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Das Gleichnis des barmherzigen Samariters. Analyse der Darstellung in verschiedenen Schulbüchern für den Religionsunterricht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 18 Seiten

Theologie - Religion als Schulfach

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Exegetische Hinweise

3. Zum methodischen Vorgehen bei der Schulbuchanalyse

4. Zeit der Freude 5/6 & Zeichen der Hoffnung 9/10
4.1 Präsentationsformen
4.2 Thematische Kontextierung
4.3 Kontextierung im Arrangement der Schulbuchseiten
4.4 Methodische Hinweise & Aufgabenstellungen
4.5 Deutung des Gleichnisses & Lernziele

5 Treffpunkt RU 5/6 & Treffpunkt RU 7/8
5.1 Präsentationsform
5.2 Thematische Kontextierung
5.3 Kontextierung im Arrangement der Schulbuchseiten
5.4 Methodische Hinweise & Aufgabenstellungen
5.5 Deutung des Gleichnisses & Lernziele

6 Zusammenfassung und Vergleich der gewonnen Ergebnisse

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen des Masterseminars „Biblische Basistexte“ im Kath. Religionsunterricht beschäftigten wir uns auch mit dem Gleichnis des barmherzigen Samariters. Bei dem ersten Vorbereitungstreffen unserer Gruppe legten wir in Diskussionen fest, den Schwerpunkt etwas mehr auf die praktische Anwendung der Texte in der Schule und dadurch zwangsläufig auch auf die Vorschläge dazu in den Schulbüchern zu legen. Dass man im Beruf als Lehrkraft mit Schulbüchern in Verbindung kommt ist klar, deshalb erschien es sinnvoll, schon im Studium verschiedene Bücher und deren Präsentationsform, Vorschläge und Arbeitsweisen zu vergleichen. In der Seminarstunde selbst wurden Gruppen gebildet, die über das didaktische Konzept, den Lebensweltbezug, die Textauswahl etc. zweier Bücher diskutieren sollten. Des Weiteren sollten Chancen und Schwierigkeiten erarbeitet werden. Besonders war nach auch gefragt, wie man die eigenen Ideen mit den Vorschlägen der Schulbuchautoren verknüpfen könnte. In dieser Hausarbeit soll nun eine intensivere Betrachtung und Vergleich zweier Schulbuchreihen zum Thema „Der barmherzige Samariter“ erfolgen. Hierfür wurden viele Schulbücher nach dem Thema durchsucht und letztendlich zwei Reihen näher betrachtet, die das Thema in verschiedenen Jahrgängen aufzeigen: Treffpunkt RU von Bamming et al. und die Trutwin-Reihe Religion Sekundarstufe I - Zeit der Freude beziehungsweise Zeichen der Hoffnung. Bevor es zur Erläuterung der Vorgehensweise bei der Schulbuchanalyse geht, werden kurze exegetische Hinweise zu dem Gleichnis als Input geliefert. In Kapitel 4 und 5 werden beide Schulbuchreihen analysiert und auf die Chancen und Schwierigkeiten überprüft, bevor die Ergebnisse abschließend in einer Zusammenfassung gesammelt werden. Zunächst folgt allerdings einige exegetische Hinweise zum Gleichnis des barmherzigen Samariters.

