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Homosexualität in der Einwanderungsgesellschaft. Ein Clash of Cultures?

Hausarbeit 2012 17 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhalt

1 EINLEITUNG

2 KULTURELLE KONZEPTION SEXUELLER IDENTITÄT

3 DAS VERHÄLTNIS VON MIGRANTINNEN UND HOMOSEXUELLEN
3.1 Homosexuellenfeindlichkeit bei MigrantInnen
3.2 Ausländerfeindlichkeit bei Homosexuellen

4 LEBENSSITUATION HOMOSEXUELLER MIGRANTINNEN
4.1 Verhältnis zur Migrantencommunity
4.2 Verhältnis zur homosexuellen Community
4.3 Organisationsstrukturen homosexueller Migranten

5 Zusammenfassung

6 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Zwangsheirat, Ehrenmord, Unterdrückung der Frau - Die Diskussionen um Geschlechts- und Sexualitätswahrnehmungen bei Migrantlnnen und möglichen politischen Gegenmaßnahmen sind brandaktuell.

Seit Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ spricht man in Deutschland aber auch verstärkt über die Integration von Migrantlnnen. Die Mehrheit der Deutschen sieht Integration als wichtiges innenpolitisches Anliegen. Sind die Migran­tlnnen, vor allem die Migrantlnnen islamischen Glaubens, in ihrem europäischen Auf­nahmeland überhaupt integrationsfahig oder -willig, fragen skeptisch die Einen. Sind die Deutschen hingegen fähig oder willig zu integrieren, fragen die Anderen.

In dieser Arbeit sollen beide Aspekte, Geschlechts- und Sexualitätswahrnehmungen in verschiedenen Kulturen auf der einen Seite, Integrationsfähigkeit und Integrations­wille auf der anderen Seite, miteinander verschränkt werden.

Im Mittelpunkt der Arbeit werden homosexuelle MigrantInnen stehen. Sie wurden in der deutschen Migrations- und Integrationsforschung, aber auch in den Queer Studies, bislang stark vernachlässigt. Doch gerade durch ihr „doppeltes Minderheiten“- Dasein bilden sie einen Forschungsgegenstand, dessen Untersuchung unbedingt erfor­derlich ist. Mit den mehrheitlich heterosexuellen MigrantInnen teilen Sie ihre Wurzeln, ihren Familienhintergrund, ihre Migrationsgeschichte; mit den mehrheitlich deutschen Homosexuellen teilen Sie ihre sexuelle Identität und den „inneren Coming-Out­Prozess“ mit all seinen Schwierigkeiten.

Wie ist der Verhältnis zwischen homosexuellen MigrantInnen und der Migranten­community, wie zwischen homosexuellen MigrantInnen und der homosexuellen Com­munity? Vollzieht sich der viel beschworene „Clash of Cultures“, ein Zusammenprall der Kulturen, der nach Meinung vieler ein unabwendbares Weltszenario darstellt, hier im Individuum? Entscheiden sich homosexuelle MigrantInnen für eine „Kultur“ oder schaffen sie es beide zu vereinen? Diese Fragen sollen im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen.

Ausgangspunkt ist hierbei die These, dass die Migrantencommunity1 und die homo­sexuelle Community zwei entgegengesetzte Pole darstellen, deren Lebenswelt und deren Menschenbild unterschiedlicher nicht sein könnte und die allein die „Minderhei- ten-Erfahrung“ verbindet.

Im zweiten Kapitel soll zunächst verdeutlicht werden, dass sexuelle Identitäten kulturell konzipiert werden und dabei Geschlechtswahrnehmungen eine entscheidende Rolle spielen.

Davon ausgehend wird im dritten Kapitel die genannte These empirisch belegt. Es soll aufgezeigt werden, dass die Koexistenz beider Minderheiten in Deutschland nicht von gegenseitiger Solidarität, sondern vielmehr von reziproker Abneigung geprägt ist. Vor allem die Gründe sollen beleuchtet werden.

Im vierten Kapitel werden die homosexuelle MigrantInnen in den Fokus gerückt. Das Verhältnis zur Migrantencommunity und zur homosexuellen Community, und ihre Organisationsstrukturen zwischen diesen Polen werden untersucht.

Es wird sich herausstellen, dass für das Thema vor allem Schwule und Migranten betrachtet werden müssen, da bei Ihnen die Gegensätze besonders stark ausgeprägt sind; Lesben und Migrantinnen sollen und dürfen aber nicht unberücksichtigt bleiben.

