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Ästhetische Tendenzen in Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 13 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Der Ästhetizismus in England
1.1 Begriffsklärung
1.2 Die Dekadenz und der Dandy

2. The Picture of Dorian Gray
2.1 Oscar Wilde
2.2 Entstehung und Inhalt des Romans
2.3 Der Ästhetizismus im Roman

3. Zusammenfassung

4. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Oscar Fingal O´Flahertie Wills Wilde galt zu seiner Zeit als ein Meister der Konversation, Künstler der eigenen, extravaganten Inszenierung und umstrittener Schriftsteller und Dramatiker. Er legte drei seiner fünf Namen ab und sollte zukünftig als Oscar Wilde berühmt, von der Öffentlichkeit durch seine spätere offene Homosexualität verurteilt und als Dandy verschrien werden. Wilde selbst beschrieb sein Lebensziel gegenüber seinem Freund William Ward in Oxford als Student wie folgt:

„Ich werde Dichter, Schriftsteller, Dramatiker werden. Auf irgendeine Weise werde ich berühmt werden, und wenn nicht berühmt, so doch berüchtigt.“1

Und berühmt und berüchtigt wurde er auch. Es klingt wie eine Vorahnung Wildes, die er über sein zukünftiges Leben fällt und somit zu seinem Schicksal macht. Wilde umschließt so viele Welten, wie in ihm wohnten. Neben einem irischen Märchenerzähler, Provokateur und französischem Tragiker der Décadence war er vor allem ein illustrer Ästhet, der durch sein oft übertriebenes und selbstbewusstes Auftreten Zielscheibe von etlichen Karikaturisten und satirischen Verspottungen wurde.

Der Ästhetizismus in England des 19. Jahrhunderts ist unmittelbar mit Oscar Wilde verbunden, der sich schon zu seiner Studienzeit dieser Lebensanschauung verschrieb. Der Philosoph Alexander Gottlieb Baumgarten prägte den Begriff Ästhetik 1750, doch die Idee trat schon bei Plato auf.2 Die ausgeführte Ästhetik, die sich im Ästhetizismus wiederspiegelt, ist dem Wortsinn nach die Lehre von der Wahrnehmung von Kunst und Natur, die Wissenschaft des Schönen. Doch damit ist diese Lebenshaltung und Kunstanschauung noch nicht vollständig erklärt, denn so gab es auch innerhalb des Ästhetizismus verschiedene Auffassungen. Doch zunächst soll in dieser Arbeit ein Einblick in den Ästhetizismus in England vermittelt werden. Hierbei sind die beiden Kunstkritiker John Ruskin und Walter Horatio Pater zu nennen. Einhergehend ist die Dekadenz im viktorianischen England zur Zeit des Fin de siècle zu betrachten, die zusammen mit dem Ästhetizismus den gesellschaftlichen Veränderungen entgegentritt.

Oscar Wildes einziger und zu seiner Zeit umstrittener Roman The Picture of Dorian Gray bildet einerseits die Vollendung des Ästheten Wildes, andererseits endet der verkörperte Ästhetizismus in einer Katastrophe, durch den Tod und Verfall der Hauptfigur Dorian Gray. Der Ästhetizismus wird idealisiert und als wahres, einziges Ziel dargestellt, jedoch ebenso durch die Katastrophe in Frage gestellt. Inwiefern sich die Dekadenz, der Hedonismus und der Ästhetizismus im Roman wiederfinden, wird als weiterer Aspekt in dieser Arbeit zu analysieren sein. Ebenso die Wirkung, die Oscar Wildes Prosawerk auf die viktorianische Gesellschaft erzielte.

