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Der Wandel familialer Lebensformen von der Ersten zur Zweiten Moderne

Befindet sich die bürgerliche Kleinfamilie in der Krise?

Bachelorarbeit 2015 52 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

1. Familie als soziohistorisches Konstrukt
1.1 Etymologische Herleitung des Begriffs „Familie“
1.2 Soziologische Definition von Familie nach Nave-Herz
1.3 Familie in der vorindustriellen traditionellen Gesellschaft

2. Entstehung des bürgerlichen Familienmodells als Normaltypus
der Moderne
2.1 Funktionale Geschlechtsrollenspezialisierung
2.2 Generationenverhältnis zwischen Eltern und Kindern
2.3 Universalisierung des bürgerlichen Familienmodels
2.4 Institutionalisierung der bürgerlichen Kleinfamilie
2.5 Funktionen und Aufgaben der Familie für das Individuum und
die Gesellschaft

3. Die Individualisierungsthese nach Ulrich Beck als theoretischer Erklärungsansatz für den Wandel familialer Lebensformen

4. Familie in der reflexiven Moderne
4.1 Deinstutionalisierung des bürgerlichen Familienmodells
4.1.1 Rückgang der Eheschließungen
4.1.2 Allgemeiner Geburtenrückgang
4.1.3 Zunahme nichtehelicher Geburten
4.1.4 Zunahme der Ehescheidungen
4.2 Pluralisierung familialer Lebensformen
4.2.1 Ein-Eltern-Familie
4.2.2 Stieffamilien
4.3 Wandel der Geschlechterrollen
1.1.1. Wandel der Vater- und Mutterrolle
1.1.2. Innerfamiliale Arbeitsteilung
4.4 Kindheit heute
4.4.1 Wandel kindlicher Freizeitkontexte
4.4.2 Wandel des Eltern-Kind-Verhältnisses
4.5 Funktionen der Familie in der reflexiven Moderne

Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Statistik der Eheschließungen Deutschland (www.destatis.de [a])

Abb. 2 Anteil der dauerhaft Ledigen unter den 1930 bis 1960 geborenen Männern und Frauen (Engstler 2003: 66)

Abb. 3 Zusammengefasste Geburtenziffer 1960 bis 2011 (www.bpb.de [b])

Abb. 4 Frauen nach Jahrgang und Zahl der leiblichen Kinder im Jahr 2008 in Prozent (www.bmfsfj.de)

Abb. 5 Nichteheliche Quote für West- und Ostdeutschland, 1946 bis 2013 (www.destatis.de [b])

Abb. 6 Statistik rechtskräftiger Urteile in Ehesachen Deutschland (www.destatis.de [c])

Abb. 7 Anteil der Alleinerziehenden an allen Familien (www.destatis.de [d])

Einleitung

Die Ergebnisse empirischer Sozialforschung weisen schon seit geraumer Zeit darauf hin, dass Deutschland – wie andere hoch entwickelte Industriegesellschaften - einem starken Wandlungsprozess unterworfen ist, der sich seit Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts auch in Veränderungen der bürgerlichen Kleinfamilie widerspiegelt. Als die markantesten Entwicklungen dieses Wandels gelten dabei die hohen Scheidungszahlen, das später Heiratsalter sowie der drastische Geburtenrückgang seit Mitte der sechziger Jahre. Ferner kann der Wandel auch an der Zunahme der nichtfamilialen Lebensformen festgemacht werden. Dies hat zur Folge, dass die zentrale Rolle der Familie als Keimzelle der Gesellschaft in der Öffentlichkeit zunehmend in Frage gestellt wird. Sind wir auf dem Weg zu einer Single-Gesellschaft oder im Begriff ein Land der Lebensabschnittpartner und Einzelkinder zu werden? Befindet sich die im öffentlichen Leben und der Politik als Allheilmittel gegen die Gebrechen des Zeitgeistes gepriesene Normalfamilie in der Krise oder stirbt sie gar aus? Die Zukunftsprognosen der Familie werden heutzutage in düsteren Farben geschildert.

