Lade Inhalt...

Die Konstruktion von Kreativität und deren interkulturelle Unterschiede. Der Kreativitätsbegriff in der westlichen Welt und in China

Eine vergleichende Betrachtung

Hausarbeit 2014 18 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlage
2.1. Investment-Theorie
2.2. Definitionen
2.2.1. Kultur
2.2.2. Kreativität

3. Schöpfungsmythos - Konzeption der Kreativität
3.1. Westlicher Schöpfungsmythos
3.2. Östlicher Schöpfungsmythos

4. Kulturelle Kreativitätskonzepte
4.1. Westliche Vorstellung des Kreativitätskonzepts
4.2. Östliche Vorstellung des Kreativitätskonzepts

5. Kulturelle Unterschiede innerhalb des kreativen Prozesses.
5.1. Der westliche kreative Prozess am Beispiel des Vier-Phasen-Modells
5.2. Der östliche kreative Prozess am Beispiel der Kalligraphie

6. Fazit und Diskussion.

1. Einleitung

Kaum ein anderer Begriff dürfte in den letzten Jahren so einen Aufschwung erfahren haben wie der der “Kreativität”. In der westlichen Welt ist der Ausdruck heutzutage nahezu omniprä- sent und wird in den verschiedensten Bereichen wie selbstverständlich verwendet. Dabei hat sich die Wissenschaft diesem Thema erst 1950 nach dem Vortrag von Joy Paul Guilford in- tensiv angenommen und es genauer erforscht. Im Zuge dessen sind zahlreiche Definitionsan- sätze, Kreativitätsmodelle und Theorien entstanden, darunter auch die Investment-Theorie von Sternberg und Lubart, auf die im Verlaufe der Arbeit genauer eingegangen werden soll.

Allerdings hat sich bis heute keine einheitliche Definition der Kreativität in der Wissenschaft etabliert. Um dennoch eine erste Betrachtung des Begriffs zu ermöglich, soll sich ihm hier zunächst etymologisch genähert werden. Dabei soll vor allem geklärt werden, inwiefern die Konstruktion von Kreativität kulturell geprägt ist. Als Vergleich hierfür werden das westliche oder auch synonym verwendete abendländische und das östliche Kreativitätskonzept, mit Spezialisierung auf China, genauer untersucht. Ziel der Arbeit soll es daher nicht sein, eine Definition der Kreativität herauszuarbeiten, sondern stattdessen auf das unterschiedliche Ver- ständnis des Begriffs aufmerksam zu machen und interkulturelle Unterschiede herauszustel- len.

Da die etymologische Betrachtungsweise eine Verbindung der Konstruktion von Kreativität und dem Aspekt des Schöpferischen erkennen lässt, schließt sich eine Betrachtung des west- lichen und östlichen Schöpfungsmythos an. Hierbei soll geklärt werden, inwiefern das jeweilige Kreativitätskonzept von den eigenen religiösen und philosophischen Ideen und Wertvorstel- lungen geprägt ist.

Nicht nur das Kreativitätskonzept, sondern auch der kreative Prozess soll so vor dem Hintergrund interkultureller Unterschiede genauer beleuchtet werden. Als westliche Grundlage dient dabei das Vier-Phasen-Modell von Wallas, welches zudem die Grundlage für die von Sternberg und Lubart entwickelte Investment-Theorie darstellt. Als östliche Grundlage bietet sich die chinesische Kalligraphie an. Der Kulturvergleich anhand der Kalligraphie soll einen Perspektivwechsel hinsichtlich des kreativen Prozesses ermöglichen und Aufschluss über das chinesische Kreativitätsverständnis geben.

Die vorangegangenen Ausarbeitungen münden anschließend in einer Zusammenführung der Ergebnisse, bei der die Konstruktion von Kreativität und der damit zusammenhängende krea- tive Prozess noch einmal kritisch vor dem Hintergrund interkultureller Unterschiede betrachtet werden können.

