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Humor und Therapie aus integrativ-personzentrierter Perspektive

Bedeutung und Arten des Humors in der Psychotherapie

Studienarbeit 2015 36 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Humor, was ist das?
2.1. Humor als Haltung und Fähigkeit
2.2. Arten des Humors

3. Humor in unterschiedlichen Therapierichtungen
3.1. Humor in der Psychoanalyse und Individualpsychologie
3.2. Humor in der Logotherapie/Existenzanalyse
3.3. Humor in der Provokativen Therapie
3.4. Humor in der Rational-emotiven Therapie, in der VT und im Systemischen

4. Funktionen des Humors
4.1. Positive Wirkung von Humor
4.1.1. Humor und Lachen
4.1.2. Humor und Kontakt
4.1.3. Humor als Möglichkeit zur Abgrenzung
4.2. Gefahren des Humors

5. Humor in der personzentrierten therapeutischen Beziehung
5.1. Humor und die Unbedingt positive Beachtung
5.2. Humor und Empathie
5.3. Humor und Kongruenz

6. Schlussfolgerungen

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die Idee für die vorliegende schriftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Humor in der Therapie kam schleichend, aber wiederholt. Einerseits entspringt das Thema meiner persönlichen Motivation dafür, gleichzeitig stellte sich die Sichtung und Beschäftigung bereits vorhandener Literatur als höchst lohnenswert heraus. Auffällig hierbei war, dass es zum konkreten Thema wenig bis keine personzentrierte Primärliteratur gab. Nach anfänglichem Zögern entschied ich mich dennoch, mich in die Materie zu vertiefen und einen integrativen, personzentrierten tieferen Blick darauf zu werfen. Nicht zuletzt, weil ich herausfand, dass Frank Farrelly, der Begründer der Provokativen Therapie, welche wiederum stark mit Humor arbeitet, seine ursprüngliche therapeutische Ausbildung bei Carl Rogers erhielt. Und schließlich erscheint der Sinn für Humor als wünschenswertes Charakteristikum für Personen, die sich zu Therapeuten ausbilden lassen, sogar in Rogers „klientenzentrierter Gesprächspsychotherapie“ (vgl. Rogers, 1951/1972, S. 378).

Retrospektiv hatte Humor bis dato eine wichtige Bedeutung in meinem persönlichen Leben. In manch schwierigen oder herausfordernden Situationen war und ist mein Humor für mich ein Gegenpol zu meiner Ernsthaftigkeit. Oft lag dabei wohl in meinen humoresken Übertreibungen oder in teils vielleicht auch trockener Ironie ein Gefühl von Freiheit und Befreiung von Gedanken und Zweifeln, die mir im Lichte meiner Ernsthaftigkeit manches Mal zu nahe kamen und mir den Raum der Vielfalt und Flexibilität stahlen. Humor war und ist demnach auch eine Möglichkeit für mich, mit Schwierigem oder Schwerem umzugehen, brachte und bringt mir Erleichterung. Kurzum: Ich mache gerne Faxen!

Umso interessierter stellte ich fest, dass in den Schriften zum Humor in der Psychologie und Psychotherapie durchgängig und regelmäßig eine kathartische Wirkung des Humors festgestellt wird, dass immer wieder auf die Möglichkeit der konstruktiven „Distanzierung“ von belastenden Themen und Emotionen durch Humor hingewiesen wird; also ganz im Sinne des Sprichwortes: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht!“.

Ich möchte im Folgenden der Frage auf den Grund gehen, inwiefern und inwieweit Humor in der Psychotherapie einen positiven Beitrag leisten kann und dabei mögliche Gefahren berücksichtigen. In der im Text zitierten Literatur wird immer wieder darauf hingewiesen, dass sich Fachleute zum Thema auch mit großer Skepsis äußern. Zahlreiche neuere Beschäftigungen in unterschiedlichen Therapierichtungen, wie etwa die von Salameh, Titze, Bernhardt oder Hain, propagieren jedoch Humor in der Psychotherapie als große Ressource.

