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Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg. Möglichkeit für einen grundlegenden, spirituellen Gesellschaftswandel?

Bachelorarbeit 2015 48 Seiten

Ethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Gesellschaft im 21. Jahrhundert
2.1 Konflikte, Kriege und Gewalt
2.2 Gewalt
2.2.1 Der Gewaltbegriff
2.2.2 Motivation und Intention hinter Gewalthandlungen
2.3 Aktuelle gesellschaftliche Strukturen - Wie sind wir dorthin gelangt, wo wir jetzt stehen?

3 Die menschliche Natur
3.1 Hintergründe und Ziele der Gewaltfreien Kommunikation
3.1.1 Dem Leben dienen - Die Lebendigkeit in uns
3.1.2 Menschliche Gefühle und Bedürfnisse
3.1.3 Der Begründer: Marshall B. Rosenberg
3.1.4 Einfühlsamkeit als die menschliche Natur

4 Autoritäre Herrschaftssysteme
4.1 Erziehung und Bildung
4.2 Belohnung und Bestrafung
4.3 Welche Rolle spielt Sprache?
4.3.1 Lebensentfremdende Sprache
4.3.2 Gewaltfrei kommunizieren
4.3.3 Der Kommunikationsprozess in 4-Schritten
4.3.4 Lebensentfremdende Sprache - eine exemplarische Wortsammlung der geläufigsten „Killerphrasen“

5 Wege zum Frieden - Gesellschaftliche Veränderungen beginnen
5.1 Das Prinzip der Gewaltlosigkeit
5.2 Beginn eines Gesellschaftswandels - Frieden beginnt bei mir selbst
5.3 Veränderung in die Schulen tragen

6 Abschlussbemerkung

7 Literaturverzeichnis

8 Abbildungsverzeichnis

Abstract

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der „Gewaltfreien Kommunikation“ auseinander, einem Kommunikationsprozess, entwickelt von dem am 7.2.2015 verstorbenen US Amerikaner Marshall B. Rosenberg Rosenbergs Versuch, über Sprache eine Form von zwischenmenschlichen Beziehungen zu erreichen, die von Einfühlsamkeit und aufrichtigem Interesse am Gegenüber geprägt ist, führt bei genauerem Untersuchen über viele Stellen zu tief spirituellen Hintergründen Die Gewaltfreie Kommunikation ist kein statischer Kommunikationsfahrplan, sondern vielmehr eine Kommunikationsform, die zu sprachlichen oder nonverbalen Begegnungen mit Menschen führen soll, bei denen eine aufrichtige, mitfühlende Verbundenheit zwischen denselben entsteht - im augenblicklichen Moment. Das Gegenüber wird dabei so gehört und gesehen, dass dessen/deren aktuelle Gefühle und Bedürfnisse in den Vordergrund gestellt werden statt gesellschaftlicher Rollenbilder und Positionen, ethnischer Herkunft, religiöser Hintergründe, vergangener und/oder situativer Konfliktsituationen etc.

Durch Erziehung, Sozialisation und Geschehnisse in der Vergangenheit ist es vielen Menschen kaum oder nicht mehr möglich, Menschen so zu sehen und zu hören. Dazu bedarf es nämlich, an den eigenen mitfühlenden Kern, der jedem Menschen im Ursprung mitgegeben ist, zu gelangen und im gegenwärtigen Moment präsent zu sein. Die überwiegende Kommunikations- und Ausdrucksweise solcher Menschen ist geprägt von verbaler oder nonverbaler Gewalt. Die gewaltvollen Folgen sind weltweit unübersehbar: Kriege, Streit, Schuldgefühle, Ärger, Wut, (Selbst-) Hass und Depressionen.

Die Menschheit läuft Gefahr, in solchen Gewaltformen zu ersticken. Die Gewaltfreie Kommunikation ist ein tief spirituell begründetes Kommunikationsmodell, das helfen soll, einen friedvolleren Umgang zwischen Menschen(gruppen), Institutionen, Gesellschaften, Nationen etc. zu erreichen.

