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Pflegekräftemangel in deutschen Krankenhäusern. Auswirkungen auf die Patientenversorgung

von Jennifer Claßen (Autor) Britta Neumann (Autor)

Projektarbeit 2015 51 Seiten

Pflegemanagement / Sozialmanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zielsetzung der Arbeit
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Pflegesituation in Deutschland
2.1 Unterschiede der Pflegeberufe
2.2 Pflegekräftemangel/Pflegekräfteengpass
2.3 Pflegekräftemangel bis 2030
2.4 Ursachen für den Pflegekräftemangel
2.5 Auswirkungen auf den Pflegekräftemangel
2.6 Bevölkerung im Erwerbsalter
2.7 Bedarfsentwicklung der Pflegekräfte

3 Auswirkungen des Pflegekräftemangels
3.1 Auswirkungen des Pflegekräftemangels auf die Patientenversorgung in Deutschland
3.2 Auswirkungen des Pflegekräftemangels auf internationaler Ebene

4 Lösungsansätze
4.1 Zusammenführung der Pflegeberufe
4.2 Akademisierung der Pflegeberufe
4.3 Anreizsysteme für Pflegekräfte und Angehörige
4.4 Qualitätssicherung von Früh- und Neugeborenen

5 Zusammenfassung und Diskussion

6 Fazit und Ausblick

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Krankenhäuser in Deutschland sind durch die wandelnden Rahmenbedingungen des Gesundheitssystems ständig mit neuen Herausforderungen konfrontiert.[1] Gerade der Pflegekräftemangel in der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung, der stetig zunimmt[2] und seit langer Zeit in den Medien diskutiert wird,[3] stellt eine große Herausforderung für Krankenhäuser dar. „Zukunftsfähig sind die Krankenhäuser, denen es am besten gelingt, kompetentes Fachpersonal zu gewinnen und zu binden“[4].

Aufgrund des demografischen Wandels kommt es zu einer Zunahme von älteren und damit pflegebedürftigen Menschen. „Die Versorgung von Menschen mit Pflegebedarf befindet sich aufgrund demografischer, sozialer, gesellschaftlicher und gesundheitspolitischer Veränderungen in einem grundlegenden Wandel“[5]. Dadurch dass immer mehr Lebensjahre verbracht werden[6] aufgrund der technischen Fortschritte im Gesundheitswesen, „nimmt jedoch zugleich der Bedarf an Pflegeleistungen zu“[7]. „Um die pflegebedürftigen Menschen auch künftig gemäß einem modernen Pflegeleitbild zu betreuen bedarf es gut ausgebildeter und motivierter Pflegekräfte“[8].

Doch die Prognosen, dass in den nächsten 15 Jahren über 400.000 Fachkräfte in den Kliniken und über 66.000 in ambulanten Diensten fehlen, sind vorhanden.[9] Der Pflegenotstand wird nicht erst in der Zukunft auftreten, sondern er existiert bereits. Schon heute stellt dieser zentrale Hemmnisse für die quantitative und qualitative Entwicklung der Versorgung in den einzelnen Bereichen des Gesundheitswesens dar.[10] Darüber hinaus wird der Fachkräftemangel gesamtwirtschaftliche Einbußen nach sich ziehen. So sollen der Mangel an Fachkräften und die damit nicht besetzten Stellen der Wirtschaft bis 2030 einen Wertschöpfungsverlust von 35 Milliarden Euro bringen.[11]

Die Auswirkungen des demografischen Wandels auf Angebot und Nachfrage nach Pflegedienstleistungen trifft somit auf eine negative Ausgangslage, welche u.a. durch Strategien im Personalmanagement und der Gesundheitsförderung der einzelnen Mitarbeiter entgegen gewirkt werden kann.[12]

Des Weiteren gibt es aktuelle Diskussionen darüber, „ob unter den wachsenden ökonomischen Zwängen ethische Aspekte einer dem Patienten menschlich zugewandten Medizin in den Hintergrund geraten“[13]. Daher ist es von zentraler Bedeutung zu klären, ob auch unter genannten Belastungen die pflegerischen Tätigkeiten stets durchgeführt werden können und ob es zu Beeinträchtigungen des Patienten gekommen ist.[14]

1.1 Zielsetzung der Arbeit

Das Ziel der Arbeit ist es darzustellen, dass ein Pflegekräftemangel in Deutschland vorliegt, welche Ursachen hierfür vorhanden sind und wie er sich auf die Patientenversorgung und auf die Patientensicherheit auswirkt.

