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Die Mauer muss weg! Mündigkeit im Umgang mit sexueller Vielfalt

Wenn wir respektvoller miteinander umgehen, kann die Welt davon nicht schlechter werden

Diskussionsbeitrag / Streitschrift 2015 166 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhalt

Vorwort: Nur eine mögliche Variante von Kultur und Evolution ... 1

1 Ein Aufruf zu mehr Mündigkeit ... 3

2 Für ein realistisches Menschenbild in der Schulausbildung ... 5

Wenn Akzeptanz droht, ein gelebtes Gut zu werden: Der Bildungsplanvorschlag Baden-Württembergs ... 6

These 1: Der Entwurf für den Bildungsplan stellt Sexualität als wichtigsten Aspekt in den Vordergrund ... 8

These 2: Aufklärung soll laut Bildungsplanentwurf einem Unterricht über Sex weichen ... 9

These 3: Durch Bildung über sexuelle Vielfalt werden Kinder selbst homosexuell ... 11

These 4: Bildung über sexuelle Vielfalt birgt die Gefahr einer moralischen Umerziehung und Umpolung ... 12

These 5: Kinder dürfen in der Schule mit Sexualität nichts zu tun haben, sondern müssen an dieses Thema nur im Rahmen des familiären Kontexts herangeführt werden ... 14

These 6: Homosexuelle Partnerschaften begründen keine Familien, sondern sind auf die Zerstörung von Ehe und Familie ausgerichtet und daher schädlich für Kinder ... 17

These 7: Diskriminierung Nichtheterosexueller ist heute eh kein Problem mehr und betrifft, wenn überhaupt, doch nur diese kleine Minderheit, die ihre Probleme nicht auf die Mehrheit der Gesellschaft ausdehnen sollte ... 20

Die politische Ebene ... 21
Bildung und Wirtschaft ... 22
Sozialer Zusammenhalt ... 24
Fazit ... 27

Ansätze zu einvernehmlicher Vielfalt im Bildungssystem ... 28

Aussagekraft durch Verbindlichkeit und Einheit in den Parteien ... 29

Verbindlichkeit durch Transparenz und Aufklärung auf außerparteilicher Ebene ... 30

Bildung zur Vielfalt bedeutet kontinuierliche Verbesserung ... 31

3 Homo- und Transphobie überwinden: Die Akzeptanz von Nichtheterosexualität als Aufgabe gesellschaftlicher Inklusion ... 33

Homo- und transphobe Einstellungen sind eine ziemlich unüberlegte Art, sich und anderen Menschen das Leben zu erschweren ... 33

Wer Homo- und Transphobie gutheißt, weiß den Wert seiner eigenen Lebensfreiheit nicht zu schätzen ... 36

Ein Exkurs zur Lage des Menschenrechtsbewusstseins rund um Nichtheterosexualität ... 38

Wir in der Welt ... 38

Wir in der Europäischen Union ... 39

Wir in Deutschland ... 40

Die Yogyakarta-Prinzipien zum Schutz der Menschenrechte Nichtheterosexueller ... 41

Bildung und Arbeit ... 43

Verbrechensbekämpfung und -aufklärung ... 44

Soziale Inklusion ... 45

Institutionalisierter Respekt ... 47

Der Abbau von Homo- und Transphobie als Frage gesellschaftlicher Inklusion ... 51

Mündigkeit durch Bereitschaft zu Reflexion und Diskussion ... 51

Mündigkeit durch Wirklichkeitsbejahung und Engagement ... 54

Mündigkeit durch zukunftsfähige Unternehmen und Institutionen ... 56

Mündigkeit durch realitätsnahe Politik mit klarer Haltung ... 63

4 Wie die USA und Frankreich zweitklassige Liebe abschaffen ... 69

Der Weg zur Öffnung der Ehe in den USA ... 69

2003 bis 2006: Darf eine Verfassung Menschen pauschal als zweitklassig bewerten? ... 71

Eine erste Entscheidung des Supreme Courts gibt Hoffnung auf mehr Gleichberechtigung ... 71
Das „DOMA-Gesetz“ und mutige Pionier-Aktionen gegen die Ungleichbehandlung ... 72
Das Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe wird zum Topthema stilisiert ... 73
Das Jahr 2006 bringt weichenstellende Verbesserungen für ein Mehr an Gleichberechtigung ... 74

2007 bis 2012: Aufbruch, Niederlage und Neuanfang für die Gleichberechtigung ... 75

Wahlkampf für alle: Die Belange Nichtheterosexueller werden ernstgenommen ... 75
Obamas frühes Wirken hin zur Gleichberechtigung – und die Kritik daran ... 77
Obama engagiert sich als erster US-Präsident für die bundesweite Eheöffnung ... 79

2012 bis heute: Umfangreichen Verbesserungen wird der Weg geebnet ... 80

Obamas erste Amtszeit zahlt sich für die Gleichberechtigung aus ... 80
Zusätzlicher Antrieb durch die Verfassungswidrigkeit des „DOMA“-Gesetzes ... 81
Verbitterte Blockadehaltungen und progressive Handlungen ... 82
Die US-weite Eheöffnung ... 83

Der Weg zur Öffnung der Ehe in Frankreich ... 86

Die konservative Blockade und die „Pacs“ ... 86

Eheöffnung und Kulturkampf: 2012 als Jahr der neuen Französischen Revolution? ... 87

Die Eheöffnung: Das Wahlversprechen der Sozialisten ... 87
Demonstrationen begleiten die Gleichberechtigung auf ihrer Zielgeraden ... 88
Das letzte Aufbäumen eines übertriebenen Kulturkampfs ... 89

Nachbetrachtung: Nach dem Kulturkampf blieb die Apokalypse aus ... 92

5 Deutschland muss in den Genuss gleichwertiger Liebe kommen ... 94

Einer modernen Demokratie bedarf es der Gleichwertigkeit der Liebe ... 94

Was können wir von den USA und Frankreich über den Weg zur Eheöffnung lernen? ... 104

Deutschland begibt sich auf den Weg zur Eheöffnung: Wie kann dieser aussehen? ... 107

Das Verständnis von Ehe, Verantwortung und Gleichberechtigung verändert sich ... 108

Flexibilität oder Trägheit in der Großen Koalition? ... 111

Aktivitäten zur Eheöffnung außerhalb der Regierung ... 115

Politische Optionen, um die Eheöffnung endlich umzusetzen ... 118

Die Eheöffnung von allen Seiten fördern: Unterstützung von außerhalb der Politik ... 124

Zukunftsperspektive: Auch die Eheöffnung löst nicht alle Probleme ... 132

Die Förderung der Rechte Trans- und Intersexueller ... 133

Die Schwächen des Familienrechts ... 133

Sexuelle Orientierung bzw. Identität als Asylgrund ... 134

Antidiskriminierungspolitik als integriertes, europäisches Konzept ... 136

66 Literaturverzeichnis ... 137

Vorwort: Nur eine mögliche Variante von Kultur und Evolution

Mit großen, festen Schritten kommt mir ein junger Mann entgegen – fast schon stolz, in jedem Falle selbstbewusst. In der Menge haben wir uns schon erkannt und seinem Gesicht nach zu urteilen, freut er sich genauso auf das Gespräch wie ich. Andras ist 26, Biologiestudent, und hat seinen Müttern kürzlich von seiner großen Liebe berichtet – zu einer Frau.

Die innige Begrüßung zeigt mir, dass er vor Aufregung sprudelt: Ich selbst erhoffe mir von dem heutigen Interview jedoch ebenfalls eine ganze Menge – neue Einblicke und ehrliche Erfahrungen. Andras gehört zu dem geschätzten Sieben-Prozent-Anteil heterosexueller Menschen in Deutschland und ist glücklich mit einer Studienkollegin liiert. „Für die meisten in meinem Umfeld ist das mittlerweile etwas ganz Normales und ich bekomme Rückenhalt. Ich betrachte mich nicht als Normabweichler, auch wenn klar ist, dass die weit überwiegende Mehrheit der Gesellschaft homosexuell liebt.“, so der selbstbewusste junge Mann, der in der Freizeit Fußball spielt und gerne reist. „Und ich bin froh, dass ich immer weniger Diskriminierung erfahre.“

Erst kürzlich war es eine wachsende Zahl heterofeindlicher Gewaltüberfälle, die die Tagespresse bestimmten. Dass diese gezielt und schnell aufgeklärt und scharf als nicht hinnehmbar verurteilt wurden, liegt vor allem an der beispiellosen Kooperation von Politik, Wirtschafts- und Kirchenverbänden. Persönlich bedroht gefühlt habe sich Andras trotzdem, als er zudem von den Demonstrationen gegen die Gleichstellung heterosexueller Paare im Eherecht und die Thematisierung sexueller Vielfalt in der Schulbildung erfuhr: „Ich wünschte mir schon immer, Liebe, Verantwortung und partnerschaftliche Beziehungen seien für alle Menschen da. In dieser Zeit waren meine Freundin und ich stark beunruhigt und suchten vor allem Halt bei Freunden, die uns von Beginn an unterstützten.“ Als offen heterosexuelles Paar Farbe zu bekennen und gemeinsam in der Öffentlichkeit händchenhaltend und liebkosend aufzutreten, sei für die beiden jedoch befreiend: Zudem ist es ein Zeichen für die Akzeptanz der verschiedengeschlechtlichen Liebe, das Mut und Selbstvertrauen stärkt.

Dabei ist die heterosexuelle Beziehung zwischen Mann und Frau längst als eine völlig gleichwertige Beziehungsform in vielen Teilen der Welt anerkannt. Das Zelebrieren des heterosexuellen Geschlechtsaktes, der zur Zeugung menschlichen Nachwuchses führen kann, ist zudem gleichwertig zur gleichgeschlechtlichen Liebesvereinigung tief in frühen Hochkulturen verwurzelt. „Dass partnerschaftliches sexuelles Verlangen und die Sicherung des Nachwuchses in heterosexuellen Partnerschaften zusammenfallen, ist schützenswert und verdient Respekt.“, brachte es am Dienstag ein zentralafrikanischer Menschenrechtlicher auf den Punkt. In den letzten Jahren gab es vor allem in hochentwickelten Industrie- und Forschungsnationen erhebliche Fortschritte im Bereich der künstlichen Befruchtung, was schnell zu vereinfachten Zugängen zur Leihmutterschaft führte. Familienverbände begrüßten die Schritte und lobten die dahinterstehende Zusammenarbeit von Politik und Wissenschaft: Das Kinderglück immer mehr Paaren weniger umständlich zu ermöglichen, stößt weitmehrheitlich auf Befürwortung.

Seit jeher wird die männlich-weibliche Sexualität als notwendig zur Sicherung der Nachfahren erachtet. Die damit verbundenen Unannehmlichkeiten für Mann und Frau schrittweise zu reduzieren hat sich die Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten als Ziel gesetzt. Optimistische Forscherinnen und Forscher betonen sogar, dass Sexualität bis zum Jahr 2020 möglichst nicht mehr mit den Bürden der Zeugung von Nachwuchs verbunden sein soll. Dann könne sie einzig ihre Rolle als Ausdruck partnerschaftlicher Zuneigung einnehmen: „Kein Mann soll mehr zur Nachkommenzeugung mit einer Frau gezwungen werden müssen.“ Heterosexualität solle somit in der Zukunft den vor allem mit Fortpflanzungspflicht verbundenen Hintergrund verlieren und nur noch für jene Menschen Thema sein, die von sich aus heterosexuell lieben und leben.

Längst schon ist Heterosexualität zum Alltäglichen in unserer homonormativen Gesellschaft geworden: In den Spitzen von Sport und Politik stehen immer mehr Männer und Frauen zu ihrer verschiedengeschlechtlichen Liebe und setzen durch ihr Outing wirksame Zeichen für die Forderung nach Respekt und Toleranz. Heterosexuellen-Verbände werben für ihre Themen mit der einschlägigen Parole „Denn wer würde Homosexuelle diskriminieren?“ in einer Weise, die öffentlichkeitswirksam ist. Die freie und gleichberechtigte Liebe für jedermann ist in den Köpfen der meisten Menschen mittlerweile verankert. Die Diskriminierungsflut, die vor einigen Jahren erlebbar war, ebbt kontinuierlich ab.

Das weiß auch Andras zu schätzen: Er will seine Partnerin in zwei Monaten heiraten – und auch die Nachwuchsplanung sei schon Thema ihrer gemeinsamen Zukunft. „Die Eheöffnung vor knapp zwei Jahren war für mich einer der größten Tage in meinem Leben“, verrät Andras mir später. „Ich fühlte mich erstmals vollkommen gleichwertig und dazugehörig. Unabhängig davon, ob ich eine Frau liebe oder nicht.“

In vielen Staaten wurden bereits Gesetze zur vollständigen Gleichstellung heterosexueller Paare verabschiedet. „Und weil die rechtliche und moralische Gleichstellung aller menschlichen Liebesbeziehungen Zeugnis dafür ist, dass Liebe als Teil der Menschenwürde grundsätzlich schützenswert ist, wollen wir in den nächsten Jahren noch weitere Staaten dazu bewegen. Die Debatte aufrecht zu erhalten und immer wieder auf Diskriminierung in jeder Form hinzuweisen ist eine riesenhafte Aufgabe, die viel Ausdauer erfordert“, meint dazu Kerstin Bringers, Sprecherin von Amnesty International. Dass eine Gesellschaft sich nur durch Akzeptanz und Verbundenheit gesund entwickeln kann, ist hier schon längst angekommen. Bleibt zu hoffen, dass die Freiheit der Liebe künftig stets durch alle Menschen genossen werden kann.