Die Hingabe an das Leben, wie es Rosenberg beschreibt, ist im Wesentlichen der Kern der Gewaltfreien Kommunikation. Hingabe an das Leben meint mitfühlendes Sein sowie wohlwollendes Geben und Nehmen von Menschen. Es meint die präsente Teilnahme am Leben, wie es sich in jedem Augenblick zeigt, mit all den auftretenden Ereignissen, Begegnungen, Gefühlen etc.

Vermeintlich unmöglich? Das Wirken und die positiven Ausläufer Rosenbergs Arbeit zeigen klar auf, wie diese zutiefst menschlich-einfühlsame Haltung neben einzelnen Menschen ganze Konfliktregionen in den Frieden geführt hat Rosenbergs friedvolles und mitfühlendes Vorbild soll in dieser Arbeit verewigt werden.

The present work deals with “Nonviolent Communication”, a communication method founded by the US American Marshall B. Rosenberg, deceased on 7th of February 2015 Rosenberg’s attempt was to form interpersonal relationships, which are characterized by empathy and sincerely interest in the fellow man, by language. A closer examine of this attempt leads to deeply spiritual backgrounds The Nonviolent Communication is a form of communication, which should lead to a linguistic or non-verbal encounter between human beings, whereas a honest and compassionated solidarity in the instantaneous moment accurse, rather than a static communication process.

The opposite is thereby heard and seen, that his or her current feelings and needs are of interest, instead of social roles and positions, ethnic or religious backgrounds, past and/or situational conflicts, etc.

Trough education, socialization and events in the past, many human beings are no more able to see and hear people like that. In particular it is necessary to reach the own compassionated core, which is given to every human being in origin and to be present at the instantaneous moment.

The vast communication and expression of such people is marked by verbal or non-verbal violence. The violent consequences are most obvious: war, conflicts, guilt, anger, rage, (self-) hatred and depressions

The human race is in danger of suffocating in such forms of violence. Nonviolent Communication is a deeply spiritual reasoned communication model that will help to achieve a more peaceful interaction between people (groups), institutions, societies, nations, etc.

The devotion to life, as described by Rosenberg, is essentially the core of Nonviolent Communication. Devotion to life means being compassionate and benevolent giving and taking of people, it means the present participation in life, as it appears in every moment, with all the occurring events, encounters, feelings, etc.

Impossible? The actions and the positive repercussions of Rosenberg's work clearly demonstrate, how this very human-empathetic attitude has lead individuals and also whole conflict regions into peace Rosenberg's peaceful and compassionate model should be immortalized in this work.

1 Einleitung

Marshall B. Rosenberg, US amerikanischer Psychologe und weltweit aktiver Mediator und Krisenvermittler, befasste sich seit frühester Kindheit mit Fragen rund um die menschliche Natur. Im Laufe der Jahre ist Rosenberg zur tiefen Überzeugung gelangt, dass in jedem Menschen ein einfühlsamer und liebender Kern liegt, der durch Sozialisation, gesellschaftliche Paradigmen und persönliche Erfahrungen überdeckt wird und Menschen wider ihre Natur handeln lässt. Die gewalttätigen Folgen sind weltweit unübersehbar: psychische und physische Verletzungen gegenüber sich selbst und anderen Menschen, Streit, Machtkämpfe, Krieg etc.

Rosenbergs Einsichten gründen auf einer tief-spirituellen Ebene: Was ist unsere menschliche Natur? Was ist unsere Aufgabe und worin besteht ein gutes Leben? Für Rosenberg waren diese Fragen mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu beantworten, die auf einem Geben und Nehmen beruhen, das von Herzen geschieht, aufrichtig und nicht aus Angst, Scham- oder Pflichtgefühl heraus. Dieses Konzept der „ Lebensbereicherung “ hat eine Schlüsselstellung in Rosenbergs Paradigma. Es spiegelt die Motivation und den Versuch eines Menschen wider, in einer Form zum Leben beizutragen, die dem Leben dient.

