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Deutsche Emigration in die Türkei von 1933 bis 1939. Exil, Arbeitsmigration, Diaspora?

Hausarbeit 2012 24 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhalt

1 EINLEITUNG

2 EXIL ALS GEGENSTAND HISTORISCHER MIGRATIONSFORSCHUNG
2.1 SCHWERPUNKTE HISTORISCHER MIGRATIONSFORSCHUNG
2.2 VERHÄLTNIS VON EXILFORSCHUNG UND HISTORISCHER MIGRATIONSFORSCHUNG
2.3 THEORETISCHE AUFFASSUNGEN HISTORISCHER MIGRATIONSFORSCHUNG
2.4 METHODISCHE AUFFASSUNGEN HISTORISCHER MIGRATIONSFORSCHUNG

3 TYPISIERUNG VON MIGRANTEN
3.1 PROBLEMATISIERUNG EINER MIGRANTENTYPOLOGIE
3.2 EMIGRATION
3.3 DIASPORA-MIGRATION
3.4 ARBEITSMIGRATION

4 THEORETISIERUNG DES EXILBEGRIFFS
4.1 EXIL BEI BERTHOLD BRECHT
4.2 EXIL BEI EDWARD SAID

5 DEUTSCHSPRACHIGE EMIGRATION IN DER TÜRKEI (1933 - 1939)
5.1 ENTWICKLUNGEN IM DEUTSCHEN HOCHSCHULWESEN
5.2 ENTWICKLUNGEN IM TÜRKISCHEN HOCHSCHULWESEN
5.3 BEDINGUNGEN DER EMIGRATION
5.4 INTEGRATION IN DER TÜRKEI

6 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK

7 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Artikel 16(a), Abschnitt 1 des deutschen Grundgesetzes regelt die Grundrichtlinie des deutschen Asylrechts mit einem einfachen, kurzen Satz: „Politisch Verfolgte genie- ßen Asylrecht.“

Dieser Satz wurde gewiss auch aus dem Geist der Dankbarkeit gegenüber den zahlreichen Aufnahmeländern formuliert, in denen bis zu Beginn des zweiten Weltkrieges ungefähr 400.000 Deutsche vor der nationalsozialistischen Herrschaft Zuflucht fanden und dadurch überleben konnten.

Ein besonders interessantes Aufnahmeland ist die Türkei. Sie wurde in der euro- päischen Forschung stark vernachlässigt, obwohl wahrscheinlich in keiner anderen Nation die Aufnahme deutschsprachiger Emigranten stärkere gesellschaftliche Auswir- kungen hatte. In der folgenden Arbeit soll gezeigt werden, dass dies einer besonderen historischen Situation, die einen Dualismus zweier parallel verlaufender, entgegenge- setzter Entwicklungen darstellt, geschuldet ist. „Das Projekt der deutschsprachigen Emigration in der Türkei“ gewann eine eigene spezifische Dynamik, welche dazu führ- te, dass das gesamte moderne türkische Hochschulsystem auf deutscher Aufbauhilfe fußt.

Noch heute ist das Wort ,,Haymatloz“, das die deutschsprachige Emigranten zwi- schen 1933 und 1945 meint, den meisten Türken ein Begriff. In Deutschland hingegen verschwand dieser erfreuliche Abschnitt der deutsch-türkischen Beziehungen aus dem kollektiven Gedächtnis und ihm wird auch bei den aktuellen politischen Diskursen, über die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union einerseits, sowie über die (mangelnde) Integration türkischer Migranten in Deutschland andererseits, keine Be- deutung mehr zugemessen.

Der folgende Aufsatz soll aufzeigen, dass eine migrationswissenschaftliche Betrachtung der deutschsprachigen Emigration in der Türkei, im Besonderen ihrer Ursachen und Bedingungen, dennoch rentabel ist.

Der bisherige Forschungsstand basiert ausschließlich auf Monographien und Auf- sätzen von Turkologen und Historikern, die die Begriffe Exil, Emigration, Diaspora und Arbeitsmigration meist zu ungenau und undifferenziert verwendeten. Als Emigran- ten wurden häufig für „rassisch“ Verfolgte bezeichnet, der Begriff Exil hingegen galt für politisch Verfolgte. Die anderen Begriffe wurden ohne weitere Erklärungen in die Arbeiten einbezogen.

Um die Charakteristika des deutsch-türkischen „Projekts“ zu erklären und mit der deutschsprachigen Emigration in anderen Aufnahmeländern zu vergleichen, müssen die Begriffe allerdings klar definiert und deutlich voneinander abgegrenzt werden.

Die zentralen Fragen dieses Aufsatzes lauten daher: Mit welchen dieser Begriffe können deutschsprachige Emigranten zwischen 1933 und 1939 in der Türkei beschrie- ben werden? Können unterschiedliche Migrantentypen in der Türkei festgestellt wer- den? Was waren die Ursachen und Bedingungen für die deutschsprachige Emigration in der Türkei?

