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Empathie in Abhängigkeit von Berufsgruppe und Berufserfahrung

Bachelorarbeit 2015 71 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhalt

Theoretischer Hintergrund
Einleitung
Empathie
Empathietheorie
Empathie bei sozialen Berufen
Eigenschaft versus Fähigkeit
Einflussfaktoren auf die Empathiefähigkeit
Vorliegende Untersuchung

Methode
Versuchspersonen
Versuchsmaterial
Versuchsdurchführung

Ergebnisse

Diskussion

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang

Zusammenfassung

In der vorliegenden Untersuchung wird die Empathiefähigkeit in Abhängigkeit von Berufsgruppe (sozial vs. nicht-sozial) und Berufserfahrung (mit vs. ohne Berufserfahrung) erfasst. Dabei sollen die Variablen Geschlecht, Alter, Geschwister und Kinder als mögliche Kovariaten berücksichtigt werden. Insgesamt 1676 Personen beantworteten zwei Fragebögen zur Erfassung der Empathiefähigkeit.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Kovariablen Geschlecht und Alter einen Einfluss auf die Empathiefähigkeit haben. Nachdem diese Faktoren kontrolliert wurden, zeigte sich ein bedeutsamer Effekt der Berufsgruppe auf die Empathiefähigkeit: Personen, die einen sozialen Beruf ausüben bzw. anstreben sind empathischer als Personen, die einen nicht-sozialen Beruf ausüben oder anstreben. Für die Berufserfahrung konnte kein positiver Effekt auf die Empathiefähigkeit nachgewiesen werden und die Interaktion von Berufsgruppe und Berufserfahrung erlangte keine statistische Signifikanz: Personen, die in einem sozialen Beruf arbeiten und somit über Erfahrungswissen verfügen, sind demnach nicht am empathischsten.

Methode und Ergebnisse werden kritisch hinterfragt und Implikationen für die weitere Forschung und Praxis diskutiert.

Fühlen, was andere fühlen: Empathie in Abhängigkeit von Berufsgruppe und Berufserfahrung

Theoretischer Hintergrund

Einleitung

Als Ben seinen Großeltern berichtet, dass er sein Abitur erfolgreich abgeschlossen hat, brechen sie mit ihm gemeinsam in Jubel aus, als wenn sie selbst vor kurzem erst die Abiprüfung bestanden hätten. Anna schießen die Tränen in die Augen, als sie erfährt, dass die Mutter ihrer besten Freundin gestorben ist. Max verspürt einen unwillkürlichen Schmerz, als er sieht wie eine Tür zugeschlagen wird und sein Freund sich dabei die Finger zwischen Tür und Rahmen einklemmt. Alle haben eins gemeinsam: Empathie. „Freude an der Freude und Leid am Leid des Anderen, das sind die besten Führer der Menschen“ sagte bereits Albert Einstein (1931, zitiert nach Einstein & Calaprice, 2005, S. 131). Das Zusammenleben der Menschen würde ohne Empathie nicht gelingen. Empathie ist ohne Frage eine wichtige Fähigkeit. Sie ermöglicht uns zu erkennen, wie sich eine andere Person fühlt oder was diese vielleicht denkt (Baron-Cohen & Wheelwright, 2004). Empathie erlaubt uns, die Absichten anderer zu verstehen, ihr Verhalten vorherzusagen und ein Gefühl zu erleben, welches durch die Emotion anderer ausgelöst wird. Kurz gesagt, ermöglicht uns die Empathie in der sozialen Welt effektiv zu interagieren (Baron-Cohen & Wheelwright, 2004). Es gibt dennoch interindividuelle Unterschiede im Ausmaß des Erlebens der Empathie. Warum ist eine Person empathischer als die andere? Gibt es Merkmale, in denen sie sich unterscheiden? Empathie spielt besonders in sozialen Berufen eine essentielle Rolle, wie zum Beispiel bei der Beziehung zwischen Therapeut und seinem Patienten (Burns & Nolen-Hoeksema, 1992; Clark, 2010; Rogers, 1975).

