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Gruppe 47. Wie antisemitisch war der literarische Zusammenschluss?

von Thomas Bäcker

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Entstehungsgeschichte der Gruppe
2.1 Die Organisation und Ausrichtung der Gruppe
2.2 Der Aufstieg der Gruppe 47 - von der Schreibwerkstatt zum Kulturereignis
2.3 Die zunehmende Politisierung der Tagungsgruppe und die Folgen

3 Der soziale Sinn Hans Werner Richters
3.1 Die Gruppe 47 im Spannungsverhältnis mit den emigrierten Autoren
3.2 Lyrik in Niendorf - Paul Celan liest die Todesfuge
3.3 Der Frankfurter Auschwitz-Prozess - ein zentrales Ereignis der Aufarbeitung
3.4 Bedeutende Teilnehmer der Gruppe 47 im Kontext der Antisemitismus-Debatte

4 Eine rückwirkende Betrachtung der Gruppe

5 Bibliografie

1 Einleitung

Einer der kürzlich vergangenen Höhepunkte deutscher Literatur war die Ehrung Herta Müllers mit dem Nobelpreis für Literatur im Jahre 2009. Der Nobelpreis für Literatur ist vermutlich derzeit die höchste Würdigung, die ein Schriftsteller erfahren kann. In der jüngeren deutschen Geschichte erhielten außerdem Nelly Sachs, Heinrich Böll und Günter Grass den begehrten Preis. Die beiden männlichen Preisträger haben noch eine weitere Gemeinsamkeit, denn neben vielen weiteren Preisen erhielten beide den Preis der Gruppe 47. Günter Grass ist einer der angesehensten Schriftsteller der heutigen Zeit und gehört neben Marcel Reich-Ranicki und Martin Walser zu den festen Größen der deutschen Literatur der Nachkriegszeit. Auch Walser und Reich-Ranicki gehörten neben weiteren Berühmtheiten, wie Günter Eich, Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger, zur Gruppe 47.

Die Gruppe 47 bestimmte den deutschen Literaturbetrieb für die 20 Jahre ihres aktiven Bestehens. Aus den Reihen der Tagungen, welche vom Gruppeninitiator Hans Werner Richter organisiert wurden, stammen sehr viele bedeutende und erfolgreiche Autoren der Nachkriegszeit und der Gegenwartsliteratur. Die Gruppe stand für Demokratie, Sozialismus und Freiheit. Mit der Gruppe 47 begann ein neues literarisches Zeitalter, losgelöst von der Diktatur, deren Folgen und den Schrecken des Krieges. Sie wuchs von einer privaten Runde im Freundeskreis von Hans Werner Richter zu einer enorm bedeutenden literarischen Instanz der jungen Bundesrepublik heran. Die Kritik der Gruppe 47 war damals maßgebend für den Erfolg eines Autors und ebnete die Karriere vieler junger Autoren.

Als die Gruppe 47 zum ersten Mal tagte, war Herta Müller noch nicht geboren. Die anderen erwähnten Autoren waren alle direkt oder indirekt vom Krieg betroffen und, mit Ausnahme von Nelly Sachs, an der Gruppe 47 beteiligt. Nelly Sachs thematisierte in ihren Werken den Holocaust und unterscheidet sich dadurch von den anderen Autoren. Es steht die Vermutung im Raum, dass sie deshalb nicht zu den Tagungen der Gruppe 47 eingeladen wurde. Gleichermaßen konfrontierten Kritiker der Gruppe 47 sie des Öfteren mit dem Vorwurf, sie sei antisemitisch gewesen. Allerdings gab es Autoren jüdischer Herkunft in der Gruppe 47, wie Paul Celan, Herrmann Kesten und Peter Weiss, an deren Wirken, Lesung und Kritik gezeigt werden soll, inwieweit diese Vorwürfe gerechtfertigt sind. Ergänzend dazu wird die Ausrichtung und Entwicklung der Gruppe 47, die sehr eng an die Person Hans Werner Richter geknüpft ist, sowie deren Reaktion auf gesellschaftlich bedeutende Ereignisse gezeigt, um die zentrale Frage dieser Seminararbeit zu klären: Weshalb wird die Gruppe 47 mit Antisemitismus in Verbindung gebracht? Eine geeignete Methode, um die Vorgänge der Produktion, Distribution und Rezeption von Literatur unter den genannten Aspekten zu untersuchen, ist die Literatursoziologie.