Spezifischer werde ich zudem auf die Frage eingehen, welche Rolle das Element Humor innerhalb der klassischen personzentrierten Grundhaltungen spielt, beziehungsweise ich versuche verständlich zu machen, ob und wie er die Beziehung zwischen Therapeutin/ Therapeut und Klientin/Klient im günstigsten Fall positiv beeinflussen kann.

Möglicherweise ganz im Sinne Carl Rogers soll es in der vorliegenden Arbeit dabei nicht bei der theoretischen Erörterung bleiben, vielmehr ist sie auch ein Versuch, die Theorie mit meiner personzentrierten praktischen Arbeit zu verknüpfen. Ich begebe mich dabei auf die Fährte nach humorvollen Elementen meiner Praxis als Personzentrierter Psychotherapeut in Ausbildung unter Supervision und versuche deren kleinere oder größere Auswirkungen zu verstehen.

Auffällig war für mich, dass bei näherer Beschäftigung mit dem Thema zeitgleich alle humorvollen Aspekte in der Arbeit mit meinen Klientinnen und Klienten einen wesentlich größeren Raum einnahmen, als das noch zuvor zutreffend war; wenngleich auch noch immer in einem relativen und vergleichsweise geringen Ausmaß. Ganz in diesem Sinne soll der Text im günstigen Fall auch einen Anreiz bieten und nahe legen, sich weiterhin, vielleicht auch noch spezieller, mit differenzierten Aspekten des Humors und mit der gezielten praktischen Anwendung in der Therapie, insbesondere aus personzentrierter Perspektive zu beschäftigen.

Schließlich weist der gebürtige Österreicher Willibald Ruch, dessen wissenschaftlicher Forschungsschwerpunkt auf dem Gebiet des Humors liegt, darauf hin, dass für einige Komponenten des Humors eine Erblichkeit nachgewiesen werden konnte, und dass keine Kultur bekannt ist, in der nur ernst kommuniziert wird (vgl. Ruch, 2012, S.9).

Humor ist demnach eine Komponente des Menschseins. Alleine darum ist er mir wertvoll genug, hier Platz zu bekommen.

2. HUMOR, was ist das?

Laut Ruch (2001) gibt es keinen einheitlichen Gebrauch des Wortes Humor in der Forschung und die Bedeutung von Humor variiert auch abhängig davon, in welchem Bezugssystem man sich bewegt.

2.1. Humor als Haltung und Fähigkeit

Im Kontext der Ästhetik wird Humor verstanden als Gabe des Menschen, der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen, den Schwierigkeiten und Missgeschicken des Alltags mit heiterer Gelassenheit zu begegnen (vgl. Ruch 2001, S. 14).

Auch Mayers Bedeutungswörterbuch definiert Humor als „Gabe eines Menschen, Unzulänglichkeiten der Welt und des Lebens heiter und gelassen zu betrachten und zu ertragen“ (Mayers Lexikon 1985, S.345).

Diese Art des Humorverständnisses kann meines Erachtens gut auf den psychotherapeutischen Kontext übertragen werden, zumal darin auch eine Haltung und eine Fähigkeit liegt, die Roger‘s Fully Functioning Person inhärent ist, beziehungsweise Bestandteil jener persönlichen Flexibilität ist, die Rogers beschreibt, wenn er von einem flexibleren Selbst spricht, das sich in einer erfolgreichen Therapie entfaltet, weg von der Abwehrhaltung, hin zur Offenheit für Erfahrung und zur Freiheit, seine Gefühle, wie sie im Individuum existieren, zu leben und sich ihrer bewusst zu sein (vgl. Rogers, 1961/1973, S.187).

Als Ergebnis einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung und -veränderung sieht Rogers (1959/2009, S. 53) dabei mitunter ein kreativeres und flexibleres Verhalten neuen Situationen und Problemen gegenüber.