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, sowohl den Einfluss der Berufsgruppe als auch den Einfluss der Berufserfahrung bezogen auf die Empathiefähigkeit von Personen zu untersuchen. Dazu wird zunächst eine Definition der Empathie gegeben und es werden verwandte Konstrukte sowie Komponenten der Empathie beschrieben. Des Weiteren wird ein Überblick gegeben über den aktuellen Forschungsstand in Bezug auf soziale Berufe und die Erfahrung in einem sozialen Beruf zu arbeiten. Der empirische Teil soll Aufschluss über die durchgeführte Untersuchung liefern. Dazu werden zum einen die Methode mit der Darstellung der verwendeten Messinstrumente und zum anderen die Auswertung und die Ergebnisse vorgestellt. Im Anschluss werden die Ergebnisse interpretiert und diskutiert.

An dieser Stelle ist noch anzumerken, dass auf geschlechtsneutrale Formulierungen aus Gründen der Einfachheit und der besseren Lesbarkeit verzichtet wurde. Im Text sind immer beiderlei Geschlechter gemeint.

Empathie

Definition. Das Wort „empathy” wurde von Titchener im Jahr 1909 als eine Übersetzung des deutschen Wortes „Einfühlung” eingeführt (S.21). Der Begriff Empathie stammt ursprünglich vom griechischen Wort „empatheia“ (Leidenschaft) ab, was sich aus „en“ (in) und „pathos“ (Gefühl) zusammensetzt. Trotz der offensichtlichen Bedeutung von Empathie gibt es Schwierigkeiten dieses Konzept zu definieren (Baron-Cohen & Wheelwright, 2004). Bis zum heutigen Zeitpunkt existiert keine allgemein gültige Definition von Empathie (Leiberg & Anders, 2006; Singer & Lamm, 2009). Davis (1983) versteht unter Empathie im Allgemeinen die Reaktionen einer Person auf die beobachteten Erfahrungen anderer.

Abgrenzung. Es existieren verwandte Konstrukte, die eindeutig von Empathie abgegrenzt werden können, die jedoch häufig mit Empathie in Beziehung gebracht und daher auch zum Teil verwechselt werden. Verwandte Begriffe der Empathie sind beispielsweise Gefühlsansteckung, Sympathie und Mitgefühl.

Sowohl bei Empathie als auch bei Gefühlsansteckung übernimmt man die Gefühle einer anderen Person. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass man bei Empathie zwischen eigenen und fremdinduzierten Gefühlen differenzieren kann. Dies kann bei der Gefühlsansteckung jedoch nicht voneinander abgegrenzt werden und darum handelt man so, als ob das Gefühl der anderen Person von einem selbst ausgeht (Hsee, Hatfield & Carlson, 1990). Gefühlsansteckung ist vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern zu beobachten. Wenn eines der Kinder anfängt zu schreien, schreien die anderen Kinder kurz darauf ebenfalls (Singer & Lamm, 2009).

Unter Sympathie versteht man die meist unbewusste emotionale Zuneigung zwischen zwei Menschen. Cialdini (2007) konnte belegen, dass Sympathie primär bei einer Person entsteht, wenn Ähnlichkeiten mit der anderen Person existieren oder die Person diese Ähnlichkeiten nur vermutet. Die gemeinsame emotionale Verbundenheit von zwei Personen, also die „gemeinsame Wellenlänge“ ist sowohl bei Empathie als auch bei Sympathie vorhanden. Dennoch kann Empathie nicht mit Sympathie gleichgesetzt werden, da beide etwas gänzlich Unterschiedliches bedeuten. Empathie bezieht sich auf Verständnis, während Sympathie meist im Sinne der Zuneigung verstanden wird (Baron-Cohen & Wheelwright, 2004).

Auch Empathie und Mitgefühl können nicht als dasselbe Konstrukt betrachtet werden, da Mitgefühl als ein Bestandteil und als eine unspezifische Voraussetzung der Empathie angesehen wird. Laut Hojat (2007) ist Mitgefühl als affektive Komponente in Empathie enthalten. Empathie und Mitgefühl unterscheiden sich insofern, dass bei Empathie die Gefühle mit denen der beobachteten Person kongruent sind, während Mitgefühl nicht unbedingt geteilte Emotionen umfasst (Singer & Lamm, 2009). Fühlt man beispielsweise mit einer traurigen Person mit, würde man bei Empathie ebenfalls Trauer empfinden. Mitgefühl würde sich hingegen in Bedauern oder mitfühlender Anteilnahme äußern (Singer & Lamm, 2009).