2 Die Entstehungsgeschichte der Gruppe 47

Die Entstehung der Gruppe 47 ist eng an den Lebensweg ihres Gründers, Hans-Werner Richter, geknüpft. Richter zeigte schon in jungen Jahren eine Begeisterung für Literatur. Nachdem er 1943 als Soldat gefangen genommen wurde, setzte er seine literarischen Tätigkeiten fort (vgl. Reich-Ranicki 1981: 23). Als Kriegsgefangener kam Richter in die USA und geriet dort in Kontakt mit der Lagerzeitschrift ÄDer Ruf“. Richter konnte sich mit der Zeitung nicht anfreunden, weil er die deutsche Kollektivschuld ablehnte (vgl. Richter 1981: 28). Folgt man den Ausführungen Richters, wurde er unter falschem Vorwand an den Verlagsort der genannten Zeitung gebracht, um entgegen seiner Neigung deren Redakteur zu werden. Richter allerdings wollte in Unabhängigkeit von den Besatzern agieren und aus den Erkenntnissen der erlebten Diktatur lernen (vgl. ebd. 29). Jedoch konnten seine Vorstellungen nicht realisiert werden. Ä[D]aß [sic!] ich wiederum einem diktatorischen Apparat ausgesetzt war, dessen Anordnungen ich mich zu beugen hatte“ (ebd. 30), an diesem Zitat wird deutlich, dass Richter Parallelen zog zwischen dem NS-Regime und dem US-Militär. Darüber hinaus wandten er und seine Kollegen der Redaktion sich gegen die Vorbereitung des internationalen Nürnberger Tribunals und gegen die Kollektivschuld, was sich auch in ihren Artikeln wiederspiegelte (vgl. ebd.). Jedoch wurden ihre Artikel erheblich gekürzt und zensiert, sodass sich Richter in einem Spannungsverhältnis zwischen Nationalsozialismus und Umerziehung sah (vgl. ebd. 32). Richter wollte in der Literatur einen eigenen Weg einschlagen, welcher von Sozialismus und Demokratie geprägt sein sollte, jedoch sollte er frei von externen Einflüssen sein (vgl. ebd. 33).

Nach Kriegsende wurde Richter durch Alfred Andersch angefragt, ob er Interesse habe, den ÄRuf“ neu aufzulegen. Andersch war bereits unter Erich Kästner in der Presse tätig (vgl. ebd. 34) und kannte sich somit bestens in der nachkriegerischen Medienwelt aus. Richter willigte ein und arbeitete gemäß seiner oben angeführten Ansicht. Er verfolgte die Intention, den ÄBallast der Vergangenheit“ (ebd. 37) abzulegen und adressierte eine junge Generation. Mit zunehmender Auflagenzahl stieg die Aufmerksamkeit die ÄDer Ruf“ auf sich zog. Die Aufmerksamkeit gipfelte in einem Konflikt mit der Militärregierung, welche mit seiner Intention nicht einverstanden war.

ÄIch kann schreiben, was ich will, niemand ist berechtigt, diese Freiheit des Schreibens zu beschränken, auch nicht die Sieger über Hitler. Andernfalls ist Demokratie nur ein leeres Wort“ (ebd. 41).

So äußerte sich Richter gegenüber den Vorwürfen von Seiten der Militärregierung. Richter wies den Besatzern imperialistische Züge zu und forderte ein Ende der Schuldzuweisungen (vgl. ebd. 38). Schlussendlich waren Richters Überzeugungen nicht mit denen der Militärregierung vereinbar und der Konflikt endete mit dem Lizenzentzug des ÄRuf“.

Richter dachte nicht an‘s Aufgeben und wollte die Zensur durch Literatur kompensieren. Er begann damit, eine Nachfolgezeitung ins Leben zu rufen, sie sollte den Titel ÄDer Skorpion“ tragen. Unter diesem Aspekt wurden 1947 die ehemaligen Mitarbeiter des ÄRuf“ an den Bannwaldsee bei Füssen eingeladen. Die verwendete Sprache war ein sehr wichtiges Kriterium, sie sollte klar und einfach sein. Darüber hinaus sollte die Sprache auf das Notwendigste reduziert werden und es sollte kein Gebrauch von Formalitäten erfolgen, damit ein schmuckloser Stil entsteht (vgl. ebd. 55). Die Schönschreibekunst durch die Verwendung von Wortschmuck wurde von der Gruppe mit dem Dritten Reich in Verbindung gebracht (vgl. ebd. 46), wovon die Gruppe sich deutlich abgrenzen wollte. Diese Vorgaben formten den darauffolgenden Begriff des Kahlschlagstils, welcher repräsentativ für die Nachkriegsliteratur geworden ist.

