist mit 79 Punkten (Abb. 4) ebenfalls einen hohen Wert auf. Russland hingegen wird mit 36 Punkten eher zu den femininen Ländern seiner Studie gerechnet, wobei Länder wie Schweden (5), Norwegen (8) und die Niederlande (14) der Kategorie der eindeutig femininen Kulturen zugeordnet werden. Dass Russland sich eher zu den femininen Kulturen zählt, mag auch im Hinblick auf die Präferenz für Statussymbole überraschen, doch letztere beziehen sich in Russland auf die hohe Machtdistanz. Dominantes Verhalten wird in Russland meist akzeptiert, wenn es vom Vorgesetzten kommt, unter Kollegen jedoch wird es nicht geschätzt (vgl. The Hofstede Centre 2010).

3.1.1.4 Unsicherheitsvermeidung

Mit dieser Dimension werden die vier Hauptdimensionen nach Hofstede begründet und abgeschlossen. Die Dimension der Unsicherheitsvermeidung beschreibt die Angst, die Mitglieder einer Kultur in Bezug auf die unsichere Zukunft vorfinden. Aus dieser Angst wurde das Bedürfnis nach Berechenbarkeit durch Religion, Recht, Technologie und Regeln geboren (vgl. Apfelthaler 1999: 56f). Hofstede versteht darunter, inwieweit sich eine Gesellschaft durch Unbekanntes und Ungewisses bedroht fühlt (vgl. Hofstede 1993: 133).

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Abb.8: Schwache vs. starke Unsicherheitsvermeidung

Quelle: Hofstede 2006: 262.

Eine Kultur mit hoher Unsicherheitsvermeidung spiegelt sich in einem hohen Indexwert wider. In diesen Kulturen dominieren viele Regeln, Strukturen und Gesetze. Eine Gesetzesübertretung wird bestraft. Die Gesellschaft neigt zu Konservatismus, Recht und Ordnung (vgl. Hofstede 1993: 156). Österreich ist in der Tabelle (Abb. 6) mit 70 Punkten (Deutschland 65) eher im höheren Feld der Unsicherheitsvermeidung platziert. Daraus lässt sich schließen, dass Regeln, Strukturen und Gesetze für Österreicher erwünscht sind. Im Vergleich dazu ist Russland mit 95 Punkten eindeutig mit einer starken Unsicherheitsvermeidung konfrontiert. Eine niedrige Unsicherheitsvermeidung wurde in Ländern wie Singapur (8), Jamaika (13) und Dänemark (23) ausgemacht (vgl. The Hofstede Centre 2010).

3.1.1.5 Zeitorientierung

Als Ergänzung der bereits existierenden Dimensionen begründet Hofstede mit der fünften Dimension der Zeitorientierung die Langzeit- und Kurzzeitorientierung einer Kultur. Als langfristige Orientierung definiert er auf den Erfolg in der Zukunft gerichtete Werte wie Beharrlichkeit und Sparsamkeit. Hingegen zählt er Tugenden wie Respekt vor Traditionen, das Streben nach schnellen Ergebnissen und Lösungen, soziales Engagement und die Wahrung des Gesichtes (vergangenheits- und gegenwartsorientiert) zu der kurzfristigen Zeitorientierung einer Kultur (vgl. Hofstede 2006: 292f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.9: Kurzfristige vs. langfristige Zeitorientierung

Quelle: Hofstede 2006: 311.

Was das Zeitverständnis unterschiedlicher Kulturen anbelangt, so driften die Meinungen jedoch weit auseinander. Der Faktor Zeit kann wohl als die komplexeste Komponente innerhalb der Kulturdimensionen gesehen werden, weshalb gerade diese noch umfassend erforscht werden sollte und vermutlich auch werden wird. In seinem Buch Europa und die Seele des Ostens schilderte der Autor Walter Schubart, dass der Russe endlos Zeit habe, weil er die lebendige Gewissheit in sich trägt, dass er ein endloses Wesen ist. Im Banne dieses Zeitgefühls verläuft die Geschichte Russlands in einem viel weiter gespannten Rhythmus als die abendländische (Schubart 1947: 119); der Russe wurzelt tief im Ewigen (Schubart 1947: 97).