Die verwendete Literatur bezieht sich zum Teil auf Oscar Wilde selbst. So wäre hier die Biographin Barbara Belford zu nennen, die in ihrem Werk Oscar Wilde: Eine Biographie, detailliert sein Leben beschreibt. Dabei geht sie auf Wildes Kindheit in Irland ein, beschreibt das Verhältnis zu seiner Mutter und ihre Beeinflussung auf Wildes späteres Leben. Auch erklärt sie die Entwicklung Wildes zum Ästheten während seiner Studienzeit in Oxford. So beschäftigte er sich neben seinem Pensum für das Studium, welches er mit hervorragenden Leistungen abschloss, schon früh mit John Keats, dem bedeutendsten englischsprachigen Dichter nach Shakespeare und Milton. Die Biographie von Barbara Belford stellt lückenlos das Leben von Oscar Wilde dar, eine Geschichte, welche sich unterhaltend Zugang zum Leser sucht. Kurz und prägnant dagegen ist das Oscar-Wilde-ABC von Hans-Christian Oeser und Jörg W. Rademacher. In Stichworten wie etwa „Irland“, „Ästhetik“ und „Zuchthaus und Zwangsarbeit“ wird hier Wildes Leben aufgeführt. Dieses Werk diente für diese Arbeit zum Nachschlagen und Faktenwissen sammeln. Zu finden sind Erklärungen zu den Werken Oscar Wildes, wie etwa im Beitrag „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Jörg W. Rademacher. Ebenso geben die beiden Autoren Einblicke in die historischen und kulturellen Zusammenhänge der Zeit von Wilde. Um Oscar Wildes Werk The Picture of Dorian Gray verstehen und deuten zu können, benötigt es weiterer Literatur, wie etwa dem im Reclam-Verlag erschienenen Band Geschichte der englischen Literatur, welcher gattungsgeschichtlich auf die einzelnen Entwicklungsphasen eingeht. Die Autoren Peter Erlebach, Bernhard Reitz und Thomas Michael Stein beschäftigen sich unter anderem mit der Prosa des Viktorianischen Zeitalters. Hierbei betrachten sie vor allem kulturelle Zusammenhänge und knüpfen Verbindungen. So wird beispielsweise die Verbindung von Coleridge, einem englischen Romantiker und Wegbereiter des späteren Symbolismus, bis hin zu Edgar Allan Poe gezogen, der wiederum Oscar Wildes Ästhetizismus prägte. Hierzu folgendes Zitat:

„Unumstritten ist auch die Tatsache, dass mit der Rezeption Poe´schen Ästhetizismus in Frankreich Grundüberzeugungen Coleridges in die europäische und auch die weltweite Literatur Eingang fanden und ihrerseits dann den englischen Ästhetizismus eines Oscar Wilde (1856-1900) oder William Butler Yeats (1865- 1939) mitprägten.“3

Ebenfalls wichtige Literatur für die Erarbeitung dieser Arbeit lieferte Wanda G. Klee mit ihrem Werk Leibhaftige Dekadenz: Körperlichkeit in ausgewählten Werken von Joris-Karl Huysmans und Oscar Wilde. Es handelt sich hierbei um eine leicht überarbeitete Version ihrer Dissertation aus dem Jahr 2000 an der Universität in Marburg. In dem Beitrag „The Picture of Dorian Gray: Dorian Gray, Lord Henry Wotton, Basil Hallward“4 weist sie daraufhin, dass die Hauptfigur Dorian Gray in dem Roman zum ersten Mal die Körperlichkeit und das Begehren widerspiegelt und somit zum Objekt dieser wird. Entscheidend ist dies für Wildes Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit, denn nach Meinung von Klee wird er dadurch zu einer „zentralen Figur […], die zur Fokussierung einer homosexuellen Identität […]“5 genutzt wird. Zudem untersucht sie, inwiefern sich der Begriff der Homosexualität entwickelte und differenziert von der Homoerotik betrachtet werden kann. Dies soll aber nicht Tatbestand der vorliegenden Arbeit sein, sondern kann durchaus in einer weiterführenden Arbeit, beispielsweise über Oscar Wildes homoerotische bzw. homosexuelle Bezüge in seinem Leben wie auch seinen Werken, erarbeitet werden.

1. Der Ästhetizismus in England

1.1 Begriffsklärung Ästhetizismus

Ein Vertreter, der wichtig für die ästhetischen Theorien des 19. Jahrhunderts war, ist Walter Horatio Pater (1839 bis 1894). Seine Abhandlung Studies in the History of the Renaissance erschien im Jahr 1873 und wurde für Oscar Wilde das „goldene Buch des Geistes und des Sinnes, die heilige Schrift der Schönheit“6. Pater übernahm von dem Symbolisten Théophile Gautier das Prinzip der L’art pour l’art. Hierbei wird die ethische und moralische Verantwortung der Kunst komplett aufgehoben und die Kunst besteht nur ihrer selbst Willen7.