In der Familiensoziologie besteht ein Konsens darüber, dass die bürgerliche Kleinfamilie einem Wandel unterliegt. Uneinig ist man sich jedoch in der Frage, wie dies zu erklären ist und ebenso werden das Ausmaß und die gesellschaftliche Bedeutung dieses Wandels unterschiedlich eingeschätzt. Einerseits wird von der Familie in der Krise gesprochen oder selbiger sogar ein Zerfall prognostiziert. Andererseits wird der Wandel der Familie als ein Aspekt eines allgemeinen Trends angesehen und folglich nur als eine Art Umbau- bzw. Erneuerungsphase betrachtet.

Doch was versteht man überhaupt unter einer normalen Familie? Soll man an der Vorstellung von Familie, als einer geschlossenen Einheit von Vater-Mutter-Kind(er), standesamtlich legitimiert und lebenslang aneinander gebunden festhalten? Sollten im Hinblick daran alle Abweichungen als defizitär und funktionslos gelten?

Vor diesem Hintergrund soll das Ziel meiner Arbeit sein, die familiären Wandlungstendenzen anhand ausgewählter Analysedimensionen beim Übergang in die zweite Moderne, unter dem Gesichtspunkt der Individualisierungstheorie von Ulrich Beck zu analysieren und abschließend zu klären ob man de facto von einer Krise der Familie sprechen kann. Vor der Beantwortung dieser Frage wird zunächst eine Einordnung des Begriffs „Familie“ sowie ein kurzer historischer Rückblick vorgenommen.

1. Familie als soziohistorisches Konstrukt

1.1 Etymologische Herleitung des Begriffs „Familie“

Bis zum 18. Jahrhundert kannte man im Deutschen keinen eigenen Begriff für die Eltern-Kind-Gruppe im Sinne der heutigen Kern- oder Kleinfamilie. Stattdessen half man sich mit der Umschreibung „Weib und Kind“ oder sprach vom „Haus“, welches nicht nur die Verwandtschaftsgruppe, die heute mit Familie bezeichnet wird, sondern vielmehr die Gesamtheit der in der Hausgemeinschaft lebenden Personen, einschließlich des Gesindes meinte. Dass es keine spezifische Bezeichnung für die Eltern-Kind-Gruppe gab, macht deutlich, dass dieser auch keine besonders hervorgehobene soziale Bedeutung zukam (vgl. Burkart 2008: 119).

Der Begriff „Familie“ leitet sich etymologisch vom lateinischen „familia“ her, das ähnlich wie das Wort „Haus“ die Gesamtheit der Haushaltsfamilie meinte. Erst über das französische Wort „famille“, mit welchem bereits die Kernfamilie bezeichnet wurde, etablierte sich die Bezeichnung auch in der deutschen Alltagssprache und verdrängte den bislang üblichen Begriff des Hauses (vgl. ebd.). Wurde das neue Wort im deutschsprachigen Raum anfänglich noch als Synonym zur Hausgemeinschaft verwendet, bildete sich durch Verengung allmählich der heutige Bedeutungsinhalt heraus. Dieser Prozess war mit einem strukturellen Wandel des Familienbildes hin zur Kernfamilie als Normaltypus verbunden (vgl. ebd.).

1.2 Soziologische Definition von Familie nach Nave-Herz

Trotz einiger Differenzen vertreten die meisten Soziologen die Annahme, dass Familie immer weniger als etwas natürlich Gegebenes oder als allgemeine Konvention verstanden werden kann. Sie bildet sich vielmehr im Rahmen der jeweiligen kulturellen und gesellschaftlichen Lebensumstände aus. Nave-Herz wählt aus diesem Grund ein möglichst hohes Abstraktionsniveau für ihre Definition um mit ihm historische sowie in anderen Kulturen vorherrschende Familienformen zu analysieren und familialen Wandel optimal erfassen zu können (vgl. Nave-Herz 2013: 35).

Dazu entwirft sie, in Abgrenzung zu anderen Lebensformen, drei konstitutive Kriterien zur Bestimmung von Familie:

1. Die Familie ist gekennzeichnet durch ihre „biologisch-soziale Doppelnatur“, das heißt sie besitzt eine biologische und soziale Reproduktions- und Sozialisationsfunktion. Darüber hinaus verfügt sie über weitere gesellschaftliche Funktionen, welche jedoch kulturell variabel sind.
2. Sie entwickelt ein spezifisches Kooperations- und Solidaritätsverhältnis sowie eine Rollenstruktur mit exakt geregelten Rollendefinitionen (Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Schwester, Bruder usw.).
3. Familie weist eine Generationsdifferenzierung auf.