2. Exegetische Hinweise

Im Zentrum der Lehre Jesu stehen neben den Nachfolgeaufforderungen und entsprechender Lebensgestaltung vor allem Gleichnisse, also „poetische Erzählungen“[1]. Der barmherzige Samariter ist eben eines jener Gleichnisse, eine klassische Beispielerzählung, durch welche Jesus sein Verständnis von Nächstliebe verdeutlichen und weitergeben will[2]. Mit dem Blick auf den Aufbau fällt zuerst auf, dass die narrative Erzählung von einer Frage und der Antwort darauf eingerahmt ist. Ein Gesetzeslehrer stellt eine herausfordernde Frage an Jesus (Lk 10, 25), die Jesus aber an ihn zurückgibt. Jesus antwortet in der Stellung eines vollmächtigen Lehrers indem er die kurze Schriftauslegung zweier alttestamentlichen Gebote (Dtn 6,5 & Lev 19,18) des Gesetzeslehrers als richtig tituliert (Lk 10, 28). Erst auf eine erneute Nachfrage – „Und wer ist mein Nächster?“ (Lk 10, 29) beginnt Jesus mit der Erzählung des Gleichnisses (Lk 10, 25 – 35): Sehr kurz wird ein Überfall auf einen Reisenden angesprochen, der daraufhin alleine zurückgelassen wird. Drei Personen kommen an den halb tot daliegenden Mann vorbei. Jeder dieser Personen bedeutet für den Niedergeschlagenen Hoffnung, gerettet zu werden[3]. Der erste – ein Priester -, „der gerade noch am Tempel dem gleichen Gott gedient hat“[4], geht auf der anderen Straßenseite vorbei. Über die Motive des Priesters wird nichts geschrieben, sei es Angst, Gleichgültigkeit oder Unsicherheit. Der zweite Mann, ein Levit, der ebenso ein Gottesmann ist, geht auch kommentarlos an dem Opfer vorbei. Laut Feldmeier bekommt die „[…] skandalöse Nichtbeachtung [durch die Tatsache, dass es sich um Gottesmänner handelte,] die besondere Schärfe“[5]. Für die damaligen Hörer verstörend, hilft nämlich nicht einer der oberen zwei dem Daliegenden, sondern die dritte Person, ein Samariter. Jahrelange soziale, geschichtliche und religiöse Differenzen mit Juden machten die Samariter zu den verhassten Menschen zu dieser Zeit[6]. Aus diesem Grund werden die Zuhörer nicht erwartet haben, dass gerade dieser in dem niedergeschlagenen Juden seinen Nächsten sieht. Trotzdem passiert das Gegenteil: „Er hatte Mitleid“ (Lk 10, 33). Ohne über die Feindschaft oder die Räuber nachzudenken handelt der Samariter direkt, um den Überfallenen das Leben zu retten[7]. Der Rahmen schließt mit der Frage: „Wer von diesen Dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?“ (Lk, 10, 36). Zunächst überflüssig erscheinend, erkennt man durch die Frage den Perspektivwechsel, der in dem Gleichnis geschehen ist. Statt „Wer ist mein Nächster?“ wurde der Samariter dem Bedürftigen zum Nächsten. Feldmeier schreibt, dass „[n]icht die abwartende, abgrenzende Haltung: „Was muss ich tun?“ dem göttlichen Willen angemessen ist, sondern diejenige, wo ich mich immer dort gefordert weiß, wo ein anderer mich braucht“[8]. Die Antwort liefert der Gesetzeslehrer selbst: „Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat“ (Lk 10, 37) woraufhin Jesus die Erzählung mit einem Handlungsauftrag im Imperativ abschließt. „Dann geh und handle genauso!“(Lk 10, 37)

3. Zum methodischen Vorgehen bei der Schulbuchanalyse

Bei der Nachforschung für die Schulbuchanalyse wurden verschiedene Schulbücher zuallererst gesichtet und daraufhin auf das Behandeln des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter durchsucht. Es wurden hierbei vor allem Werke aus der Sekundarstufe I betrachtet, wobei der Schwerpunkt auf den Klassenstufen sechs, sieben und neun lag, da das Gleichnis laut Rahmenlehrplan für Themenfelder dieser Klassen vorgeschlagen wird[9]. Im Lehrplan findet das „Beispiel vom barmherzigen Samariter“[10] im Themenfeld 6.3 „Von einer besseren Welt erzählen: Das Reich Gottes“[11], 7.2 „Vom Umgang mit Freiheit: Gebot und Gewissen“[12] und 9.2 „Nach Gerechtigkeit streben: Gleiche Lebensbedingungen für alle“[13] Erwähnung. Wie in der im Anhang angefügten Tabelle gut ersichtlich wird, ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ein viel behandeltes Thema in den Religionsbüchern. Mit Blick auf den Umfang der Arbeit wird sich im Folgenden jedoch auf zwei fortlaufende Schulbuchreihen beschränkt. Die weiteren Bücher werden im Sinne der Vollständigkeit in der Tabelle kurz aufgeführt.

