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Eine kritische Betrachtung des kategorischen Imperativs in anthropologischer Perspektive

"Ist der kategorische Imperativ mit der conditio humana vereinbar?"

Hausarbeit 2015 21 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der kategorische Imperativ aus kritischer Perspektive

2. Zentrale Themenschwerpunkte und Vorgehensweise

3. Kants Ethik und die Funktion des kategorischen Imperativs
3.1 Kants Moralphilosophie im Allgemeinen
3.2 Der kategorische Imperativ

4. Hegels Einwand der Entfremdung des kategorischen Imperativs von der menschlichen Lebenswirklichkeit

5. Kants Moralphilosophie im Spiegel seiner Anthropologie
5.1 Augustin: Das Übel als Mangel an Guten
5.2 Kants Betrachtungen zur Fehlbarkeit des Menschen

6. Schlussfolgerungen zum kategorischen Imperativ angesichts der conditio humana

7. Persönlicher Standpunkt zum kategorischen Imperativ angesichts menschlicher Fehlbarkeit

8. Literaturverzeichnis

1. Der kategorische Imperativ aus kritischer Sicht

Der kategorische Imperativ bildet das Herzstück der kantischen Moralphilosophie. Der kategorische Imperativ scheint den Eindruck zu erwecken, eine intellektuelle Ausformulierung der goldenen Regel zu sein, aber dies wurde von Kant auf keinen Fall beabsichtigt. Durch die Beifügung des Attributes „kategorisch“ entsteht der Anschein, dass das Kernstück der kantischen Ethik einen universalen Geltungsanspruch erhebt und bedingungslos zu akzeptieren ist. Manche Kritiker gehen sogar so weit, dass der kategorische Imperativ eine dominante Stellung gegenüber allen anderen Ethikkonzeptionen einzunehmen verlangt. Kant hatte keineswegs die Absicht, in einem moralischen Chauvinismus zu verfallen oder einen polemischen Disput zwischen unterschiedlichen Ethikmodellen auszulösen. Vielmehr ging es Kant um die Suche nach einem Gradmesser dafür, Handlungsgrundsätze sowie Prinzipien des Willens auf moralische Angemessenheit zu prüfen. Die bekannteste Fassung des kategorischen Imperativ lautet: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Welche Funktion der kategorische Imperativ in Kants Moralphilosophie erfüllt und wie Kants Ethik in seiner Gesamtheit konzipiert ist, wird in einem weiteren Abschnitt behandelt werden.

Der nicht zu verkennende Universalismus des kategorischen Imperativs ist einer von vielen angeführten Kritikpunkten gegen Kants Kernstück seiner Ethik. Allem voran muss sich der kategorische Imperativ oft der Frage stellen, wie er mit den menschlichen Lebensbedingungen vereinbar ist. Wie sich der kategorische Imperativ zur conditio humana verhält, wird das zentrale Thema der vorliegenden Hausarbeit sein. Selbst namenhafte Literaten wie Friedrich Schiller oder Heinrich Heine haben eine polemische Haltung gegenüber Kants Quintessenz seiner Moralphilosophie eingenommen, dass für Kant die emotionale Seite des Menschen bedeutungslos zu sein scheint. In ganzer Fülle hat Hegel den kategorischen Imperativ einer kritischen Betrachtung unterzogen. Hegel nahm eine Differenzierung zwischen Moralität und Sittlichkeit vor. Die Moralität ist im Inneren des Menschen zu verorten, während Sittlichkeit als gelebte Moralität zu verstehen ist. Hegel legte sich darauf fest, dass der kategorische Imperativ nur im Bereich der Moralität vorzufinden sei. Wie der kategorische Imperativ aus dieser Perspektive zu sehen ist, wird einen weiteren wesentlichen Themenschwerpunkt dieser Hausarbeit bilden. In diesem Kontext wird besonders darauf eingegangen, dass der Mensch das Produkt seiner Umwelt ist und nicht einzig auf intrinsische Weise über die Vernunft zur moralischen Reife gelangt. Daraus ergibt sich schon ein weiterer Schwerpunkt der vorliegenden Hausarbeit, inwiefern es sich mit dem kategorischen Imperativ angesichts der menschlichen Fehlbarkeit verhält. Dazu wird das augustinische Verständnis vom Bösen als ein Mangel an Gutem eine wesentliche Rolle spielen sowie Kants Ausführungen selbst von der moralischen Unvollkommenheit der Menschen. Dass Kant sich gar nicht mit der menschlichen Begrenztheit befasst hat, widerlegen neuere Forschungsergebnisse. Hierzu möchte ich mich auf ein Zitat von Ruffing1 berufen: „Neuere Studien, die stärker Kants anthropologische Schriften, seine Vorlesungen sowie seine Tugendlehre berücksichtigen, stellen aber heraus, dass er sich tatsächlich intensiver als gedacht mit der conditio humana auseinandergesetzt hat.“ Ruffing selbst stützt sich auf Aussagen von Sommerfeld-Lethen2. In welcher Lage Kant den Menschen in seiner Begrenztheit genau sieht, wird noch in einem späteren Abschnitt thematisiert.