Das Treffen sollte außerdem der literarischen Kommunikation dienen, weil diese im Deutschland der Nachkriegszeit erheblich erschwert war. Deshalb geschah die Einladung zu dem Treffen per Postkarte mit persönlicher Widmung von Hans Richter, was über die gesamte Geschichte der Gruppierung so beibehalten wurde. Der Ablauf des Treffens wurde wie folgt gestaltet: Ein Autor liest sein literarisches Werk vor, wird anschließend kritisiert und muss die Kritik ohne Stellungnahme über sich ergehen lassen (vgl. ebd. 52). Diese Prozedur wurde ebenfalls über die gesamte Geschichte der Gruppierung beibehalten.

Im Anschluss an das Treffen wurde Richter von der amerikanischen Militärregierung bekanntgegeben, dass ihm die Lizenz für den ÄSkorpion“ verweigert wurde. Durch die positive Resonanz unter den Teilnehmern entschied Richter, diese Treffen fortzuführen. Des Weiteren beschloss er, nach dem Vorschlag Hans Georg Brenners, den literarischen Tagungen den Namen ÄGruppe 47“ zu geben (vgl. ebd. 55). Der Gruppenname entstand in Anlehnung an die Gruppe 98 in Spanien, welche die Gesellschaft und Literatur erneuern wollte. Richter sagte über deren Zielsetzung: ÄDas erschien mir gleich meiner eigenen Zielsetzung: radikale Erneuerung“ (ebd.). Die junge Generation, welche sich um Richter gruppierte, sollte für die Erneuerung stehen. Richter erfreute sich schon gegen Ende des ÄRuf“ an neuen Talenten.

ÄUnsere Freude am Entdecken neuer Talente läßt [sic!] sich nur aus der Situation dieser Zeit erklären, aus dem neuen Anfang, aus der vermeintlichen Nullpunktsituation“ (ebd. 40).

Diese Aussage Richters zeigt, dass er durch junge, unbekannte Autoren versuchte, literarisch neu zu beginnen. Aus der Zeit, in welcher ÄDer Ruf“ existierte, lassen sich noch weitere Elemente erkennen, die später die Ausrichtung der Gruppe 47 bestimmten. So hatte Richter, neben dem Interesse an neuen Talenten, Begeisterung für den Einsatz der Kritik als demokratische Waffe (vgl. ebd. 30). Demnach ist zu erkennen, dass ÄDer Ruf“ das Entstehen und die Ausrichtung der Gruppe 47 vorbereitete.

2.1 Die Organisation und Ausrichtung der Gruppe 47

Die Gruppe 47 wurde zusammengerufen durch die Einladungspostkarten von Hans Werner Richter, welcher somit über eine Art Monopol verfügte, was die personale Zusammensetzung der Tagungen betraf. Die Gruppentagungen verliefen nach folgendem Schema: Richter leitete die Lesungen, die Reihenfolge der Lesungen und erteilte den Kritikern das Wort. Es war auch möglich, eine Lesung abzubrechen, wenn eine große Mehrheit der Gruppe dafür war. Die Gruppe 47 hatte keine Satzung und war auch sonst nicht als Verein oder Verband eingetragen (vgl. Richter 1981: 25).

In den Anfangsjahren war die Gruppe 47 vornehmlich eine literarische Werkstatt, welche zur literarischen Kommunikation diente. Den Autoren war durch die Tagungen eine Möglichkeit gegeben, sich solidarischer und fachlich kompetenter Kritik auszusetzen (vgl. Arnold 1987: 263). Des Weiteren ist das Ä‚Humanisierungspotential der Literatur‘“ (ebd.) zu beachten, welches von der Gruppe 47 dazu verwendet wurde, um die Richtung des von Richter gewünschten demokratischen Sozialismus zu bestreiten. Darüber hinaus hatten die Tagungsteilnehmer ein Selbstverständnis, das den Schwerpunkt in erster Hinsicht auf die Literatur selbst und die Fähigkeiten der literarischen Produktion legte (vgl. ebd.).