2. Theoretische Grundlage

2.1. Investment-Theorie

Die Investment-Theorie wurde von Sternberg und Lubart erstmals 1991 veröffentlicht. Ein wichtiger Bestandteil der Theorie besteht in der Aussage „Buy low and sell high“1. Diese Formel stammt eigentlich aus der Wirtschaft, weswegen die Investment-Theorie aufgrund ihrer Analogie zur Wirtschaft auch zu den ökonomischen Theorien gezählt wird.

Unter „Buy low“ wird verstanden, dass das Individuum eine neue Idee entwickelt, die noch unpopulär ist und zunächst von anderen unterschätzt wird. In diese Idee soll dann weiter in- vestiert werden, so dass sie in ihrem Wert steigt und an Anerkennung gewinnt. Die Idee wird dahingehend kreativ weiterentwickelt und bekannt gemacht. „Sell high“ meint, dass die weiter- entwickelte und an Bekanntheit gewonnene Idee nun andere Menschen überzeugen und teuer verkauft werden kann.2

Des Weiteren unterscheiden Sternberg und Lubart innerhalb ihrer Theorie vier Ebenen der Kreativität. Dazu zählen die Ressourcen, die Fähigkeiten, die Entwürfe der kreativen Produkte und die Evaluation, also die Bewertungen der kreativen Produkte.

Der Investment-Theorie zufolge gibt es auf der Ebene der Ressourcen sechs Schlüsselfakto- ren, deren Zusammenwirken über den Erfolg eines kreativen Einfalls entscheidet. Dazu zählen Wissen, intelligente Fähigkeiten, Denkstil, Motivation, Persönlichkeitsmerkmale und das Um- feld.3 Das Zusammenwirken dieser Schlüsselfaktoren erzeugt dabei verschiedene Fähigkei- ten. Aus diesen Fähigkeiten können dann kreative Produkte hervorgehen. Diese werden an- schließend von Experten bewertet, die darüber entscheiden, ob die Produkte neu, angemes- sen und damit auch kreativ sind. Dahingehend definieren Sternberg und Lubart das kreative Produkt als etwas, dass „novel (i.e., original, unexpected) and appropriate“4 ist. Die Bewer- tungen dieser Produkte unterliegen allerdings stets äußeren Faktoren, wie beispielsweise dem Sachverständnis der Experten, der jeweiligen Epoche oder eben auch der jeweiligen Kultur.

Im Gegensatz zu vielen Prozessmodellen konzentriert sich damit die Investment-Theorie nicht nur auf kognitive Prozesse, sondern berücksichtigt darüber hinaus affektive und konative Ressourcen, sowie das Umfeld.5

2.2. Definitionen

2.2.1. Kultur

Sternberg und Lubart beschreiben „Kultur“ als „a shared system of cognitions, behaviors, customs, values, rules, and symbols concerning the manner in which a set of people interact with their social and physical environment”6.

Da es sich bei dem Begriff der Kultur, wie auch bei dem Begriff der Kreativität um einen Ter- minus handelt, der die unterschiedlichste Definitionen zu Tage gebracht hat, soll im Verlaufe der Arbeit der von Sternberg und Lubart vorgeschlagene Kulturbegriff zugrunde gelegt werden.

2.2.2. Kreativität

Bis heute gibt es eine Vielzahl an Vorschlägen zur Definition der Kreativität. Allerdings hat sich bis keine einheitliche und allgemeingültig akzeptierte Definition in der Forschung etabliert. Dies liegt vor allem daran, dass Kreativität kein einheitlich verstandenes Konzept darstellt. Daher kann der Begriff nicht einfach generalisiert auf alle Bereiche und Kulturen gleichermaßen bezogen werden. Um eine Definition anzuführen, die nicht kulturell gefärbt ist, soll an dieser Stelle eine etymologische Definition verwendet werden.