Die Frage, die sich im vorliegenden Text langsam erschließen soll, ist inwiefern und inwieweit Humor als Phänomen dabei einen Beitrag leisten kann.

Ruch (2001) sieht im Humor die Kombination von Ernst und Heiterkeit, zudem stünde dieser in Verbindung mit Wohlwollen und Gutherzigkeit – Begriffe, die aus meiner Sicht auch synonym mit dem warmherzigen Akzeptieren verstanden werden können, mit dem Rogers ( 1957/1997, S. 179) die Unbedingt positive Beachtung als eine der Kernbedingungen für therapeutische Persönlichkeitsveränderung beschreibt.

Etymologischen Ursprung hatte der Begriff des Humors übrigens im lateinischen Wort umor, das bedeutete Flüssigkeit oder Feuchtigkeit. Dieses wurde erst als medizinischer Fachbegriff für Körperflüssigkeiten verwendet und später mit Stimmungen und „Launen“ in Verbindung gebracht und entwickelte sich in Europa erst langsam zu einer Tugend (vgl. Ruch, 2001).

In sehr vielen Beiträgen zum Humor wird Freud erwähnt, der eine eigene Abhandlung über den Humor schrieb und diesen bereits damals als einen reifen Abwehrmechanismus betrachtete (vgl. Freud, 1927).

Laut Freud besteht das Wesen des Humors darin, dass man sich die Affekte erspart, zu denen die Situation Anlass gäbe und sich mit einem Scherz über die Möglichkeit solcher Gefühlsäußerungen hinwegsetzt. Dabei müsse der innere Vorgang beim Humoristen mit dem inneren Vorgang beim Zuhörer übereinstimmen, richtiger gesagt, der Vorgang beim Zuhörer müsse den beim Humoristen kopiert haben (vgl. Freud 1927/2015).

Letzter Aspekt ist auch für die spätere Betrachtung des Humors im Zusammenhang mit der therapeutischen Beziehung interessant bzw. legt implizit bereits nahe, dass Humor eine Rolle im guten Kontakt, so auch zwischen Therapeutin/Therapeut und Klientin/Klient spielt, und damit folglich auch einen Wirkfaktor in deren Beziehung innehat.

Kast (2012) sieht im Humor auch eine Fähigkeit, das Komische überhaupt wahrzunehmen und eine potenziell kreative Einstellung zum Leben, eine Einstellung, die das Leben liebt, trotz allem, was schwierig ist.

Dies lässt mich an das personzentrierte Axiom der Aktualisierungstendenz denken, das für mich auch eine so positive Haltung dem Leben per se gegenüber bedeutet und das konstruktive Entwicklung und Wachstum, auch unter widrigen Umständen, immer für möglich hält (vgl. Rogers,1977/1983, S.137).

Um die umfassende Bedeutung und die Auswirkungen des Humors zu unterstreichen, sei auch noch folgende Definition erwähnt.

Laut Wild wird unter Humor ein Bündel von Verhaltensweisen verstanden.

„Humor umfasst in meinen Augen ein Bündel von komplexen Verhaltensweisen: Das Verstehen von Witzen gehört dazu, aber auch zu wissen, wann man wem welchen Witz erzählen kann, genauso wie die Fähigkeit, spielerisch zu sein, Blödsinn und Komik zu mögen, über sich selbst lachen zu können, andere zum Lachen zu bringen, mit witzigen oder komischen Bemerkungen soziale Situationen zu regulieren […]“(Wild, 2012, S. 28).

Bezogen auf den konkret therapeutischen Humor als Gegenstand der vorliegenden Beschäftigung ist mir an dieser Stelle bereits wichtig: „Therapeutisch wirksamer Humor ist weniger eine ‚nette‘ Eigenschaft oder lustig-listige Intervention, sondern vielmehr eine Grundhaltung und Fähigkeit, Zugang zu Ressourcen und neuen Perspektiven zu finden“ (Hain, 2012, S.188).