Die Wahl der Schulbücher, die intensiver betrachtet werden sollen fiel aus verschiedenen Gründen auf die Buchreihe Treffpunkt RU von Bamming et al. und die Trutwin-Reihe Religion Sekundarstufe I - Zeit der Freude beziehungsweise Zeichen der Hoffnung: Einerseits sind beide Reihen aktuell zugelassene Religionsbücher im Land Rheinland-Pfalz[14] und andererseits wurde in beiden Reihen in je unterschiedlichen Altersklassen das Thema des barmherzigen Samariters im Buch behandelt. Durch die letztgenannte Tatsache wird beabsichtigt, den curricularen Aufbau und Zielsetzung der Bücher zu entdecken und zu verdeutlichen. Dafür wird auf Unterschiede zwischen den Interpretationen des Gleichnisses und die Schwerpunktsetzungen geachtet. Des Weiteren ist es auch interessant zu sehen, wie die vom Lehrplan vorgeschlagenen Themenfelder abgedeckt werden.

Die genaue Vorgehensweise bei der Analyse stellt sich wie folgt dar: Als erstes wird bei allen vier Büchern auf die Präsentationsform geschaut. Hierbei geht es um visuelle Faktoren wie Bilder, Zeichnungen, Grafiken aber auch um Nachschlageverweise. Daraufhin findet eine thematische Kontextierung statt. Dort soll erörtert werden, auf was die Autoren den Fokus gelegt haben: Auf das Gleichnis? Auf die Bedeutungsgeschichte? Als drittes werden die betreffenden Schulbuchseiten unter die Lupe genommen, indem zusätzliche Texte, Erklärungen, Sachtexte, Gedichte und deren Arrangement behandelt wird. Wichtig ist der nächste Schritt, die Begutachtung und Darlegung der methodischen Hinweise und Aufgabenstellungen, da hierdurch erst ein wirkliches Arbeiten mit dem Buch möglich ist. Abschließend wird festgestellt, welche Interpretation des Gleichnisses im Buch vermittelt wird, welche Akzentuierung stattfindet und welche Ziele durch die Gestaltung, Textauswahl und Konzept verfolgt werden. Hierfür werden vom Buchausschnitt auch die Lernziele erfragt, welche Kompetenzen vermittelt werden und welche Schwierigkeiten in der praktischen Umsetzungen entstehen könnten.

4. Zeit der Freude 5/6 & Zeichen der Hoffnung 9/10

In der Gliederung des Buches Zeit der Freude 5/6[15] ist das Gleichnis unter dem Punkt „Eine einzigartige Gemeinschaft – 8. Solidarität mit anderen“ vorzufinden. In Zeichen der Hoffnung 9/10[16] wird ein Projekt zu „Soziales Handeln lernen“ unter dem Oberbegriff „Grundlagen der Gesellschaft“ vorgestellt.

4.1 Präsentationsformen

Die zwei Seiten, die sich in Zeit der Freude mit dem barmherzigen Samariter beschäftigen, sind vorwiegend von Texten gefüllt. Unter der Überschrift „Solidarität mit anderen“ führt ein kurzer Einleitungstext in die Thematik ein. Lukas 10, 30-35, also ein Teil des Gleichnisses, ist durch einen Rahmen hervorgehoben und sticht somit heraus. Direkt neben der Bibelstelle sind kurze Erklärungen zum besseren Verstehen der Stelle abgedruckt. Hierbei werden beispielsweise der Levit und der jüdische Priester mit dessen Reinheitsgebot beschrieben. Auch finden sich Querverweise in das Glossar des Buches, in denen man weitere Informationen nachschlagen kann. Der nächste Text wird von dem Bild „Der barmherzige Samariter“ von Paula Modersohn-Becker gerahmt. Dieses hat eine eigene Bildunterschrift, wird aber nicht weiter erwähnt. Die zweite Seite handelt von Projekten. Hierbei werden zuerst Projekte anderer Schulen vorgestellt und dann „Gute Adressen“[17] aufgelistet. Die Auflistung beinhaltet die größten christlichen Hilfswerke mit Postanschrift, kurzer Übersetzung und Schlagsatz des Auftrags. Am Rande der Seite sind zwei Plakate von Hilfswerken zu sehen. Zwischen diesen stehen zwei Aufgabenstellungen.

