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Gruppe, Gruppenprozess, Gruppendynamik. Soziologische Betrachtung von Situationen in der Arbeitswelt

Seminararbeit 2010 16 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 „Die Gruppe“ – Kennzeichen, System, im Unternehmen
1.1 Was ist eine Gruppe?
1.2 Das System von Individuum und Gruppe
1.3 Gruppen aus Sicht der Unternehmung

2 „Gruppendynamik“ – Definition und Einflussfaktoren
2.1 Verständnis von Gruppendynamik
2.2 Rollenverhalten
2.3 Kommunikation, Information, Interaktion

3 Empirische Erhebungen zu Gruppenprozessen
3.1 Die Hawthorne – Experimente
3.2 Der Einfluss der Gruppe

4 Fazit

Quellen

Einleitung

Das Leben des Menschen ist geprägt durch das Zusammen leben der Menschen. Die Beobachtung, Erforschung und Analyse dieses Zusammenlebens sowie sein Zustandekommen, in den vielfältigsten Formen und Ausprägungen, ist Hauptgegenstand des Interesses der Soziologie

Soziale Gruppierungen können in vielerlei Hinsicht unterschieden, untersucht oder definiert werden, doch sie eint alle das Miteinander, oder besser die soziale Interaktion, der Beteiligten. Das Zusammenleben, in welcher Art und Weise auch immer, ist Grundbedingung für das Bestehen sozialer Gruppen, die zentral an der Schaffung menschlicher Realität beteiligt sind.

Menschliche Bedürfnisse, Hoffnungen und Erwartungen sind eng gekoppelt an die „Sozialnatur“ des Menschen. Zum Überleben braucht der Mensch andere Menschen. Bereits mit der Geburt bedarf das Neugeborene der Zuwendung, Wärme und Ernährung durch Andere, um weiterhin existieren zu können. Diese Fürsorge wird in der Regel durch die Gruppierung des Familienverbandes übernommen, in die der Mensch hineingeboren und deren Mitglied er unausweichlich wird. Im Laufe des Lebens wird das Individuum den unterschiedlichsten Gruppen angehören, von ihren Werten, Normen und Ideen profitieren, jene mitgestalten, Gruppierungen vorstehen, in ihnen „mitschwimmen“ oder deren Auflösung unterstützen. Das Leben und die Interaktion in Gruppen sind, von der Schulzeit über den Freundeskreis bis hin zur Berufswelt, allgegenwärtig.

Nicht nur für den Soziologen, sondern ebenfalls aus ökonomischer Perspektive, ist das Phänomen der Gruppe von großer Relevanz. Durch die Vertiefung der Arbeitsteilung in allen Bereichen der globalisierten Weltwirtschaft hat die Bildung von (kleinen) Arbeitsgruppen an Bedeutung gewonnen.

„…die Auseinandersetzung mit den japanischen Mitbewerbern [hat] gezeigt, dass die Gruppenarbeit eine entscheidende Erfolgsterminante sei. Die Entwicklung der Gruppenarbeit war verbunden mit einer zunehmenden Dezentralisierung (…), die in den Unternehmen umgesetzt wurde(n) und der damit verbundenen Fokussierung des Teamgedankens.“ (Henschel 2009, S. 5)

Kleine teilautonome Arbeitsgruppen und Abteilungen innerhalb eines Unternehmens oder Konzerns sind in der Lage, flexibel auf neue Anforderungen zu reagieren, schnell und effizient zu kommunizieren und somit die Arbeitsproduktivität zu steigern. Eine hohe Produktivität darf als Segment der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmungen angesehen werden. Der berufstätige Mensch partizipiert an dieser Entwicklung, ist ein Bestandteil der Gruppierungen in den Unternehmen und der Arbeitswelt.