2.2. Arten des Humors

Um eine adäquate und differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema sicher zu stellen, ist es wichtig, festzuhalten, dass es verschiedene Formen von Humor gibt.

So betont etwa Fabian (2015, S.14), dass manche Autoren nicht zwischen gutartigem und bösartigem Humor unterscheiden. Für den Einsatz in der Psychotherapie ist von Seiten der Therapeutin bzw. des Therapeuten selbstverständlich ausschließlich erstgenannter erwünscht.

Dieser entspricht demnach dem positiven, adaptiven Humor, den Wild (2012) beschreibt.

Sie unterscheidet zwischen verbindendem oder selbststärkendem Humor und aggressivem Humor oder selbstentwertendem Humor, welcher als negativ und maladaptiv anzusehen ist.

„Welche Art von Humorstil man verwendet, hat dabei Einfluss darauf, wie man sich selbst sieht und wie andere einen wahrnehmen“ (Wild 2012, S.49).

Bezogen auf Patientinnen/Patienten und Klientinnen/Klienten differenzieren manche Autorinnen und Autoren auch hinsichtlich der Diagnostik, wenn es sich etwa um eine negative Form des Humors wie Sarkasmus oder Zynismus handelt, welche diese an den Tag legen. Demnach kann es sich mitunter lohnen, darauf zu achten, welche Form von humorvollen Bemerkungen diese bevorzugt nutzen (vgl. Wild 2012; Salameh, 1987/2007; Farrelly, 1974/1986).

Salameh unterscheidet dabei unterschiedliche Humorniveaus und macht die selbstdestruktive Wirkung von Sarkasmus deutlich. Dieser beinhalte abneigenden Ärger, Zerstörungswut, missachtende Verletzung und Rachsucht (vgl. Salameh1987/2007, S. 73). Sarkasmus findet wohl auch oft im spöttisch, höhnischen Sinne anderen gegenüber Ausdruck.

Auch durch Höfner und Schachtner (1197), Titze (2011), Fabian (2012), Wild (2012) und eine Reihe andere Autorinnen und Autoren wird in diesem Zusammenhang klar, dass im Umgang mit spezifischen psychischen Störungsbildern unterschiedlicher „Humor-Interventionsbedarf“ gesehen werden kann.

Aus klassisch personzentrierter Sicht versteht sich dabei von selbst, dass grundsätzlich humorvolle Interventionen nur innerhalb des Bezugsrahmens der Klientin oder des Klienten Platz finden können. Das bedeutet, dass der/die Therapeut/in Humor aktiv nur auf jene Weise in die therapeutische Beziehung einbringt, in der dieser vom jeweiligen Klienten auch so verstanden werden kann.

Durch Humor kann sich laut Bernhardt (1985, S.92) der Bezugsrahmen jedoch erweitern, sodass sich der Mensch in eine gänzlich andere Stellung zur Welt setzt und ihm bewusst wird, dass Glaubens- und Wertesysteme nicht starr sind. Dabei kann sich demnach der Zugang bzw. der Blickwinkel von Klient/inn/en zu schwierigen persönlichen Themen mit der Ressource Humor positiv verändern. Und Farrelly (1974/1986, S. 135) geht dabei soweit, dass in seiner Provokativen Therapie unter Wahrung der unbedingt positiven Beachtung auch Spott und Sarkasmus in paradoxer Weise positiv zur Entwicklung von Klientinnen und Klienten beitragen kann.

Die Ironie hat aus meiner Sicht eine ganz besondere Bedeutung in der psycho- therapeutischen Arbeit im Kontext des Humors.