1 Ein Aufruf zu mehr Mündigkeit

„Die selbst die Sache nicht prüfen
Mitgerissen von andrer Lärm,
Törichten Sinnes sich gehn lassen,
Die hängen ab von fremdem Tun.

Doch die, so tugendreich wandeln,
An Weisheit fest und friedensvoll,
Vom Bösen lassend, ablassend,
Hängen nicht ab von fremdem Tun.“

aus Buddhas Rede „Furcht steckt an“

Aschermittwoch 2014: Für viele Menschen ist dieser Tag ein Anlass zum Beisammensein – so auch in der Politikszene Deutschlands, in der sich heute gut einhundert CSU-Politikerinnen und -Politiker traditionell zusammenfinden. Etwas halbwegs Feierliches und Unbeschwertes sollte an so einem Treffen in der Luft liegen – auch dann, wenn dort politische Themen auf dieselbe Art verspeist werden, wie der traditionell angebotene Fisch: Weniger heiß als die Zubereitung noch versprach.

Dennoch sollte der etwa einstündige Redebeitrag des Dominikanerpaters Wolfgang Spindler bis heute noch unverdaut sein, so gewichtig sein Inhalt: In die aktuellen politischen Herausforderungen, zu denen er sprechen sollte, integrierte er drastisch die Themen „Umerziehung und Umprogrammierung des Geschlechter- und Familienbilds“ und die „Auflösung der menschlichen Natur“: Seine Rede stellte auf Homosexuelle in der Gesellschaft ab. Mit diesen Schlagworten füllte Spindler zugleich das Themenspektrum, um in diesem Buch zu landen: Die Wortwahl lässt bereits erahnen, dass er es mit einer sachlichen Argumentation rund um Nichtheterosexualität als Thema aktueller Gesellschaftspolitik nicht sehr ernst nahm. Die Diskriminierung von Homosexuellen sei vorgetäuscht und nur ein Argument, um Menschen ein schlechtes Gewissen einzureden, meinte er etwa. Abgesehen davon, dass man sich doch langsam auch einmal fragen müsse, ob die Entwicklungen um Homosexualität dazu führten, dass demnächst auch Sodomie, Sex mit Tieren, legalisiert würde. Letztlich seien Randgruppen wirtschaftlich angeblich eh nicht lukrativ, sodass er der CSU auf den Weg gab, sich um diese nicht zu sehr zu kümmern, sondern eher die Mitte anzusprechen, „die, die den Staat am Leben erhalten“. Darüber hinaus: Was die Familienpolitik anbelangt, sei die Emanzipation den Frauen doch eh eingeredet. Ja, dieses individuelle Pochen auf eigene Rechte für alles und jeden, die gleich zu Menschenrechten aufgeblasen würden, führe zu einer Inflation von Menschenrechten.1

Welche Reaktionen zeigten am Ende dieser Hassrede die anwesenden CSU-Politikerinnen und -Politiker, also jene, die mitten in der Landratswahl steckten? Niemand verließ vor Empörung über so viel Unsinn den Saal, niemand unterbrach den Redner. Auch am Ende folgte keine kritische und in die Schranken der Sachlichkeit verweisende Diskussion der Redeinhalte: Stattdessen gab es zum Schluss Applaus von der CSU, die wohl teils zu feige war, zu widersprechen, teils aber vielleicht auch die Meinung des Paters teilte. Eine Meinung, die einen sachlichen Umgang mit der Wahrheit radikal in den Schatten stellt und sicherlich nicht zu progressivem und demokratischem Gedankengut zählen sollte. Dennoch brachte niemand genug Mut und Verantwortungsbewusstsein auf, um zu widersprechen.2

Was kann man von solchen Mandatsträgerinnen und -trägern halten, welches Vertrauen kann man ihnen entgegenbringen? Und welche Rolle sollten sie in einem demokratischen Prozess einnehmen – also in einem Prozess, der von Meinungsvielfalt lebt, jedoch auch klar benennt, welche Aufwiegelungen den Meinungsbegriff nicht verdienen? Unter diesen Umständen: vermutlich gar keine. Thekla Krausseneck fasste in einem Artikel für die Süddeutsche Zeitung vom März 2014 zusammen, was einem Menschen mit demokratischem Grundverstand dazu nur einfallen kann: „Eine mündige Gesellschaft hat keinen Bedarf an Mandatsträgern, die glauben, es gebe ‚eine Inflation der Menschenrechte‘. Sie braucht dringend Menschen, die aufstehen und widersprechen können.“ 3

Eben dieser Begriff der Mündigkeit ist es, der im Zentrum dieses Buches steht: Mündig ist jede Person, die die Meinungen anderer überdenkt, aus vielen Perspektiven heraus eine Situation beleuchtet und mit ihrem eigenen Verstand bewertet. Mündig ist, wer weiterdenkt und nicht blind auf alles Althergebrachte besteht – und sich letztlich auch nicht durch Eruptionen von allen Menschen, die Meinung und Aufwiegeln verwechseln, wie ein Windspiel in eine gewisse Richtung abdrängen lässt. Mündigkeit steht der Selbstaufgabe durch billige Hasstiraden entgegen und zeugt von Mut und Verantwortungsbewusstsein, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Es ist also unbedingt nötig, den Begriff hier anzuführen, wenn es um Nichtheterosexualität bzw. sexuelle Vielfalt geht: Zu undifferenziert und unmündig ist die Haltung Nichtheterosexuellen gegenüber in viel zu großen Teilen der Gesellschaft.

Dies wird auch gut bei der Betrachtung der bis heute anhaltenden Reaktionen zum vielfaltsfördernden Bildungsplanvorschlag in mehreren Bundesländern deutlich: Einige ausgewählte gesellschaftliche Fragestellungen der Ablehnung von Nichtheterosexualität können an diesem Thema entwickelt werden. Diese werden in den nächsten Kapiteln durch einige anknüpfende Überlegungen letztlich ein gesellschaftspolitisches und ökonomisches Postulat entwickeln, weshalb die Eheöffnung für alle Liebespaare eine echte Notwendigkeit für unsere Gesellschaft ist. Sie stellt weit mehr als nur ein beliebiges Zugeständnis an eine beliebige Minderheit dar, das in Wahlkämpfen zu Sympathieboni führen soll.

2 Für ein realistisches Menschenbild in der Schulausbildung

„Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muß zu Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

aus: „Maximen und Reflexionen“ (J. W. v. Goethe)

Bildungspolitik ist der Bereich, an dem unsere Gesellschaft zur Ebnung ihrer Zukunftsfähigkeit besonders interessiert sein muss: Es geht darum, unseren Kindern – und ausnahmslos allen – die besten Chancen für einen gelungenen Start in ein erfolgreiches und selbstbestimmtes Leben nach ihren Maßstäben zu bieten. Bildung ist hierfür der Schlüssel, auf den ein großer Wert gelegt werden muss. Schulen können wir als Spiegelbild unserer Gesellschaft wahrnehmen lernen: Was dort aus Sicht der Chancengleichheit möglich oder unmöglich erscheint, ist ein wichtiger Indikator zur Chancengleichheit in unserem Land insgesamt. Den Erziehungs- und Bildungsauftrag sollten Schulen so wahrnehmen, dass die Schülerinnen und Schüler nach und nach zu mündigen, selbstbestimmten Menschen erzogen werden: Dazu gehört in jedem Falle auch die Erziehung zu einem friedfertigen Miteinander, was auch die Erziehung zur Akzeptanz und Wertschätzung der real vorhandenen Vielfalt unserer Gesellschaft einschließt.

Vielfalt ist dabei weder etwas Ausgedachtes, noch Konstruiertes oder Überbetontes: Verschiedene Herkunft, Religionen, Weltsichten, körperliche Merkmale und Erfahrungswerte machen Menschen und Menschengruppen jeweils zu etwas Speziellem und Individuellem, dem grundsätzlich respektvoll und wertschätzend begegnet werden muss. Auf andere Art und Weise wäre weder berufliches noch privates Zusammenleben unter Frieden in der Gesellschaft möglich. Eine offene Grundstimmung im Miteinander führt zu reiferen, geschmackvolleren und letztlich auch sichereren Lebensumständen als ständige Konflikte um unsere ganz individuellen Merkmale: Eine Wahrnehmung dieser als Grenze und Hindernis für ein friedfertiges Zusammenleben ist absolut ungeeignet und lediglich konfliktverursachend. Ein Ziel einer im konstruktiven Miteinander blühenden Gesellschaft muss daher sein, solche Sichtweisen zu überwinden, die auf die negative Betonung von Unterschieden bedacht sind.

Dieser Ansatz sollte daher als gesellschaftlicher Wert klaren Einzug in die Ausbildung junger Menschen halten. Nachvollziehbar erscheint, dass selbst beste Bildungsergebnisse auf allen Niveaus nicht wertvoll sein können, wenn ein Mensch grundlegende soziale Kompetenz nicht verinnerlicht hat: Rassismus ist ein Beispiel einer solchen unmündigen und nicht sozial orientierten Handlungs- und Lebensweise. Ein Bereich dieser gesellschaftlichen Vielfalt, die es zu kennen und mit der es zu leben gilt, entsteht durch die unterschiedlichen familiären Lebensentwürfe und die real vorhandene Pluralität an sexuellen Orientierungen und Identitäten.

Wenn Akzeptanz droht, ein gelebtes Gut zu werden: Der Bildungsplanvorschlag Baden-Württembergs

Sich inmitten von Vielfalt wertschätzend und inkludierend zu verorten, ist eine der wichtigen Tugenden des gesellschaftlichen Miteinanders. Gerade im Angesicht der nach wie vor erlebbaren Diskriminierung von Nichtheterosexuellen4 sind die Reaktionen auf einen Vorschlag für ein tolerantes und akzeptierendes Bildungskonzept in Baden-Württemberg besonders verwunderlich: Eine durch einen Lehrer organisierte Online-Petition gegen den Bildungsplanvorschlag erlangte über 190.000 Stimmen. Der Chef des Philologenverbandes in Baden-Württemberg warnte in einem Gastbeitrag für den Focus vor einer „staatlich sanktionierten Vergewaltigung der Kinderseele“ und „Pornografisierung der Schule“5. In mehreren deutschen Städten wurden und werden Demonstrationen gegen den Bildungsplanentwurf abgehalten: Diese werden von der AfD-nahen „Initiative Familienschutz“ oder anderen Organisationen wie sogenannten „Besorgten Eltern“ veranstaltet. Die Demos sind nicht dafür bekannt, mit akkurat wahrheitsgemäßen Thesen Aufsehen zu erregen: Die plakativen Themen sind oft Varianten von „Ehe und Familie vor! Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder!“. Dies führt so leicht dazu, dass die Mitdemonstrierenden Plakate und Buttons mit Mottos wie „Nein zur grünen Kindersexpartei“, „Pädos? Nein Danke“ oder „Wir Kinder sind gegen Sex“ tragen. Unwirklich scheint, dass teils sogar deren mitgebrachte Kinder mit den Plakaten und Buttons versorgt sind6. Welche Ursachen stecken hinter diesen bizarren Entwicklungen?

Die Landesregierung in Baden-Württemberg stellte im November 2013 ihr Arbeitspapier für die Entwicklung eines neuen Bildungsplans vor. Dieser wurde durch die fünf Leitperspektiven definiert: „Berufliche Orientierung“, „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, „Medienbildung“, „Prävention und Gesundheitsförderung“ und „Verbraucherbildung“. Das angestrebte Ziel des Plans ist dabei das verantwortungsbewusste und selbstbestimmte Bewältigen von Herausforderungen und Entscheidungen im beruflichen und privaten Alltag, zu dem die Kinder nach und nach erzogen werden sollen. Dies erfordert zunächst Kreativität, Kommunikations- und Kritikfähigkeit sowie verantwortliches Handeln. Immer wichtiger wird außerdem die Fähigkeit, Situationen zur friedlichen Konfliktlösung auch aus der Perspektive anderer Menschen, Kulturen und Lebensentwürfe einzuschätzen.

Ein großer Wert wurde daher auch auf die Wertschätzung von Vielfalt gelegt. Der Gesichtspunkt der Akzeptanz der sexuellen Vielfalt wurde sogar explizit mit in die Umsetzungsvorschläge für die Leitprinzipien aufgenommen: Der Bildungsplanentwurf gestaltet daher mehrere Postulate für die Gestaltung und Vermittlung der Unterrichtsinhalte, darunter folgende:

– den vorurteils- und stereotypenfreien Umgang mit der sexuellen Orientierung bzw. Identität anderer (und der eigenen, die jeder Mensch besitzt),
– den Schutz der Menschenrechte,
– den Abbau von Diskriminierung,
– die Übernahme von Verantwortung für sich selbst und andere und
– die eigene Verortung in einer von Vielfalt geprägten Gesellschaft.

Dieses Einschätzungsvermögen kann nur darauf beruhen, die möglichen Konstellationen des menschlichen Zusammenlebens auch aktiv zu kennen und wahrzunehmen. Die schließt also auch den Umgang mit jener Wahrheit ein, dass die „traditionelle Familie“ aus Mann, Frau und Kind nur eine mögliche Variante ist, die nicht schlechter und nicht besser als andere Lebensentwürfe z.B. der von gleichgeschlechtlichen Paaren ist.

