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Tristans Kampf gegen Morold im 'Tristan' Gottfrieds von Straßburg

Hausarbeit 2001 19 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Vergleich Tristan – David
2.1.1 Allgemeines
2.1.2 Motivation zum Kampf bei Tristan und David
2.2 Vergleich Morold – Goliath
2.2.1 Allgemeines
2.2.2 Motivation zum Kampf bei Morold und Goliath
2.3 Vergleich der Kampfverläufe

3. Zusammenfassung

4. Quellen und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Kampf Tristans gegen Morold ist die Auseinandersetzung eines vermeintlich Schwachen mit einem anscheinend Stärkeren. Der jungen unerfahrene Kämpfer ficht mit einem kampferprobten und gefürchteten. Diese Konstellation erinnert eo ipso an das alttestamentarische Duell David gegen Goliath.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern Parallelen zwischen beiden Duellen bestehen. Worin gleichen sich die Protagonisten, worin unterscheiden sie sich? Wie ist das Motiv des unerfahrenen Jünglings im Kampf mit dem übermächtigen Hünen im biblischen Kontext und wie im mittelalterlichen Kontext umgesetzt? Inwiefern sind sich die beiden Episoden ähnlich in der Darstellung und Rechtfertigung des Sieges des anscheinend Schwächeren?

Die Arbeit versucht zudem, die Motive der Kämpfer zum Duell und den chronologischen Verlauf der Kämpfe vergleichend aufzuzeigen.

Die Moroldepisode gehört mit 1363 Versen zu den längsten Kapiteln des gesamten gottfriedschen Tristanromans.[1] Nicht nur die Kampfszene an sich, auch die Rechtssituation der Zinsforderung sowie die Vorbereitung zum Zweikampf werden ausführlich geschildert. Ebenso wie die Länge ist die häufige Verwendung von Begriffen aus dem religiösen Kontext für die Moroldepisode charakteristisch, vor allem die Erwähnung und Anrufung Gottes.

Dies wirft die Frage auf, ob und in welchem Maße Gottfried an der Davidsgeschichte Orientierung gesucht und gefunden hat.

2. Hauptteil

2.1 Vergleich Tristan – David

Allgemeines

Tristan und David sind einander in vieler Hinsicht ähnlich.[2] Beide sind jung und von schöner, feiner Gestalt. Beide sind in Erfahrung[3] sowie physischer Stärke dem Gegner bei weitem unterlegen. Die Jünglinge bieten sich, von auswärts kommend und den Schauplatz des Konfliktes erst aufsuchend, für den Zweikampf an, denn keiner aus ihrem Volksstamm wagt es, gegen den überstarken Gegner anzutreten. Dabei stößt Tristan bei Marke ebenso auf Widerstand, den Kampf bestreiten zu dürfen, wie David bei Saul. Doch die Interventionen der Könige, die Jünglinge vom Kampf abzuhalten, bleiben erfolglos.[4] Eine Vermeidung des Kampfes durch Argumentation findet nicht statt.

Tristan wie David können den anscheinend ungleichen Kampf nur deswegen aufnehmen, weil sie ein unerschüttertes Vertrauen in sich selbst, in den Zweck ihres Kampfes und in Gott haben: „wan daz ich aber zer vehte an gote und ouch an rehte zwô sigebaere helfe hân. die suln mit mir ze kampfe gân! dar zuo hân ich willigen muot“[5]. Ähnlich äußert sich David unmittelbar vor dem Kampf seinem Gegner gegenüber: „ich aber komme zu dir im Namen des Herrn. [...] Heute wird dich der Herr in meine Hand geben.“[6]

Eine weitere auffällige Parallele ist die Kunst des Harfenspiels. Auch wenn dies für den Zweikampf nicht von unmittelbarer Bedeutung ist, so zeigen die Kunstfertigkeiten doch, dass Tristans und David weitergehende Fähigkeiten besitzen als das Anwenden roher Gewalt und sich darin von ihren Gegnern abheben. Zudem legt das Motiv des Harfenspiels vor dem König auch die enge Bindung der Jünglinge mit ihrem König dar: Marke beabsichtigt, um seines Neffen willen auf eine eheliche Verbindung zu verzichten, damit Tristan einmal den Thron übernehmen solle. Dem Saul wird David als König nachfolgen, obwohl er von niederer Geburt ist.

