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Angeboren oder anerzogen? Psychologische Geschlechterunterschiede in der Differenziellen Psychologie

Seminararbeit 2012 26 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historischer Abriss sozialer Geschlechterunterschiede

3 Der Stand der Forschung bezüglich kognitiver und sozialer Geschlechtsunterschiede
3.1 Räumliches Vorstellungsvermögen
3.2 Mathematische Fähigkeiten
3.2.1 Kritischer Gedankenexkurs zu mathematischen Fähigkeiten
3.3 Aggressivität
3.4 Emotionalität
3.4.1 Kritischer Gedankenexkurs zu Aggression und Emotionalität

4 Verschiedene Erklärungsansätze zu Geschlechterunterschieden
4.1 Der lerntheoretische Ansatz
4.2 Der kognitive Ansatz
4.3 Kulturpsycholgischer Ansatz
4.4 Evolutionspsychologischer Ansatz

5 Ansätze zur Beantwortung der Leitfrage

6 Resümee

Literatur

Anhang

1 Einleitung

Das Thema Geschlechterunterschiede ist heute noch - trotz der Errungenschaften bezüglich der Gleichberechtigung - ein emotional besetztes Thema. Zwar wird es durch humoristi- sche Darstellungen von Kabarettisten wie Mario Barth mit großem Erfolg aufgelockert, ist aber weiterhin aufgrund seiner Aktualität in feministisch-politischen Debatten sowie in der Forschung von Psychologen, Verhaltensforschern und Neuropsychologen präsent. Auch in der Gesellschaft stößt das Thema stets auf Neugierde und Interesse. Bücher wie "Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können" (Pease & Pease, 2011) positio- nieren sich nicht selten auf Bestsellerlisten, bieten sie den vorhandenen Geschlechtssche- mata doch Bestätigung (Bern, 1981). Ferner werden handfeste Erklärungen geliefert, in- dem evolutionsbiologische, hormonelle und neuropsychologische Grundlagen geboten werden, die aufgrund ihrer naturwissenschaftlichen Evidenzkraft, allzu gerne kritiklos an- genommen werden.

Warum scheint es so wichtig, die Ursachen für Geschlechterunterschiede zu ergründen? Die Verwunderung bei dieser Frage wäre berechtigt, hätte die Menschheit schon immer in einem sozialen Gefüge gelebt, in dem Mann und Frau trotz ihrer Andersartigkeit das Prinzip der Gleichwertigkeit gelebt hätten. Angesichts der Tatsache aber, dass Frauen schon im historischen Kontext regelmäßig als naturgegeben minderwertige Abweichung neben der höherwertigen Natur des Mannes konstatiert worden sind und kultur- und epochal übergreifend bis heute unter Diskriminierungen zu leiden haben, scheint die Beantwortung dieser Frage von allgemeinem Interesse zu sein.

Gibt es geschlechtsbezogene, psychologische Unterschiede? Sind Frauen weniger intelli- gent und leistungsfähig als Männer? Sind die automatischen Vorannahmen über Männer und Frauen berechtigt, oder werden sie durch unsere erlernten kognitiven Schemata nur kontrastreicher? Sind Geschlechterunterschiede angeboren, demnach konstant und des- halb hinzunehmen, oder sind die Persönlichkeitsmerkmale variabel und sozialisationsab- hängig?

In der vorliegenden Arbeit wird diesen Fragen auf den Grund gegangen. Die sich daraus ergebende Kernfrage lautet: Sind Geschlechterunterschiede angeboren oder anerzogen? Für die Beantwortung wird zunächst ein kurzer historischer Überblick über die wahrge- nommenen Persönlichkeitsmerkmale der Frau dargestellt. Darauf folgend wird kurz auf die kognitiven Geschlechterunterschiede wie räumliches Denken, Emotionalität und Aggressi- vität eingegangen. Im Hauptteil werden die verschiedenen Erklärungsansätze für Ge- schlechterunterschiede vorgestellt und kritisch auf ihre Schwächen hin überprüft. Ab- schließend wird versucht, die Leitfrage unter Berücksichtigung aller dargestellten Perspek- tiven zu beantworten.