Die Komplexität des Pflegekräftemangels wird ausführlich dargestellt. Verschiedene Studien werden vorgestellt/ausgewertet um die Hypothese: Der Pflegekräftemangel wirkt sich auf die Patientenversorgung aus zu stützen.

Anhand verschiedener Lösungsansätze werden Möglichkeiten genannt, die den Auswirkungen des Pflegekräftemangels und dem Pflegekräftemangel als Problem des Berufszweiges begegnen sollen.

1.2 Aufbau der Arbeit

Die Arbeit gliedert sich insgesamt in sechs Kapitel. Das erste Kapitel leitet in das Thema der Arbeit ein und stellt deren Zielsetzung sowie den Aufbau vor.

Im anschließenden zweiten Kapitel wird der Pflegeberuf allgemein beleuchtet und es wird auf die zu bewältigenden Herausforderungen im Speziellen eingegangen. Hierbei werden vor allem die Ursachen für die Veränderungen des Pflegebedarfs und des Pflegekräftemangels aufgezeigt und diesbezüglich auf die kommenden Herausforderungen der Pflegekräfte eingegangen.

Das dritte Kapitel betrachtet mithilfe verschiedener nationaler und internationaler Studien die Auswirkungen des Pflegekräftemangels. Ausgewählte Studien, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben, werden vorgestellt und analysiert. Zudem wird verdeutlicht, dass der Pflegekräftemangel sich auf das Image des Berufsbildes auswirkt.

Um das Thema lösungsorientiert zu behandeln, werden im vierten Kapitel Lösungsansätze aufgezeigt, welche dem Fachkräftemangel in der Pflege entgegenwirken sollen und zu einer besseren Versorgung von Früh- und Neugeborenen verhelfen.

Im fünften Kapitel erfolgt die Zusammenfassung der Ergebnisse. Die Arbeit schließt mit einem Fazit und einem Ausblick im sechsten Kapitel ab.

2 Pflegesituation in Deutschland

Im Folgenden werden die unterschiedlichen Pflegeberufe in Deutschland beschrieben und die jeweiligen Arbeitsfelder/Arbeitsinhalte dargestellt.

2.1 Unterschiede der Pflegeberufe

Für Pflegeberufe gelten, ohne Einbezug der Entbindungshelfer und Hebammen, zwei Ausbildungsgesetze: Zum einen das Altenpflegegesetz (AltPflG) und das Krankenpflegegesetz (KrPflG). Beide Gesetze beinhalten eine gemeinsame Regelungsstruktur der Ausbildung.[15] „Die Pflegeberufe unterliegen für die Führung ihrer jeweiligen Berufsbezeichnung der Erlaubnispflicht“[16]. Die Erlaubnis wird nach Absolvierung der gesetzlich vorgeschriebenen Ausbildung und Prüfung erteilt. Diese entspricht funktional der Approbation nach der Bundesärzteordnung (BÄO). „Diese Erlaubnis ist nicht gleichzusetzen mit einem Berufs- oder Tätigkeitsschutz in dem Sinn, dass nur die Träger dieser Berufsbezeichnung die Tätigkeiten ausüben dürfen, für die sie ausgebildet worden sind“[17]. Die Träger einer solchen Berufsbezeichnung haben einen doppelten Wert in ihrer Stellung, zum einen bestehen bessere Beschäftigungschancen und zum anderen ist es für den Arbeitgeber von Vorteil, Fachkräfte zu rekrutieren.[18]

Altenpflege

Der Beruf und die Ausbildung zur Altenpflege sind bundeseinheitlich durch das Altenpflegegesetz geregelt. Die Ausbildungsdauer beträgt drei Jahre und kann auch in Teilzeit über die Dauer von fünf Jahren absolviert werden. Die Ausbildung umfasst sowohl theoretischen als auch fachlichen Unterricht in einer Altenpflegeschule sowie die praktische Ausbildung in einem Heim, in stationären oder teilstationären Pflegeinrichtungen.[19] Nach einer erfolgreichen Ausbildung stehen Altenpfleger eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten zur Verfügung: In stationären und teilstationären Pflegeeinrichtungen, in ambulanten Pflegediensten und in der Kurzzeitpflege.[20] Altenpfleger betreuen ältere und hilfebedürftige Menschen. Dazu gehört die Unterstützung bei der Körperpflege, beim Essen sowie bei der Ankleidung. Des Weiteren nehmen sie in der Behandlungspflege und Rehabilitation therapeutische und medizinisch-pflegerische Aufgaben wahr wie z. B. das Wechseln von Verbänden, das Durchführen von Spülungen und das Verabreichen der Medikamente nach ärztlicher Verordnung.[21]

