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Mediengeschichte durch die Brille der literarischen Utopie. Huxleys "Schöne neue Welt" und Bellamys "Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887"

Projektarbeit 2015 41 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung: Mediengeschichte anders denken

2) Literarische Utopien & Dystopien

3) Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887
3.1) Das Musiktelefon bei Bellamy
3.2) Telefon und Radio um 1888
3.3) Telefon und Radio um 2000
3.4) Telefon und Radio heute und in der Zukunft

4) Schöne neue Welt
4.1) Das Fühlkino bei Huxley
4.2) Kino um 1932
4.3) Kino heute
4.4) Kino in 2540

5) Fazit: Verknüpfungen und Bewertungskriterien

Literaturverzeichnis

1) Einleitung: Mediengeschichte anders denken

Das große Feld der Medien: Was bedeutet das überhaupt? Was kann ein Medium sein, wie hat es sich entwickelt? Die Betrachtung der Mediengeschichte und der Entstehung von neuen Apparaten in der jeweiligen sozialen Einbettung und Zeit sind essentielle Faktoren in der Medienwissenschaft. Oftmals wird dabei chronologisch vorgegangen, wobei sich die (Massen-)Medien untereinander teilweise bedingen und somit eine klare Abtrennung schwierig wird. Eine andere Herangehensweise könnte nun sein, mit dem Medium der Literatur bzw. des Buches als Primärquelle zu arbeiten. Nimmt man sich literarische Utopien oder Dystopien zur Hand, findet man hauptsächlich beschriebene, veränderte soziale Bedingungen und politische Betrachtungsweisen. Schaut man aber genauer hin, sind auch oft die Massenmedien perspektivisch in der Zukunft betrachtet. Welche Veränderungen man hierbei feststellen und wie die Einordnung in die Mediengeschichte durch die Brille dieser literarischen Utopien erfolgen kann, soll in der vorliegenden Arbeit anhand zweier Werke aufgezeigt werden.

Im Vorfeld wird im folgenden Kapitel geklärt, was eine Utopie/Dystopie darstellt, welche Merkmale eingehalten werden, wie sie in das Feld der Literatur eingeordnet sind. Dies dient dazu, ein Gefühl zu bekommen, mit welchem Begriff operiert wird. Entscheidend ist, dass eine Utopie mit drei Zeitebenen spielt, die unerfüllte Erfüllbarkeit im Blick hat und auch die Medien darin betrachtet werden können.

Als erste Primärquelle wird dann Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887 sein. 1887 von Edward Bellamy geschrieben, 1888 in Boston erschienen, betrachtet der Erzähler ebenjenes Jahr von 2000 gesehen, beschreibt dabei die Verhältnisse vergleichend zu beiden Zeitpunkten. „[D]as Buch, das den Erfolg aller anderen modernen Utopien [zu jener Zeit] weit in den Schatten stellen sollte“1, erfreute sich auch später einiger Beliebtheit. Sogar Clara Zetkin setzte sich für die Übersetzung des Werkes ein und fertigte auch selbst eine an.2 Im Buch wird nun von einem „Musiktelephon“3 gesprochen, was gleichermaßen aus der heutigen Perspektive an ein Telefon und ein Radio erinnert. Deshalb wird nach der Analyse der Schilderung des Musiktelefons im Werk auf beide Medien um 1888, 2000 und in der heutigen Welt geschaut sowie Entwicklungsunterschiede und -gemeinsamkeiten beschrieben.

Die zweite Primärquelle wird Schöne neue Welt von Aldous Huxley sein. In der beschriebenen Welt, welche um 2540 der heutigen Zeitrechnung spielt4 wird von einem „Fühlkino“5 gesprochen. Nachdem die Darstellung jenes im Buch selbst besprochen wurde, folgt eine Einordnung des Kinos an sich und seine Entwicklung zum Zeitpunkt des Erscheinens des Werkes um 1932, zur heutigen Zeit und ein Blick in die Zukunft. Die genannten Werke wurden als exemplarische Beispiele gewählt, da sie jeweils zu unterschiedlichen Zeiten geschrieben wurden, auf verschiedene Zeitpunkte blicken, differente Medien betrachten und einen für jeweils ihre Zeit hohen Bekanntheitsgrad aufweisen. Andere Werke wie 1984 von George Orwell oder Das Jahr 2440 von Louis Sebastian Mercier - um nur zwei zu nennen - wären natürlich ebenfalls denkbar gewesen.