Das Leben spielt sich nicht in den Einteilungen von Schulfächern ab. Daher sollte gemäß dem Bildungsplanentwurf fächerübergreifend diese Vielfalt auch aktiv berücksichtigt werden, um sie als das darzustellen, was sie ist: der menschlichen und gesellschaftlichen Natur und Realität entsprechend, in anderen Worten also „vollkommen normal“.7 Wenn diese Vielfalt also sowieso dem natürlichen gesellschaftlichen Alltag entspricht und durch Kinder auch wahrnehmbar ist, besteht folglich kein Problem darin, fächerübergreifend für Akzeptanz und Aufklärung zu sorgen. Schließlich würde durch Verschweigen eine mögliche Stigmatisierung noch gefördert werden. In anderen Worten: Akzeptanz bedeutet hier, dass kein Problem sein darf, in Mathematikaufgaben auch einmal die Kosten für die Zutaten der Hochzeitstorte eines gleichgeschlechtlichen Paares zu berechnen. Sämtliche Beispiele, die in der Schulbildung gesellschaftliches Leben repräsentieren, dürfen kein eingeschränktes Abbild einer Realität entwickeln, die es so gar nicht gibt: Eine übergreifende Darstellung der Gleichwertigkeit des Lebens und der Liebe verschiedener Paarkonstellationen sollte angesichts dieser Überlegungen selbstverständlich sein. Die Darstellungsmöglichkeiten sind in diesem Rahmen (etwa für eine Rechenaufgabe) schließlich sehr einfach und wirkungsvoll.

Genau an dieser Stelle regte sich der Widerstand, der sich in der besagten Petition und einigen organisierten Demonstrationen ausdrückte. Stark aufgebauscht wurde das angebliche Ziel des Kinder- und Jugendschutzes: So müssten Eltern verhindern, dass ihre Kinder umerzogen und damit in ihrer seelischen und moralischen Integrität gefährdet würden. Außerdem müssten sich die Eltern – schenkt man den Demonstrierenden Gehör – dagegen wehren, dass ihre Erziehungsrechte missachtet würden. Nicht zuletzt wurden zahlreiche Zeitungsartikel und Diskussionsrunden im Fernsehen mit teils sehr widersprüchlichen Argumentationen und einer nicht immer zielführenden Darstellung publiziert.

Es scheint daher angemessen, die irreführende Argumentation der Bildungsplangegnerinnen und -gegner einmal genau zu beleuchten – und dabei aufzuzeigen, welche groben handwerklichen Schwächen sie hat. Nur dann wird klar feststellbar, welchem unmündigen Konzept viele der gegen den Bildungsplanentwurf Demonstrierenden zum Opfer fallen, wenn sie den eigentlichen Entwurf der Landesregierung scheinbar nie gelesen haben. Außerdem kann nur so eine Klarheit darüber geschaffen werden, was überhaupt gemeint ist, wenn die Inhalte eines Bildungsplans sich an gesellschaftlicher (und somit auch sexueller) Vielfalt ausrichten: Die zugegeben recht abstrakt wirkende Idee wird nachfolgend mit etwas Leben erfüllt.

These 1: Der Entwurf für den Bildungsplan stellt Sexualität als wichtigsten Aspekt in den Vordergrund.

Diejenigen, die meinen, der so bezeichnete „Bildungsplan unter der Ideologie des Regenbogens“ würde das Thema Sexualität (speziell: Homosexualität) als einzigen Mittelpunkt behandeln, verschweigen den Rest des ca. 30 Seiten starken Papiers: Entweder tun sie dies aus Unwissenheit oder aus Ignoranz. Dass die Erziehung zu Moral und Akzeptanz gegenüber sexueller Vielfalt nur ein Punkt des Bildungsplans ist, der in einen Pool von zahlreichen weiteren wichtigen Themen eingebettet wird, darf nicht unbeachtet sein: Dazu zählen etwa die Ausbildung und Nutzung eigener Kompetenzen bis hin zu der Berufsvorbereitung, der Förderung von gesellschaftlichem Engagement, Gesundheitsschutz sowie einem kritischen und ökonomischen Konsumverhalten. Durch Bildungsmaßnahmen soll die Verantwortung für gesellschaftliche Belange genauso wie die Verantwortung für sich selbst, das eigene Bewusstsein und die Positionierung in Hinblick auf Aspekte von Zusammenleben und Lebensqualität bei Schülerinnen und Schülern angeregt werden. Das bedeutet in der Alltagspraxis, dass unsere künftige Generation ab dem Sandkastenalter dazu animiert werden soll, über das eigene und das Sozialverhalten der anderen nachzudenken und Entscheidungen zu treffen, die angesichts der Umstände auch verantwortbar sind. Dies muss natürlich im jeweiligen Rahmen des kindlichen Entwicklungsstands geschehen.8

Unabhängig vom Alter sollte jedem Kind vermittelbar sein, dass andere Menschen aufgrund ihrer wahrnehmbaren Andersheit nicht angefeindet werden dürfen: Die Behauptung kann gewagt werden, dass kleine Kinder aus eigenem Antrieb weder das Bedürfnis haben, Spielkameradinnen und –kameraden mit einer anderen Hautfarbe, noch solche mit zwei Müttern auszugrenzen und zu diskriminieren. Vielmehr werden Fragen das Mittel sein, das Unbekannte zu ergründen. Vorurteile und Diskriminierungswille dagegen müssten explizit anerzogen werden, was durch einen Vielfalt-inkludierenden Bildungsgedanken unterbunden werden kann. Auch die Bildungsperspektiven für ältere Schülerinnen und Schüler sind auf nachhaltiges Handeln in der Zukunft ausgelegt: Das Zusammenspiel von Ökonomie und Ökologie zu fördern, Kreativität, Weitsicht, Demokratiefähigkeit und Engagement zu unterstützen und auch Medienbildung als Chance wahrzunehmen, sind einige der angedachten Qualitäten.9 Warum es in diesen praxisnahen Zusammenhängen nicht gestattet sein sollte, Vorurteilsfreiheit im gegenseitigen Umgang zu fördern und für die Wirkung von Stereotypen angemessen zu sensibilisieren, erscheint objektiv kaum einleuchtend.

Der Bildungsplan „unter der Ideologie des Regenbogens“ ist nicht existent – es ist ein umfassender Bildungsplanentwurf, der die Kinder in unserer Gesellschaft für die Zukunft gezielt fördern soll. Dabei beleuchtet er auch die gesellschaftlichen Wahrheiten des menschlichen Zusammenlebens umfassender, als es jemals vorher in der Schulausbildung verbindlich geschehen ist. Die Bildungsplankommission postuliert also, diesen Schiefstand zwischen gesellschaftlichem Leben und der schulischen Vorbereitung auf die Teilhabe daran (Prozess der Sozialisation) nachhaltig zu überwinden.

These 2: Aufklärung soll laut Bildungsplanentwurf einem Unterricht über Sex weichen.

Hierbei stellt sich die Frage, was genau unter dem Begriff „Sex“ verortet sein soll (s. dazu auch „These 5: Kinder dürfen in der Schule mit Sexualität nichts zu tun haben, sondern müssen an dieses Thema nur im Rahmen des familiären Kontexts herangeführt werden.“, S. 14): Bezieht sich Sex hier auf die Sozialisation zwischen den Geschlechtern und auf die geschlechtlichen Dimensionen von Identität, Begehren und körperlichen Merkmalen, die schützenswerter Teil menschlicher Identität und Würde sind, ist der Begriff definitiv Teil des Bildungsplans. Klar ist auch, dass eine andere Intention des Begriffs Sex, die den körperlichen Akt meint, Teil der Aufklärung sein muss und bereits längst in der Schulbildung verortet ist. Dabei ist jedoch das Maß zu beachten, in dem Sex als körperlicher Akt laut Bildungsplanentwurf einen Gegenstand der Schulausbildung darstellen soll: Ein verheißungsvoller Flyer, der im November 2014 in Hannover im Umfeld einer Demonstration gegen den Bildungsplan verteilt wurde, verspricht, darauf zu antworten. Eltern sollten demnach aktiv werden und gegen den Bildungsplan vorgehen, weil den Kindern in der Schule sexuelle Verführung drohe, etwa durch Anleitungen für…

– Sexspiele und miteinander Schlafen,
– Selbstbefriedigung,
– Anal- und Oralverkehr,
– das Eingehen homosexueller Beziehungen,
– Sex unter Geschwistern,
– häufige Partnerwechsel,
– Sex als reinen Lustgewinn ohne Liebe,
– ein Verständnis dafür, dass Ehe und Familie überflüssig seinen und dauerhafte Partnerschaften von freiem Sex abhielten,
– das Verständnis von Genderismus.
(Hierbei wird der Genderbegriff zudem durch die plumpe kontextlose Erläuterung, „entscheiden [zu] können, ob [die Kinder] Jungen oder Mädchen sind“10, deklassiert.)

Diese aufwiegelnden und nur zum Gewinn unmündiger Mitdemonstrierenden gedachten Punkte sind natürlich kein Teil des Bildungsplanentwurfs und wurden auch nie von einem Bildungskomitee gedacht oder geplant. Dies muss niemandem gesagt werden, der sich eine Dreiviertelstunde seiner Zeit nimmt, um den wirklichen Bildungsplanvorschlag überhaupt zu lesen (oder gar über ihn nachzudenken). Was dagegen wirklich zur Aufklärung in (sozialisierender) sexueller Hinsicht angedacht ist, lässt sich im Bildungsplanvorschlag herauslesen.11 Kinder sollen demnach…

– sich in die Perspektiven anderer Menschen hineinversetzen und Differenzen zwischen verschiedenen Geschlechtern, sexuellen Identitäten und Orientierungen wahrnehmen, um sich für Gerechtigkeit einzusetzen.
– den konstruktiven Umgang mit Vielfalt (auch aus Sicht der geschlechtlichen Identitäten und sexuellen Orientierungen) üben.

– sexuelle Gesundheit bewusst als Bestandteil der gesamtkörperlichen Gesundheit wahrnehmen und verantwortungsvoll mit ihr umgehen.

– sich in einer pluralen Gesellschaft verorten sowie die eigene sexuelle Identität und die der anderen reflektieren.

– für Stereotype im Umgang mit anderen sensibilisiert werden.

– die verschiedenen Formen des Zusammenlebens heterosexueller und nichtheterosexueller Menschen kennen.

– verschiedene Familienformen kennen.

– Menschenwürde als unantastbar verinnerlichen sowie Diskriminierung und Mobbing (nicht nur aus Gründen der sexuellen Orientierung bzw. Identität) als unvereinbar mit Menschenwürde erachten.
– Sexualität als wichtigen Aspekt der eigenen Identitätsentwicklung einschätzen.

– ihr Verhalten und ihr Körperbild auch unter den Aspekten von Sexualität reflektieren.
12

So sehr es sich die Autorinnen und Autoren des oben genannten Faltblattes auch scheinbar wünschen: Die Lehre und Anweisung sexueller Praktiken sind nicht Bestandteil des Konzepts der sexuellen Vielfalt dieses Bildungsplanvorschlags. Vielmehr geht es um ein Bewusstsein für die Präsenz von und den Umgang mit Sexualität und sexueller Vielfalt, um Verschiedenheit nicht als Barriere im täglichen sozialen Miteinander zu empfinden. Den Umgang mit sexuellen Praktiken dagegen beherrschte bisher jede Generation auch ohne eine derart explizite Anleitung in der Schule: Man kann davon ausgehen, dass dies auch weiterhin der Fall sein wird. Die Aussage der Bildungsplangegnerinnen und -gegner, dass Aufklärung und Gesundheitserziehung einem Unterricht über Sexualpraktiken weichen sollen13, ist daher mehr als unangemessen: Sie ist völlig ohne Faktenhintergrund scheinbar zur reinen Provokation und unmündigen Verbreitung ins Leben gerufen. Mitläuferinnen und Mitläufer erreicht man auf diese Weise – eine mündige und verantwortungsvolle Diskussion jedoch in keinem Fall.

Das Lesen und Verstehen zusammenhängender Texte – zum Beispiel gut dreißigseitiger Bildungsplanentwürfe – sollte dagegen mehr in der Schule gefördert werden. Wir müssen als mündige Gesellschaft in jedem Fall verhindern, dass unsere Nachfahren fehlende Lesekompetenz entwickeln: Diese führt Menschen scheinbar zu derartigen Missverständnissen und mündet in Demonstrationen und gesellschaftlichem Hass.

These 3: Durch Bildung über sexuelle Vielfalt werden Kinder selbst homosexuell.

Zuweilen gibt es unter den Gegnerinnen und Gegnern der umfassenderen Aufklärung in der Schule auch Personen, die meinen, das eigentlich verfolgte Ziel sei die Erziehung hin zur Homosexualität sei. Letztlich seien also homosexuelle Schülerinnen und Schüler rein durch die Bildung über sexuelle Vielfalt zu kreieren.

Als Vorreiterin dieser Auffassung zeigte sich z.B. eine sektenartige christliche Verbindung mit Wurzeln in der Schweiz und Anhängerinnen und Anhängern in Deutschland, die über Internetauftritte auch gezielt Jugendliche anspricht. Bereits lange vor den ersten Demonstrationen gegen den baden-württembergischen Bildungsplanvorschlag wurde über deren Portale ein Video verbreitet: Zu sehen ist ein Mädchen im Schulalter, das versucht, zu moderieren und den Zuschauerinnen und Zuschauern eigener Aussage nach „etwas total Krasses“ erzählen will. Sie spricht mit gezielter Personifikation von „uns Jugendlichen“, die sich nicht länger gefallen lassen sollten, dass „staatliche Sexualpädagogen“ versuchten, den Schülerinnen und Schülern Homosexualität schmackhaft zu machen. Nur dadurch komme es überhaupt zu Homosexualität, da die Schüler sonst alle doch eh eine „stabile Heterosexualität“ hätten und zur „gezielten Umpolung“ missbraucht würden.14

Ähnlich Faktenleeres verbreitet die christliche Aktivistin Gabriele Kuby, die eher der fundamentalistischen Gedankenwelt zuzuordnen ist. Sie spricht in Medien wie der BILD-Zeitung davon, dass durch den Bildungsplan das „sexuelle Leben von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Intersexuellen“ vermittelt werde und Schülerinnen und Schüler dadurch „in die Homosexualität getrieben“ würden.15

Beide hiergenannten Protagonisten, die der Auffassung sind, dass Nichtheterosexualität anlernbar und dass dies auch das Ansinnen der Bildungsplanvorschläge sei, sind jedoch als Anlaufstellen sexueller Unmündigkeit zu sehen: Zum einen verwechseln sie gesellschaftliche Aufklärung zur Akzeptanz mit der Thematisierung von bestimmten sexuellen Aktivitäten, also Sex. Zum anderen scheinen beide die Entwürfe zum Bildungsplan entweder nie gelesen und verstanden zu haben oder untergraben bewusst das, was in den Papieren eigentlich ausgeführt ist: Wie bereits oben auszugsweise auf Makroebene dargestellt, geht es etwa im baden-württembergischen Bildungsplanentwurf nicht um die von Verbreitung einer sexuellen Orientierung oder Identität. Kernanliegen ist dagegen die geförderte Erziehung zu einer Akzeptanz der Gleichwertigkeit der einvernehmlichen Liebesbeziehungen, die Menschen eingehen.

