Lade Inhalt...

Ultras im Fußball. Die unterschiedliche Wahrnehmung der Fans von Gesellschaft und Experten

Hausarbeit 2015 35 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG

2. EINFÜHRUNG IN DIE THEMATIK
2.1. Entstehung des Fußballs
2.2. Jugendkulturen
2.3. Entstehung der Ultra-Szene
2.4. Ultras in Deutschland
2.4.1. Eigenschaften und Interessen der Ultras
2.4.2. Feindbilder der Ultras

3. UNTERSUCHUNG ZUR WAHRNEHMUNG DER ULTRAS
3.1. Methoden
3.2. Ergebnisse

4. SCHLUSS

5. QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS
5.1. Literatur
5.2. Internetquellen:

6. ANHANG

1. Einleitung

In den Tagen nach den Rückspielen der Sechszehntelfinale in der Europa League am 26. Februar 2015, wurde die Berichterstattung in den Medien von Ausschreitungen und Gewalt der Fans dominiert. Durch Krawalle und Festnahmen in Rotterdam, An- griffe auf türkische Fans in Neapel und einen Platzsturm in Kiew wurde das sportliche Geschehen auf dem Rasen von der Presse zur Nebensache erklärt (vgl. Wöckener 2015). In der Sportberichterstattung spielt die Gewalt bei den Veranstaltungen auch in Deutschland eine immer größer werdende Rolle. Im Mittelpunkt steht hier zumeist der Fußball, da er als Volkssport Nummer eins in Deutschland die größte Aufmerksamkeit erlangt.

Lediglich ein kleiner Teil der Fußballfans tritt durch ein aggressives Auftreten in den Vordergrund und der größte Teil der Bevölkerung ist sich dieser Tatsache wohl be- wusst. Dadurch stellt sich die Frage, wer die Krawallmacher sind, die einen friedlichen Ablauf vor, während und nach den Spielen verhindern? Die Antwort der Medien lautet oftmals ‚Hooligans‘. Durch die Gruppierung ‚HoGeSa‘ (Hooligans gegen Salafisten) traten diese in Deutschland in der jüngsten Vergangenheit wieder in Erscheinung. In Köln marschierten Ende Oktober 2014 etwa 5.000 Hooligans durch die Innenstadt. Dabei randalierten sie, bedrohten Passanten und verletzten 49 Polizisten (vgl. Speit 2014).

In den deutschen Fußballstadien sind die Hooligans als Gruppen jedoch seit den 80er Jahren, spätestens seit den 90er Jahren laut Fan-Experten nicht mehr anwesend. Den- noch kommt es auch in Deutschland im Rahmen der Fußballspiele immer wieder zu Ausschreitungen und Gewalt. Die Öffentlichkeit sieht die seit den 90er Jahren aktiven Ultras in der Schuld für diese Entwicklung. Die Jugendkultur der Ultras hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Stimmung in den Stadien zu verbessern. Akustisch und visuell wird die Mannschaft auf dem Rasen von den Rängen aus unterstützt. Durch die Riva- lität zu anderen Vereinen und deren Gruppierungen kommt es hierbei auch zu Ausei- nandersetzungen und anderen Regelverstößen. Eben diese Taten der Ultras erlangen die Aufmerksamkeit der Medien und somit der Öffentlichkeit. Die Grenzen zwischen Ultras und Hooligans scheinen, zumindest in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit, zu verschwimmen.

Es stellt sich die in der Arbeit am Anfang zu beantwortende Frage, was sich hinter dem Begriff ‚Ultras‘ verbirgt. Was sind die eigentlichen Intentionen und Interessen der Gruppen, was sind ihre Eigenschaften und wie entstand die relativ junge Jugendkultur?

