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Heilen oder Strafen in der Psychiatrie. Der Schwindel und die Drehvorrichtungen am Beispiel der Charité Berlin unter Ernst Horn

Hausarbeit 2015 22 Seiten

Psychologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung: Schwindel als Vergnügen und Notwendigkeit

2) Das Denken über psychisch Kranke zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland
2.1.) Entwicklungen vor bzw. im frühen 19. Jahrhundert: Verbesserungswünsche & Brownianismus
2.2.) Entwicklungen in den ersten Jahrzehnten bis zur Mitte 19. Jahrhundert: „Moral treatment“ & Ankommen in der Wissenschaft

3) Das Denken über den Körper und die Anwendung des Schwindelgefühls

4) Die Charité Berlin und Ernst Horn
4.1.) Horn als erster Psychiater Deutschlands
4.2.) Der Einsatz von Drehmaschinen
4.3.) Der Gedanke der Strafe und Härte im Alltag

5) Fazit: Die Notwendigkeit von brisanten Fällen

Literaturverzeichnis

Darstellung von Drehmaschine/Drehbett aus: Horn, Ernst: Beschreibung der in der Anstalt des Königlichen Charitékrankenhauses zu Berlin gebräuchlichen Drehmaschinen, ihrer Wirkung und Anwendung bei Geisteskranken. In: Zeitschrift für psychische Ärzte. Zweites Vierteljahresheft, hg. von Friedrich Nasse u.a., Leipzig 1818. S. 219-230.

1) Einleitung: Schwindel als Vergnügen und Notwendigkeit

Jeder hat schon einmal das Gefühl erlebt, bei welchem man denkt, den Boden unter den Füßen zu verlieren oder das Gleichgewicht nicht mehr halten zu können - den Schwindel. In der heutigen Zeit sind die physischen Ursachen des Phänomens bekannt, was im Körper geschieht wird gezielt gewollt oder eingesetzt.

Die Zahl der Jahrmärkte steigt immer weiter, die Fahrgeschäfte werden schneller, höher, riskanter. Dies liegt an der Beliebtheit dieser Einrichtungen. Die Menschen strömen auf Rummelplätze, um sich in manchen Fahrgeschäften bewusst dem Gefühl des Schwindels auszusetzen. Kontrolle wird verloren, der Spaß ähnelt einem Rausch.

Eine andere Einrichtung, die den Schwindel nutzt, sind Ausbildungsstätten der Astronauten. In einer Zentrifuge werden die Anwärter so schnell im Kreis gedreht, das „für den menschlichen Körper das Sechsfache der Erdanziehungskraft erzeugt“1wird. Das Gefühl scheint so trainiert bzw. angewöhnt. Der Schwindel ist als Phänomen in der Gesellschaft etabliert.

Auch am Anfang des 19. Jahrhundert ist das Gleichgewicht und Ungleichgewicht des Menschen durchaus ein Thema - auch vor allem in der Behandlung von psychisch Kranken. In dieser Arbeit soll beleuchtet werden, wie das schwindelige Gefühl in der Psychiatrie genutzt und betrachtet wurde. Dazu leitet das erste Kapitel über das Denken über psychische Krankheiten und das Umgehen damit zu Beginn des 19. Jahrhundert in Deutschland in das Thema ein. Um ein Verständnis für diese Geschichte zu erlangen, werden Vor- und Nachentwicklungen beschrieben und über die Landesgrenzen hinausgeblickt, soweit dies zur Erklärung notwendig ist. Das zweite Kapitel nähert sich dem Phänomen des Schwindels an. Das folgende konzentriert sich zur Spezifizierung auf das Beispiel des Psychiaters Ernst Horns in der Charité Berlin. Nach einer kurzen Betrachtung seiner strittigen Person, wird besonders auf den Einsatz der Drehmaschinen in seinen Behandlungsmethoden geachtet. Verwendung, Auswirkungen und die Einschätzungen dieser seinerseits spielen dabei eine Rolle. Um das Bild seines Wirkens abzurunden, folgen weitere seiner Maßnahmen im Bezug beispielsweise auf Tagesplan oder Hygienevorschriften in der Charité Berlin. Nicht zu vergessen sei dabei die Einordnung in die damaligen Denkweisen. Die Frage, die sich daraus ergibt, ist: Ist das Schwindeligmachen psychisch Kranker Heilmittel oder Strafe?

