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Lebensqualität in einer Wohneinrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung. Eine vergleichende qualitative Befragung von Klienten und Mitarbeitern

Bachelorarbeit 2013 79 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG ... 4
1.1 Vorstellung des Forschungsfeldes und der Forschungsfragen ... 4
1.2 Methoden der Arbeit ... 7
1.3 Gliederung ... 8

2 THEORETISCHER BEZUGSRAHMEN ... 9
2.1 Lebensqualität ... 9
2.1.1 Kerndimensionen nach Schalock und Verdugo ... 9
2.1.2 Objektive Wohlfahrt und subjektives Wohlbefinden nach Allardt ... 10
2.1.3 Wohlfahrtskonstellationen nach Zapf ... 10
2.1.4 Subjektive Lebensqualität ... 11
2.1.5 Zufriedenheit ... 12
2.1.6 Besonderheiten der Lebensqualitätskonzepte ... 13
2.2 Geistige Behinderung und Psychosoziale Dimension ... 13
2.2.1 Medizinische Klassifizierung ... 13
2.2.2 Psychodynamische Relation ... 14
2.2.3 Behinderung und Stigma ... 16
2.2.4 Systemtheoretischer Kontext ... 17
2.2.5 Behinderung im Bio-Psycho-Sozialen Modell ... 17
2.2.6 Kritische Ansätze und deren Bedeutung ... 19
2.3 Wohnheim ... 19
2.3.1 Wohnform ‚Wohnheim’ in der Praxis ... 20
2.3.2 Kritik an der Wohnform ... 21
2.3.2.1 Das Wohnheim als totale Institution nach Goffman ... 21
2.3.2.2 Das Wohnheim für Menschen mit Behinderung aus der Sicht der Eltern ... 22
2.3.3 Gruppenwohnen ... 23
2.3.4 Örtliche Besonderheiten und der Begriff „Wohnstätte“ ... 23

3 METHODOLOGISCHER BEZUGSRAHMEN ... 24
3.1 Erhebung ... 24
3.1.1 Fragenleitfaden für Bewohner ... 26
3.1.2 Fragenleitfaden für Betreuer ... 27
3.1.3 Beschreibung der Durchführung der Interviews ... 29
3.1.3.1 Eigene Rolle als Interviewer ... 29
3.1.3.2 Ablauf der Befragungen ... 30
3.2 Aufbereitung und Auswertung ... 31

4 DARSTELLUNG UND INTERPRETATION DER ERGEBNISSE ... 32
4.1 Ergebnisse Befragungstandem X/V ... 32
4.2 Ergebnisse Befragungstandem Y/W ... 41
4.3 Theorieabgleich und Verdichtung der Ergebnisse ... 54

5 FAZIT ... 60

7 LITERATURVERZEICHNIS ... 66

8 ANHANG ... 70
8.1 Interviewleitfaden ... 70
8.1.1 Leitfaden für die Bewohner ... 70
8.1.2 Leitfaden für die Betreuer ... 75

1 Einleitung

Die Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention zwingt Staat und Gesellschaft dazu die Lebensqualität von Menschen mit geistiger Behinderung verstärkt unter der Perspektive von Inklusion und Teilhabe zu bewerten.

Auch wenn das Wohnen in den Bereich des Alltagserlebens von Menschen gehört, mit dem wir alle unsere Erfahrungen machen und Einstellungen dazu finden, was „Wohnung“, „wohnen“, „behagliches wohnen“, „Wohnkultur“ und „Unwohnlichkeit“ bedeuten, erleben Menschen ohne Behinderung nach Theodor Thesing ihr Wohnen im Gegensatz zu Menschen mit Behinderung häufig als selbstverständlich.[1] Sie seien kaum gezwungen es zu reflektieren beziehungsweise zu analysieren, da es von ihnen als sicher und nicht gefährdet wahrgenommen wird.[2] Für Menschen mit Behinderung gelte dies hingegen nicht. Ihr Wohnen sei gekennzeichnet durch „Fremdunterbringung“ außerhalb der eigenen Familie und ein hohes Maß an „Institutionalisierung“.[3] In der modernen Behindertenpädagogik werde der Mensch mit seiner Behinderung zwar als gesellschaftlich integrierbar und mit Rechten auf Selbstbestimmung und Teilhabe gesehen, Begriffe wie „Wohnversorgung“, „Fremdplatzierung“, „Stationäre Unterbringung“, „Pflegefälle und Pflegebedürftigkeit“ belegten jedoch diesen institutionalisierten Charakter.[4]

Obwohl es im Rahmen von Inklusion und mit dem Gedanken von Selbstbestimmung und Teilhabe zunächst selbstverständlich erscheinen mag, dass gerade die Nutzer solcher institutionalisierten Wohneinrichtungen im Rahmen von Qualitätsentwicklung nach ihren Einschätzungen und Sichtweisen bezüglich ihrer Zufriedenheit gefragt werden, kommt dies in der Praxis heute noch sehr selten oder gar nicht vor.

In dieser Forschungsarbeit soll der Versuch unternommen werden, die Kenntnisse von Experten – der Nutzer selbst und deren Betreuer – zum Aspekt der Lebensqualität von Menschen mit geistiger Behinderung in Wohneinrichtungen im Rahmen von Dienstleistungen der Behindertenhilfe zugänglich zu machen.

