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You understand or you overstand? Eine Betrachtung der Sprache der Rastafari

Masterarbeit 2015 102 Seiten

Kulturwissenschaften - Karibik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hintergrundinformationen der Rastafari-Bewegung
2.1 Historischer Kontext: Marcus Garvey
2.2 Die Entstehung der Rastafari-Bewegung und die Bedeutung von Haile Selassie I
2.3 Weltanschauungen und Lebensweisen der Rastafari
2.4 Von der Verfolgung bis zur Akzeptanz
2.5 Unterschiedliche Strömungen
2.6 Rastafari eine Religion?

3. Aktueller Forschungsstand: Die Sondersprache der Rastafari
3.1 Exkurs
3.1.1 Was sind Kreolsprachen
3.1.2 Die Entstehung der jamaikanischen Kreolsprache: Patwah
3.2 Was ist Rasta-Talk und Fakten zur Entstehung
3.3 Linguistische Eigenheiten von Rasta-Talk

4. Qualitative Untersuchung der Sprache der Rastafari
4.1 Entwicklung der Forschungsfrage und theoretische Grundlagen
4.2 Dokumentation der Durchführung und Methodik
4.3 Schwierigkeiten bei der Datenerhebung
4.4 Vorstellung der Gesprächspartner
4.4.1 Universal Rastafari
4.4.2 Nyabinghi
4.4.3 Bobo Ashanti
4.4.4 Twelve Tribes of Israel

5. Reduktive Inhaltsanalyse der Interviews
5.1 Entstehung und historische Bedeutung von Rasta-Talk
5.1.1 Universal Rastafari
5.1.2 Nyabinghi
5.1.3 Bobo Ashanti
5.1.4 Twelve Tribes of Israel
5.1.5 Zwischenfazit
5.2 Begriffserklärung: Rasta-Talk
5.2.1 Universal Rastafari
5.2.2 Nyabinghi
5.2.3 Bobo Ashanti
5.2.4 Twelve Tribes of Israel
5.2.5 Zwischenfazit
5.3 Linguistische Eigenheiten und charakteristische Merkmale von Rasta-Talk
5.3.1 Universal Rastafari
5.3.2 Nyabinghi
5.3.3 Bobo Ashanti
5.3.4 Twelve Tribes of Israel
5.3.5 Zwischenfazit
5.4 Die Gegenwärtige Bedeutung von Rasta-Talk für seine Sprecher und dessen Akzeptanz
5.4.1 Universal Rastafari
5.4.2 Nyabinghi
5.4.3 Bobo Ashanti
5.4.4 Twelve Tribes of Israel
5.4.5 Zwischenfazit
5.5 Die Zweckmäßigkeit von Rasta-Talk und Erläuterung essentieller Begriffe
5.5.1 Universal Rastafari
5.5.2 Nyabinghi
5.5.3 Bobo Ashanti
5.5.4 Twelve Tribes of Israel
5.5.5 Zwischenfazit
5.6 Sprachgebrauch
5.6.1 Anwendungsbereiche: Öffentliche und private Sektoren
5.6.1.1 Universal Rastafari
5.6.1.2 Nyabinghi
5.6.1.3 Bobo Ashanti
5.6.1.4 Twelve Tribes of Israel
5.6.1.5 Zwischenfazit
5.6.2 Tatsächlicher Gebrauch
5.6.2.1 Universal Rastafari
5.6.2.2 Nyabinghi
5.6.2.3 Bobo Ashanti
5.6.2.4 Twelve Tribes of Israel
5.6.2.5 Zwischenfazit
5.7 Fremdeinschätzung
5.7.1 Universal Rastafari
5.7.2 Nyabinghi
5.7.3 Bobo Ashanti
5.7.4 Twelve Tribes of Israel
5.7.5 Generelle Unterschiede
5.7.6 Zwischenfazit

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Danksagung

Obwohl diese Masterarbeit meine Handschrift trägt, verdanke ich die erfolgreiche Fertigstellung zusätzlich zahlreichen und wichtigen Personen.

Danken möchte ich in erster Linie meinem Betreuer Herrn Dr. Peter Rosenberg, der mich dazu ermutigte, dass Forschungsprojekt als Thema für meine Masterarbeit in Betracht zu ziehen und schließlich zu realisieren. Daneben stand er mir, zusammen mit meiner zweiten Betreuerin Frau Prof. Dr. Konstanze Jungbluth, stets mit Rat und Tat zur Seite. Besonders dankbar bin ich für die immer neuen wegweisenden und konstruktiven Vorschläge. Vielen Dank für die Geduld und Mühe, die Sie in meine Arbeit investiert haben.

