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Die Figur des Albert im Wandel. Die Entwicklung des Vorbildcharakters in den Werther-Gedichten

Hausarbeit 2014 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Figur des Albert bei Goethe

3. Die Figur in den Albert-Gedichten
3.1 Albert an Lottchen
3.2 Albert nach Werthers Tode
3.3 Albert an Werthers Geist

4. Ergebnisdokumentation und Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Johann Wolfgang von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“, im Jahr 1774 im Zuge der Leipziger Buchmesse erschienen, konnte sich bereits zur Zeit seiner Erstveröffentlichung trotz der anfänglichen Anonymität des Autors großer Beliebtheit erfreuen[1]. Der Roman erzählt die Geschichte des Protagonisten Werther, der sich in die Verlobte eines anderen Mannes verliebt, an dem wachsenden Zwiespalt seiner Gefühle schließlich verzweifelt und den Selbstmord wählt. Erzählt wird - abgesehen von Vor- und Nachwort des sogenannten Herausgebers - in Form von monologischen Briefen Werthers an seinen Freund Wilhelm, in denen er über die Entwicklungen zwischen ihm selbst, seiner geliebten Lotte und deren Verlobten und späteren Ehemann Albert schreibt. Die bis heute anhaltende Popularität des Werther-Stoffs spiegelt sich vor allem in einer langen Reihe von literarischen Annäherungsversuchen anderer Autoren wieder, die man unter dem Begriff der sogenannten „Wertheriaden“ zusammenfasst.[2]

Trotz eines großen Angebots an Sekundärliteratur zum Thema Wertherwirkung, die die Beziehungen zwischen Handlung und Stil des Goethes Ursprungsroman und dieser Adaptionen analysiert, schenkt die Wertheriaden-Forschung der Bedeutung von Lottes Ehemann Albert bisher wenig Aufmerksamkeit.[3] Der Grund dafür liegt auf der Hand: es gibt kaum Autoren, deren Wertheriaden dieser Figur mehr Bedeutung beimessen und sie in den Mittelpunkt ihrer Adaptionen rücken. Drei dieser seltenen Beispiele sind die Gedichte „Albert an Lottchen“[4], „Albert nach Werthers Tode“[5] und „Albert an Werthers Geist“[6], die in großen Zeitabständen verfasst wurden und der Nebenrolle eine Stimme verleihen.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Figur Albert aus Goethes Erstfassung des Romans „Die Leiden des jungen Werthers“[7] mit den Darstellungen der drei Gedichtadaptionen zu vergleichen, da dieser Charakter neben Lottes eine tragende Rolle im Geschehen spielt und sein Einfluss auf die Entwicklung im Roman nicht unterschätzt werden darf. Es wird zu jedem der Texte eine Figurenanalyse erstellt, die schlussendlich Antworten auf die Frage ermöglichen soll, ob und wie stark die Figur der ursprünglichen Version ihre drei Nachfolger beeinflusst hat. Wo endet ihr Einfluss? In welcher Beziehung stehen das Ursprungsbild und die neueren Albert-Adaptionen zueinander, kann man möglicherweise eine Entfremdung feststellen? Um eine Antwort auf diese Fragen zu erhalten, soll zu Beginn mit der Analyse von Goethes Albert-Figur die Grundlage der Hausarbeit geschaffen werden; im Anschluss daran folgt die Interpretation der drei Gedichte, ehe abschließend die Resultate miteinander verglichen werden, um ein Fazit ziehen zu können.

2. Die Figur des Albert bei Goethe

Im Folgenden wird zunächst die ursprüngliche Charakterdarstellung Alberts in Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ am Text untersucht.