Im Gegensatz dazu zählt die Geschlechtsdifferenzierung, wonach die Familie in der Familiensoziologie lange Zeit definiert wurde, bei Nave-Herz nicht als konstitutives Merkmal von Familie. Zwar kann Ehe eine Familie begründen oder ergänzen, es gab jedoch zu allen Zeiten und in allen Kulturen auch Familien, die nicht auf einem Ehesubsystem beruhten oder deren Ehesubsystem infolge von Tod oder Trennung entfallen ist. Daher bilden Alleinerziehende Mütter oder Väter sowie nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern ebenfalls Familien (vgl. ebd.: 36).

1.3 Familie in der vorindustriellen traditionellen Gesellschaft

Da sich die Familie im Rahmen der jeweils gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen ausbildet, bedingen soziale Umwälzungen sie im Besonderen und tragen zu ihrer Umformung bei, ebenso wie der familiale Wandel seinerseits gesellschaftliche Veränderungen beeinflusst. Folglich lässt sich der Wandel der Familie nur mit einem kurzen Blick auf die gesamtgesellschaftliche historische Entwicklung sinnvoll begreifen.

Das Europa der frühen Neuzeit (16. bis ins 19. Jahrhundert) war geprägt durch den Feudalismus als dominierende Gesellschaftsform. Dieser hatte sowohl auf die wirtschaftlichen, sozialen als auch politischen Strukturen Einfluss und die daraus resultierenden Standesunterschiede prägten die Familienformen maßgeblich. Dabei bildete die Sozialform des ganzen Hauses das wichtigste und am weitesten verbreitete Wirtschafts- und Sozialgebilde der bäuerlichen und handwerklichen Lebensweise (vgl. Burkart 2008: 116). Der Begriff „Haus“ meinte keine Familie im modernen Sinn, welche durch Blutsverwandtschaft und Kernfamilie geprägt ist, sondern umfasste die Gesamtheit aller unter dem Regiment eines Hausvaters stehenden Personen, sofern sie gemeinsam wohnten und arbeiteten. Daher zählten neben nichtverwandten Arbeitskräften häufig auch entfernte ledige Verwandte (z.B. Cousinen, Onkel) zum „ganzen Haus“, denn nur wer sich wirtschaftlich selbst versorgen konnte, war rechtlich befähigt eine Familie zu gründen (vgl. ebd.).

Das zentrale Merkmal des ganzen Hauses war die Einheit von Produktion und Familienleben. Neben der Produktion kam dem Hausverband noch eine Reihe weiterer gesellschaftlich notwendiger Funktionen wie Konsumtion, Sozialisation und Alters- und Gesundheitsvorsorge zu (vgl. Peuckert 2012: 13).

Durch die Verbundenheit von Produktion und Haushalt hatten neutrale, gefühlsarme Beziehungen gegenüber Emotionen ein deutliches Übergewicht. Dabei wurde nicht zwischen Verwandten und nichtverwandten Angehörigen unterschieden. Alle Personen des Hauses wurden als Arbeitskräfte betrachtet und unterstanden gleichermaßen dem Patriarch. Für die Partnerwahl waren vor allem ökonomische Gründe ausschlaggebend (Mitgift der Frau, Arbeitskraft). Zu den Kindern, welche man eher als potenzielle Arbeitskräfte ansah und behandelte, bestanden gesindegleiche, relativ gefühlsarme Beziehungen. Eine eigene Phase der Kindheit im modernen Sinn war nicht vorhanden (vgl. ebd.). Die sachliche Mutter-Kind-Beziehung wird in der Literatur häufig auf die hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit in der vorindustriellen Zeit zurückgeführt, aufgrund dessen es als unzweckmäßig galt allzu viele Gefühle in die Kinder zu investieren. Des Weiteren gab es aufgrund unzureichender Geburtenkontrolle, häufig unerwünschte Kinder (vgl. Aries 1975: 98).

Da in der vorindustriellen Familie keine strikte Trennung zwischen Familien und Produktionsbereich möglich war, wurde auch die Arbeitsteilung weniger streng in Innen- und Außenbereich getrennt wie später die weibliche Hausarbeit einerseits und die männliche außerhäusliche Arbeit im Betrieb andererseits. Des Weiteren bestand keine geschlechtsspezifische Wesenszuschreibung wie heute (die Frau als emotionales, der Mann als rationales Wesen) (vgl. Nave-Herz 2013: 44).