Im Mittelpunkt der soziologischen Anschauung stehen die sozialen Bedingungen sowie sozialen Funktionen der Arbeitsgruppen. Überdies sollte hinterfragt werden, ob ein wechselwirkendes Verhältnis zwischen den Beziehungen der einzelnen Gruppenmitglieder zueinander und der Gestalt der (Arbeits-) Gruppe vorliegt. Ursachen für die Beeinflussung eines dauerhaften Gruppenklimas durch prozessuale Entwicklungen, jeglicher Form, wären zusätzlich ergründenswert. Schließlich verspricht eine Betrachtung des Zusammenspiels von Individuum und Gruppe eine weitere Erkenntnisbereicherung.

Die Hausarbeit behandelt im Folgenden die Existenz des Phänomens sozialer Gruppen wie auch die Prozesse bzw. Dynamiken, die sich innerhalb der Gruppierungen vollziehen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Untersuchung von sozialen Gruppen in der Arbeitswelt.

Kapitel 1 zielt ab auf die Erklärung der Kennzeichen einer Gruppe. Ebenso soll eine Darlegung der aufeinanderbezüglichen Wirkung von Gruppe und Individuum erfolgen. Außerdem ruht der Blick auf Gruppen in Unternehmungen. Anschließend stehen in Kapitel 2 Gruppenprozess, Gruppendynamik und deren maßgeblichen Einflussfaktoren im Fokus des Interesses. In Kapitel 3 werden zwei populäre Experimente zu Gruppenprozessen in der Arbeitswelt beschrieben. Letztlich dient das Fazit einer Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse und der Formulierung einer abschließenden Aussage zur Thematik.

1 „Die Gruppe“ – Kennzeichen, System, im Unternehmen

1.1 Was ist eine Gruppe?

„Die Gruppe ist eine Mittlerin zwischen der Gesellschaft und den Normen, die der Mensch in seiner Ursprungsfamilie kennengelernt hat. Auf der einen Seite gestattet die Intimität, besonders von Kleingruppen, noch ein gewisses Maß von Familiengefühl, denn die Beteiligten bringen ihre Vorstellungswelt zum Teil in die Gruppe mit; andererseits sind in den Normen einer Gruppe immer auch Teile des Nomos der großen, der äußeren Gesellschaft repräsentiert.“ (Grabherr 1986, S. 7) Den Kern, dieser Definition des Gruppenbegriffs, bildet ein funktionalistisches Verständnis der Gruppe als Bindeglied des Individuums zur Gesellschaft.

Definitionen sind generell weder falsch noch wahr, sondern für bestimmte Zwecke besser oder schlechter geeignet (Meulemann 2006). Manchmal muss man verschiedene Definitionen nebeneinander stellen, um ein umfassendes Verständnis, des zu definierenden Begriffs, zu erlangen.

Als Grundlage für diese Arbeit sind außer den Funktionen, die eine Gruppe übernimmt, in erster Linie die Bedingungen für das Zustandekommen einer Gruppe sowie die Merkmale einer bestehenden Gruppe von Interesse.

Gruppen sind eine mögliche Form der sozialen Gemeinschaft, in der sich Menschen begegnen. Der österreichische Sozialpsychologe Peter Robert Hofstätter entwickelte 1971 ein Schema unterschiedlicher Formen des sozialen Miteinanders. Den „Mensch(en) im Plural“ voraussetzend, konstruierte er Subkategorien der Familie, der Menge, die sich wiederum in Masse und Gruppe unterteilt und der Klasse, in welcher der Verband einzuordnen ist (Hofstätter 1971, S. 24).

Menschen, die gemeinsame Merkmale oder Merkmalskombinationen aufweisen, bilden eine Klasse. In der Regel werden quantitativ messbare Merkmale wie Familienstand, Beruf oder Bildungsgrad verwendet. Dabei ist der Verband eine Klasse, deren Definitionsmerkmal handlungsrelevant geworden ist. Eine Menge formen Menschen, die zur gleichen Zeit am gleichen Ort anwesend sind. Einschränkend muss bemerkt werden, dass „ein reines Nebeneinander, nicht (…) ein Miteinander oder ein Zueinander“ (Hofstätter 1971, S. 22) vorliegt. Aus Mengen können schließlich unstrukturierte Massen oder strukturierte Gruppen erwachsen. Somit wäre es unzureichend, eine (strukturierte) Gruppe mit dem „Mensch(en) im Plural, sprich einer Anhäufung von Menschen, zu identifizieren. Doch wie gestalten sich nun die kennzeichnenden Merkmale einer Gruppe? Namhafte Soziologen und Psychologen, wie Lewin, Merton oder Deutsch (u.a.) haben eine Vielzahl von unterschiedlichen Definitionen formuliert. Eine selektive Zusammenfassung der markantesten Merkmale verschiedener Definitionen soll im Folgenden dargestellt werden.