Werthers erster Eindruck von Albert ist trotz der Tatsache, dass dessen Existenz ihm Lotte verwehrt, durchweg positiv. Er nennt den anderen einen „braven, lieben Kerl“[8], beschreibt ihn als einen ehrlichen Charakter, der seine Gefühle mäßigen kann und daher selten übellaunig erscheint.[9] Albert wird von Werther vor allem dafür gelobt, dass er Lotte respektvoll behandelt und zu schätzen weiß, was er an ihr hat. Die Zuneigung zu seiner Verlobten ist auch daran erkenntlich, dass er ein Amt am Hof annimmt, um in ihrer Nähe zu bleiben. Außerdem verhält Albert sich Werther gegenüber zuvorkommend, sodass sich nach kurzer Zeit eine herzliche Freundschaft zwischen den beiden entwickelt[10], die auch Werthers Vermutung, dass Albert gelegentlich die Eifersucht überkommen müsse[11], nicht trüben kann. Dieser lässt solche negativen Wesenszüge jedoch nicht erkennen, wodurch Werthers Verehrung für seinen eigentlichen Konkurrenten nur steigt: laut ihm besitzt Albert „keine launische Unart“[12], stattdessen wird seine „Ordnung und Emsigkeit in Geschäften“[13] hochgelobt, was schlussendlich in der Feststellung „Albert ist der beste Mensch unter dem Himmel“[14] mündet.

Es lässt sich zusammenfassen, dass Albert zu Beginn des Romans demnach als fehlerloser Charakter erscheint, der seine Frau liebt und ehrt, bei seinen Mitmenschen sehr beliebt und zugleich ein erfolgreicher Geschäftsmann ist. Er begegnet Werther mit freundlicher Gelassenheit und akzeptiert dessen häufige Besuche, ohne Lotte oder ihm einen Vorwurf zu machen. Jedoch lässt sich in Werthers Formulierung, Albert habe eine „gelassne Außenseite“[15] bereits erkennen, dass es Lottes Verlobten an der Fähigkeit mangelt, seine Gefühle leidenschaftlich offenzulegen. Er scheint als Gegenpol zu Werthers sehr sensiblem und gefühlsbetonten Charakter zu fungieren. Diese Annahme bestätigt sich im Verlaufe der Selbstmorddebatte beider Figuren[16]. Werther bricht die Diskussion los, indem er sich eine von Alberts Pistolen an die Schläfe hält, was dieser mit einem „Pfuy […]was soll das?“[17] kommentiert und ihm die Waffe abnimmt. Albert nennt Selbstmörder töricht und vertritt die Meinung, dass solche Handlungen generell falsch sind, egal aus welchem Beweggrund sie vollzogen werden. Auf die von Werther angeführten Ausnahmen erwidert Albert ihm:

„Das ist ganz was anders […], weil ein Mensch, den seine Leidenschaften hinreissen, alle Besinnungskraft verliert, und als ein Trunkener, als ein Wahnsinniger angesehen wird.“[18]

Obwohl Werther ihn als zu nüchtern und ohne Anteilnahme beleidigt und diverse andere Beispiele anführt, beharrt Albert auf seinem Standpunkt. Er als nüchterner Charakter hebt die Vernunft über die Leidenschaft und hat für Menschen, die ihren Gefühlen nachgeben, kein Verständnis. Werther wirft ihm schließlich sogar einen „Mangel an Fühlbarkeit“[19] vor. So stellt sich Goethes Albert als ein Mann der Vernunft heraus und wird dadurch zum Vertreter der Aufklärung.[20] Dem Ideal des grenzenlos fühlenden und handelnden Menschen, das in der Epoche des Sturm und Drang vorherrscht, entspricht er im Gegensatz zu Werther daher nicht.[21]