1.1 Vorstellung des Forschungsfeldes und der Forschungsfragen

Die Bundesrepublik Deutschland hat sich mit der Unterzeichnung und Ratifizierung des Abkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen, im Jahr 2009 dazu verpflichtet, durch staatliches Handeln, wesentliche Schritte zur Gleichstellung, Selbstbestimmung, Teilhabe, umfassenden Barrierefreiheit und Diskriminierungsfreiheit einzuleiten.[5] Nach der Konvention müssen daher auch gesetzliche Unterstützungsleistungen wie die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung in all ihren leistungsspezifischen Facetten im Sinne des Selbstbestimmungsrechts ausgelegt und vollzogen oder unter Umständen überarbeitet werden.[6] Der individuelle Bedarf der Betroffenen sollte dabei im Zentrum aller rehabilitationsbezogenen Planungen stehen. Nach Dahme und Wohlfahrt erfordert dies insgesamt „eine grundsätzliche Nachausrichtung“ der Eingliederungshilfe nach folgenden Gesichtspunkten: „Die Entwicklung von Beratungs- und Unterstützungsleistungen auf regionaler und lokaler Ebene“ und „Steuerung der Teilhabeleistungen durch die Sozialhilfeträger“ sowie der „Entwicklung einer Wirkungskontrolle der Leistungserbringung“.[7] Dies erfordert in jeder Hinsicht auch sozialwissenschaftliche Forschung. Im Zentrum der Überlegungen sollten dabei gerade auch die vielen stationären Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung in Deutschland stehen. Das Konzept Lebensqualität bietet diesbezüglich für die Forschung die Möglichkeit, den individuellen Bedarf der Personen durch eine „umfassende empirische Lebenslagenforschung“ und „differenzierte Erfassung der (sozialen) Folgen individueller Beeinträchtigungen in unterschiedlichen Lebensbereichen und die Beschreibung realer Partizipationschancen“[8] zu ermitteln. Das Konzept hat in Deutschland in den 1990er Jahren durch den Einzug des Qualitätsmanagements in die Behindertenhilfe und seiner Forderung nach Beteiligung der Leistungsberechtigten an Qualitätsbeurteilungen besondere Verbreitung erfahren.[9] Auch wenn diesbezüglich in der Literatur schon relativ lang gefordert wird, die Nutzerorientierung in Wohneinrichtungen stärker in den Vordergrund zu stellen und bezogen auf den Gedanken der Struktur- und Prozessqualität schon länger Anstrengungen in der Praxis der Behindertenhilfe zu beobachten sind, erfährt die Idee der Ergebnisqualität hier erst seit jüngerer Zeit eine Berücksichtigung.[10]

Dass im Sinne eines ‚Kundenutzens’ ergebnisqualitative Aspekte bisher kaum Anwendung finden, könnte dabei verschiedene Ursachen haben. Zum Einen ist hier das immer wieder erwähnte „Technolgiedefizit“ für soziale Dienstleistungen zu nennen, nach dem sich ein Zusammenhang „zwischen Ursache und Wirkung sowie zwischen methodischer Vorgehensweise und Ziel, der stabil und eindeutig ist, in der Sozialen Arbeit nicht herstellen“ lässt.[11] Die Erfahrung einer oft fehlenden Planbarkeit gewünschter Ergebnisse könnte die Praxis unter Umständen vor der komplexen Aufgabe, die individuelle Zufriedenheit der Nutzer mit den Leistungen einer Wohneinrichtung zu ermitteln und Zusammenhänge und Einflüsse ausfindig zu machen, resignieren lassen und zum Teil erklären, dass die Lebensqualität in den Einrichtungen kaum erhoben wird. Auf der anderen Seite wäre auch die Problematik des Zufriedenheitsparadoxons zu nennen. Es besagt, auf vielen Studienbefragungen zur Lebensqualität von Menschen basierend, dass selbst widrigste Lebensumstände sich oft im Gruppenmittel bei der Einschätzung der Lebenszufriedenheit nicht wiederspiegeln solange existentielle Mindestanforderungen erfüllt sind.[12] Dieses wiederum könnte in der Praxis der Behindertenhilfe bedeuten, dass eine einfach angelegte quantitativ konstruierte ‚Qualitätskontrolle’ auf Basis einer Nutzerbefragung in einer stationären Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung das Ergebnis hervorbringt, allen gehe es gut und alles könne daher so bleiben wie es ist oder gar dazu veranlassen, von weiteren Untersuchungen abzulassen. Vorstellbar wären dann Urteile wie ‚Die Bewohner sind nicht in der Lage ihre Lebenszufriedenheit (belastbar) zu bewerten.’ Oder ‚eh leicht zufrieden zu stellen’ oder ‚weitere Untersuchung brauchen wir nicht. Schließlich sind sie immer zufrieden’.

Forschungsarbeiten zum Thema Lebensqualität von Menschen mit geistiger Behinderung in Wohneinrichtungen zeigen jedoch, dass solche Erhebungen grundsätzlich sehr wohl sinnvoll sind und differenzierte Ergebnisse bergen können, die oft auch für die praktische Arbeit eine hohe Relevanz haben können. Zu nennen wäre hier zum Beispiel die Kölner Lebensqualitätsstudie, welche sich sowohl auf objektive Lebensbedingungen als auch auf subjektive Aspekte von Lebensqualität in Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe bezieht und deren Ergebnisse Handlungsbedarfe bei Institutionen, Trägern und der Sozialpolitik aufzeigen oder die Forschungsarbeit von Markus Schäfers, welche die Bedeutung von personenbezogenen Variablen als auch strukturellen Merkmalen der untersuchten Wohneinrichtungen für die Lebensqualität der Bewohner aufzeigt.[13]

Ansporn und Ziel dieser Arbeit ist es daher, die Ergebnisse solcher Studien um den praktischen lebensweltlichen Blick und qualitative Bewertungen und Einschätzungen von Nutzern und Professionellen zu ergänzen oder auch zu hinterfragen. Dabei soll auch der Forschungsstand zur umstrittenen Durchführbarkeit solcher Interviews mit Menschen mit geistiger Behinderung Ergänzung finden.[14]

Es werden in der Auswertung der Interviews dabei folgende Forschungsfragen im Vordergrund stehen:

- Welche Bedingungen vor Ort haben besonderen Einfluss auf Lebensqualität der befragten Bewohner der Wohneinrichtung und wie informiert sind die befragten Bewohner und Betreuer über diese?
- Welche Ansprüche haben die befragten Bewohner in Bezug auf ihre Lebensqualität und in wieweit können die befragten Mitarbeiter Ansprüche des ihnen jeweils gegenübergestellten Bewohners realistisch einschätzen?
- Haben Normalisierungs-, Inklusions- oder Selbstbestimmungsaspekte nachweislich Relevanz für die Lebensqualität der befragten Bewohner?
- Welche Bedeutung messen die befragten Bewohner und Betreuer dem Aspekt Lebensqualität in der Wohneinrichtung bei und in welchen Zusammenhang stellen sie diese zur Arbeit der Mitarbeiter?
- Gibt es Hindernisse oder Gegenprozesse, die einer stärkeren Berücksichtigung von Lebensqualität in der Wohneinrichtung entgegen stehen?
- Wo kann unter Umständen Einfluss genommen werden, um die Lebensqualität der befragten Bewohner zu verbessern?
- Inwieweit sind „Tandem-Befragungen“ in Wohneinrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung anwendbar, um valide Informationen zur Lebensqualität der befragten Bewohner zu erhalten?