2) Das Denken über psychisch Kranke zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland

So wie jede Wissenschaft, jede Krankheit, jedes Phänomen, mussten auch die psychischen Krankheiten und deren Behandlungsformen entdeckt, untersucht und erforscht werden. Dieser Prozess wurde in etwa Ende des 18. Jahrhunderts verstärkt, als das Denken begann, nach welchem solche Patienten nicht mehr nur als Aussätzige galten. Die Entwicklung verlief in vielen Ländern parallel. Für Deutschland sollen wichtige Stationen und Namen genannt werden, eine genaue zeitliche Abgrenzung sei dabei, soweit möglich, einzuhalten. Es wird ein komplexes Bild2der Situation der psychisch Kranken um den Beginn des 19. Jahrhunderts gegeben, wobei fließende Übergänge bzw. Einflüsse aus anderen Regionen nicht klar zu trennen sind.

2.1.) Entwicklungen vor bzw. im frühen 19. Jahrhundert: Verbesserungswünsche & Brownianismus

Psychisch Kranke wurden im 18. Jahrhundert als Außenseiter der Gesellschaft gesehen und in Einrichtungen untergebracht, welche größtenteils nur auf das Wegsperren der Menschen ausgelegt waren. Der Vergleich mit einem Gefängnis scheint angebracht. Der Beginn der Institutionalisierung von Psychiatrien ist mit dem Ende dieses Jahrhunderts anzusiedeln. Das Bewusstsein der Mediziner wurde immer mehr gestärkt, Einsässige als Kranke anzusehen und ihre Lebensbedingungen verbessern zu wollen. „Seit dem Anfang der Psychiatrie als einer wissenschaftlichen Disziplin ist es für Autoren üblich gewesen, sich über die Unzulänglichkeiten früherer Formen der Fürsorge in abwertenden Ausdrücken zu äußern.“3In Deutschland ist dafür einer der bekannten Vertreter Johann Christian Reil. Er kritisierte „die barbarische Behandlung von Wahnsinnigen, die in Gefängnissen und engen, schmutzigen Anstalten gehalten wurden, betreut von oft grausamen und mangelhaft ausgebildetem Personal.“4Genauer behauptete Reil 1803 „Wärter seien ‚meist gefühllose, pflichtvergessene oder barbarische Menschen‘ […]. Ernst Horn (1778-1848), einer der Vorgänger Griesingers als Leiter der Berliner Irrenabteilung, monierte 1818 rückblickend, unter 90-100 Krankenwärtern hätten kaum fünf oder sechs auch nur mäßigsten Ansprüchen entsprochen.“5

Sobald also über die Gegebenheiten nachgedacht und eine Verbesserung angeregt war, schien der Grundstein für eine neue Institution - die Psychiatrie - gelegt.

Geschichtlich sei der Beginn der Institutionalisierung im Zusammenhang mit der industriellen Revolution zu sehen, „d.h. im gesellschaftlich fortgeschrittenen England ab 1750, in Frankreich kurz vor und nach der bürgerlich-politischen Revolution um 1800 und in Deutschland wegen der Kleinstaaterei […] verzögert zwischen 1800 und 1850.“6 Das Aufkommen der Vernunft, der Versuch von rationalen Denkansätzen und die damit verbundene Forschung deckten neue Möglichkeiten im Umgang mit psychisch Kranken auf. Neue Kriterien der Vernunft verlangten immer disziplinierteres und genormteres Verhalten gegenüber ihnen.7Die Gefängnisse oder auch Krankenhäuser, die sie wegsperrten oder unterbrachten, begannen die bisher Gefangenen als Patienten wahrzunehmen. Einrichtungen wurden umgebildet bzw. neu erbaut. „Für den zersplitterten und sich langsamer entwickelnden deutschsprachigen Raum ist es schwieriger, das erste vollständige Modell der Psychiatrie als Wissenschaft zu bestimmen. [Zu nennen ist] 1806 Charité in Berlin durch E. Horn.“8