Lange Zeit ging man davon aus, die europäische Familie habe sich von der traditionalen Großfamilie zur modernen Kleinfamilie entwickelt. Die mit dem ganzen Haus verbundene Vorstellung von der Großfamilie mit Großeltern, Eltern und zahlreichen Kindern als vorherrschende Familienform, gilt mittlerweile als empirisch widerlegt. Ein hohes Heiratsalter und eine geringe Lebenserwartung führten dazu, dass Dreigenerationenfamilien eher selten waren. Die Kinderzahl war aufgrund der hohen Säuglingssterblichkeit trotz vieler Geburten gering. Die Größe des Haushalts der vorindustriellen Familie verweist also nicht auf die Anwesenheit von Großeltern und vielen Kindern, sondern ist vielmehr durch den Miteinbezug des Gesindes bedingt. Mitterauer spricht in diesem Zusammenhang vom „Mythos der Großfamilie“ (vgl. Burkart 2008: 116 f.). Entstanden ist dieser einerseits durch die Berichterstattungen und Familienporträts von berühmten Persönlichkeiten wie Maria Theresia mit ihren vierzehn Kindern, welche den Eindruck erwecken, die Großfamilie sei der Normalfall gewesen. Andererseits prägte die – de facto – hohe Kinderzahl während eines relativ kurzen Zeitraums von Anfang bis Ende des 19. Jahrhunderts, diese Fehleinschätzung. Die medizinischen und ernährungsphysiologischen Erkenntnisse führten zu einer sinkenden Säuglingssterblichkeit bei gleichbleibendem generativen Verhalten sowie der fehlenden Möglichkeit zur Geburtenkontrolle (vgl. Nave-Herz 2013: 45).

Durch die Trennung von Arbeits- und Wohnstätte im Verlauf der Ausbreitung der kapitalistischen Produktionsweise im Zuge der Industrialisierung verlor die Sozialform des ganzen Hauses stark an Bedeutung und es bildete sich zunächst im gebildeten und wohlhabenden Bürgertum (hohe Beamte, Unternehmer, Kaufleute) der Typ der bürgerlichen Familie als Vorläufermodell der modernen Kleinfamilie aus (vgl. Peuckert 2012: 13).

2. Entstehung des bürgerlichen Familienmodells als Normaltypus der Moderne

Die Entstehung und Ausbreitung der bürgerlichen Kleinfamilie kann als Ergebnis kontinuierlicher Spezialisierungs- und Differenzierungsprozesse betrachtet werden, welche mit einem Strukturwandel der Familie einhergingen. Die Trennung von Produktions- und Wohnort und die damit verbundene Ausgliederung des Dienstpersonals schafften einen familialen Raum der Privatheit, welcher von der öffentlichen Sphäre, die durch Rationalität und Unpersönlichkeit gekennzeichnet war, abgegrenzt werden sollte. Die bürgerliche Familie wurde somit nicht nur kleiner, sondern entwickelte sich vor allem auch zu einer geschlossenen Gemeinschaft mit Exklusivcharakter (vgl. Nave-Herz 2013: 54). Schließlich bildeten intim-expressive Funktionen (die Befriedigung subjektiver Bedürfnisse nach Intimität, Geborgenheit, Sexualität) und sozialisatorische Leistungen die Basis der modernen bürgerlichen Familie (vgl. Peuckert 2012: 12).

In den folgenden fünf Gliederungsunterpunkten werden die wichtigsten Merkmale der bürgerlichen Kleinfamilie, wie die Geschlechtsrollenspezialisierung, das Generationenverhältnis und die Funktionen und Aufgaben der Familie beschrieben, welche gemäß der Definition von Nave-Herz konstitutiv für Familie sind. Darüber hinaus wird auf die historisch einmalige Situation der Universalisierung sowie der Institutionalisierung des bürgerlichen Familienmodells eingegangen.

Entlang dieser fünf Merkmale des bürgerlichen Familienmodells soll in den nachstehenden Kapiteln der Wandel der familialen Lebensformen unter dem Gesichtspunkt der Individualisierungsthese von Ulrich Beck analysiert werden.