Als Abschluss der Arbeit wird dann versucht, den Gehalt dieser Medienvergleiche für die Mediengeschichte und deren Analyse einzuschätzen.

2) Literarische Utopien & Dystopien

Sowohl Bellamys Werk als auch Schöne neue Welt von Huxley können in die literarische Gattung der Utopie eingeordnet werden. In diesem Kapitel soll dies nur indirekt geprüft werden, eher geht es um die Herausstellung der Hauptmerkmale von Utopien, um eine Klarheit zu schaffen, mit welchem Begriff man operiert.

Der Begriff der Utopie ist angelehnt an die Erzählung über eine entlegene Insel von Thomas Morus aus dem Jahr 1516, der er diesen Namen gab. Aus dem Schauplatznamen wurde die Bezeichnung einer literarischen Gattung.6 Morus bildete das Wort aus den Silben „ou“ und „topia“, was so viel heißt wie „Nichtort“, könnte aber auch die Vorsilbe „eu“ gemeint haben, womit „guter Ort“ gemeint wäre. Beide Interpretationen passen inhaltlich zu dieser Literaturgattung,7 „[der] ein recht enger Utopiebegriff zugrunde gelegt wird, der zwar nicht unbedingt auf eine bestimmte literarische Form eingeschränkt ist, aber doch auf mehr oder minder romanhaft anmutende Konzeptionen einer zukünftigen besseren Gesellschaft.“8

Karl-Otto Apel postuliert:

„Als Sprachwesen, das Sinn und Wahrheit mit seinesgleichen teilen muß [sic!], um in gültiger Form denken zu können, muß [sic!] der Mensch jederzeit eine ideale Form der Kommunikation und insofern der sozialen Interaktion kontrafaktisch antizipieren.“9 Demnach wäre so etwas wie utopisches Denken, Denken in die Zukunft, im Menschen angelegt. Doch nicht nur introvertiert, auch nach außen hin muss er diese Ansichten teilen, die sich auch durchaus um die Kommunikation - also um Medien - drehen. In schriftlicher Form geschieht dies in Utopien, in den Anfängen wie bei Morus. „Zum einen entwickelt sich seit dem 17. Jahrhundert eine literarische Gattung der Utopie. Dazu zählen Romane, die als fiktive Reiseberichte gestaltet sind und einen räumlich oder zeitlich entfernten Ort beschreiben.“10 In der Anfangszeit geht es vorrangig um ersteres. Die Reisemöglichkeiten der Bevölkerung sind begrenzt, ihre gedankliche Mobilität ist es nicht. Zum anderen vollzieht sich im 18. Jahrhundert eine Wende. „Die literarische Beschreibung utopischer Zustände wird in die geschichtliche Vergangenheit oder Zukunft verlegt.“11 Die zeitliche Komponente wird also bedeutender, die Phantasie der Menschen richtet sich auf vergangene Epochen, doch aber stärker auch auf Zukunftsvisionen. „Das Spiel mit Möglichkeiten und die Anregung der Phantasie treten bei den literarischen Utopien mehr und mehr in den Vordergrund.“12 Um eine detaillierte Begründung dieser Entwicklung zu geben, muss eine genaue Betrachtung von „Philosophie und Gesellschaft“13 geliefert werden, welche diese Arbeit jedoch nicht leisten kann. Wichtig hierbei ist, die Gegenwart des Erscheinens einzuschätzen, auch wenn das literarische Werk in der Vergangenheit oder Zukunft spielt. Diese drei Zeitdimensionen im Verhältnis zueinander gilt es, bei einer Utopie zu bestimmen.14 „Gerade wegen dieser zentralen Bedeutung des historischen Zeiterlebens [sollen] Zusammenhänge zwischen jedesmaliger Utopie und historischer Zeitsicht besonders [hervorgehoben werden].“15 In Bezug auf Bellamys und Huxleys Bücher kann dies durch die Betrachtung der Medien in der jeweiligen Entstehungszeit der Werke erfolgen.