Weiter wird die Frage behandelt, ob die als einseitig wahrgenommene Berichterstat- tung über die Ultras zu einem negativen Bild der Gruppe in der Bevölkerung führt. Werden Jugendkulturen generell häufig kritisch gesehen, scheint dies bei den Ultras sehr ausgeprägt zu sein. Um dies zu beantworten wurde eine Onlineumfrage durchge- führt, die nach verschiedenen Eigenschaften der Ultras fragt. Zeitgleich wurde die glei- che Befragung von Experten aus dem Profifußball beantwortet. Das Ziel war die Her- stellung eines Vergleichs, um Abweichungen, bzw. Übereinstimmungen zwischen den Onlinebefragten und den Experten auszumachen. Die Forschungsfrage lautet somit: Wie ist die Wahrnehmung der Ultras aus Sicht der Bevölkerung gegenüber der von Experten aus dem Profifußball? Es wird davon ausgegangen, dass die Bevölkerung die Jugendgruppe negativer beurteilt als die Experten.

Die Literaturlage zu dem Thema kann als ausreichend bezeichnet werden. Erst in den vergangenen Jahren rückte die Thematik in den Fokus der Wissenschaft, speziell der Sozialwissenschaften. Als besonders empfehlenswert seien hier die Werke von Gunter A. Pilz sowie von Fanforscher Jonas Gabler zu nennen, die einen sehr guten Überblick der Jugendgruppe geben und einen leichten Einstieg in das Thema ermöglichen.

Die Arbeit beginnt mit einer Einführung in die Thematik. Darauf folgt das Kapitel zur Untersuchung, wo die Methode vorgestellt wird und anschließend die Ergebnisse präsentiert werden. Im Schlussteil werden die Erkenntnisse der Arbeit zusammengefasst dargelegt und weiterführende Forschungsfragen aufgeworfen.

2. Einführung in die Thematik

Für das weitere Verständnis werden im Folgenden die wichtigsten Grundlagen dargelegt. Neben der Entstehung des Fußballs und der Verbreitung in Deutschland wird der Begriff der Jugendkultur erörtert. Darüber hinaus gibt es einen Einblick in die Entstehung der Ultras sowie Merkmale, Eigenschaften und Interessen der deutschen UltraGruppierungen. Weiter werden die Feindbilder der Ultras ausführlich beschrieben, um den Charakter der Jugendkultur besser darzustellen.

2.1. Entstehung des Fußballs

Da der Gegenstand dieser Arbeit die Ultras im Fußball sind, ist es unumgänglich die Entstehung sowie die deutsche Entwicklung des Massensports in aller Kürze darzule- gen.

Fußball in seiner ursprünglichsten Form wurde schon vor über tausend Jahren in China und von den Mayas gespielt. Auch andere Kulturen praktizierten verschiedene Vor- formen des heute populären Breitensports. Der Ursprung des heutigen Spiels wird in England gesehen, wo es bereits im 10. Jahrhundert gespielt wurde (vgl. Brändle/Koller 2002: 21). Die erste den Fußball betreffende schriftliche Quelle stammt aus dem Jahr 1314, als der Bürgermeister von London den Sport verboten hat. Grund waren die Ausschreitungen während der Spieltage. Der Sport war im 14. Jahrhundert sehr unge- regelt und brutal. Schwere Verletzungen wie Knochenbrüche waren keine Seltenheit. Hunderte Menschen spielten in Form von zwei Dorfgemeinschaften oder Städten ge- geneinander. Das Feld war mehrere Hundert Meter - teilweise mehrere Kilometer - lang, ein Spiel konnte bis zu mehr als sechs Stunden dauern und als Tore dienten Marktsteine oder Stadttore. Zu dieser Zeit war die Sportart noch deutlich der Arbeiter- klasse, den Bauern und den Gesellen zuzuordnen. Die Oberklasse blieb dem Ereignis fern (vgl. König 2002: 8).