Empathietheorie

Affektive und kognitive Empathie. In der Literatur wird Empathie von zwei unterschiedlichen Betrachtungsperspektiven dominiert. Seit langem wird Empathie entweder als affektives oder als kognitives Konstrukt beschrieben (Baron-Cohen & Wheelwright, 2004).

Der affektive Ansatz definiert Empathie als eine emotionale Antwort eines Beobachters auf einen emotionalen Zustand einer anderen Person und hebt die Angemessenheit der emotionalen Antwort hervor (Baron-Cohen & Wheelwright, 2004). Fühlt man Trauer aufgrund des Verlustes eines Freundes, so steht dies in keinem Zusammenhang zu Empathie, da die Emotion egozentrisch, wenn auch angemessen ist. Damit eine Emotion als Empathie eingeordnet werden kann, muss die Emotion eine Konsequenz der Emotion einer anderen Person sein (Baron-Cohen & Wheelwright, 2004). Der affektive Aspekt der Empathie umfasst also das Erleben einer emotionalen Reaktion im eigenen Inneren, die durch den Gefühlszustand einer anderen Person hervorgerufen wird. Es wird mitgefühlt und eine emotionale Verbindung mit der Person hergestellt (Bölte & Pforte, 2007). Affektive Empathie bedeutet sich genauso zu fühlen wie eine andere Person (Gladstein, 1983), es geht demzufolge vor allem um das Fühlen und Teilen der Gefühle anderer (Berg, Majdan, Berg, Veloski & Hojat, 2011).

Der kognitive Ansatz bezeichnet Empathie hingegen als eine Fähigkeit, die Gefühle und Gedanken anderer Personen zu erkennen und zu verstehen (Baron-Cohen & Wheelwright, 2004), ohne notwendigerweise zum Beispiel Mitleid zu empfinden (Bölte & Pforte, 2007). Gladstein (1983) bezeichnet die kognitive Empathie als eine intellektuelle Perspektivübernahme, also als eine Fähigkeit, sich in die Lage einer anderen Person zu versetzen und ihre Gefühle nachvollziehen zu können, ohne aber die korrespondierenden Gefühle selbst erleben zu müssen (Davis & Franzoi, 1991). Die Fähigkeit zur kognitiven Empathie wird häufig auch als „Theory of Mind“ bezeichnet. Diese Bezeichnung lässt sich nicht gut ins Deutsche übersetzen und ist insofern etwas unglücklich gewählt, weil es sich nicht um eine Theorie, sondern um eine Fähigkeit handelt (Bölte & Pforte, 2007). Die Theory of Mind besagt, dass eine Person in der Lage ist sich und anderen Personen mentale Gefühlszustände zuzuschreiben (Premack & Woodruff, 1978).

Empathie als multidimensionales Konstrukt. Inzwischen wird Empathie als ein Konzept angesehen, das sowohl kognitive als auch affektive Komponenten beinhaltet (Paulus, 2009). Die Autoren Baron-Cohen und Wheelwright, (2004) sprechen sich dafür aus, dass beide Ansätze gleichermaßen notwendige Bestandteile für eine Definition von Empathie sind und nehmen an, dass kognitive und affektive Komponenten in den meisten Fällen gemeinsam auftreten und nur schwer voneinander zu trennen sind. Es lässt sich also festhalten, dass unter Empathie die Kapazität verstanden wird, sich in andere Menschen hineinzudenken und hineinzufühlen. Auch neurobiologische Studien stützen diese Annahme: Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren deuten darauf hin, dass bei kognitiven und affektiven empathischen Prozessen jeweils unterschiedliche Regionen im Gehirn aktiviert werden (Singer, 2006). Laut Davis (1980) bestehen die kognitive und affektive Komponente der Empathie aus einem Interdependenzsystem, in welchem sie sich beide gegenseitig beeinflussen. Empathie ist somit ein komplexes multidimensionales Konzept (Davis, 1980, 1983) und wird in der vorliegenden Arbeit auch als solches verstanden.