So konzentrierte sich Pater auf die sinnliche und ästhetische Erfahrung, „der Intensität des erfüllten Augenblicks“8. Demgegenüber steht John Ruskin (1819 bis 1900), ein Gesellschafts- und Kulturkritiker des viktorianischen Englands9. Seine Beeinflussung auf Oscar Wilde als sein Lehrer ist ebenso groß wie die von Walter H. Pater. Jedoch widersprachen Wilde und Pater Ruskin in einem Punkt seiner Theorien. Ruskin war davon überzeugt, dass die Kunst eine moralische und soziale Absicht beinhalten müsse, als Künstler wäre somit das idealisierte Leben zustande gebracht. Der Ästhetizismus wurde vor allem durch die Romantiker vorbereitet. John Keats (1795 bis 1821) ist der jüngste Lyriker der englischen Romantik. Er starb bereits mit 26 Jahren an der Tuberkulose, wurde aber trotz seines kurzen Lebens zu einem Dichter, der diese Kunst weit ins 19. Jahrhundert beeinflusste und die Ideen des Ästhetizismus vorprägte10. In Ode on a Grecian Urn die er in der Zeit von 1819 bis 1820 verfasste, heißt es in der Strophe fünf am Gedichtende:

„‘‘Beauty is truth, truth beauty,“ - that is all

Ye know on earth, and all ye need to know.“ (Z. 49f.)

Die Aussage darin beinhaltet, dass der höchste Grad an Schönheit auch der höchste Grad an Wahrheit ist. Die Ästhetik ist nicht trennbar vom Gehalt, den sie übermittelt. Von daher sind die Formmittel nicht das einzige, sondern Form und Gehalt sind im Ästhetizismus im Zusammenspiel von Bedeutung11. Dies ist insbesondere für die Interpretation von Oscar Wildes Roman The Picture of Dorian Gray wichtig. Der Ästhetizismus stellt das Schöne in den Mittelpunkt der menschlichen Existenz und stellt eine Gegenbewegung zur unaufhaltsamen Mechanisierung und Industrialisierung im viktorianischen England dar.

1.2 Die Dekadenz und der Dandy

Die Dekadenz beinhaltet das Lebensgefühl des Ästhetizismus.12 Eine Lebenshaltung, die sich vom Naturalismus und bürgerlichen Normen distanziert und den Verfall der Gesellschaft und deren Veränderungen anprangert und kritisiert. Das Verhältnis zum Körper, die Ichbezogenheit, letztendlich das Streben zur Perfektion, verkörpert der Dandy und bildet somit ein körperliches Kunstwerk.13 Der Dandy ist kein Mensch der sich der Mode unterwirft, sondern sich der Selbstschöpfung bedient und alles Triviale und Banale ablehnt. Das viktorianische Idealbild des Mannes wird durch das Bild des Dandys geschwächt, denn es entsteht keine Trennung von maskulin und feminin. Jedoch erst durch Wildes spätere, offene Homosexualität wird der dandyhafte Ästhet mit einem „betont femininen Homosexuellen“ gleichgesetzt.14 Der Dandy lebt radikal die Extravaganz, erstellt eine Individualität in der er sich von der Massengesellschaft und dem Industriezeitalter abhebt. Die Verachtung spiegelt sich in einem Zynismus wider, in dem er die Gesellschaft ablehnt aber trotzdem die Anerkennung dieser sucht. Verschwendung, finanzielle Unabhängigkeit, erfrischende Gesprächskünste sowie äußerliche Perfektion, erreicht durch einen ästhetischen aber modeunabhängigen Kleidungsstil sind weitere Merkmale des Dandys, die die Aufmerksamkeit der Gesellschaften erreichen und ihn nicht in Vergessenheit geraten lassen.

Die Dekadenzliteratur ist Teil des Fin de siécle15, welches die Zeit um 1900 beschreibt. Diese Zeit war geprägt durch Umbrüche, denn die Gesellschaft schwankte zwischen Aufbruch und Zukunftsangst, Widersprüchen und Gegensätzen. Die Dekadenzliteratur bildet hierbei die Spitze, denn sie spricht von Verfall und Niedergang der Kultur und Gesellschaft. So wird letztendlich eine künstliche Welt in der Literatur geschaffen, in der das lyrische Ich den Mittelpunkt bildet und insbesondere der menschliche Körper eine bedeutende Rolle spielt. Die Körperdiskurse des 19. Jahrhunderts sind grundlegend für die Literatur und Kunst. Der Körper ist ein Paradoxon, welches vom Künstler auf der einen Seite im realistischen Bezug dargestellt werden möchte, auf der anderen Seite soll vermittelt werden, was hinter dem Wesen steckt. Dies wird beispielsweise mit symbolischen Mitteln der Sprache erreicht. Ein früher, zu der Dekadenzliteratur zugeordneter Autor, ist Joris-Karl Huysmans mit seinem Roman A Rebours (1884). Entscheidendes Merkmal der Literatur der Moderne ist die starke Naturablehnung, die Kunst herrscht über die Natur. Der Künstler und die Kunst entfalten sich in einem neuen Freiheitsdrang.

