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Italo Calvinos "La fiaba dei gatti". Eine Analyse der Struktur und des Frauenbildes

Hausarbeit 2012 19 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Anmerkungen zum Volksmärchen
2.1 Italienische Märchen
2.2 Italo Calvinos Fiabe Italiane
2.3 Struktur und Aufbau von Volksmärchen

3 Das Frauenideal in der traditionellen italienischen Gesellschaft

4 Analyse des Märchens La fiaba dei gatti
4.1 Herkunft und Inhalt
4.2 Struktur und Aufbau
4.3 Das Frauenbild in La fiaba dei gatti

5 Schlusswort

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ora il viaggio tra le fiabe è finito, il libro è fatto, scrivo questa prefazione e ne son fuori. Riuscirò a rimettere i piedi sulla terra?[1]

So schreibt Italo Calvino über seine Tätigkeit als Märchensammler. Gegenstand dieser Arbeit ist die Analyse des Märchens La Fiaba dei gatti aus Italo Calvinos Märchensammlung Fiabe italiane. Raccolte della tradizione popolare durante gli ultimi cento anni e trascritte in lingua dai vari dialetti. Dabei liegt das Erkenntnisziel in der Beantwortung der Fragen, wie das Märchen aufgebaut und strukturiert ist, mit welchen Eigenschaften und Attributen die Mädchenfiguren beschaffen sind und ob durch ihre Darstellung eine moralische Botschaft vermittelt wird und wenn ja, welche. Dabei folgt die Arbeit in Kapitel zwei zunächst einem gattungsgeschichtlichen Ansatz, in dem die Entwicklung der italienischen Märchen beschrieben und insbesondere auf die Sammeltätigkeit von Italo Calvino eingegangen wird. Im Anschluss folgt eine Analyse der Struktur und des Aufbaus der Volksmärchen, nach den Theorien Wladimir Propps[2] und Max Lüthis. In Kapitel zwei schließt sich ein historisch gelenkter Geschlechterdiskurs an, in dem die Rolle und das Bild der Frau in der traditionellen italienischen Gesellschaft beleuchtet werden soll. In Kapitel vier folgt die Textanalyse des konkreten Märchens. Dabei wird dieses in Hinsicht auf Struktur, Figurenkonstellation und der Beschreibung des Frauenbildes untersucht, wobei die Betrachtungen sich dabei auf die Mädchengestalten des Märchens beschränken. Im Schlusswort werden die Ergebnisse zusammengetragen und ein kurzer Ausblick gegeben.

2 Anmerkungen zum Volksmärchen

2.1 Italienische Märchen

Italien hat unter den Ländern unseres Erdteils den Ruhm, auf die Volksmärchen zuerst das Auge gelenkt zu haben. Als älteste Sammlung sind die dreizehn Ergötzlichen Nächte des Giovan Francesco Straparola zu nennen, deren erster Teil 1550 zu Venedig und deren zweiter ebenda 1554 erschien.[3]

Unter den 74 Erzählungen dieses Werkes, welches unter dem Namen Le piacevoli notti erscheint,[4] finden sich 21 Märchen.[5] Diese trägt Straparola, neben Übernahmen aus Boccaccio, Morlini und Jacobus a Voragine, aus den mündlichen Überlieferungen des italienischen Volkes zusammen.[6] Er behält größtenteils den drastischen und derben Ton der Volkssprache bei, sodass das Werk auf dem kirchlichen Index der verbotenen Bücher erscheint.[7] Als nächste Sammlung erscheint 1634 bis 1636 Lo cunto de li cunti, ouero Lo trattenemiento de peccerille von Giambattista Basile.[8] Das Märchen aller Märchen wird kurz nach Basiles Tod von seiner Schwester in neapolitanischer Sprache herausgebracht „und [ist] seit der Ausgabe von 1713 auch unter dem an Boccaccio angelehnten Titel Pentamerone bekannt […].“[9] Basile ist der erste Autor, der ausschließlich mündlich tradierte Volksstoffe aufschreibt, „wodurch er dem Volksmärchen einen festen Platz in der Literatur schafft.“[10] In Italien bleibt es bis zum 19. Jahrhundert bei diesen beiden Sammlungen. Erst ab 1864 beginnen andere SammlerInnen aus unterschiedlichen Teilen Italiens, die örtlichen Märchen aufzuschreiben.[11] Schließlich stellt Italo Calvino 1956 eine umfangreiche Sammlung der verschiedenen lokalen Aufzeichnungen zusammen und übersetzt sie in die hochitalienische Sprache.[12] Er ist der erste, der eine kompakte Gesamtausgabe italienischer Märchen herausgibt.[13]