Während Hall zwischen monochronen (Zeit einteilen: „immer eins nach dem anderen“) und polychronen Zeitverständnis (Zeit zerteilen: „können viele Dinge gleichzeitig tun“) unterscheidet, so liegt in der von Hofstede soeben erläuterten Kurzzeit- und Langzeitorientierung eine weitere Differenzierung vor. Menschen mit einer Langzeitorientierung sehnen sich nach Harmonie von Gegenwart und Zukunft (vgl. Jamšanova 2012/13: 69). In Ländern mit einer Kurzzeitorientierung streben die Menschen hingegen danach, das Leben heute zu genießen und erst morgen dafür zu zahlen. Sie leben mehrheitlich nach dem Motto, das Leben finde im Hier und Jetzt statt, was auch immer morgen komme sei ungewiss und deshalb nicht so wichtig (vgl. Jamšanova 2012/13: 71). Demzufolge existieren also Kulturen, die gegenwarts- und zukunftsorientiert geprägt sind (z.B. die USA) und Kulturen, die als eher vergangenheitsorientiert gelten (z.B. viele fernöstliche Länder).

Aufgrund der Vielzahl unterschiedlicher Ansätze ist die Zeiteinstellung in der österreichischen, deutschen und russländischen Kultur auch eine Frage der Interpretation. Da gerade Russland so vielfältig ist, lassen sich hier nur schwer eine eindeutige Zuordnung sowie eine passende Vergleichsanalyse zu anderen Nationen treffen. Geht es nach Hofstede, so wird Deutschland und Russland als eindeutig und Österreich als “eher“ langzeitorientiert eingestuft (vgl. The Hofstede Centre 2010).

Gemäß der Untersuchungen von Hofstede weisen die ostasiatischen Länder einen hohen Zeitorientierungswert (langfristig orientiert) auf. Dabei hat Südkorea mit 100 Punkten den höchsten Wert, gefolgt von Taiwan (93), Japan (88) und China (87). Österreich ist mit 60 Punkten eher im Mittelfeld anzutreffen während im Gegensatz dazu Russland mit 81 Punkten nach Hofstede langfristig zeitorientiert ist. Auffällig ist dabei, dass Österreich in dieser Kategorie nach Hofstede mit 60 Punkten relativ deutlich vom Nachbarland Deutschland (83) abweicht, aber dennoch genauso wie Russland (81) und die genannten ostasiatischen Länder zu den Kulturen mit einer eher langfristigen Zeitorientierung zählen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.10: Kulturvergleich Österreich vs. Deutschland

Quelle: The Hofstede Centre 2010

Eine sehr kurzfristige Orientierung ist hingegen in Nigeria (13), den Vereinigten Staaten von Amerika (26) und den Philippinen (27) vorzufinden (vgl. The Hofstede Centre 2010).