Zur Etymologie des Wortes „Kreativität“ lässt sich konstatieren, dass es auf das lateinische „creare“ zurück zu führen ist, was zu Deutsch „neu schöpfen, erfinden, erschaffen“ bedeutet.7 Zudem ist es eng verwandt mit dem lateinischen Wort „crescere“, was sich mit „werden, gedeihen, wachsen“ übersetzen lässt. Die zwei lateinischen Wurzeln “creare“ und crescere“ verweisen dabei auf zwei wichtige Aspekte hinsichtlich des Begriffs: das aktive, bewusste Schaffen des Neuen und das passive Wachsenlassen unbewusster Potentiale. Diese Dichotomie findet sich bis heute noch in modernen Kreativitätskonzepten wieder.8

3. Schöpfungsmythos - Konzeption der Kreativität

Insbesondere der Aspekt des „Schöpferischen“ spielt bei der Konstruktion von Kreativität eine wichtige Rolle. Das Schöpferische bewegt die Menschheit schon seit ihren Anfängen. Aus westlicher Perspektive verweist bereits der erste Satz in der Bibel darauf: „In principo creavit Deus coleum et terram9 - Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. „Creavit“ beziehungs- weise „creare“ ist damit das erste Verb in der Bibel. Die darin beschriebene Schöpfung von Himmel und Erde durch Gott steht für Kreativität in ihrer reinsten Ausprägung.10

Andersherum suchten auch die Menschen selbst in Schöpfungsmythen nach Hinweisen für ihre eigene Existenz, ihrer Stellung in der Welt und den Aufbau der Wirklichkeit.11 Diese von den Menschen generierten Vorstellungen über das Schöpferische, spiegeln zum einen das Welt- und Menschenbild früher Gesellschaften wider. Zum anderen sind diese Vorstellungen bis heute für die Konzepte menschlicher Kreativität bedeutsam.12 Damit wird deutlich, dass eine Analyse von Kreativitätsvorstellungen nicht ohne eine Betrachtung von Schöpfungsmy- then auskommt. Aus diesem Grund sollen im Folgenden der westliche und der östliche Schöp- fungsmythos näher betrachtet werden.

3.1. Westlicher Schöpfungsmythos

Die Schöpfungsvorstellungen der westlichen Welt begründen sich auf den Mythos, der in der Bibel dargestellt wird. Der Kunsthistoriker Lothar Ledderose führt darin drei Aspekte auf, die den westlichen Kreativitätsbegriff entscheidend geprägt haben.

Als erster Akt gilt die Schöpfung, die von einem einzelnen vollbracht wird.13 Dieser einzelne hat zudem einen Namen: in diesem Fall ist es Gott. Den zweiten Akt stellt die zeitliche Fassbarkeit des Schöpfungsprozesses dar. Der Anfangspunkt wird zeitlich mit „in principo“14 bestimmt und die Dauer des Prozesses auf sechs Tage datiert. Diese zwei Aspekte fassen Sternberg und Lubart wiederum als “an insightful production achieved by an individual engaged in a working process with a finite beginning and end”15 zusammen.

Eine besondere Stellung kommt vor allem dem dritten Akt zu: der „creatio ex nihilo“16, der „Schöpfung aus dem Nichts“. So schafft Gott kraft seiner souveränen Entscheidung Himmel und Erde aus dem Nichts. Die Vorstellung einer „creatio ex nihilo“ widerspricht allerdings jeder menschlichen Erfahrung, denn niemand ist je Zeuge einer solchen Art von Hervorbringung gewesen ist. Doch gerade diese Unfassbarkeit wirkt auf die Menschheit so faszinierend. Die- ser kühne Entwurf einer individuellen und einmaligen Schöpfung hat das westliche Denken über die Kreativität stark geprägt.17

3.2. Östlicher Schöpfungsmythos

Dem chinesischen Schöpfungsmythos ist die Erschaffung aus dem Nichts, die „creatio ex nihilo“ hingegen fremd.18 Himmel und Erde waren seit jeher da.