2.1 Funktionale Geschlechtsrollenspezialisierung

Die Distanzierung zwischen Häuslichkeit und Erwerbstätigkeit sowie die Verbesserung der ökonomischen Voraussetzungen hatte zur Folge, dass sich für Mann und Frau unterschiedliche Definitionen der Geschlechterrollen[1] durchgesetzt haben.

Mit dem Aufkommen des bürgerlichen Familienmodells entwickelte sich in der Wissenschaft die Ansicht, dass Mann und Frau sich von Natur aus in ihrem Charakter und Wesen unterscheiden. Die Historikerin Karin Hausen spricht in diesem Zusammenhang von der „Polarisierung der Geschlechtscharaktere“ (Burkart 2008: 130). Folglich wurden dem Mann Fähigkeiten wie Abstraktionsvermögen, rationales Handeln, Stärke und Kühnheit zugewiesen, während sich die Wesenseigenschaften der Frau durch ihre naturhafte Bestimmung für das häusliche Leben, Passivität, Schwäche und das gefühlsmäßige Entscheiden und Handeln auszeichneten. Diese Behauptung von natürlichen Geschlechtsunterschieden sollte die strikte Trennung in die öffentlich-männliche und die häuslich-weibliche Sphäre legitimieren. Entsprechend dieser behaupteten Fähigkeiten wurde dem Mann die Rolle des alleinigen Familienernährers, Besitzer und Verwalter des familialen Vermögens zugewiesen, während die Frau die bürgerliche Häuslichkeit zu wahren hatte um Intimität und Geborgenheit zu schaffen damit sie Kinder gebären und erziehen konnte. Gleichzeitig kam der Mutter eine Vermittlerfunktion zwischen Vater und Kindern zu. Ergo gaben in einer im Jahr 1959 durchgeführten Befragung von Abiturientinnen 93 Prozent an, als Mutter nicht mehr berufstätig sein zu wollen. Als angemessen betrachtet, wurde eine Erwerbstätigkeit nur im Notfall zur kurzfristigen materiellen Unterstützung der Familie (vgl. Peuckert 2012: 16).

Die Ideologie der bürgerlichen Familie zeichnet sich schließlich durch das sogenannte „Ergänzungstheorem der Geschlechter“ aus, gemäß dem Mann und Frau als zwei sich ergänzende Teile betrachtet werden und somit nur als Paar ein Ganzes ergeben. „Der Mann sollte ‚das Haupt‘, die Frau die ‚Seele der Familie‘ sein […]“ (Nave-Herz 2013: 57), wodurch das strukturelle Tauschverhältnis und die gegenseitige Abhängigkeit der Ehegatten voneinander begründet ist. Die logische Folge der Vorstellung des Ergänzungstheorems war, dass abweichende Familienformen, wie Ein-Eltern-Familien zwangsläufig als defizitär galten, da ihnen ein notwendiger Teil fehlen musste (vgl. ebd.).

2.2 Generationenverhältnis zwischen Eltern und Kindern

Die Aufwertung von Affektivität und Intimität sowie der Häuslichkeit und Privatheit führte zu einer Stärkung des emotionalen Beziehungsgeflechtes in der Familie und stellte damit nicht nur die Grundlage für die emotional-affektive Beziehung der Eheleute zueinander, sondern auch für die Eltern-Kind-Beziehung dar (vgl. Burkart 2008: 123). Dies wird neben den ökonomisch verbesserten Rahmenbedingungen (Wegfall der Notwendigkeit von Kinderarbeit) als eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung der emotionalen Eltern-Kind-Beziehung erachtet. Ferner wird die emotionale Bindung zwischen Eltern und Kindern durch die zunehmende Wahlfreiheit in Bezug auf die Kinderzahl und den Zeitpunkt der Geburt begünstigt. Aufgrund medizinischer und hygienischer Fortschritte nahm die Säuglingssterblichkeit ab. Mitte des 20. Jahrhunderts verbesserten sich darüber hinaus zunehmend die Verhütungsmethoden bis hin zur Pille und ermöglichten eine fast beliebige Steuerung des Geburtszeitpunkts (vgl. Barabas/Erler 2002: 52). Das Kind war in der bürgerlichen Kleinfamilie das gemeinsame Produkt der Liebenden, das behütet werden musste. Die Auffassung Kinder nicht mehr nur als kleine Erwachsene zu betrachten, sondern ihnen in kultureller sowie psychologischer Hinsicht eine eigene Entwicklungsphase zuzuerkennen, setzte sich zunächst in der gehobenen bürgerlichen Schicht durch. Dies fand äußerlich sichtbaren Ausdruck durch das Aufkommen eigener Kinderkleidung (vgl. Nave-Herz 2013: 55 f).