Eine Mehrzahl von Personen strebt einer gemeinsamen Zielerreichung entgegen. Das Ziel sollte allen Beteiligten bewusst sein. Der Grad der Kohäsion oder der Gruppenattraktivität für den Einzelnen ist ein zusätzlicher Faktor. Überdies müssen gemeinsame Normen und Werte geschaffen werden. Es bedarf einer Rollendifferenzierung unter den Gruppenmitgliedern. Zudem ist das Ausmaß der Konformität über die Normen relevant für den Bestand der Gruppe. Letztlich geben die Anzahl und der Inhalt der Interaktionen, zwischen den Mitgliedern einer Gruppe sowie im Verhältnis zu anderen „Systemen“, den Ausschlag (Tita 1999, S. 46 f.). Außerdem sollte die Zeitspanne des Bestehens der Gruppe und eine Herausbildung eines „Wir – Gefühls“ Berücksichtigung finden. Die benannten Punkte können als Bedingungen für das Zustandekommen und das Bestehen von Gruppen verstanden werden.

Darüber hinaus möchte ich eine Differenzierung von formellen und informellen Gruppen vornehmen. In der Literatur wird diese Unterscheidung häufig mit unterschiedlichen Phänomen, wie z.B.: organisierte versus unorganisierte Gruppen oder persönliche versus unpersönliche Bindung in Gruppen, gleichgesetzt. Doch soll eine formelle Gruppe jene sein, deren Strukturen und Prozesse stark von einem festgelegten Regelwerk und den Verhaltensvorschriften einer Organisation geprägt sind. Zusammensetzung und Aktivität der Mitglieder entsprechen im weitesten Sinne den formellen Vorgaben. Die informelle Gruppe hingegen gründet auf den Bedingungen für das Zustandekommen und Bestehen einer Gruppe (Rosenstiel 2003).

Weiterhin möchte ich zwei Idealtypen formeller Gruppen vorstellen: die interagierend – offene und die koagierend – offene Gruppe. Hauptzielsetzung dieser Gruppen sind das gleichzeitige Optimieren der Produktivität und die Zufriedenheit der Mitglieder. Interagierende Gruppen sind durch eine gegenseitige Abhängigkeit der Mitglieder bei der Tätigkeitsausübung gekennzeichnet. In koagierenden Gruppen ist eine Autonomie der Mitglieder bei der Erfüllung ihrer Aufgaben vordergründig.

1.2 Das System von Individuum und Gruppe

Die Frage, was eine Gruppe ist, wurde nun beantwortet. Oder möglicherweise doch nicht? Kann eine Gruppe überhaupt als ein reales Konstrukt mit eigenen Wesensmerkmalen angesehen werden oder ist sie lediglich das Produkt der Interaktionen der Individuen, die in ihr handeln?

Eine Gruppe kann nicht nur als soziale „Gemeinschaft“, sondern auch als ein soziales „System“ gelten. Die Systemtheorie, vermittelt vor allem durch Niklas Luhmann, ist Analyse- und Erklärungsinstrument der Soziologie. Wenn Gruppen als ein soziales System gesehen werden, müssen sie als ein Ganzes betrachtet werden und nicht als eine Menge von Einzelelementen. Es liegt dann eine Koppelung von Systemen vor, denn die Individuen in der Gruppe müssen ebenfalls als Systeme erkannt werden. Die Systeme sind miteinander vernetzt und bilden für das jeweils andere System eine „Umwelt“. Als konstitutive Merkmale sozialer Systeme treten die relative Dauerhaftigkeit des Systems sowie die Sicherstellung des Fortbestandes auf. Eine Bedrohung des Bestandes der sozialen Gruppe kann auch von innen, durch die Teilsysteme der Individuen, erfolgen. Im Umkehrschluss heißt das, die Gruppenmitglieder tragen, innerhalb der sozialen Interaktion, Verantwortung für den Fortbestand und die Entwicklung der Gruppe (Grabherr 1986, S. 8 f.).

