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Das Kyffhäuser-Denkmal als Nationalsymbol im deutschen Kaiserreich

Hausarbeit 2013 22 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Akzeptanz des Kaisertums und Mobilisierung der Bevölkerung
2.1 Schaffung einer gesamtdeutschen Akzeptanz für das preußische Kaisertum
2.2 Mobilisierung der Bevölkerung in Form von Vereinen und Verbänden
2.3 Nationalisierung und Politisierung der Bevölkerung mittels Denkmalbau

3. Instrumentalisierung von Denkmälern im Deutschen Kaiserreich
3.1 Funktion von Denkmälern
3.2 Denkmalbau und Nationalgedanke
3.3 Das Kyffhäuser-Denkmal als Idee für das Selbstbild des Deutschen Kaiserreichs

4. Das Kyffhäuser-Denkmal – Kaiser als Repräsentant der Nation
4.1 Rückgriff auf das mittelalterliche Kaisertum
4.2 Identitätsstiftung mittels des Barbarossa-Mythos
4.3 Handlungsrepertoire Kaiser Wilhelms II. zur Machtdemonstration

5. Das Kyffhäuser-Denkmal – nationales Symbol für das Volk
5.1 Projekt für den Zusammenschluss der Kriegerverbände
5.2 Politische Botschaft durch Symbole und Allegorien

6. Fazit

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Das Kyffhäuser-Denkmal, auf einem Berg thronend am Nordrand Thüringens, ist ein anschauliches Zeugnis von überhöhter nationaler Selbstdarstellung im Deutschen Kaiserreich. Das Charakteristikum des deutschen Nationalstaates bildete, im Gegensatz zu Frankreich oder Italien, die verspätete Entwicklung und Konsolidierung eines einheitlichen Staatengebildes. In der Gegenwart kann man das monumentale Kyffhäuser-Denkmal als Relikt einer vergangenen Zeitepoche, des wilhelminischen Kaiserreichs, damals wie heute bestaunen. Aber welchen Zweck erfüllte dieses monströse uns hinterlassene Denkmal in dieser geschichtsträchtigen Gegend?

Die deutsche Reichsgründung 1871 war das Ergebnis einer langen Epoche der liberalen Nationalbewegung. Einheit und Freiheit waren die Schlagworte der Befreiungskriege Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Nationalliberale Bewegung verfolgte eine wirtschaftliche, politische und kulturelle Einheitlichkeit zwischen den vielen deutschen Kleinstaaten. Vielfältige politische und wirtschaftliche Veränderungen besonders die Industrialisierung bestimmten das 19. Jahrhundert. Die Reichsgründung Deutschlands erfolgte als letzte Nationalstaatsgründung in Europa. Politische Symbole wie Flaggen oder Hymnen errangen nie ein einheitsstiftendes Bedeutungsmerkmal. Erforderlich waren verstärkte Sinnbilder von Symbolen des Nationalen, um eine einheitsstiftende Kraft entfalten zu können. Die eigene deutsche Geschichte kennzeichnete vor allem im 19. Jahrhundert Diskontinuität, deshalb orientierte man sich an den Wurzeln des mittelalterlichen deutschen Kaisertums. Mittels Errichtung des monumentalen Kyffhäuser-Denkmals verstärkte man visuell die Macht und Herrlichkeit des neu errungenen Nationalstaates und Kaiserreichs. Auch Stolz und Vertrauen über das Erreichte kam im prominentesten Kaiser-Wilhelm-Denkmal zum Ausdruck.[1] Symbolträchtig als Gedächtnisort für die Verdienste Kaiser Wilhelms I. geplant, konzipierte man das Denkmal „zeitlos-zeitlich“[2], da es auch späteren Generationen eine politisch-historische Botschaft übermitteln sollte.

In dieser Hausarbeit soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern die Bedeutung der Nationalisierung und Politisierung der Bevölkerung ab 1890 im Kontext des Kyffhäuser-Denkmals sich auf eine besondere Weise steigerte? Warum betrachtete man die Errichtung dieses Bauwerkes als Möglichkeit, die Diskrepanz zwischen dem realen Zustand des Wilhelminischen Kaiserreichs und der Idealvorstellung von der Vollendung des Reiches darzustellen? Die erste Epoche des Deutschen Kaiserreichs unter Führung Bismarcks als Reichskanzler und preußischen Ministerpräsidenten war 1890 beendet. Mit dem Thronwechsel des deutschen Kaisers im Jahr 1888 änderte sich der Kurs gravierend. Kaiser Wilhelms II. expansive Machtpolitik und autoritäre Haltung brachte Konflikte mit Bismarck und führte 1890 zu dessen Entlassung aus allen Ämtern. Es kam in dieser Zeit zu einer tiefgreifenden innenpolitischen Zäsur.