1.2 Methoden der Arbeit

Die Anwendung qualitativer Interviews wie auch deren wissenschaftliche Fundierung haben nach Siegfried Lamnek „Entwicklungsschübe verursacht, die den wissenschaftlichen Erkenntnishorizont erweitert und die Methodologie qualitativer Forschung beflügelt haben“.[15] Halbstandardisierte Interviews sollen hierbei dazu dienen Elemente des „komplexen Wissens“ eines zu Befragenden „zu einem bestimmten Thema“ über offene Fragen zu erheben und somit ihre „subjektiven Theorien über den Forschungsgegenstand zu rekonstruieren“.[16] Nach der Einschätzung Markus Schäfers in seinem Buch „Lebensqualität aus Nutzersicht – Wie Menschen mit geistiger Behinderung ihre Lebenssituation beurteilen“ ist der allgemeine Forschungsstand zur Durchführbarkeit qualitativer Befragungsmethoden bei Menschen mit geistiger Behinderung jedoch begrenzt und die gesammelten Erfahrungen „uneindeutig“.[17]

Um den oben formulierten Fragen nachgehen zu können, sollen in dieser Forschungsarbeit Informationen zur Lebensqualität der Bewohner einer Wohneinrichtung der Behindertenhilfe erhoben werden.

Da anzunehmen ist, dass sowohl Klienten als auch Mitarbeiter hier besondere Experten sind, dienen als Materialgrundlage für die Untersuchung in erster Linie vier leitfadengestütze Interviews – zwei mit Betreuern und zwei mit Bewohnern.

Auf der Grundlage der vorher gewonnen Einblicke in den wissenschaftlichen Diskurs zum Thema Lebensqualität im Allgemeinen und in die Besonderheiten von Wohneinrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung werden Fragen entwickelt, die als Leitfaden dienen. Anschließend werden die Interviews untersucht und unter verschiedenen Aspekten mit Rückbezug zur Theorie vergleichend analysiert.

Es sollen dadurch auch solche Erfahrungen zur grundsätzlichen Anwendbarkeit von „Tandem-Befragungen“ im Setting stationärer Wohneinrichtungen im Allgemeinen und speziell im Bezug auf den Bereich Wohnen von Menschen mit geistiger Behinderung gewonnen werden. Ein besonderes Augenmerk soll dabei auch auf den Erfolgsbedingungen solcher Befragungen liegen.

1.3 Gliederung

Zunächst sollen hier also in einem theoretischen Bezugsrahmen relevante Begrifflichkeiten für die später folgende vergleichende Analyse brauchbar gemacht werden. Dabei soll der Begriff Lebensqualität in seinen zentralen wissenschaftlichen Annahmen erfasst werden. Auch der Begriff „Geistige Behinderung“ soll in seiner medizinischen Normierung und Betrachtung gemäß ICD-10 aber auch aus einer psychologisch, heilpädagogisch, soziologischen Perspektive in einem multiprofessionell theoretischen Hintergrund betrachtet werden. Zudem ist auch der für das Forschungsprojekt relevante Begriff Wohnheim beziehungsweise stationäres Wohnen definitorisch und theoretisch zu erfassen.

Auf der Grundlage der dargestellten Theorie sollen dann das Untersuchungsinstrument des leitfadengestützten Interviews, die Fragenleitfäden für Betreuer und Bewohner, sowie das methodische Vorgehen bei der Aufbereitung und Auswertung im Einzelnen erläutert werden. Hierbei soll selbstverständlich auch auf die forschungsmethodischen Stärken und Schwächen der gesamten Herangehensweise eingegangen werden.

Schließlich folgt die Untersuchung der Interviews mit Hilfe der strukturierenden Inhaltsanalyse nach Mayring[18] und deren Auswertung unter Rückbezug zur Theorie. Daraufhin folgt eine Verdichtung der Ergebnisse beider Befragungen. Im Fazit sollen die gewonnenen Erkennstnisse zusammengefasst und die Forschungsfragen beantwortet werden.

2 Theoretischer Bezugsrahmen

Es soll nun zunächst der theoretische Rahmen vorgestellt werden, welcher sich für diese Forschungsarbeit anbietet. Dabei sollen wie angekündigt die zentralen theoretischen Begriffe und Aspekte Lebensqualität, Geistige Behinderung und ihre psychosoziale Dimension sowie stationäres Wohnen expliziert und präzisiert werden. Am Ende dieser Darstellungen sollen dann nachvollziehbare und praktikable Arbeitsdefinitionen und Theoriezusammenhänge stehen auf denen die weiteren Schritte dieser Vergleichsanalyse aufbauen können.[19]

2.1 Lebensqualität

Auch wenn eine einheitliche Definition oder Theorie nicht vorliegt, soll hier ein theoretischer Bezugsrahmen angeboten werden, der versucht zentrale Elemente von Lebensqualität zu erfassen und zu definieren.[20] Das Konzept der Lebensqualität ist in der Wohlfahrts- und Lebensqualitätsforschung eine der wichtigsten Zielkategorien zur Evaluation von Wohlfahrt und Wohlfahrtsentwicklung. Mit ihm können nicht nur allgemeine Bedarfslücken sondern auch gruppenspezifische Problemlagen identifiziert werden.[21] Es liefert damit einen „mehrdimensionalen Betrachtungsrahmen für eine umfassende Analyse der Lebenslage von Menschen mit Behinderung“[22]. Um den Begriff für diese Arbeit zugänglich zu machen, soll dabei dem nach wie vor nicht unumstrittenen Ansatz gefolgt werden, dass sich Lebensqualität aus objektiven und subjektiven Indikatoren zusammensetzt und damit mehr ist als zum Beispiel ein Ressourcenkonzept im Sinne des schwedischen „Level-of-Living-Approach“[23] oder der „OECD Social Indicator Programme“[24][25] Lebensqualität wird in dieser Arbeit also als deskriptiver Begriff verstanden der objektive Zustände und Lebensbedingungen beinhaltet, aber auch subjektive Bedürfnislagen und Befindlichkeiten.[26] Wolfgang Glatzer folgend bezieht sich der Begriff dabei im Verständnis dieser Forschungsarbeit auch auf immaterielle Werte.[27]