2 Kulturelle Konzeption sexueller Identität

In Europa hat sich der Begriff Queer als Selbstbezeichnung für alle, die von der heterosexuellen Norm abweichen, gefestigt. Michael Foucault, einer der bedeutendsten Theoretiker der Queer Theory, zeigte auf, dass Sexualität nicht als persönliche Eigen­schaft zu sehen ist, sondern als eine kulturell verfügbare Kategorie, welche durch Macht hervorgebracht wird.2

Heteronormative Geschlechterdiskurse basieren folglich auf „der Annahme der Zweigeschlechtlichkeit und dem Diktat von heterosexuellem natürlichem und norma­len Begehen.“3 Homosexualität als alternative, von der Heteronormativität abweichende, sexuelle Identität ist daher umso schwerer lebbar, je stärker die antagonierende Macht ist.

Dass sexuelle Identität in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich definiert wird und unterschiedlich stark ausgeprägten Mächten folgt, soll das Beispiel des islamischen Raumes verdeutlichen - auch da die vom Islam geprägten Staaten die bedeutendste Herkunftsgesellschaften von außereuropäischen MigrantInnen in Deutschland darstellen.4

Eine „Konzeption“ von Homosexualität und Heterosexualität, die neben sexuellen Absichten auch die Möglichkeit der Liebesbeziehung einschließt, ist im islamischen Raum, im Gegensatz zu Europa, traditionell unbekannt. Vielmehr werden die Paradig­men des Männlich-Seins und des Weiblich-Seins durch eine Dichotomie der ausgeüb­ten Sexualpraktiken, also Aktivität und Passivität, konstituiert. Für Homosexuelle gilt daher, dass als „weiblich“ nur Männer, die rezeptiven Analverkehr eingehen, gelten; Männer mit insertiven Analverkehr büßen hingegen keineswegs an Männlichkeit ein. Die seit der Antike weit verbreitete Knabenliebe5 im islamischen Orient, die keines­wegs als ein homosexuelle Beziehung betrachtet werden darf, sondern vor allem die „Dominanz des Mannes“ über den „weiblichen Knaben“ betont, ist ein Beispiel hier­für.6

Die dichotomen Kategorien Homosexualität und Heterosexualität hingegen wurden im Nahen Osten und in Nordafrika erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, in Zusam­menhang mit den Prägungen der Kolonialzeit, eingeführt. Homosexuelle gelten seit­dem für viele als „dekadenter Auswuchs der westlichen Kultur“.7

Die Entwicklung der Lexik der Orientsprachen macht dies besonders deutlich. So ist „Homosexualität“ traditionell nicht begrifflich festgesetzt. Vielmehr haben sich erst in jüngerer Zeit Bezeichnungen für Homosexuelle herausgebildet. Die meisten beziehen sich dabei auf Männer mit rezeptiven Analverkehr. Die türkischen Bezeich­nungen ibne und kulampara sollen dies verdeutlichen: Ein zweisprachiges Deutsch­Türkisch-Wörterbuch schlägt fälschlicherweise als Übersetzung schwul vor. Doch muss vielmehr kulampara als Ficker, unabhängig vom bevorzugten Sexualobjekt, und ibne als Inbegriff unmännlichen Verhaltens8 verstanden werden.9

[...]


1 Der Begriff Migrantencommunity wird hier, analog zur in der Forschungsliteratur verwendeten Be­zeichnung „homosexuelle Community“ bzw. „SchwuLesBische Community“, eingeführt. Dies soll gewährleisten, dass die Gesamtheit der sozialen Gruppen von MigrantInnen der Gesamtheit der so­zialen Gruppen von Homosexuellen gegenübergestellt werden kann.

2 Jagose (2001): 99ff.

3 Zülfukar (2012): 56

4 Es wird sich nun auf die männliche Homosexualität beschränkt.

5 „Knabenliebe“ bezeichnet hier pädophile bzw. päderastische Sexualpraktiken, bei der ein älterer Mann einen Jüngling penetriert.

6 Bochow (2004b): 107/108

7 Zinn (2004): 232

8 Im Deutschen können sich höchstens die Begriffe Tunte, Weichei oder Waschlappen dem Begriff ibne annähern.

9 Bochow (2004a): 174/175 ; Günay (2004): 125/126

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668115613
ISBN (Buch)
9783668115620
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312276
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Homosexualität Integration Homophobie

Autor

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