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Soziale Ungleichheit im Bildungswesen. Chancengleichheit und Gerechtigkeit durch Bildungsexpansion im deutschen Schulsystem?

von Natascha Schneider (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 23 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. SOZIALE FUNKTIONEN DES BILDUNGSSYSTEMS

3. BILDUNGSEXPANSION
3.1 VERLAUF DER BILDUNGSEXPANSION
3.2 URSACHEN DER BILDUNGSEXPANSION
3.3 FOLGEN DER BILDUNGSEXPANSION
3.4 CHANCENGLEICHHEIT DURCH BILDUNGSEXPANSION?

4. DIE PISA-STUDIE.
4.1 VERKNÜPFUNG VON SOZIALER HERKUNFT UND BILDUNGSBETEILIGUNG
4.2 VERKNÜPFUNG VON SOZIALER HERKUNFT UND KOMPETENZERWERB

5. URSACHEN FÜR DIE BESTEHENDE CHANCENUNGLEICHHEIT

6. FAZIT

7. LITERATUR

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bildungsbeteiligung an weiterführenden Schulen

Abbildung 2: Berufliche Stellung der Eltern

Abbildung 3: Bildungsniveau der Eltern

Abbildung 4: Vergleich der Bildungsbeteiligung nach Sozialschichtzugehörigkeit

Abbildung 5: Kompetenzmittelwerte und Statuszugehörigkeit der Familie

1. Einleitung

»Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.«1

In einem demokratischen Land wie der Bundesrepublik Deutschland ist es undenkbar, dass nicht jeder Staatsbürger gleiche Zugangschancen zu Bildungsinstitutionen hat. Deshalb ist im Grundgesetz das Prinzip der Chancengleichheit verankert. Jedoch scheint dieses Prinzip nur eine Illusion zu sein, denn in der Realität kann das Prinzip der Chancengleichheit nicht eingehalten werden. Dies zeigen vor allem die Ergebnisse der PISA-Studie, wodurch das Thema der Bildungssituation in der BRD wieder verstärkt in das Blickfeld der Öffentlichkeit geraten ist. Hierbei ist besonders auffallend, dass im Schulsystem nicht ausschließlich die erbrachte Leistung darüber entscheidet, welche Schulform besucht wird, sondern die soziale Herkunft (vgl. u. a. Deutsches PISA-Konsortium 2004, Löw 2003, Tillmann und Meier 2003). Demnach hat nicht jedes Kind die gleichen Zugangschancen zu Bildung. Dabei ist die Forderung nach Gerechtigkeit im Bildungssystem nicht neu. Bereits in den sechziger Jahren wurde mit einer Bildungsreform versucht, den Zugang zur Bildung für untere Schichten zu erleichtern und somit gleiche Bildungschancen für alle zu ermöglichen. Die dadurch ausgelöste Bildungsexpansion führte zwar zu einer Anhebung des Bildungsniveaus, jedoch nicht zur Auflösung sozialer Disparitäten wie es zunächst angenommen wurde. Der Zusammenhang zwischen dem Schulerfolg der Kinder und dem sozialen Status, sowie Bildungsstand der Eltern, hat bis heute Bestand. Dabei ist ein guter Schulabschluss gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise und wachsender Arbeitslosigkeit von großer Bedeutung. Denn durch das Erreichen eines möglichst hohen Bildungsgrades kann das Risiko am Existenzminimum zu leben, deutlich minimiert werden. Demnach rückt die Verbesserung der Lebensqualität aufgrund des wachsenden Anteils armer Menschen in Deutschland immer mehr in den Vordergrund. Des Weiteren ist im Zuge der Globalisierung eine stetige Verbesserung der Bildung im Hinblick auf die Konkurrenzfähigkeit eines Landes unerlässlich. »Aus ökonomischer Sicht ist […] der Bildungsstand der Bevölkerung (bzw. das Humankapital der Gesellschaft) […] einer der wichtigsten Faktoren des langfristigen volkswirtschaftlichen Wachstums […]« (Entorf 2005).

Es ist Gegenstand dieser Arbeit die Entwicklung von sozialer Ungleichheit im Bildungssystem zu analysieren. Hierbei steht der Aspekt der sozialen Herkunft in Bezug auf Schicht- und Klassenstrukturen im Vordergrund. Andere Ungleichheiten, die sich beispielsweise auf Geschlecht oder Migration beziehen, werden nicht berücksichtigt.