2.1.1 Kerndimensionen nach Schalock und Verdugo

Schalock und Verdugo haben anhand einer vergleichenden Analyse vieler Forschungsarbeiten den Versuch unternommen, aus rehabilitationswissenschaftlicher Sicht Kerndimensionen von Lebensqualität, wenn auch nicht abschließend, auszumachen und schaffen es damit, das Fehlen einer nominalen Definition zur Lebensqualität zu überbrücken. Es handelt sich hierbei um acht Kerndimensionen samt exemplarischer Indikatoren. Im Einzelnen sind dies emotionales Wohlbefinden, soziale Beziehungen, materielles Wohlbefinden, persönliche Entwicklung, physisches Wohlbefinden, Selbstbestimmung, soziale Inklusion und Rechte.[28]

2.1.2 Objektive Wohlfahrt und subjektives Wohlbefinden nach Allardt

Das von Erik Allardt 1973 entwickelte Modell des „basic needs approach“ bietet ein kurzes und anwendungsfreundliches Konzept, Lebensqualität theoretisch zu untergliedern. Allardt, der sich in seinem Ansatz formal auf die Begriffe objektive Wohlfahrt und subjektives Wohlbefinden bezieht, trifft im Anschluss an die Maslowsche Bedürfnistheorie und der „Comparative Scandinavien Welfare Study“ eine Differenzierung anhand der Begriffe „Having“, „Loving“ und „Being“ und konzipiert dabei objektive und subjektive Indikatoren.[29] „Having“ meint dabei zum Einen das objektive Maß des Lebenslevels und der Umweltbedingungen wie zum Beispiel ökonomische Ressourcen, Wohnbedingungen, Beschäftigung, Arbeitsbedingungen, Gesundheit, Bildung und Umwelt, sowie zum anderen die subjektiven Gefühle von Unzufriedenheit oder Zufriedenheit mit diesen Lebensbedingungen.[30] „Loving“ setzt sich hingegen zusammen aus dem objektiven Maß der Beziehungen zu anderen Menschen und den subjektiven Gefühlen von Trauer oder Glück über die sozialen Beziehungen.[31] „Being“ wiederum meint das objektive Maß der Beziehungen der jeweiligen Person zur Gesellschaft und Natur wie zum Beispiel politische Ressourcen, Einfluss- und Entscheidungsmöglichkeiten, Möglichkeiten zu sinnvoller Arbeit und Freizeitbetätigung, sowie das gefühlsmäßige Pendent von Fremdheit oder persönlichem Wachstum (Entwicklung).[32]

2.1.3 Wohlfahrtskonstellationen nach Zapf

Das scheinbare Paradox, dass objektiv gute Lebensbedingungen nicht zwangsläufig hohe Lebenszufriedenheit bedeuten, wird von Wolfgang Zapfs Modell der Wohlfahrtskonstellationen treffend gelöst. Seine Unterscheidung von konsistenten und inkonsistenten Wohlfahrtskonstellationen stellt sich dabei wie folgt dar: Lägen objektiv gute Lebensbedingungen vor, wie auch immer diese sich im Einzelnen zusammensetzen, könne das subjektive Wohlbefinden diesem konsistent „gut“ oder, was der deutlich seltenere Fall sei, inkonsistent „schlecht“ gegenüber stehen („Well- Being“ oder „Dissonanz“).[33] Objektiv schlechten Lebensbedingungen könnte mit einem konsistent „schlechten“ subjektiven Wohlbefinden entsprochen werden („Deprivation“). Genauso, wenn auch wiederum der seltenere Fall, könnte solchen Lebensbedingungen inkonsistent, also mit einem „guten“ subjektiven Wohlbefinden, widersprochen werden („Adaption“).[34]

2.1.4 Subjektive Lebensqualität

Die explizit subjektive Lebensqualität oder das subjektive Wohlbefinden besteht nach Zapf aus „Einschätzungen über spezifische Lebensbedingungen und über das Leben im Allgemeinen“.[35] Zur subjektiven Perspektive von Lebensqualität sollen nun noch einige vertiefende Ausführungen folgen, um ein theoretisches Gesamtbild des Komplexes zu skizzieren. Zwei prominente Modelle sollen hier erläutert werden.

Zum Einen ist die Konzeption aus der deutschen Wohlfahrtsforschung nach Glatzer zu nennen, welche subjektives Wohlbefinden in eine positive (Zufriedenheit, Glück) und eine negative Dimension (Belastungen, Sorgen, Anomie) sowie den Bereich Zukunftserwartungen (Hoffnungen, Befürchtungen) unterteilt, deren Indikatoren diversen Wechselspielen unterliegen.[36]

Zum Anderen ist hier die psychologische Wohlbefindensforschung nach Mayring zu erwähnen, welche zwischen dem aktuellen Wohlbefinden (state) und habituellem Wohlbefinden (trait) unterscheidet, deren gemeinsame Indikatoren Glück oder Belastungsfreiheit sein können.[37] Glück wird dabei im Sinne eines „aktuellen, intensiven, berauschenden und emotionalen die Persönlichkeit umfassenden Erlebens“, aber auch als „langfristig im Lebenslauf entwickeltes Lebensglück“ verstanden.[38] Unter Belastungsfreiheit hingegen wird die Freiheit von „negativen Befindensmerkmalen“ verstanden.[39] Zufriedenheit („Ergebnis eines kognitiven Vergleichs- und Bewertungsprozesses zwischen Soll- und Ist-Zustand“)[40] ordnet Mayring jedoch ausschließlich dem Bereich des habituellen Wohlbefindens zu, während er Freuden („kurzfristige, situationsspezifische, vorübergehende positive Affekte“)[41] ausschließlich im Bereich des aktuellen Wohlbefindens ausmacht.[42]