2.2 Italo Calvinos Fiabe Italiane

Italo Calvino beginnt etwa 1954 im Auftrag des Einaudi-Verlages, als dessen Lektor er arbeitet, italienische Märchen zu sammeln.[14] Er macht sich in diesem Zusammenhang mit der „ethnogeographischen“ Schule in Finnland und den von Aarne-Thompsen entwickelten Motiv- und Typenkatalog vertraut und beschäftigt sich mit Wladimir Propps Morphologie des Märchens.[15] Calvino arbeitet sich durch die verschiedenen Märchensammlungen und wählt daraus etwa fünfzig Märchentypen mit zahlreichen Varianten aus allen Regionen Italiens aus.[16]

Zunächst mit mäßiger Begeisterung, dann mit wachsender Faszination, die sich zur Varianten-Sammelwut des enthusiastischen Märchenforschers steigerte, vergrub er sich für zwei Jahre in Bibliotheken und Archive, um Italien endlich ein Gegenstück zu den Kinder-und Hausmärchen (1812/15) der Brüder Grimm zu schenken.[17]

Dabei orientiert er sich an zwei Zielen: einmal alle Märchentypen, die in den italienischen Dialekten vorzufinden sind, aufzunehmen und zum anderen alle Regionen Italiens zu vertreten.[18] Darüber hinaus geht er literarisch an sein Vorgehen heran.[19] Er bezieht sich überwiegend auf schon verschriftete Fassungen, die er dann überarbeitet und mit ihren typischen Merkmalen (Situationsenthobenheit, Genauigkeit und Planung) versieht.[20] Calvino orientiert sich in seiner Übertragung an der literarischen Hochsprache und nimmt sich die Gebrüder Grimm als Vorbild.[21] Diese sammelten im 19. Jahrhundert deutsche Märchen[22] und insbesondere Wilhelm Grimm nahm an den Originalfassungen erhebliche Änderungen vor.[23] Dabei benötigt es ein gewisses Geschick, eine Einheitssprache zu finden, die allen Dialekten mit ihren Bildern und Wendungen gerecht wird.[24] Calvino kürzt an einigen Stellen den ausschweifenden Erzählstil, während er zu dürftige Versionen mit Motiven bereichert.[25] Er individualisiert viele Märchenfiguren, indem er ihnen einen Eigennamen gibt.[26] Außerdem ändert er fast alle ihm vorliegenden Märchentitel. Er bevorzugt dabei exotische Namen und stellt gerne Bezug zu literarischen Figuren her.[27] Calvino vermeidet unkontrollierte, emotional gefärbte Ausdrücke, stereotype Formeln, Fixierung und Wiederholungszwang.[28] Er bedient sich dafür, orientiert an dem Stil des höfischen Ritterepos, „eleganter Formen, kombiniert aus knappen, straff durchkomponierten Satzfolgen und leichten, spielerischen Elementen.“[29] Im Gegensatz zu den Märchen der Gebrüder Grimm, wirkt Calvinos Sammlung lebhafter, frischer und humorvoller.[30] In einer Reihe von Märchen gibt es sexuelle Anspielungen und die Figuren werden nicht konsequent in gut oder böse kategorisiert.[31] Grausame Bestrafungen, welche von Wilhelm Grimm in den Kinder- und Hausmärchen stark herausgearbeitet wurden,[32] kommen im italienischen Märchen laut Calvino kaum vor.

La naturale “barbarie” della fiaba si piega ad una legge d’armonia. Non c’è qui quel continuo informe schizzar di sangue dei crudeli Grimm; è raro che la fiaba italiana raggiunga la truculenza, e se è continuo il senso della crudeltà, […] ma corre verso la soluzione riparatrice.[33]

Italo Calvino entfernt sich zwar in einigen seiner Übertragungen, zugunsten der literarischen Konzepte von ironischer Distanz und Leichtigkeit, etwas zu weit vom Typ der Volksmärchen.[34] Trotzdem oder gerade deswegen sind ihm mit seinen Ausschmückungen durch lautmalerische Nachahmung in Versen, Reimen und Bilderrätseln wunderbare Kunstwerke gelungen.[35]