2 Historischer Abriss sozialer Geschlechterunterschiede

Archäologische Ausgrabungen der Überreste von Jagdvölkern lieferten Hinweise auf die wahrgenommenen Geschlechterunterschiede in jener Zeit. Figuren, Grabbeigaben und Wandmalereien vermittelten das Bild der Frau hauptsächlich durch Merkmale wie Frucht- barkeit und Fürsorge, wohingegen der Mann weitestgehend als Jäger oder Krieger darge- stellt wurde. Frühe religiöse Überzeugungen in Asien separierten die Menschheit in zwei gegensätzliche und trotzdem symbiotische Komponenten, die heute als Yin und Yang be- kannt sind. Das Yin ist schwarz und impliziert das Passive und Weibliche, während das wei- ße Yang das männliche, aktive Element darstellt (Friedman & Schustack, 2004).

Das Frauenbild entwickelte sich über die Jahrhunderte vom Anderssein bis hin zum Min- derwertigensein. Während Plato Frauen als dem Manne unterlegen beschrieb, empfand Aristoteles sie als unvollständig, weil sie nicht zur Samenproduktion befähigt waren (Friedman & Schustack, 2004). Einhergehend mit der Meinung über eine schwache Physis der Frauen, ging man davon aus, dass sie zudem noch eine schwache Persönlichkeit haben. „Emotional, prinzipienlos, beeinflussbar und unentschlossen.“ (Friedman & Schustack, 2004, S. 491) seien nur einige von ihnen. Die Überzeugung, Frauen seien unvollständige Männer oder eine Konsequenz menschlicher Unterlegenheit, hielt sich über Jahrhunderte. Thomas von Aquin verstärkte diese Annahmen, indem er Erklärungen für eben diese Minderwertigkeit von Frauen lieferte (Friedman & Schustack, 2004).

Im 19. Jahrhundert wurde die Psychologie durch Darwins Evolutionstheorie um 1900 be- einflusst. Ab da stand die Funktionalität des Verhaltens für das Überleben der Spezies im Vordergrund. Damalige Befürworter postulierten den Mutterinstinkt der Frau als eine an- geborene Neigung (Lips & Colwill, 1978). Die daraus resultierende Schlussfolgerung war, dass die Frau ihre Energiereserven fast ausschließlich für Schwangerschaften, Geburt und Stillzeit nutzte, so dass keine weiteren Energiereserven für die Entwicklung anderer Fertig- keiten vorhanden sein konnten. Der angeborene Mutterinstinkt der Frau zeige sich außer- dem in ihrem sozialen Pflege- und Hegeverhalten dem Ehepartner und ihrer Freunde ge- genüber. Dieser Instinkt galt als unbestreitbare und unabänderliche, weil genetisch de- terminierte, Tatsache. Auch Siegmund Freud (1995) postulierte, psychologische Ge- schlechterunterschiede seien die natürliche Konsequenz einer psychologischen Reaktion auf die physischen Diskrepanzen zwischen Frauen und Männern. Besonders wichtig schien ihm die Tatsache, dass Männer einen Penis haben und Frauen nicht. Frauen würden sich deshalb als unvollständig empfinden und ein schwächeres Über-Ich entwickeln. Solche Annahmen begünstigen die Vormachtstellung von Männern gegenüber Frauen.

3 Der Stand der Forschung bezüglich kognitiver und sozialer Ge- schlechtsunterschiede

Durch den Testeifer der USA, wo jährlich Hundertausende Schüler/innen und Studien- platzbewerber/innen an standardisierten Intelligenz- und Fähigkeitstests teilnehmen, gibt es eine umfangreiche empirische Datenbasis zu den gesuchten Geschlechterunterschie- den.

In diesem Kapitel sollen die kognitiven Geschlechtsunterschiede unter der Berücksichtigung der Effektgrößen d von Metaanalysen dargestellt werden. Zu beachten ist jedoch, dass lediglich die Geschlechtsunterschiede westlicher Industriestaaten festgehalten wurden und diese Daten keine Schlussfolgerungen über die Kausalität von Geschlechterunterschieden erlauben, geschweige denn einen Universalitätsanspruch für andere Kulturen besitzen. Ein vorhandener, angeborener Geschlechterunterschied besteht lediglich durch eine leicht erhöhte motorische Aktivität der männlichen Säuglinge (Asendorpf, 2007). Ob diese ausreicht, um die unten aufgeführte Palette von Effektstärken zwischen Männern und Frauen zu erklären, ist eher zu bezweifeln.

Bezüglich der sozialen Geschlechterunterschiede werden nur zwei von ihnen dargestellt: Einmal die Aggressivität und einmal die Emotionalität, da die Sexualität und Partnerwahl in der später folgenden Darstellung des evolutionsbiologischen Erklärungsansatzes für Geschlechterunterschiede noch ihren Raum finden wird.