Grundsätzlich ist sie eine Redensweise, bei der das Gegenteil des ausgesprochenen Wortes gemeint ist. Sie kann sich sowohl im negativen, als auch im positiv-konstruktiven Sinne zeigen. Die persönliche Haltung der Sprecherin oder des Sprechers scheint mir hierfür ausschlaggebend. Und es ist wesentlich, ob die Ironie von der Zuhörerin oder dem Zuhörer auch verstanden wird. So meint beispielsweise Fabian (2012, S.19): „Es liegt auf der Hand, dass Kinder oder Menschen mit psychotischer bzw. psychosomatischer Struktur, deren Denken konkretistisch gestört ist, die verbale Ironie als verletzend erleben.“

In negativ-destruktiver Form tritt sie auch auf, wenn etwa Werturteile anderer nicht geteilt werden, und diese daher mit Ironie übertrieben werden (vgl. Bernhardt, 1985, S.18). Dabei wird im Grunde etwas geringgeschätzt und heruntergemacht. Diese Ironie nähert sich in diesem Fall wohl stark dem Zynismus. Demgegenüber steht folgende positiv-konstruktive Ironie: Wird Ironie als Kommunikationsmittel im sokratischen Sinne verwendet, ermöglicht sie damit kritische Distanz (vgl. ebd.) und laut Rapp & Mutschler (2012, S.71) ist experimentell belegt, dass Kritik in ironischer Form im Zwischenmenschlichen tendenziell als weniger verletzend wahrgenommen wird, als in wortwörtlicher Form. In seiner Beschreibung des humorvollen Menschen meint Bernhardt (1985, S.18), dass dieser auch fähig ist, sich selbst mit dem kritischen Auge der Selbstironie zu betrachten, welche jedoch nicht bissig ist, sondern ein mildes gutmütiges Lächeln über das eigene Ich ermöglicht.

Dies wird etwa in folgendem Witz recht deutlich:

Die junge Kellnerin stolpert und spritzt einem Gast ein wenig heiße Soße auf die Glatze. Der Mann nimmt seine Serviette, wischt sich damit ab und fragt die Kellnerin mit treuherzigem Blick: „Glauben Sie wirklich, dass das noch helfen könnte?“

Die freundliche, relativierende Selbstironie ist auch ein wesentliches Merkmal des jüdischen Witzes. Dieser hat neben der relativierenden Qualität auch eine therapeutische Dimension, nämlich eine Distanz zum eigenen Konflikt, zur eigenen Pathologie und eine tröstende Wirkung in Zeiten von Entfremdung, Einsamkeit und Leid (vgl. Fabian, 2015).

Landmann (2010, S. 14) beschreibt in ihrem Buch über den jüdischen Witz, dass es in diesem eben auch darum ginge, Verbotenes auszusagen und auf diese Weise Entspannung zu gewinnen. Hierzu ein Beispiel:

„Nach den ‚Nürnberger Gesetzen‘ der Nazizeit durften Juden keine ‚arischen‘ Hausmädchen beschäftigen, die weniger als fünfundvierzig Jahre alt waren. Der Jude Kohn hat beim Arbeitsamt um ein Hausmädchen angesucht. Als ihn der Beamte auf das neue Gesetz aufmerksam macht, sagt Kohn: ‚ Vielleicht können Sie mir stattdessen zwei Stück à dreiundzwanzig Jahre bewilligen?“ (Landmann, 2010, S.714).

Zudem erwähnt sie, dass die frühesten Beispiele des schwarzen Humors aus der jüdischen Geisteswelt stammen und sieht zwei Voraussetzungen hierfür gegeben: „Es muss zunächst der Glaube an eine sinnvoll zentral gesteuerte Welt da gewesen sein, und dieser Glaube muss sich radikal zersetzen und der nackten Verzweiflung weichen“ (Landmann,2010, S. 16).

Diese verschiedenen Arten des Humorverständnisses machen deutlich und lassen bereits hier erkennen, dass Humor unter günstigen Bedingungen - und mit Hauptfokus auf den beschriebenen positiven, adaptiven Humor - eine große Ressource in der Psychotherapie bedeuten kann oder Klientinnen und Klienten, teils auch unbeabsichtigt, etwas über ihren persönlichen Zugang zur Welt bzw. über ihre Selbstdestruktion mitteilen, wenn sie sich in der beschriebenen negativ-maladaptiven Weise „humorvoll“ äußern.