Gesundheits- und Krankenpfleger

Die Ausbildung eines Gesundheits- und Krankenpflegers hat eine Ausbildungsdauer von drei Jahren und kann, wie auch in der Altenpflege, in Teilzeit über eine Dauer von fünf Jahren absolviert werden. Auch diese Ausbildung ist bundeseinheitlich geregelt. Die Lernorte der Ausbildung sind Berufsfachschulen und Kliniken. Beschäftigungsmöglichkeiten bei erfolgreich abgeschlossener Ausbildung finden sich in Kliniken, Facharztpraxen, in Wohnheimen für Menschen mit Behinderungen sowie auch in der Alten- und Kurzzeitpflege. Der Aufgabenbereich erstreckt sich vom Überwachen des Gesundheitszustandes des Patienten, der Vorbereitung diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen bis hin zum Assistieren bei Untersuchungen und operativen Eingriffen. Zudem übernehmen sie administrative Aufgaben in der Patientendokumentation.[22]

Gesundheits- und Kinderkrankenschwester

Wie auch bei der Ausbildung des Gesundheits- und Krankenpflegers beträgt die Ausbildungsdauer drei Jahre und ist bundeseinheitlich geregelt. Die Ausbildung erfolgt an Berufsfachschulen und in Kliniken. Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger finden ihre Anstellung in erster Linie auf Stationen für Kinder, Jugendliche und Säuglinge. Andere Einsatzorte können unter anderem auch Kinderheime und Facharztpraxen für Kinder und Jugendliche sein. Zu ihren Aufgabenbereichen zählen das Pflegen, Betreuen und Versorgen von Kindern. Wie die Gesundheits- und Krankenpfleger führen sie nach Anweisung des ärztlichen Personals pflegerische und medizinische Maßnahmen durch. Darüber hinaus assistieren sie bei operativen und ärztlichen Untersuchungen. Zudem übernehmen sie eine beratende und anleitende Rolle gegenüber den Eltern der Kinder hinsichtlich spezieller pflegerischer Maßnahmen. Organisations- und Verwaltungsaufgaben gehören ebenso zu ihrem Aufgabengebiet.[23]

2.2 Pflegekräftemangel/Pflegekräfteengpass

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) hat in ihrem Dossier „Fachkräftemangel“ die Begriffe Fachkräftemangel und Arbeitskräftemangel näher definiert.[24]

Ein Arbeitskräftemangel liegt vor wenn die Nachfrage nach Arbeit dauerhaft über dem Arbeitsangebot liegt. Der Begriff Arbeitskräfte definiert alle arbeitsfähigen Personen ohne Berücksichtigung der Qualifikation. Mit dem Begriff Fachkräfte sind die Personen betitelt, die eine anerkannte akademische Ausbildung oder eine anerkannte, mindestens zweijährige Berufsausbildung absolviert haben.[25]

Ein Fachkräftemangel liegt vor, wenn die Nachfrage nach Arbeitskräften über einen längeren Zeitraum nicht gedeckt werden kann und sich auf unterschiedlichste Art und Weise äußert. Es kann zum einen sein, dass in bestimmten Branchen mehr offene Stellen als Bewerber vorhanden sind oder zum anderen, dass sich die Zeit bis eine Stelle neu besetzt wird, verlängert.[26] Von einem Fachkräftemangel oder Fachkräfteengpass wird dann gesprochen, wenn die Vakanzzeit – also der Zeitraum zwischen gewünschtem Besetzungstermin einer Stelle bis zur Besetzung – 40 Prozent (%) über dem Durchschnitt liegt und eine Zunahme um zehn Tage gegenüber dem Referenzjahr stattgefunden hat.[27]