Rosenbergs Begriff von Spiritualität birgt Einfachheit und beinhaltet im Wesentlichen dessen Kern: lebendige Freude am Leben. Gegründet auf diese Grundhaltung hat seine Arbeit unter anderem das Ziel, bestehende lebensentfremdende Macht-, Herrschafts- und Systemstrukturen aufzubrechen und die Gesellschaft hin zu einem instinktgeleiteten, lebensbereichernden Denken und Handeln zu führen, das der Menschheit und schließlich dem gesamten Planeten zuträglich und nicht wider die natürlichen Systeme gerichtet ist.

Wie kann das gelingen? Unter anderem durch einen bewussten Einsatz von Sprache. Unsere gewohnte Sprache ist voll von moralischen Bewertungen und Urteilen. (Für Systeme, die auf Autorität, Hierarchie und den Einsatz von Macht aufbauen, unabdingbar.) Rosenberg entwickelte mit dem Prozess der Gewaltfreien Kommunikation eine Möglichkeit, sich oftmals unbewussten, lebensentfremdenden Sprach- und Handlungsmustern durch das Aufdecken und Offenlegen von Gefühlen und Bedürfnissen bewusst zu werden, damit diese in einem weiteren Schritt durch das Formulieren von gezielten Bitten zur Bedürfniserfüllung beitragen können. Es geht dabei aber nicht schlicht darum, dass jemand das bekommt, was er oder sie will. Im Kern liegt die gegenseitige Wahrnehmung menschlicher Bedürfnisse, bezogen auf die konkrete Situation und der gegenseitige Wunsch, das bestmögliche Ergebnis für alle Seiten zu erzielen. Durch Schulung der eigenen Beobachtungsfähigkeit und das Üben von sprachlichen Mustern kann ein Schritt in Richtung einer „Sprache des Herzen“ getan werden.

Sprache nimmt im Bildungswesen eine Schlüsselstellung ein und in der Schule werden Grundsteine für die Entwicklung unzähliger Menschen gelegt. Der Wunsch einer Gesellschaft kann daher nur der sein, dass diese Grundsteine lebensf ö rderlich sind. Schaffen wir also Orte, wo Menschen lernen, menschlich zu sein und Menschen als das zu sehen, was sie sind: menschliche Wesen mit Gefühlen und Bedürfnissen. So können neue Systeme entstehen, in denen sich Individuen als Teil eines großen Ganzen sehen, mit dem Ziel, das eigene Leben und die Leben der Mitmenschen zu bereichern.

2 Die Gesellschaft im 21. Jahrhundert

2.1 Konflikte, Kriege und Gewalt

Das 20. Jahrhundert wird wohl in die Geschichte als eines der konfliktträchtigsten eingehen - ein Jahrhundert der Gewalt. Und auch der Beginn des 21. Jahrhunderts lässt nichts Rosiges vermuten, blickt man auf die weltweiten Krisenherde, Konflikt- und Kriegsgebiete.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Weltkarte der Krisen (Aust/Malzahn 2014)

Der Blick muss allerdings nicht weit in die Ferne gewendet werden, denn Gewalt lässt sich überall in unserem Alltag wiederfinden: sei es in zwischenmenschlichen Beziehungen, in Familien, in Schulen, in Institutionen und Gesellschaftsstrukturen; oder auch in einem selbst.

Was ist Gewalt und wie lässt sich dieses komplexe System verstehen? Was sind Ursachen für Gewalt, wo liegen deren Wurzeln? Mit diesen Fragen setzt sich das folgende Kapitel auseinander.

2.2 Gewalt

Im Nachstehenden folgt eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Begriff und dem Thema „Gewalt“. Autoritäre Herrschaftssysteme, wie sie im nachfolgenden Kapitel näher beschrieben werden, bedienen sich stets irgendeiner Form von Gewalt, um ihre idealistischen Anschauungen und Ziele zu erreichen und durchzusetzen. Gewalt und deren Ausformungen von Grund auf zu verstehen, ist daher grundlegend für gesellschaftliche Veränderungen in eine gewaltfreie Richtung.