Im Kontext der sozialen Systeme treffen zwei Erwartungshaltungen aufeinander. Die Erwartungen des Individuums an seine Umwelt treffen auf die Erwartungen, welche die Umwelt an das Individuum hegt. Dabei ist davon auszugehen, dass das Individuum eine eigene Zielsetzung vornimmt, für die es beispielsweise das Mittel der Rolle in der Gruppe nutzen kann. Gleichzeitig sind dem individuellen Zielstreben, z.B.: durch gemeinsame Normen, Grenzen gesetzt. Außerdem sollte die Gruppe individuelles Zielstreben der Angehörigen vereinbaren können und Spannungen abschwächen.

Der Mensch, explizit das Gruppenmitglied, hat individuelle Bedürfnisse, einen eigenen Charakter und Verstand. Er ist kein Abbild der Gruppe, der er angehört. Dennoch beeinflusst die Gruppe die individuellen Einstellungen und Verhaltensweisen. Ebenso formt und bestimmt das einzelne Gruppenmitglied das System der sozialen Gruppe. Gruppe und Individuum stehen als Konstruktionen sozialer Systeme nebeneinander. Die wechselwirkenden Beziehungen der Systeme zu ihrer Umwelt und zueinander müssen Beachtung finden.

1.3 Gruppen aus Sicht der Unternehmung

Seit den 1990er Jahren hat die Organisationsform der Gruppenarbeit in den Unternehmungen verstärkt Einzug gehalten. Die Entwicklung im Bereich der Produktion ist besonders geeignet, um diesen Vorgang zu beleuchten.

Gruppenarbeit, in Form teilautonomer Arbeitsgruppen oder Abteilungen, nutzten im Jahr 2006 ca. 87 % der Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes (mit mehr als 1000 Mitarbeitern) in Deutschland (Henschel 2009, S. 5). Teilautonomie bedeutet, dass die Arbeit weitgehend autonom durch die Arbeitsgruppe koordiniert wird. Übergeordnete Zielsetzung obliegt jedoch weiterhin dem Management. Ziel der Etablierung von Arbeitsgruppen war ein Anstieg der Arbeitsproduktivität.

Zu den elementaren Bedingungen der Produktivität darf die Einstellung der Beschäftigten zu dem arbeitgebenden Unternehmen gezählt werden. Anlässlich der Steigerung von Arbeitsproduktivität sollte das Unternehmen deswegen das Wohlbefinden und die Wohlfahrt der Angestellten sichern. Um dies zu gewährleisten, ist es von großer Wichtigkeit für den Arbeitgeber, seine Konzentration auf die Kommunikation und mögliche Konflikte zu richten. Faktoren der sozialen Beziehung und Gruppenbildung unter den Arbeitern stechen in diesem Zusammenhang hervor (Colbjornsen 2003).

Im Zentrum der Anschauungen zu den zwischenmenschlichen Beziehungen in einer Unternehmung stehen infolgedessen die Bildung und Entwicklung formeller sowie informeller Gruppen, die Gruppenstruktur ebenso wie die Gruppenleistung. Die nachstehenden vier Annahmen sollen Aufschluss über Quellen der Motivation, Integration und Organisation geben.

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Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668110526
ISBN (Buch)
9783668110533
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312121
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Soziologie
Note
2,3
Schlagworte
Gruppe Gruppenprozess Gruppendynamik

Autor

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Titel: Gruppe, Gruppenprozess, Gruppendynamik. Soziologische Betrachtung von Situationen in der Arbeitswelt