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Gesprochenes Deutsch im DaF-Lehrwerk "Delfin"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 21 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Standard und Varietät

2. Gesprochenes Deutsch
2.1 Grundsätzliche Merkmale
2.2 Spezifische prototypische Merkmale
2.2.1 (Morpho)syntaktische Merkmale
2.2.2 Phonetische Merkmale

3. Konsequenzen für den DaF-Unterricht

4. Gesprochenes Deutsch im Lehrwerk Delfin

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Meine erste Begegnung mit der Thematik Sprachvarietäten hatte ich in einer Vorlesung Varietäten des Deutschen im Rahmen meines Aufbaustudienganges an der Ruhr-Universität Bochum. Abgesehen von der kaum überschaubaren Fülle an Varietäten beschäftigte mich als angehender DaF-Lehrer besonders die Problematik, wie ich nach der so genannten kommunikativen Wende innerhalb der Sprachenvermittlungsmethodik einen den vielen Kommunikationsanforderungen an DaF-Lernende gerecht werdenden Unterricht gestalten kann. Im Rahmen meiner bisherigen praktischen Erfahrungen als DaF-Lehrer erfuhr ich schnell, wie schwierig und kompliziert das Einbringen von regionalen Sprachvarietäten in den DaF-Unterricht sich gestalten kann und wie häufig überhaupt abweichend vom in Wörterbüchern lexikalisierten Schriftstandard gesprochen wird. Dieses Thema scheint mir in Zeiten von allgemeinen Unterrichtszielen wie etwa Selbständigkeit der Lernenden im Produzieren von Texten (eben auch gesprochener Texte) von eminenter Relevanz zu sein, gerade wenn ein Ziel des Unterrichts sein soll, die Teilnehmenden so schnell wie möglich auf Kommunikationsanforderungen in ihrer direkten Umgebung vorzubereiten.

Im ersten Kapitel Standard und Varietät meiner Arbeit soll das meinen Ausführungen zu Grunde liegende Verständnis der Phänomene Sprachstandard und Sprachvarietät kurz expliziert werden. Was versteckt sich hinter dem Begriff Standard, kann man bei einer lebendigen und stetigem Sprachwandel unterliegenden Sprache überhaupt von Standard sprechen, und in welchem Verhältnis stehen Standard und Varietäten zueinander? Diese Explikation ist das Fundament meiner Argumentationen für die Berücksichtigung von Sprachvarietäten im DaF-Unterricht1 (3. Kapitel). Da der gewöhnliche Rahmen einer Seminararbeit jedoch gesprengt wäre, untersuchte man sämtliche Sprachvarietäten hinsichtlich ihres Stellenwertes für den DaF-Unterricht, habe ich mich für eine genauere Fokussierung des Phänomens der vom Schriftstandard abweichenden so genannten gesprochenen Sprache entschieden, im Falle meiner Arbeit das gesprochene Deutsch (2. Kapitel).

Letztlich ist das Ziel meiner Arbeit die Untersuchung, welche Berücksichtigung das gesprochene Deutsch in DaF-Lehrwerken erfährt. Als Lehrwerk habe ich die dreibändige Lehrbuchausgabe Delfin gewählt, da ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Vertretungslehrer an der Auslandsgesellschaft Dortmund DaFKurse zumeist auf der Basis dieses Lehrwerks durchgeführt habe. Die DelfinAutoren sind zuvor mit der Herausgabe des Lehrwerks Themen bereits den

„Schritt heraus aus der rein audiolingual orientierten Methodik“2 gegangen hin zu einer kommunikativ orientierten Methodik. Auch im Hinblick auf diese Entwicklung war ich gespannt auf die Beschaffenheit der von den Autoren gesammelten Hörtexte, die das Material meiner Arbeit waren (siehe Anlage 1).