In Zeichen der Hoffnung beschäftigt sich eine Seite mit einem „Projekt für die Jahrgangsstufe 10“[18]. Das vorgeschlagene Projekt wird an dieser Stelle durch einen gegliederten Fließtext beschrieben und durch das Bild „Der barmherzige Samariter“ von Max Liebermann visuell unterstützt. Seitlich ist eine Lerninformation, die das Projekt erklärt und eine Aufgabenstellung gekennzeichnet.

4.2 Thematische Kontextierung

Das Buch für die Orientierungsstufe stellt das Gleichnis des barmherzigen Samariters unter das Motto „Eine einzigartige Gemeinschaft“[19]. Dies wird auch im einleitenden Text deutlich, in dem immer wieder die Gemeinschaft der Christen angesprochen wird und wie Christ-sein aussehen sollte. An dieser Stelle wird eine Brücke zu den „Arme[n], Einsame[n] und Unglückliche[n] […]“[20] geschlagen, die man als Nächsten lieben soll wie sich selbst[21]. Die Bibelstelle selbst wird durch „Wer ist mein Nächster?“[22] überschrieben und das Vorgeschehen durch einen kurzen Satz eingeleitet. Zusammen mit dem Text danach kann auf die Akzentuierung, die hier stattfindet, geschlossen werden: Es geht um Nächstenliebe, wobei der Perspektivwechsel des Gleichnisses nicht beachtet wird und dadurch gefragt wird, „Wer ist mein Nächster?“. Eine implizierte Frage schwingt in den Texten immer mit. Wie bin ich ein guter Christ? Das Gleichnis soll Antwortmöglichkeiten dafür bieten, steht aber ohne weiteren Einbezug etwas verloren in seinem Rahmen. Die weiterführende Seite verknüpft die oben gestellten Fragen mit den Hilfswerken und stellt diese als Lösungsmöglichkeiten der Fragen vor. Dadurch wird versucht ein Bezug zum Lehrplan herzustellen, in dem von Trägern und Aktionen erzählt wird, die die Welt verbessern werden. Zusammengefasst mit der ersten Seite ergänzt sich das in den Bereich 6.3 „Von einer besseren Welt erzählen“.

Im Vergleich dazu fällt die Rolle des Gleichnisses in Zeichen der Hoffnung relativ gering aus. Zwar wird durch das Bild und dessen Unterschrift ein Bezug zur Bibelstelle hergestellt, aber direkt angesprochen wird es nicht[23]. Eine Kontextierung findet jedoch durch das Bild trotzdem statt, da das Projekt „Campassion (lat. „Mitgefühl“)“[24] thematisch gut zum Gleichnis des barmherzigen Samariters passt und aufbauend auf das Vorwissen viele Korrelationen zu erkennen sind.

4.3 Kontextierung im Arrangement der Schulbuchseiten

Neben der Bibelstelle gibt es in den beiden Büchern viele weitere Texte. Sei es der kurze Einführungstext mit dem Verweis auf den „Nächsten“, die Verweise für das Verständnis des Gleichnisses, die Verweise in das Lexikon am Ende des Buches, die Beispielprojekte, die andere Schulen und Schüler schon durchgeführt haben um Spenden zu sammeln oder die Adressenliste der Hilfswerke. Interessant jedoch sind auch die Texte, welche von den Autoren noch in die Fundgruben[25] abgedruckt wurden. In der Fundgrube Zeit der Freude ist ein Text über das Geschehen aus der Sicht dessen, „[…] welcher unter die Räuber fiel“[26] vorzufinden. Hierzu sind auch einige Arbeitsaufträge zu bearbeiten. Des Weiteren ist das Gedicht „Fahrend in einem bequemen Wagen“[27] von Berolt Brecht abgebildet, durch welches ein Alltagsbezug und eine Umformung stattfinden. Auch in der Fundgrube Zeichen der Hoffnung sind zwei weitere Texte bezüglich des Gleichnisses publiziert. Ein Gedicht „Der Unfall“[28] von Lothar Zenetti und eine Weiterentwicklung des Gleichnisses „Die Erleuchtung des Samariters“[29] von Ernst Schnydrig. Die Aufgabenstellungen, Brauchbarkeit und Verwendungen dieser Texte wird im nächsten Unterpunkt behandelt.