Von dieser Thematik ausgehend soll einleitend aber zunächst geklärt werden, welche sozialen Funktionen das deutsche Bildungssystem hat. Dies ist für die darauffolgenden Ausführungen bedeutend, da durch jene Funktionen bereits die Reproduktion von sozialen Ungleichheiten im Bildungswesen offensichtlich wird. Im Anschluss daran, ist es unerlässlich, die Entwicklungen im Bildungssystem aufgrund der Bildungsreform darzustellen. Dabei soll zuerst der Verlauf der Bildungsexpansion beschrieben werden. Anschließend werden die Ursachen, sowie die Auswirkungen auf die Gesellschaft aufgezeigt. Des Weiteren wird danach im Zusammenhang mit der Bildungsexpansion analysiert, ob das Ziel der Bildungsreform erreicht wurde.

Nachfolgend soll die PISA-Studie, aufgrund der größeren Aktualität, einen Einblick in Bezug auf die Bildungsgerechtigkeit in der Bundesrepublik Deutschland geben. Dabei werden die drei bisherigen Erhebungen des Jahres 2000, 2003 und 2006 mit einem Blick auf soziale Herkunft und Bildungsbeteiligung, sowie Kompetenzerwerb berücksichtigt und miteinander verglichen. Denn dadurch lässt sich aufzeigen, auf welchen Trend die sozialen Disparitäten im Bildungswesen hinweisen.

Abschließend sollen die Hintergründe für die Chancenungleichheit näher thematisiert werden.

2. Soziale Funktionen des Bildungssystems

Neben den grundlegenden Funktionen, Wissen zu vermitteln und die Kinder zu Individuen zu erziehen, um sie so zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen, kommen dem Bildungssystem noch zwei weitere Funktionen zu. Diese haben auch Auswirkungen auf die Sozialstruktur eines Landes. Besagte Funktionen sind: Platzierungsfunktion und Auslese- oder Selektionsfunktion (Geißler 2006). Der Zweck von Bildung ist die Formung zu einer selbstständigen Persönlichkeit. Dieser Individualismus ermöglicht auch die Selbstreflexion und fördert das kritische Bewusstsein im Bezug zur eigenen Umwelt. Da der Bildungsgrad variabel ist, ist die Bildung auch ein Element, welches bei der Schichtzuweisung von Bedeutung ist. Dementsprechend kommt dem Bildungssystem eine Platzierungsfunktion zu. Denn neben dem ökonomischen und sozialen Kapital (Bourdieu 1992), welches sich positiv oder negativ auf die Sozialschichtzugehörigkeit auswirken kann, wird den Menschen auch aufgrund des Niveaus des kulturellen Kapitals ein Platz in der Gesellschaft zugewiesen. Jedoch nimmt nicht nur die Platzierungsfunktion, sondern auch die Auslesefunktion eine entscheidende Rolle im Bildungssystem ein. Dabei sollen sowohl Prüfungen (bzw. Noten), als auch die gewählte Schulart die Leistung der Kinder beurteilen. Da der Kompetenzerwerb von mehreren Faktoren (bspw. Herkunft) beeinflusst ist, erfolgt die Selektion im Bildungssystem nie ausschließlich aufgrund der erbrachten Leistung. In diesem Zusammenhang wird hierbei von sozialer Auslese gesprochen (Geißler 2006). Eine soziale Auslese, die durch das Bildungssystem reproduziert wird, wirkt sich nachhaltig auf die Zukunftschancen (bspw. Schichtzugehörigkeit), der Kinder aus. Außerdem ist der Aspekt der sozialen Auslese im Hinblick auf das Prinzip der Chancengleichheit problematisch. Denn durch eine derartige Selektion kann dieses Prinzip nicht mehr aufrecht erhalten werden.

Daher soll in den folgenden Ausführungen dargelegt werden, welche Auswirkungen die Bildungsreform der sechziger Jahre auf das Bildungssystem hatte.

