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Darstellung des Juden im "Baseler Totentanz" im Vergleich zu anderen mittelalterlichen christlichen Bildmotiven

Hausarbeit 2014 37 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung … 3

2. Geschichte der Juden im Mittelalter in Deutschland … 4
2.1 Das Leben der Juden … 4
2.2. Das Verhältnis zwischen Juden und Christen … 5

3. Geschichte des Totentanzes … 5

4. Bildliche Darstellung von Juden und Judentum im Mittelalter … 7

4.1. Baseler Totentanz … 8
4.2. Ecclesia und Synagoga … 16
4.3. „Judensau“-Motiv … 17

5. Schlussbemerkung … 18

6. Literaturverzeichnis … 19

7. Anhang … 22

1. Einleitung

Die Idee zu meiner Hausarbeit ist im Seminar „Der Tod in der mittelalterlichen Literatur“ während der Vorbereitung eines Referats zum Thema „Baseler Totentanz“ entstanden.

Durch die Beschäftigung mit dem Thema ist mir die Figur des Juden im „Baseler Totentanz“ besonders aufgefallen. Dieses Motiv hat mich dazu bewegt mich intensiver mit der Darstellung der Juden im Mittelalter auseinanderzusetzen.

Zunächst habe ich mich dem Motiv des Juden im Baseler Totentanz gewidmet und mein Vorhaben war auch, dass ich die Hausarbeit über dieses eine Motiv schreibe. Während meiner Untersuchungen habe ich allerdings noch andere mittelalterliche christliche Darstellungen von Juden entdeckt, die meiner Meinung nach Parallelen zum Baseler Totentanzmotiv aufweisen.

Da die Motive der „Ecclesias und Synagoga“ und die sogenannten „Judensau“-Darstellungen noch vor der Zeit des Baseler Totentanzes entstanden sind, erscheint es mir als notwendig und sinnvoll auch diese christlichen Darstellungen der Juden in meine Untersuchungen mit einzubinden und sie miteinander zu vergleichen.

Im ersten Teil meiner Untersuchung geht es um die Geschichte der Juden im Mittelalter, ihr Leben und ihr Verhältnis zu den Christen. Im zweiten Teil gehe ich näher ein auf die bildlichen Darstellungen der Juden im Totentanz und in weiteren christlichen Darstellungen.

Wie wurden die Juden im Baseler Totentanz und in der christlichen Kunst konkret dargestellt? Welchen Zweck sollten diese Darstellungen erfüllen? Welche Gemeinsamkeiten haben die Darstellungen im Baseler Totentanz mit anderen Darstellungen der Juden in der christlichen Kunst? Diesen und weiteren Fragen möchte ich in meiner Hausarbeit nachgehen.

Es gibt einige Untersuchungen zum Thema Juden und Judentum in der christlichen Kunst. Für meine Untersuchung habe unter anderem den Bildatlas „Die Juden in der Kunst Europas“ von Heinz Schreckenberg, die Bücher „Der tanzende Tod“ von Gert Kaiser, „Synagoge und Kirche im Mittelalter“ von Wolfgang Seifert und „Ihr müßt alle nach meiner Pfeife tanzen“ von Winfried Frey und Hartmut Freytag herangezogen.

2. Geschichte der Juden im Mittelalter in Deutschland

2.1 Das Leben der Juden

Das mittelalterliche Judentum war durch autonome Gemeinden gekennzeichnet.[1] Die geistige Führerrolle lag bei den Meistern des talmudischen Rechts, den späteren Rabbinern.[2] Die ersten größeren jüdischen Gemeindegründungen erfolgten in Speyer, Worms und Mainz, also bevorzugt in Bischofsstädten mit enger Königsbindung[3]. Man vermutet, dass es keine religiösen Gründe, sondern pragmatische Faktoren waren. Ihnen war zum Beispiel die Lage an Verkehrsachsen, Marktfunktion, Nachfrage, Kommunikationsmöglichkeiten und Schutzfunktion wichtig.[4]

Auf dem im Jahr 121[5] einberufenen 4. Laterankonzil5, welches das bedeutendste Konzil des Mittelalters war, legte Papst Innozens III. eine neue, für Juden diskriminierende, Kleiderordnung fest.[6] Sie galt als eine staatlich verordnete Maßnahme zur Unterscheidung der Juden von der christlichen Bevölkerung.[7]