Vier-Komponenten-Modell. Eines der in der wissenschaftlichen Forschung am stärksten etablierten Modelle dürfte das Vier-Komponenten-Modell von Davis (1980, 1983) sein. Nach ihm gliedert sich Empathie in vier Subdimensionen: (1) Perspektivenübernahme, (2) Fantasie, (3) empathische Anteilnahme und (4) persönlicher Distress. Die Perspektivübernahme reflektiert die Tendenz oder die Fähigkeit die Perspektive einer anderen Person einzunehmen und sich in ihre Situation hineinzudenken. Die Fantasie-Empathie wird als Tendenz bezeichnet, sich mit Figuren in Filmen, Romanen, Theaterstücken oder anderen fiktiven Situationen zu identifizieren. Die empathische Anteilnahme reflektiert Gefühle von Wärme, Mitgefühl und Sorge um andere Personen in unangenehmen realen Situationen (Davis, 1980, 1983). Die konzeptionelle Unterscheidung zwischen fiktiven und realen Auslösern der Empathie, wird damit begründet, dass für Reaktionen auf reale Situationen möglicherweise andere Verarbeitungsprozesse erforderlich sind als für Reaktionen auf fiktive Gegebenheiten (Leibetseder, Laireiter, Riepler & Köller, 2001). Beim persönlichen Distress können unangenehme Gefühle von Angst und Unbehagen erlebt werden, welche aus der Beobachtung negativer Erfahrungen anderer resultieren (Davis, 1980, 1983; Paulus, 2009). Diese Gefühle sind aber nicht an die andere Person gerichtet, sondern es handelt sich eher um persönliche, egozentrische Gefühle des Unbehagens, während die empathische Anteilnahme fremdorientierte Gefühle umfasst (Hall, Davis & Conelly, 2000). Die drei Komponenten empathische Anteilnahme, Fantasie und persönlicher Distress können laut Davis (1980) der affektiven Empathie zugeordnet werden, während die Skala Perspektivübernahme der kognitiven Empathie zuzurechnen ist. Angesichts der relativen Unabhängigkeit der vier Komponenten sind eine Vielzahl von Konstellationen der Empathie möglich (Davis, 1980). Trotzdem ist bislang nicht vollständig geklärt, wie und auf welche Weise die verschiedenen Empathiekomponenten miteinander in Beziehung stehen. Davis (1980) konnte belegen, dass je stärker die Tendenz zur Perspektivübernahme ausgeprägt ist, desto geringer ist der persönliche Distress und desto stärker ist die empathische Anteilnahme für andere ausgeprägt.

Empathie bei sozialen Berufen

Bevor näher auf Empathie bei sozialen Berufen eingegangen wird, wird zunächst definiert was in der vorliegenden Untersuchung unter sozialen Berufen verstanden wird. Das Wort „sozial“ hat seinen Ursprung im lateinischen Wort „socialis“, bedeutet „gesellschaftlich“ und ist sinnverwandt mit den Begriffen „gemeinnützig“ und „hilfsbereit“ (Duden, 2014). Der Bereich der sozialen Berufe ist in Deutschland ungeordnet, unscharf und unübersichtlich. Es existiert bisher keine einheitliche Definition, welche Berufe dem sozialen Arbeitsfeld zugeordnet werden können. Die vorliegende Studie stützt sich in Bezug auf die Zuordnung der Berufe auf die folgende Definition: Der Sozialberuf ist ein „Beruf, bei dem die Arbeit hilfsbedürftigen Mitmenschen gewidmet ist“ (Duden, 2014). Demzufolge können diejenigen Berufe den sozialen Berufen zugeordnet werden, die zum Gegenstand haben, Menschen sowohl zu begleiten, sie zu beraten und zu erziehen als auch ihnen zu helfen, sie zu unterstützen, zu pflegen und ihnen in verunsicherten Situationen Halt zu geben.

