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Zum Metapherngebrauch bei der Sportberichterstattung in Printmedientexten

Magisterarbeit 2004 117 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Gliederung:

Einleitung

1. Metapherntheorie
1.1 Einleitende Worte zum Metaphernverständnis
1.2 Traditionelle Metapherntheorien und neuere Erklärungsversuche
1.3 Die kognitiv-linguistische Theorie des Metaphernverständnisses

2. Funktionen und Leistungen von Metaphern
2.1 Leistungen der Metaphern
2.2 Kommunikative Funktionen von Metaphern
2.3 Die phatische Metaphernfunktion
2.4 Die katachretische Metaphernfunktion
2.5 Die epistemische Metaphernfunktion
2.6 Die illustrative Metaphernfunktion
2.7 Die argumentative Metaphernfunktion
2.8 Die sozial-regulative Metaphernfunktion

3. Metaphorische Einheiten
3.1 Einwortmetaphern
3.2 Wortgruppenmetaphern

4. Der Sportbericht in der Tages- und in der Fachzeitschrift
4.1 Tageszeitungen: Ein Überblick
4.2 Der Sportbericht in der Tageszeitung
4.3 Fachzeitschriften: Ein Überblick
4.4 Der Sportbericht in der Fachzeitschrift

5. Analyse des Korpusmaterials
5.1 Die Metaphernverwendung in Überschriften
5.2 Einteilung der okkasionellen Metaphern in Bildspenderbereiche
5.3 Analyse der verwendeten Wortgruppenmetaphern
5.4 Vorstellung und Erläuterung der verwendeten okkasionellen und

lexikalisierten Einwortmetaphern

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

In der vorliegenden Arbeit wird in einer komparativen Analyse der Metapherngebrauch von Handball-Spielberichten einer ausgewählten Tages- und einer ausgewählten Fachzeitschrift untersucht. Die Spielberichte aus der Saison 2002/2003 werden auf die Bildspenderbereiche sowie den Lexikalisierungsgrad der in ihnen verwendeten Metaphern untersucht. Insgesamt werden 18 Spielberichte auf ihren bildhaften Sprachgebrauch hin miteinander verglichen.

Schon im Mittelalter wurde in Frankreich und England Handball gespielt, aber erst 1920 wurde die Sportart zu einem Wettkampfspiel erklärt. In Deutschland sprach man 1917 erstmalig vom Handball, nachdem sich der Frauenausschuss des Berliner Turnraths entschloss, die bis dato noch als Torball bekannte Sportart umzubenennen. Durch den Erfolg des deutschen Damen- wie auch Herrenteams wuchs das Interesse an dieser Sportart stetig, und 1972 wurde so das erste olympische Handballspiel ausgetragen. Die deutsche Nationalauswahl konnte 1978 den Weltmeistertitel in der Halle erringen, während das DDR-Nationalteam zwei Jahre später in Moskau mit dem Olympiasieg seinen bisher größten Erfolg feierte. Mittlerweile hat sich der Deutsche Handballbund zum weltgrößten und zu einem der anerkanntesten Sportverbände in Deutschland entwickelt.[1] Außerdem ist Handball die Sportart, die in den letzten Jahren mehr und mehr an Interesse gewonnen hat und somit auch in verschiedenen Medien fortan mehr berücksichtigt wurde. Vor allem das Medieninteresse an der als stärkste Liga der Welt bekannten Bundesliga und deren Vereinen wächst stetig. Zeitschriften sind neben Fernsehreportagen die dominantesten Berichterstattungsmedien.

Autoren von Sportberichten bedienen sich allgemein einer Vielzahl von Metaphern, um ihre Artikel für die Leser interessanter zu gestalten, um zu informieren, zu unterhalten oder um überhaupt erst einmal das Interesse von Lesern zu wecken. Aus diesem Grund scheint es interessant zu untersuchen, aus welchen Lebensbereichen die Metaphern entlehnt und auf den Sport übertragen werden. Der Bereich des Sports scheint die Phantasie der Journalisten anzuregen, denn vor allem bei der Sportberichterstattung finden sich immer wieder Neuschöpfungen von Metaphern.

Aus diesem Grund befasst sich diese Magisterarbeit mit dem Metapherngebrauch bei der Sportberichterstattung in Printmedientexten.

Ziel der Arbeit ist es, Metaphern zu analysieren, die im Zusammenhang mit der Sportart Handball verwendet werden. Dazu werden im empirischen Teil die Handballspielberichte von zwei Zeitschriften mit unterschiedlichen Adressatenkreisen miteinander verglichen. Die Kieler Nachrichten liefern das Korpusmaterial an Spielberichten aus einer seriösen Tageszeitung mit einem vielfältigen Lesepublikum, die Handballwoche dasjenige aus einer Fachzeitschrift für Sportinteressierte. Das Korpusmaterial umfasst 18 Spielberichte, neun aus jeder Zeitschrift.

In der Handball-Bundesliga traten in der Saison 2002/2003 18 Teams gegeneinander an. Es werden die Berichte etwa jeder zweiten Partie des THW Kiel, dem Vorjahres-Meister der Handball-Bundesliga, auf ihren Metapherngehalt hin untersucht. Dadurch wird es ermöglicht, eventuelle Parallelen im Metapherngebrauch der verschiedenen Zeitschriften (besser) herzuleiten und zu hinterfragen. Die Spielberichte des THW Kiel sind für eine Analyse besonders interessant, da es möglich ist, dass aus der starken Vorjahressaison des Vereins eventuelle Erwartungen der Berichterstatter an die Spieler oder Spielweise des Vereins sich auch auf die Metaphernverwendung auswirken werden. Es könnten eventuell Vergleiche zur Meistersaison gezogen werden. Der THW Kiel trat die Saison 2002/2003 in der Favoritenrolle an und musste sich am Ende mit einem nicht der Erwartung entsprechenden fünften Platz zufrieden geben.

Die mir bekannten Untersuchungen und dazugehörigen Veröffentlichungen des Metapherngebrauchs in der Pressesprache sind nur von geringer Anzahl. Es gibt Untersuchungen zur Fußballmetaphorik in der Presseberichterstattung unter anderem von Gil (1998) und Döring/Osthus (1999), die Metaphorik von Handballspielberichten in Zeitschriften wurde aber nach meinem Wissen noch nicht untersucht.

Dies liegt wahrscheinlich an der Spitzenposition die, trotz steigender Zuschauerzahlen bei Handballspielen, immer noch der Fußball bekleidet.

Die theoretischen Grundlagen dieser Arbeit bilden zum Großteil die Erkenntnisse der Sprachphilosophen Lakoff & Johnson sowie die Theorien zu den verschiedenen metaphorischen Einheiten von Fleischer und Burger.

Die Wahl des Themas ist mit persönlichem Interesse zu begründen. Als Handballspielerin und freie Mitarbeiterin einer lokalen Zeitung verfasse ich selbst Spielberichte und lese bzw. studiere das Spielgeschehen in den verschiedenen Ligen. Diese Voraussetzung sehe ich als notwendig an, da es ansonsten schwierig bis unmöglich ist, alle verwendeten Metaphern zu erschließen, denn Hintergründe, wie besondere Eigenheiten der Spieler oder vergangene Partien, bilden oft den Nährboden für Metaphern.