Um aufzuzeigen, dass auch das Thema „Exil“ mit den Arbeitsweisen der historischen Migrationsforschung untersucht werden kann, werden zunächst die Methoden und Theorien der historischen Migrationsforschung skizziert.

Anschließend werden die Begriffe Emigration, Diaspora, Arbeitsmigration und Exil theoretisiert. Mit dieser Grundlage sollen dann die oben gestellten Fragen beantwortet werden.

Eine umfassende Beschreibung der deutschsprachigen Emigration in der Türkei kann dieser Aufsatz allerdings nicht liefern, da er lediglich den Zeitraum vor Beginn des zweiten Weltkrieges thematisiert. Nur die Entwicklungen vor 1939 sind für die Beantwortung der oben genannten Fragen relevant, wenngleich natürlich auch nach 1939 viele Deutsche und Österreicher in der Türkei einen Zufluchtsort fanden.

2 Exil als Gegenstand historischer Migrationsforschung

2.1 Schwerpunkte historischer Migrationsforschung

Um zu begründen, weshalb das deutschsprachige Exil in der Türkei im Rahmen der historischen Migrationsforschung untersucht werden sollte, soll als Erstes die historische Migrationsforschung charakterisiert werden.

Die Geschichte von Migration ist ein Teil der allgemeinen Geschichte und muss daher vor ihrem Hintergrund verstanden werden. Wanderungsprozesse sind stets Ant- worten auf ökonomische, ökologische, soziale, kulturelle, religiös-weltanschauliche, ethnische und politische Existenz- und Rahmenbedingungen. Aufgrund dieser Bedin- gungen, aber auch, weil Migration immer alle Bereiche des Lebens eines migrierenden Individuums umfasst und man daher nicht nur ,,ein bisschen Migrant sein“ kann, muss historische Migrationsforschung inter- und transdisziplinäre Forschungsansätze verfolgen (Bade 2002: 21/22; Kleinschmidt 2002: 10).

Eine rein soziologische Arbeitsweise kann in der historischen Migrationsforschung nicht zielführend sein, denn ,,trotz der wichtigen Orientierungshilfen soziologischer Migrationstheorien kann sozialhistorische Migrationsforschung dem Bemühen der Soziologie um eine möglichst exakte, umfassende, räumlich und zeitlich übertragbare Theorie der Migration nicht oder nur bedingt folgen“ (Bade 2004: 15).

Die wissenschaftsgeschichtlichen Wurzeln der historischen Migrationsforschung liegen in der Demographie bzw. in ihren Vorläufern der Kameral- und Staatswissenschaften (Bade 2002: 32).

In den 80er und 90er Jahren war es eine große Herausforderung für die europäische historische Migrationsforschung die Unübersichtlichkeit der Geschichte der Wan- derungen nach, aus und in Europa zu strukturieren. Ein Blick in die bisher umfas- sendste Bibliographie1 der historischen Migrationsforschung zeigt, dass das Haupt- augenmerk der europäischen Migrationsforschung auf der Einwanderung liegt und Ba- des Aussage, dass „nach dem Ende der transatlantischen Massenbewegung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts […] das Thema >Auswanderung< in der europäischen Forschung immer weiter zurückgetreten“ war, zuzustimmen ist (Bade 2002: S40).

Dies ist insofern eine interessant Entwicklung, da „im historischen Bewusstsein Deutschlands […] von allen Migrationen nur <<Auswanderung>> als Thema verankert, und dies wiederum beschränkt auf die Amerikawanderung und die Ostsiedlung“, ist. Diese „Erzählung“ geht einher mit national-ideologischem Denken, also der Annahme einer kulturellen Überlegenheit der Deutschen, und übersieht, dass Auswanderung keine zivilisatorische Mission ist, sondern vielmehr Kritik an bestehenden Verhältnissen bedeutet (Hoerder 2010: S7).

2.2 Verhältnis von Exilforschung und historischer Migrationsforschung

Diese Aussagen Hoerders und Bades können auch als Erklärungen genutzt werden, weshalb einerseits die Thematik ,,Exil zwischen 1933 und 1945“ bislang kaum in der historischen Migrationsforschung bearbeitet wurde und andererseits die Exilforschung sich einen Platz im Forschungskomplex der NS-Geschichte, zumeist im Forschungsgebiet ,,Widerstand und Verfolgung“, suchte und schließlich dort auch fand.

Schätzkes Einschätzung, dass die „Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland [...] so umfangreich und intensiv untersucht worden ist, dass sie inzwischen zu den >>am besten erforschten Wanderungsschüben überhaupt zählt<<“, muss daher nach wie vor kritisiert werden (Schätzke 1995: 4).

Exilforschung hat in der Vergangenheit viele Facetten des Exils untersucht, doch gewiss nicht Exil als sozialen Migrationsprozess. Meist galt die Aufmerksamkeit einer politisch-kulturellen und künstlerischen Elitenforschung, die den Zweck verfolgte, „die besseren Deutschen“ zu finden (Krohn 1997: 8).