2.1.5 Zufriedenheit

Der Begriff Zufriedenheit nimmt im Rahmen der Theoriebildung zur Lebensqualität in der Literatur eine wesentliche Bedeutung ein. Nach Markus Schäfers liegt dies daran, dass „im Zufriedenheitsurteil gleich in mehrfacher Hinsicht subjektive Prozesse zum Tragen kommen: Die individuelle Wahrnehmung der zu bewertenden externen Ressourcen, die Konzentration auf subjektiv relevante Attribute der Lebensbedingungen sowie der Abgleich der wahrgenommenen Attribute mit dem internen Vergleichsmaßstab, welcher Erwartungen, Ziele, Werte und Erfahrungsnormen umfassen kann“.[43] Dabei wird hier davon ausgegangen, dass auch objektive Bedingungen den Vergleichsprozess, beeinflussen und zwar zum Einen durch die Beschaffenheit der zu bewertenden externen Ressourcen und zum Anderen dadurch, dass sie den Vergleichsmaßstab selber prägen, da dieser wiederum von psychischen, sozialstrukturellen und demografischen Faktoren abhängt.[44] Auch das Phänomen der Homöostase subjektiven Wohlbefindens nach Robert A. Cummins sei an dieser Stelle kurz aufgegriffen. Es besagt, basierend auf vielen Studien zur generellen Zufriedenheit, das Menschen die klare Tendenz haben solche Fragen mit hohen Zufriedenheitswerten zu beantworten.[45] Dies bezieht sich dabei sowohl auf die intra- als auch auf die interpersonelle Varianz in den Ergebnissen der zu Grunde liegenden Untersuchungen und bedingt, vereinfacht ausgedrückt, die Feststellung, dass ein in diesem Sinne gesunder Mensch anscheinend über einen psychischen Mechanismus verfügt, der seine generelle Zufriedenheit oder auch Lebenszufriedenheit auf einem relativ hohen Niveau balanciert.[46]

Die Theorien zum Aspekt Zufriedenheit ließen sich wie jene zur Lebensqualität insgesamt noch deutlich weitergehender und detaillierter aufarbeiten, was jedoch den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde. Es sei hier jedoch zuletzt noch auf Campbell, Converse und Rodgers verwiesen, welche die Zufriedenheit mit den Lebensbedingungen insgesamt („general life satisfaction“) von der Zufriedenheit mit einzelnen Lebensbereichen („domain satisfaction“) unterscheiden.[47] Letztere übe dabei Einfluss auf erstere aus, aber beide blieben auch hier von einem internen Vergleichsmaßstab und persönlichen Charakteristika beeinflusst. Dies bedeute, dass sich aus der Zufriedenheit mit einzelnen Lebensbereichen nicht automatisch eine Lebenszufriedenheit als solche ergeben müsse.[48]

2.1.6 Besonderheiten der Lebensqualitätskonzepte

Bei all den in der Literatur vorhandenen Ansätzen gilt es für das weitere Vorgehen in dieser Arbeit zu berücksichtigen, dass die Lebensqualitätskonzepte gemeinsam ein Arbeitsfeld abstecken, welches sich durch „Komplexität, Mehrdimensionalität, Relativität und Offenheit auszeichnet und in jeweiligen Betrachtungs- und Untersuchungszusammenhängen theoretisch und empirisch, normativ und lebensweltlich zu begründen ist“.[49] Sie schließen personenbezogene „physische“, „psychische“ und „soziale“ Aspekte ein.[50] Dabei beziehen sie sich auf „verschiedene Lebensbereiche als gesellschaftlich bestimmte Erlebens- und Handlungsfelder“.[51] Die Konzepte haben jedoch nicht nur eine theoretische, sondern auch eine in hohem Maße politische und alltagspraktische Dimension.[52]

2.2 Geistige Behinderung und psychosoziale Dimension

Auch wenn es viele Stimmen gibt, die den Begriff geistige Behinderung als problematischen „Begriff der Heil- und Sonderpädagogik“ ansehen und oft genug erwähnt wird, dass es „keine allgemein anerkannte Definition“ dieses Phänomens gibt oder sogar die Begriffsbildung abgelehnt wird, soll an dieser Stelle selbstverständlich das fachliche Themengebiet umrissen werden.[53] Es sei aber vorab darauf hingewiesen, dass die Positionen hier weit auseinander gehen.

2.2.1 Medizinische Klassifizierung

Während Einige im fachlichen Diskurs bereits bei der Definitionsbildung Minimaldefinitionen wie die von Pforr und Ising: „Geistig behindert ist, wer in einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung lebt oder betreut wird.“[54] präferieren wird die Schulmedizin mit der Normierung nach ICD-10 sehr konkret. Das Thema wird in dieser Darstellung aber über diese naturwissenschaftliche Linie hinaus auch aus einem multiprofessionell theoretischen Hintergrund betrachtet und theoretisch eingeordnet werden müssen. Dabei kommt pädagogischen, psychologischen, und soziologischen Ansätzen besondere Bedeutung zu. Zunächst soll nun aber der naturwissenschaftliche Blick nachempfunden werden. Im ICD-10 wird die geistige Behinderung in den Abschnitten F 70-79 im medizinischen Sinne klassifiziert.[55] Unter einer solchen Einschränkung, „Intelligenzminderung“, versteht man hier eine Störung der Entwicklung geistiger Fähigkeiten wie zum Beispiel der Sprache, kognitiver, motorischer und sozialer Fähigkeiten samt Minderung des Intelligenzniveaus und sozialer Anpassungsfähigkeit.[56]

In diesem Sinne ist sie die Steigerung einer Lernbehinderung.[57] Sie ist aus dieser Perspektive auch abzugrenzen von demenzielen Erkrankungen und sogenannten psychischen Behinderungen mit Denkstörungen.[58] Die Diagnose geistige Behinderung wird dabei in der Regel unter zu Hilfenahme von Intelligenztests diagnostiziert.[59] Während ein Intelligenzquotient von 85 bis 70 „noch“ als Lernbehinderung gilt, wird ab 69 oft von einer geistigen Behinderung gesprochen.[60] Als auffällige Symptome von geistiger Behinderung gelten ein gemindertes Abstraktionsvermögen, eine verlangsamte oder lückenhafte Wahrnehmung, ein kleiner Erfahrungsschatz, beeinträchtigte Aufmerksamkeit und Konzentration, Gefühlsstörungen wie wechselhafte Stimmung, leichte emotionale Erregbarkeit oder Kurzschlusshandlungen, aber auch Störungen im Sozialverhalten.[61] Die geistige Behinderung wird nach dem ICD-10 in verschiedene Schweregrade unterteilt. Dies sind die leichte Intelligenzminderung („Debilität“), die mittelgradige Intelligenzminderung, die schwere Intelligenzminderung und die schwerste Intelligenzminderung.[62] Daneben existieren die Kategorien der dissoziierten Intelligenz (Diskrepanz zwischen Sprach- und Handlungs-IQ), der anderen Intelligenzminderungen und die nicht näher bezeichnete Intelligenzminderung.[63]