Der Prozess der fortschreitenden Zuwendung zum Säugling und Kind seitens der Eltern brachte ein verändertes Erziehungsverhalten mit sich und führte zu einer allgemeinen Emotionalisierung des Eltern-Kind-Verhältnisses. Es setzte sich die Auffassung durch, dass weder Verwandte noch Bedienstete, sondern ausschließlich die biologischen Eltern (insbesondere die Mütter) die besten Erzieher ihrer Kinder seien. Die Spezialisierung der frühkindlichen Sozialisation, das heißt die soziokulturelle Nachwuchssicherung der Gesellschaft wurde allein der Familie zugesprochen. Die Primärerziehung unterlag somit dem Monopol der Kleinfamilie (vgl. ebd.).

Des Weiteren stellte sich die Erziehung in der bürgerlichen Familie zunehmend auf die Bedürfnisse der Kinder ein. Man wollte ihnen eine umfassende Ausbildung und soziale Aufstiegsmöglichkeiten bieten. „Das Beste für das eigene Kind“ (Barabas/Erler 2002: 52) wurde zur Leitlinie. Erziehungsziele und Erziehungsstile orientierten sich jedoch stets an den in der Gesellschaft vorherrschenden Werten. Für die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts bedeutete dies, dass die klar definierten gesellschaftlichen Regeln und Normen, die für die Lebensbiografien der Erwachsenen galten auch an die Kinder weitergegeben wurden. Als wichtigste Erziehungsziele galten Sauberkeit, Ehrlichkeit und Gehorsam, welche im sog. Befehlshaushalt durch Autorität angestrebt wurden (vgl. www.wdr.de). Ferner nahm die Mithilfe der Kinder im Haushalt einen beträchtlichen Umfang ihrer gesamten Zeitverwendung ein, was die Untersuchung von Thurnwald (1948) zeigte (vgl. Nave-Herz 1994: 53).

2.3 Universalisierung des bürgerlichen Familienmodels

Zwar ermöglichte die mit der Industrialisierung verbundene Trennung von Erwerbs- und Wohnbereich eine Intimisierung und Emotionalisierung der familialen Binnenstruktur von zunehmend mehr Menschen, dennoch entsprach die tatsächlich praktizierte Lebensweise der Mehrheit der Bevölkerung lange Zeit keineswegs dem bürgerlichen Familienideal. Die Arbeiterfamilien, welche die damals quantitativ vorherrschende Familienform darstellten, orientierten sich am Leitbild der bürgerlichen Familie, jedoch ließen sich aufgrund der sozioökonomischen Lage (niedrige Löhne, Arbeitslosigkeit) ihre wesentlichen Merkmale nicht durchsetzen. Von einer vergleichbaren Emotionalisierung und Intimisierung kann aufgrund der beschränkten Wohnverhältnisse (keine Trennung von Schlaf-und Wohnräumen, dem sog. Schlafgängertum) und der erforderlichen Erwerbstätigkeit von Frauen und Kindern nicht die Rede sein (vgl. Peuckert 2012: 15). Ebenso kam es zu keinem besonders starken Rückgang der Säuglings- und Kindersterblichkeit wie in den wohlhabenden bürgerlichen Familien. Daher blieb die Geburtenzahl zunächst entsprechend traditionell hoch, was die Entwicklung einer emotionalen Eltern-Kind-Beziehung erschwerte. Dennoch lassen sich in normativer Hinsicht Annäherungen an das bürgerliche Familienideal erkennen. Dies zeigte sich an den Forderungen der Arbeitervereine nach höheren Löhnen, sodass die Ehefrauen nicht mehr erwerbstätig sein mussten und sich stattdessen ganz um den Haushalt und die Familie kümmern konnten. Sie beanspruchten das bürgerliche Familienmodell als Lebensform ebenso für sich und graduierten es zum Familienleitbild (vgl. Nave-Herz 2013: 61 f.).