Das Konzil verlangte, dass im christlichen Europa Juden und Muslime ihre herkömmliche orientalische Tracht beibehalten und sich nicht kleidungsmäßig an die christliche Bevölkerung anpassen sollten.[8] Die vom Laterankonzil verlangte Kleidung für die Juden bestand aus einem fußlangen Gewand und einem konischen Hut. Aus der Grundform dieses Spitzhutesentwickelten sich unterschiedliche Judenhutformen des Mittelalters, die auch in verschiedenen Variationen auf mittelalterlichen Darstellungen zu sehen sind. Der Hut konnte oben mehr oder weniger abgerundet sein (bis zur Glocken-oder Kuppelform) oder sich nach oben mehr oder weniger stark trichterförmig verjüngen bis zur Form eines dünnen Schaftes.[9] Bestimmte Formen dieses Judenhuts lassen sich bestimmten Regionen und Zeiten zuordnen.[10]

Auf der Abb. 1, einem Holzschnitt des 16. Jahrhunderts trägt der dargestellte Jude auf seinem typischen fußlangen Gewand den vorgeschriebenen gelben Ring und hält in der Linken einen Geldbeutel. Die Pelzmütze ersetzt hier den Judenhut.

Das Vorschreiben der Sonderkleidung war von der Kirche zunächst aus Sorge für das Seelenheil der Christen und zu ihrem Schutz gedacht, später wurden aber der Judenhut und Judenring, ein fingerdicker und gelber Ring („Judenfleck") auf ihrem Gewand zum diffamierenden Erkennungszeichen. Ein Beispiel hierfür findet sich auf Abb. 11

2.2. Das Verhältnis zwischen Juden und Christen

Häufig wurden die Juden bereits seit ihrem ersten Auftreten als „Randgruppe“ bezeichnet, was sich ganz und gar nicht mit ihrem sozio-ökonomischen, nicht einmal mit ihrem politischen Status verträgt.[11] Graus behauptet, dass die Juden im 13./14. Jahrhundert in einem Marginalisierungsprozess gedrängt wurden, der sie im Spätmittelalter zur kriminalisierten „Gegengesellschaft“ oder Subkultur gemacht habe.[12]

Rusam schreibt in seinem Aufsatz in der Zeitschrift für Kirche und Judentum, dass entgegen der weitläufigen Meinung die Geschichte der Juden in Deutschland keineswegs immer nur eine Geschichte der blutigen Verfolgung war.[13] Bis in den Anfang des Hohen Mittelalters hinein gab es über die Jahrhunderte lange Perioden eines friedlichen Neben-und Miteinanders von Christen und Juden.[14] Mit Beginn der Kreuzzüge trat ein grundlegender Wandel ein und eine antijüdische Verfolgung.[15]

3. Geschichte des Totentanzes

Frankreich ist die Heimat von Idee und Bild des Totentanzes, weil dort die ersten Totentanzdarstellungen gefunden wurden, allerdings sind sehr viele Denkmäler verloren, und von dem Erhaltenen ist das Meiste zerstört.[16]

Unter einem Totentanz verstand man im Mittelalter zunächst die Darstellung eines Reigens oder Tanzes von Totengestalten mit lebenden Personen, welche die ständische Gesellschaft repräsentierten.[17] Man glaubte damals, dass die Toten nachts auf dem Friedhof Tänze aufführen aufführten und die Lebenden zwingen zwangen in ihren Reigen hineinzuziehen.[18] Die Beschäftigung mit dem Tod war für das Mittelalter von großer Bedeutung. Da eine Krankheit oder die Pest den plötzlichen Tod bedeuten könnte und somit die Sterbevorbereitung gefährden würde, erinnerten insbesondere die Predigerorden im späten Mittelalter daran, stets ein gottgefälliges Leben zu führen und Buße zu tun, um auf den plötzlichen Tod vorbereitet zu sein.[19]Am Anfang oder Ende der Totentanz-Serie standen oft Motive der Bußpredigt oder des Sündenfalls. Die Tanzdarstellung wurde meist mit einem kurzen Text begleitet.