In der Literatur findet man auch hier konträre Ansichten, was die Zugehörigkeit eines Landes bezüglich der Zeitorientierung betrifft. Dies zeigt beispielsweise die Autorin Martynova auf, die Russland als eher kurzzeitorientiert einordnet. Ol'ga Martynova, eine gebürtige Russin, die nun bereits seit vielen Jahren in Deutschland lebt, befasst sich in ihren Texten mit interkulturellen Aspekten, die sich unter anderem auch auf die Theorien von Hall und Hofstede stützen. In ihrem im Jahre 2010 erschienenen Roman „Sogar Papageien überleben uns“ schreibt sie von interessanten Begegnungen zwischen Personen aus Deutschland und Russland. Der Roman ist ein interkulturelles Werk und ein Untersuchungsobjekt für die interkulturelle germanistische Forschung. Unter anderem vergleicht die Autorin dabei den Faktor Zeit mit den Strukturen der damaligen gesellschaftlichen Ordnung in der Sowjetunion zur Zeit der 1980er Jahre und des bevorstehenden Zusammenbruchs. Nachdem die Sowjetunion ihre scheinbare Stabilität verlor und auseinanderbrach, wurde sie nicht mehr als etwas Festes und Stabiles wahrgenommen. Mit der Substanz Zeit ging es ähnlich: „Es war nicht mehr viel übrig von der Substanz der uns vertrauten Zeit. Sie wurde flüssig. Sie wurde spärlich. Man konnte sehen, dass sie fast alle war“ (vgl. Geiges 2015 zitiert nach Martynova 2010: 23). Demzufolge wird hier die Zeit als etwas extrem Kurzlebiges empfunden, womit die Kurzzeitorientierung der russischsprachigen Figuren betont wird (vgl. Geiges 2015: 23). Im Umgang mit der Kategorie Zeit zeigen sowohl die russisch- als auch die deutschsprachigen Figuren des Romans folglich einen unterschiedlichen Umgang. Mal denken und handeln sie kurzzeit-, mal langzeitorientiert, wobei die russischen Figuren wie erläutert zur Kurzzeitorientierung tendieren, die deutschen Charaktere hingegen spontan zur Langzeitorientierung neigen (vgl. ebenda: 24).

3.1.1.6 Nachgiebigkeit vs. Beherrschung

Als sechste und letzte Dimension hat Hofstede die von Minkov formulierte Dimension Nachgiebigkeit vs. Beherrschung als eine seiner Kulturdimensionen übernommen. Diese Dimension misst die Fähigkeit einer Kultur, die unmittelbaren Bedürfnisse und persönlichen Wünsche ihrer Mitglieder zu befriedigen. Jene kulturelle Gruppe, die mit Einschränkungen verschiedener Art konfrontiert wird, unterliegt strengen sozialen Regeln und Normen, nach denen die Befriedigung von Bedürfnissen reguliert und untersagt wird. Bei einem hohen Indexwert findet das Erreichen von Glück über die Wahrnehmung von Kontrolle über das eigene Leben und die Wichtigkeit von Freizeit und Muße statt (vgl. Minkov 2007).

Russland (20) und China (24) verfügen über niedrige Indexwerte und definieren das Erreichen von Glück gegenüber einigen westlichen Kulturen unterschiedlich. Österreich (63), Schweiz (66) und die USA (68) liegen hier relativ deutlich über dem Mittelfeld, während sich Deutschland (40) und Frankreich (48) beispielsweise nicht eindeutig kategorisieren lassen.

Im Anschluss an die Beschreibung der sechs Kulturdimensionen nach Hofstede liefert nachstehende Grafik einen Überblick über den Kulturvergleich der für diese Masterarbeit relevanten Länder Österreich und Russland.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.11: Vergleich Russland/Österreich nach Hofstede

Quelle: http://geert-hofstede.com/countries.html (2010)

Die Vergleichsansicht (Abb. 11) zwischen den Ländern Österreich und Russland bestätigt gerade im Bereich der unterschiedlichen Zeiteinstellung abermals Uneinigkeit unter den Wissenschaftlern und Autoren. Im Vergleich mit Österreich sieht Hofstede im Gegensatz zu anderen Interpretationen (wie in Abschnitt 3.1.1.5 erläutert) das moderne Russland relativ eindeutig im Bereich der Langzeitorientierung. Angesichts der unterschiedlichen Ansätze zeigt sich hier abermals, dass speziell Russland sich bis dato nur schwer einer bestimmten Zeitkategorie zuordnen lässt. Dennoch ist die Interpretation Hofstedes in puncto Zeitverständnis kritisch zu hinterfragen, da seine fünfte Dimension (Zeitorientierung) auf eine vollkommen unterschiedliche Untersuchungsmethode – es wurden hier nur 100 Studierende aus 23 Ländern befragt – zurückgreift.