Es wird versucht, den Beweis anzutreten, dass sich die Tagespresse aufgrund ihres großen Leserkreises, dem Sportmuffel, Sportbegeisterte sowie normale Sportinteressierte angehören, eher der okkasionellen Metapher bedient. Dies geschieht wahrscheinlich vor allem aus persuasiven Gründen, denn innovative Metaphern, die nicht auf den ersten Blick zu entschlüsseln sind, wecken eher das Interesse und die Neugier von Lesern, als klare und eindeutige Aussagen. Insbesondere Überschriften sind ein beliebtes Mittel für derartige Metaphern, da sie aufgrund ihrer Größe und Positionierung als Erstes auffallen und von Lesern oftmals erst nach Begutachtung der jeweiligen Überschrift eines Artikels entschieden wird, ob dieser lesenswert ist oder nicht.

Genau entgegengesetzt vermute ich den Metapherngebrauch in Fachzeitschriften. Die ausgewählte Handball-Fachzeitschrift bedient sich wahrscheinlich aufgrund ihres ausschließlich handballinteressierten Leserkreises, im Gegensatz zur Tageszeitung, häufiger der lexikalisierten Metaphern. Hier ist es nicht mehr nötig das Interesse der Leser zu wecken, denn es beziehen ausschließlich Handballinteressierte dieses Magazin. Sie wollen vor allem Fakten, Statistiken und eine Berichterstattung, die so nah und klar wie möglich die Geschehnisse auf dem Spielfeld wiedergibt.

Die verwendeten Metaphern werden zusätzlich auf ihre Bildspenderbereiche untersucht, um der Vermutung, dass vor allem in Fachzeitschriften Hintergrundwissen benötigt wird, um diese zu entschlüsseln, nachzugehen. Die Überprüfung der aufgestellten Hypothesen erfolgt anhand der prozentualen Auswertungen und anschließend erhobenen Statistiken.

Zusätzlich wird versucht, den Beweis zu erbringen, dass die Metaphernverwendung in Fachzeitschriften nicht so hoch wie in Tageszeitungen, die Metaphorik in der Fachzeitschrift aber schwieriger zu entschlüsseln ist. Um Unklarheiten zu vermeiden, werde ich mich auf die nach meiner Ansicht eindeutigen Metaphern beschränken.

Bevor aber der Metapherngebrauch bei der Sportberichterstattung in Printmedien analysiert werden kann, werden im theoretischen ersten Teil die geschichtliche Entwicklung der Metapherntheorie, konkurrierende Metaphernkonzepte, metaphorische Einheiten und andere wichtige Fakten zur Metaphernverwendung und der Funktion von Metaphern erläutert, um somit die Grundlage für das weitere Vorgehen zu schaffen und ein besseres Verstehen des Forschungsgegenstandes zu ermöglichen.

Im zweiten, ebenfalls theoretischen Teil, wird auf die jeweiligen Zeitschriften und den Sportbericht als besondere Textsorte und den Wortgebrauch eingegangen.

Der dritte Abschnitt bildet den empirischen Teil der Arbeit. Das Korpusmaterial wird auf lexikalisierte und okkasionelle Metaphern und deren Bildspenderbereiche hin untersucht. Die dort stattfindende Auszählung und die erhobenen Statistiken werden im vierten und letzten Teil der Arbeit ausgewertet, abschließend wird auf weiterführende Fragen eingegangen.

1. Metapherntheorie

1.1 Einleitende Worte zum Metaphernverständnis

„Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unserer Sprache“.[2]

Das Metaphernverständnis und somit auch die Definition dieses sprachlichen Mittels gehen weit auseinander. Traditionelle Theorien wie die des Aristoteles wurden zwar durch neue Erkenntnisse widerlegt, dennoch orientieren sich auch heute noch viele Forscher an seinem Ansatz.

Über das „Wirrwarr“ innerhalb dieses Forschungszweiges schrieb Kallmeyer (1974):

Über das sprachliche Phänomen Metapher dürfte es so kontroverse Ansichten geben wie über die Sprache selbst. Lieb (1964) hat für den Zeitraum von der Antike bis zum Jahre 1963 nicht weniger als 125 voneinander abweichende Metapherndefinitionen nachgewiesen. Mittlerweile wird man von einer bedeutend höheren Anzahl ausgehen müssen, nachdem die linguistische Diskussion über die Metapher in den vergangenen 10 Jahren zunehmend in Bewegung geraten ist.[3]

Metaphern[4] sind allgegenwärtig. Sie ermöglichen es uns, schwierige Sachverhalte verständlich zu machen oder die Sprache ganz einfach aufzulockern und lebendiger erscheinen zu lassen. Ob wir unsere Worte auf die Goldwaage legen, ins Fettnäpfchen treten, oder etwas im Schilde führen, unsere Sprache bedient sich der Metapher, wann immer verbale Verständigung erfolgt.

Die Theorie des Metaphernverstehens bildet die Grundlage für das Verständnis dieser Magisterarbeit. Da das Aufzeigen der gesamten Theorien und Diskussionen zur Metapher den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, werden im Folgenden traditionelle sowie neuere Erklärungsversuche des Metaphernverstehens in einer kurzen Auswahl des favorisierten Beschreibungskonzepts erläutert.

1.2 Traditionelle Metapherntheorien und neuere Erklärungsversuche

„Sometime too hot the eye of heaven shines,“ (Shakespeare „Sonnet 18”)

„Am Waldessaume träumt die Föhre / […].“ (Th. Fontane „Mittag“)

Der im 16. Jahrhundert lebende englische Dichter, Dramatiker und Schauspieler William Shakespeare machte sich die Metapher ebenso zu Nutze wie der im 19. Jahrhundert erfolgreiche deutsche Schriftsteller und Poet Theodor Fontane.

Metaphern und Metapherntheorien sind also keine Erscheinungen oder Neuschöpfungen unseres Jahrhunderts.

Im Folgenden wird ein Überblick über die ersten Definitionsversuche bis zu den heute vorherrschenden Theorien gegeben, wobei die Betrachtungen bezüglich ihrer Richtigkeit und Vollständigkeit beurteilt werden.

Schon in der Antike befassten sich Gelehrte mit dem Phänomen Metapher. Den Anfang machte der griechische Philosoph Aristoteles. Er sah die Metapher als eine unter acht Arten von Wörtern:

Jedes Wort ist entweder ein üblicher Ausdruck […], oder eine Glosse, oder eine Metapher, oder ein Schmuckwort, oder eine Neubildung, oder eine Erweiterung, oder eine Verkürzung, oder eine Abwandlung.[5]

Seine Betrachtungen und Theorien bezüglich der Metapher bilden die Grundlage für die noch heute weit verbreitete Substitutionstheorie.