1. Standard und Varietät

Abgesehen von der logisch-systematischen Problematik eine allgemein gegenüberstellende Definition von Sprachstandard und Sprachvarietät zu geben,3 möchte ich die meiner Arbeit im Hinblick auf den DaF-Unterricht zu Grunde liegenden Definitionen von Standard und Varietät kurz explizieren. Grundsätzlich ist eine lebende Sprache ein gegenseitig funktionierendes Kommunikationsmittel für ihre Sprachbenutzer, von denen sie wiederum abhängig ist. In einer Gesellschaft leben mehrere Sprachbenutzergruppen, die sich abhängig von Raum (Gruppierung an einem eingrenzbaren Ort), Zeit (in Abhängigkeit von Sprachwandel und spezieller Sprachentwicklung) und sozialem Milieu (in Abhängigkeit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe) kontinuierlich formieren:4

„Diese gesellschaftliche Gebundenheit einer lebenden Sprache bewirkt einerseits die ständige Anpassung der Sprache an die kommunikativen Bedürfnisse und verursacht dadurch andererseits ständigen Sprachwandel. So kommt es sowohl zu Veränderungen des Sprachgebrauchs, indem sich mit gesellschaftlichen Veränderungen auch die Verwendung der Varietäten ändert, als auch zu Wandlungen der Sprachstrukturen, wovon sowohl die Erscheinungen der Ausdrucksseite mit Laut- und Formenverhältnissen, Wortbildung, Satzbildung und Wortschatz als auch die Inhaltsseite mit deren Bedeutungen betroffen sind.“5

Der Status Standard bezeichnet die allgemein anerkannte Geltung als obligatorische Sprachform mit areal übergreifender Gültigkeit für alle Sprachbenutzer des Deutschen, die jedoch nie ohne regionale Differenzierungen auf allen sprachlichen Ebenen (Aussprache, Lexik etc.) existiert. Keine Einigkeit besteht darüber, was genau unter einer Varietät zu verstehen ist. Eine Varietät ist bedingt durch einen gewissen Umfang an Varianten6, die nicht etwa nur einer Person, sondern einer ganzen Sprachbenutzergruppe zuzuordnen sein müssen. Sprachvarietäten sind

„funktional voneinander geschiedene, konstitutive Subsysteme des Gesamtsystems einer Sprache. Sie sind theoretisch-idealisierte Konstrukte, die inventarisieren, welche Realisierungen von Sprache in Abhängigkeit von der Sprachgebrauchssituation systematisch zu erwarten und als solche auf allen Ebenen des Sprachsystems beschreibbar sind (Phonologie, Grammatik, Lexik).“7

Die Beurteilung der Varietäten erfolgt einerseits nach einem

„plurizentrischen Modell: Es setzt in rein synchroner, auf die Gegenwart bezogener Vorgangsweise Nation, Staatsterritorium und Sprache gleich und folgert daraus nationale Varietäten des Deutschen in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz als deutsches (oder deutschländisches) Deutsch, österreichisches Deutsch und Schweizerdeutsch (oder genauer Schweizer Hochdeutsch).“8

Andererseits existieren innerhalb dieser Ternion (in diatopischer Dimension) zudem intranationale Varietäten, die dem Grundtenor linguistischer Forschungsliteratur nach wiederum in Form eines Stufenmodells grundsätzlich aufgeteilt werden in Standardsprache, Umgangssprache und Dialekte.9 Auch Soziolekte sind eine varietätenkonstitutive Größe. Sie sind beschreibbar als schichtenspezifische Varietäten: ein spezifisches Sprachverhalten einer bestimmten sozialen Schicht, das unbewusst in Abhängigkeit von ihrem Sozialstatus ausgebildet wird:10

„Sprachsoziologische Untersuchungen haben gezeigt, dass der Gebrauch von Dialekt, Umgangssprache und Standardsprache und damit die Domänenverteilung abhängt von der Sozialschicht, dem Alter, dem Geschlecht, dem Wohnort und vom Gesprächspartner und der Gesprächssituation.“11