Wilhelm II. förderte die Pläne um Kaiser-Wilhelm-Denkmäler, seinen Großvater, denn: „Ein Abglanz des so geehrten Kaisertums fällt immer auch auf den Enkel zurück“[3] Das Kyffhäuser-Denkmal als Bindeglied zum Stauferkaiser Barbarossa vollende man im Jahr 1896 und wird in dieser Hausarbeit hinsichtlich der Herausbildung des Nationalbewusstseins näher beleuchtet. Das Denkmal wurde zum Mythenträger, indem man den Kaiser der Vorzeit mit dem realen Kaiser Wilhlem I. auf künstlerische Weise verband. Der Rückgriff auf das Mittelalter als Legitimationsstiftung des neuen Reiches diente dazu, eine breitere Zustimmung für das preußische Kaisertum zu erlangen, denn die süddeutschen Staaten wurzelten in der habsburgischen Geschichte.[4] Kaiser Wilhelms II. eigensinniges Bestreben die innerstaatlichen Konflikte durch pompöse Inszenierungen der Denkmalkunst zu kaschieren, verdeutlichen einen Aspekt des übertriebenen Denkmalkults.

Die Bevölkerung, bedingt durch die fortschreitende Industrialisierung, war einem umfassenden Wandel in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht unterworfen. Der Umbruch vom Agrarstaat zur Industriegesellschaft formierte sich im deutschen Staatenbund und später im Deutschen Kaiserreich nicht einheitlich, aber die Idee eines einheitlichen Nationalstaates bildete sich von „oben“. Das Nationalbewusstsein war nicht plötzlich präsent, denn das neu gegründete Reich war erst im Begriff, sich dynamisch zu entwickeln, um perspektivisch auf der europäischen Landkarte zu bestehen. Im entscheidenden Maße trugen Vereine, besonders die sogenannten Kriegervereine, dazu bei, die Massen zu mobilisieren und die Zusammengehörigkeit zu fördern. Der militärische Siegeszug vom Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 war im kollektiven Gedächtnis fest verankert. Der Denkmalkult konnte entschieden dazu beitragen, diese Erinnerung zu bewahren und Nationalbewusstsein zu entwickeln, denn durch die Sichtbarmachung bedeutender Personen und Ereignisse identifizierte man sich mit dem neu entstandenen Nationalstaat. Das Nationale – welche Bedeutung hatte es für die deutsche Bevölkerung? Die Widersprüchlichkeit zwischen Tradition und Moderne war offensichtlich. In wilhelminischer Zeit ab 1890 herrschte verstärkt Fortschrittsoptimismus und Technikgläubigkeit. Modernität in wirtschaftlicher Hinsicht gepaart mit konservativer Hinwendung zu Tradition und Prunk der Monarchie und des Adels zeigte die Zerrissenheit und Brüchigkeit des Deutschen Reiches. Der Aufstieg der sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften schien eine Bedrohung für den monarchischen Konstitutionalismus zu sein. Die flächendeckend in ganz Deutschland in der Öffentlichkeit zur Schau gestellten Denkmäler trugen entscheidend zur Entwicklung des Nationalstolzes bei. In ihnen verkörperten sich Tugenden wie Treue, Ehre und Beständigkeit. Ob Reiterstandbild oder Monumentalbau - sie schienen die Geschichte zu verewigen. Wertvorstellungen von Heimat, Vaterland, Einheit und Freiheit gaben Orientierung in einer bewegten Zeitepoche.

2. Akzeptanz des Kaisertums und Mobilisierung der Bevölkerung

2.1 Schaffung einer gesamtdeutschen Akzeptanz für das preußische Kaisertum

Kaiser Wilhelm I., eher unwillig bei der Reichsgründung 1871 zum Kaiser gekrönt, bildete das Staatsoberhaupt in der Phase von 1871 bis 1888. Mit der Reichsgründung wurde die deutsche Nation auf eine verfassungsrechtliche Basis gestellt, wobei der Nationalstaat eine wichtige Rolle für die künftige patriotische Denkweise spielen sollte. Das deutsche Reich existierte bereits in viele Kleinstaaten aufgesplittert, von nun an hatte es einen höheren Stellenwert im Weltgefüge. Es war ein sehr bedeutendes Ereignis, weil die Reichsgründung Deutschlands im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten verzögert erfolgte. Aber weshalb fußte das Deutsche Reich auf der vormodernen Staatsform mit dem Oberhaupt eines Kaisers? Das Kaisertum ist insofern symbolträchtig, weil es als übergeordnetes Regierungsmedium die Möglichkeit bot, eine heterogene Bevölkerung zu vereinen sowie die Fürsten eher zu überzeugen, den preußischen Nationalstaat zu akzeptieren, was unter dem abgöttischen Sinnbild des Kaisertums Raum bot.[5] An dieser Stelle kann nicht vertieft auf die Verfassung eingegangen werden, welche ein tieferes Verständnis für die Stellung der Monarchie erklären könnte, aber soviel ist zu erwähnen, dass das Reich ein monarchischer Bund war, welcher die Volkssouveränität nicht integriert hatte.