Nach Aristoteles ist eine Metapher eine „Übertragung“, da ein Wort, welches ursprünglich aus einem anderen Erfahrungsbereich stammt, den Platz eines anderen einnimmt, also für dieses verwendet wird. Er schreibt:

Die Metapher ist die Übertragung eines fremden Wortes […], und zwar entweder von der Gattung auf die Art oder von der Art auf die Gattung oder von einer Art auf eine andere oder nach den Regeln der Analogie.[6]

Der übertragene, fremde Begriff ersetzt somit den eigentlichen Begriff. Grundvoraussetzung ist allerdings, dass zwischen den Begriffen Analogie oder Ähnlichkeit besteht.

Die oben angeführten Verse entsprechen der Aristotelischen Definition der Metapher, für ihn beschränkte sich die Verwendung von Metaphern ausschließlich auf die Poesie, denn:

die Metapher dürfe[n] als einzige für die Ausdrucksweise der Prosarede gebraucht werden. Ein Indiz hierfür ist, dass alle Menschen nur diese allein gebrauchen; denn alle gebrauchen in der Unterredung Metaphern, eigentümliche und allgemein gebräuchliche Ausdrücke. [...] Darüber hinaus besitzt die Metapher in größtem Umfang Deutlichkeit, Annehmlichkeit und Fremdartigkeit, und sie kann nicht von etwas anderem abgeleitet werden.[7]

Die normale Alltagssprache ließ er bei seinen Betrachtungen außer Acht. Die Metapher wurde von ihm und den Gelehrten seiner Zeit als abweichender Sprachgebrauch empfunden. Diese Sicht schlug sich auch in seiner eindimensionalen Erklärung der Metapher als Ornament der Sprache, welches ausschließlich zu deren Verzierung dient, nieder. Die alltägliche Sprache bediente sich laut Aristoteles nicht solcher Mittel, was den ersten Schwachpunkt seiner Betrachtungsweise offen legt.[8] Weiterhin waren Metaphern für den Philosophen nur einzelne Worte, müssten somit also auch ohne Kontext verstanden werden, was der heutige Wissensstand widerlegt.[9]

Aristoteles` Betrachtungen haben viele Erkenntnisse zur Metaphernforschung beigetragen, weisen aber aus heutiger Sicht Schwachstellen auf. Vor allem die Reduktion der Metapher auf ein Wort ist nicht tragbar. Außerdem kann nicht jede Wortbedeutung ohne Kontext erschlossen werden, oft wären sogar Fehlinterpretationen die Folge. Aristoteles setzte mit der Behauptung, eine Metapher wäre eindeutig und liefere keine neuen Informationen, eine objektive Betrachtung durch die jeweiligen Leser oder Hörer voraus. Er beachtete nicht, dass es kein objektives Sprachverständnis gibt, denn jede Betrachtung hängt vom Bewusstsein der Sprachgemeinschaft ab, der jeweiligen Erfahrung und Interpretation des Einzelnen. Schon Schleiermacher konnte diese Betrachtungsweise der Metapher nicht unterstützen. Er wandte ein, dass sie nur von der „Logik des Begriffs“, aber nicht von der „Logik der Sprache“ ausgeht.[10]

Die noch heute verbreitete Substitutionstheorie ist an die Forschung und Denkweise Aristoteles` angelehnt. Als so genannte Ersetzungstheorie geht auch sie davon aus, dass ein Ausdruck für einen anderen verwendet wird, da er vollwertig dem anderen entspricht, ihm also angemessen ist.[11] Das heißt, dass es für jede Metapher auch einen eigentlichen Begriff geben muss.

Auch hier wurde die Verwendung von Metaphern auf den Bereich des Schmuckes reduziert, denn die Sprache werde durch sie ausschließlich verziert. Lakoff schreibt dazu:

The word metaphor was defined as a novel or poetic linguistic expression where one or more words for a concept are used outside of its normal conventional meaning to express a similar concept.[12]

Eine weitere Funktion der Metapher laut Vertretern der Substitutionstheorie war es, Benennungslücken zu schließen. Wenn also noch keine Bezeichnung für eine bestimmte Sache existierte, wurde eine Metapher als Ersatzausdruck eingesetzt. Die Metapher würde somit eine lexikalisch noch nicht gefüllte Stelle einnehmen. Beispiele dafür sind die Krone des Baumes, oder der Fuß des Berges.

Auch die Rationalistische Philosophie des 17. Jahrhunderts sah die Metapher ausschließlich als Ornament der Sprache. Die Philosophen der sich im 20. Jahrhundert vor allem in Wien und Berlin verbreitenden Richtung des Neo-Positivismus gehen sogar noch einen Schritt weiter. Da die Metapher ihrer Genauigkeitsforderung der Sprache nicht entspricht, werteten sie die rhetorische Figur als „außerlogisch“[13] und betrachteten sie als überflüssig.

Das traditionelle Metaphernverständnis sah die Metapher also als ein ausnahmslos sprachliches Phänomen: „als eine Frage der Worte und nicht des Denkens oder Handelns“.[14]

Die Abwertung als künstliche Redefigur, die nur dem Zwecke dient, die Sprache zu verzieren, brachte die Philosophen und Sprachwissenschaftler zur Schlussfolgerung, dass die gewöhnliche, die Alltagssprache, die Metapher nicht benötigt und somit wörtlich zu verstehen sei.

Die traditionellen Annahmen fasst Lakoff (1996) wie folgt zusammen:

- All everyday conventional language is literal, and none is metaphorical.
- All subject matter can be comprehended literally, without metaphor.
- Only literal language can be contingently true or false.
- All definitions given in the lexicon of a language are literal, not metaphorical.
- The concepts used in the grammar of a language are all literal; none are metaphorical.[15]

Gudrun Frieling (1996)[16] schreibt in ihrem Werk, dass erst 1936 von Ivor Armstrong Richards die Rolle der Metapher neu bewertet, somit die Substitutionstheorie in Frage gestellt und eine Umorientierung in der Forschung eingeleitet wurde. Laut Frieling erkannte er, dass die alte Betrachtungsweise teilweise falsch und unvollständig ist. Richards erweiterte die Theorie der Metapher als Ornament der Sprache und widersprach somit der traditionellen Auffassung. Für ihn war die rhetorische Figur nicht nur auf die Wortebene reduziert. Schon Richards erkannte, dass wir, um die Metaphorisierung innerhalb der Sprache zu verstehen, unsere Bewusstseinstätigkeiten mit in Betracht ziehen müssen, denn die Metapher sei „in allererster Linie Austausch und Verkehr von Gedanken, eine Transaktion zwischen Kontexten“.[17] 26 Jahre später stellte Richards ehemaliger Schüler Max Black[18] die Interaktionstheorie auf, welche sich an den Erkenntnissen seines Lehrers orientierte und die traditionellen Erklärungsversuche teilweise widerlegte und erweiterte. Er trennte Interaktionstheorie und Substitutionstheorie, indem er klarstellte, dass die Auffassung der Substitutionstheorie „davon ausgeht, dass ein metaphorischer Ausdruck anstelle eines äquivalenten wörtlichen Ausdrucks gebraucht wird.“[19] Er aber sah das Verstehen der Metapher als Interaktionsprozess und ging von „einem bunten Gemisch von Beziehungen“[20] aus. Durch das Verwenden von Metaphern erfolgte seiner Ansicht nach ein Perspektivwechsel, der es dem Hörer/Leser ermöglicht, den Begriff, der durch die Metapher ersetzt wurde, aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Ein Ausdruck kann nach Richards also wörtlich oder metaphorisch verstanden werden. Wie er wiederum verstanden wird, ist vom jeweiligen Kontext, in dem der Ausdruck geäußert wird, abhängig. Hierbei spielt das gemeinsame Vorwissen der Interaktanten eine entscheidende Rolle.