Dass eine Steuerung hin zu einer sexuellen Orientierung oder Identität eh nicht möglich ist, sollte zudem mittlerweile bei jedem Denkenden angekommen sein: Welche Frau wird lesbisch, nur weil sie sich mit Homosexualität befasst? Welcher Mann sucht nur deshalb einen männlichen Lebenspartner, weil zu seinem Bildungsschatz auch Aufklärung über homosexuelle Beziehungen zählt? Genauso wird niemand heterosexuell, der es vorher nicht war, nur weil es anderen Personen so möchten. Sogar als Indoktrinierungsakt wird die sexuelle Orientierung bzw. Identität durch die rechtspopulistische AfD gesehen, die selbst massive Arbeit zur Organisation von Demonstrationen gegen Bildungsplanvorschläge in mehreren Bundesländern betreibt.16 Keine sexuelle Orientierung bzw. Identität ist erlernbar: Sie ist ein persönliches Merkmal eines jeden einzelnen Menschen und kann rational weder als Akt der Mode, noch als Akt der „Indoktrinierung“ gesehen werden.

All jene, die meinen, dass sexuelle Orientierung und Identität anerziehbar und durch fremde Einflüsse unter Druck erlern- oder veränderbar seien, sind ein gutes Beispiel dafür, dass ein Mehr an Aufklärung unbedingt erforderlich ist. Wir sollten darauf hinwirken, dass unsere künftigen Generationen derart prekäre Wissenslücken nicht mehr aufweisen.

These 4: Bildung über sexuelle Vielfalt birgt die Gefahr einer moralischen Umerziehung und Umpolung.

Die AfD fasste in einer Pressemitteilung ihres baden-württembergischen Landesverbandes vom Januar 2014 zusammen, welche Ängste in überzogenem Konservatismus erwachsen, wenn der gesellschaftliche Fortschritt droht: Demnach solle mit dem Vorschlag zum Bildungsplan in Baden-Württemberg „eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehungskampagne an allgemeinbildenden Schulen vorbereitet werden“. Die AfD dagegen stehe eigener Aussage nach „für den Schutz der Familie als Keimzelle der Gesellschaft“ und wolle sich gegen die „eklatante Missachtung der Elternrechte bei der Erziehung und die Relativierung und Diskreditierung traditioneller Geschlechterrollen unter der Flagge des Gender-Mainstreaming“ stark machen.17 Eine ähnlich scharfe Bezeichnung findet sich auch in der Petition von Stängle gegen den baden-württembergischen Bildungsplan: Demnach würde die übergreifende Akzeptanz sexueller Vielfalt auf eine „pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen“ abstellen.18

Das Problem beider Ansätze: Eine (moralische) Umerziehung wird hier pauschal und im Grundsatz als etwas Schlechtes dargestellt, ohne zu reflektieren, was ihr genaues Kernstück sein soll. Vor allem wird sie – besonders bewusst in der Argumentation der AfD – so dargestellt, als brächte sie den bestehenden Familien in unserer Gesellschaft Nachteile und stellte deren Existenz infrage. Obwohl die Bezeichnung als Umerziehung bewusst scharf zum möglichst einfachen Gewinn von weiteren, nicht genau nachfragenden Gegnerinnen und Gegnern des Bildungskonzepts aufgestellt wurde, soll er hier aufgefasst werden: Natürlich ist es eine Veränderung und Weiterentwicklung in der Erziehung, wenn die Gesellschaft Heranwachsenden künftig bewusst vermittelt, dass es viele verschiedene Formen menschlichen, partnerschaftlichen Zusammenlebens gibt. Vor allem geht um die bewusste Betonung, dass diese Formen gleichwertig sind. Es bedeutet die längst überfällige Verschiebung der sexuellen Vielfalt aus der sozialen Grauzone in das öffentliche Licht des gesellschaftlich Wahrnehmbaren.

Die Schulbildung gerät mit ihren Modellen, die unsere Kinder auf ihre künftige Teilhabe am gesellschaftlichen Leben vorbereiten sollen, in diesem Bereich somit so nah an die Realität wie nie zuvor. Die Umerziehung findet hier also weg von einer tabuisierenden, vielfach auch bewusst negativen Darstellung nichtheterosexuellen Lebens statt: Weg von ewig Lamentierenden, Pöbelnden und Verurteilenden – hin zu gesellschaftlich inkludierenden Menschen. Besonders sie stehen durch ihre Gewandtheit und Aufgeklärtheit viel zentraler und standfester im sozialen Leben, als es all jene jemals könnten, die Kraft in das pauschale Verurteilen von anderen Menschen setzen. Die Gesellschaft hat es hier also mit einer Umerziehung derselben Tragweite zu tun, wie sie etwa auch dem Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit entgegengesetzt werden muss.

Schlichtweg falsch ist jedoch, dass durch diese Umerziehung zu mehr Akzeptanz und gesellschaftlicher Realitätswahrnehmung angeblich die traditionelle Mutter-Vater-Kind-Familie in jeglicher Form geschwächt werden solle. Schließlich geht weder aus dem Bildungsplanentwurf hervor, dass heterosexuelle Paare mit Kindern als zweitrangig, überholt oder anderweitig negativ dargestellt werden sollen. Auch ist das nicht die soziale Haltung derer, die sich für die Gleichberechtigung von vielfältigen Lebensentwürfen stark machen und deren pauschale Verurteilung abschaffen wollen. Solche Unterstützung leisten übrigens nicht nur all jene nichtheterosexuellen Paare, sondern auch unverheiratete oder alleinlebende Heterosexuelle, die Teil der realen Vielfalt sind und sich überholten Behauptungen über Kindererziehung und Familienleben ausgesetzt sehen müssen. Die Lesart des Bildungsplanentwurfs ist also, dass die verschiedenen Arten von Beziehungen und Familien keiner sozialen Abstufung unterliegen dürfen. Stattdessen soll es grundsätzlich respektiert werden, wenn Menschen partnerschaftlich füreinander (und ggf. auch noch für Kinder, die sie erziehen oder Angehörige, die sie pflegen) Verantwortung übernehmen.

Basis ist die Liebe zwischen den Menschen, die diese Beziehungen erwachsen lässt und deren verschiedene Arten nicht besser oder schlechter sind. Das Verständnis für diesen so einfach sichtbaren Zusammenhang kann man jungen Menschen anerziehen – als Beitrag zur Erhöhung von sozialem Frieden und Zusammenhalt.

These 5: Kinder dürfen in der Schule mit Sexualität nichts zu tun haben, sondern müssen an dieses Thema nur im Rahmen des familiären Kontexts herangeführt werden.

Einigen Gegnerinnen und Gegner der Bildungspläne verlangen, dass Aufklärung zu Sexualität nur im Elternhaus, nicht aber in der Schule stattfinden solle: Dies fordert etwa die Initiative „Besorgte Eltern“ in einer Erklärung vom Februar 2014, die vornehmlich auf christlich-fundamentalistischen und rechtspopulistischen Portalen veröffentlicht wurde.19 Ähnliches kommt von der sogenannten „Initiative Familienschutz“, die von Hedwig von Beverfoerde in Zusammenarbeit mit der AfD, insbesondere mit Beatrix von Storch, realisiert wird: Bewusst sinnentstellend wird formuliert, dass Kinder dadurch, dass sie Nichtheterosexuelle nicht nur tolerieren, sondern sogar akzeptieren lernen sollen, „persönlichkeitsverletztend sexualisiert“ würden, „ohne dass die Eltern das Recht haben, dies zu verhindern“.20

Das Konzept der Autorinnen und Autoren dieser Tiraden ist, eine Angst vor einem Sexualitätsbegriff unter das Volk zu mischen, den sie selbst nicht fähig sind zu erklären. Dabei ist es wichtig, den Begriff der Sexualität bewusst zu differenzieren, um den Entwurf des Bildungsplans überhaupt vollständig zu verstehen. Was im Abschnitt zur These 2 auf S. 9 in Ansätzen geschah, soll daher hier konsequent fortgeführt werden, indem bewusst gemacht wird, welche Rolle Sexualität im Rahmen der gesellschaftlichen Sozialisation einnimmt.

Wenn von Aufklärung über Sexualität, von sexueller Vielfalt oder den verschiedenen sexuellen Identitäten und Orientierungen die Rede ist, meint dies im Rahmen der Schulbildung nur zu einem geringen Teil den Aspekt des Begriffs, der auf körperliche Vereinigung aus ist21. Dies trifft im Übrigen auch auf die generelle gesellschaftliche Diskussion rund um sexuelle Vielfalt, die Rechte sexueller Minderheiten und deren Emanzipation zu: Niemandem geht es um Bettgeschichten, wenn für eine rechtliche Gleichstellung und soziale Gleichbehandlung sexueller Minderheiten geworben wird. Höchstens jene, die diesen Forderungen krude Hasstiraden entgegenzusetzen versuchen, argumentieren auf diesem Niveau und klammern sich an „den Sex“ in der sexuellen Vielfalt. Dies passierte zum Beispiel in „Medrum“, dem „christlichen Informationsmedium“, das zur Akzeptanz von Homosexualität nur folgenden Bildungsbeitrag liefert: „Im homosexuellen Akt verbindet sich das Sperma eines Mannes mit den Ingredienzen eines Enddarms. Daraus entsteht kein Leben, vielmehr drohen Hepatitis, Syphilis, Aids, Ekzeme, vor denen man sich zu schützen versucht“. Die Akzeptanz von Homosexualität führe demnach zum Verlust von Schamgefühl, Hemmung und Ekelgrenzen: Letztlich wollten Homosexuelle genau wie Nazis im Dritten Reich durch die Verbreitung von Gewissen- und Schamlosigkeit Menschen zum Mord anstiften, indem sie mit ähnlicher Taktik jemanden „zum Verführer und Zerstörer von Kindern“ werden ließen.22

Dass man eine so boshaft-naive, ja hochgradig menschenverachtende Meinung in keiner gesellschaftlichen Diskussion benötigt, ist nachvollziehbar. Demokratie und das Gut der freien Meinungsäußerung dürfen auch hier nicht zur Legitimation von Extremismus und Hass dienen. Traurig dagegen ist, dass solches Gedankengut völlig ohne echte Argumentation, dafür jedoch mit einer Menge Pauschalisierung und Hass, teilweise erfolgreich zum Boykott der Akzeptanz aufruft. Dass so ein moralisch anzuzweifelnder Text dann auch noch durch ein christliches Informationsmedium vertrieben wird, widerstrebt der Erwartungshaltung von Tugend, die (nicht nur) religiöse Menschen als Grundpfeiler ihres Wertekanons verinnerlicht haben sollten.

Worum es jedoch wirklich in der Akzeptanz und Emanzipation sexueller Vielfalt geht – auch im Bildungsplanentwurf – ist ihre Sozialisationsfunktion. Jede Form von Sexualität, von partnerschaftlicher Zusammengehörigkeit, ist im Alltag ein Teil der beobachtbaren Öffentlichkeit. Gerade dies ist eine Essenz des gemeinschaftlichen Wertesystems: Liebe ist im Alltag gelebter Bestandteil und sichtbar. Kinder nehmen sie ihrer Umwelt wahr, wenn ihnen bekannte oder unbekannte Paare sich liebkosen, umarmen, küssen oder wenn es zwischenmenschliche Beziehungen in Geschichten, Büchern und Filmen gibt. Sie nehmen sie ihrem Umfeld auch die Bindungen wahr, die in ihrer Familie und in Freundschaften wirken, und lernen, sie als einen Teil ihres Lebens zu schätzen und einschätzen. Dies ist Teil der Sozialisation, der Menschwerdung in gesellschaftlich-sozialer Hinsicht. Zurecht kann hier natürlich niemand von einer „Frühsexualisierung“ reden, wie es von Beverfoerdes „Initiative Familienschutz“ zu tun pflegt, wenn sie verbreiten will, dass Kinder das Thema Zwischenmenschlichkeit überhaupt nicht berühren würde.23

Sexualität als Ausdruck von Zwischenmenschlichkeit, der fester Bestandteil einer gesellschaftlichen Orientierung hin zu Frieden und Harmonie ist, kann täglich wahrgenommen werden. Dies funktioniert völlig ohne, dass dies als schädlich fehlinterpretiert werden soll. Diese Beziehungsgrundpfeiler, die in ihrer Vermittlung einem Kind auch Geborgenheit und ein soziales Miteinander anerziehen, unterscheiden sich in ihrer Qualität nicht nach der Art der sexuellen Orientierung bzw. Identität: Einer Studie durch die Rechtstatsachenforschung des Bundesjustizministeriums nach empfinden zum Beispiel jene Kinder, die ihre ganze Kindheit lang in Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern (sogenannte Regenbogenfamilien) aufwachsen, die Familiensituation als vollkommen selbstverständlich. In ihrer kindlichen Entwicklung erleiden sie keinerlei Nachteile. Erst später in ihrer weiteren Entwicklung entsteht eine Wahrnehmung für die Besonderheit ihrer Familienkonstellation24, woran das gesellschaftliche Umfeld – positiv wie negativ – nicht unbeteiligt sein sollte.