Im Januar 2015 waren die Vakanzzeiten der Berufsgruppen Altenpflege, Gesundheits- und Krankenpfleger, des Rettungsdienstes und der Geburtshelfer sehr hoch. Die durchschnittliche Vakanzzeit im Januar 2015 lag bei 81 Tagen. Für diesen Monat wies die Altenpflege eine Vakanzzeit von 121 Tagen auf. Die Gruppe der Gesundheits-und Krankenpfleger, des Rettungsdienstes und der Geburtshelfer zeigte eine Zeit von 105 Tagen.[28] Da beiden Bereichen Stellen länger als üblich unbesetzt bleiben, wird von einem Fachkräftemangel bzw. Fachkräfteengpass in diesen Berufsgruppen gesprochen.[29]

2.3 Pflegekräftemangel bis 2030

Die Studie „Fachkräftemangel stationärer und ambulanter Bereich“[30], welche vom Wirtschaftsforschungsinstitut PriceWaterhouseCoopers durchgeführt wurde, ermittelte mit einem umfassenden Berechnungsmodell die Personalentwicklung in stationären und ambulanten Bereichen des Gesundheitswesens bis zum Jahr 2030. Das Ziel dieser Studie war, die Entwicklung der Personalengpässe aufzuzeigen um Handlungsempfehlungen für Politik und Wirtschaft ableiten zu können.[31]

Die Berechnung bezog alle Beschäftigten des Gesundheitswesens ein: Von Ärzten bis zu Zivildienstleistenden sowie ambulante und stationäre Einrichtungen des Gesundheitswesens. Wie die Abbildung 1 zeigt, kommt es vor allem bis zum Jahr 2030 zu einer drastischen Entwicklung. Sowohl im ärztlichen als auch im nicht-ärztlichen Bereich überwiegt die Nachfrageseite an Personal im Gesundheitswesen. Es wird deutlich mehr Personal nachgefragt als angeboten, d.h. dass sich die Situation des Personalengpasses verschärfen wird.[32]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Personalangebot und –nachfrage in den ambulanten und stationären Einrichtungen des Gesundheitswesens

(Quelle: Ostwald D.A. et al. 2012, S. 37)

2.4 Ursachen für den Pflegekräftemangel

„Der Demografische Wandel der Bevölkerung in Deutschland und die damit verbundenen sozioökonomischen Folgen gehören schon seit vielen Jahren zu den beherrschenden gesellschaftlichen und politischen Themen“[33]. Zwei Faktoren für die demografische Veränderung sind zum einen der Rückgang der Geburtenrate und zum anderen der Anstieg der Lebenserwartung.[34] Zugleich nimmt die Entwicklung des Arbeitskräftepotenzials ab.[35] Die steigende Lebenserwartung und der Geburtenrückgang zeigen eine deutliche Verschiebung des Altersaufbaus. Demnach werden drei Altersgruppen unterschieden:[36]

1. „die Gruppe der unter 20-Jährigen, die noch nicht zur Erwerbsbevölkerung gerechnet wird,
2. die Gruppe der Erwerbsbevölkerung im Alter zwischen 20 Jahren und 65 Jahren und
3. die Gruppe der über 65-Jährigen, die nicht mehr zur Erwerbsbevölkerung gerechnet wird[37].

Folgende Entwicklung der drei Altersgruppen der Bevölkerung in Deutschland von 2013 bis 2060 lässt sich bei schwacher Zuwanderung beschreiben[38]:

- Die Zahl der unter 20-Jährigen wird sich in den nächsten Jahren verringern. 2013 waren es 14,7 Millionen (Mio.). Im Jahr 2015 sind es derzeit 14,6 Mio. In den nächsten zehn Jahren wird die Anzahl auf 14,1 Mio. sinken und bis zum Jahr 2060 sogar auf 11 Mio.
- Die Erwerbsbevölkerung (20-65 Jahren) lag 2013 bei 49,2 Mio. Derzeit lässt sich ein geringer Anstieg auf 49,4 Mio. verzeichnen, welcher prognostisch aber in den nächsten zehn Jahren einen Rückgang von 46,6 Mio. aufweisen wird. 2060 sind es laut einer Vorausrechnung nur noch 34,3 Mio. Menschen.
- Die Altersgruppe, die einen Zuwachs zu verzeichnen hat, ist die Gruppe der über 65-Jährigen. 2013 waren es 16,9 Mio. Im Jahr 2015 beträgt die Anzahl 17,3 Mio., im Jahr 2025 werden es 19,8 Mio. sein und 35 Jahre später 22,3 Mio.[39]