In vielen sozialen Berufen wird Empathie als essentieller Bestandteil der Tätigkeit betrachtet. Dies konnte zum Beispiel bei Therapeuten (Burns & Nolen-Hoeksema, 1992; Rogers, 1975), aber auch bei anderen sozialen Berufen, wie bei Ärzten (Adler, 2007), Beratern (Clark, 2010) oder medizinischem Pflegepersonal (Olson, 1995) nachgewiesen werden. Empathie ist bei sozialen Berufen also von großer Bedeutung, sie begünstigt eine gute Zusammenarbeit zwischen Therapeut und Patient (Duan & Hill, 1996) und steuert entscheidend zu einer effektiven Therapie bei (Burns & Nolen-Hoeksema, 1992; Hall et al., 2000). In der Studie von Burns und Nolen-Hoeksema (1992) sollten Patienten angeben, wie empathisch sie ihre Therapeuten wahrnehmen. Es zeigte sich, dass sich Patienten, die von Therapeuten mit den höchsten Empathiewerten therapiert wurden schneller von ihrer Erkrankung erholten als Patienten, die von Therapeuten mit den niedrigsten Empathiewerten behandelt wurden. Hall und Kollegen (2000) untersuchten, ob Unterschiede zwischen Psychologen, die im Bereich Lehre und Forschung beschäftigt sind und Psychologen, die in der klinischen Praxis arbeiten, in Bezug auf Empathie existieren. Dazu wurden die Psychologen mit leidenden Menschen konfrontiert. Klinische Psychologen neigten im Vergleich zu wissenschaftlich tätigen Psychologen eher zur Perspektivübernahme, empathischen Anteilnahme und zeigten weniger persönlichen Distress. In einer Untersuchung von Hassenstab, Dziobek, Rogers, Wolf und Convit (2007) zeigten Psychotherapeuten im Vergleich zu Personen, die keine Erfahrung in sozialen Berufen besitzen bessere Werte in Bezug auf kognitive Empathie. Psychotherapeuten haben folglich eine bessere Fähigkeit mentale Gefühlszustände anderer Personen richtig zu erkennen. Auch in der Untersuchung von Pühringer (2012) konnte gezeigt werden, dass Klinische Psychologen und Berater höhere Werte in den Dimensionen Perspektivübernahme und empathische Anteilnahme sowie geringere Werte in der Dimension persönlicher Distress aufzeigen, verglichen mit Personen aus nicht-sozialen Berufen.

Eigenschaft versus Fähigkeit

Es stellt sich die Frage, ob Empathie eine Persönlichkeitseigenschaft oder eine erlernbare Fähigkeit darstellt. Dieser Frage liegen zwei mögliche Modelle zugrunde. Für manche Wissenschaftler gilt Empathie als eine Persönlichkeitseigenschaft (Buie, 1981; Davis, 1983; Leibetseder et al., 2001) und wird zum Beispiel als „dispositional empathy“ (Davis, 1983, S.167) bezeichnet. Diesem Standpunkt unterliegt die Überzeugung, dass Personen eher geneigt sind einer Beschäftigung nachzugehen, die mit ihren Interessen übereinstimmt (Holland, 1996). Holland (1996) postuliert, dass die Persönlichkeit einen kausalen Einfluss auf die Berufswahl ausübt. Gemäß dieser Annahme fühlen sich Menschen auf natürliche Weise solchen Berufen hingezogen, die ihnen die Möglichkeit bieten, sich konsistent zu ihren persönlichen Neigungen und Vorlieben zu verhalten und vermeiden Berufe, die Verhalten erfordern, welche im Widerspruch zu ihren natürlichen Neigungen stehen (Hall et al., 2000). In Anbetracht dessen dürfte die Arbeit im sozialen Kontext für diejenigen zukünftigen Erwerbstätigen mit hoher empathischer Anteilnahme, einer hohen Fähigkeit zur Perspektivübernahme und geringem persönlichen Distress attraktiver sein als für diejenigen zukünftigen Erwerbstätigen, die diese Eigenschaften nicht teilen (Hall et al., 2000).

Demgegenüber steht ein anderes Modell, welches annimmt, dass Empathie eine erlernbare Fähigkeit ist. Duan und Hill (1996) definieren Empathie als einen aus mehreren Phasen bestehenden und auf Erfahrung basierenden Prozess. Es stellt sich die Frage, ob die Erfahrung in einem sozialen Beruf zu arbeiten, eine positive Wirkung auf die Empathiefähigkeit hat. Machado, Beutler und Greenberg verglichen 1999 in ihrer Untersuchung erfahrene Therapeuten mit Psychologiestudenten, die einen Beruf als Therapeut anstrebten. Es stellte sich heraus, dass Therapeuten aufgrund ihrer Erfahrung bessere Fähigkeiten aufwiesen, das emotionale Erleben von Klienten zu erfassen als jüngere Personen, die den gleichen Beruf anstrebten.