Dabei wurde eine Perspektive eingenommen, die in erster Linie den Verlust des Auswanderungslandes Deutschland betonte. Nur selten wurde der Gewinn für die Auf- nahmeländer thematisiert. Die Wirkung für die Exilländer und die Integration in den Exilländern blieb sogar weitestgehend unberücksichtigt. So bezeichnet Reiter die Wis- senschaftsemigration als „buchhaltige“ Gewinn-Verlust-Rechnung und steht damit stellvertretend für jene, bis in die 90er-Jahre dominierende, wissenschaftstheoretische Position (Reiter 2006: 183).

Nach Feichtinger hatte „diese ökonomische Sichtweise, ohne daß Historiker sie reflektierten, ihre Wurzeln in den zeitgenössischen Strategien der Aufnahmeorte, durch die sie die Beschäftigung der intellectual immigrants zu rechtfertigen suchten“ (Feichtinger 2001: 20/21).

Diese Arbeit wird sich zwar aus Gründen der vorhandenen Datenmenge ebenfalls überwiegend mit „Eliten“ auseinandersetzen, sie verfolgt aber dennoch klar das Ziel aufzuzeigen, dass Exilforschung allgemein, verstanden als Untersuchung eines so- zialen Migrationsprozesses, in den thematischen und methodischen Kernbereich der historischen Migrationsforschung platziert werden sollte. Hierbei darf nicht nur den Wanderungsbewegungen von Wissenschaftlern und anderen „Meilensteinen“ Bedeu- tung zugemessen werden. Auch der Ansatz der Gewinn-Verlust-Bilanzierung muss endgültig ad acta gelegt werden, ohne dabei zu übersehen, dass Auswanderung für das einzelne Individuum natürlich manchmal als Gewinn, noch häufiger allerdings als Verlust aufgefasst wurde - als Verlust von Sprache, kultureller Vertrautheit, sozialem Umgang aber auch materiellen und ideellen Gegenständen.

2.3 Theoretische Auffassungen historischer Migrationsforschung

In den folgenden zwei Kapiteln werden zwei unterschiedliche theoretische und methodische Auffassungen historischer Migrationsforschung skizziert, um die Vorgehensweise im empirischen Teil dieses Aufsatzes zu begründen.

Nach Bade kommen der historischen Migrationsforschung drei Aufgaben zu: Erstens, die Untersuchung des Wanderungsgeschehens mit besonderer Rücksicht auf ,,Volumen, Verlaufsformen und Strukturen“, zweitens, die Untersuchung des Wan- derungsverhaltens, das nach Möglichkeit differenziert werden sollte2 und drittens, die Einordnung von ,,Wanderungsgeschehen und Wanderungsverhalten in die Bevöl- kerungs- und Wirtschaftsgeschichte, Gesellschafts- und Kulturgeschichte von geogra- phischen und sozialen Ausgangs- und Aufnahmeräumen“ (Bade 2002: 30/31; Bade 2004: 14/20/21).

Bade richtet die historische Migrationsforschung also klar strukturgeschichtlich aus. Dabei hat er vor allem Kollektivphänomene und überindividuelle Wirkungszusammenhänge im Blick.

Bei Kleinschmidt ist eine ganz andere Auffassung über die Aufgaben historischer Migrationsforschung zu entdecken. Seiner Ansicht nach muss historische Migrationsforschung „die empirisch belegte Vielzahl von Erfahrungen und Wahrnehmungen unter Migranten […] thematisieren, das heißt, Migrantenverhalten beschreiben und […] erklären sowie von Migrationserinnerungen und Migrationswahrnehmungen späterer Generationen [...] unterscheiden“ (Kleinschmidt 2002: 20).

Dies bedeutet, dass Migrationserinnerungen auf tatsächliche Migration gegründet sein können, es aber nicht müssen, und auch umgekehrt tatsächliche Migrationen aus der kollektiven Erinnerung einer Gruppe verschwunden sein können. Der historischen Migrationsforschung kommt nach Kleinschmidt also die Aufgabe der Rekonstruktion tatsächlicher Vorgänge und Zustände einer Migration zu.

[...]


1 vgl. Oltmer, Jochen & Schubert, Michael (2005): Migration und Integration in Europa seit der Frü - hen Neuzeit. Eine Bibliographie zur historischen Migrationsforschung, IMIS, Osnabrück http://www.imis.uni-osnabrueck.de/BibliographieMigration.pdf (zuletzt aufgerufen am 31.01.2012)

2 Das Wanderungsverhalten ist beispielsweise in schichten- oder genderpezifisch unterschiedlich aus- geprägte wanderungsfördernde bzw. -hemmende Faktoren, Lebens- und Migrationskonzepten differen- zierbar.

Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668115590
ISBN (Buch)
9783668115606
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312275
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Nationalsozialismus Exil Türkei

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Titel: Deutsche Emigration in die Türkei von 1933 bis 1939. Exil, Arbeitsmigration, Diaspora?