Da der Totentanz an Friedhofsmauern, Kirchenmauern, an Klöster und Kapellen angebracht wurde, steht der Totentanz als monumentale Wandmalerei im Zentrum des religiösen Lebens mit dem Ziel mit seiner Botschaft möglichst viele Menschen zu erreichen[20].

Kaiser stellt fest, dass das Grundmotiv aller Totentänze die Gleichheit sei[21]. Der Tod holt sie alle, den Höchsten wie den Niedrigsten, den Armen wie den Reichen, den Alten wie das Kind. Die ganze Macht und Gewalt, alle Würde und der ganze Reichtum ist nichts wert vor dem Tod, so Kaiser.[22]

Der Tod, der in Totentänzen meistens als Skelett oder mit nur einigen Hautfetzen am Körper dargestellt wird, fordert einzelne Personen auf mit ihm zu tanzen. So ist es auch im Baseler Totentanz. Bei den meisten Figuren im „Baseler Totentanz“ zerrt der Tod die Personen am Arm damit sie mit ihm tanzen. Bei der Figur der Äbtissin und Königin zieht er an ihrem Kleid bzw. dem Tuch, das sie um ihre Hüften umgebunden haben. Den Juden zerrt der Tod an seinem langen Bart. Dabei wird die Angst in den Gesichtern der meisten Figuren sichtbar, da sie sich vor dem Tod verantworten müssen. Die dargestellten Figuren repräsentieren gesellschaftliche Stände, die der mittelalterlichen Lebenswirklichkeit entsprechen.[23] Es sind insgesamt 39 Figurenpaare, die im Baseler Totentanz vertreten sind. Neben dem Tod sind der Papst, der Kaiser, die Kaiserin,der König, die Königin, der Kardinal Der Bischof, der Herzog, die Herzogin, Edelmann, Kaufmann, Wucherer, Jungfrau. Die Aufnahme von männlichen und weiblichen, jüngeren und älteren Ständevertretern zielt auf eine Totalität der Darstellung ab.[24] Im Totentanz sind aller Menschen vereint und gleich.

4. Bildliche Darstellung von Juden und Judentum im Mittelalter

Die Botschaft des Neuen Testaments lautet:

Gal. 3,28: „Hier ist kein Jude, noch Grieche, hier kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal einer in Christo Jesu.“[25]

Die Idee der Gleichheit steht aber im Widerspruch zu den vielen mittelalterlichen christlichen Bildern, die die Juden in ausgesprochen verachtender Art und Weise zeigen darstellen.

Hermann von Scheda, ein jüdischer Konvertit, schrieb im 12. Jahrhundert:

„Was für uns Bücher sind, das stellen für das einfache, ungebildete Volk die Bilder dar.“[26]

Im Jahr 1990 stimmt Schulte Scheda ihm zu, indem er schreibt „Im ganzen Mittelalter bis tief in die Neuzeit hinein waren die religiösen Bilder für die einfachen Leute das, was für die Theologen und Priester die Bücher waren“.[27]

Diese ganze Kunst, die gerade zur Belehrung und Erbauung aller Christen, einschließlich der Laien gemacht war, hatte vielfach den Charakter von „Schlagbildern“, ein vom Kunsthistoriker A.M. Warburg (1866-1929) eingeführter Begriff,[28] Zu den „Schlagbildern“ gehören Szenen, in denen Juden durch ihre Sondertracht (besonders der spitze Hut „pileuscornutus“) als Fremde charakterisiert werden.[29] In diesem Holzschnitt aus dem 16. Jhd. (Abb. 1) trägt der hier dargestellte Jude den vorgeschriebenen gelben Ring als Abzeichen seines Judenseins. Er trägt ein zu der Zeit für Juden typisches langes Gewand und hält in der linken Hand einen Geldbeutel, der den Juden auf den meisten Zeihnungen der christlichen Kunst als geldgierigen Wucherer kennzeichnet.