„Wir sind es unseren Kindern, den schwächsten Bürgern einer jeden Gesellschaft, schuldig, dass sie ein Leben ohne Gewalt und Furcht leben können. […] Wir müssen die Gewalt bei ihren Wurzeln packen. Nur so kann aus der erdrückenden Erblast des letzten Jahrhunderts eine warnende Lehre werden.“ (Mandela, zit. nach WHO 2003, S. V)

2.2.1 Der Gewaltbegriff

Der Gewaltbegriff ist nicht eindeutig und noch weniger einfach fassbar. Die Weltgesundheitsbehörde WHO (World Health Organisation) definiert Gewalt als den „absichtlichen Gebrauch von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichem Zwang oder physischer Macht gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft, der entweder konkret oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklung oder Deprivation führt.“ (WHO 2003, S. 6).

Neben zwischenmenschlicher Gewalt - wobei konkret physische Handlungen mit Verletzungs- oder Todesfolge, aber auch Drohungen und Einschüchterungen, die psychische Schäden nach sich ziehen, gemeint sind - beinhaltet die Definition der WHO auch bewaffnete Auseinandersetzungen sowie suizidales Verhalten.

Einleitend wird im Weltbericht Gewalt und Gesundheit der WHO angeführt, wie schwierig eine einheitliche Definition von Gewalt ist. Zu berücksichtigen sind immer auch kulturelle, geografische und historische Aspekte, was zu einer uneinheitlichen Auffassung führt. (Vgl. WHO 2003, S. 5f)

Die WHO unterteilt Gewalt in drei Typen: Gewalt gegen die eigene Person, interpersonelle bzw. zwischenmenschliche Gewalt und kollektive Gewalt. Eine weitere Unterteilung erfolgt in unterschiedliche Kategorien von Gewalt, was in der folgenden Abbildung näher dargestellt ist:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Eine Typologie der Gewalt (WHO 2003, S. 7)

Ausformungen von Gewalt können physischer, sexueller und psychischer Natur sein oder auch Vernachlässigung sowie Deprivation beinhalten. (Vgl. WHO 2003, S. 8)

Als besondere Gewaltbereiche bzw. -ausformungen in der gesellschaftlichen Realität sollen hier sexuelle Gewalt, fremdenfeindliche Gewalt, Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und Gewalt in den Medien angeführt werden. (Vgl. Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V. 2007, S. 19)

Eine weitere, weithin anerkannte Definition von Gewalt ist die Johan Galtungs. Wenn Menschen so beeinflusst werden, „dass ihre tatsächliche körperliche und geistige Verwirklichung geringer ist, als ihre mögliche Verwirklichung“ (Institut für Friedenspädagogik Tübingen e. V. 2007, S. 19), liegt nach Galtung Gewalt vor. Er unterscheidet zwischen personaler, struktureller und kultureller Gewalt. Bei personaler Gewalt ist klar, wer Opfer und wer Täter/in ist. Die Rollen lassen sich eindeutig identifizieren und zuordnen. Bei struktureller Gewalt sind organisatorische oder gesellschaftliche Strukturen und Lebensbedingungen für das Hervorbringen von Opfern verantwortlich. Kulturelle Gewalt legitimiert und rechtfertigt direkte oder strukturelle Gewaltanwendung durch Ideologien, Überzeugungen oder Überlieferungen. Alle drei Gewaltformen stehen in einem engen Zusammenhang. (Vgl. Institut für Friedenspädagogik Tübingen e. V. 2007, S. 19)

Galtung beschreibt ein „Gewaltdreieck“, einen Teufelskreis, „der sich selbst stabilisiert, da gewalttätige Kulturen und Strukturen direkte Gewalt hervorbringen und reproduzieren“ (Institut für Friedenspädagogik Tübingen e. V. 2007, S. 19). Für Galtung ist klar, dass menschliche Handlungen und Aktionen (direkte, personale Gewalt) nicht aus dem Nichts kommen, sondern ihre Wurzeln haben. Eine dieser Wurzeln liegt demnach in gewalttätigen Kulturen. Eine weitere Wurzel liegt in strukturellen Gegebenheiten bzw. in Strukturen, die selbst gewalttätig, repressiv und ausbeuterisch sind. Diese Gewaltwurzeln sind unsichtbar und bringen die sichtbare, personale Gewalt hervor. (Vgl. Institut für Friedenspädagogik Tübingen e. V. 2007, S. 19)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Das Dreieck der Gewalt (Institut für Friedenspädagogik Tübingen e. V. 2007, S. 20)