2.2.2 Psychodynamische Relation

Bei den Ursachen für geistige Behinderung wird medizinisch zwischen verschiedenen Faktoren unterschieden.[64] Nicht selten bleibt die Ursache der geistigen Behinderung jedoch im Einzelfall im Unklaren.[65] Thomas Mesdag und Ursula Pforr greifen aus einer heil- beziehungsweise. sonderpädagogischen Perspektive diesen Aspekt auf. Sie betonen, dass bei einer Vielzahl der Menschen mit einer geistigen Behinderung zum Einen eine organische Schädigung nicht nachweisbar sei und zum Anderen Menschen mit einem nachweislich organischen Schaden im Gehirn wie zum Beispiel nach einem Unfall oder Schlaganfall nicht unbedingt als geistig behindert gälten.[66] Darüber hinaus gäbe es Menschen, die „in die Rolle der geistig Behinderten gedrängt“ würden oder Menschen, die sich in die Rolle „geflüchtet“ hätten „weil sie ihnen Sicherheit gibt“.[67] Aus dieser beschriebenen Wirkung von psychodynamischen und gesellschaftlichen Faktoren für die Entstehung einer geistigen Behinderung ergibt sich, dass ein rein medizinischer Blick auf die Thematik zu kurz greift und der Komplexität des Themas nicht gerecht werden kann.[68] Als Erklärungsansatz für die Auslösung seelischer Vorgänge in einer Reaktion auf bestimmte äußere und innere Ereignisse und Einflüsse, sowie dem damit einhergehende Konzept des innerseelischen Raumes, steht die psychodynamische Idee im Zentrum der Betrachtungen bei Pforr und Ising.[69] So formulieren sie ein entwicklungsbiographisches Beispiel für solche Reaktionen bezogen auf die Kindheit und Jugend von Menschen mit geistiger Behinderung: „Fast allen Menschen mit einer geistigen Behinderung ist gemeinsam, dass ihr Start ins Leben vom ersten Tag an unter psychodynamischen Aspekten völlig daneben gegangen ist. Steht die Diagnose bereits bei der Geburt fest, so hat dies in der Regel dramatische Auswirkungen auf die Beziehungsfähigkeit der Eltern. Die Eltern sind in der Regel geschockt und verzweifelt, häufig mit Schuldgefühlen oder gar Todeswünschen in Richtung Kind. In dieser Verfassung sind sie kaum dazu in der Lage, die Rolle der primären Bezugspersonen in angemessener Weise einzunehmen.“[70] Die Idee die hinter dieser und anderer lebensweltlicher Beschreibungen von Pforr und Ising steht, ist dass die Entwicklung eines Kindes insgesamt in dem Moment, in dem es den ‚Stempel’ ‚geistig behindert’ erhalten hat, psychodynamisch „extrem unterschiedlich zu der Entwicklung von nicht behinderten Kindern“ verlaufen muss.[71] So werde der behinderte Mensch unter Anderem von da an „nur noch praktisch und nicht mehr intellektuell gebildet“, „trainiert und nicht mehr therapiert“.[72] In der Adoleszenz dieser Personen würden dabei zum Beispiel Versuche von Autonomie und Selbstständigkeit nicht akzeptiert oder gefördert, sondern unterdrückt und behindert.[73] Menschen mit geistiger Behinderung blieben daher in dieser Phase und einer damit einhergehenden lebenslangen Abhängigkeit stecken.[74] Auch andere Aspekte für eine gesunde psychische Entwicklung würden bei Menschen mit geistiger Behinderung „aus den unterschiedlichsten Gründen nicht erfüllt“.[75] Pforr und Ising heben hervor, dass es „verheerende Auswirkungen, zumindest auf den Grad der Behinderung habe“, wenn eine Gesellschaft und Fachwelt davon ausgehe, „dass Menschen mit einer geistigen Behinderung nur praktisch, nicht aber intellektuell bildbar seien“.[76] Ohne die „Existenz von geistiger Behinderung bzw. möglichen organischen Ursachen leugnen zu wollen“ geben sie daher auch dem Satz von Wolfgang Urban „Unter angemessenen Bedingungen kann geistige Behinderung auch aufhören.“[77] durchaus seine Teilberechtigung.[78] Auch Hirnstrukturen könnten dabei durchaus gefördert und aufgebaut werden. Mit diesem psychodynamischen Blick ist das “Phänomen“ geistige Behinderung also, vereinfacht ausgedrückt, nicht bloß die Auswirkung eines neurologischen Defekts im Sinne des medizinischen Paradigmas, sondern eine in der Interaktion mit der Umwelt entstandene Erscheinung, die vielfältig beeinflussbar ist. Hierbei spielten unter Anderem die aufgrund fehlender Anregung „mangelhaft ausgebildeten psychischen Strukturen und – nicht zu unterschätzen - gesellschaftlich bedingte Rollenzuweisungen“ einen entscheidenden Part.[79]

2.2.3 Behinderung und Stigma

Ein interessanter soziologischer Blick auf das Phänomen geistige Behinderung lässt sich mit dem Stigma Konzept finden. Es bietet einen Ansatz die Wirkungsweise von Integration bzw. Desintegration Behinderter gesellschaftlich und bezogen auf den individuellen Nahraum der Betroffenen zu erklären. Im Wörterbuch Heilpädagogik wird der Begriff bezogen auf die Personen mit Behinderung definiert als „ein Sonderfall eines sozialen Vorurteils gegenüber einer behinderten Person, durch das diesem negative Eigenschaften zugeschrieben werden.“[80] Nach Goffman sei das Stigma als eine „Eigenschaft einer behinderten Person, die zutiefst diskreditierend ist und diese von vollständiger sozialer Anerkennung ausschließt“ zu erfassen.[81] Es wird hier ausgeführt das die Stigmatisierer „dazu neigen, den Stigmatisierten vorschnell weitere negative Eigenschaften zu unterstellen“ und daraus folgende „Generalisierungen“ zu „globalen Etiketten“ wie „Krüppel“ oder „Schwachsinniger“ führten.[82] Dies verleihe einem Menschen mit Behinderung einen „negativen Status“ auch „master status“ genannt.[83] Die Durchsetzung von Stigmatisierungen hänge „von den Machtverhältnissen zwischen Stigmatisierer und Stigmatisiertem ab“.[84] Es sei jedoch betont, dass die Behinderung nach einem solchen interaktionistischen Ansatz kein „vorgegebener Zustand ist, sondern auf der Zuschreibung von Erwartungshaltungen durch die anderen beruht“.[85] Nach Goffman weicht der Mensch mit Behinderung somit von sozialen Normen ab und ist „in unerwünschter Weise anders“.[86]