3. Bildungsexpansion

Bereits in den sechziger Jahren gab es im Bildungssystem Chancenungleichheiten zwischen den unteren und höheren sozialen Schichten. Demnach war es für Kinder mit besserem sozialem Umfeld leichter einen höheren Bildungsweg einzuschlagen, als für Kinder niederer Sozialschichten. Daher war es das Ziel mit einer Reformierung des Bildungswesens mehr Gerechtigkeit zu schaffen, indem die Kinder künftig nach erbrachter Leistung und nicht aufgrund des sozialen Status des Elternhauses beurteilt werden sollten. Dementsprechend erfolgte ein »Ausbau der sekundären und tertiären Bereiche«2, wodurch größere Kapazitäten im Hinblick auf die Bildungsbeteiligung geschaffen wurden. Demzufolge sollten auch vorzeitige Selektionsentscheidungen vermieden werden. Des Weiteren wurden kostenlose Lehrmittel zur Verfügung gestellt und auch die Bezahlung von Schulgeld, sowie das Ablegen einer Aufnahmeprüfung wurden abgeschafft (vgl. Meulemann 1995, 207). Durch die erleichterten Zugangsbedingungen, wurde Kindern aus niedrigeren Schichten der Zugang zu höherer Bildung nicht länger verwehrt. Dies führte wiederum zu einer Bildungsexpansion, die laut Geißler (2006) bis in die neunziger Jahre anhielt. Mit der Bildungsexpansion und der entsprechenden Öffnung des Bildungswesens geht auch einher, dass die Jugendlichen zunehmend höhere Schulabschlüsse anstreben und dadurch längere Zeit für ihren Abschluss benötigen. Denn höhere Bildungsabschlüsse beanspruchen mehr Schuljahre, als vergleichsweise niedrige Abschlüsse.

Im Folgenden sollen nun zunächst der Verlauf der Bildungsexpansion beschrieben werden, um anschließend die Ursachen der Expansion zu erläutern. Danach sollen die Auswirkungen der Bildungsexpansion auf die Gesellschaft aufgezeigt werden. Abschließend wird dann analysiert, ob das ursprüngliche Ziel durch den Abbau der Bildungsungleichheiten auch soziale Ungleichheiten abzubauen, erreicht wurde.

3.1 Verlauf der Bildungsexpansion

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten3

Abbildung 1 3: Bildungsbeteiligung an weiterführenden Schulen (Westdeutschland, 1952-2003)

Anhand der Abbildung 1 ist der Entwicklungsverlauf der Bildungsexpansion ab dem Jahr 1952 bis zum Jahr 2003 erkennbar. Die Abbildung berücksichtigt ausschließlich die Entwicklung der Bildungsbeteiligung von Jugendlichen im Alter von 13 Jahren an weiterführenden Schulen zu Beginn der fünfziger Jahre bis zum Jahr 2003. Während es 1952 noch reine Haupt4 -, Real-, Sonderschulen und das Gymnasium gab, wurde 1971 zusätzlich die Gesamtschule eingeführt.

Am Verlauf ist besonders auffallend, dass die Jugendlichen im Jahr 1952 mit einer großen Mehrheit von 79% die Hauptschule besuchten und nur eine kleine Anzahl von SchülerInnen auf die drei anderen Schulformen verteilt ist. Jedoch ist die Zahl der Jugendlichen, die die Hauptschule besuchten, stetig gesunken. Gleichzeitig impliziert diese Abnahme an SchülerInnen in der Hauptschule einen Anstieg der SchülerInnen an den anderen Schulformen. Während demnach im Jahr 1965 nur noch ca. 67% auf die Hauptschule gingen, stieg die Zahl der Gymnasiasten im Vergleich zum Jahr 1952 von 12% auf ca. 16% an. Die Zahl der Realschüler verdoppelte sich sogar von 6% auf 12%. Bis zum Jahr 2003 ist die Zahl der Hauptschüler bis auf 23% gesunken.

[...]


1 Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland

2 Geißler 2004, 274

3 Entnommen aus: Becker 2006, 31

4 Zur damaligen Zeit wurde die heutige Hauptschule als Volksschule bezeichnet (vgl hierzu u. a. Becker&Lauterbach 2004 und Geißler 2004)

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668115934
ISBN (Buch)
9783668115941
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312504
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Soziale Ungleichkeit Chancenungleichheit Ungerechtigkeit Bildungsexpansion Bildungswesen Schulsystem

Autor

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    Natascha Schneider (Autor)

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