„Das „Präsidium des Bundes“ fiel gemäß Artikel 11 der Reichsverfassung dem König von Preu ßen zu, der in dieser Eigenschaft den Titel „Deutscher Kaiser“ führte. Damit war das Reich als erbliche Monarchie des preußischen Königshauses der Hohenzollern konstituiert.“[6]

Interessant für die Entwicklung der modernen deutschen Nation im 19. Jahrhundert stellte die literarische Hinwendung von Dichtern und anderen bedeutenden Persönlichkeiten zur Historie dar, welche sich besonders der Kaiserzeit der Staufer[7] widmeten, aber sich auch generell mit der Geschichte der Kaiserzeit befassten, welches nicht zufällig im zeitlichen Rahmen zwischen Restauration und Reichsgründung geschah.[8] Diese und weitere Werke fanden Zuspruch, besonders bei der jungen Generation, da kollektive Erinnerungen an eine große Vergangenheit wach gerufen werden sollten und Anknüpfungspunkte für die realpolitische Situation des Deutschen Bundes boten. Auf den Barbarossa-Mythos wird noch näher in Kapitel 4.2 eingegangen.[9]

Aber zurück zu Kaiser Wilhelm II., der in seiner Ansprache am 1.Mai 1889 an das Staatsministerium folgenden Standpunkt kund gab:

„Insbesondere vom Standpunkte der Nützlichkeit, durch Darlegung einschlagender Verhältnisse, wird schon der Jugend klar gemacht werden können, daß ein geordnetes Staatswesen mit einer sicheren monarchischen Leitung die unerläßliche Vorbedingung für den Schutz und das Gedeihen des einzelnen in seiner rechtlichen und wirtschaftli chen Existenz ist, [].[10]

Dieser Auszug einer zeitgenössischen Rede Kaiser Wilhelms II, die sich auf die anstehende Schulreform bezog, zielte darauf ab, seine Politik im Sinne des „Volkswohles“[11] zu betreiben. Seine Hauptziele richteten sich auf die Wahrung des Friedens für das Reich sowie die Schaffung des sozialen Friedens durch Beseitigung gesellschaftlicher Gegensätze. Er berief sich auf die geschichtliche Entwicklung, die Preußen durch die monarchische Einwirkung erhalten hatte. Um 1890 spitzte sich die Regierungskrise auf Grund rivalisierender Machtinteressen zu, auch bedingt durch eine auf Bismarcks angepasste Verfassung. Bisher orientierte sich Kaiser Wilhelm II., bei Machtantritt 1888 erst 29-jährig, an seinen Großvater Wilhelm I. und an Reichskanzler Bismarck. Der spezifischen politischen Konstellation kaum gewachsen, nutzte Wilhelm auch auf Grund seines unsteten Charakters die Gunst der Stunde, um ein persönliches Regiment zu ergreifen. Nach Bismarcks Entlassung 1890 sprach man vom Epochenwechsel. Die politische Epoche der Kaiserzeit seit Reichsgründung 1871 ging zu Ende und mit Kaiser Wilhelm II. erhoffte man sich eine neue Ära, eine Zeit des Aufbruchs zu neuen Wegen.[12]

[...]


[1] Schlie, Ulrich (2002): Die Nation erinnert sich. Die Denkmäler der Deutschen, S. 15 f.

[2] Mai, Gunther 1997): Das Kyffhäuser-Denkmal 1896-1996, S. 137

[3] Eichmann, Bernd (1994): Denkmale deutscher Vergangenheit, S. 352

[4] Kaul G. Camilla (2007): Friedrich Barbarossa im Kyffhäuser, S. 442 f.

[5] Schwengelbeck, Matthias (2007): Die Politik des Zeremoniells, S. 287

[6] Halder, Winfried (2003): Innenpolitik im Kaiserreich 1871-1914, 14

[7] Anmerkung: Staufer – abgeleiteter Name der Burg Hohenstaufen in Schwaben waren ein Adelsgeschlecht im 12. bis 13. Jahrhundert, wobei die Herrschergestalt Friedrichs II. (Barbarossa) eine spezielle Faszination ausmachte, in: Stürner, Wolfgang (2012): Staufisches Mittelalter, S. IX

[8] Cardini, Franco (1990): Friedrich I. Barbarossa, Kaiser des Abendlandes, S. 259, Anmerkung: Werke von Friedrich von Raumer, Geschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit und Wilhelm von Giesebrecht: Geschichte der Deutschen Kaiserzeit

[9] Cardini, Franco (1990): Friedrich I. Barbarossa, S. 259 f.

[10] Reimann, Karl (Hg. 1891): Kaiser Wilhelm II. Und seine Bestrebungen für das Volkswohl, S. 44

[11] Anmerkung: Die Bezeichnung Volkswohl ist im Titel der zeitgenössischen Quelle vorhanden, Reimann, Karl

[12] Frie, Ewald (2004): Das deutsche Kaiserreich, S. 68 ff.

Details

Seiten
22
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668119536
ISBN (Buch)
9783668119543
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v313230
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Historisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
kyffhäuser-denkmal nationalsymbol kaiserreich

Autor

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