Oft stehen in der Psychotherapie wohl die Leidenszustände im Hauptblickpunkt. So wird auch in Rogers „Therapeut und Klient“ darauf hingewiesen, dass es für viele Therapeutinnen und Therapeuten einfacher sei, die negativen Gefühle ihrer Klienten zu akzeptieren als die positiven, weil sie diesen gegenüber oft misstrauisch seien und stattdessen Abwehrmechanismen vermuten würden (vgl. Rogers, 1977/1983, S. 28). Und Rogers selbst schreibt: „Der Berater akzeptiert und anerkennt die positiven Gefühle, die ausgedrückt werden, auf die gleiche Art, in der er die negativen Gefühle akzeptiert und anerkannt hat (Rogers, 1942/1972, S. 46).

Insofern scheint es mir noch wichtiger: Positiver Humor als Haltung und Bündel von Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen, kann das Leben erhellen, bereichern, kann zufriedener und lustvoller machen und als eine von mehreren Ingredienzen die psychische Gesundheit steigern.

Wie und unter welchen Bedingungen dies konkret im psychotherapeutischen und personzentrierten Setting geschehen kann, soll im Folgenden teils erklärt werden.

3. Humor in unterschiedlichen Therapierichtungen

Im deutschsprachigen Wörterbuch der Psychotherapie erhält Humor als Fachbegriff einen eigenen Eintrag. Peter Hain (2000, S.280) attestiert diesem dabei einen therapeutischen Wirkfaktor und gibt einen kurzen Überblick über die historische Entwicklung des Humors in der Therapie. Dabei erwähnt er Freuds Abhandlung zum Humor aus den 20er Jahren und betont Adlers Würdigung des Humors als Grundhaltung. In Frankl wird der eigentliche Pionier des therapeutischen Humors gesehen, insbesondere hinsichtlich der Paradoxen Intention. Ein Beispiel hierfür findet sich im folgenden Kapitel 3.2.

In den 60er Jahren rückte Farrelly - mit seiner klientenzentrierten Grundausbildung bei Rogers - den Humor ins Zentrum der Provokativen Therapie, und Vertreter und Pioniere wie z.B. Berne, Ellis, Beck, Lazarus & Watzlawick hielten den Humor bedeutsam für ihre therapeutische Arbeit.

Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, die Vorannahmen, Arbeits- und Wirkungsweisen hinsichtlich des Humors aller Therapiestile im Detail zu erörtern und zu erklären. Vielmehr sollen überblicksartig relevante Erfahrungen und Kernthesen einiger wichtiger Vertreter bzw. Richtungen beschrieben werden.

Zentrale, sehr wichtige, und allen jüngeren Richtungen gemeinsame Voraussetzung für die therapeutische Arbeit mit Humor ist dabei folgende, wenngleich mit unterschiedlichen Worten und unterschiedlicher Nachdrücklichkeit formuliert:

Die Klientin / der Klient wird grundsätzlich als wertvolle Person angesehen, welcher Respekt und Wertschätzung von Seiten des Therapeuten oder der Therapeutin entgegengebracht wird. Farrelly (1974/1986, S. 85) formuliert dies so: „Daß der Therapeut den Patienten annimmt, ist in allen psychotherapeutischen Schulen entscheidend. Irgendwie muß der Patient ein grundlegendes Gefühl dafür bekommen, daß der Therapeut auf seiner Seite steht und nicht darauf aus ist, ihn klein zu machen.“

Insbesondere in der Arbeit mit therapeutischem Humor ist demnach Rogers Unbedingt positive Beachtung in der praktischen Arbeit von großer Bedeutung und verlangt im Theoretischen eine äußert wichtige Betonung. So schreibt auch Bernhardt (1985, S. 136): „Nur auf der Grundlage unbedingten Akzeptierens und Wertschätzens wirkt Humor fördernd auf den Klienten. Kann der Therapeut den Klienten nicht akzeptieren, so wird sein Humor ihm gegenüber unecht.“