Festzustellen ist auch, dass der utopische Blick der Schriftsteller bis zum 19. Jahrhundert vorwiegend positiv war. Er konzentriert sich auf positive Zukunftserwartungen.16 Dies ist mit dem Blick auf gesellschaftliche Hintergründe nachvollziehbar. Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887 gliedert sich auch insofern in das gegebene Bild ein. Bellamy erlebte die Beendigung des Sezessionskrieges, einen gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung, der die USA als Land der unbegrenzten Möglichkeiten erschienen ließ, die Entstehung von Arbeiterorganisationen gegen die Armut der unteren Schichten und Reisen mit seinem Vater durch Europa.17 Hiervon nahm er jedoch auch Einblicke in andere, scheinbar für ihn funktionierende Systeme mit. Der positive Blick bedeutet also trotz möglicher Zufriedenheit auch Skepsis. „Dabei ist vor allem das kritische Moment zu betonen: indem die Utopie, wie schon beschrieben, das Bild einer besseren Gesellschaft darstellt, ist sie zugleich auch ein Gegenbild.“18 Unterschiede werden aufgezeigt, gewünschte Entwicklungen beschrieben, Hoffnung in eine neuere Welt gesetzt. „[A]m Anfang der Utopie steht die Unzufriedenheit.“19 Auch wenn das Bild der Zukunft positiv ist, werden kritische Gedanken in der Gegenwart im wahrscheinlichsten Fall zum Schreiben geführt haben. Zur negativen Utopie ist es hier nicht weit. „Waren die literarischen Utopieentwürfe des 18. und 19. Jahrhunderts vorwiegend positiv, so sind seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert die ‚Warnutopien‘ verbreitet.“20 Solche Werke, die eine negative Zukunftsvision beschreiben, werden auch Dystopien genannt. In negativen Utopien geht es vorrangig um bestehende gesellschaftliche Tendenzen und negative Folgen in der Weiterentwicklung der Geschichte, wie Vernunftherrschaften, Erziehungsideale oder Zensuren und ein Glücksanspruch jedes Einzelnen.21 Darin findet sich wiederum Schöne neue Welt wieder. „Unzufriedenheit ohne Hoffnung mag die Dominanz der Dystopie im 20. Jahrhundert erklären […].“22 Auch hier ist der Blick in die Gesellschaft der Zeit und deren Geschichte essentiell. Weltkriege und deren Auswirkungen sind in den Köpfen der Menschen präsent. „Huxley überträgt Erscheinungen der imperialistischen Wirtschafts- und Sozialstruktur, wie sie sich nach dem ersten Weltkrieg in den zwanziger Jahren immer deutlicher gezeigt hatten, auf sein Gesellschaftsbild.“23 Sein Werk widmet sich gegen das kapitalistische Profitstreben der USA, gegen naturwissenschaftliche Hilflosigkeit und Verantwortungslosigkeit.24

Gleich sowohl bei positiven als auch negativen Utopien ist jedoch, der Grad der Wahrscheinlichkeit des Beschriebenen. „Utopien sind in Raum und Zeit unerreichbare Zustände, deren Erreichbarkeit dennoch gedacht werden kann und gedacht werden soll.“25 Das meint, dass zur Zeit des Erscheinens des Werkes nur wenige Anzeichen für die Geschehnisse in der Utopie gegeben sind, die Umsetzung weit entfernt jedoch aber denkbar ist. Zur Utopie kommt es erst, wenn Zustände beschrieben werden, die in Reichweite des historisch und biographisch Absehbaren nicht erreicht werden können.26 Die Zeitspanne der Zukunft muss also wesentlich fern liegen. Hier kann alles praktisch unmöglich erscheinen, darf jedoch theoretisch nicht undenkbar sein. So beschreibt auch Huxley in seinem Vorwort: „Aber ‚Schöne neue Welt‘ ist ein Buch über die Zukunft, und ein solches Buch, […], vermag uns nur zu interessieren, wenn seine Prophezeiungen so aussehen, als könnten sie Wirklichkeit werden.“27

In solchen Utopien können natürlich neben Gesellschaftsentwürfen auch Kommunikationsentwürfe konstruiert werden. In Utopien tauchen neben den sozial- politischen Aspekten immer wieder die Bedeutung von Wissenschaft und Technik oder die Vorstellung der Vermittlung von Wirklichkeit auf.28 Dabei ist es den Zukunftsvisionen möglich, Chancen oder auch Risiken der Medien aufzugreifen. Massenmedien wirken in Utopien als Organisator der Gesellschaft.29 Sie nehmen mit ihrer Vermittlung von Informationen und als Kommunikationsapparat eine zentrale Stelle ein, auch wenn ihre Wichtigkeit im Werk selbst nicht betont oder sie nicht den Beschreibungsmittelpunkt einnehmen.