Einflussfaktoren auf die Empathiefähigkeit

Bezüglich der Empathiefähigkeit konnten sowohl Unterschiede zwischen Männern und Frauen als auch zwischen jüngeren und älteren Personen gefunden werden. Darüber hinaus kann man aus der Literatur den Schluss ziehen, dass auch die Geschwisteranzahl und das Vorhandensein von eigenen Kindern Einfluss auf die Empathiefähigkeit nehmen könnte. Im Folgenden wird auf diese vier Aspekte näher eingegangen.

Geschlecht. Es konnte in zahlreichen Studien belegt werden, dass Frauen im Vergleich zu Männern empathischer sind (Baron-Cohen, Jolliffe, Mortimore & Robertson, 1997; Baron-Cohen & Wheelwright, 2004; Davis, 1980, 1983; Davis & Franzoi, 1991; Eisenberg & Lennon, 1983; Hall, 1978; Hoffman, 1977). Davis (1980, 1983) konnte beispielsweise zeigen, dass Frauen in allen vier Empathiekomponenten höhere Werte erzielten als Männer, wobei der größte Unterschied für die Fantasiekomponente bestand.

Alter. Hinsichtlich eines denkbaren Effektes des Alters auf die Empathiefähigkeit gibt es zum Teil widersprüchliche Befunde. Bei Längsschnittstudien zur Untersuchung der Empathie anhand einer Selbstbeurteilung der Personen konnten bislang drei unterschiedliche Muster beobachtet werden. Während in der Untersuchung von Helson, Jones & Kwan (2002) eine Abnahme der Empathie über die Zeit zu beobachten war, nahm die Empathie in der Studie von Davis und Franzoi (1991) bei denselben Personen über die Zeit zu. Die Mehrheit an Studien kommt allerdings zu dem Schluss, dass die Empathiefähigkeit über die Jahre hin unverändert bzw. stabil bleibt (Eisenberg et al., 2002; Grühn, Rebucal, Diehl, Lumley & Labouvie-Vief, 2008). Im Gegensatz dazu verweisen die meisten Querschnittsstudien auf einen negativen Zusammenhang von Empathie und Alter. Jüngere Personen zeigten demnach höhere Empathiewerte als ältere Personen, sodass von einer Abnahme der Empathiefähigkeit auszugehen ist (Grühn et al., 2008). Richter und Kunzmann (2011) schlussfolgern aus diesen entgegengesetzten Ergebnissen, dass die Altersunterschiede in den Querschnittsstudien nicht auf Alterseffekte, sondern vielmehr auf Kohorteneffekte zurückzuführen sind. Ältere Kohorten weisen demzufolge geringere Empathiewerte auf als jüngere Kohorten.

Geschwister. Ein wesentliches Übungsfeld für Empathie stellt die Beziehung zu Geschwistern dar. Die Wirkung von Geschwistern auf die Empathiefähigkeit ist in der Forschung unter der Vermutung untersucht worden, dass sich Geschwister infolge einer intensiven Wechselbeziehung eine hohe Empathiefähigkeit aneignen. So drückten beispielsweise in einer Untersuchung von Dunn und Kendrick (1982) 24 bis 30 Monate alte Kinder zu 40% empathische Anteilnahme gegenüber ihren acht Monate alten Geschwistern aus und diese Häufigkeit wächst nur sechs Monate später sogar auf 65% an. Die Kinder drückten auf den Gesichts- und Gefühlsausdruck von Unbehagen ihres Geschwisters Betroffenheit aus und spendeten ihnen Trost indem sie ihren Geschwistern Spielzeug oder Essen anboten. Geschwister sind also von großer Bedeutung für die Entwicklung von Empathie, da die Fähigkeit sich in andere hineinversetzen zu können durch Geschwisterbeziehungen gelernt wird. Dass die Geschwisterbeziehung für die Entwicklung der Empathie eine große Rolle spielt wurde bislang allerdings nur bei Kleinkindern untersucht (Dunn & Kendrick, 1982).

Kinder. Bekanntlich müssen Eltern in der Lage sein, die emotionalen Signale ihres Kindes wahrzunehmen und richtig zu interpretieren (Ainsworth, Bell & Stayton, 1974). Zum Beispiel müssen Eltern auf emotionale Signale, wie Weinen reagieren und sie müssen wissen, ob und wann ihr Kind Hunger oder Durst hat. Daraus lässt sich ableiten, dass Eltern empathischer sein könnten als Personen ohne Kinder, da sie in der Lage sein müssen, die Sicht ihres Kindes zu übernehmen, um nicht nur prompt, sondern auch angemessen auf Signale des Kindes zu reagieren (Ainsworth et al., 1974).