4.4 Methodische Hinweise & Aufgabenstellungen

Insgesamt gesehen sind in beiden Unterrichtswerken wenige explizite Aufgabenstellungen. In Zeit der Freude trifft man erst bei den Hilfswerken auf die Aufgabenstellung „[…] an eine dieser Adressen [zu schreiben] und um Auskunft [zu bitten]“[30]. Das Fehlen weiterer Aufgabestellungen lässt viel Spielraum zur Interpretation. Einerseits ist durch die große Anzahl an weiteren erklärenden Texten klar, dass diese zu lesen sind, jedoch ist zu hinterfragen, ob den Schülern die implizite Aufgabe der Einordnung des Gleichnisses in diese Thematik bewusst ist. Die Verweise und kurzen Informationen implizieren die Aufgabe, sich selbstständig über unbekannte Wörter und Abschnitte zu informieren. In der Fundgrube zu diesem Buch sind weitere Hinweise und Aufgabenstellungen beschrieben. Beispielsweise wird durch die Aufgabe „Warum ist es so schwierig, in einer solchen Situation zu helfen? Das Gleichnis Jesu – eine Anregung für das Leben?“[31] versucht ein Lebensweltbezug herzustellen. An dieser Stelle soll jedoch von einer Bewertung der Aufgabenstellungen abgesehen werden, da dies die Aufgabe des nächsten Kapitels sein wird.

Durch das Nacherzählen der Geschichte aus Sicht des Überfallenen findet ein Perspektivwechsel statt, der implizit dafür sorgt, dass die Schüler sich in die Lage des Betroffenen versetzen. Weiterhin werden die Schüler durch die Texte zum Überlegen angeregt, in welchen Fällen es für sie möglich ist Hilfe zu leisten. Das Gedicht von Bertolt Brecht kommt auch ohne Aufgabenstellung aus, implizit ist nur die Aufgabe, jenes Gedicht zu lesen. Die Interpretation und auf was genau eingegangen wird, bleibt der Lehrkraft vorbehalten.

Die Vorstellung des Projektes „Compassion“ in Zeichen der Hoffnung ist dagegen relativ selbsterklärend. Angemessen an das Alter der Schüler wird ihnen aufgetragen, sich nähere Informationen zum Projekt zu besorgen[32]. Methodische Hinweise zur Durchführung des Projektes sind in der Beschreibung ebenso vorhanden wie die Ziele des Projektes.

4.5 Deutung des Gleichnisses & Lernziele

Das Gleichnis wird in beiden Werken der Reihe vor allem dahingehend ausgelegt, dass der barmherzige Samariter als Vorbild für christlicher Nächstenliebe dient. Dadurch findet eine andere Akzentuierung statt, da dem Perspektivwechsel, der durch das Gleichnis geschieht, nicht gerecht wird. Wem ich zum Nächsten werde wird nicht behandelt, dafür aber umso mehr die Diskussion über die Hilfe an Armen und Notleidenden. Wie in der heutigen Zeit typisch –vergleiche beispielhaft mit dem Arbeiter-Samariter Bund - wird das Gleichnis eher auf die Tat der Hilfe beschränkt. Gerade durch die beistehenden Texte sollen die Schüler christliche Wertevorstellung und christliches Handeln kennen lernen und in den eigenen Alltag übertragen. Sogar ein kleiner Spendenaufruf ist unter der Einführung für die Hilfswerke versehen. Des Weiteren wird die Urteilsfähigkeit gestärkt, indem dem „Kern des Problems“ auf den Grund gegangen wird. Während in Zeit der Freude eine Aufgabenstellung wie folgt heißt „Es gibt ein Sprichwort: >> Gib dem Hungernden einen Fisch und er hat für einen ganzen Tag zu essen. Gib ihm ein Boot und ein Netz und er hat täglich zu essen.<< Was ist damit gemeint?“[33] diskutiert der Text „Die Erleuchtung des Samariters“ in der Fundgrube Zeichen der Hoffnung das gleiche Problem. Hierdurch wird der curriculare Gedanke gut deutlich. Weiterhin lernen die Schüler das Deuten der Gleichnisse und das übertragen auf ihre Lebenswelt und in den Alltag. Gerade in dem Projekt für die 10. Klassenstufe wird deutlich, dass die Schüler durch das Projekt über mehrere Wochen ein „Kontrastprogramm zu unserer Welt“[34] erfahren. Dadurch soll Mitgefühl entwickelt, die Aufmerksamkeit gegenüber anderen Menschen erhöht werden, Gewaltabbau sowie soziales Handeln angestrebt[35]. Wichtig an dieser Stelle ist die praktische Durchführung, welche durch gute Beispiele aus der Praxis angeregt wird. Auch werden die Schüler zur Reflexion über Handeln und Helfen bewegt. Sie werden religiös motiviert, zu helfen. So endet das Gedicht „Der Unfall“ mit einem Auftrag zum Nachdenken: „Worüber, mein´ ich, einmal nachzudenken ist“[36].