3.1. Humor in der Psychoanalyse & Individualpsychologie

Freud (1927/2015) sieht im Humor bereits eine Fähigkeit, eine „köstliche und seltene Begabung“, welche Lustgewinn mit sich bringt. Er erachtet den Humor als etwas „Großartiges und Erhebendes“, durch Humor werde das Ich unverletzlich, eine Kränkung werde durch Humor verhindert. Humor wird bei Freud damit zu einem gesunden Abwehrmechanismus. Er lässt den Humor sprechen und ihn sagen: „Sieh her, das ist nun die Welt, die so gefährlich aussieht. Ein Kinderspiel, gerade gut, einen Scherz darüber zu machen!“

Salameh (1987/2007, S. 32) erwähnt, dass Freud in seinem Privatleben allem Anschein nach ein recht humorvoller Mensch war, und dass er dem Humor mit seiner Abhandlung ein ähnliches Funktionsprinzip wie dem Traum attestierte.

Titze (1998 )zeigt auf, dass viele Vertreter der Psychoanalyse hinsichtlich der psychoanalytischen Praxis dem Humor in der Therapie anfangs mit großer Skepsis und begründeter Abneigung gegenüber standen, macht aber danach deutlich, dass sich seit einigen Jahren vermehrt Hinweise auf die positive Bedeutung des Humors in der psychoanalytischen Literatur finden, in denen Humor etwa als Abwehrabschwächung gesehen wird, und sich der Humor zum Zwecke der Analyse einer Gegenübertragung eignet. Außerdem wird klar, dass Analytiker im Humor das Potenzial sehen, die „Einsicht und Bewusstmachung“ erleichtern zu können und etwa zur Verbesserung der therapeutischen Beziehung beitragen, oder die Nähe zum Unbewussten und Gleichnishaften herstellen kann. Humor besitzt demnach auch eine metaphorische Ausdruckskraft. Freud war in seiner psychotherapeutischen Praxis jedoch noch eher „abstinent“, auch was den Humor anging.

Anders zeigte sich jedoch Adler in seiner Individualpsychologie. In dieser ist die Bedeutung der humorvollen, heiteren Gemütsverfassung immer wieder herausgestellt worden, und auch Adlers therapeutische Gespräche hatten meist einen leicht freudigen, humorvollen Einschlag und bedienten sich manch ironischer Bemerkung. Er sah im heiteren Menschen, den „guten“ Menschen (vgl. Bernhardt, 1985, zit. nach Titze, 1998, S. 67).

Die tragfähige therapeutische Beziehung spielt, wie aus personzentrierter Sicht, in der Individualpsychologie eine große Rolle. Adler selbst meint hierzu: „Dabei soll sich der Therapeut in das primäre Bezugssystem des Klienten, das dessen Lebensstil bestimmt, so weitgehend verstehend einfühlen, dass er mit seinen Augen sehen, mit seinen Ohren hören und mit seinem Herzen fühlen kann“ (Adler, 1928/1982 zit. nach Titze, 1998…S. 68). Es ist erstaunlich auffällig, wie stark diese Formulierung inhaltlich der von Rogers ähnelt, wenn er über personzentrierte Empathie schreibt: „Das bedeutet, Schmerz oder Freude des anderen zu empfinden, gerade so wie er empfindet […]“ (Rogers, 1959/2009, S. 44). Freilich mit dem Zusatz, die „als ob“-Position dabei nicht zu verlieren.

Nach Titze (1998) können sich unter diesen Voraussetzungen, oder Bedingungen, vielfältige humorvolle Wirkungen in der Therapie ergeben.

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Details

Seiten
36
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668124035
ISBN (Buch)
9783668124042
Dateigröße
764 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v313102
Note
Schlagworte
Humor Psychotherapie Therapie Personzentriert Carl Rogers Person Centered Wirkung

Autor

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Titel: Humor und Therapie aus integrativ-personzentrierter Perspektive