Vorliegende Untersuchung

In zahlreichen Untersuchungen konnte belegt werden, dass Empathie in einigen sozialen Berufen eine bedeutende Rolle spielt, unter anderem bei Therapeuten (Burns & Nolen-Hoeksema, 1992; Rogers, 1975), Ärzten (Adler, 2007), Beratern (Clark, 2010) oder medizinischem Pflegepersonal (Olson, 1995). Bisher hat man jedoch nur spezifische Berufe bezüglich der Empathie untersucht. Um aber allgemein eine Aussage treffen zu können, ob Personen aus sozialen Berufen empathischer sind, wird in dieser Arbeit eine Vielzahl sozialer Berufe untersucht und mit nicht-sozialen Berufen verglichen. Man hat außerdem feststellen können, dass Therapeuten aufgrund ihrer Erfahrung bessere Fähigkeiten aufwiesen, das emotionale Erleben von Patienten zu erfassen als Psychologiestudenten, die den gleichen Beruf anstrebten (Machado et al., 1999). Angesichts dieser Ergebnisse, sollten Berufstätige, die im sozialen Bereich arbeiten aufgrund ihrer Erfahrung höhere Empathiewerte aufweisen als Personen, die einen sozialen Beruf anstreben. Folglich dürften Personen, die einen sozialen Beruf ausüben am empathischsten sein. Da eher von denjenigen zukünftigen Erwerbstätigen mit hoher empathischer Anteilnahme, einer hohen Fähigkeit zur Perspektivübernahme und geringem persönlichen Distress ein Beruf im sozialen Bereich angestrebt wird (Hall et al., 2000), sollten Personen, die einen sozialen Beruf anstreben empathischer sein als Personen, die einen nicht-sozialen Beruf ausüben.

Bisherige Untersuchungen in Bezug auf Empathie haben entweder Psychotherapeuten mit Berufstätigen nicht-sozialer Berufe (Hassenstab et al., 2007), Psychotherapeuten mit Psychologiestudenten (Machado et al., 1999), oder Klinischen Psychologen mit Psychologen aus Forschung und Lehre (Hall et al., 2000) verglichen. Allerdings gibt es noch keine Untersuchung, die Unterschiede bezüglich der Empathiefähigkeit zwischen Personen, die einen sozialen Beruf anstreben, Personen, die einen sozialen Beruf ausüben, Personen, die einen nicht-sozialen Beruf anstreben sowie Personen, die einen nicht-sozialen Beruf ausüben, erforscht.

Es lässt sich zusammenfassen, dass es in der Literatur sehr viele Belege dafür gibt, dass Frauen im Vergleich zu Männern empathischer sind (Baron-Cohen et al., 1997; Baron-Cohen & Wheelwright, 2004; Davis, 1980, 1983; Davis & Franzoi, 1991; Eisenberg & Lennon, 1983; Hall, 1978; Hoffman, 1977). Daneben konnten in vergangenen Querschnittsuntersuchungen ein negativer Zusammenhang zwischen Alter und Empathie festgestellt werden (Davis & Franzoi, 1991; Eisenberg et al., 2002; Grühn et al., 2008; Helson et al., 2002; Richter & Kunzmann, 2011). Da man auch in der vorliegenden Studie von Geschlechtsunterschieden zugunsten der Frauen und möglichen Alterseffekten ausgehen kann, scheint es sinnvoll zu sein sowohl das Geschlecht als auch das Alter als Kovariate zu berücksichtigen. Auch Geschwisterbeziehungen spielen eine große Rolle für die Entwicklung von Empathie (Dunn & Kendrick, 1982). Dies wurde bisher allerdings nur bei Säuglingen und Kleinkindern untersucht. Ob Geschwister auch im Erwachsenalter einen Einfluss auf die Empathie haben, wurde bisher noch nicht erforscht. Denkbar wäre, dass Personen, die als Einzelkind, also ohne Geschwister, aufgewachsen sind ein niedrigeres Ausmaß der Empathiefähigkeit besitzen als Personen, die mit mindestens einem Geschwisterkind aufgewachsen sind. Aus diesem Grund wird die Anzahl der Geschwister als weitere Kovariate einbezogen. Des Weiteren ist bekannt, dass Eltern in der Lage sein müssen, die emotionalen Signale ihres Kindes wahrzunehmen und richtig zu interpretieren (Ainsworth et al., 1974). Daraus lässt sich ableiten, dass Eltern empathischer sein könnten als Personen ohne Kinder. Daher wird in dieser Studie als weitere Drittvariable miterfasst, ob die Probanden Kinder haben oder nicht.