Kurz vor Werthers Selbstmord wird am Ende des Romans aus der Perspektive des sogenannten Herausgebers berichtet, der Alberts Charakter aus auktorialer Sicht beschreibt und weitere Aspekte der Figur aufdeckt. Erneut kommt zum Ausdruck, dass Albert Lotte „mit der ruhigen Treue eines rechtschaffnen Manns“[22] liebt, doch wird seine Arbeit ihm schlussendlich wichtiger als der Umgang mit ihr. Dank der auktorialen Perspektive erhält man nun auch einen kurzen Blick auf Alberts Innenleben und erfährt, dass er gegen Werthers ständige Anwesenheit um seine Frau „innerlich einen gewissen Widerwillen“[23] verspürt. Albert ist demnach tatsächlich eifersüchtig auf Werther und vermutet hinter Lottes zunehmend ruhigem Verhalten ein Zeichen dafür, dass sie beginnt, den anderen zu lieben. Dies resultiert in Misstrauen gegenüber seinem Freund und schlechter Laune Alberts, die zuvor bereits entstanden ist, weil er sich wegen schlecht laufender Geschäfte überarbeitet.[24] Er gibt seiner Frau indirekt die Anweisung, Werther loszuwerden und macht ihr Vorwürfe, außerdem begegnet er seinem ehemaligen Freund nun frostig und ohne Herzlichkeit.[25] Diese Verhaltensänderung zeugt einerseits davon, dass auch Albert menschliche Fehler besitzt, andererseits bezeugt seine offenbarte Eifersucht gegenüber Werther, dass er Lotte tatsächlich liebt und sie ihm nicht gleichgültig ist. Nachdem Werther sich umgebracht hat, verliert Albert seine Eifersucht und findet stattdessen seine Zuneigung für beide wieder. Laut dem erzählenden Herausgeber ist er über den Tod seines Freundes bestürzt, versäumt jedoch, die Leiche zum Grab zu begleiten, da er sich um Lottes Gesundheit sorgt.[26]

[...]


[1] vgl. Scherler, Kirsten: „Wie froh bin ich, dass ich weg bin!“ Werther in der deutschen Literatur. Frankfurt am Main [u.a.] 2010 , S.48.

[2] vgl. Vordestemann, Karin: „ Ausgelitten hast du – ausgerungen…“ Lyrische Wertheriaden im 18. und 19. Jahrhundert. Heidelberg: Winter 2007, S. 72-82.

[3] vgl. Scherler: „Wie froh bin ich, dass ich weg bin!“ Werther in der deutschen Literatur, S. 48-63.

[4] o.V.: Albert an Lottchen. o.O. 1775 In: Kippenberg, Anton (Hrsg.): Jahrbuch der Sammlung Kippenberg. Band 1 . Leipzig 1921, S. 191f.

[5] Ribbeck: Albert nach Werthers Tode. o.O. 1782. In: Kippenberg, Anton (Hrsg.): Jahrbuch der Sammlung Kippenberg. Band 1 . Leipzig 1921, S. 222-224.

[6] o.V.: Albert an Werthers Geist. o.O. 1805. In: Kippenberg, Anton (Hrsg.): Jahrbuch der Sammlung Kippenberg. Band 1 . Leipzig 1921, S. 240f.

[7] von Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werthers. Studienausgabe. Paralleldruck der beiden Fassungen. Hrsg. von Matthias Luserke. Stuttgart 1999. (= Reclams Universal-Bibliothek, Nr. 9762)

[8] Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, S.84.

[9] vgl. Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, S. 84.

[10] vgl. Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, S. 90.

[11] vgl. Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, S. 86.

[12] Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, S. 90

[13] Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, S. 90.

[14] Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, S. 92.

[15] Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, S. 84.

[16] vgl. Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, S. 94-102.

[17] Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, S. 94.

[18] Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, S. 94.

[19] Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, S. 160.

[20] vgl. Baasner, Rainer et.al.: Aufklärung und Empfindsamkeit. Stuttgart: Reclam 1998. (= Epochen der deutschen Literatur [Elektronische Ressource])

[21] vgl. Baasner, Rainer et.al.: Sturm und Drang, Klassik. Stuttgart: Reclam 1999. (= Epochen der deutschen Literatur [Elektronische Ressource])

[22] Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, S. 204.

[23] Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, S. 204.

[24] vgl. Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, S. 204.

[25] vgl. Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, S. 228.

[26] vgl. Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, S. 274.

Details

Seiten
12
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668114272
ISBN (Buch)
9783668114289
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312638
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Schlagworte
figur albert wandel entwicklung vorbildcharakters werther-gedichten

Autor

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Titel: Die Figur des Albert im Wandel. Die Entwicklung des Vorbildcharakters in den Werther-Gedichten