Die Revolution für den Fußball begann zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Ober- schicht führte den Fußball an den elitären Public Schools ein und zwischen 1830 und 1863 kam es zur Regelung des Sports. Fußball entfernte sich immer weiter vom Rugby1 und spätestens mit der Gründung der Football Association (FA), der älteste Fußball-Verband der Welt, 1863, wurde die Trennung der beiden Sportarten abge- schlossen und ein grundlegendes Regelwerk herausgebracht (vgl. König 2002: 9). Als Massenspektakel kehrte das Spiel zur Arbeiterklasse zurück, die Elite wandte sich vom Fußball ab und exklusiveren Sportarten, wie z.B. Golf zu (vgl. Sommerey 2010: 28).

Nach Deutschland kam der Sport Mitte des 19. Jahrhunderts durch Kaufleute und Stu- denten. Die Verbreitung in der Gesellschaft geschah zu Beginn sehr langsam und erst 1900 wurde der Deutsche Fußball Bund (DFB) gegründet. Verfolgten 1903 gerade einmal 1.500 Zuschauer das Pokal-Endspiel, waren es 1922 über 58.000 Zuschauer, die sich das Spiel um die Meisterschaft vor Ort im Stadion anschauten. Spätestens seit den 1920er Jahren begann der Fußball sich in Deutschland immer weiter zu etablieren und zum Volkssport Nummer eins zu werden (vgl. König 2002: 9).

Nach dem zweiten Weltkrieg setzte sich die Begeisterung und Verbreitung des Fuß- balls in Deutschland fort. Das Spiel bot Ablenkung vom Alltag in einer orientierungs- losen Gesellschaft und erreichte ihren ersten Höhepunkt, als die Nationalmannschaft 1954 Weltmeister geworden ist. Der zweite Höhepunkt folgte 20 Jahre später mit dem Gewinn der zweiten Weltmeisterschaft 1974 (vgl. Dembowski 2004: 15f). Zu dieser Zeit gab es allerdings auch Rückschläge auf nationaler Ebene. Durch die ökonomische Entwicklung, speziell die finanzielle Professionalisierung und Vermarktung, konnten sich viele Fans nicht mehr mit ihrem Verein identifizieren. Hinzu kamen gewalttätige Ausschreitungen in Verbindung mit Fußballspielen. Diese Faktoren sorgten für einen Rückgang an Zuschauern (vgl. Schulze-Marmeling 1995: 17f.). In den vergangenen vier Jahrzehnten kam es jedoch wieder zu einer enormen Steigerung der Zuschauer- zahlen. Von 6.794.100 Zuschauern in der 1. Bundesliga in der Saison 1973/1974 voll- zog sich ein Anstieg auf 13.311.145 in der vergangenen Saison 2013/2014 (vgl. Abb. 1). Heute ist der Fußball in Deutschland so populär wie nie und ein Rückgang der Beliebtheit ist nicht in Sicht.

2.2. Jugendkulturen

ÄJugendkulturen sind - zumindest für den Kern der Aktiven - Orte der Ent- wicklung und Förderung von Kreativität, Medien- und Kommunikationskom- petenz - und damit letztendlich von Selbstbewusstsein.“ (Farin 2006: 83).

Diese Definition Klaus Farins galt nicht immer. Im Mittelalter wurden Kinder und Jugendliche als ‚kleine Erwachsene‘ gesehen. Die Jugend wurde als Überleitung zum Erwachsenenalter wahrgenommen und nicht als eine eigene Phase der Entwicklung und Identitätsbildung. Zur Umwandlung der Jugend kam es erst mit der Umgestaltung der allgemeinen Gesellschaft. Mit der Transformation von der mittelalterlichen, agra- risch geprägten Ständegesellschaft zu einer modernen Industriegesellschaft, wurde die Jugendphase eingeleitet (vgl. Bauer 2010: 27). In Deutschland entstand die Jugend als Lebensphase für Heranwachsende mit dem Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Daraus resultierte die ÄEntwicklung eines eigenständigen kulturellen Jugendlebens, das wir heute Jugendkultur nennen“ (Villányi/Witte/Sander 2007: 11). Von ‚der einen‘ Jugendkultur zu reden ist jedoch durch die enorme Diversität der Gruppen und Szenen kaum angemessen. Der Überbegriff Jugendkultur ist somit bestenfalls als großer Sam- melbegriff für ein Konglomerat von verschiedenen individuellen Kulturen der Jugend geeignet.