Im Unterschied zu anderen Schöpfungsmythen, bei denen Kosmogonie ein zentrales Element darstellt, kommt diese in der chinesischen überlieferten Mythologie nur fragmentartig vor. Damit lässt sich für die Erschaffung der Welt kein bestimmter Zeitpunkt ausmachen und auch ein Schöpfer tritt nicht in Erscheinung. Die chinesische Mythologie verweist also im Unterschied zum westlichen Schöpfungsmythos weder auf Kosmogonie, einen allmächtigen Schöpfergott noch auf einen genauen Zeitpunkt innerhalb der Schöpfungsgeschichte.

Der sich darin andeutende entscheidende Unterschied zwischen der westlichen Welt und China ist die Tatsache, dass schon allein die Art und Weise, wie in China Religion gelebt wird, sich grundlegend von der westlichen Religiosität unterscheidet. Aus chinesischer Perspektive ist „eine Religion nur eine Lehre unter vielen anderen Lehren“19.

Wie bereits oben angedeutet, ist vielen traditionellen chinesischen Religionen das Konzept eines Gottes fremd. Sie basieren dahingehend eher in der Verehrung der Ahnen oder in philosophischen Ansätzen, wie beispielsweise dem Konfuzianismus.

Nach Ledderose vollzieht sich die religiöse Offenbarung in China vor allem im Medium der Schrift. Er geht sogar so weit, dass er die Kalligraphie als „Paradigma für die Kreativität in China“20 einstuft. Dies wird insbesondere in dem sich hiernach anschließendem Abschnitt zum östlichen Kreativitätskonzept deutlich.

[...]


1 Sternberg, R.J. & Lubart, T.I. (1991). An investment theory of creativity and ist development. Human Development, 34, S. 1.

2 Vgl. Sternberg, Robert J. (1999): Handbook of Creatvity. Cambridge: Cambridge University Press, S.10.

3 Vgl. ebd., S.11 f.

4 Sternberg, Robert J. (1999): Handbook of Creatvity. Cambridge: Cambridge University Press, S.3.

5 Vgl. Sternberg Robert J.; Lubart, Todd 1991, S.5

6 Sternberg, Robert J. (1999): Handbook of Creatvity. Cambridge: Cambridge University Press, S.339.

7 Vgl. Kluge, Friedrich (1995): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin: De Gruyter, S.484.

8 Vgl. Csikszentmihalyi 1996; Runco 2007; Holm-Hadulla 2010

9 Gen 1,27 EU

10 Vgl. Ledderose, Lothar (2000): Kreativität und Schrift in China. In: Rainer M. Holm-Hadulla (Hrsg.) Mit Beitrag von Jan Assmann: Kreativität. Heidelberg: Springer Verlag (Heidelberger Jahrbücher; 44), S.189.

11 Vgl. Assmann, Jan (2000): Schöpfungsmythen und Kreativitätskonzepte im Alten Ägypten. In: Rainer M. Holm-Hadulla (Hrsg.) Mit Beitrag von Jan Assmann: Kreativität. Heidelberg: Springer Verlag (Heidelberger Jahrbücher; 44), S. 157.

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. Ledderose 2000, S.189.

14 Gen 1,27 EU, in principo = Am Anfang

15 Sternberg, Robert J. (1999): Handbook of Creatvity. Cambridge: Cambridge University Press, S.341.

16 Gen 1,27 EU

17 Vgl. Ledderose 2000, S.189

18 Vgl. ebd.

19 Staiber, Wilfried (2014):Unser Wille geschehe. Berlin: epuli GmbH, S.30.

20 Ledderose, Lothar (2000): Kreativität und Schrift in China. In: Rainer M. Holm-Hadulla (Hrsg.) Mit Beitrag von Jan Assmann: Kreativität. Heidelberg: Springer Verlag (Heidelberger Jahrbücher; 44), S.190

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668121126
ISBN (Buch)
9783668121133
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312909
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg – ICAM
Note
1,3
Schlagworte
Kreativität Konzepte Kultur Kreativitätskonzepte Westlich Östlich Abendländisch KreativerProzess Schöpfungsmythos creare

Autor

Zurück

Titel: Die Konstruktion von Kreativität und deren interkulturelle Unterschiede. Der Kreativitätsbegriff in der westlichen Welt und in China