2. The Picture of Dorian Gray

2.1 Oscar Wilde

Am 16. Oktober 1854 wurde Oscar Wilde in Dublin als zweiter Sohn einer wohlhabenden Arztfamilie geboren. Sein Vater, William Wilde, war ein erfolgreicher, angesehener Augenund Ohrenspezialist. Oscars Mutter, Jane Wilde, mit dem Pseudonym Speranza, wurde als nationalbewusste Schriftstellerin und Frauenrechtlerin bekannt.

So wurde Oscar Wilde schon früh mit irischer Geschichte und Literatur bekannt gemacht und erhielt erste Einblicke in Gesellschaften, die Wildes Mutter oft im eigenen Haus unterhielt. Durch die gute finanzielle Lage des Elternhauses war es Wilde möglich sich die beste Bildung anzueignen. So ging er auf das berühmte Trinity College in Dublin anschließend auf die Universität in Oxford, wo er sein Studium in der Zeit von 1874 bis 1878 mit herausragenden Leistungen beendete. Schon hier bekam er erste Impulse, die seine spätere Dichtung und schriftstellerischen Leistungen beeinflussten. Im Jahr 1878 erhielt er für sein Gedicht Ravenna den begehrten Literaturpreis von Oxford16. An der Universität lernte er auch die Universitätslehrer John Ruskin und Walter Horatio Pater kennen, die Wilde maßgeblich in seiner ästhetischen Sichtweise beeinflussten. Insbesondere Pater legte die Grundsteine für Wildes Ästhetizismus, in dem er das Schöne in den Mittelpunkt stellt und die Sinnesfreude gepaart mit dem Kult der Schönheit zum Elixier dieser Weltanschauung macht. In London erreichte er als geistreiches Konversationstalent einen gewissen Berühmtheitsgrad und fiel schon durch sein Äußeres auf. Die modische Extravaganz spiegelte sich in Seidenstrümpfen, einer Kniehose, eine Samtjacke mit einer Blume im Knopfloch und außergewöhnlichen Krawatten wider. Diese Kleidung des englischen Ästheten tauschte er 1883, als er in Paris eintraf, gegen die des französischen décadent: ein weißer Morgenmantel und ein elfenbeinerner Spazierstock. Hinzu wurde die Sonnenblume oder Lilie durch die grüne Nelke im Knopfloch ersetzt - das Symbol der Dekadenz17.

[...]


1 Oeser, Hans-Christian: Oscar Wilde ABC. Leipzig: Reclam 2004, S. 8. (im folgenden zit. Oeser, 2004.)

2 Belford, Barbara: Oscar Wilde. Eine Biographie. Zürich: Diogenes 2004, S. 78. (im folgenden zit. Belford, 2004.)

3 Erlebach, Peter, Reitz, Bernhard, Stein, Thomas Michael: Geschichte der englischen Literatur. Stuttgart: Reclam 2007. S. 145. (im folgenden zit. Erlebach, Reitz, Stein, 2007.)

4 Klee, Wanda G.: Leibhaftige Dekadenz: Körperlichkeit in ausgewählten Werken von Joris-Karl Huysmans und Oscar Wilde. Heidelberg: Winter, 2001. S. 192. (im folgenden zit. Klee, 2001.)

5 Klee, 2001. S. 192.

6 Oeser 2004. S. 113

7 Die Kunst dient als Selbstzweck. Den Begriff des L’art pour l’art wurde erstmals 1804 von Benjamin Constant formuliert.

8 Oeser, 2004. S. 19.

9 Erlebach, Reitz, Stein, 2007. S. 590.

10 Erlebach, Reitz, Stein, 2007. S. 155.

11 Erlebach, Reitz, Stein, 2007. S. 164.

12 Die Dekadenz (frz. décadence=Verfall ) hat im heutigen Sprachgebrauch oft einen abwertenden Charakter. Nur die Dekadenzdichtung, die in diesem Fall betrachtet wird, wird positiv bewertet.

13 Klee, 2001. S. 306.

14 Oeser, 2004. S. 31.

15 Der Begriff Fin de siécle wurde erstmals 1886 in der französischen Zeitschrift „Le Décadent“ erwähnt. 6

16 Belford, 2004, S. 115.

17 Oeser, 2004. S. 35.

Details

Seiten
13
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668118430
ISBN (Buch)
9783668118447
Dateigröße
745 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v313088
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Philosophische Fakultät II Institut für Germanistik
Note
2,3
Schlagworte
Oscar Wilde Bildnis des Dorian Gray Ästhetizismus England Literatur
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