Was die verschiedenen Jugendkulturen (im Folgenden auch Szenen genannt) gemein haben, ist die vorhandene Clique/Peergroup. Für den größten Teil der Jugendlichen ist ein Leben ohne Freunde und Freundinnen, ohne die Clique, nicht denkbar. Zeit mit der Gemeinschaft zu verbringen bedeutet eine Auszeit von den Anforderungen der Gesell- schaft, der Schule, der Arbeit, der Eltern etc. Für diese Stunden ist der Heranwach- sende auf bestimmte Art und Weise frei. Weiter erfahren die Jugendlichen in ihrer Gruppe Respekt, den sie im Alltag auf diese Weise von älteren Personen oft vermissen (vgl. Farin 2006: 80f.).

Der erste Kontakt und somit der Weg zum Einstieg in eine Szene erfolgt meist über schon vorhandene soziale Kontakte. Geschwister, Freunde, Mitschüler oder Kollegen gehören der Szene schon an und wecken die Neugier bei potentiellen neuen Mitglie- dern. Wer einer Szene angehören will, muss gerade zu Beginn viel Zeit investieren. Die Stile der Jugendkulturen basieren meist auf einem komplexen System von unge- schriebenen Regeln und Verhaltensvorschriften, die annektiert werden müssen (vgl. Farin 2006: 84).

2.3. Entstehung der Ultra-Szene

Die Ultra-Szene entstand Mitte der 60er Jahre in Italien aus einer linksgerichteten Protestbewegung heraus. Inspiriert wurde diese durch studentische Proteste und die Arbeiterbewegung. Auf Bannern brachten die jugendlichen Fans in den Fußballstadien ihre Meinung gegen die soziale Ungerechtigkeit im Land zum Ausdruck. Später folgten bengalische Feuer, Megaphon, Doppelhalter2, Fahnen und Choreographien, die bis heute Bestandteil der Ultra-Kultur sind (vgl. Sommerey 2010: 53).

Der Ursprung des Begriffs ‚Ultra‘, der sich über die Italienische Grenze hinaus etab- liert hat, ist nicht eindeutig festzumachen. Es wird davon ausgegangen, dass der Aus- druck auf Anhänger des AC Torino, eines italienischen Fußballvereins, zurückgeht.

Diese Fans waren nach einer Niederlage so wütend, dass sie den Schiedsrichter bis zum Flughafen verfolgten. Ein italienischer Reporter bezeichnete dieses Verhalten als ‚ultrj‘, zu Deutsch ‚extrem‘ (vgl. Thein/Linkelmann 2012: 27-28).

Ende der 60er Jahre entstanden fortwährend weitere Ultra-Gruppen. Waren diese zu Beginn der Szene in der Regel linksgerichtet, entstanden in den 70er Jahren immer mehr Gruppen, die sich zu faschistischen und rechten Ideologien bekannten. In Folge dessen kam es häufiger zu sportlich oder politisch motivierten Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen. Die Ultras erlangten auch Einfluss auf die Vereinspolitik. Die- ser nahm in den 90er Jahren so stark zu, dass zum Teil selbst der Ordnungsdienst in der Kurve von einzelnen Gruppen kontrolliert wurde. Heute sind in Italien mehr als 445 registrierte Ultra-Gruppen mit insgesamt mehr als 74.000 Mitgliedern bekannt (vgl. Thein/Linkelmann 2012: 28).

2.4. Ultras in Deutschland

Das Bild der Fankurven in deutschen Stadien wird seit mehr als 15 Jahren von der Jugendkultur der Ultras bestimmt. Die Eigenschaften und allgemeinen Interessen der Gruppen werden im Folgenden dargelegt.