Auch heute noch erscheinen, die in den Kirchen angebrachten Kunstwerke wie riesiges Bilderbücher.[30]

Blumenkranz stellt interessanterweise fest, dass auch die Buchmalerei nicht einem zahlmäßig begrenzten Publikum der reichen Klasse oder den Klerikern vorbehalten war.[31] Er argumentiert damit, dass die liturgischen Handschriften, die für den Gottesdienst bestimmt waren, von einem Priester beim Vorlesen abgerollt wurden und somit die Malereien gleichzeitig für die Gemeinde sichtbar waren.[32] Auch auf den sogenannten „Hungertüchern“, Teppichen oder gestickten Vorhängen, die während der Fastenzeit ausgehängt wurden, zeigten eine Fülle von Darstellungen von Juden und Judentum.[33]

In der christlichen Kunst sind die Szenen der Leidensgeschichte Jesus besonders häufig dargestellt. Blumenkranz stellt in diesem Kontext fest, dass es keinen einzigen Beleg dafür gibt, der eine versöhnliche Haltung gegenüber den Juden aufweist.[34]

Er behauptet allerdings, dass es eine judenfreundliche Tendenz in neutestamentlichen neutestamentarischen Darstellungen gibt.[35] Ein wichtigster Beleg, den ich in Abb. 22 zeige, sei die Darstellung der Jünger und Jesus beim Mahl in Emmaus, so Blumenkranz.[36] Alle drei (2 Jünger und Jesus) sind mit ihrer Kleidung als Juden markiert. Wie man eindeutig erkennen kann, trägt Jesus auch einen Hut, der als jüdischer Hut identifiziert werden kann.

4.1. Baseler Totentanz

Der Baseler Totentanz ist eine Wandmalerei, die um 1440 auf der Kirchhofmauer eines Predigerklosters von einem unbekannten Künstler als Fresko angebracht wurde, welche später zum größten Teil zerstört worden ist.[37]

Sie bestand aus 39 Lebensgrößen Figurenpaaren, so dass er sich wie eine Prozession über eine Länge von knapp 60 Metern erstreckte. Die vierzeiligen Strophen waren jeweils über den Figuren angebracht, erst nach der Renovierung von 1658 stehen die Inschriften dann auf Holztafeln unter den Bildern.[38]

[…]


[1] (Aryeh, 1981) S.318

[2] (Aryeh, 1981) S.318

[3] (Aryeh, 1981) S. 318

[4] (Aryeh, 1981) S.318

[5] Anmerkung: Das Konzil bezeichnet eine Versammlung, meist in kirchlichen Angelegenheiten

[6] (Schreckenberg, 1996) S. 15

[7] (Schreckenberg, 1996) S. 15

[8] (Schreckenberg, 1996) S. 15

[9] (Schreckenberg, 1996) S. 15

[10] (Schreckenberg, 1996) S. 15

[11] (Graus, 1981) S. 385

[12] (Toch, 2013) S. 122

[13] (Rusam, 2007) S.5

[14] (Rusam, 2007) S.5

[15] (Rusam, 2007) S.6

[16] (Stammler, 1948) S.10

[17] http://www.unibe.ch/unipressarchiv/heft118/beitrag07.html

[18] (Stammler, 1948) S.9

[19] http://www.unibe.ch/unipressarchiv/heft118/beitrag07.html

[20] (Schulte, 1990) S. 10

[21] (Kaiser, 1983) S. 41

[22] Kaiser, G. (1983) S. 36

[23] Vgl.(Schulte, 1990) S. 16

[24] Vgl.(Schulte, 1990) S. 20

[25] Kaiser, G. (1983) S. 39

[26] (Opusculum de conversionesua. Ed. G. Niemeyer, Weimer 1963,p.80) (Schreckenberg, 1996)

[27] (Schulte, 1990) S.15

[28] (Schreckenberg, 1996) S.14

[29] Vgl.(Schreckenberg, 1996) S. 14

[30] Vgl. (Blumenkranz, 1965) S. 97

[31] (Blumenkranz, 1965) S. 95

[32] (Blumenkranz, 1965) S. 77

[33] Vgl. (Blumenkranz, 1965) S. 97

[34] (Blumenkranz, 1965) S.77

[35] (Blumenkranz, 1965) S.79

[36] Vgl. (Blumenkranz, 1965) S. 98

[37] Vgl. (Kaiser, 1983) S.194

[38] Vgl.(Kaiser, 1983) S.196

Details

Seiten
37
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668116894
ISBN (Buch)
9783668116900
Dateigröße
10 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312959
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
Baseler Totentanz Totentanz Juden im Mittelalter christliche Motive

Autor

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