Die Gruppe 47 war ein Zentrum der deutschsprachigen Literatur, das 20 Jahre lang von Hans Werner Richter geleitet wurde. Gleichwohl bestimmte sie den Literaturbetrieb im deutschsprachigen Raum für den Zeitraum ihres Bestehens. Sie war ein Literaturgremium, welches sich durch Beständigkeit und Stabilität auf dem Literaturmarkt legitimierte. Diese Werte wurden vor allem durch Hans Werner Richter verkörpert. Vor allem auf Erstteilnehmer hatte Richter eine beachtliche Wirkung, denn Richter war die Kontaktperson für neue Tagungsteilnehmer. ÄEr repräsentierte ihnen gegenüber die Gruppe und das, was die 47er miteinander verband: Kameradschaft, Freundschaft und Solidarität“ (Nickel 1994: 111). Richter wirkte in diesem Zusammenhang als Vermittler zwischen der Gruppe und den neuen Teilnehmern, indem er sie einführte, vorstellte und auch den Zeitpunkt ihrer Lesung festlegte. Jedoch ist die Zugehörigkeit zur Gruppe 47 sehr differenziert zu sehen, da selbst unter den Teilnehmern keine Klarheit bestand über die Zugehörigkeit. ÄDas eigene Bewußtsein [sic!] entschied darüber, wer zu ihrem Kreis zählte, und nicht, wie regelmäßig die Gruppentreffen besucht wurden“ (ebd. 113). Demnach ist die eigene Auffassung das entscheidende Kriterium, um die Zugehörigkeit zur Gruppe 47 festzustellen. Durch ihre Kritik wurde sie von Richter als ein demokratisches Gremium der Literatur angesehen (vgl. Richter 1981: 60), jedoch widerspricht dem die Einladungspraktik Richters. Er hatte laut Friedrich Kröll ein informelles Einladungsmonopol (vgl. Kröll zitiert nach: Nickel 1994: 113), allerdings konnte Richter es nur bedingt einsetzten, was sich aus dem literarturpolitischen Anspruch, der an seine Position gekoppelt war, ergab (vgl. ebd. 114). So war die Gruppenkritik bindend und ein Darüberhinwegsetzen von Seiten Richters, durch das Ignorieren erfolgreicher Lesungen, hätte dem Gruppengefüge geschadet. ÄEr war kein Diktator, der in der Gruppe 47 nach Belieben schalten und walten konnte“ (ebd.). Richter ließ sich bei seinen Entscheidungen bezüglich der Einladungen durchaus beraten. So kam Paul Celan 1952 zur Tagung durch die Empfehlung von Ingeborg Bachmann.

Die Gruppe 47 hatte eine demokratische Grundhaltung (vgl. Böttiger 2012: 320). Gleichwohl überprüften die Gruppenmitglieder die staatlich vorgegebenen Richtlinien durch kritische Befragung (vgl. Nickel 1994: 203). Wenn die Richtlinien und Regeln der Befragung standhielten, wurden sie von der Gruppe 47 akzeptiert. Die Freiheit wurde innerhalb der Gruppe 47 sehr stark betont. Laut Hans Werner Richter war es möglich, die Gruppe 47 auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, da die jeweilige politische Haltung zu einer individuellen Angelegenheit erklärt wurde (vgl. Böttiger 2012: 321). ÄHans Werner Richter definierte versiert einen gemeinsamen Nenner: ‚Der Kern ist die Liberalität!‘“ (ebd.). Daraus wird erkennbar, dass sich die Gruppe 47 kritisch mit der Bundesrepublik Deutschland auseinandersetzte und deren Regeln kritisch hinterfragte, bevor diese akzeptiert wurden. Des Weiteren zeigte sich eine oppositionelle Haltung gegenüber der herrschenden Gesellschaftsordnung, welche durch die Besatzer massiv mitgestaltet wurde.

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Details

Seiten
21
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668106574
ISBN (Buch)
9783668106581
Dateigröße
660 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v311626
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Gruppe 47 Antisemitismus Hans Werner Richter

Autor

  • Thomas Bäcker

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