3.1 Räumliches Vorstellungsvermögen

Die größten kognitiven Unterschiede zwischen Männern und Frauen in westlichen Indust- riegesellschaften sind vor allem im räumlichen Vorstellungsvermögen zu finden. Die räum- lichen Fähigkeiten bestehen aus drei spezifischen Fertigkeitsbereichen: Kontextabhängig- keit der räumlichen Wahrnehmung, mentale Rotation und räumliche Visualisierung (A- sendorpf, 2007).

Linn und Petersen (1985) führten diesbezüglich eine Metaanalyse, in der insgesamt 62 Studien ausgewertet worden sind. In dieser waren Geschlechterunterschiede in allen drei räumlichen Fähigkeitsbereichen zu erkennen, aber nur in der mentalen Rotation war die Effektstärke groß (d = 0,94, in 18 Studien). Die Effektstärken bezüglich räumlicher Visuali- sierung waren minimal (d = 0,13, in 81 Studien) und für die räumliche Wahrnehmung nor- mal (d = 0,44, in 62 Studien). Kritisch zu beachten ist hier jedoch, dass die größte Effekt- stärke bezüglich der mentalen Rotation auf eine sehr geringe Anzahl von Studien basiert, nämlich 18. Ferner sollte berücksichtigt werden, dass verschiedene Testverfahren für un- terschiedliche Altersgruppen vermischt worden sind und es Korrelationsschwankungen von 0,26 - 0,94 gab. Im Anhang 1 wird das Ergebnis tabellarisch dargestellt.

Zehn Jahre später haben Voyer, Voyer und Bryden (1995) in einer Metaanalyse 286 Studien ausgewertet, in der sie auf Linn und Petersen (1985) Bezug nahmen und die Inkonsisten- zen in der Berücksichtigung von Moderatorvariablen und einer unzureichend genauen Definitionsgrundlage mit einbezogen. Beispielsweise ergaben sich größere Variationen in der Effektstärke zwischen Kartenrotationsaufgaben und Wasserstandtests. Was bei Linn und Petersen (1985) noch zu einer großen Effektstärke von d = 0,94 führte, ergab bei Voyer et al. (1995) nur eine maximale Effektstärke von d = 0,67. Durch die Berücksichtigung des Moderators "Alter und Kohorte" fanden sie im Bereich der mentalen Rotation Effektstärken von d = 0,56 - und das über alle Altersstufen hinweg. Die Effektstärke im Bereich des räum- lichen Vorstellungsvermögens belief sich auf 0,44 und im Bereich räumliche Visualisierung auf nur 0,19.

Fazit dieser Metaanalyse ist, dass die Overall Analysis von 286 Studien eine Effektstärke von d = 0,37 ergaben und die Geschlechterunterschiede nach Altersstufen vom Testverfahren abhingen. Die im Bereich der mentalen Rotation waren jedoch eindeutig vorhanden. Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass die geschlechtsspezifischen IQ-Unterschiede im räumli- chen Denken auf den Subtypus der mentalen Rotation zurückzuführen sind.

Levine, Huttenlocher, Taylor und Langrock (1999) fanden in ihrer Studie einen weiteren, interessanten Punkt bezüglich der geschlechtsspezifischen Fähigkeiten in der mentalen Rotation. Die leichte Überlegenheit der räumlichen Fähigkeiten hat sich bei Kindern bereits ab einem Alter von 4 Jahren herausgebildet. Es ergaben sich größere Geschlechterunterschiede im Subtypus der mentalen Rotation. Hier scheint es also differenzielle Entwicklungsprozesse in der frühkindlichen Phase zu geben, die noch ungeklärt sind und nicht nur auf Sozialisations- und Übungsfaktoren zurück zu führen sind.

Um den hormonellen Erklärungsansatz für die räumliche Wahrnehmung zu überprüfen, zeigt eine Studie von Halari, Hines, Kumari, Mehrotra, Wheeler und Ng (2005), dass es be- züglich der mentalen Rotation keinerlei überzufällige Zusammenhänge hinblicklich des vorher erhobenen Hormonstatus gab. Dabei wurden bei 42 Männern und 42 Frauen die wichtigsten Geschlechtshormone wie Testosteron, Estradiol, Progesteron und deren Vor- läufer in der HPG-Achse im Blut gemessen, um anschließend die Tests zur mentalen Rota- tion zu bestreiten. Die Hypothese "je mehr männliche Geschlechtshormone, desto besser die Rotationsfähigkeit" ließ sich in dieser Studie nicht bestätigen (Asendorpf, 2007).