Als Beispiel hierfür bietet sich der Satz „Peter ist ein Kind“[21] an. Er kann wörtlich oder metaphorisch gemeint sein. Ist Peter tatsächlich in einem Alter zwischen etwa zwei und 14 Jahren, so ist der Satz wörtlich gemeint. Ist Peter aber schon fünfunddreißig Jahre alt, ist er metaphorisch gemeint und könnte sich auf sein eventuell kindisches Verhalten beziehen. Das richtige Verständnis hängt aber nun, wie oben erläutert, vom gemeinsamen Wissen der Kommunikationspartner über Peter ab.

Die somit entstandene Interaktionstheorie geht damit weit über die Substitutionstheorie hinaus, denn nach der neuen Ansicht besteht eine Wechselwirkung zwischen zwei Bereichen (Beispiel vgl. Punkt 2).[22] Viele weitere Wissenschaftler und Philosophen veröffentlichten in den nachfolgenden Jahren Werke zur Theorie der Metapher. Blank (2001) zum Beispiel versuchte, die Interaktionstheorie weiter auszubauen. Einen weiteren Durchbruch auf dem Gebiet der Metaphernforschung und des Metaphernverstehens erzielten die Linguisten Lakoff & Johnson (1980, 1989). Sie nahmen die bereits bestehende These von Richards, dass „die Metapher das allgegenwärtige Prinzip der Sprache ist“[23], als Grundlage für ihre Theorie der Metapher. Die in ihrem Werk „Metaphors we live by“ (1980) gewonnenen Erkenntnisse gaben den Anstoß zu einer noch genaueren Betrachtung der Metapher auf der Ebene von Sprache und Kognition.[24] Lakoff und Johnson erkannten (auch in ihren späteren Werken), dass unser Konzeptsystem, dem all unser Denken und unsere Handlungen unterliegen, zum größten Teil metaphorisch ist und die Metapher[25] sich nicht nur auf die Sprache reduzieren lässt, sondern dass sie unser Denken und Handeln beeinflusst, sowie leitet und dass die „menschlichen Denkprozesse weitgehend metaphorisch ablaufen“.[26] Somit stellten Lakoff und Johnson ihre Alltäglichkeit dar und betrachteten sie als das Element, welches es uns ermöglicht, die bis dato nur angenommene kognitive Motiviertheit unserer Sprache zu entschlüsseln.[27] Die so entstandene kognitiv-linguistische Theorie der Metapher soll dieser Arbeit als Grundlage dienen.

1.3 Die kognitiv-linguistische Theorie des Metaphern-Verständnisses

Georg Lakoff (1998) sieht die Metapher als Schlüssel zur Erfassung der vermuteten kognitiven Motiviertheit unserer Sprache. Er geht davon aus, dass die Metapher durch ihren kognitiven Gehalt das Wissen erweitert. Er sieht die Metapher ebenso wie Johnson nicht als außergewöhnlichen Sprachgebrauch, sondern als Teil unserer Alltagssprache: „Unser alltägliches Konzeptsystem, nachdem wir sowohl denken als auch handeln, ist im Kern und grundsätzlich metaphorisch.".[28][29] Lakoff und Johnson sprechen der Metapher grundsätzlich eine Erklärungs- und Verständnisfunktion zu:

Das Wesen von Metaphern besteht darin, dass wir durch sie eine Sache oder einen Vorgang in Begriffen einer anderen Sache bzw. eines anderen Vorgangs verstehen und erfahren können.[30]

Die Bildung von Metaphern ist also möglich, weil unser so genanntes Konzeptsystem weitgehend aus ihnen besteht. Das Verstehen von Metaphern ist somit ein kognitiver Prozess. Die einfachere Umschreibung für unser so genanntes Konzeptsystem ist wahrscheinlich die von Gudrun Frieling, die es als „den menschlichen Geist“[31] bezeichnet. Die Thesen von Lakoff und Johnson gehen meiner Ansicht nach etwas zu weit, denn wenn unser Denken schon in Metaphern organisiert ist, dann gäbe es keine Probleme sie zu verstehen. Wir würden sie nicht als solche wahrnehmen. Grundsätzlich aber haben diese Thesen einen wahren Kern.

Die kognitive Linguistik untersucht nun diesen auf seine Fähigkeit hin, die verschiedenen Interaktionsleistungen, die auf ihn einströmen, zu verarbeiten. Die Basisannahme dabei ist, dass all` diese Prozesse, die im Geist ablaufen, „unterschiedliche Repräsentationen in Form von Bildern sind“.[32] Somit besteht unser Geist als intelligentes System aus Symbolen oder deren Strukturen. Die mentalen Prozesse, die in uns Menschen ablaufen, während wir unser Wissen erweitern oder neues erwerben, werden mit dem Ziel untersucht, die Struktur und die Organisation unseres „Geistes“ zu entschlüsseln und somit das „Wesen der Intelligenz zu verstehen“.[33]

Da unsere Sprache aus Metaphern besteht, ist sie kein fehlerhafter Sprachgebrauch, sondern wie Gerhard Kurz es beschreibt: „Sie ist normaler Sprachgebrauch“, genauer: „Sie ist eine Abweichung vom normalen Sprachgebrauch im normalen Sprachgebrauch“.[34]

Somit widerlegt die kognitiv-linguistische Theorie des Metaphern-Verstehens die traditionellen Annahmen. Hiernach ist die gesamte Alltagssprache nicht wie ursprünglich angenommen ganz und gar wörtlich, sondern auch metaphorisch zu verstehen und die Definitionen in Lexika der Sprache sind auch nicht nur wörtlich. Die Metapher ist also nach neueren Erkenntnissen nicht ausschließlich ein Mittel der Poetik, sondern auch der Alltagssprache.

Metaphern werden also verstanden, um dies zu ermöglichen, erfüllen sie bestimmte kognitive Funktionen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Vertreter der kognitiv-linguistischen Theorie des Metaphernverständnisses die Annahmen der Interaktionstheorie nicht teilen. Für sie besteht keine Wechselwirkung, also gegenseitige Beeinflussung zwischen zwei benannten Bereichen, wie sie noch von Richards und Black vermutet wurde. Die kognitive Linguistik geht davon aus, dass der Zielbereich immer durch den Ursprungsbereich geprägt ist[35], was wiederum die Metapher in den Bereich des Bewusstseins rückt. Einige Thesen der Interaktionstheorie finden sich in der neuen Auffassung wieder, aber die Metapher wird nun als Ausprägung der Verbindung von zwei Konzepten verstanden. Es wird sich eines konkret erfahrbaren Ursprungsbereichs bedient, durch den ein abstrakter Zielbereich besser erschlossen werden kann.[36]

Die kognitive Metapherntheorie betrachtet die Metapher nicht als Ornament der Sprache und als reines poetisches Stilmittel, vielmehr sieht sie sie in Alltags- und Fachsprache eingebunden, gehörend zu deren Bestand. Des Weiteren werden metaphorische Ausdrücke als „sprachliche Realisierung konzeptueller Metaphern“[37] verstanden.