Die Begriffsdefinition von Galtung und der WHO ergänzen einander. Der kulturelle Aspekt nach Galtung wird in der WHO-Definition weitgehend ausgeklammert, ist allerdings im Hinblick auf die Wichtigkeit dieser Dimension zu ergänzen. (Vgl. Institut für Friedenspädagogik Tübingen e. V. 2007, S. 20)

2.2.2 Motivation und Intention hinter Gewalthandlungen

Neben der Definition und den Ausformungen von Gewalt sind Motivation und Intentionen, die hinter Gewalthandlungen stehen, zu beachten sowie der Kontext, in dem Gewalt ausgeübt wird. Hierbei bekommen die kulturellen, geografischen und historischen Aspekte Gewicht, denn eine Handlung, die an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit als gewalttätig bezeichnet wird, wird zu einer anderen Zeit und/oder an einem anderen Ort möglicherweise völlig anders eingestuft. (Vgl. Institut für Friedenspädagogik Tübingen e. V. 2007, S. 20f)

Gewalt kann „verursacht“ oder „ausgeübt“ werden. Gewalt „verursachen“ meint irrtümliche oder unbeabsichtigte Schädigung. Gewalt „ausüben unterstellt eine bewusste Handlungsabsicht. Beabsichtigtes Gewaltausüben hat das Ziel, das Gegenüber - in welcher Form auch immer - zu verletzen. Bei der instrumentellen Gewaltausübung ist das Ziel primär ein anderes. Schädigung einer Person erfolgt daher sekundär. Die dritte Form von Gewaltausübung stellt die in Kauf genommene Verletzung einer anderen Person dar. Hierbei wird Schädigung nicht unmittelbar beabsichtigt, solche aber als vorhersehbare Nebenfolge einer Handlung in Kauf genommen. (Vgl. Institut für Friedenspädagogik Tübingen e. V. 2007, S. 20f)

Gewalt nimmt unterschiedlichste Ausformungen an und geschieht in den unterschiedlichsten Zusammenhängen. Für manche Menschen ist Gewalt zu etwas Selbstverständlichem geworden. Ein Bestandteil unserer menschlichen Natur ist Gewalt aber gerade eben nicht. Sie ist lediglich eine Möglichkeit, mit der Wirklichkeit umzugehen und sie zu bewältigen. (Vgl. Fromm 2003, S. 18f)

Wenn Gewalt also nicht in der Natur des Menschen liegt, woher kommt sie dann? Was lässt Menschen gewalttätig handeln und was ist die Natur des Menschen?

2.3 Aktuelle gesellschaftliche Strukturen - Wie sind wir dorthin gelangt, wo wir jetzt stehen?

„Der Charakter des Menschen ist von den Erfordernissen dieser Welt geformt worden, die er mit seinen eigenen Händen schuf.“ (Fromm 2003, S. 37)

Über Jahrtausende hinweg hat die Menschheit ein Paradigma erschaffen, nachdem wir resp. unsere Vorfahren erzogen wurden und welches wir soweit verinnerlicht haben, dass wir es als „wahr“ empfinden. Seit Anbeginn der Zivilisation - so der Theologe Walter Wink - unterliegt die Menschheit dem Mythos der Polarität von „gut“ und „böse“. Die von Rosenberg zitierte Schöpfungs- oder Urgeschichte, die dieses dualistische Paradigma geschaffen hat, gründet auf einem in Mesopotamien gefundenen Text und erzählt die Geschichte der Entstehung der Welt vor ungefähr 8000 Jahren. (Vgl. Rosenberg 2004, S. 16)

„Es begann damit, dass ein heroischer, tugendhafter männlicher Gott eine niederträchtige weibliche Göttin in tausend Stücke zerschlug. Aus der Energie der Zerschlagung der bösen Kräfte durch die rechtsschaffende Kräfte entstand die Welt.“ (Rosenberg 2004, S. 16)