Tabelle 1 Entwicklung der Bevölkerung Deutschlands bis 2060

(Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an dem Statistischen Bundesamt 2015: Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 13. koordinierte Bevölkerungsvorausrechnung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Entwicklung der Lebenserwartung

Seit hundert Jahren wird eine direkte Zunahme der Lebenserwartung beobachtet, welche auf eine verbesserte Lebensqualität zurückzuführen ist.[40] In den Jahren 2010 bis 2012 betrugen im Durchschnitt die Lebenserwartung bei neugeborenen Männern 77,7 Jahre und bei neugeborenen Frauen 82,8 Jahre. Auch die Überlebensverhältnisse für ältere Menschen haben sich in den letzten Jahren verbessert. Ein heute 65-Jähriger Mann hat eine Lebenserwartung von plus 17,5 Jahren und eine gleichaltrige Frau von plus 20,7 Jahren.[41] Maßgebliche Fortschritte in der medizinischen Versorgung, Hygiene, Wohnsituation und Ernährung haben zur Verbesserung der Überlebensrate in den letzten Jahren beigetragen.[42]

Rückgang der Bevölkerung

Innerhalb eines Jahres kommen weniger Kinder in Deutschland auf die Welt als dass es Sterbefälle gibt. Dieses Defizit weist Deutschland seit 1970 auf.[43] Durch den positiven Wanderungssaldo konnte dies kompensiert werden, doch seit 2003 sinkt die Einwohnerzahl in Deutschland stetig.[44] Während 2003 noch 82,5 Mio. Einwohner in Deutschland lebten, waren es Ende 2010 81,5 Mio. Derzeit wird ein Stand von 81,3 Mio. angegeben. Laut der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung werden im Jahr 2060 dementsprechend nur noch 67,6 Mio. Menschen in Deutschland leben.[45]

Die nachfolgenden Abbildungen verschaffen einen Überblick über die Entwicklung der Bevölkerung von den Jahren 2003 bis 2060.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Bevölkerung in Deutschland im Jahr 2003

(Quelle: Statistisches Bundesamt, Bevölkerung in Deutschland)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 koordinierte Bevölkerungsberechnung für Deutschland

(Quelle: Statistisches Bundesamt, 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung für Deutschland)

2.5 Auswirkungen auf den Pflegekräftemangel

Der demografische Wandel wirkt sich in verschiedenen Punkten auf den Pflegekräftemangel aus. Zum einen wird durch den Anstieg der Lebenserwartungen ein höheres Aufkommen der Pflegebedürftigen bestehen und zum anderen wird die Zahl der Auszubildenden durch die sinkende Geburtenrate bedroht. Letztendlich erschwert es den Krankenhäusern durch eine alternde Belegschaft in den nächsten Jahren eine ausreichende Anzahl von Pflegekräften vorzuhalten.[46]

Durch die beschriebene Zunahme der über 80-Jährigen[47] wird der Bedarf in der Pflege in den nächsten Jahren ansteigen. Dies zeigt sich nicht nur in der Anzahl der Pflegebedürftigen, sondern auch in den Krankenhausaufenthalten.[48] Bereits 2013 stellten die über 65-Jährigen 48.329 (37,5 %)[49] der vollstationären Krankenhausfälle dar (ohne ausländische Patienten). Laut des Statistischen Bundesamts werden die Krankenhausfälle bis 2020 um eine Million (auf 18,8 Mio.) der über 60-Jährigen ansteigen. Des Weiteren wird mit einer weiteren Zunahme von ca. 500.000 Behandlungsfällen gerechnet.[50]

Pflegebedürftigkeit

„Ab dem 80. Lebensjahr steigt das Risiko, pflegebedürftig zu werden, stark an“[51]. Rückblickend auf das Jahr 2013 waren 2,6 Mio. Menschen in Deutschland pflegebedürftig, davon wurden 764.000 (29 %) vollstationär in Heimen versorgt.[52] Im Vergleich zum Jahr 2011 weist dies einen Anstieg von plus 5 % auf. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes wird die Zahl der Pflegebedürftigen im Jahr 2020 auf 2,9 Mio. ansteigen. 2030 wird der Anstieg auf knapp 3,4 Mio. betragen.[53] Dies ergibt einen Anstieg von 30,7 % zwischen 2013 und 2030.[54]