Abschließend soll auf die möglichen Schwierigkeiten bei dem praktischen Einsatz der Buchreihe eingegangen werden. Den Teilnehmer des Seminars „Biblische Basistexte im kath. Religionsunterricht der Sekundarstufe I“ lag die Doppelseite aus Zeit der Freude zur Bewertung vor. Als Hauptkritikpunkt wurde der für Religionsbücher typische Appellton genannt. Gerade in dem Buch für die Orientierungsstufe ist es auffallend, wie das Gewissen der Schüler geradezu mit christlichen Aufrufen überfallen wird. An dieser Stelle ist zu hinterfragen, inwiefern diese Gangart die Schüler noch dort abholt, wo sie stehen. Die Frage ist, wie viele von den Schülern sich wirklich als Christ angesprochen fühlen, von dem im Einführungstext die Rede ist. Impliziert wird ferner eine ständige Aufforderung, die sogar wortwörtlich beschrieben wird: „Aber Christen sollen für andere da sein, so weit es ihnen möglich“[37]. Gestört haben sich die Seminarteilnehmer nicht an der Aufforderung, sondern eher an der Art und Weise, also an dem Ton. Auch bei dem Beispielprojekt in Zeit der Freude läuft der Gedanke mit, dass dadurch versucht wird, implizit zum Nachahmen aufzurufen und andernfalls ein schlechtes Gewissen zu machen. An den Aufgabenstellungen ist zu kritisieren, dass sie – wenn vorhanden – zu kleinschrittig und naheliegend sind. Dagegen fehlt es an wichtigen Stellen wie beispielsweise der Interpretation des Gleichnisses eine klare Linie. Die Aufgabe des Perspektivwechsels in der Fundgrube dürfte für die Schüler der Orientierungsstufe zu schwierig sein, da die Fähigkeit dazu erst ab dem Jugendalter ausgebildet ist. Ebenso ist das abgedruckte Bild nicht optimal gewählt: Es illustriert eher die Bibelstelle als dass es die Blickwinkel erweitert und neue Einblicke schafft, einen Mehrwert hat. Während in den Unterrichtswerken selbst keine Umformungen des Gleichnisses geschrieben stehen, ist das ein Vorteil der Fundgrube, da hier verschiedene Gedichte und Extramaterial vorgefunden werden kann. Kritisch zu hinterfragen ist der Schwierigkeitsgrad der ausgewählten Texte. Das Gedicht von Bertolt Brecht dürfte eher für die siebte oder achte Klasse geeignet sein[38]. Negativ fallen abschließend noch zwei Dinge auf: Erstens, dass der, die Bibelstelle umschließende Erzählrahmen, abgeschnitten ist und dadurch der Handlungsauftrag „Dann geh und handle genauso“ (Lk 10, 37) verloren geht. Zweitens mutet der implizierte Aufruf zur Spende[39] etwas seltsam an. In Zeichen der Hoffnung ist außer dem Bild kein Bezug zur Bibelstelle. Da aber zu dem Zeitpunkt schon Jahre zwischen der letzten Behandlung der Thematik liegen, bietet sich ein In-Erinnerung-rufen des Gleichnisses an. Die Schwierigkeit bei der praktischen Durchführung des Projektes wird sehr wahrscheinlich im hohen Zeitaufwand liegen. Mit motivierten Schülern und Lehrkräften ist jedoch ein großer Mehrwert aus einem derartigen Projekt zu ziehen. Beispielsweise als Sozialpraktikum bekannt, können die oben angestrebten Lern- und Kompetenzziele durch ein solches Projekt erreicht werden.