3) Ein Rückblick aus dem Jahr 2000 auf 1887

Das Buch Ein Rückblick aus dem Jahr 2000 auf 1887 wurde 1887 von Edward Bellamy geschrieben und unter dem Titel Looking Backward: 2000 - 1887 ein Jahr später in Boston veröffentlicht. Es gilt als eines der erfolgreichsten Utopien des 19. Jahrhunderts. Als praktische Auswirkungen gründeten sich nach Erscheinen ca. 150 Bellamy-Clubs in Amerika, um die beschriebene Republik zu gründen.30

In dem Werk stellt der Autor die Hauptfigur Julian West im Jahr 1887 vor. Hier ist er mit Edith Barlett verlobt, spricht mit ihrer Familie viel über die Politik. Um zur Erholung zu finden, hat er sich im Garten einen Bunker bauen lassen, in dem er sich zur Ruhe legen kann. So auch an geschilderten Tag. Als er jedoch wieder aufwacht, befindet sich Herr West umgeben von der Familie Leete. Es ist das Jahr 2000. Besagte Familie besitzt nun ein Haus auf seinem ehemaligen Grundstück. Weiter im Buch wird geschildert wie Julian West die moderne Welt wahrnimmt, in Gesprächen mit Herrn Dr. Leete Gemeinsamkeiten und viel mehr Unterschiede besprochen. Der Leser bekommt so einen Eindruck der Welt am Ende des 19. Jahrhunderts und eine Utopie vorgestellt, die aus damaliger Sicht erzählt, im Buch aber als Rückblick dargestellt wird.

In den utopischen Gedanken geht es vor allem um eine Staatsform, deren Wirtschaft nicht mehr durch ein konzentriertes Kapital funktioniert, sondern durch das Monopol des Volkes gesteuert wird. Gleichzeitig ist das Denken als Gemeinschaft das ausgeprägteste Kriterium des Staates. Dazu gehören beispielsweise die Arbeitsdienstpflicht für alle, die jeder gern mit dem Beitrag erfüllt, den er am Besten leisten kann, oder auch die Lohngleichheit aller. Dies scheint die ideale Lebensform des Autors zu sein, da sich die Hauptfigur des Werkes auch in der Handlung selbst immer stärker dieser Utopie annimmt, letztlich sogar die Tochter des Herrn Dr. Leetes heiratet, da sie die Urenkelin seiner früheren Verlobten ist.

Auch wenn die politischen und staatlichen Veränderungen im Zentrum des Werkes stehen, ist hier der Bezug zur Entwicklung in der Medienwelt, verbunden mit Unterhaltung, Kommunikation und Information zu finden. Als Beispiel sei das Musiktelefon zu untersuchen.31

3.1) Das Musiktelefon bei Bellamy

Im elften Kapitel des Werkes Ein Rückblick aus dem Jahre 1887 auf 2000 taucht das erste Mal das Medium des Telefons in einem Gespräch zwischen der Hauptfigur Herrn Julian West und Edith Leete, der Tochter des Hauses, auf. Anfangs sprechen die beiden über die Musik und das Singen. Da jeder der Gemeinschaft das zuführt, was er am besten kann, gibt es natürlich auch professionelle Sänger und Sängerinnen. „Alle die wirklich guten Sänger und Spieler stehen im Musik-Staatsdienste, und wir übrigen verhalten uns meistens still.“32, erklärt Edith. Schließlich gehen sie ins das Musikzimmer, um dort Musik zu hören. Doch anstatt Instrumente oder ähnliches vorzufinden, gibt das junge Mädchen ein Programm aus. Es „enthielt eine außerordentliche Anzahl von Solos, Duetts und Quartetts für Vokal- und Instrumentalmusik und viele Orchesterkompositionen.“33 Die Liste gliedert sich in 24 Abteilungen gemäß der Tagesstunde, jeder Tag erhält ein neues Programm. Weiter beschreibt Herr West:

„Sie ließ mich Platz nehmen, durchschritt das Zimmer und berührte nur, soviel ich sehen konnte, eine oder zwei Schrauben: und sofort ward das Zimmer durch die erhabenen Töne eines Orgelchors erfüllt - erfüllt, nicht durchbraust, denn in irgendeiner Weise war die Stärke des Klanges genau der Größe des Raumes angepaßt [sic!] worden.“34

Er beschreibt also eine technische Einrichtung, an den Schrauben erkennbar, welche steuerbar ist. In akustischer Weise scheint sie regulierbar. Wie dies genau funktioniert, erfährt der Leser im Folgenden.

„Es gibt in der Stadt eine Anzahl von Musiksälen, deren Akustik den verschiedenen Arten von Musik vollkommen angepaßt [sic!] ist. Diese Säle sind durch das Telephon [sic!] mit allen Häusern in der Stadt verbunden, deren Bewohner den geringen Beitrag zahlen wollen […].“35

Hier wird erstmals namentlich das Medium Telefon genannt, welches zur Zeit des Erscheinens des Buches 1887 durchaus schon bekannt war. Mehr dazu im Kapitel 3.2. Liest man diese Beschreibung, denkt der heutige Leser jedoch an ein anderes Medium: an das Radio, welches jedoch noch nicht erfunden war. Jener Fakt macht die Untersuchung des Musiktelefons bei Edward Bellamy interessant und wird in den folgenden Kapiteln der mediengeschichtlichen Entwicklung weiter analysiert.

Technisch beschreibt Edith weiter: „ […] jedes der vier Stücke, welche jetzt gespielt werden, können Sie hören, wenn Sie bloß auf den Knopf drücken, dessen Draht ihr Haus mit dem Saale, in welchem es gespielt wird, in Verbindung setzt.“36 Sie spricht also durchaus von einer materiellen Verbindung, von Drähten, welche die Übertragungsleistung vollführen. Die Knöpfe und Schalter scheinen eine Art Weiche der Drähte zu stellen. Die Auswahl im Programm in einer Stunde teilt sich jeweils in „Instrumental- und Vokalmusik und den verschiedenen Arten von Instrumenten, [sowie] zwischen den einzelnen Motiven, von den ernsten bis zu den heiteren […].“37 So ist für jeden Hörerwunsch dieser Zeit etwas dabei. Man wählt sozusagen durch verschiedene Knöpfe eine Liveübertragung verschiedener Musikarten, welche tatsächlich frei verfügbar, eingeschränkt durch einen nicht näher definierten Minimalbeitrag, ist. Dies stellt eine Innovation im Vergleich zum Jahr 1887 dar, in welchem professionelle Musik nur durch Konzerte meist für besser gestellte Personen und selbst jene in beschränktem Maße durch Kosten, Dauer und Örtlichkeit erfahrbar war. Dies ist ebenso in einem Kommentar Ediths zu erkennen, welche im Werk über die damaligen Bedingungen spekuliert, in welchen jedoch klar die Stimme des Autors selbst erkennbar ist.38 Diese Veränderung in der Wahrnehmung, nämlich von gezielter Konzentration zu leicht verfügbarer Unterhaltung, zeigt sich auch in einem späteren Kapitel. Hier unterhalten sich Edith und West - die Musik wird zum Nebenbei-Medium. „Als ich am Abend mit Edith im Musikzimmer saß und einige Stücke anhörte, die in dem Tagesprogramm meine Aufmerksamkeit erregt hatten, benutzte ich eine Pause […].“39 Julian West aus seiner Zeit gewohnt nutzt eine Pause zum Sprechen, Edith jedoch spricht im Folgenden auch während der Musik. Mit der Wahl des Programmes, möglicher Wiederholbarkeit und der Regulierbarkeit der Lautstärke kann die Musik im Hintergrund spielen. Das Medium sorgt für Alltagsunterhaltung, was dem heutigen Radio sehr nahe kommt. Was dann letztlich als gute Musik empfunden wird oder welche Musiker Talent besitzen, entscheidet das Volk, wie man im hinteren Teil des Buches erfährt.