Nach Berechnungen durch Afentakis und Maier[55], wie sich der Bedarf an Pflege und dem daraus resultierenden Bedarf des Pflegepersonals in Krankenhäusern auswirken wird, wurden folgende Ergebnisse erzielt: Bis 2025 wird es einen Anstieg von 27,3 % der Vollzeitstellen in Pflegeberufen gegenüber dem Jahr 2005 geben. 2005 lag der Anteil von Vollzeitstellen in Pflegeberufen bei 968.000.[56] Um den Bedarf der Pflege decken zu können, wird das qualifizierte Pflegepersonal ab 2018 nicht mehr ausreichen und bereits im Jahr 2025 werden Defizite an Pflegepersonal entstehen. Laut der Berechnung, wird es einen Mangel von 112.000 Vollzeitstellen für Pflegekräfte geben.[57]

Auch Hackmann und Moog[58] haben 2008 unterschiedliche Situationen bis zum Jahr 2050 berechnet. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2050 der Personalbedarf im ambulanten Bereich von 290.000 auf 490.000 Vollzeitkräfte ansteigen wird. In der stationären Heimpflege wird es einen Anstieg von ca. 1 Mio. geben, im ungünstigsten Fall sogar einen Anstieg von 1,4 Mio. Pflegekräften.[59]

Des Weiteren ist zu beobachten, dass durch die reduzierte Verweildauer[60] von Patienten in „Kliniken und die damit verbundene gestiegene Pflegeintensität jedes einzelnen Patienten bei einer gleichzeitigen Reduktion der Stellen die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Pflegekräfte enorm erhöht“[61]. Im Vergleich der Jahre 2003, 2010 und 2013 anhand der Krankenhausstatistik ist zu erkennen, dass in Deutschland im Jahr 2003 insgesamt 17.295.910 Mio. Patienten stationär behandelt worden sind, bei einer Anzahl von 2197 Kliniken. Zu erkennen ist, dass im Jahr 2010 bei einer geringeren Krankenhausanzahl (2.064) mehr Patienten behandelt worden sind, insgesamt 18.032.903 Mio. Im Jahr 2013 waren dies demzufolge 18.787.168 Patienten bei insgesamt 1.996 Krankenhäusern. Diese Ergebnisse lassen aufgrund der Reduzierung der Krankenhäuser, des Anstiegs der zu behandelnden Patienten und einer geringen Verweildauer von 7,5 Tagen eine Arbeitsverdichtung für das Pflegepersonal in Kliniken erkennen.[62]

2.6 Bevölkerung im Erwerbsalter

Die 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes beschreibt, dass die Bevölkerung im Erwerbsalter weiterhin durch die Verringerung der Bevölkerung und des immer älter werden, stark betroffen sein wird. Bei der Bevölkerungsvorausberechnung wurde das Erwerbsalter von 20 bis 64 Jahren betrachtet. 49,2 Mio. Menschen gehörten 2013 dieser Altersgruppe an. 2030 wird die Zahl etwa 44 bis 45 Mio. betragen und im Jahr 2060 rund 38 Mio. (-23 %).[63]

Die Bevölkerung im Erwerbsalter wird aktuell von den Jahrgängen der 40 bis 60-Jährigen dominiert. In den nächsten Jahrzenten werden diese Jahrgänge ausscheiden und durch die schwächeren Jahrgänge (70er/80er) ersetzt. Demzufolge wird sich ab dem Jahr 2035 eine geringere Disproportion zwischen den jüngeren und älteren Menschen zeigen. Bis zum Jahr 2060 werden sich die Disproportionen ausgleichen und das Medianalter der Erwerbsbevölkerung wird statt 44 Jahren, 43 Jahre betragen.[64]

[...]


[1] Vgl. Lauterbach K. et al. 2013, S. 177.

[2] Vgl. Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. VII.

[3] Vgl. Jacobs P. 2012, S. 636.

[4] Vgl. Lauterbach K. et al. 2013, S. 159.

[5] Bundesministerium für Gesundheit, Eckpunkte zur Vorbereitung des Entwurfs eines neuen Pflegeberufegesetzes, S. 29.

[6] Vgl. Gesellschaft für Versicherungswissenschaften und –gestaltung e.V. 2011, S. 9.

[7] Gesellschaft für Versicherungswissenschaften und –gestaltung e.V. 2011, S. 9.

[8] Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und –gestaltung e.V. 2011, S.9.