Hierin liegt das einzig Wesentliche, was Tristan von David unterscheidet: die Abstammung. Während Tristan das einziges Kind ist und Waise und als Neffe des Königs in engster Verwandtschaft zum König steht, so ist David der jüngste von acht Söhnen[7] Isais, eines einfachen Mannes. Es ist nicht berichtet und nicht anzunehmen, dass David, anders als Tristan, von einem Lehrer in Sprachen, Wehr- und Jagdkunst gelehrt und ausgebildet worden ist. David hütet die Schafe seines Vaters und ist durch sein Harfenspiel dennoch so bekannt, dass er zum Hofe empfohlen wird. Dort gefällt er dem schwermütigen Saul durch Schönheit, Charme und sein beruhigendes Saitenspiel, woraufhin ihn der König zu seinem Waffenträger erhebt.[8] David wird in 1. Sam 16,18 gepriesen als „ein tapferer Mann und tüchtig zum Kampf, verständig in seinen Reden und schön gestaltet.“

Motivation zum Kampf bei Tristan und David

Ihren Ursprung findet die Auseinandersetzung Tristans mit Morold in der Zinspflicht Englands und Kornwalls gegenüber dem irischen König Gurmun. Zwar wird der Tribut von den Ländern Markes geleistet, doch wird er als Unterdrückung empfunden, da er einerseits infolge gewaltsamer Unterwerfung zustande gekommen war und andererseits durch Zwang aufrecht erhalten wurde. Der Zins wurde „weder durch reht noch durch got sô durch Gurmûnes gebot“[9] geleistet. Für die Zinsleistenden unerträglich wird die Situation, als anstatt des Zinses aus jedem Land 30 diensttüchtige junge adlige Knaben als Tribut gefordert werden und zur Durchsetzung der Forderung der Irenherzog „mit kampflîchen handen“[10] in Kornwall erscheint. Die Landbarone scheinen zunächst der demütigenden Forderung Folge leisten zu wollen.

Zu diesem Zeitpunkt kehrt Tristan an den Hof Markes zurück und versucht, die Barone aus „not“ und „unreht“[11] zum Widerstand zu bewegen. Tristan sieht die Forderung der Knaben als unmenschliche Forderungen an und fragt die Barone: „schamt ir iuch der schanden niht, diu disem lande an iu geschiht?“[12] Zur Demütigung wird die Forderung durch das Zaudern der Barone, die sich ihre eigene Freiheit zu erkaufen suchen, indem sie ihre eigenen Kinder der Unfreiheit preisgeben. Diese moralische Schwachheit scheint Tristan „wider gotes gebote“[13] zu sein. Er bietet sich seinem Volk und seinem König zur Verteidigung der eigenen Würde als Kämpfer an, denn keiner der angegriffenen Barone selbst wagt es, sich gegen den überstarken Iren zu erheben.

Tristan erläutert, dass Kornwall durch seinen Kampf nur gewinnen könne: fällt er, bleibt die Situationen so schlecht wie zu vor, siegt er, ist Kornwall von der Last des bedrückenden Zinses befreit.[14]

Das Duell mit Morold ist also nicht das bloße Aufeinandertreffen zweier antagonistischer Mächte, sondern „der Anspruch des Unterdrückten auf Freiheit“.[15] Tristans Kampf ist aber nicht nur moralisch gerechtfertigt; er ist auch vertraglich legitim. Das Tributabkommen Irlands mit Kornwall räumt den Baronen ausdrücklich das Recht auf Widerstand durch „vehte“ ein: „ein gelübede unde ein sicherheit wart wîlent under iu getân, die sol man ouch noch staete lân: daz s’alle jâr z’Îrlanden mit guotem willen sanden von Curnewal und von Engelant den zins, der in dâ wart benant, oder aber si sazten sich zu wer mit einwîge oder mit lanther.“[16]