Die Abgrenzung der Varietäten untereinander ist allerdings sehr problematisch:

„Es scheint mithin so, als ob sich das Varietätenspektrum des Deutschen in eine kaum zu überschauende Vielzahl von Einheiten auflösen lässt, die eine allgemein gültige vernünftige Klassifizierung erschwert, wenn nicht gar unmöglich macht.“12

Dittmar und Schmit-Regener stellen sich dazu ein „Varietätenspektrum […] als ein Kontinuum mit Kern- und Übergangszonen“13 vor: Kernzonen zeichnen sich durch Stabilität und Homogenität aus und lassen die Beurteilung als eine einheitliche Varietät zu. In der Übergangszone ist keine Einheitlichkeit gegeben. Die Endpunkte des Kontinuums stellen dabei einerseits Standardsprache und andererseits Dialekt dar. Die Umgangssprachen sind vorrangig in Alltagssituationen mündlich realisiert und besitzen gegenüber den Dialekten Gültigkeit in einem weiträumigeren 'Varietätsbezirk'.14 Umgangssprachen können verstanden werden als

„regionaltypische sprachliche Varietäten, die je nach Region in einem spezifischen Bereich des Spektrums zwischen den kleinräumig gegliederten Dialekten und der übergreifenden Standardsprache ihren Platz haben.“15

Wermke stellt vier Hauptkriterien zur Bestimmung der Umgangssprache heraus: das Kriterium der Mündlichkeit, der sozialen Gebundenheit, der räumlichen Gebundenheit und der stilistischen Gebundenheit.16 Wichtig ist noch der Hinweis, dass es nicht 'die eine' Umgangssprache gibt, „sondern eine unbestimmte Menge von Umgangssprachen […], was ihre Beschreibung zusätzlich erschwert“17. Alles was als „schriftsprachlich nicht ganz korrekt“ gewertet werden kann ist umgangssprachlich.18 Peter Wiesinger beschreibt die Umgangssprache anschaulich als ein

„Ausgleichsprodukt zwischen Schrift- und Standardsprache und Dialekt, indem die Schriftsprache das erstrebte Vorbild bildet und der Dialekt die sprechkonstitutiven Eigenschaften der Lautbildung und Intonation, aber auch eine Reihe von Einzelerscheinungen liefert.“19

Für diese Arbeit ist der Schnittmengenbereich zwischen Umgangssprache und gesprochener Sprache relevant. Denn die im Lehrbuch Delfin aufgenommenen Dialoge sind Darbietungen gesprochener Sprache - wenn auch mehr indirekt gesprochener Sprache, da keine authentischen Situationen spontan aufgezeichnet wurden, sondern ein Dialog geschrieben wurde, der von geübten Sprechern nachgesprochen wurde (vgl. Kapitel 4).

[...]


1 DaF = Deutsch als Fremdsprache

2 Stein-Baßler (2005), S. 47.

3 Auch der Standard stellt lediglich eine bestimmte Sprachvarietät dar bzw. er ist keine Einheitssprache, sondern besteht aus einem bunten Sammelsurium an Varietäten, das den höchsten Verbindlichkeitsgrad für eine Sprachbenutzergruppe bildet. Aus diesem Grund sprechen z.B. Dittmar/Schmit-Regener (2001) auch von „Standardvarietät“ (S. 521). Siehe dazu auch Niebaum/Macha (1999): „Die Gesamtmenge der Sprachvarietäten wiederum formiert dasjenige, was eine Nationalsprache wie etwa 'die deutsche Sprache' als Ganzes ausmacht“ (S. 9).

4 Vgl. Dingeldein (1997): Die deutsche Sprache ist „Summe all der sprachlichen Erscheinungsformen […], die in Abhängigkeit von arealen, sozialen und verwendungsbezogenen Parametern realisiert werden“ (S. 110).