Gelingt also bei diesen Kindern eine vollkommen unbedenkliche, positive Sozialisation, so kann das Wissen um nichtheterosexuelle Beziehungen für Kinder heterosexueller Eltern wohl ebenso wenig von Nachteil sein. Genau genommen ist für Kinder aus Regenbogenfamilien die Wahrnehmung, dass es andere Familienkonstellationen als ihre eigene gibt, genauso wenig von Nachteil: Sozialisation meint auch, den Blick für die Vielfalt des Lebens zu schärfen – diesen Blick zu wagen ist wichtig, nicht jedoch schädlich. Das Wissen darüber nur auf die Hälfte, nämlich die Heterosexualität abzustellen, ist dagegen eine Verleugnung der Normalität, der in der Schule entgegengesteuert werden sollte. Daher sollte Thematisierung der Beziehungsformen mit einem adäquaten Maß an Aufklärung in der Schule als vollkommen üblich und relevant erachtet werden. So kann die Erziehung lebenspraktisch gestaltet werden und schränkt die Kinder nicht durch die Vermittlung von gefährlichem Halbwissen ein.

Übrigens: Eine solche Aufklärung und vielfaltsgeprägte Erziehung kann auch derart respektvoll und angemessen funktionieren, dass keine Kultur (z.B. aus religiöser Sicht) sich dadurch bedroht oder beleidigt fühlt. Auch diese Vielfalt stellt einen Teil der gelebten Alltagsnormalität dar. Diese Fakten sind auch auf diese Art interpretiert im Kontext der Schulbildung angekommen: Zum Beispiel heißt es im Schulgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen (das auch Demonstrationen gegen Sexualaufklärung erleiden musste): „Die Sexualerziehung dient der Förderung von Akzeptanz unter allen Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und Identität und den damit verbundenen Beziehungen und Lebensweisen“25. Das ebenso demonstrationsgeprägte Niedersachsen betont zudem in § 96 des Landesschulgesetzes: „Dabei sind […] Persönlichkeitsrecht [der Schülerinnen und Schüler] und das Erziehungsrecht der Eltern zu achten. Zurückhaltung, Offenheit und Toleranz gegenüber verschiedenen Wertvorstellungen in diesem Bereich sind geboten“. Selbst der Bund der Deutschen katholischen Jugend (BDKJ) der Erzdiözese Freiburg veröffentlichte in einer Pressemitteilung vom Januar 2014, dass ein respektvoller Umgang mit sexueller Vielfalt in der Schule zu stärken ist26. Er kann sich demnach scheinbar aus konfessioneller Sicht ebenso mit den Inhalten der Planungspapiere identifizieren. Woher stammt also die Aufregung über angeblich bevorstehende Indoktrinierung, Übergehung und Rigorosität in der Umerziehung?

Die These, dass Aufklärung über nichtheterosexuelle Beziehungen Kinder überfordere und verunsichere, kann ebenfalls keiner umfassenden Überlegung standhalten: In den Köpfen der meisten Kinder ist das Thema Nichtheterosexualität schon längst angekommen, wenn sie ihre Umwelt mit offenen Augen wahrnehmen. Somit werden sie zwangsläufig auch feststellen, dass ein Paar oft aus Mann und Frau besteht, es jedoch längst nicht immer muss. Wenn dieses Thema als eines von vielen die Gedanken der Kinder also eh schon beschäftigt, kann es nur sinnvoll sein, auf ihre Fragen zu antworten. Hierdurch kann ein Beitrag zu einer positiven und gesunden Meinungsbildung geleistet werden. Die Haltung der CDU-Schulexpertin Karin Bertholdes-Sandrock, die vor einer Überforderung der Kinder warnt, wenn man Antworten auf Themen gibt, die sie angeblich gar nicht beschäftigten27, sucht an fehlender Reflexion daher ihresgleichen. Schülerinnen und Schüler des Landesschülerrats Niedersachsen selbst forderten sie in diesem Zusammenhang zum Rücktritt auf, da sie positive und diskriminierungsabbauende Aspekte in den vorgestellten Plänen sahen.

Letztlich wird kein aufgeklärter und mündiger Mensch freiwillig zu einem wertneutralen Thema wie die Pluralität in den Beziehungsformen freiwillig Groll, Hass und Diskriminierung hegen wollen: Als Eltern eine darauf ausgerichtete negative Erziehungsarbeit zu leisten, ist letztlich also das einzige, was überfordert und nicht sinnvoll für die kindliche Entwicklung ist.

These 6: Homosexuelle Partnerschaften begründen keine Familien, sondern sind auf die Zerstörung von Ehe und Familie ausgerichtet und daher schädlich für Kinder.

Einige Argumentationen gegen den Bildungsplan driften dahingehend ab, dass nichtheterosexuelle Lebensgemeinschaften förmlich vom Begriff der Familie (und auch der Ehe) ausgeschlossen werden: Schließlich könne eine solche nur aus Mutter, Vater und Kindern bestehen. Dabei ist jedoch nicht nur eine begriffliche Abgrenzung zu verfolgen, sondern eine regelrechte Abwertung der entsprechenden Lebensgemeinschaften – und somit der auf Liebe basierenden Partnerschaften: Die AfD-nahe „Initiative Familienschutz“ forderte im Jahr 2009, lange vor Gründung der eigentlichen AfD, dass der Staat aufhören solle, Gemeinschaften zu fördern, „die sich offen oder versteckt gegen die Familie richten“: Schließlich sei der „Vorrang von Ehe und Familie“ „grundgesetzlich verbürgt“.28 Der Rechtspopulist Wolfgang Hübner geht sogar so weit zu sagen, dass ein Mensch, der keine Familie bilden will oder kann (womit er Nichtheterosexuelle miteinschließt), kein Leitbild für eine Gesellschaft sein darf, „die Bestand und Zukunft haben will“. Obwohl er im selben Zuge sagt, dass auch diesen Menschen Respekt zu zollen ist29, verhilft er durch die langatmige Betonung des Begriffs „Leitbild“ allen nichtheterosexuellen Paaren und generell allen Singles, Alleinerziehenden und Kinderlosen zu einem fast schon gesellschaftsparasitären Beigeschmack: Schließlich würden sie ja absolut nichts zum Fortbestand der Gesellschaft beitragen. Hiermit geraten alle Leistungen abgesehen von der Nachwuchszeugung, die ein Mensch für sich und die Gesellschaft vollbringt, vollkommen aus dem Fokus.

Der Familienbegriff wird schmerzhaft verzerrt, wenn er nicht auf nichtheterosexuelle Menschen angewandt werden soll: Als Familien sollten alle Menschen bezeichnet werden, die auf Basis einer Liebesbeziehung ein Gefühl von Zusammengehörigkeit leben und füreinander Verantwortung übernehmen. Dies stellt in jeder Partnerschaft jeder sexuellen Orientierung mit Kindern oder ohne ein doch viel realitätsnäheres „Leitbild“ dar. Dass nichtheterosexuelle Partnerschaften sonst stark in ihrer Anerkennung eingeschränkt sind und fast schon als weniger gesellschaftsfähig gelten, kann nur durch eine ausgeweitete und weit adäquatere Nutzung des Familienbegriffs umgangen werden.

Natürlich geht es immer noch ein Level schlimmer (und peinlicher), wenn es um Verurteilung, Pauschalisierung und Furchterregung geht: Die radikale französische Politikerin Beatrice Bourges, die in Frankreich massiven Widerstand gegen die Öffnung der Ehe für alle organisierte, hatte durch die Compact-Konferenz in Leipzig im November 2013 eine Darstellungsplattform. Die Konferenz beinhaltete im Wesentlichen, Aktivistinnen und Aktivisten aus Russland und Frankreich, die sich gegen die so betitelte „Homolobby“ in ihren Ländern stark gemacht haben, zur Anheizung der hiesigen Situation in Deutschland an das Rednerpult zu stellen, um ihre Hasstiraden auch hier verbreiten zu können. Bourges passt gut auf eine solche Konferenz, wenn sie die LGBT-Community30 als Sklave der Weltmärkte und Konzerne betitelt, der die „Zerstörung der Gesellschaft“ zum Ziel habe.31 Auch auf dem Portal der „Freien Welt“, das von der AfD-Politikerin Beatrix von Storch und ihrem Mann betrieben wird, befinden sich Beiträge, die die Abschaffung und „Zerstörung der klassischen Familie“ vorhersagen, wenn Homosexualität gleichwertig neben Heterosexualität in der Schulbildung dargestellt wird.

Das sind fast schon russische Zustände32: Das umgangssprachlich als „Homo-Propaganda-Gesetz“ bezeichnete Verbot in Russland, welches Homosexuellen u.a. auch Küssen und Händehalten in der Öffentlichkeit als Straftat auslegen kann, ist hiermit ideologisch verwandt. In einer Petition zu dessen Aufrechterhaltung heißt es: „Die Homosexualität zerstört die Institution Familie, ist eine Respektlosigkeit gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung, führt zu Unzucht und Gewalt. Sie ist gefährlich für die Gesundheit und Psyche der jungen Generation.“33

Auch die AfD-Jugendorganisation untergräbt bewusst alle Leistungen, die ein Mensch außerhalb des Zeugens von Nachkommen vollbringt, wenn sie betont, dass nur die „klassische Familie“ fähig sei, das Überleben der Gesellschaft zu sichern.34 Dass das Überleben der Gesellschaft jedoch auch durch Forschung, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung, das Erzeugen und Ausweiten eines zunehmend hohen Moral-, Lebens- und Gesundheitsstandards sowie einen ausgeprägten (sozialen) Frieden gesichert wird, geht in solchem Populismus unter: Dies sind jedoch Projekte, an denen jeder Mensch beteiligt sein kann und für die die sexuelle Orientierung und Identität keine Rolle spielen. Durch auf Hass basierenden Populismus können derartige Ziele dagegen nicht erreicht werden.

Die ganze Dimension des Unsinns von der angeblichen Zerstörung des künstlich ausgelegten Bildes von der Familie wird dann sichtbar, wenn man diejenigen betrachtet, die es dagegen doch noch am besten wissen müssen: Die Kinder, die in Regenbogenfamilien aufwachsen. Entgegen vieler Vorwürfe zeigen diese Familien, dass Nichtheterosexuelle ebenso für Nachwuchs sorgen können, indem sie als Eltern für ihre leiblichen oder adoptierten Kinder verantwortlich sind. Angemessen verlässliche Aussagen über die Lebenssituation dieser Familien und der Kinder, die in ihnen leben, kann man aus der bereits angesprochenen Studie für das Bundesjustizministerium erfahren: Sie untersucht speziell die Lebenssituation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften (mit und ohne Eingetragene Lebenspartnerschaften). Die Ergebnisse sind einfach und eindeutig: „Insgesamt unterscheiden sich Kinder und Jugendliche aus gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften in ihrer Entwicklung nur wenig – und wenn, dann eher in positiver Weise – von Kindern und Jugendlichen, die in anderen Familienformen aufwachsen.“ Die positiven Entwicklungsaspekte der Kinder werden mit einem vergleichsweise notwendig höheren Selbstwertgefühl begründet. Dies müssen die Kinder frühzeitig vermutlich dann entwickeln, wenn sie einer ggf. auftretenden Diskriminierung aufgrund ihrer als besonders wahrgenommenen Familiensituation begegnen müssen.

Die Studie legt dar, dass die kindliche Biografie von Kindern in Regenbogenfamilien genauso positiv verläuft wie jene von Kindern in Familien mit heterosexuellen Eltern (sowie Alleinerziehenden usw.): Das Verantwortungs- und Erziehungsverhältnis des sozialen Elternteils ist nicht eingeschränkt, das Familienklima ist offen und fürsorglich und die Eltern legen Wert darauf, dass dem Kind auch Bezugspersonen des jeweils anderen Geschlechts greifbar sind. Dies sollte eh im Rahmen der üblichen Kontaktknüpfung und Sozialisation zu erwarten sein. Daher gilt: „Für die betrachteten Entwicklungsdimensionen von Kindern und Jugendlichen erwies es sich somit als nicht bedeutsam, ob sie bei einem allein erziehenden Elternteil, zwei Müttern oder Vätern oder bei Vater und Mutter aufwachsen, sondern wie die Beziehungsqualität in diesen Familien ist.“35

An den Begriff der Familie müssen folglich andere Maßstäbe angesetzt werden als jene überkommenen, die heute bewirken, dass Menschengruppen und Lebensgemeinschaften gezielt diskriminiert und herabgewürdigt werden. Die sexuelle Orientierung und Identität sind keine Messpunkte für die Qualität der Beziehungen, die eingegangen werden: Verschiedene Familienformen sind daher objektiv als gleichwertig anzusehen und ebenso gleichwertig zu behandeln. Menschen, die nicht heterosexuell sind, sind nicht auf die abstrakte „Zerstörung“ von Familien bedacht: Familien und Schicksale werden nur dann zerstört, wenn gezielt darauf hingewirkt wird, Menschen aufgrund ihrer Spezifika zu kriminalisieren und einzuschränken.

These 7: Diskriminierung Nichtheterosexueller ist heute eh kein Problem mehr und betrifft, wenn überhaupt, doch nur diese kleine Minderheit, die ihre Probleme nicht auf die Mehrheit der Gesellschaft ausdehnen sollte.