3.1.1.7 Kritische Beobachtung

Auch wenn die vorgestellten Einteilungen in kulturelle Dimensionen nicht die ganze Bandbreite menschlichen Handelns abdecken können, so erleichtern sie das Verständnis von kulturellen Unterschieden, bieten eine wissenschaftliche Einordnung und nicht zuletzt ein neutrales Vokabular zur Beschreibung einer Kultur.

Zusammenfassend kann daher gesagt werden, dass die Dimensionen nach Hofstede eine Grundorientierung in fremden Kulturen bieten, indem sie einen prägnanten Überblick über andere Kulturen aufzeigen. Dadurch kann einerseits ein Bewusstsein der eigenen Kultur geschaffen und andererseits auch ein Verständnis für fremde Kulturen aufgebracht werden. Der Wert dieser Studie liegt in der Einteilung der Länder nach verschiedenen Kriterien. Dank dieser Einteilung zeigt die Studie einen Ländervergleich und bringt dadurch Unterschiede und Gemeinsamkeiten zum Vorschein (vgl. Kutschker/Schmid 2008: 717).

[...]


1 In Russland unterscheidet man zwischen den Begriffen russkij (russisch) und rossijskij (Neologismus: russländisch). Während sich das im deutschen Sprachgebrauch meist verwendete Wort russisch korrekterweise nur auf die russische Sprache und auf die russische Ethnie beziehen sollte, wird mit russländisch die Staatsbürgerschaft bzw. die Staatszugehörigkeit verbunden. Demnach ist ein Tatare, der russischer Staatsbürger ist, kein Russe, wohl aber Russländer. In vorliegender Arbeit wird auf die getrennte Schreibweise geachtet. Ausgenommen davon ist der Teil der empirischen Untersuchung. Hier wird im Zusammenhang mit dem Wirtschaftsmarkt, Wirtschaftsakteuren etc. einheitlich der den Unternehmern geläufige Begriff russisch verwendet.

2 Der Begriff Westen wird auch aufgrund der Thematik mit Russland häufig genannt. Im Zusammenhang mit vorliegender Arbeit werden unter dem Begriff Westen speziell zentral- und westeuropäische (kapitalistische) Länder, die USA, aber auch Japan verstanden.

3 Um die Lesbarkeit dieser Arbeit zu erleichtern, wurde auf eine getrennte männliche/weibliche Schreibweise verzichtet. Bei der männlichen Schreibweise ist selbstverständlich, wenn nicht anders angegeben, die weibliche Form inkludiert. Von der ursprünglichen Genderschreibweise wurde deshalb Abstand genommen, da ansonsten speziell der Text im Kapitel der empirischen Studie beinahe unlesbar geworden wäre.

4 Anm. zur Zielgruppe der zweiten Umfrage: „for Russians having business with Austrians.“

5 Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist eine internationale Organisation mit 34 Mitgliedstaaten, die sich der Demokratie und Marktwirtschaft verpflichtet fühlen.

6 Edward Twitchell Hall jr. (1914–2009) war ein US-amerikanischer Anthropologe und Ethnologe und gilt als Begründer der interkulturellen Kommunikation als anthropologischer Wissenschaft.

7 Gerard Hendrik Hofstede, bekannt als Geert Hofstede (geb. 1928), ist ein niederländischer Experte für Kulturwissenschaften und emeritierter Professor für Organisationsanthropologie und Internationales Management an der Universität Maastricht.

Details

Seiten
168
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668135505
ISBN (Buch)
9783946458159
Dateigröße
7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v313829
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
1,0
Schlagworte
Russland empirische studie interkulturelle kompetenz kulturvergleich markeintritt russland geschäftskultur russland gezielte vorbereitung russischer Markt

Autor

Zurück

Titel: Interkulturelle Kompetenz als Voraussetzung für eine erfolgreiche Geschäftstätigkeit am russischen Markt