„In der Kunst zum Beispiel ist das Volk […] der alleinige Richter. Es stimmt ab […]. In all den Fächern, in welchen angeborne [sic!] Begabung in Betracht kommt, ist der Plan, den man verfolgt, derselbe: nämlich allen Bewerbern ein freies Feld zu eröffnen und, sobald außerordentliches Talent sich zeigt, dasselbe von allen Fesseln zu befreien und ihm freien Lauf zu lassen.“40

Dies beschreibt eine Art demokratisches Vorgehen, was sogleich aber auch mit dem Angebot- Nachfrage-Prinzip einhergeht, bei welchem der Rezipient durch seine Nachfrage das Angebot steuert. Auch in den heutigen Medien wird letztlich das gezeigt bzw. gespielt, was gewünscht wird. Hier kann man eine Parallele zum heutigen Radio ziehen, was Bellamy jedoch in seinem Werk noch auf das Telefon münzt.

Die Verfügbarkeit der Musik geht in Bellamys Utopie soweit: „Alle unsere Schlafzimmer sind am Kopfende des Bettes mit einer Telephoneinrichtung [sic!] versehen, wodurch sich jeder, der schlaflos ist, nach Belieben Musik verschaffen kann, wie sie seiner Stimmung entspricht.“41 Der Apparat ist also durch mehrere Drähte im Haus verbunden, die Einrichtung ist vernetzt. Das Programm verspricht tatsächlich den ganzen Tag und die ganze Nacht lang Unterhaltung.

Weiter wird das Musiktelefon im dreizehnten Kapitel erläutert. Julian West hat bis dahin die Einrichtung noch nicht selbst bedient und bekommt sie von Dr. Leete, dem Vater und Hausherr, erklärt. „Er zeigte mir, wie man durch Drehen einer Schraube bewirken konnte, daß [sic!] die Musik bald mit voller Macht den Raum erfüllte […].“42 Ein interessanter Fakt ist im Weiteren: „Wenn von zwei in dem nämlichen Zimmer ruhenden Personen die eine der Musik lauschen, die andere aber schlafen wollte, so konnte es so eingerichtet werden, daß [sic!] die Töne nur für die eine hörbar, von der anderen aber nicht vernommen wurden.“43 Dies wird nicht näher erläutert, könnte durch die Ausrichtungen der Lautsprecher erreicht werden oder aber in steuerbaren Frequenzen begründet sein. Aus heutiger Sicht fallen dem Leser Kopfhörer ein. Der utopische Gedanke könnte jedoch auch in einer völlig anderen Idee wurzeln, die auch dem heutigen Rezipienten unbekannt ist.

Eine weitere Funktion kommt dem Telefon zu, die Herr Leete schildert. „Er erklärte mir, wie man vermittelst eines Uhrwerkes es einrichten könne, zu irgendeiner beliebigen Stunde durch Musik geweckt zu werden.“44 Aus moderner Perspektive kann tatsächlich sowohl das Telefon zu einem Weckruf eingestellt werden als auch das Radio als Wecker dienen. Zur Zeit des Autors stelle dies jedoch eine Neuerung dar.

Nicht nur Musik oder das Wecken durch Musik gehört zum Programm des Telefons. Auch Predigen werden hier übertragen:

„Sie brauchen uns nur zur bestimmten Stunde in das Musikzimmer zu begleiten und sich einen bequemen Stuhl auszusuchen. […] meistens werden unsre [sic!] Predigen wie unsere Musikaufführungen nicht öffentlich, sondern in akustisch gebauten Zimmern gehalten, welche mit den Häusern der Abonnenten durch den Draht verbunden sind.“45

[...]


1 Wuckel, Dieter: Science Fiction: eine illustrierte Literaturgeschichte. Olms, Hildesheim, 1986. S. 77.

2 Vgl. Ebd. S. 77.

3 Bellamy, Edward: Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887. Hg. von Wolfgang Biesterfeld. Philipp Reclam jun., Stuttgart, 1983. S. 108. 2

4 Vgl. Huxley, Aldous: Schöne neue Welt. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1953. S. 14.

5 Ebd. S. 38.

6 Vgl. Schölderle, Thomas: Utopia und Utopie: Thomas Morus, die Geschichte der Utopie und die Kontroverse um ihren Begriff. Nomos, Baden-Baden, 2011. S. 15.