Ziel der Untersuchung. In der vorliegenden Arbeit soll der Einfluss der Berufsgruppe (sozial vs. nicht-sozial) und der Berufserfahrung (Berufserfahrung vs. keine Berufserfahrung) unter Berücksichtigung der vorgenannten Variablen (Geschlecht, Alter, Anzahl der Geschwister, Kinder) bezogen auf die Empathiefähigkeit von Personen untersucht werden. Schüler und Studenten sind der Gruppe ohne Berufserfahrung (Berufswunsch) zugeordnet, wohingegen Auszubildende der Gruppe mit Berufserfahrung (Berufsausübung) zugeordnet sind, da Auszubildende während ihrer Ausbildung bereits arbeiten und somit als Berufstätige angesehen werden können.

Hypothesen. Auf Basis des beschriebenen theoretischen Hintergrundes können folgende Hypothesen abgeleitet werden:

1. Personen, die einen sozialen Beruf ausüben bzw. anstreben sind empathischer als Personen, die einen nicht-sozialen Beruf ausüben bzw. anstreben.
2. Berufstätige sind empathischer als Personen, die einen Beruf anstreben.
3. Personen, die einen sozialen Beruf ausüben sind am empathischsten.

Methode

Versuchspersonen

An der vorliegenden Untersuchung nahmen insgesamt 1710 Versuchspersonen teil, von denen 34 ausgeschlossen werden mussten, da zwölf von ihnen noch unschlüssig bezüglich ihres Berufswunsches waren, sieben keine oder nur ungenaue Angaben zum aktuellen Beruf gemacht haben und 15 Personen niemals berufstätig waren. Somit ergab sich letztendlich eine Stichprobe von 1676 Personen, von denen 581 männlich (34.7%) und 1095 weiblich (65.3%) waren. Das Alter der Probanden variierte zwischen 14 und 71 Jahren mit einem durchschnittlichen Alter von 28.77 Jahren (SD = 10.33). Insgesamt 1306 Probanden (77.9%) hatten keine Kinder und 279 Teilnehmer (16.6%) keine Geschwister. Die meisten Teilnehmer (n = 774, 46.2%) wuchsen mit einem Geschwisterkind, 22.5% der Probanden mit zwei Geschwistern, 9.2% mit drei, 3.8% mit vier und nur 1.7% mit fünf oder mehr Geschwistern auf. Es handelt sich um eine Stichprobe mit einer überdurchschnittlich hohen Bildung: 831 Probanden (49.6%) gaben an das Abitur, allgemeine oder fachgebundene Hochschulreife zu haben, weitere 361 Personen (21.5%) hatten bereits einen Hochschulabschluss. Die restlichen 28.4% waren Schüler, Personen mit Hauptschul- bzw. Volksschul-, Realschulabschluss, einem Abschluss der Polytechnischen Oberschule, ohne oder einem anderen Abschluss. Die Werte zur formalen Bildung können aus Tabelle 1 entnommen werden. Knapp die Hälfte der Probanden (n = 778, 46.4%) war erwerbstätig, 152 Probanden (9.1%) befanden sich in einer Ausbildung, 4.5% gingen noch zur Schule, 578 Teilnehmer (34.5%) gaben an zu studieren und die restlichen 5.5% waren nicht mehr berufstätig. Die Angaben zur momentanen Beschäftigung sind in Tabelle 2 zu finden.

Tabelle 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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Details

Seiten
71
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668116054
ISBN (Buch)
9783668116061
Dateigröße
3.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312899
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,3
Schlagworte
empathie abhängigkeit berufsgruppe berufserfahrung

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Titel: Empathie in Abhängigkeit von Berufsgruppe und Berufserfahrung