Die drei Hauptgedanken der neuen kognitiven Linguistik formuliert Lakoff folgendermaßen:

1. Der Geist ist inhärent eine Einheit.
2. Denken ist größtenteils unbewusst.
3. Abstrakte Konzepte sind größtenteils metaphorisch.[38]

Sie stehen somit in Opposition zu den folgenden drei traditionellen Behauptungen:

1. Der Geist ist modular organisiert.
2. Denken ist Manipulation mit abstrakten Symbolen.
3. Metaphern sind eine Sache der Sprache, nicht des Geistes. Konzepte

sind Symbole, die Entitäten und Kategorien der Welt neutral

repräsentieren.[39]

Die heute herrschende Sprachansicht spiegelt sich in den Worten Marie-Cécile Bertaus am ausdruckvollsten wider. Sie schreibt 1997, dass:

Menschen […] auf Zeichenbildung angewiesen [sind], auf das Leben von etwas als etwas. […] Durch die auswählende Zeichenbildung wird Wirklichkeit erfasst und ausgedrückt, wird sie für Menschen erlebbar. […] Die Zeichenbildung ist sowohl psychische als auch kommunikative Notwendigkeit.[40]

2. Funktionen und Leistungen von Metaphern

2.1 Leistungen der Metapher

Um die Funktionen von Metaphern beschreiben zu können, sollte man als Erstes ihre Leistungen betrachten, denn sie sind die eigentlichen Wirkungspotenzen, die sich in den Funktionen wieder finden. In der folgenden Übersicht von Marie-Cécile Bertau (1996) werden die verschiedenen Leistungen Sprecher, Hörer und Sprachgemeinschaft zugeordnet:

Sprecher

a) Behebung eines Mangels
b) Beschreibung schwer fassbarer oder unbekannter Dinge
c) Verständlichmachen schwer verständlicher Inhalte
d) Pointierung durch einen reaktiven Sprecher (als Variante von c)
e) Argumentation
f) Herstellung einer Intimität
g) Selbsterklärung
h) Lenkung der Aufmerksamkeit auf die Erfahrung
i) Darstellung der eigenen Person
j) Höflichkeit
k) Spielfreude Hörer
l) Herstellung einer Intimität
m)Verstehen von Neuem oder schwer Fassbarem
n) Gedächtnis
o) Erzeugung eines tieferen Verständnisses des vom Sprecher Gemeinten

(ausgelöst durch Kommunikation über unverstandene Metaphern)

Sprachgemeinschaft

p) Erzeugung einer Gemeinschaft
q) Tabuisierung und Euphemisierung
r) Subversivität
s) Konstruktion einer Realität
t) Ausdruck der sozialen Zugehörigkeit
u) aggressive Durchsetzung von Interessen der Ideologien
v) Überzeugung oder Persuasion[41]

Diese Leistungen finden sich in den ab Punkt 3.2 aufgeführten Funktionen von Metaphern wieder. Diesen verschiedenen Funktionen wohnen unterschiedliche Leistungen inne. In einigen Fällen können aber verschiedene Funktionen gleiche Leistungen beinhalten, was daran liegt, dass die Leistungen von Marie-Cécile Bertau unterschieden werden nach Hörer, Sprachgemeinschaft und Sprecher. Die Funktionen beziehen wiederum ein und dieselbe Leistung aus ihrer jeweils charakteristischen Sichtweise mit ein. Die Leistungen werden im Folgenden durch in Klammern stehende Buchstaben bei der Beschreibung der Metaphernfunktionen kenntlich gemacht.

2.2 Kommunikative Funktionen von Metaphern

Die drei kommunikativen Funktionen von Metaphern nach Ortony und Fainsilber (1987) sind:

1. Expressibilität: Durch sie können Sachen zum Ausdruck gebracht werden, die bei wörtlichem Gebrauch schwer bis gar nicht ausdrückbar wären.
2. Knappheit: Durch sie werden Informationen besonders präzise, also sehr gedrängt übermittelt.
3. Lebendigkeit: Durch sie wird das Lebendigsein der phänomenischen Erfahrungen herbeigeführt.[42]

Umstände, in denen metaphorischer Sprachgebrauch im Sinne dieser kommunikativen Funktionen von Metaphern angewandt wird, sind beispielsweise Situationen, in denen es nötig ist, auf bildhafte Sprache zurückzugreifen, da die Erfassung des Sachverhaltes sonst nur schwer oder gar nicht möglich wäre. Bei der Beschreibung von emotionalen Zuständen greift die Theorie von Ortony und Fainsilber (1975), denn durch den Metapherngebrauch wird auf direkte Weise beschrieben, wie der emotionale Zustand einer gewissen Person ist, während die Beschreibung mit wörtlicher Sprache eine indirekte Art der Beschreibung wäre.[43]

Diese kommunikativen Funktionen der Metapher finden sich vor allem in der in Punkt 3.4 beschriebenen katachretischen Metaphernfunktion wieder, denn sie dienen der Behebung eines Mangels (a) und der Beschreibung schwer fassbarer oder unbekannter Dinge (b).

2.3 Die phatische Metpahernfunktion

Marie-Cécile Bertau (1996) erklärt die phatische Funktion der Metapher mit folgendem Beispiel: In einem U-Bahnhof nehmen vier Personen den Fahrstuhl vom Bahnsteig nach oben zur Bahnhofshalle, da die Rolltreppe außer Betrieb ist. Der Fahrstuhl ist verglast, wodurch die Personen freie Sicht zur Rolltreppe haben. Plötzlich sagt einer der Fahrstuhlinsassen:

Diese Treppe – sie ist faul: sie läuft wann sie will! [nach einigen Sekunden:] Launisch![44]

Die phatische Funktion der Metapher, auch Kontaktfunktion genannt, trägt dazu bei, dass sprachliche Kommunikation zwischen Menschen möglich ist. Durch diese Funktion der Metapher wird Kontakt zwischen Sprachteilnehmern aufgebaut und eine gewisse Intimität geschaffen (f, l, p). Dabei werden laut der Erkenntnisse von Cohen (1978)[45] die Sprachteilnehmer enger zueinander gezogen: „drawn closer to one another“.[46]

Das Beispiel der Rolltreppe zeigt deutlich die Intention der Schaffung einer besseren Atmosphäre. Jeder kennt die Situation, wenn man eingeschlossen, auf engstem Raum mit wildfremden Menschen steht. Einer sieht an die Decke, der andere beobachtet die aufleuchtenden Knöpfe an der Fahrstuhlwand, ein weiterer schaut auf den Boden – es ist Totenstille. Durch die getroffene Aussage über die Rolltreppe bricht eine Person dieses unangenehme Schweigen und lockert die Atmosphäre auf, schafft Gemeinschaft.