7 Vgl. Ebd. S. 18.

8 Neusüss, Arnhelm: Schwierigkeiten einer Soziologie des utopischen Denkens. In: Utopie: Begriff und Phänomen des Utopischen. CampusVerl., Frankfurt am Main, 1986. S. 21.

9 Apel, Karl-Otto: Ist die Ethik der idealen Kommunikationsgemeinschaft eine Utopie? Zum Verhältnis von Ethik, Utopie und Utopiekritik. In: Utopieforschung: interdisziplinäre Studien zur neuzeitlichen Utopie. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1985. S. 344.

10 Mieth, Corinna: Das Utopische in Literatur und Philosophie: zur Ästhetik Heiner Müllers und Alexander Kluges. Francke, Tübingen, 2003. S. 41.

11 Ebd. S. 40.

12 Ebd. S. 41.

13 Ebd.

14 Vgl. Bohrer, Karl Heinz: Subjektive Zukunft. In: Zukunft denken - nach den Utopien. Merkur: deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. 55.2001, 9/10, Sonderheft. Klett-Cotta, Stuttgart, 2001. S. 756.

15 Mannheim, Karl: Das utopische Bewußtsein. In: Utopie: Begriff und Phänomen des Utopischen. Campus-Verl., Frankfurt am Main, 1986. S. 284.

16 Vgl. Schölderle, Thomas (wie Anm. 6). S. 286.

17 Vgl. Wuckel, Dieter (wie Anm. 1). S. 78.

18 Mieth, Corinna (wie Anm. 10). S. 61.

19 Sargent, Lyman Tower: Utopische Literatur und die Schaffung nationaler und personaler Identitäten. In: Die Unruhe der Kultur: Potentiale des Utopischen. Hg. von Jörn Rüsen. Velbrück Wissenschaft, Weilerswist, 2004. S. 128.

20 Mieth, Corinna (wie Anm. 10). S. 62.

21 Vgl. Mieth, Corinna (wie Anm. 10). S. 63.

22 Sargent, Lyman Tower (wie Anm. 19). S. 129.

23 Wuckel, Dieter (wie Anm. 1). S. 148.

24 Vgl. Wuckel, Dieter (wie Anm. 1). S. 148.

25 Seel, Martin: Drei Regeln für Utopisten. In: Zukunft denken - nach den Utopien. Merkur: deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. 55.2001, 9/10, Sonderheft. Klett-Cotta, Stuttgart, 2001. S. 747.

26 Vgl. Ebd.

27 Huxley, Aldous (wie Anm. 3). S. 9.

28 Vgl. Schölderle, Thomas (wie Anm. 6). S. 31.

29 Vgl. Fuhse, Jan A.: Die Repräsentation der Massenmedien in der Science Fiction - Von der Manipulation über die Dopplung zur Simulation der Gesellschaft. In: Technik und Gesellschaft in der Science Fiction. Hg. von Jan A. Fuhse. Lit-Verl., Berlin, 2008. S. 127.

30 Vgl. Gnüg, Hiltrud: Der utopische Roman: eine Einführung. Artemis-Verl., München, 1983. S. XI.

31 Vgl. Bellamy, Edward (wie Anm. 3).

32 Bellamy, Edward (wie Anm. 3). S. 86.

33 Ebd. S. 87.

34 Ebd.

35 Ebd. S. 88.

36 Bellamy, Edward (wie Anm. 3). S. 88.

37 Ebd. S. 89.

38 Vgl. Ebd.

39 Ebd. S. 197.

40 Ebd. S. 130.

41 Bellamy, Edward (wie Anm. 3). S. 90.

42 Ebd. S. 108.

43 Ebd. S. 109.

44 Ebd.

45 Ebd. S. 219.

Details

Seiten
41
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668103139
ISBN (Buch)
9783668103146
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v311642
Institution / Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar – Medienwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
mediengeschichte brille utopie huxley’s schöne welt bellamys rückblick jahre

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Titel: Mediengeschichte durch die Brille der literarischen Utopie. Huxleys "Schöne neue Welt" und Bellamys "Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887"