2.3 Struktur und Aufbau von Volksmärchen

Das Volksmärchen innerhalb Europas tendiert laut Max Lüthi zu typischen Personen, Requisiten und Stil sowie zu einem bestimmten Ablauf der Handlung. Sich herausprägende Themen sind der Widerstreit von Schein und Sein, die Verkehrung der Situation in ihr Gegenteil, der Sieg des Kleinen über das Große, die Selbstbeschädigung sowie Paradoxien.[36] Handlungsträger eines Märchens ist nach Lüthi die zentrale Gestalt des männlichen oder weiblichen Helden, die meist der menschlich-diesseitigen Welt angehört.[37] Die übrigen Figuren (Helfer, Kontrastgestalten, Auftraggeber etc.) bleiben schemenhaft, beziehen sich aber stets auf den Helden.[38] Dabei gibt es viele jenseitige Helfer, die dem Helden bei der Lösung von Problemen helfen.[39]

Nach Vladimir Propp, der 1928 in seiner Morphologie des russischen Märchens die Strukturgesetze russischer Zaubermärchen an einem Korpus von einhundert Märchen untersuchte, gibt es insgesamt sieben Handlungsträger[40]:

1. Held
2. Gegenspieler
3. falscher Held
4. Schenker (von Zaubermitteln)
5. Helfer
6. Sender (Aussender des Helden)
7. Zarentochter (und ihr Vater)

Dabei können verschiedene Handlungsträger (z.B. Helfer und Schenker) in einer Figur auftreten bzw. ein Handlungsträger kann in mehrere Figuren aufgeteilt sein.[41]

Im Märchen können ganze Welten im Jenseits liegen, wobei Diesseits und Jenseits dabei nur geografisch, nicht aber geistig weit auseinander liegen.[42] Das bedeutet, dass den Helden die Andersartigkeit der Jenseitswelt nicht kümmert. „Das Wunderbare ist im Märchen nicht fragwürdiger als das Alltägliche.“[43] Daraus ergibt sich die Eindimensionalität des Märchens.[44] Laut Lüthi sind die Personen in Märchen keine Typen, sondern reine Figuren, da sie ersetzbar und wenig realitätsbezogen sind. Sie fungieren als reine Handlungsträger.[45]

[...]


[1] Calvino, Italo (1993b): S. XI

[2] vgl. Propp, Vladimir (1975): S. 31ff

[3] Reuschel, Karl (1973): S. 4

[4] vgl. Rölleke, Heinz (2004): S. 13

[5] vgl. Fahl, Elke (1990): S. 27

[6] vgl. Rölleke, Heinz (2004): S. 13

[7] vgl. ebd.

[8] vgl. Fahl, Elke (1990): S. 27

[9] Rölleke, Heinz (2004): S. 14

[10] Feller-Geißdörfer, Fabienne (2006): S. 17

[11] vgl. Fahl, Elke (1990): S. 28

[12] vgl. ebd.

[13] vgl. Feller-Geißdörfer, Fabienne (2006): S. 79

[14] vgl. Calvino, Italo (1993): S. 8

[15] vgl. ebd. S. 9

[16] vgl. ebd. S. 10

[17] ebd. S. 9

[18] vgl. Calvino, Italo (1993b): S. 16

[19] vgl. Furche, Brigitte (1994): S. 89

[20] vgl. ebd. S. 90

[21] vgl. ebd.

[22] vgl. Rölleke, Heinz (2004): S. 38 ff

[23] vgl. ebd. S. 86

[24] vgl. Furche, Brigitte (1994): S. 90

[25] vgl. ebd. S. 91

[26] vgl. ebd. S. 92

[27] vgl. ebd.

[28] vgl. ebd. S. 95

[29] ebd. S. 96

[30] vgl. Fahl, Elke (1990): S. 28

[31] vgl. ebd.

[32] vgl. Enzyklopädie des Märchens (1990). S. 319

[33] Calvino, Italo (1993b): S. 47

[34] vgl. Furche, Brigitte (1994): S. 97

[35] vgl. ebd. S. 95

[36] vgl. Lüthi , Max (2004): S. 26

[37] vgl. ebd. S. 27

[38] vgl. Lüthi, Max (2004): S. 27

[39] vgl. Lüthi, Max (2005): S. 11

[40] vgl. Propp, Vladimir (1975). S. 21

[41] vgl. ebd.

[42] vgl. ebd.

[43] ebd.

[44] vgl. ebd. S. 12

[45] vgl. ebd. S. 68

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668116610
ISBN (Buch)
9783668116627
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312849
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
italo calvinos eine analyse struktur frauenbildes

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