[...]


[1] Feldmeier, 2001, S. 303

[2] Vgl. ebd., S. 321

[3] Vgl. ebd.

[4] Ebd.

[5] Feldmeier, 2001, S. 322

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Ebd., S. 323

[9] Vgl. Rahmenlehrplan Katholische Religion für die Sekundarstufe I, Mainz 2012

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Vgl. https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&ved=0CCIQFjAAahUKEwi6pN7PiYvHAhXHs3IKHbOIBqY&url=http%3A%2F%2Freligion.bildung-rp.de%2Ffileadmin%2Fuser_upload%2Frfb.bildung-rp.de%2Fmiddendorf%2FSchulbuchliste.doc&ei=tWe-Vfr1F8fnygOzkZqwCg&usg=AFQjCNHlt7CHV07OgCi8FYEoGMdCYW-NFQ&bvm=bv.99261572,d.bGQ&cad=rja

[15] Zeit der Freude – 5./6. Schuljahr, Trutwin, W., Düsseldorf: Patmos Schulbuch, 2000

[16] Zeichen der Hoffnung – 9./10. Schuljahr, Trutwin, W., Düsseldorf: Patmos Verlag, 2002

[17] Zeit der Freude – 5./6. Schuljahr, Trutwin, W., 2000, S. 212

[18] Zeichen der Hoffnung – 9./10. Schuljahr, Trutwin, W., 2002, S.170

[19] Zeit der Freude – 5./6. Schuljahr, Trutwin, W., 2000, S. 211

[20] Ebd.

[21] Vgl. ebd.

[22] Ebd.

[23] Vgl. Zeichen der Hoffnung – 9./10. Schuljahr, Trutwin, W., 2002, S.170

[24] Ebd.

[25] Fundgrube zu Zeichen der Hoffnung, Trutwin, W., Düsseldorf, 2003

[26] Fundgrube zu Zeit der Freude, Trutwin, W., 2002, S.162

[27] Ebd.

[28] Fundgrube zu Zeichen der Hoffnung, Trutwin, W., 2003, S.173

[29] Ebd.

[30] Zeit der Freude – 5./6. Schuljahr, Trutwin, W., 2000, S. 212

[31] Fundgrube zu Zeit der Freude, Trutwin, W., 2002, S.162

[32] Vgl. Zeichen der Hoffnung – 9./10. Schuljahr, Trutwin, W., 2002, S.170

[33] Zeit der Freude – 5./6. Schuljahr, Trutwin, W., 2000, S. 212

[34] Zeichen der Hoffnung – 9./10. Schuljahr, Trutwin, W., 2002, S.170

[35] Vgl. ebd.

[36] Fundgrube zu Zeichen der Hoffnung, Trutwin, W., 2003, S.173

[37] Zeit der Freude – 5./6. Schuljahr, Trutwin, W., 2000, S. 211

[38] Da dasselbe Gedicht jedoch in Treffpunkt RU 5/6 vorzufinden ist, wird dort über das Gedicht intensiver diskutiert.

[39] Vgl. Zeit der Freude – 5./6. Schuljahr, Trutwin, W., 2000, S. 212

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668125841
ISBN (Buch)
9783668125858
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v313544
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Katholisch-Theologische Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
Barmherzige Samariter Barmherzige Samariter Bibel Schulbuch Analyse Vergleich Schulbuchanalyse

Autor

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Titel: Das Gleichnis des barmherzigen Samariters. Analyse der Darstellung in verschiedenen Schulbüchern für den Religionsunterricht