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Gesellschaftliche Normen versus individuelle Glücksansprüche in Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“

Hausarbeit 2014 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Darstellung der Gesellschaft um 1890 in Bezug auf die Ehe und die Erziehung

3 Erziehung und Kindheit von Effi Briest
3.1 Gesellschaftliches Ansehen versus individuelle Glücksansprüche von Effi Briest
3.2 ÄOb wir sie nicht anders in die Zucht hätten nehmen müssen.“

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Konflikt zwischen den gesellschaftlichen Normen und den individuellen Glücksansprüchen in Theodor Fontanes Roman ÄEffi Briest“.

Die Geschichte von Effi Briest spielt im 19. Jahrhundert. Um später herauszufin- den, ob die Hauptperson des Romans, Effi Briest, im Sinne der Gesellschaft erzo- gen wurde und ob sich ihre Probleme auf die Zeit zurückführen lassen, muss vor- her die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts dargestellt werden. So werden zunächst die gesellschaftlichen Normen und Werte des 19. Jahrhundert betrachtet, wobei zunächst die Ehe, die damit verbundenen Pflichten für Mann und Frau und zuletzt die Erziehung genauer untersucht werden sollen. Diese dienen als Basis und Grundlage für spätere Argumentationen und sollen zum Verständnis der einzelnen Handlungsabläufe des Romans beitragen. Anschließend wird näher auf die Erzie- hung und Kindheit Effi Briests eingegangen. Hier stellt sich die Frage, ob ihre Er- ziehung eine defizitäre Erziehung darstellt und wenn, welche Defizite sie bereits in ihrer Kindheit erfährt. Lassen sich spätere Probleme auf ihre Kindheit und Erzie- hung zurückführen?

Inwiefern tragen die Erziehung und die Erfahrungen in der Kindheit von Effi Briest zu der späteren Problematik bei, die zwischen dem gesellschaftlichen Ansehen und den persönlichen Glücksansprüchen entsteht? Wie wäre ein solcher Zusammenhang zu deuten?

Es soll diskutiert werden, ob das gesellschaftliche Ansehen einen höheren Stel- lenwert hat als die individuellen Glücksansprüche des Einzelnen. Hier soll der Ein- fluss der gesellschaftlichen Normen und Werte auf das Leben Effis thematisiert werden. Zur genaueren Untersuchung werden die einzelnen Lebensphasen von Effi aufgeführt und dahingehend betrachtet, was die Gesellschaft in der jeweiligen Situation von ihr fordert und welche Ansprüche und Wünsche sie persönlich hat. Darüber hinaus wird thematisiert, ob sie eher den Ansprüchen der Gesellschaft nachgeht oder ob sie ihren individuellen Glücksansprüchen folgt. Anschließend werden die letzten Worte der Mutter nach Effis Tod diskutiert, um Lösungsansätze aufzuzeigen. Wie lautet die Schuldfrage, beziehungsweise wem gibt Effis Mutter die Schuld? Sind ihr Scheitern und ihr späterer Tod auf die defizitäre Erziehung zurückzuführen?

Hätten die Eltern mit anderen Erziehungszielen und -methoden die spätere Prob-lematik mindern können?

2 Darstellung der Gesellschaft um 1890 in Bezug auf die Ehe und die Erziehung.

Zunächst soll die Ehe und die damit verbundenen Pflichten der Frau und des Mannes im 19. Jahrhundert dargestellt werden. Es ist wichtig, zu wissen, dass die Ehe einen großen Stellenwert in der damaligen Zeit hatte: ÄJahrhundertelang wur- de die Heiligkeit der Ehe in den Ländern der christlichen Welt und besonders der katholischen Kirche nie ernsthaft in Frage gestellt.“1 Die Ehe galt also lange und auch im 19. Jahrhundert als ein hohes Gut. Gerade für Frauen war es wichtig, sich zu verheiraten. Durch eine Ehe hatten sie eine realistische Chance, in der Gesell- schaft akzeptiert zu werden. Männer dagegen konnten auch ohne eine eheliche Vereinigung leben und galten trotzdem nicht als weniger angesehen.2 Doch auch der Mann musste für Anerkennung in der Gesellschaft sorgen: ÄUm von seinen Mitmenschen geachtet zu werden, musste der Mann […] Entschlossenheit und Tatkraft verkörpern.“3 Laut Wildermuth habe die Frau im 19. Jahrhundert die Rolle des Schmucks für den Mann einnehmen sollen. Die Aufgabe der Frau sei es ge- wesen, den Mann positiv zu präsentieren, bildhaft gesehen, zu schmücken.4 Die in dieser Zeit geschlossenen Ehen waren in den meisten Fällen Konversationsehen. Ein Grund für die Konventionsehen zu dieser Zeit war unter anderem, die Entlas- tung der Eltern. Hatte man für die Tochter einen Mann aus gutem Hause gefunden und sie mit diesem Mann verheiratet, wusste man die Tochter finanziell gut ver- sorgt und abgesichert.5 Außerdem war eine Ehe für die Frau meist die einzige Möglichkeit einer materiell gesicherten Existenz.6 Konventionsehen waren zu die- ser Zeit üblich, die Menschen warteten nicht darauf, sich in einander zu verlieben, sondern es wurde aus finanziellen Gründen oder aus Gründen des gesellschaftli- chen Ansehens geheiratet:

Wer geneigt ist, hier den Triumph der zwanghaften gesellschaftlichen Konventionen über authentischen freien Gefühle zu sehen, der verkennt, dass die bürgerliche Ehe eben genau dies ist und nichts anderes sein konnte: Konvention.7