2. Zentrale Themenschwerpunkte und Vorgehensweise

Im ersten Teil der vorliegenden Hausarbeit wird es einen Abriss über das Moralsystem von Kant geben mit der zentralen Frage, inwieweit der kategorische Imperativ darin zu verorten ist. Zentrale Quelle in dieser Hausarbeit wird Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten sein. Der erste Teil soll zeigen, was es mit dem kategorischen Imperativ sowie der kantischen Ethik insgesamt auf sich hat. Dazu wird auf Darstellungen zum kategorischen Imperativ sowohl von Paton als auch von Pieper zurückgegriffen. Der nachfolgende Abschnitt wird sich einem Hauptkritiker der kantischen Moralphilosophie widmen. Zentraler Gegenstand wird die Realisierbarkeit des kategorischen Imperativs in der menschlichen Lebenswelt im Horizont von Hegels Unterscheidung zwischen Moralität und Sittlichkeit sein. Ein zentraler Aspekt wird darüber hinaus die Tatsache sein, dass hinsichtlich der hegelschen Kritik am kategorischen Imperativ interessante Darlegungen von Habermas und Römpp generelle Kritik an Kants Herzstück seiner Moralphilosophie in Betracht gezogen werden. In diesem Schwerpunkt werden neben Hegel nicht unwichtige Ausführungen von Habermas zum kategorischen Imperativ einfließen. Im weiteren Verlauf ist der Frage nachzugehen, wie es sich mit dem kategorischen Imperativ angesichts der menschlichen Fehlbarkeit verhält. Dazu wird Augustins Auffassung vom Bösen als Mangel an Gutem sowie wesentliche Aspekte der kantischen Anthropologie und sein Verständnis vom radikal Bösen hinzugezogen. Eine zusammenfassende Darstellung zur Augustins Sicht vom Bösen als Privation des Guten wird sich auf Abhandlungen von Kruhöffer beziehen. Daran anschließend wird eine nähere Betrachtung zur Kants Anthropologie sowie seiner Haltung zur menschlichen Fehlbarkeit auf der Basis eines aufschlussreichen Artikels von Joachim Heil aus der Internationalen Zeitschrift für Philosophie und Psychosomatik erfolgen. Den Abschluss bildet eine Zusammenführung aller Ergebnisse über den kategorischen Imperativ in Bezug auf den Menschen als das Produkt seiner Umwelt sowie hinsichtlich der moralischen Unzulänglichkeit des Menschen. Darüber hinaus werden aus den Ergebnissen Schlussfolgerungen gezogen, woran eine persönliche Stellungnahme, welche die erkenntnisleitende Frage im Titel dieser Hausarbeit zu beantworten versucht, zum kategorischen Imperativ anschließen wird.