Wenig wissenschaftlich nehmen es einige Gegnerinnen und Gegner des Bildungsplanvorschlags mit der wertmäßigen Konstellation der Begriffe Mehrheit und Minderheit: Dass es quantitativ mehr heterosexuelle als nichtheterosexuelle Menschen gibt, scheint als gelungenes Aufputschmittel für Argumentationen dienlich zu sein, die klären sollen, wer denn wen gesellschaftlich „dominieren“ dürfe. Die „Besorgten Eltern Baden Württemberg“, teils auch unter dem Namen „Initiative Schützt unsere Kinder“ aufgetreten, warnten im Zuge der Demonstrationen von Februar und März 2014 auf Ihrer Website etwa vor der „Unterwerfung der Mehrheit durch die Minderheit“. Als Minderheit werden im veröffentlichten Text etwas später „Homosexuelle und alle sexuell abweichend Veranlagten“ beschrieben.36 Anders ausgedrückt verlangen die sich in Sorge wähnenden Eltern also, dass alle Menschen, die sich nicht zur Heterosexualität bekennen, ruhig, unscheinbar, nachgiebig und letztlich unsichtbar sein sollen. So sieht es offensichtlich auch der leitende Redakteur der „Weltwoche“, Phillip Gut. Er schreibt: „Nach der erfolgreichen Emanzipation der Schwulen dürfte man eigentlich erwarten, dass die Homosexuellenbewegung etwas lockerer wird. Welche Bedeutung hat die penetrante, ja das öffentliche Leben bedrängende ‚Sichtbarkeit‘ noch?“37

Die Antwort darauf ist einfach: Sichtbarkeit bedeutet akzeptierte Existenz – fehlende Sichtbarkeit kommt einer Tabuisierung gleich. Tabus werden über Dinge verhängt, die unangenehm und als besonders negativ empfunden werden: Dies darf der sexuellen Vielfalt jedoch nicht widerfahren. Schließlich wäre ein ebenso großes Unrecht, die zurückgefahrene Sichtbarkeit heterosexueller Beziehungen zu verlangen. Die alltäglich wahrnehmbare und sozialisierende Funktion von Sexualität als Ausdruck von Beziehungen wurde in einem vorhergehenden Abschnitt hinreichend beleuchtet. Wer also glaubt, dass die Sichtbarkeit gleichberechtigter Lebensweisen ein temporärer Akt und reines Mittel zum Zweck ist, irrt: Sichtbarkeit der Mannigfaltigkeit des Lebens ist ein erstrebenswerter und stets aufrecht zu erhaltender Zustand.

Dies gilt auch, wenn es um eine sogenannte Minderheit geht: Allein Homosexuelle bilden nach derzeitigem Verständnis einen Anteil von fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung (jeder Gesellschaft).38 Selbst, wenn man von der unteren Grenze ausgeht, kann man den Anteil nichtheterosexueller Menschen mit gut zehn Prozent bezeichnen, weil Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Asexuelle u.v.a.m. ebenfalls in die Menge einzubeziehen sind: Diese also schätzungsweise etwas mehr als acht Millionen Menschen in Deutschland zu leugnen, von ihnen ein Versteckspiel und Unsichtbarkeit zu verlangen, ist hochgradig gegen den Gedanken von Frieden und Freiheit gerichtet. Ihn muss unsere Gesellschaft als ihr charakteristisches Leitbild jedoch aufrechterhalten.

Die Aussage, dass Diskriminierung Nichtheterosexueller heute kein verbreitetes Problem mehr sei und sich diese deshalb doch zurücknehmen könnten, wenn es um das Eintreten für gleiche Rechte geht, zeigt, dass viele Menschen die Augen vor der noch existierenden Diskriminierung verschließen. Allein schon eine Ausführung wie jene von Phillip Gut, die der Emanzipation sexueller Vielfalt eine Öffentlichkeitsbedrohlichkeit unterstellt, zeigt die vehemente Diskriminierung, die auch einer breiten vermeintlichen Toleranz innewohnen kann. Sie gehört damit zum Spektrum der Meinungen, die in etwa mit „Ich habe nichts gegen Homosexuelle, aber…“ beschrieben werden können. Dieses „Aber“, das der Aussage davor völlig den Inhalt stiehlt, ist genau das Problem, vor dem auch Deutschland im Jahr 2015 noch steht. Es birgt die Gefahr, ein gesellschaftliches Rollback zu verursachen, indem es die Diskriminierung und Unterdrückung Nichtheterosexueller salonfähig wirken lassen kann. Dies äußert sich auf verschiedenen Ebenen.

Die politische Ebene

Auf politischer Ebene muss klar zwischen dem Stand der Gesetzgebung und dem Verhalten der politischen Mandatsträgerinnen und -träger differenziert werden, weil es hier viele Unterschiede gibt. Die Gesetzgebung gebietet eine großflächige Gleichbehandlung von Nichtheterosexuellen (z.B. im Berufsleben durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz). Diese weist jedoch vehement große Lücken auf, sodass u.a. die Eheschließung für gleichgeschlechtliche Paare genauso wenig möglich ist wie die gemeinsame Adoption von Kindern.

Diese Widersprüche in der Gesetzeslage werden von den Mandatstragenden noch ad-absurdum getrieben: Politikerinnen wie Ursula von der Leyen und Manuela Schwesig, die sexuellen Minderheiten gegenüber respektvoll offen begegenen und z.B. auch die Öffnung der Kindesadoption unterstützen39, sind nicht in hoher Zahl selbstverständlich. Sie duellieren sich ideologisch nach wie vor: Mit einer polarisierenden und wechselwarmen AfD, die zu hyperbolischer Faktenentstellung neigt. Mit einer Kanzlerin, die sich schwertut, wenn es um vollständige Gleichberechtigung geht, weil sie sich „unsicher“ ist, „was das Kindeswohl [in Regenbogenfamilien] anbelangt“40 und sich als Akademikerin nicht die Mühe gibt, sachliche Argumente für ihre politisierte Privatmeinung zu entwickeln. Und selbstverständlich auch mit verklärten Lokalpolitikerinnen und –politikern: Ein Beispiel ist der ehemalige CDU-Chef in Wallmerod, Sven Heibel, der öffentlich zur Schau stellte, dass er in seinem aktuellen Strafgesetzbuch – scheinbar stolz – stets eine Kopie des ehemaligen § 175 StGB aufbewahrt. Dieser stellte gleichgeschlechtlichen Sex bis 1994 unter Strafe und kriminalisierte ihn damit.41

Weitere Beispiele sind unzählbar: Eindeutige politische Signale einer breit getragenen Willkommenskultur von menschlicher Pluralität sehen anders aus. Sie sollten jedoch Gegenstand einer ausstehenden künftigen Entwicklung zum Wohle politischer Mündigkeit und Realitätsorientiertheit werden: Quantitativ nicht vernachlässigbare Teile des politischen Spektrums diskriminieren Nichtheterosexuelle latent oder aktiv.

Bildung und Wirtschaft

Bildung und Wirtschaft sind miteinander verzahnte Bereiche, die sich der Themenstellung der sexuellen Vielfalt allein schon unter der Zielstellung annehmen sollten, alle Potentiale der menschlichen Schaffenskraft effizient nutzen zu können. Der Aspekt der sexuellen Vielfalt sollte hierbei im Bereich des Diversity-Managements, der Bewältigung und Förderung von Vielfalt in Organisationen, Beachtung finden: Derzeit wird der Diversity-Begriff vielfach zu kurz gefasst und verpasst es oftmals, neben der notwendigen Gleichstellung der Geschlechter (z.B. durch Förderung von Frauen in männerdominierten Berufen) weitere Zielgruppen und –maßnahmen zu platzieren.42 Dass in der deutschen Wirtschaft ein messbarer Teil des Humankapitals durch Minderheitenstress verloren geht, ist dem hiesigen Einhalt gebietenden (ökonomischen) Konservatismus geschuldet. Minderheitenstress entsteht z.B. durch das Verheimlichen der Freizeitgestaltung in Gesprächen mit Kollegen, resultierende verminderte Konzentration und Eingeschränktheit in Unternehmenskontakten sowie durch direktes Mobbing.

Studien großer Beratungshäuser wie McKinsey, die nicht erst neuerlich den ökonomischen und sozialen Nutzwert von gelebter Vielfaltskultur nachweisen, sind auch in den meisten Führungsetagen bekannt. Auf eine umfassende und flächendeckende Umsetzung stoßen sie vielfach dennoch nicht. Obwohl es nur wenige wegweisende Outings in den deutschen Führungsetagen gibt43 (weil diese oft immer noch als exotischer Makel angesehen werden), kann niemand ernsthaft an eine durchweg heterosexuelle deutsche Managementebene glauben.

Die wirtschaftliche Zugkraft in Richtung einer Vielfaltsöffnung, die auch sexuelle Vielfalt beinhaltet, ist in Deutschland zu gering. In einigen Themen, in denen uns z.B. die USA längst überholt haben, gibt es Nachholbedarf. Dazu gehören:

– eine offene Netzwerkkultur (z.B. Frauen-, LGBT-, Elternnetzwerke in Unternehmen, die auch von der Geschäftsführung getragen und gefördert werden),
– die öffentliche Präsentation einer Vielfaltskultur als ökonomischen Nutzwert und Imagefaktor eines Unternehmens (z.B. zur Erhöhung des Identifikationspotentials und der Leistungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, gezielt nutzbar etwa bei der Personalakquise),
– in der gezielten Nutzung der Macht, die die Wirtschaft für gezielte und weiterentwickelnde Einflussnahmen auf gesellschaftspolitische Diskussionen besitzt.

Wenn Unternehmen sich kollektiv gegen Diskriminierung aussprechen, besitzt dies sowohl einen gesellschaftspolitischen Mehrwert, von dem alle profitieren, als auch eine hohe öffentlichkeitswirksame Zugkraft. Diese kann sich etwa genauso gegen Demonstrationen gegen eine angebliche „Islamisierung“ Deutschlands richten wie gegen die Verbreitung einer latenten oder starken Homophobie in öffentlichen Diskussionen.

Was die Wirtschaft, in Person ihre Vertreterinnen und Vertreter dazu tun müssen, ist den Wert der menschlichen Ressourcen noch stärker und multidimensionaler zu schätzen. Gerade angesichts eines zunehmenden Fachkräftemangels und der immer mehr zu betonenden Wichtigkeit exzellenter und weltumsichtiger Arbeit in komplexer werdenden ökonomischen Ursache-Wirkungs-Strömungen wird dies wichtig. In praxi bedeutet das auch, Homophobie in Bewerbungsgesprächen oder bereits bei der Bewerbervorauswahl konsequent fallenzulassen und Bewerber nicht wegen einer bestimmten sexuellen Orientierung bzw. Identität (oder eines anderen Minderheitenmerkmals) auszusieben44. Deutschlands Wirtschaft kann sich nur dann abschaffen, wenn sie Homogenität in Leitungs- und Personalebene höher als die maximale Leistungs- und Entwicklungsfähigkeit einer Organisation erachtet.

Basis für ein gesundes Verhältnis zur Vielfalt – auch im Sinne sexueller Vielfalt – bilden die Ausgangswogen in der Schule. Der im August 2013 vorgestellte Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt jedoch, dass Schulen oftmals ein Ort der Intoleranz gegenüber nichtheterosexuellen Jugendlichen sind. Namentlich Homosexualität wird auch in Schulbüchern teils noch zur Abweichung von einer „Norm“ erklärt wird. Themen wie Transsexualität sind häufiger tabuisiert und Kinder, die selbst Teil von Regenbogenfamilien sind, leiden dem Bericht nach teils selbst unter Diskriminierung durch Lehrerinnen und Lehrer.45 Die Erziehungsverantwortung der Schule ist berechtigt in Frage gestellt, wenn die Entwicklung ganzer Gruppen von Personen durch ein diskriminierendes Umfeld gehemmt wird. Auch homophoben Schimpfwörtern, die vielfach in der Schule verbreitet46, muss durch ein Mehr an Bildung und Haltung begegnet werden. Sie sind nicht nur stark verletzend, sondern auch ein Beleg für ein homophobes, unaufgeklärtes Klima unter den Schülerinnen und Schülern.

Sozialer Zusammenhalt

Was den sozialen Zusammenhalt als den Umgang untereinander v.a. im privaten Bereich betrifft, muss konstatiert werden, dass Diskriminierung aufgrund von sexueller Identität und Orientierung ebenfalls nach wie vor erlebbar ist. Für die Betroffenen tritt sie nicht ohne Konsequenzen auf: Eine Studie des Instituts für Psychologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel unter Leitung von Dr. Anne Bachmann auf der Grundlage einer Online-Erhebung aus dem Jahr 2011 stellt heraus, dass 68% der befragten homosexuellen und 54% der befragten bisexuellen Männer Angaben zu erlebten Belästigungen und Bedrohungen machen konnten, die zumeist im Freundes- und Bekanntenkreis auftraten. Belästigungen und Bedrohungen innerhalb der eigenen Familie werden dabei als vierthäufigster Entstehungsort von Diskriminierung genannt. Etwa ein Viertel der schwulen als auch der bisexuellen Probanden dieser Studie haben zudem bereits Diskriminierung in Form von körperlicher Gewalt im Freizeitbereich erlebt.