3.2 Mathematische Fähigkeiten

Im schulischen und beruflichen Alltag finden sich häufig folgende Präferenzen wieder: Mädchen interessieren sich für Fächer mit sprachlichem, künstlerischem und sozialem Hintergrund. Wenn sie sich für ein naturwissenschafltiches Fach begeistern können, dann ist es meistens die Biologie. Jungen hingegen tendieren stärker als Mädchen zu mathematischen, naturwissenschaftlichen und handwerklichen Fächern. Die Frage, die sich auch hier stellt, lautet: Sind diese Präferenzen aufgrund von angeborenen, höheren Fähigkeiten im mathematischen Denkvermögen vorhanden, oder kristallisieren sie sich nur aufgrund von vorhandenen Geschlechterrollenerwartungen heraus, denen Kinder und vor allem Jugendliche mit zunehmendem Alter entsprechen möchten?

In einer Metaanalyse von 259 Stichproben von Hyde, Fennema und Lamon (1990) fanden die Wissenschaftler bei unausgelesenen Stichproben, dass keine Überlegenheit der Jungen bezüglich mathematischer Fähigkeiten vorhanden war. Eine Differenzierung in spezifische Fähigkeiten ergab nur sehr kleine Unterschiede. Die Differenzierung nach dem Alter je- doch, ergab einen erkennbaren Trend zu einer Überlegenheit des männlichen Geschlechts.

Die größte Effektstärke zu Ungunsten der Frauen ist vor allem bei den Studienplatzbewer- bern zu erkennen. Die SAT-Werte (Scholastic Assessment Test) in mathematischen Fähigkei- ten sind seit 1967 konstant besser bei männlichen Bewerbern. Auch in den Extremwerten ist das männliche Geschlecht überrepräsentiert. Das bedeutet, dass es sowohl mehr hoch- begabte, als auch mehr unbegabte Jungen und Männer gibt (Asendorpf, 2007).

3.2.1 Kritischer Gedankenexkurs zu mathematischen Fähigkeiten

Bevor davon ausgegangen werden kann, dass die mathematische Begabung beim männli- chen Geschlecht dispositional höher angelegt ist, sollte der Fokus erst einmal auf die sozia- le Lernumgebung von Jungen und Menschen gerichtet werden. Die Interaktion zwischen Lehrer/innen und Schüler/innen darf hierbei nicht vernachlässigt werden (Rosenthal & Ja- cobson, 1968). Die aus der Lehrer-Schülerinnen-Interaktion resultierenden, sich manifestie- renden Selbstzweifel bezüglich der mathematischen Fähigkeiten gegenüber Jungen, so- wie die sukzessive Demotivation durch ein geringeres Förderverhalten der Lehrer und Leh- rerinnen durch Stereotypisierungen, die besagen, Jungen haben ein größeres, mathemati- sches Talent als Mädchen, kann ein absinkendes Interesse an mathematisch- naturwissenschaftlichen Fächern bewirken. Gellert (2007) formuliert es wie folgt: „Schüler und Lehrer kultivieren einen bestimmten Umgang mit Mathematik“ (S. 72). Des Weiteren spielt die Bedrohung durch Stereotype(stereotype threat), die an der Verinnerlichung solcher Geschlechterstereotype ansetzt, eine relevante Rolle. Unter Stereotype Threat versteht man die Sorge von Mitgliedern einer Gruppe, dass ihr Verhalten ein kulturelles Stereotyp bestä- tigen könnte. Dies führt häufig zu schlechteren Leistungen (Aronson, Quinn & Spencer, 1998).

Ein solches Ergebnismuster fanden auch Spencer, Steele und Quinn (1999) bei der Able- gung eines Mathematiktests von Frauen im Vergleich zu Männern. In diesem Experiment schnitten Frauen schlechter ab als Männer, wenn sie annehmen mussten, dass ein be- stimmter Test geschlechtsrelevant sei.

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Details

Seiten
26
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668115552
ISBN (Buch)
9783668115569
Dateigröße
829 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312259
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Psychosomatik und Psychotherapie der Universitätsklinik
Note
1,0
Schlagworte
Geschlechterunterschiede Psychologie Erziehung Genderforschung Soziale Kategorien Biologie Evolutionspsychologie Differenzielle Psychologie Persönlichkeitspsychologie

Autor

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