Ein Behandlungsansatz, der sich schon Ende des 18. Jahrhunderts herausbildete, ist der Brownianismus. „Um 1780 begründete der schottische Arzt John Brown […] eines der populärsten Heilsysteme der Neuzeit, das als Brownianismus rasch alle Bereiche der Medizin in Europa und Amerika eroberte und das gerade für die psychiatrische Therapeutik von herausragender Bedeutung werden sollte.“9 Hierbei geht es um die Verquickung von biologischen und mechanischen Elementen, was bedeutet, dass die Vorgänge im Körper - zu dem auch die Seele gehört - durch verschiedenste Apparate beeinflusst werden sollten. Die körperliche Behandlung sollte sich auf die geistige Verfasstheit auswirken. Medizin wollte Erziehung heißen, Korrektur im moralischen, sittlichen und physischen Sinne. Hierbei kamen hauptsächlich Züchtigungsmittel wie beispielsweise der Zwangsstuhl zum Einsatz.10 „[Beispielsweise] sollte das Festbinden auf den Zwangsstuhl die Unbotmäßigkeit des Irren, seine geistige Verkrümmung korrigieren, begradigen.“11Erinnert man, dass zu der Zeit die Behandlung der Kranken überdacht wurde, Hygiene oder Personal verbessert werden sollten, scheint eine solche Vorgehensweise unlogisch. Doch der Ansatz von Verknüpfung von Geist und Körper schien anerkannt, die Umsetzung mit Zwangsmitteln nicht konträr - ja gar konsequent - im Sinne der Aufklärung. „So steckte man Patienten in Zuber mit lebenden Aalen, brachte sie in Drehmaschinen zur Bewußtlosigkeit [sic!], traktierte sie mit schmerzenden Wasserkuren, kurz, man versuchte sie um jeden Preis zur Vernunft zu quälen.“12Die Auswirkungen solcher Behandlungen wurden oft positiv eingeschätzt. Auch Horn schrieb, der Zwangsstuhl würde Aufmerksamkeit erregen und von außen nach innen leiten; Ruhe, Besonnenheit und Folgsamkeit nach sich ziehen.13Jedoch gab es ebenso Kritiker solcher Vorgehensweisen. Mittel zur Schmerzerregung, Drohung oder Einschüchterung wurden schließlich viel diskutiert, so auch der Zwangsstuhl oder Drehmaschinen. Was ist human?14Solche Debatten begannen schließlich öffentlich um die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhundert.

2.2.) Entwicklungen in den ersten Jahrzehnten bis zur Mitte 19. Jahrhundert: „Moral treatment“ & Ankommen in der Wissenschaft

„Sicher lässt sich im 19. Jahrhundert eine zunehmende Sensibilität für Gewalt/Gewaltanwendung, Produktion von Schmerz in Pädagogik und parallel dazu in der psychiatrischen Therapie beobachten.“15Wesentlich ist hier der Begriff der Moral zu nennen, der anfänglich besonders in Frankreich diskutiert wurde. Philippe Pinel, seit 1786 als Psychiater tätig gewesen, handelte als Begründer der moralischen, humanen Behandlung im Sinne der Aufklärung.16Zu Beginn des 19. Jahrhunderts weiteten sich solche Ansätze aus. Zwangsmaßnahmen oder körperliche Verletzungen gehörten nicht mehr zu diesem Programm. Der Arzt hatte sich verantwortungsvoll in Bezug zum Patienten zu setzen. Auch Jean Etienne Dominique Esquirol baute mit der Beachtung der sozialen Faktoren auf Pinel auf.17Bei dieser Denkweise des „moral treatment“ handelt es sich vor allem um das Stichwort der Wohltätigkeit. Es ging eindeutig nicht mehr um das Wegsperren der Kranken, sondern um die Heilung.18Die moralische Behandlung, ihr Einsatz in den psychiatrischen Einrichtung und die Umsetzung in den Maßnahmen strahlte über Frankreich auch nach Deutschland hinüber. „Zu Pinels und Esquirols Zeit besuchten deutsche Psychiater die Hospitäler in Paris, Griesinger zum Beispiel zweimal. Manche von ihnen arbeiteten auch eine Zeit lang dort, so etwa Horn […].“19Nieder schlug sich der Ansatz vor allem auch im Alltag der Anstalten. Üblich in psychiatrischen Einrichtungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden ein regelmäßiger Arbeitsplan, der in seiner mechanischen Ausrichtung als Heilmittel galt, oder auch feste Zeiten für die drei Hauptmahlzeiten des Tages.20Mechanische Ausrichtung bedeutete hier, einen Rhythmus und wiederkehrenden Zyklus in der Ausführung zu beachten. Denkt man beispielsweise an Horns positive Begründung des Zwangsstuhls (s. 2.1.), so lässt sich dieser auch hier anbringen. Ruhe und Folgsamkeit waren die Ziele. So ließen sich schließlich auch Pinels Argumente des „moral traitments“ auf die mechanischen Vorrichtungen in der Behandlung beziehen. Es begann die Mühe verschiedener Vertreter, ebensolche auch als Heilmittel im Sinne der moralischen Behandlung zu begründen.21 „[D]enn es geht hierbei um eine umfassende Kur der Geisteskrankheit, wobei diätische Prinzipien, der erzieherische Umgang und medizinische Eingriffe zur Korrektur eines unerwünschten Verhaltens wichtig sind.“22Dazu können eben auch Zwangseinrichtungen wie der Drehstuhl gezählt werden, möchte man seine Auswirkungen so interpretieren. Die Frage, ob solche Vorrichtungen Heilmittel oder Strafe waren, stellten sich also schon damalige Vertreter.