Auch in weiteren Lebensbereichen wie im Gesundheits- und Immobilienbereich, auf Ämtern, in Behörden und Kindergärten kann Diskriminierung wahrgenommen werden: So gaben 15% der schwulen Probanden an, im Gesundheitsbereich bereits Diskriminierung erfahren zu haben. Dies meint z.B. die Verweigerung des Informations- oder Besuchsrechts für ihre Partner, abfällige Bemerkungen vom Fachpersonal und unangenehme, unangemessene Fragen zur sexuellen Orientierung genau wie eine unzureichende medizinische Behandlung. Die Studie kommt daher zum Ergebnis, dass Maßnahmen zur Steigerung der Akzeptanz von Nichtheterosexualität weiterhin immens wichtig sind, um die erlebte Diskriminierung kontinuierlich zu minimieren.47

Das Berliner Anti-Gewaltprojekt Maneo, das auf schwule und bisexuelle Männer abstellt, zeichnet in einer Anfang 2014 veröffentlichten Studie ebenfalls ein klares Bild von der Diskriminierung, der Nichtheterosexuelle ausgesetzt sein können: Die im Jahr 2013 bemessenen 59 homophoben Übergriffe (sowie die 23 Delikte aus Transphobie) beziffern gegenüber dem Jahr 2011 eine Steigerung um 25%. Das Projekt geht dabei jedoch davon aus, dass es vorrangig keine reale starke Steigerung der Delikte gab, sondern eher eine höhere Öffentlichkeitswirkung und ein gesteigertes Bewusstsein: Die sehr hohe Dunkelziffer an Hassverbrechen aufgrund der sexuellen Orientierung bzw. Identität würde nach und nach verringert. Hierdurch werden derartige Delikte sichtbar, polizeilich bearbeitet und in Statistiken einbezogen. Alarmierend: Die mit 28% am häufigsten vorkommende Gewaltform waren im Untersuchungszeitraum Raubstraftaten, gefolgt von Körperverletzungen und Beleidigungen. Zwei Fünftel der Delikte fanden auf offener Straße statt, 20% in Privatwohnungen.48

Letztlich haben leider auch die gegen die Bildungsplanentwürfe gerichtete Kampagnen die Kraft, Menschen zu mobilisieren, verbale Diskriminierung Nichtheterosexuellen gegenüber zum Ausdruck bringen: Sehr fragwürdige Kommentare auf der Plattform der Petition gegen den Bildungsplan Baden-Württembergs wie die unterstellte „Homosexualisierung der Gesellschaft“ oder die Bezeichnung von Homosexualität als Weltanschauung sind kein Zeugnis für Aufgeklärtheit. Kommentare wie „Jeder logisch denkende Mensch muss doch zugeben, dass eine solche Lebensform zum Aussterben der Menschheit führt und nicht nach Gottes Plan sein kann“ und „Die Grünfaschisten wollen Deutschland auflösen, dazu benutzen sie unter anderem auch das Bildungssystem“ zeigen ebenfalls, dass Diskriminierung kein Problem vergangener Tage ist.49 Dieser Teil der Gegnerinnen und Gegner möchte scheinbar keine Diskussionen auf sachlicher Faktenebene führen und polarisiert scheinbar lieber als lösungsorientiert zu vereinen. Diesen Mangel haben im Übrigen auch viele politisch geführte Diskussionen und Darstellungen – z.B. in Diskussionsplattformen des Fernsehens.

Es ist womöglich täglich zu erfahrende Diskriminierung wie diese, die Nichtheterosexuellen schnell das Gefühl vermitteln kann, sie würden aus der Gesellschaft ausgegrenzt und eher als Ballast wahrgenommen. Problematisch dabei ist, dass nicht jeder Form von Diskriminierung effizient mit Gesetzen begegnet werden kann. Gelingen kann dies teils bei einer strukturellen Diskriminierung, die sich zum Beispiel im Eheverbot für Schwule und Lesben äußert. Die soziale Diskriminierung dagegen, die Diskriminierung des Alltags, die oftmals im zivilen Bereich platziert ist, schafft die Wahrnehmung eines gefühlten gesellschaftlichen Stigmas. Diesem sehen sich Nichtheterosexuelle ggf. permanent ausgesetzt. Dieses Stigma bewirkt, dass die Angehörigen der Minderheit Angst und die Erwartung von Ausgrenzung und Diskriminierung als emotionale Grundhaltung fühlen. Die bereits erwähnte Studie zur Lebenssituation schwuler und bisexueller Männer kommt zu dem Ergebnis, dass die wahrgenommene gesellschaftliche Akzeptanz durch die Betroffenen eher als gering gesehen wird. Die so bei vielen Menschen permanent vorherrschende negative Grundhaltung und das Gefühl von Bedrohung, als Minderheitenstress bezeichnet, überträgt negative Auswirkungen auf viele Lebensbereiche: Geeignete Bewältigungsstrategien sind daher notwendig.50

Wird der soziale Zusammenhalt beleuchtet, gilt es auch, Religion und Kirche als Maßstab der Moral für viele Menschen zu untersuchen. Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen lenken die Haltung zu Homosexualität dabei stets in unterschiedliche Richtungen und scheinen sich nicht sicher zu sein, wie generell damit umzugehen ist. Anders kann die Pluralität an Äußerungen zum Thema kaum erklärt werden: Extrem konservative katholische Gläubige forderten auf einem Kongress in Fulda Mitte 2014 etwa dazu auf, den offenen Umgang mit Homosexualität in der öffentlichen Diskussion zurückzudrängen. Die Vorhaben der Bildungsplanentwürfe mehrerer Landesregierungen wurden mit Argumentationen abgelehnt, in denen auch Begriffe wie „pervers“ und „abartig“ fielen: Einige Rednerinnen und Redner bewerteten Homosexualität als „Verunglimpfung von Ehe und Familie“, wie etwa Werner Münch, der in den Neunzigern auch Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt war51. Lange nicht immer ist die Pathologisierungsmoral der Kirche so klar festzustellen: Rainer Maria Kardial Woelki erklärte kurz vor seiner Amtseinführung zum Kölner Erzbischof im September 2014 etwa, dass auch Homosexuelle in seiner Kirche willkommen und fähig seien, gemeinschaftlich teilzunehmen – sogar „selbstverständlich“. Nicht immer ist Woelki jedoch so eindeutig einladend auf Homosexuelle zu sprechen: Jene, die nicht abstinent leben – sich also das Recht herausnehmen, Sex zu haben – würden „gegen das natürliche Gesetz verstoßen und deshalb von unserer Glaubensüberzeugung her nicht gebilligt werden können“.52

Nichtheterosexuelle sind also scheinbar nur dann tolerabel, wenn sie keinen Sex haben. Diese Moral wird auch in einer Ausgabe von „Mann + Christ“ aus dem Jahr 2005, einer Publikation der Männerarbeit im Bund Evangelisch-freikirchlicher Gemeinden in Deutschland, verbreitet. Dort wird auch klargestellt, dass Homosexualität eine der vielen Formen der Abwendung von Gott sei, was objektiv respektlos gegenüber den vielen homosexuellen Gläubigen erscheint.

Tragisch dagegen ist, dass explizit darauf hingewiesen wird, dass Homosexualität nachweisbar therapierbar sei, was die vollkommene Gleichsetzung mit einer Krankheit in den Raum stellt.53 Erst im April 2014 machte eine Ex-Gay-Bewegung in Kassel im Rahmen des Evangelischen Fachverbands für Sexualethik und Seelsorge Weißes Kreuz e. V. auf sich aufmerksam: Dies meint eine Bewegung, zumeist aus Männern, die von sich behaupten, ihre Homosexualität „überwunden“ zu haben, nun heterosexuell zu sein und eindringlich für diesen Weg und die sogenannten Konversionstherapien werben. Die Bewegung plante eine dreitägige Tagung mit dem Kerninhalt der Überwindung von Homosexualität. Kritisch war dies vor allem, weil der Weltärzteverband nicht erst seit Kurzem vor den Konversionstherapien warnt, die inhaltlich eh nutzlos sind, da Nichtheterosexualität keine Krankheit ist. Kritisch ist jedoch, dass die Therapien die Patientinnen und Patienten aufgrund von psychischem Druck in ernste gesundheitliche Probleme stürzen, die etwa auch in Selbstmord münden können. Die Stellungnahme des Weltärzteverbands ist daher eindeutig und bezeichnet derartige „Therapien“ als ernsthafte Gefahr und nicht zu rechtfertigende Verletzung der Menschenrechte.54 Es ist also (nicht nur) für eine Organisation im Glaubenskontext mehr als unwürdig und unmündig, derartige Fehlleistungen zu unterstützen.

Was genau denken aber die Gläubigen selbst über die Sexualmoral der Kirche? Dazu können Antworten in der Auswertung des Online-Fragebogens für Katholikinnen und Katholiken gesucht werden, den der Vatikan Ende des Jahres 2013 publizierte. Ziel war, die Haltung von Gläubigen zu verschiedenen Positionen der katholischen Kirche zu erfahren. Das Ergebnis ist eindeutig: Die meisten Befragten empfinden es als diskriminierend und nicht gerechtfertigt, wenn Bischöfe Schwule und Lesben diffamieren. Die kirchliche Sexualmoral (z.B. auch in Hinblick auf Kondome, Scheidung, gleichgeschlechtliche Partnerschaften) wird zudem als lebensferne „Verbotsmoral“ aufgefasst. Einzig die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare wird von den befragten katholischen Gläubigen scheinbar mehrheitlich abgelehnt.55

Was folgt daraus? Aus Sicht der Gläubigen erscheinen die teils diffusen und nicht klar eine Linie verfolgenden Haltungen der Kirche überholt und nicht eindeutig auf eine realitätsnahe Moral und das friedliche Zusammenbringen von Menschen bedacht. Genau wie für die deutsche Politikszene wäre für die evangelische und katholische Kirche eine einheitliche und einheitsstiftende Neubewertung der Sexualmoral angebracht. Diese sollte unbedingt ein progressives und realitätsnahes Verständnis des Sexualitäts- und Familienbegriffs beinhalten. Die bereits geschilderte sozialisierende Funktion von Sexualität sollte dabei Einzug in derartige Überlegungen halten.

Fazit

Die Ausführungen zeigen, dass Diskriminierung keine verschwindend kleine Erfahrung für Nichtheterosexuelle ist und auf politischer, wirtschaftlicher und sozialer Ebene nach wie vor thematisiert und bekämpft werden muss. In den meisten Fällen basieren derartige Diskriminierungen auf Vorurteilen und ungeprüften Annahmen. Denen kann mit einer umfassenden und allseitig respektvollen Aufklärung – wie in der Schule – begegnet werden. Dabei darf zudem nicht vergessen werden, dass Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung bzw. Identität genauso ein Akt der Willkür ist wie Diskriminierung aufgrund eines anderen persönlichen Merkmals eines Menschen.

Die wahre Relevanz der Gleichberechtigung nichtheterosexueller Personen anstelle ihrer strukturellen und sozialen Diskriminierung beruht darin, dass theoretisch die gesamte Gesellschaft durch Rigorosität gefährdet werden kann. Dies meint die bewusste Entfremdung und ideologische Grenzziehung: Prinzipiell kann jede Gruppe aufgrund von Stigma jedweder Art herabgewürdigt werden. Schließlich kann durch Blendung auch eine Menge Personen zur Unterstützung unmöglicher (auch politischer) Akte ohne jede Mündigkeit und ohne systemisches Denken bewegt werden. Dies zeigen nicht zuletzt auch jüngste Demonstrationen gegen eine angebliche Islamisierung Deutschlands. Jede Trägerin und jeder Träger individueller Merkmale außerhalb der Eigenschaften der Mehrheit ist fähig, diskriminiert zu werden. Angeborene Merkmale betrifft dies genau wie wahlfreie. Dieser Gefahr der bewusst provozierten Lebensunfreiheit muss man sich bewusstwerden, wenn man Stimme oder Handlung gegen die Gleichstellung Nichtheterosexueller richtet. Gerade deshalb sollte das negative Echo, das Stigma und Diskriminierung hervorrufen, noch viel lauter und eindeutiger werden: Letztgültig soll klar werden, dass gesellschaftliche Fortentwicklung und Diskriminierung nicht miteinander vereinbar sind. Es wurden gesellschaftliche Ebenen aufgezeigt, in denen dieses Echo jedoch zu selektiv und dafür insgesamt diffus wirkt.

Diskriminierung bringt keinen Menschen und keine Gesellschaft voran. Wir müssen lernen, dass Demokratie nicht bedeutet, dass jede so bezeichnete Meinung hinter dem Schutzschild von Meinungsfreiheit auch zu dem Meinungspool zählt, der an gesellschaftlichem Fortschritt interessiert ist. Meinungen können die Tendenz haben, zum Selbstzweck aufzuwiegeln und zu trennen, anstelle eine Vereinigung und einvernehmliche Lösung anzustreben. Ein Leben in einer Demokratie sollte immer verbunden sein mit einer Selbstverpflichtung zu Mündigkeit: Diese ist nicht durch Hass und Rassismus zu erreichen, sondern nur durch eine konstruktive Arbeit an der Umsetzung einer Zukunftsidee für die Gesellschaft. Menschen anhand ihrer Taten anstelle ihrer Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen zu messen, ist der erste progressive Schritt weg von Diskriminierung und hin zu gesellschaftlicher (und damit eigener) Freiheit.