5 Wiesinger (1997), S. 11.

6 Sprachliche Varianten sind unterschiedliche Realisierungen einer Einzelsprache; es sind Einzelerscheinungen, die sich zu einer Varietät, einer z.B. für einen Ort oder eine soziale Gruppe spezifischen Variantenkombination, bündeln können. Sie „betreffen in jeweils unterschiedlichem Umfang alle sprachlichen Ebenen: die phonetisch-phonologische, die morphologische, die syntaktische und die lexikalisch-semantische Ebene einschließlich der Phraseologie“ (Wiesinger (2001), S. 481).

7 Dittmar/Schmit-Regener (2001), S. 521.

8 Wiesinger (2001), S. 481.

9 Vgl. u.a. Wiesinger (1997), S. 9; Dingeldein (1997), bes. S. 110f.; Eichhoff (1997), bes. S. 183f.

10 Zu Soziolekten vgl. u. a. Dittmar/Schmit-Regener (2001), S. 524ff.; ders. (1997), bes. S. 2932; für einen einstiegsgerechten Überblick Veith (2002).

11 Wiesinger (1997), S. 31. Zu aspektbezogenen Untersuchungen (Geschlecht, Alter, Beruf) vgl. auch Niebaum/Macha (1999), S. 159-180.

12 Dingeldein (1997), S. 111.

13 Dittmar/Schmit-Regener (2001), S. 521. Wegen der problematischen, gar unmöglichen anschaulichen areal-punktuellen Abgrenzung von 'Sprachgebieten' spricht Eichinger anstelle von Zonen oder arealen Fixierungen etc. eher von lokal nicht punktuell bestimmbaren Sprachinseln mit einer für Sprachstandardveränderungen „aufnahmefähigen Struktur“ (ders. (1997), S. 169). Wichtig ist stets die Frage, was man unter 'Raum' und 'Zusammengehörigkeit' versteht; „durchgehende Übereinstimmung (100%ige Ähnlichkeit) kommt kaum vor“ (Niebaum/Macha (1999), S. 88).

14 Vgl. Wermke (1997), S. 225.

15 Eichhoff (1997), S. 184.

16 Vgl. Wermke (1997), S. 221f. Das Kriterium der Mündlichkeit beschreibt die „funktionale Beschränkung [der Umgangssprache] auf den mündlichen Gebrauch“ (ebd. S. 222) - sie gilt also immer noch als Phänomen der gesprochenen Sprache. Das Kriterium der sozialen Gebundenheit impliziert die gemeinsame Verwendungsweise spezifischer Varietäten innerhalb bestimmter sozialer Gruppen (vgl. ebd. S. 224). Auch hat die Umgangssprache zwar einen weiträumigeren Gültigkeitsbereich als die Dialekte (räumliche Gebundenheit), jedoch ist sie keine klar abzugrenzende Sprachvarietät, und steht irgendwo zwischen Standard und Dialekt (vgl. ebd.). Zuletzt erscheint die Umgangssprache für informellere, private Situationen angemessener als der 'hochsprachliche' Standard (stilistische Gebundenheit) (vgl. ebd. S. 225).

17 Ebd., S. 225.

18 Bichel (1973), S. 159.

19 Wiesinger (1997), S. 28. Zur allgemeinen Problematik bei Bestimmungsversuchen von Umgangssprachen siehe auch Niebaum/Macha (1999): „Was Umgangssprache konkret bedeutet, ist durch die Mehrdeutigkeit der Bezeichnung durchaus verschieden“ (S. 8).

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783668101630
ISBN (Buch)
9783668101647
Dateigröße
682 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v311420
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistische Fakultät, Ruhr-Uni-Bochum
Note
1,0
Schlagworte
Deutsch als Fremdsprache Deutsch als Zweitsprache Deutsch für Ausländer Gesprochenes Deutsch Standarddeutsch Varietät Sprachvarietäten Unterricht Integrationskurse Sprachwandel Sprachentwicklung

Autor

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