Voraussetzung für die Ehe zur damaligen Zeit waren nicht die Liebe oder die Zuneigung. Es war positiv zu betrachten, wenn dies hinzukam oder sich mit der Zeit entwickelte, aber es galt nicht als Ausschlusskriterium für eine Ehe, wenn keine Gefühle vorhanden waren.8

Die Menschen strebten eine möglichst gute Position in der Gesellschaft an. Am besten war eine immer weitere Steigerung ihres persönlichen Ansehens. Die Ehe- gattin war zudem meist deutlich jünger als der Mann und galt daher als weniger erfahren im Leben.9 Nach der Eheschließung waren die Aufgaben der Frau ge- sellschaftlich festgelegt: ÄDer eigentliche Beruf des Weibes wird zu allen Zeiten das Haus und die Ehe sein. Sie soll Kinder gebären und erziehen.“10 Der Mann dagegen sollte die gesellschaftlichen, politischen und sozialen Bereiche abde- cken.11

Schon früh wurden die jungen Mädchen nach den Prinzipien erzogen, später eine gute Mutter und Hausfrau zu sein. Auch moralische Verhaltensweisen wurden ihnen von klein auf vermittelt.12 Andere Erziehungsziele waren Sittlichkeit, Keuschheit und Tugendhaftigkeit.13

Auch bei einem Ehebruch wurde zwischen Mann und Frau unterschieden. Gene- rell wurde der Ehebruch von der Gesellschaft sehr kritisch beäugt, jedoch war es bei einer Frau, die Ehebruch beging, deutlich schlimmer als bei einem Mann:

Hier liegt die Differenz: Nach allen gesellschaftlichen Konventionen wird der Ehebruch durch den Mann zwar nicht gerade geschätzt, er ist aber letztlich akzeptabel und kann in den Status quo einer Ehe irgendwie in- tegriert werden. Ein bürgerliches Ehepaar jedoch, in dem die Frau sich dauerhaft einen Liebhaber hielt, ist, […] undenkbar.14

3 Erziehung und Kindheit von Effi Briest

Im folgenden Kapitel soll nun genauer auf die Frage eingegangen werden, ob Effi Briest eine defizitäre Erziehung, eine Erziehung die verschiedenen Lücken auf- weist, auf Hohen-Cremmen erlebt. Dazu werden die einzelnen Phasen der Kind- heit betrachtet.

Effi Briest wächst in einer Familie auf, in der gesellschaftliches Ansehen und Ehre eine große Rolle spielen. Als Kind bekommt Effi dies zunächst aber nicht sehr stark zu spüren. Der häusliche Rahmen wird in der ersten Szene des Romans sehr idyllisch und einladend beschrieben.15 Effi Briest sucht ein sehr enges und vertrautes Verhältnis zu ihrer Mutter, was jedoch oft einseitig bleibt:

[…] und wenn sie dann so dastand und langsam die Arme hebend, die Handflächen hoch über dem Kopf zusammenlegte, so sah auch wohl die Mama von ihrer Handarbeit auf, aber immer nur flüchtig und ver- stohlen, weil sie nicht zeigen wollte, wie entzückend sie ihr eigenes Kind finde, zu welcher Regung mütterlichen Stolzes sie voll berechtigt war. (EB S. 6)

An dieser Szene wird deutlich, dass Effi die Nähe, aber auch die Aufmerksamkeit ihrer Mutter sucht. Diese jedoch gibt sich kühl, mit wenig Liebe und Zuneigung. Es ist zu vermuten, dass die Mutter nach diesem Muster handelt, weil sie Effi im Sinne der Gesellschaft erziehen möchte.

Hier deutet sich das erste Mal an, dass Effi unter der fehlenden Liebe leidet. Es skizzieren sich an dieser Stelle die ersten Defizite in Effis Kindheit. Es fehlt ihr an Zuneigung und Liebe von Seiten der Mutter, welche sie an dieser Stelle ganz of- fensichtlich nicht bekommt. Diese Tatsache ist prägend für ihr späteres Leben. Im Verlauf der Zeit sucht sie immer wieder die Zuneigung anderer Menschen.

[...]


1 Walter Müller-Seidel: Theodor Fontane. Soziale Romankunst in Deutschland. Stuttgart, 1975. S. 333.

2 Vgl. Elena Tresnak: Theodor Fontane: ÄWegbereiter“ für weibliche Emanzipation um 1900?. Hamburg , 2011. S. 127.

3 Ute Frevert: Ehrenmänner. Das Duell in der bürgerlichen Gesellschaft. München 1991. S. 52.

4 Vgl. Tresnak 2011, S. 127.

5 Ebd., S. 128-129.

6 Vgl. Wolfgang Matz: Die Kunst des Ehebruchs. Emma, Anna, Effi und ihre Männer. Göttingen 2014. S. 47.

7 Matz: Die Kunst des Ehebruchs. Emma, Anna, Effi und ihre Männer. Göttingen 2014.S. 26

8 Vgl. ebd., S. 26

9 Vgl. Tresnak 2011, S. 131.

10 Ebd., S. 130.

11 Ebd., S. 130.

12 Ebd., S. 130.

13 Ebd. 135.

14 Matz 2014, S.47.

15 Vgl. Theodor Fontane: Effi Briest. Reclam. Stuttgart, 2002. S. 5. Nach dieser Ausgabe wird künftig direkt im Text mit Seitenzahl zitiert. Die Sigle EB steht für Effi Briest.

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668111141
ISBN (Buch)
9783668111158
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312238
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
2,1
Schlagworte
gesellschaftliche normen glücksansprüche theodor fontanes roman effi briest

Autor

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Titel: Gesellschaftliche Normen versus individuelle Glücksansprüche in Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“