Doch nicht nur deshalb gehen die Lebensentwürfe und spezifischen Probleme Nichtheterosexueller die heterosexuellen Personen mindestens so viel an, dass in der Schule eine Thematisierung nötig ist: Die Unterstützung von Minderheiten durch Menschen, die ihr nicht angehören, ist immens wichtig, um den Inhalten und Problemstellungen Gewicht zu verleihen. Eine Gesellschaft kann damit zeigen, dass die jeweiligen Ziele mitunterstützt und als erstrebenswert erachtet werden. Die angesprochene Studie zu den Lebenssituationen und Diskriminierungserfahrungen schwuler und bisexueller Männer kommt ferner sogar zum dem Schluss, dass neben der eigenen Familie generell die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft durch schwule Männer als wichtigste soziale Ressource aufgefasst wird. Deren wahrgenommene vorhandene oder fehlende Unterstützung wirkt sich spürbar auf deren Lebenszufriedenheit aus. Wirkungsfaktoren sind hierbei die wahrgenommene Akzeptanz, Unterstützung und Gleichberechtigung in der gesellschaftlichen Wertschätzung.56 Diesem Wirkzusammenhang wird durch Diskriminierung die Basis entzogen – etwa auch durch eine zu oft faktenarme und unangemessene Diskussion um Themen wie Bildungsplanentwürfe. Das ist glücklicherweise jedoch leicht veränderlich: Wir müssen es jedoch wollen.

Ansätze zu einvernehmlicher Vielfalt im Bildungssystem

Die Ziele der baden-württembergischen und anderer Landesregierungen sind nicht leichtfertig als unwichtig zu erachten: Es geht darum, einer vielfach diskriminierten oder tabuisierten Gruppe von Menschen in der Gesellschaft eine Stimme zu geben, um diskriminierenden (und auch rassistischen) Werturteilen mit Bildung zu begegnen. Derselbe Weg sollte auch ein Ansinnen für andere oft diskriminierte Gruppen sein, z.B. für Personen außereuropäischer Herkunft oder Personen, deren Konfession nicht den christlich-abendländischen Glaubensrichtungen zuzuordnen ist.

Solche Vorhaben werden immer Personen aufwecken, die dagegen sind,:

– weil man es qua Meinungsfreiheit und Demokratie darf,
– weil sie eigene Vorurteile und unreflektierte Werturteile haben, an denen sie selbst nicht rütteln wollen,
– weil sie Dinge nicht verändern wollen, die lange nicht verändert wurden (Argument von Instabilität und struktureller Unsicherheit),
– oder weil sie der Politik etwas ausschlagen wollen, was sie plant und diskutiert (wobei dann oft Ursache und Auslöser nicht zusammenfallen).

Derlei Vorhaben werden jedoch auch Personen auf den Plan rufen, die vernünftig argumentieren, ihr Recht zur Partizipation nutzen wollen und wirklich nicht zu denjenigen zählen, die diskriminierend eingestellt sind. Vielleicht hegen diese Menschen dennoch Unsicherheiten hinsichtlich bevorstehender Veränderungen: Diesen kann dann jedoch objektiv, aufklärerisch und inkludierend begegnet werden. Welche Maßgaben können helfen, realen Sorgen zu begegnen und gleichzeitig hetzerischen Kampagnen die Stirn zu bieten, wenn sie sich mehr gegen Nichtheterosexuelle als gegen den Bildungsplanentwurf richten?

Aussagekraft durch Verbindlichkeit und Einheit in den Parteien.

Die Parteien, die im jeweiligen Bundesland als Initiatoren der Bildungsplanvorhaben auftauchen, müssen stets geschlossen hinter dem Vorhaben und auch hinter der sozialen Gleichwertigkeit der sexuellen Orientierungen und Identitäten stehen. Einzelne Mitglieder der Parteien, die die Vorhaben nicht unterstützen, schmälern die Glaubwürdigkeit enorm. Damit spielen diese eher dem Teil der Gegnerinnen und Gegner in die Hände, die ihre Haltung nicht nur durch objektive Fakten und Sorgen, sondern durch Polarisierung ausdrücken. Insbesondere ist ein wichtiges Ziel, auch weitere Parteien für das Vorhaben zu gewinnen, sodass der angestrebte Zielzustand durch möglichst viele Akteurinnen und Akteure kommuniziert werden kann: weniger Diskriminierung und ein stärkerer gesellschaftlicher Zusammenhalt durch aktives und aufgeklärtes Bewusstsein um sexuelle Vielfalt.

Politisch muss eine klare Abgrenzung von denjenigen erfolgen, die die Gleichwertigkeit nichtheterosexueller Orientierungen pauschal nicht akzeptieren wollen: Dem liegt ein gesellschaftliches Signal zugrunde, das hier von besonderer Wichtigkeit ist. Relevant sind hierbei auch eindeutige Positionierungen aus der Bundespolitik, die bisher an der richtigen Stelle versäumt wurden: Bundesbildungsministerin Wanka (CDU) wollte sich im Juli 2014 nicht zum Bildungsplan äußern und nannte als Grund dafür die Zuständigkeit der Länder für den Bereich Bildung. Obwohl sie nach eigenen Aussagen Maßnahmen zur Steigerung der Akzeptanz sexueller Vielfalt als wichtig ansieht, versäumte sie hier, ein wichtiges Signal zu setzen57. Dies hätte vielleicht bei vielen Personen bewirken können, sich intensiver und objektiver mit der Bildungsplanproblematik auseinanderzusetzen. Immerhin war ein kleiner Schritt, dass die Bundesregierung im September 2014 den Bildungsplanvorschlag lobend (aber unverbindlich) als eine von vielen guten Maßnahmen zur Steigerung der Akzeptanz von sexueller Vielfalt nannte.58

Verbindlichkeit durch Transparenz und Aufklärung auf außerparteilicher Ebene.

Es müssen vor allem jene konsequent bedacht werden, die mittelbar und unmittelbar von den angestrebten Veränderungen im Bildungssystem betroffen sind: Schülerinnen und Schüler, Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrer. Zunächst müssen die angestrebten Bildungsvorhaben konsequent und transparent kommuniziert werden: Natürlich sind die Entwürfe der Bildungspläne öffentlich einsehbar. Es besteht dennoch Grund zur Annahme, dass längst nicht alle, die für oder gegen das sind, was sie als Inhalt des Bildungsplans verstanden haben, auch die Dokumente gründlich gelesen und reflektiert haben. Vermutlich wird hier mehr mit konkreten Beispielen erreicht, dies es zwar gibt, aber eine weitere Verbreitung erfahren müssen: Wie sollte eine Unterrichtsstunde aussehen, die auf die Belange sexueller Minderheiten Rücksicht nimmt? Wie sollten Lehrende mit Schülerinnen und Schülern agieren, wenn jede Verunglimpfung Nichtheterosexueller ausgeschlossen sein soll? Praktische Ausführungen sollten dann sichtbar machen, dass extreme Veränderungen, ein „Werben für Homosexualität“ und weitere irrationale Ängste, die in die Zeilen der Bildungspapiere interpretiert werden, verworfen werden können: Schließlich wird lediglich stärker der respektvolle, aufgeklärtere Umgang in der Schule fokussiert: Dies soll immer wieder akzentuiert im Unterricht sowie kontinuierlich im Umgang miteinander passieren. Verantwortung dafür zu übernehmen heißt hier, dieses Verständnis öffentlichkeitswirksam zu betonen: Geschehen kann dies in möglichst vielen Informationsveranstaltungen für Eltern, aber auch in Antworten auf von Eltern gesandte Briefe an Bildungsministerien, die eine zur Reflexion fähige Haltung offenbaren.

Vertieft werden sollte auf diesem Wege auch das Verständnis dafür, welche negativen psychischen Konsequenzen in der Entwicklung und Leistungsfähigkeit es für (später) nichtheterosexuelle Kinder und Jugendliche hat, in einem verschlossenen und zur Diskriminierung fähigen Umfeld aufzuwachsen. Auch die Bereicherung für alle Kinder und Jugendlichen, die (später) heterosexuell orientiert sind, ist nicht zu leugnen: Wer Vielfalt kennt, sie zu respektieren und mit ihr umzugehen weiß, ist selbst mündiger und leistungsfähiger, da er Menschen wahrscheinlich nach sozial nachhaltigeren Kriterien zu beurteilen lernt. Im Miteinander agiert ein aufgeklärter Mensch mit weniger sozialen Barrieren – was grundlegend ist, um in einer leistungs-, lösungs- und zukunftsorientierten Gesellschaft wirklich zu handeln und sich fortzuentwickeln. Das Argument, dass die mediale Präsenz von v.a. Homosexualität zur Ergründung des Themas reiche und mehr nicht nötig sei, kann bei genauem Nachdenken nicht gelten: Medien verbittern Haltungen und manifestieren Klischees manchmal noch mehr, wenn man die objektiven Fakten und Hintergründe gar nicht erst kennengelernt hat.

Zu hoffen ist, dass durch einen reflektierten Umgang dann auch Eltern und Lehrende eine mündigere und akzeptierende Haltung einnehmen: Immerhin wären laut einer im Januar 2014 veröffentlichten Forsa-Umfrage etwa 18% der deutschen Eltern enttäuscht und zeigten keine Unterstützung, würde sich ihr Kind als homosexuell outen59. Die Belastungen und Gefahren prägen Kinder und Jugendliche, wenn sie mit einem solchen Leitbild aufwachsen, obwohl ein unterstützendes Umfeld durch mehr Bewusstsein, Bildung und Moral erreicht werden kann. Kinder sind schließlich nicht nur dann zu lieben und zu schützen, wenn sie (später) eine heterosexuelle Beziehung eingehen.

Bei allen Diskussionen, denen mit Argumenten zu begegnen ist, und allen Ängsten, die durch Erklärung, Reflexion und Verständnis genommen werden können, können jedoch jene vernachlässigt werden, die nicht sachlich und unter Respekt der Menschenrechte argumentieren. Wer die Gleichwertigkeit von Heterosexualität und nichtheterosexuellen Orientierungen und Identitäten generell in Frage stellt, maßt sich damit an, über die gesellschaftliche Relevanz und den Wert eines Menschen zu richten. Eben dies hat in einer Diskussion um Bildungsvorhaben nichts verloren, sondern schürt nur irrationale Ängste, die vermeidbar sind. Die klare Benennung und Abgrenzung von Homo- und Transphobie ist in dieser Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit essentiell.

Gegnerinnen und Gegner der Vorhaben, die sich in Wort oder Aktion äußern, sind gut beraten, dies als Basis ihrer Ernsthaftigkeit ebenfalls zu verinnerlichen. Was langfristig sicherlich ebenso zu überwinden ist ist die Versuchung des Lamentierens. Es muss weithin begriffen werden, wie wenig fruchtbar es ist, abrupt und absolut gegen ein Vorhaben zu sein, anstatt es in seinen einzelnen Bestandteilen zu untersuchen und konstruktiv mit zu entwickeln. Dies gilt auch für Bildungsvorhaben, zu denen Einschätzungen von Eltern, Lehrerinnen, Lehrern sowie Schülerinnen und Schülern wertvolle Beiträge leisten können.

[...]


1 (4), inkl. der wörtlichen Zitate
2 (5)
3 (5)
4 Vgl. dazu viele Beispiele und Erläuterungen im Kapitel 3.
5 (86)
6 (207)
7 (79 S. 1ff.)
8 (79 S. 2 - 4)
9 (79 S. 3)
10 (69)
11 Diese Aufzählung bezieht sowohl die ursprüngliche als auch die neue (nach Protesten überarbeitete) Version des Bildungsplanvorschlags für das Land Baden-Württemberg ein.
12 (79 S. 2) sowie (80 S. 3f.)
13 (6)
14 (156), inkl. der wörtlichen Zitate
15 (7), inkl. der wörtlichen Zitate
16 (213)
17 (8 S. 16f.), inkl. der wörtlichen Zitate
18 (6)
19 (85)
20 (88), inkl. der wörtlichen Zitate
21 Bildung über diesen Aspekt von Sexualität ist im Rahmen der Aufklärung jedoch ebenfalls notwendig, z.B. im Rahmen sexueller Gesundheit.
22 (87), inkl. der wörtlichen Zitate
23 (8 S. 16f.)
24 (9 S. 289ff.)
25 (119)
26 (10)
27 (214)
28 (8 S. 15), inkl. der wörtlichen Zitate
29 (8 S. 25f.), inkl. der wörtlichen Zitate
30 LGBT: aus dem Englischen für lesbian, gay, bisexual, transgender, also lesbisch, schwul, bisexuell und Transgender; zusammengefasst mit dem Wort „nichtheterosexuell“.
31 (60), inkl. der wörtlichen Zitate
32 „Russische Zustände“ bezieht sich hier negativ auf die unmündige Haltung der Politik Russlands, Nichtheterosexuelle rechtlich zu verurteilen und als schädlich darzustellen, anstatt ihre Inklusion zu fördern und damit auch effektiver gegen zivile Gewalt vorzugehen. Eine negative Konnotation mit dem beeindruckenden Land Russland und seiner mannigfaltigen Kultur darf hieraus selbstverständlich kein/e Lesende/r entnehmen.
33 (302)
34 (213)
35 (9 S. 294 und 305ff.), inkl. der wörtlichen Zitate
36 (248), inkl. der wörtlichen Zitate
37 (11), inkl. der wörtlichen Zitate
38 (12 S. 39)
39 (124)
40 (313)
41 (114)
42 (181)
43 (181)
44 (181)
45 (181)
46 (13)
47 (14 S. 29)
48 (201)
49 (6), inkl. der wörtlichen Zitate
50 (14 S. 5 und 31)
51 (191), inkl. der wörtlichen Zitate
52 (295), inkl. der wörtlichen Zitate
53 (179 S. 4 und 10f.)
54 (190)
55 (125)
56 (14 S. 82f. und 86f.)
57 (288)
58 (99)
59 (300)

Details

Seiten
166
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668114180
ISBN (Buch)
9783668114197
Dateigröße
5.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312486
Note
Schlagworte
schwul lesbisch homosexuell gender ehe eheöffnung flüchtlinge asyl politik wirtschaft transsexuell intersexuell liebe gleichberechtigung gleichheit LGBT genderdebatte

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Titel: Die Mauer muss weg! Mündigkeit im Umgang mit sexueller Vielfalt