[9] Vgl. T. Kutschke 2014, S. 54.

[10] Vgl. Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. VII.

[11] Vgl. Ostwald D.A. et al. 2012.

[12] Vgl. Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. IX.

[13] Lauterbach K. et al. 2013, S. 177.

[14] Vgl. Isfort M. 2012, S. 8.

[15] Vgl. Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. 49 f.

[16] Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. 52.

[17] Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. 52.

[18] Vgl. Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. 52.

[19] Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zugegriffen am: 16.06.2015.

[20] Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zugegriffen am: 16.06.2015.

[21] Vgl. Bundesagentur für Arbeit, Steckbrief Altenpfleger/in zugegriffen am 16.06.2015.

[22] Vgl. Bundesagentur für Arbeit, Steckbrief Gesundheits- und Krankenpfleger/in zugegriffen am: 16.06.20015.

[23] Vgl. Bundesagentur für Arbeit, Steckbrief Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/in zugegriffen am: 16.06.2015.

[24] Vgl. Obermeier T. 2014, S. 1.

[25] Vgl. Obermeier T. 2014, S. 1.

[26] Vgl. Obermeier T. 2014, S. 1

[27] Vgl. Obermeier T. 2014, S. 1.

[28] Vgl. Bundesagentur für Arbeit 2015, Engpassanalyse S. 16.

[29] Vgl. Obermeier T. 2014, S. 1.

[30] Vgl. Ostwald D. A. et al. 2012, S. 37.

[31] Vgl. Ostwald D. A. et al. 2012 S. 13.

[32] Vgl. Ostwald D. A. et al. 2012, S. 36.

[33] Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. 5.

[34] Vgl. Bettig et al., Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. 7.

[35] Vgl. Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und –gestaltung e.V. 2011, S. 31.

[36] Vgl. Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. 9.

[37] Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. 9.

[38] Vgl. Statistisches Bundesamt 2015: Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung.

[39] Vgl. Statistisches Bundesamt 2015: Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung.

[40] Vgl. Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. 8.

[41] Vgl. Statistisches Bundesamt 2015: Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, S. 34.

[42] Vgl. Statistisches Bundesamt 2015: Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, S. 34

[43] Vgl. Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. 11.

[44] Vgl. Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. 11.

[45] Vgl. Statistisches Bundesamt, Bevölkerungspyramide zugegriffen am:24.06.2015.

[46] Vgl. Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. 12.

[47] Vorausberechnung der Lebenserwartung Kapitel 2.2.

[48] Vgl. Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. 12.

[49] Statistisches Bundesamt Krankenhausstatistik 2013.

[50] Vgl. Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. 13.

[51] Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. 13.

[52] Vgl. Pflegestatistik 2013, S. 5.

[53] Vgl. Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. 13.

[54] Eigene Berechnung.

[55] Vgl. Afentakis/Maier 2010, Projektion des Personalbedarfs und -angebots in Pflegeberufen bis 2025.

[56] Vgl. Afentakis/Maier 2010, Projektion des Personalbedarfs und -angebots in Pflegeberufen bis 2025, S. 995.

[57] Vgl. Bettig et al. Fachkräftemangel in der Pflege 2012, S. 13.

[58] Vgl. Hackmann/Moog 2008, Pflege im Spannungsfeld von Angebot und Nachfrage.

[59] Vgl. Hackmann/Moog 2008, Pflege im Spannungsfeld von Angebot und Nachfrage, S. 22.

[60] Verweildauer: Der durchschnittliche Krankenhausaufenthalt, derzeit 7,5 Tage.

[61] B. Dilchert 2012, Fachkräftemangel in der Pflege.

[62] Vgl. Statistisches Bundesamt, Grunddaten der Krankenhäuser 2013, S. 10.

[63] Vgl. Statistisches Bundesamt 2015, 13. koordinierte Bevölkerungsberechnung in Deutschland, S. 6.

[64] Vgl. Statistisches Bundesamt 2015, 13. koordinierte Bevölkerungsberechnung in Deutschland, S. 6.

Details

Seiten
51
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668124059
ISBN (Buch)
9783668124066
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v313111
Institution / Hochschule
Rheinische Fachhochschule Köln – Medizinökonomie
Note
2,3
Schlagworte
Pflegekräftemangel Krankenhäuser Patientenversorgung

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Titel: Pflegekräftemangel in deutschen Krankenhäusern. Auswirkungen auf die Patientenversorgung