Diese Debatte war auch noch in den 1820/30er-Jahren aktuell, in denen es eine gängige Unterscheidung in Psychiker und Somatiker gab. Dieses Gegensatzpaar hat sich in der Psychiatriegeschichte etabliert, wobei erstere rein auf die Seele schauen und die letzteren den Körper als Ursache der Krankheit sehen.23Beide Ansätze waren weit verbreitet, so auch in Deutschland. Als Somatiker sind Friedrich Nasse, Bonner Internist, und Maximilian Jacobi, Begründer einer Anstalt in Siegburg, zu nennen. Johann Christian Heinroth, als Inhaber des ersten deutschen Lehrstuhls für Psychiatrie in Leipzig, wird ihnen als Psychiker gegenübergestellt.24Auch zu ihrer Zeit gab es noch Zwangseinrichtungen, deren Gebrauch sowohl befürwortet als auch abgelehnt wurde.

[...]


1http://www.dlr.de/dlr/desktopdefault.aspx/tabid-10081/151_read-8045/year-all/#/gallery/12180, 26.02.2015, 10:32 Uhr

2Diese Arbeit kann nicht leisten, ein detailliertes Bild über die Entwicklungen mehrerer Jahrzehnte zu geben.

3Lederer, David: Die Geburt eines Irrenhauses: Die königlich-bayrische Irrenanstalt zu Giesing/München. In: Engstrom, Eric

J. / Roelcke, Volker: Psychiatrie im 19. Jahrhundert. Forschungen zur Geschichte von psychiatrischen Institutionen, Debatten und Praktiken im deutschen Sprachraum. Medizinische Forschung, Band 13. Mainz, 2003. S. 67.

4Ebd.

5Sammet, Kai: Ökonomie, Wissenschaft und Humanität - Wilhelm Griesinger und das non-restraint-System. In: Engstrom, Eric J. / Roelcke, Volker: Psychiatrie im 19. Jahrhundert. Forschungen zur Geschichte von psychiatrischen Institutionen, Debatten und Praktiken im deutschen Sprachraum. Medizinische Forschung, Band 13. Mainz, 2003. S. 109.

6Dörner, Klaus / Plog, Ursula: Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie / Psychotherapie. Bonn, 1996. S. 464.

7Ebd. Vgl. S. 464-465.

8Ebd. S. 467.

9Schott, Heinz / Tölle, Rainer: Geschichte der Psychiatrie. München, 2006. S. 50.

10Ebd. Vgl. S. 49-51.

11Ebd. S. 51.

12Dörner, Klaus / Plog, Ursula. 1996. S. 468.

13Schott, Heinz / Tölle, Rainer. 2006. Vgl. S. 51.

14Sammet, Kai. 2003. Vgl. S. 98.

15Ebd.

16Schott, Heinz / Tölle, Rainer. 2006. Vgl. S. 59.

17Ebd. Vgl. S. 62-63.

18Lederer, David. 2003. Vgl. S. 77.

19Schott, Heinz / Tölle, Rainer. 2006. S. 64-65.

20Lederer, David. 2003. S. 83-84.

21Schott, Heinz / Tölle, Rainer. 2006. Vgl. S. 51.

22Ebd. S. 51.

23Ebd. Vgl. S. 53-54.

24Ebd. Vgl. S. 54-55.

Details

Seiten
22
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668103153
ISBN (Buch)
9783668103160
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v311634
Institution / Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar – Medienwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
heilen strafen psychiatrie schwindel drehvorrichtungen beispiel charité berlin ernst horn

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