Nach dem Stigma Modell spielen also Effekte von Typisierung, Etikettierung, Stigmatisierung und Kontrolle eine entscheidende Rolle.[87] Goffman stellt hier bezogen auf das Wesen gesellschaftlicher Stigmatisierung fest dass es nicht einfach von einer Profession aufgehoben werden kann und im gesamtgesellschaftlichen Rahmen vermutlich nicht einmal beeinflussbar ist. Daher ist für ihn die einzig praktikable Lösung im Umgang mit Stigmatisierungen das Bewusst- und Verständlichmachen des Stigmatisierungsprozesses. Nur so könne man den Betroffenen und ihren Angehörigen tatsächlich helfen. In diesem Zusammenhang benutzt er auch den Begriff Stigma- Management.[88] Der Mensch mit geistiger Behinderung werde also im Ergebnis von vollständiger gesellschaftlicher Anerkennung ausgeschlossen und durch das Stigma und die daraus resultierende gesellschaftliche Missachtung geprägt.

2.2.4 Systemtheoretischer Kontext

Auch die Systemtheorie bietet einen Ansatz, das Phänomen geistige Behinderung im soziologischen Kontext auf gesellschaftlicher Ebene zu erklären. In diesem Zusammenhang wird erwähnt, dass die Behinderung vor allem abhängig sei „von der erzwungenen Ausdifferenzierung nach Leistung durch das Bildungs- und Ausbildungswesen.“[89] In „verwaltungstechnisch-bürokratischen Prozessen“ sei hier die „Qualifikations- und Selektionsfunktion von Schule“ entscheidend, indem die „Sonderschulen“ eine Entlastungsfunktion für das allgemeine Schulwesen einnähmen.[90]

[...]


[1] Thesing, T: Betreute Wohngruppen und Wohngemeinschaften. Freiburg i. B. 2009, S. 24.

[2] Vgl. ebd. S. 44.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Dahme, H.-J.; Wohlfahrt, N. In: Teilhabe 4, 2011 Jg. 50, S. 148-154, S. 148.

[6] Vgl. Dahme, H.-J.; Wohlfahrt, N. In: Teilhabe 4, 2011 Jg. 50, S. 148-154, S. 148.

[7] Ebd.

[8] Beck, I.: Lebensqualität. Stuttgart, 2001. S. 339.

[9] Schäfers, M.: Lebensqualität aus Nutzersicht. Dortmund 2007, S. 69-71.

[10] Vgl. Seifert, M.: Lebensqualität und Wohnen. Reutlingen 1997, S. 89-104; Wetzler, Rainer: Qualitätsmanagement in Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe. Freiburg i.Br., 2003, S. 46.

[11] Spiegel v., H.: Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit. Stuttgart 2008, S. 42.

[12] Vgl. Christoph, B.; Noll, H.-H.: Subjective well-being in the E. U. during the 90s. 2003, S. 521-546.

[13] Vgl. Seifert, M.: Ergebnisse der Kölner Lebensqualitätsstudie. Marburg 2002, S. 203-222.; Schäfers, M.: Lebensqualität aus Nutzersicht. Dortmund 2007, S. 215-347.

[14] In Abhängigkeit vom Setting der Untersuchung umsetzbar: Wüllenweber, E.: Skizzen zur Forschung in Bezug auf Menschen mit geistiger Behinderung. Stuttgart 2006, S. 569.; anders: Wendeler, Jürgen: Geistige Behinderung: Normalisierung und soziale Abhängigkeit. Heidelberg 1992, S17ff.

[15] Lamnek, S: Qualitative Interviews. Erfurt, Paderborn 2001, S. 157.

[16] Ebd. S. 174f.

[17] Schäfers, M.: Lebensqualität aus Nutzersicht. Dortmund 2007, S. 160.

[18] Mayring, P.: Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim, Basel 2003.

[19] Vgl. König, E.; Bentler, A.: Konzepte und Arbeitsschritte im qualitativen Forschungsprozess. Weinheim, München 2010, S. 177-178.

[20] Vgl. Schäfers, M.: Lebensqualität aus Nutzersicht. Dortmund 2007, S. 26.

[21] Vgl. Ebd. S. 25.

[22] Ebd. S. 26.

[23] Vgl. Erikson, R.: Descriptions of inequality. Oxford: Clarendon 1993, S. 68.

[24] Vgl. OECD: Measuring social well-being. Paris 1976, S. 165 ff.

[25] Vgl. Cummins, R.: The validity and utility of subjective quality of life: A reply to H. und A. 2002, S. 261-268.

[26] Vgl. Zapf, W.: Individuelle Wohlfahrt. Frankfurt/ Main 1984, S. 23.

[27] Vgl. Glatzer, W.: Lebenszufriedenheit/Lebensqualität. Wiesbaden 2002, S. 248-255.

[28] Schalock, R.; Verdugo, M.: Handbook on quality of life. Washington DC 2002, S. 18.

[29] Allardt, E.: Having, loving, being. Oxford 1993, S. 88-94.

[30] Vgl. Ebd.; Vgl. Schäfers, M.: Lebensqualität aus Nutzersicht. Dortmund 2007, S. 31.

[31] Vgl. Ebd.

[32] Vgl. Ebd.; Vgl. Schäfers, M.: Lebensqualität aus Nutzersicht. Dortmund 2007, S. 31.

[33] Vgl. Zapf, W.: Individuelle Wohlfahrt. Frankfurt/ Main 1984, S. 25.