2.4.1. Eigenschaften und Interessen der Ultras

Ziel der verschiedenen Gruppen ist es, die Stimmung im Stadion zu verbessern. Durch den Einsatz eines Vorsängers (‚Capo‘) mit Megafon werden die Fangesänge koordi- niert. Große Aufmerksamkeit erreichen die Ultras neben den Gesängen durch ihre Sichtbarkeit. Diese zeigt sich durch aufwändige Choreografien, Doppelhalter, große Fahnen sowie Rauchbomben und bengalische Feuer (vgl. Gabriel 2010: 49).

Die deutsche Ultra-Kultur entstand Mitte der 1990er Jahre und ihr Ursprung ist in den südeuropäischen Staaten, primär im Ursprungsland Italien zu verorten. Zu einer Zeit, in der die Stimmung in den deutschen Stadien immer schlechter wurde, brachten ‚Groundhopper‘3 ihre Erfahrungen und Erlebnisse aus den Stadien der südlichen Län- der nach Deutschland mit. Daraufhin schlossen sich deutsche Fans zusammen, um die Stimmung wiederherzustellen. Die Ultras grenzten sich vom Hooliganismus der 80er und 90er Jahre ab und auch die Kuttenfans4 wurden abgelehnt (vgl. Thein/Linkelmann 2011: 31).

Die Zusammensetzung der Ultra-Gruppen ist sehr heterogen, die Mitglieder setzen sich aus Schülern, Studenten, Auszubildenden und Arbeitenden zusammen. Das Durchschnittsalter der zumeist männlichen Ultras liegt zwischen 15 und 25 Jahren (vgl. Sommerey 2010: 79). Für die Jugend sind die Ultras durch ihr einheitliches sowie selbstbewusstes Auftreten besonders attraktiv. In der Ultra-Szene finden die Mitglie- der Raum für Kreativität, Emotionen, Bewegung und Wildheit (vgl. Kathöfer/Kott- haus/Willmann 2013: 48). Die Anzahl an Personen in Deutschland, die einer Ultra- Gruppe angehören, kann nicht verlässlich angegeben werden. Schreibt Pilz 2006 von ca. 7.000 Ultras im Profibereich (vgl. Pilz/Wölki 2006: 71), nennt ein Zeitungsbericht von 2011 Ämindestens 25.000 Ultras in Deutschland“ (Stoldt 2011). Diese Diskrepanz ist auch nicht durch den Zeitraum zwischen den Veröffentlichungen zu erklären. Ver- lässliche Zahlen lassen sich nicht finden, da die Ultras keinen eingetragenen Vereinen o.ä. angehören, es handelt sich um inoffizielle Mitgliedschaften.

Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte durchliefen die deutschen Ultras eine Entwick- lung, die einen großen Unterschied zu den italienischen Ultras hervorbrachte. Sind in Italien politische Positionen innerhalb der Ultra-Gruppierungen bis heute wichtig, steht in Deutschland der Support, die Unterstützung der Mannschaft im Vordergrund. Von allgemeiner Politik distanziert sich heute ein Großteil der Gruppen (vgl. Thein/Linkelmann 2011: 65). Darin liegt eine notwendige Differenzierung zwischen Ultras und Hooligans, da sich die Hooligans in jüngster Vergangenheit stark radikali- siert haben. HoGeSa und andere Vereinigungen bekannten sich öffentlich zur rechten Szene. Der Politikwissenschaftler Richard Gerhardt betont, dass dies schon früher ein Konfliktpunkt zwischen den Gruppen war. Wurden die Hooligans früher, gerade in Nordrhein-Westfalen, durch antirassistische Ultra-Gruppierungen in den Stadien zu- rück gedrängt, kam es 2013 in Aachen, Duisburg, Dortmund und Braunschweig zu Angriffen von Hooligans auf Ultras, die sich antirassistisch engagierten (vgl. ardme- diathek.de 2015). In den vergangenen Jahren lässt sich somit eine Politisierung in die- sem Bereich feststellen. Der Großteil der deutschen Ultras bezeichnet sich dennoch als unpolitisch.