Zu den eben genannten Leistungen der Schaffung von Intimität oder aber Gemeinschaft birgt die phatische Funktion der Metapher noch weitere Leistungen in sich. Durch die Verwendung von Metaphern wird bei Interaktionsprozessen ein tieferes Verständnis für das vom jeweiligen Sprecher Gemeinte herbeigeführt (o). Der Hörer versteht hierbei allerdings eine Metapher falsch, vom Sprecher wird also durch den Gebrauch der Metapher kein tieferes Verständnis beabsichtigt. Dennoch wurde diese Wirkung der Metaphernverwendung des Öfteren beobachtet und kann somit als Leistung angeführt werden.[47] Tritt dieses Missverständnis allerdings auf, bedarf es einer Klärung während der bestehenden Kommunikationssituation, denn erst durch diese Klärung tritt der Effekt des tieferen Verständnisses ein. Lösen Hörer und Sprecher das Missverständnis, nähern sich ihre verschiedenen Sichtweisen, also das vom Sprecher Gemeinte und das vom Hörer als gemeint Verstandene, an. Eine weitere Leistung der phatischen Funktion der Metapher besteht darin, Spielfreude (k) zu schaffen. Durch Sprachspielereien[48] mit Metaphern wird in einer Gemeinschaft, zum Beispiel einer geselligen Runde unter Freunden, zwischen Interaktionspartnern eine lockere, lustige und ungezwungene Atmosphäre geschaffen.

2.4 Die katachretische Metaphernfunktion

Der Begriff Katachrese[49] ist griechisch und bedeutet: gebrauchen, verbrauchen, missbrauchen, ist also die uneigentliche Verwendung eines Wortes. Diese wird, so Black, notwendig, wenn:

[die] vorhandenen wörtlichen Hilfsmittel der Sprache nicht mehr ausreichen, um unsere Vorstellungen vom Reichtum der Entsprechungen, gegenseitigen Beziehungen und Analogien zwischen normalerweise voneinander getrennten Bereichen auszudrücken.[50]

Bei der Anwendung einer Katachrese wird durch die somit erfolgte metaphorische Bezeichnung eines Gegenstandes oder Sachverhalts, für den es keine spezifische Bezeichnung gibt, eine sprachliche Lücke geschlossen.

Trotz der durch die Übersetzung der griechischen Bedeutung dieses Stilmittels entstandenen negativen Konnotation (Beigeschmack) dieses Begriffs ist es nicht möglich, sie von dem Metaphernbegriff zu trennen, denn die Grenzen zwischen diesen beiden Begriffen sind fließend. Des Weiteren führt M.-C. Bertau 1997 in ihrem Werk Sprachspiel Metapher an, dass der Wunsch der Trennung dieser beiden Begriffe eher davon ausgeht, dass die Metapher gerne als das gesehen wird, „was um der Schönheit, oder um eines treffenden, intelligenten, erhellenden Ausdrucks willen gewählt wird“ anstelle von „dem, was aus Not geschieht“.[51] Doch trotz der Diskussion um die Zugehörigkeit dieser Stilfigur zu dem Bereich der Metaphern leistet die katachretische Funktion manches. So werden durch sie Mängel behoben (a), wie die fast unmögliche Beschreibung unbekannter oder nur sehr schwer vorstellbarer und ausdrückbarer Dinge (b, m). Durch die Verwendung von Metaphern wird somit das Verständnis erleichtert und eine einfachere Kommunikation über diese Dinge ermöglicht, denn:

Die eigentliche Funktion der Metapher besteht darin, die Sprache zu erweitern, zu sagen, was man mit den wörtlichen Bedeutungen allein nicht sagen kann.[52]

Ein Beispiel dafür wäre die längst lexikalisierte Metapher der Motorhaube. Um 1900 galt es, dieses noch unbenannte Ding ohne Namen zu bezeichnen.[53] Natürlich wurde die neue Bezeichnung an bereits existierende Begriffe für Dinge mit ähnlicher Funktion angelehnt. Heute denken wir natürlich nicht mehr an eine Haube, den Kopfschutz, wenn wir den Begriff Motorhaube hören. Aber es ist tatsächlich nicht viel mehr als eine Haube im ursprünglichen Sinn, nur würde man es heute mit den Worten ein Deckel, der den Motor schützt umschreiben. Mit der Bezeichnung wurde eine Lücke im Benennungsgefüge der Sprache geschlossen. Das Gleiche gilt für die Bezeichnung Wolkenkratzer für ein sehr hohes Gebäude. Heute ist auch dieser Begriff durch den häufigen Gebrauch längst lexikalisiert und die Bildlichkeit verblasst.[54]

(Für nähere Erläuterungen zur Lexikalisierung siehe Punkt 3.)

2.5 Die epistemische Metaphernfunktion

Die Epistemologie ist die Lehre von der Erkenntnis. Das Erfassen, Verstehen und Erkennen bilden die Grundlage der epistemischen Funktion der Metapher. Durch sie werden die in Punkt 3.2 erläuterten schwer vorstellbaren oder unbekannten Dinge erst richtig zugänglich gemacht (g,b,m). Durch das Erkennen der Bedeutung einer Metapher entwickelt der Mensch eine Gedächtnisstütze, die es ihm ermöglicht, den beschriebenen Aspekt des jeweiligen Dinges zu behalten. Auch die Sprachphilosophen Lakoff/Johnson (1980) führen diese Funktion der Metapher noch heute an, denn sie spielt auch in der Kognitionswissenschaft eine wichtige Rolle, um die kognitive und erkenntnistheoretische Funktion der Metapher zu entschlüsseln.

2.6 Die illustrative Metaphernfunktion

Die Veranschaulichung oder Verdeutlichung des vom Sprecher Gemeinten erfolgt oftmals durch den Einsatz von Metaphern. Hierbei kann der Wunsch nach Verdeutlichung verschiedene Gründe haben. Zum einen ist es möglich, dass der Sprecher seinem Zuhörer einen schwierigen Sachverhalt leichter zugänglich machen möchte oder genau anders herum, dass der Hörer das vom Sprecher Gesagte in einer einfacheren Metapher zusammenfasst, um dem Sprecher zu zeigen, wie er dessen Ausführungen verstanden hat (c,d). Dies kann auch als Rückversicherung gemeint sein, um sicher zu gehen, dass die Ausführungen des Sprechers richtig verstanden wurden. Ein Beispiel für die illustrative und damit veranschaulichende Funktion der Metaphern ist das folgende:

Das Beispiel des Sandwich s als Metapher für die Struktur der Elementarmembran der Zelle wird benutzt, um einen Hinweis auf die strukturelle Analogie, die zwischen beiden Begriffen besteht, zu liefern. Wie beim Sandwich liegt auch im Fall dieser Zellmembran zwischen zwei Schichten aus gleichem Material eine Schicht aus einem anderen Material. Ist die Reihenfolge beim Sandwich Brot – Belag – Brot, so ist sie bei der Struktur der Elementarmembran Eiweiß – Fett – Eiweiß.[55]