Wie auch immer alles begonnen hat, es wurde über Generationen ein dualistisches Denken von „gut“ und „böse“ tradiert. Auch wenn man Mythologie und Religiosität außen vor lässt, lässt sich dies kaum bestreiten. Es genügt, die Zeitung aufzuschlagen oder den Fernseher bzw. das Radio einzuschalten: Es gibt „böse Menschen“ oder Menschen, die „Böses“ tun, und es gibt „gute Menschen“ bzw. Menschen, die „Gutes“ tun. „Böse“ Menschen sind zu bestrafen und das - folglich legitimerweise - von den „guten“ Menschen. (Vgl. Rosenberg 2004, S. 16f)

Bestrafung beinhaltet Gewalt und so wurde durch Erziehung und Sozialisation mit der Zeit der Glaube geschaffen, dass Gewalt in der Natur des Menschen liegt. Tragischerweise trennt diese Art von Denken den Menschen von seiner Natur und lässt ihn mitunter sogar Freude an Gewalt empfinden. Gewalt ist in unserer Kultur mittlerweile sogar so etwas wie ein Genussmittel geworden, hält man sich diverse Fernsehprogramme, Bücher, Computerspiele oder auch gesellschaftliche Veranstaltungen vor Augen. (Vgl. Rosenberg 2006, S. 18)

Wir haben gelernt, über andere in Form von moralischen Urteilen zu denken.

Worte wie „richtig“ und „falsch“, „gut“ und „böse“, „selbstsüchtig“ und „uneigennützig“, „Terroristen/Terroristinnen“ und „FreiheitskämpferInnen“ etc. unterstützen eine Vorstellung von Gerechtigkeit, die darauf basiert, dass jemand etwas „verdient“. Wer etwas Böses tut, verdient Böses. Wer Gutes tut, verdient Gutes usw. Diese konstante Bewertung und Verurteilung ist nicht im Geringsten lebensdienlich, sondern verursacht Trennung - Trennung vom Mitmenschen, Trennung von der eigenen, einfühlsamen Natur - und trägt zur Gewalt auf dem Planeten bei. Rosenberg geht sogar so weit zu sagen, dass genau darin der Kern der Gewalt liegt. (Vgl. Rosenberg 2006, S. 19)

3 Die menschliche Natur

Das folgende Kapitel beschreibt die Grundlagen und Hintergründe der Gewaltfreien Kommunikation, die tief spirituell verwurzelt sind und auf dem Glauben an die „wahrhaftige Natur“ des Menschen beruhen.

3.1 Hintergründe und Ziele der Gewaltfreien Kommunikation

„Die GFK (Gewaltfreie Kommunikation) gründet sich auf sprachliche und kommunikative Fähigkeiten, die unsere Möglichkeiten erweitern, selbst unter herausfordernden Umständen menschlich zu bleiben. Sie beinhalten nichts Neues; alles was in die GFK integriert wurde, ist schon seit Jahrhunderten bekannt. Es geht also darum, uns an etwas zu erinnern, das wir bereits kennen - nämlich wie zwischenmenschliche Kommunikation ursprünglich gedacht war. Und es geht auch darum, uns gegenseitig bei einer Lebensweise zu helfen, die dieses Wissen wieder lebendig macht.“ (Rosenberg 2010, S. 22)

Ziel oder Hauptanliegen der Gewaltfreien Kommunikation ist es, zu aufrichtigen Verbindungen zwischen Menschen beizutragen, die auf gegenseitigem Geben und Nehmen beruhen, das von Herzen kommt und nicht aus Angst vor Bestrafung, Scham oder Schuldgefühlen geschieht. Der Prozess der Gewaltfreien Kommunikation soll zu einer Verbindung zwischen Menschen beitragen, die dem Leben dient. (Vgl. Rosenberg 2006, S. 18)

3.1.1 Dem Leben dienen - Die Lebendigkeit in uns

„Es gibt nichts, das besser ist, nichts, das sich besser anfühlt, nichts, das mehr Freude macht, als unsere Kraft in den Dienst des Lebens zu stellen, um zum Wohlergehen eines anderen Menschen beizutragen.“ (Rosenberg 2006, S. 18)

Das Konzept der „Lebensbereicherung“ nimmt eine Schlüsselstellung in Rosenbergs Paradigma der Gewaltfreiheit ein. Was meint „Lebendigkeit“ in uns? Was meint Rosenberg, wenn er den Ausdruck „dem Leben dienen“ verwendet und wie sehen lebensbereichernde Konzepte und Strukturen aus?