Die Ultras selbst sehen sich in der Fanszene als kritischsten Part und Bewahrer der Tradition. Ein zentraler Kritikpunkt ist die Kommerzialisierung des Sports. ÄSie sehen ihren Sport in den Fängen von ‚Geschäftemachern‘, für die Fans nur noch ‚Kunden‘ seien, die nach allen Regeln der Kunst ausgenommen werden müssen“ (Hinter- meier/Rettberg 2006: 259). Somit spielt die Unabhängigkeit vom Verein für die Ultras eine große Rolle. Einhergehend mit der Ablehnung der Kommerzialisierung werden die Choreografien durch Spenden sowie Mitgliedsbeiträge selbst finanziert und Mer- chandising Artikel des Vereins größtenteils abgelehnt. Die Ultras designen ihre eigene Fankleidung mit Symbolen und Grafiken der jeweiligen Gruppe (vgl. Gabriel 2010: 49).

Eine eindeutige Definition der deutschen Ultra-Kultur ist, trotz der oben genannten allgemeinen Eigenschaften, durch die starke Heterogenität der einzelnen Gruppen in Deutschland nicht möglich. Gerade bei Streitfragen, z.B. der politischen Ausrichtung (links, mitte, rechts oder unpolitisch), gehen die Meinungen und Einstellungen der Gruppen zum Teil stark auseinander. Daher vertreten Pilz und Wölki die Auslegung, dass folgende Elemente den kleinsten gemeinsamen Nenner der deutschen Ultras dar- stellen: ÄSelbstdarstellung und Inszenierung, Organisation, optischer und akustischer Fan-(Dauer)-Support, Aktionen vor, während und nach einem Spiel, Lokalpatriotis- mus, Konkurrenzkampf5, Provokation, Kritik6, Rivalität, ‚Wir‘ vs. ‚Andere‘ und Hass auf die Polizei“ (Pilz/Wölki 2006: 212).

[...]


1 Die Sportarten Fußball und Rugby waren bis in das 19. Jahrhunderts eng miteinander verbunden. Das Rugby Spiel ist wesentlich körperbetonter und der Ball darf auch mit den Händen gespielt werden (vgl. t-online.de o.J.).

2 Transparente, die außen von zwei Stangen gehalten werden. Mit dieser Konstruktion ist das Motiv immer zu sehen, im Gegensatz zu wehenden Fahnen.

3 Groundhopper sind Personen, die auf Reisen gehen um (vor allem auch international) möglichst viele Stadien und Fußballspiele zu sehen (vgl. dictionary.cambridge.org o.J.).

4 Kuttenfans organisierten sich ab Anfang der 80er Jahre und entstanden aus dem Proletariat heraus. Sie gehören oft offiziellen Fanclubs an und sind stark leistungsorientiert. Im Gegensatz zu den Ultras sind sie weniger kritisch dem Verein gegenüber und tragen häufig Merchandising-Artikel vom Verein (vgl. Sommerey 2010: 40).

5 Konkurrenzkampf mit anderen Ultra-Gruppen um den besten Support, die besten Choreografien etc.

6 Kritik u.a. an Kommerzialisierung allgemein, Verein(-spolitik), Verbänden (speziell DFB und DFL) und Medien.

Details

Seiten
35
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668214972
ISBN (Buch)
9783668214989
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v311484
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie
Note
1,0
Schlagworte
Ultras Fußball Fans Volkskunde Europäische Ethnologie Jugend Jugendgruppen Jugendkultur Umfrage Fanbeauftragte

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Ultras im Fußball. Die unterschiedliche Wahrnehmung der Fans von Gesellschaft und Experten