Das Aufbegehren Tristans ist keinesfalls vertragswidriges Agieren gegen eine Macht, sondern die rechtmäßige Inanspruchnahme einer vertraglich eingeräumten Option.[17]

Wie Tristans Volk, so ist auch das Volk Davids durch eine stärkere Macht, die Philister, von der Knechtschaft bedroht. Die Sippschaft ist verängstigt. Wie der aktuelle Konflikt der Länder Markes mit Irland auf früheren militärischen Auseinandersetzungen beruht, so sind auch die Philister Erbfeinde des Volkes Israel. Ein Heer der Philister steht kampfbereit da. Deren Vorkämpfer Goliath kündigt Israel expressis verbis an, was ihm im Falle einer Niederlage droht: „so sollt ihr unsere Knechte sein und uns dienen“,[18] ebenso wie Morold den Adelssöhnen das Grundrecht auf Freiheit zu nehmen droht.

[...]


[1] Zum Vergleich: Die Schwertleite inklusive Dichterrühmung ist in nur 521 Versen dargestellt.

[2] Vgl. hierzu Okken, Lambertus: Kommentar zum Tristan-Roman Gottfrieds von Straßburg. 1. Band. Zweite, gründlich überarbeitete Auflage. Amsterdam, Atlanta. 1996., S. 317ff. und Denomy, Alex. J.: Tristan and the Morholt: David and Goliath. In: Mediaeval Studies. Published annually by the Pontifical Institute of Mediaeval Studies. Volume XVIII. Toronto. 1956. S. 226f.

[3] „d er unversuochte Tristan“ (6538) und „du bist zu jung dazu“ (1. Sam 17,33)

[4] 6248ff. bzw. 1. Samuel 17, 33

[5] 6183-6187: Allerdings habe ich zum Kampf in Gott und auch im Recht zwei siegreiche Helfer. Die mögen mit mir zum Kampfe gehen. Außerdem habe ich meine feste Entschlossenheit.

[6] 1. Sam 17,45f.

[7] 1. Samuel 17, 14

[8] Kästner, Hannes: Harfe und Schwert. Der höfische Spielmann bei Gottfried von Straßburg. Tübingen. 1981. S. 57.

[9] 6005f. ...weder durch Recht noch durch Gott, sondern durch Gurmuns Gebot.

[10] 5875; zum Kampf fordernd

[11] 6096 bzw. 6100

[12] 6067f. Schämt ihr Euch nicht der Schande, die diesem Lande euretwegen geschieht?

[13] 6106

[14] vgl. 6162-6165

[15] Combridge, Rosemary Norah: Das Recht im „Tristan“ Gottfrieds von Straßburg. 2. überarb. Auflage. Berlin. 1964. In: Binder, Wolfgang / Moser, Hugo / Stackmann, Karl (Hrsg.): Philologische Studien und Quellen. Heft 15. S. 51.

[16] 6364-6372 Ein Gelöbnis und ein Vertrag wurde einst zwischen euch abgeschlossen und die soll man auch bestehen lassen: Dass sie in jedem Jahr aus freien Stücken den Zins von Kornwall und England nach Irland sandten, der ihnen genannt wurde, oder aber, dass sie sich zur Wehr setzten durch Zweikampf oder mit dem Heer.

[17] Selbst wenn nicht diese Legitimation nicht bestünde, hätte Tristan einen Zweikampf als Notwehr und als Auflehnung gegen eine Gewaltherrschaft rechtfertigen können.

Morolds Forderung ist unmenschlich, also Unrecht, selbst wenn sie vertraglich gerechtfertigt wäre.

[18] 1. Sam 17,9

Details

Seiten
19
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638323666
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v31321
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Seminar für Deutsche Philologie
Note
1,3
Schlagworte
Tristans Kampf Morold Tristan Gottfrieds Straßburg Gottfried

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