Rosenbergs Wirken ist stark spirituell verwurzelt. Seine Auffassung von Spiritualität formuliert er kurz so: „Tue nichts, was du nicht aus Freude heraus tust.“ (Rosenberg 2004, S. 13)

„Tue nichts, was du nicht aus Freude heraus tust. Warte ab, bis es Freude macht. Und es wird Freude machen, genau ab dem Moment, wo unsere volle Aufmerksamkeit auf eine lebensbereichernde Vision ausgerichtet ist. Dann benutze deine Macht und stelle sie in den Dienst der menschlichen und planetaren Bedürfnisse. Benutze deine Macht, um das Leben zu bereichern, indem du auf Bedürfnisse eingehst.“ (Rosenberg 2004, S. 13)

Die spirituelle Haltung Rosenbergs ist einfach und beinhaltet den Kern von Spiritualität: Liebe. Die Liebe zum Leben. Liebe ist für Rosenberg „nicht einfach irgendetwas, das man fühlt, sondern etwas, das wir ausdrücken, etwas, das wir tun, etwas, das wir haben. Und worin besteht dieses Ausdrücken? Es besteht darin, dass wir auf eine ganz bestimmte Weise etwas von uns selbst schenken.“ (Rosenberg 2009, Internet) Mit „etwas von sich selbst zu schenken“ meint Rosenberg, dass Menschen, wenn sie in Kontakt mit anderen Menschen sind, diesem Kontakt volle Präsenz und Aufmerksamkeit widmen und mit den Menschen offen und ehrlich teilen, was im gegenwärtigen Moment in ihnen vorgeht, was in ihnen lebendig ist. (Vgl. Rosenberg 2009, Internet)

Rosenberg tritt für eine spirituelle Haltung ein, die gesellschaftliche Veränderungen anstoßen kann. Eine Spiritualität, die Menschen zum Handeln mobilisiert. Eine Spiritualität, die mit wenigen Worten auskommt und lebendig ist, jeden Augenblick mit dem eigenen und dem Leben anderer verbunden. (Vgl. Rosenberg 2004, S. 12f)

„Die spirituelle Grundlage liegt für mich in dem Bemühen, mich mit der Göttlichen Energie in anderen und die anderen mit dem Göttlichen in mir zu verbinden, weil ich glaube, dass wir dann, wenn wir wirklich mit dieser Göttlichkeit in anderen und in uns selbst verbunden sind, nichts lieber tun, als zum gegenseitigen Wohlergehen beizutragen.“

(Rosenberg 2009, Internet)

Rosenberg beschreibt „Göttliche Energie“ und meint damit das Leben und die Verbindung mit dem Leben. Diese „göttliche Energie“ lässt sich am besten durch eine bestimmte Verbindung mit Menschen erfahren, eine einfühlsame Verbindung von Herz zu Herz. (Vgl. Rosenberg 2009, Internet)

Lebensbereichernde Strukturen oder Organisationen (Familien, Unternehmen, Schulen, Regierungen etc.), die den oben beschriebenen Wesenskern in sich tragen, haben es sich folglich zur Aufgabe gemacht, dem Leben dienlich zu sein. (Vgl. Rosenberg 2004, S. 10f) Sie schätzen das Wohl ihrer Mitglieder und bemühen sich um Fairness und Gerechtigkeit bei der Verteilung von Ressourcen und Privilegien. Führungspositionen beherrschen nicht, sie dienen.

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Details

Seiten
48
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668111462
ISBN (Buch)
9783668111479
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312133
Note
3
Schlagworte
Rosenberg Ethik Wachstum Lernen Marshall B. Rosenberg Liebe spiritueller Gesellschaftswandel spirituelles Wachstum Freiheit

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Titel: Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg. Möglichkeit für einen grundlegenden, spirituellen Gesellschaftswandel?