[34] Ebd.

[35] Vgl. Zapf, W.: Individuelle Wohlfahrt. Frankfurt/ Main 1984, S.23.

[36] Vgl. Glatzer, W.: Lebenszufriedenheit/Lebensqualität. Wiesbaden 2002, S. 248-255.

[37] Vgl. Mayring, P.: Die Erfassung subjektiven Wohlbefindens. Weinheim 1991, S. 53.

[38] Schäfers, M.: Lebensqualität aus Nutzersicht. Dortmund 2007, S. 34.

[39] Ebd. S. 34.

[40] Ebd. S. 34.

[41] Ebd. S. 34.

[42] Vgl. Mayring, P.: Die Erfassung subjektiven Wohlbefindens. Weinheim 1991, S. 53.

[43] Schäfers, M.: Lebensqualität aus Nutzersicht. Dortmund 2007, S. 41.

[44] Vgl. Ebd. S. 41-42; Vgl. Beck, I.: Neuorientierung in der Organisation pädagogisch-sozialer Dienstleistungen für behinderte Menschen. Frankfurt/Main 1994, S. 245.

[45] Vgl. Cummins, R.: Caregivers as managers of subjective wellbeing. S. 336 f.; Schäfers, M.: Lebensqualität aus Nutzersicht. Dortmund 2007, S. 46.

[46] Vgl. Schäfers, M.: Lebensqualität aus Nutzersicht. Dortmund 2007, S. 53.

[47] Campbell, A.; Converse, P.; Rodgers, W.: The quality of american life. New York 1976, S. 13ff.

[48] Vgl. Ebd.; Schäfers, M.: Lebensqualität aus Nutzersicht. Dortmund 2007, S. 42.

[49] Schäfers, M.: Lebensqualität aus Nutzersicht. Dortmund 2007, S. 34.

[50] Ebd. S. 37.

[51] Ebd. S. 37.

[52] Vgl. Noll, Heinz-Herbert: Konzepte der Wohlfahrtsentwicklung. (online).

[53] Pforr, U.; Ising, A.: Möglichkeiten und Grenzen einer psychodynamisch orientierten Beziehungsarbeit bei Menschen mit einer geistigen Behinderung. Gießen 2008, S. 119.

[54] Ebd. S. 110.

[55] Über: http://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-who/kodesuche/onlinefassungen/htmlamtl2013/block-f70-f79.htm.

[56] Vgl. Frank, Udo G.: Neurologie und Psychiatrie. Ravensberg 2004, S. 129.

[57] Vgl. http://www.dgspj.de/index.php?option=com_content&view=article&id=67&Itemid=112.

[58] Vgl. Frank, Udo G.: Neurologie und Psychiatrie. Ravensberg 2004, S. 130.

[59] Vgl. ICD-10 F-70-79. Online über: http://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-who/kodesuche/onlinefassungen/htmlamtl2013/block-f70-f79.htm.

[60] Vgl. Frank, Udo G.: Neurologie und Psychiatrie. Ravensberg 2004, S. 130.

[61] Vgl. Ebd. S. 129.

[62] Vgl. Ebd. S. 130.

[63] Vgl. ICD-10 F-70-79. Online über: http://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-who/kodesuche/onlinefassungen/htmlamtl2013/block-f70-f79.htm.

[64] Vgl. Frank, Udo G.: Neurologie und Psychiatrie. Ravensberg 2004, S. 129.

[65] Vgl. Frank, Udo G.: Neurologie und Psychiatrie. Ravensberg 2004, S. 129.

[66] Vgl. Mesdag, T.; Pforr, U.: Editorial – Phänomen geistige Behinderung. Gießen 2008, S. 7.

[67] Ebd.

[68] Vgl. Mesdag, T.; Pforr, U.: Editorial – Phänomen geistige Behinderung. Gießen 2008, S. 7.

[69] Vgl. Hoffmann, S. O.; Hochapfel, G.: Neurosenlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin. Stuttgart 1999, S. 12 ff.

[70] Pforr, T.; Ising, A.: Möglichkeiten und Grenzen einer psychodynamisch orientierten Beziehungsarbeit bei Menschen mit einer geistigen Behinderung. Gießen 2008, S. 112.

[71] Ebd. S. 113.

[72] Ebd. S. 112.

[73] Vgl. Ebd. S. 113.

[74] Vgl. Ebd. S. 113 f.

[75] Ebd. S. 115.

[76] Pforr, T.; Ising, A.: Möglichkeiten und Grenzen einer psychodynamisch orientierten Beziehungsarbeit bei Menschen mit einer geistigen Behinderung. Gießen 2008, S. 116.

[77] Urban, W.: Anforderungen an ambulante Die. für Menschen mit geistiger Behinderung. Kassel 1995, S. 61.

[78] Vgl. Pforr, T.; Ising, A.: Möglichkeiten und Grenzen einer psychodynamisch orientierten Beziehungsarbeit bei Menschen mit einer geistigen Behinderung. Gießen 2008, S. 109.

[79] Vgl. Ebd. S. 110.

[80] Bundschuch, K.; Heimlich, U.; Krawitz, R.: Wörterbuch Heilpädagogik, Bad Heilbrunn 2007, S. 290.

[81] Ebd.

[82] Ebd.

[83] Ebd.

[84] Ebd.

[85] Cloerkes, G.: Soziologie der Behinderten – Eine Einführung. Heidelberg 2007, S. 10 f.

[86] Goffman, E.: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt/Main 1975, S.11.

[87] Vgl. Cloerkes, G.: Soziologie der Behinderten – Eine Einführung. Heidelberg 2007, S. 11.

[88] Vgl. Goffman, E.: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt/Main 1975, S.68.

[89] Cloerkes, G.: Soziologie der Behinderten – Eine Einführung. Heidelberg 2007, S. 11.

[90] Ebd.

Details

Seiten
79
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668117792
ISBN (Buch)
9783668117808
Dateigröße
1001 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v313067
Institution / Hochschule
Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach – Fachbereich Sozialwesen
Note
1,5
Schlagworte
lebensqualität wohneinrichtung menschen behinderung eine befragung klienten mitarbeitern

Autor

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Titel: Lebensqualität in einer Wohneinrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung. Eine vergleichende qualitative Befragung von Klienten und Mitarbeitern