3. Kants Ethik und die Funktion des kategorischen Imperativs

3.1 Kants Moralphilosophie im Allgemeinen

Pieper führt in ihrer Einführung zur Ethik3 an, dass Kant sich die alltäglichen moralischen Erfahrungen als Ausgangspunkt seiner Moralphilosophie setzte. Folglich schafft sich Kant eine empirische Basis für sein Ethikmodell, dem zu widersprechen ist. Pieper führt nämlich fort, dass Kant sich der transzendentalen Methode bedient, womit alles auf die Vernunft zurückzuführen ist. Die alltägliche moralische Erfahrung hat viel weniger deskriptiven als normativen Charakter, denn sie sind als sich selbst auferlegte Weisungen formuliert. Dass Kant für seine Moralphilosophie Gebrauch von der transzendentalen Methode macht, wirft die Frage nach der Funktion der Vernunft in Kants Moralverständnis auf. Hierfür ist sich Abhandlungen von Paton4 zu widmen, welche ausgiebig Aufschluss über das Vernunftverständnis von Kant geben. Zunächst nimmt Paton eine Differenzierung dazu vor, welche Funktion die Vernunft im menschlichen Verhalten hat. Einerseits nennt Paton das Streben nach Glückseligkeit und andererseits das Streben nach dem Guten. Das Gute und Glückseligkeit sind wesentliche Begriffe der Ethik. Wie sind die besagten Begriffe zu definieren? Als Glückseligkeit ist der dauerhafte Zustand von Glück, das sich als beständig erweist. Das Gute im moralischen Sinne drückt sich einerseits als Privation von Übel sowie andererseits als Grundvoraussetzungen für ein gelingendes Leben aus. In diesem Kontext wird das gute Leben als ein zentrales Thema der Ethik behandelt. Was jedoch als Vernunft zu begreifen ist, geht Paton von folgender Betrachtung aus: „Eins dieser Missverständnisse ist die allgemeine Annahme, dass die Vernunft nur als ein Vermögen anzusehen ist, zu folgern oder Schlüsse zu ziehen.“ (vgl. Paton, S. 85). Es geht bis zu Aristoteles zurück, dass die Vernunft als höchstes Erkenntnisvermögen anzusehen ist. Die Vernunft wohnt gemäß Aristoteles nur dem Menschen inne und grenzt den Menschen vom Tier ab. Paton konstatiert, dass die Vernunft traditionellerweise in drei Bereiche gegliedert wird: Dazu gehören das Vermögen der Begriffe, das für Kant der Verstand ist, sowie darüber hinaus die Fähigkeiten, diese Begriffe anzuwenden und mittelbare Schlüsse zu ziehen. Paton kommt zu folgender Feststellung: „Es ist offenkundig unrichtig zu sagen, dass die Vernunft in der umfassenderen Bedeutung keine Rolle bei menschlichen Handlungen spielt. Was wir zu erwägen haben, ist nur, was genau die Rolle ist, die diese Vernunft im menschlichen Handeln hat.“ (vgl. Paton, S.85). Was Kant als praktische Vernunft bezeichnet, versteht sich als der Einfluss der Vernunft auf das menschliche Handeln. Die Fähigkeit zum Handeln ist demzufolge auf die praktische Vernunft zurückzuführen. Die praktische Vernunft ergibt sich aus der Reflexion des eigenen Verhaltens und sie ist somit als Steuerung des menschlichen Willens anzusehen. Wie Paton ziemlich eindeutig erkennt, setzt sich der Mensch aus Denken, Fühlen sowie Wollen zusammen. Die theoretische Vernunft ist beim Handeln nicht unbeteiligt, denn laut Paton ermöglicht es die theoretische Vernunft, sowohl sich des eigenen Handelns bewusst zu werden als auch sich einer bestimmten Situation anzupassen. Paton fragt sich, wie es sich mit der Funktionsweise der praktischen Vernunft verhält. Paton gibt sich folgendes als Antwort: „Wenn unsre Vernunft praktisch ist, müssen wir unsere individuellen Handlungen als Beispiele für einen Begriff wollen können, so wie auch unsere theoretische Vernunft im weiten Sinne individuelle Gegenstände als Beispiele für Begriffe kennt.“ (vgl. Paton, S.88). Kant kam zu der Erkenntnis, dass vernünftige Wesen nach Vorstellungen von Gesetzen bzw. Prinzipien handeln. Kant begründet diese Erkenntnis mit der Wirkmächtigkeit von Naturgesetzen auf der Basis von Ursache und Wirkung.

3.2 Der kategorische Imperativ

Pieper5 erwähnt in ihrer Einführung zur Ethik, dass Kant bestrebt war, nach einer Rechtfertigung für die Erfüllung moralischer Forderungen zu suchen. Für Kant stand es fest, dass Handlungen aus subjektiven Prinzipien resultieren, welche auch Maximen genannt werden. Um auf Patons6 Darstellung über die praktische Vernunft zurückzukommen, sind Handlungen als Beispiele für einen Begriff zu erachten und Maximen gehen dem Willen zu bestimmten Handlungen voraus. Kurzum sind Maximen sich selbst gegebene Gesetze. Pieper7 fügt hinzu, dass der kategorische Imperativ die Notwendigkeit von Freiheit voraussetzt, was Kant insgesamt als Autonomie bezeichnet. Letztlich ist darunter ein autonomer Wille zu verstehen, durch den sich die Möglichkeit ergibt, sich selbst Gesetze zu geben. In diesem Prinzip sieht Kant das Kernstück des Sittengesetzes, was sich als kategorischer Imperativ zu erkennen ist. Durch den kategorischen Imperativ werden die eigenen Handlungs-/Willensgrundsätze darauf geprüft, ob sie durch alle anderen Menschen befürwortet bzw. gebilligt werden können.

[...]


1 Ruffing, Reiner: Philosophie. Paderborn 2006. S. 89

2 Sommerfeld-Lethen, Caroline: Wie moralisch werden? - Kants moralistische Ethik. Freiburg München 2005

3 Pieper, Annemarie: Einführung in die Ethik. Tübingen 2007. S.207ff.

4 Paton, H. J.: Der kategorische Imperativ - eine Untersuchung über Kants Moralphilosophie. Berlin 1962. S. 84f.

5 Pieper, Annemarie: Einführung in die Ethik. Tübingen 2007. S.227

6 Paton, H.J.: Der kategorische Imperativ - eine Untersuchung über Kants Moralphilosophie. Berlin 1962, S. 89f.

7 Pieper, Annemarie: Einführung in die Ethik, Tübingen 2007. S.228

Details

Seiten
21
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668108165
ISBN (Buch)
9783668108172
Dateigröße
985 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v311891
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Philosophisches Institut
Note
2,3
Schlagworte
eine betrachtung imperativs perspektive imperativ

Autor

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Titel: Eine kritische Betrachtung des kategorischen Imperativs in anthropologischer Perspektive