Hier wird eine Metapher benutzt, um eine theoretische Konstruktion der Wissenschaft vereinfacht zu erklären, so dass sie besser erschlossen werden kann. Der Sprecher erklärt mit der Metapher als alltagssprachlichen Ausdruck nicht zwingend etwas Neues, normalerweise versteht der Sprecher etwas, hier eine wissenschaftliche Konstruktion, das er nun seinem Zuhörer mit Hilfe einer Metapher verständlich machen möchte. Diese Art des Erklärungsversuchs mit der Folge des Metapherngebrauchs passiert immer wieder in Kommunikationssituationen, in denen der Sprecher einen passenden Ausdruck oder eine treffende Beschreibung sucht.[56] Durch den Metapherngebrauch wird das Vorstellungsvermögen des Hörers geweckt, als Resultat sieht er den beschriebenen Sachverhalt vor seinem geistigen Auge und versteht nun, wie z.B. im oben beschriebenen Sandwich-Modell, ein wissenschaftliches Abstraktum besser.

Das massive kreative Potential der Metapher zeigt sich auch im Folgenden. Als sich zum Beispiel 1970 die neueste metaphorische Konzeptualisierung von Elektrizität als Flüssigkeit verbreitete, schien dies das Vorstellungsvermögen anzuregen und somit das Verständnis zu erleichtern. Die Idee, diese Flüssigkeit auf Flaschen zu ziehen, führte zur Erfindung der Leidener Flasche, einer Vorform des Kondensators. Erst die Konzeptualisierung ermöglichte diesen Entwicklungs-Erfindungs-Prozess.[57]

In diesem Beispiel bringt der Metapherneinsatz eine ganz neue Einsicht hervor. Aus dem Strom als großem Fluss wurde zur Illustration und zum besseren Verständnis der elektrische Strom. Eine theoretische Konstruktion der Wissenschaft wurde durch Metaphorisierung vereinfacht erklärt, so dass sie besser erschlossen und genutzt werden konnte. Außerdem prägen sich Metaphern viel besser ein und werden somit zu einer Gedächtnisstütze.[58]

Wird nicht argumentiert, nimmt die Metapher in Gesprächen eine einfache Form der Illustration ein. Das heißt, dass nun eher allgemeine, keine schwer zugänglichen Sachen erklärt werden.

2.7 Die argumentative Metaphernfunktion

Bei der argumentativen Funktion der Metapher wird laut Vogt-Hülzer (1991) die veranschaulichende Metapher als „Argumentationsstrategie“[59] (e) benutzt. Das heißt, dass die Metapher bereits bei der Intention und später beim Erfassen als Argument verstanden wird. Dies gilt besonders, wenn es darum geht, bestimmte Interessen durchzusetzen oder mit Hilfe von Metaphern zu beeinflussen. Das, was bei der veranschaulichenden Metapher als Verdeutlichung gemeint war, wird bei der argumentativen Funktion in ein Absolutes umgekehrt. Der Konflikt ist dadurch vorprogrammiert.

Die politische Metapher kann durchaus der argumentativen Metaphernfunktion zugeordnet werden. Denn durch sie wird unter anderem in politischen Reden versucht, die gewollte oder selbst eingenommene Einstellung an die Rezipienten zu übermitteln. Es wird also versucht, Einfluss auf die Perspektive der Rezipienten zu nehmen, mehr noch, Einstellungen zu bilden (u,v). Hierfür gibt es verschiedene Beispiele. Gerhard Kurz (1993) führt die Schiffsmetaphorik als eine immer wieder genutzte bildliche Sprache in politischen Reden, in denen es um Krisenbewältigung geht, an,

denn sie beschwört Ordnung, Autorität und Einheit gegen die Gefahr des Untergangs: wir sitzen alle in einem Boot. Wer sich nicht an diese Ordnung mit ihren festen Positionen und Hierarchien […] hält, der gefährdet alle.[60]

Der Staat wird als Ordnungsgefüge dargestellt, in dem jedes Mitglied den ihm zugeschriebenen Platz einnimmt, Entscheidungen werden nicht durch Argumentation oder Übereinstimmung getroffen. Ein weitaus negativeres Beispiel für persuasive politische Metaphern zum Zwecke der Anstiftung zur Gewalt ist die des Krebsgeschwür[s] zur Bezeichnung von Juden in der antisemitischen Rhetorik: „Der Jude soll nicht mit Krebsgeschwür verglichen, sondern genau so erlebt werden“.[61] Weitere Bezeichnungen der Juden als zum Beispiel „Parasiten“[62] schafften Vorurteile, stifteten ebenfalls zu Gewalt an und verbreiteten Angst und Schrecken. Die Bezeichnung des Parasiten gehört unter anderem zu der im Zweiten Weltkrieg von den Nazis oft benutzten Krankheitsmetaphorik.[63]

2.8 Die sozial-regulative Metaphernfunktion

Der gesellschaftliche Aspekt des Miteinanderredens wird durch die sozial-regulative Funktion der Metapher in ein Gefüge gebracht. Benutzt der Sprecher private Metaphern, fühlt er sich als Individuum in seiner Einzigartigkeit bestätigt und grenzt sich zusätzlich von anderen ab. Das dadurch herbeigeführte Resultat der Selbsterklärung (g) ist der erste wichtige Fakt der sozial-regulativen Metaphernfunktion.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Sprachspiel, bei dem die Kommunikationspartner Sprache unter anderem als Mittel des Kampfes und zur Hervorhebung der eigenen Person einsetzen. Das heißt, dass mit Hilfe des Metapherngebrauchs die jeweilige Rolle der Kommunikationspartner in der Gesellschaft festgelegt und somit auch das Verhältnis der beiden reguliert wird (k). Hier spielt natürlich auch die Leistung der eigenen Darstellung (i) mit hinein. Befindet man sich in einer geselligen Runde, kommt die soziale Zugehörigkeit dazu (t).

Der sozial regulierende Metapherngebrauch birgt zusätzlich die Leistung der Höflichkeit (j) in sich, welche das Verhältnis der Interaktanten zueinander reguliert, denn durch sie wird versucht, Konflikte zu vermeiden. Hierbei wird die Leistung der Tabuisierung und Euphemisierung (q) einbezogen. Sie legt fest, wie weit der Sprecher gehen darf und was lieber ungesagt bleibt, um das Zusammenleben nicht zu gefährden. Nur die subversive Metapher setzt sich über diese Art Selbstschutz hinweg. Sie versucht, die akzeptierte Realität der Gemeinschaft zu verändern, eine neue zu erschaffen, ohne Rücksicht auf die entstandenen sozialen Beziehungen, welche dadurch gestört werden. Trotz des negativen Aspekts der Störung des sozialen Gleichgewichts birgt die subversive Metapher auch Positives in sich, denn ihre Verwendung trägt dazu bei, die Konflikte auch wirklich auszuhandeln und Entscheidungen kritisch zu überdenken (r).