In der Weimarer Republik, in der das bürgerliche Familienideal zum politisch verordneten Familienleitbild wurde, gelang es durch zahlreiche politische Maßnahmen auch den Arbeiterfamilien das bürgerliche Familienideal auszuleben. So wurden beispielsweise erwerbstätige Frauen durch sog. Ehestandsdarlehen vom Arbeitsmarkt abgeworben und bei vier Kindern mit dem Mutterkreuz ausgezeichnet. Des Weiteren wurde der staatliche Wohnungsbau forciert, um auch den Arbeiterfamilien eine Privatheit zu ermöglichen. Besonders im Nationalsozialismus propagierte man das bürgerliche Familienideal mit seiner spezifischen Geschlechterrollendifferenzierung als einzig legitime Lebensform (vgl. ebd.). Dennoch ließ sich das Familienleitbild nicht universell verwirklichen, da es vor allem in der krisenhaften Zeit bis 1950 nicht gelang eine deutliche Verbesserung der Lebensstandards der breiten Masse zu ermöglichen (vgl. Peuckert 2012:15).

Ausschlaggebend für die Generalisierung des bürgerlichen Familienmodells in Westdeutschland waren letztendlich die tief greifenden Wandlungsprozesse der fünfziger und frühen sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts (Wirtschaftswunder), welche zu massiven Reallohnsteigerungen und den Ausbau sozialer Sicherungssysteme führten. Die Verbesserung der Lebensverhältnisse zeigte sich auch an der zunehmenden Verbreitung langfristiger Konsumgüter wie Waschmaschine, Fernseher, Kühlschrank und später dann Auto und Telefon. Auch Parteien und kirchlich-religiösen Legitimierungen trugen zur schnellen Verallgemeinerung des bürgerlichen Familientyps bei: „Die Ehe erschien als die einzige normale, gesellschaftlich ‚richtige‘ und rechtlich legitimierte Form des Zusammenlebens.“ (Meyer 1992: 61). Folglich wurde eine Ehescheidung entsprechend scharf verurteilt.

In der DDR wurde dagegen das sozialistische Familienbild mit erwerbstätiger Mutter propagiert. Seine Verwirklichung wurde durch staatliche Unterstützungsmaßnahmen wie die Bereitstellung von Kinderbetreuungsinstitutionen sowie der Bevorzugung bei der Wohnungsversorgung durch finanzielle Kredite durchgesetzt. Grund für die staatliche Förderungspolitik waren hauptsächlich arbeitsmarkt- und bevölkerungspolitische Überlegungen. Ferner stellte eine Unterbrechung der Erwerbstätigkeit für Frauen in der DDR ein erhebliches finanzielles Risiko dar, da sie im Falle einer Scheidung nicht mit Unterhaltszahlungen rechnen konnten (vgl. Nave-Herz 2013: 63).

2.4 Institutionalisierung der bürgerlichen Kleinfamilie

Betrachtet man die Entwicklung der Familie lässt sich zusammenfassend feststellen, dass die späten fünfziger und frühen sechziger Jahre den Höhepunkt der modernen Familienentwicklung in der Bundesrepublik und der DDR (ohne die strenge Polarisierung der Geschlechtsrollen) darstellten. Tyrell (1979) spricht in diesem Zusammenhang von einer institutionellen Dignität von Ehe und Familie. Das bedeutet, dass jeder Erwachsene nicht nur zur Eheschließung und Familiengründung berechtigt und ökonomisch in der Lage, sondern in gewisser Weise auch dazu verpflichtet ist. Ehe und Familie wurden als Normalverhalten nahegelegt und bereits im Verlauf der Sozialisation verinnerlicht. Das bürgerliche Familienmodell entwickelte sich somit zur Normalfamilie (vgl. Peuckert 2012: 16).

[...]


[1] Nach Dahrendorf (1961: 22) versteht man unter einer sozialen Rolle ein Bündel von Erwartungen, die sich in einer gegebenen Gesellschaft an das Verhalten der Träger von Positionen knüpfen. Der Rollenbegriff geht dabei von typisierten Erwartungen aus, das heißt Einstellungs- und Verhaltensmuster werden zu „Rollen“ herausgehoben und stilisiert (vgl. Nave-Herz 1994: 39).

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