Ein Beispiel dafür findet sich im so genannten Flüsterwitz des Dritten Reiches. Hier konnten die Sprecher zynisch Kritik über die Regierung oder andere Vorstellungen als die der Vorherrschenden äußern, ohne mit schwerwiegenden Folgen rechnen zu müssen.

3. Metaphorische Einheiten

3.1. Einwortmetaphern

Unsere Sprache ist dynamisch, also ständig im Wandel. Neue Worte kommen hinzu, andere verschwinden und bei einigen Worten verändert sich im Laufe der Zeit die Bedeutung. Im Folgenden werden die usuelle, lexikalisierte metaphorische Bedeutung von Einwortlexemen und die okkasionelle metaphorische Bedeutung unterschieden. Die letztgenannte ist eine bewusste, einmalige und kontextabhängige Bedeutungsveränderung und wird in bestimmten Situationen gebildet, in denen sie sich dann auf ein Referenzobjekt bezieht.[64] Okkasionelle Metaphern geben Anlass zum Nachdenken.[65] Es ist viel Deutungsarbeit nötig, um sie zu verstehen, denn sie sind innovative Schöpfungen des Produzenten. Hier tritt das Wesen der Metapher am deutlichsten zutage (Vgl. Punkt 3). Folgende Beispiele aus dem Korpusmaterial verdeutlichen dies:

Tageszeitung:

Text 3: Den Ausführungen Fitzeks habe er nicht viel hinzuzufügen, bestätigte Kiels Trainer nach der kuriosen Handball-Achterbahnfahrt mit Happyend.[66]

Text 3: Mit dem 22:20 (11:7) (…) schaffte der THW Kiel am Sonnabend zwar den, von seinem Anhang erhofften Erfolg, und nahm auf der Tabellenleiter weitere Stufen nach oben […].[67]

[...]


[1] Vgl. www.dhb.de vom: 10.03.2004.

[2] Wittgenstein In: Kurz 1993, S. 7.

[3] Kallmeyer 1974, S. 161.

[4] Metapher: aus dem Griechischen > metaphérein / anderswohin tragen <; > metaphorá / Übertragung < Quelle: Duden deutsches Universalwörterbuch A-Z 1993.

[5] Aristoteles In: Bertau 1996, S. 61.

[6] Aristoteles: Poetik, 1457b, übersetzt von Manfred Fuhrmann 1982.

[7] Aristoteles, Rhetorik, III, 2, 1404b-1405a, S.170-171.

[8] Erläuterungen dazu: Kurz 1993, S. 8f.

[9] Vgl. ebd. S. 8f.

[10] Vgl. Kurz 1993, S.12.

[11] Die Metapher zählt also nach Auffassung der Substitutionstheorie zu den so genannten Tropen: Wortersatzfiguren

[12] http://www.ac.wwu.edu/~market/semiotic/lkof_met.html. am: 05.03.2004.

[13] Vgl. Frieling 1996, S. 19ff.

[14] Lakoff 1998, S. 11.

[15] Lakoff 1996. In : http://www.ac.wwu.edu/~market/semiotic/lkof_met.html. am: 03.02.2004.

[16] Frieling 1996, S. 24.

[17] Richards In: Pohl 2002, S. 108.

[18] Ein neuer theoretischer Ansatz des Metaphernverstehens: Black. In: Haverkamp 1996, S. 379-413.

[19] Black In: Bertau 1996.

[20] Black In: Haverkamp 1996, S. 395.

[21] Kurz 1993, S. 13f.

[22] Vgl. Pohl 2002, S. 109-110.

[23] Richards 1996, S. 33.

[24] Vgl. Liebert 1992, S. 12.

[25] Sie definieren den Begriff Metapher folgendermaßen: „There are also complex gestalts, which are structured partially in terms of other gestalts. These are what we have been calling metaphorically structured concepts“ Lakoff & Johnson 1980, S. 85.

[26] Lakoff & Johnson 1998, S. 14.

[27] Lakoff & Johnson 1980.

[28] Aus Platzgründen wird im Folgenden nur eine kurze Charakterisierung der wichtigsten Punkte der kognitiv-linguistischen Theorie erfolgen. Eine Übersicht über die kognitive Linguistik im Allgemeinen bietet Radden 1992.

[29] Lakoff/Johnson 1998, S. 11.

[30] Lakoff & Johnson 1998, S. 11.

[31] Frieling 1996, S. 19f.

[32] Frieling 1996, S.19.

[33] Frieling 1996, S.19.

[34] Kurz 1993, S.17.

[35] die metaphorische Projektion ist also „unidirektional“

[36] Vgl. Pohl 2002, S. 111.

[37] Jäkel 1997, S.41. Erläuterungen dazu in Punkt 5.

[38] Pohl 1999, S. 245.

[39] Römer In: Pohl 1999, S.245.

[40] Bertau 1997, S. 7.

[41] Bertau 19976, S. 230f.

[42] Vgl. Bertau 1997, S. 219.

[43] Ebd., S. 218.

[44] Bertau 1996, S. 236.

[45] Ted Cohen entwarf das Konzept der Herstellung einer Intimität, er fragte explizit „nach dem

Warum des Metapherngebrauchs“ mehr dazu In: Bertau 1997, S. 220.

[46] Vgl. Bertau 1996, S. 232.

[47] Als Beleg dazu dienen die Gesprächsanalysen von Hülzer-Vogt 1991.

[48] Der Begriff Sprachspiel wurde von Wittgenstein geprägt um »hervor[zu]heben, dass das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform«: dass sprachliche Äußerungen nur Sinn haben im Rahmen eines bestimmten »Spiels«, eines Handlungszusammenhangs. Quelle: Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2001.

[49] Stilfigur der antiken Rhetorik

[50] Bertau 1996, S. 217.

[51] Bertau 1996, S. 233.

[52] Henle In: Bertau 1996, S. 218.

[53] Eine lexikalische Leerstelle zu füllen

[54] Vgl. Kurz 1993, S. 18.

[55] Vgl. Scholz 1983, S. 30.

[56] Vgl. Bertau 1996, S. 219.

[57] Jäkel 1997, S. 36.

[58] Vgl. Scholz 1983, S. 30.

[59] Bertau 1996, S.234.

[60] Kurz 1993, S. 25.

[61] Kurz 1993, S. 26.

[62] Ebd. 1993, S. 26f.

[63] Vgl. Pohl 1998, S. 200.

[64] Vgl. Ewald In: Pohl 1999, S. 223.

[65] Ebd. S. 223.

[66] Anhang. Tageszeitung. Text 3, S. 95.

[67] Ebd. S. 95.

Details

Seiten
117
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638322447
ISBN (Buch)
9783638820851
Dateigröße
5.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v31161
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Germanistik
Note
2,3
Schlagworte
Metapherngebrauch Sportberichterstattung Printmedientexten

Autor

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Titel: Zum Metapherngebrauch bei der Sportberichterstattung in Printmedientexten