Daneben möchte ich meiner Familie und meinen Freunden danken, die zu jeder Zeit an mich geglaubt haben, es verstanden mich zum Weiterschreiben zu motivieren und mir in dieser spannenden Phase meiner studentischen Laufbahn stets mit Geduld und liebevoller Fürsorge entgegen traten.

Nicht zuletzt möchte ich mich besonders bei Katharina, Susanne, David und Florian bedanken, die unglaublich viel Zeit für das Korrekturlesen meiner Arbeit aufbrachten. Sie wiesen mich auf Schwächen hin und machten mich auf unverständliche Textstellen aufmerksam, was meine Arbeit schließlich zu dem macht, was sie heute ist.

Abstract

Rastafarians have developed a group-specific vocabulary, a special language unique to the group, refered to below as 'Rasta-Talk'. By means of this particular language they convey their ideologies, beliefs and lifestyles. Simultaneously this special language symbolizes the refusal of the former colonial regime as well as the rejection of the lifestyle, language and the political system of the Western World, which they still see as oppressive. The differences among the groups – mansions – within the Rastafarian-Movement; Universal Rastafari, Nyabinghi, Bobo Ashanti and Twelve Tribes of Israel, and the way they communicate among themselves and to others, was a major part of my interest in the question: What is the symbolic value and current significance of Rasta-Talk for their speakers and in which sectors, public or private, this special language is used by who and in what way? The focus lies on the usage of the special language and the differences of the speech style of the respective groups. For this purpose I have conducted eight qualitative interviews with different members of the Rastafari-Movement in Jamaica, therefore the text is mainly based on empirical data. Subsequently eight categories were identified from the data corpus, answers from the interviewees were allocated to the aforementioned categories and comparatively considered, corresponding to a reductive content analysis. In summary it can be stated that the different definitions of Rastafari in general and the associated individuality of each Rastafarian, equates to the idiosyncratic use of Rasta-Talk. Any member of the movement is under their sole discretion to which extent they use Rasta-Talk if at all, in addition it is found that the usage can be emotionally conditioned and depends on the environment and listeners. The usage of Rasta-Talk no longer plays a dominant role for some Rastafari groups neither is it seen as a very important feature in identifying Rastafarians. Nevertheless Rasta-Talk is an important pillar of the Rastafarian culture having great historical and developmental significance. In conclusion it can be stated that Rasta-Talk is a special language which reflects the social situation and history of the descendants of the former African slaves. The group-specific vocabulary also has an impact on the Jamaican Creole language, as some terms have been retained and established as part of the Creole oral system exemplifying its characteristic features as a special languages.

1. Einleitung

Inspiriert von der panafrikanischen Bewegung von Marcus Garvey und als Aufruf zur Selbstermächtigung, haben die frühen jamaikanischen Rastafari [1] eine Bewegung ins Leben gerufen, die sich zu Beginn als Protestbewegung auf Jamaika etablierte. Hintergrund dessen waren die Ausbeutung verschleppter afrikanischer Sklaven während der britischen Kolonialbesetzung auf Jamaika und der anhaltende Kampf nachfolgender Generationen um Anerkennung und Gleichberechtigung (siehe Kapitel 2.).

Besonders charakteristisch für die Rastafari-Bewegung ist die Entwicklung einer Sondersprache, mittels derer die besonderen Weltanschauungen und Lebensweisen der Rastafari vermittelt werden. Anhand der Entwicklung besonderer Denk- und Lebensweisen und der Etablierung eines gruppenspezifischen Wortschatzes, demonstrieren die Rastafari ihre kollektive Ablehnung gegenüber dem westlichen und ehemaligen britischen Kolonialsystem, von dem sie sich auf wirtschaftlicher, sozialer und politischer Ebene unterdrückt sehen (siehe Kapitel 3.). Die besondere Sprache der Rastafari wird in dieser Arbeit als „Rasta-Talk“ bezeichnet und als Sondersprache deklariert.

Da sich innerhalb der Bewegung verschiedene Subgruppierungen herausgebildet haben und dementsprechend unterschiedliche Glaubensansätze bestehen (siehe Kapitel 2.), stellte es sich für mich als interessant heraus folgender Forschungsfrage nachzugehen: Welchen symbolischen Wert und individuelle Bedeutung hat Rasta-Talk gegenwärtig für seine Sprecher [2] und in welchen Sektoren, öffentlich oder privat, wird diese Sondersprache von wem und auf welche Art und Weise gebraucht? Dementsprechend ist das Ziel dieser vorliegenden Arbeit vergleichsweise zu untersuchen, inwieweit gruppenspezifische Unterschiede bezüglich der sprachlichen Gewohnheiten auftreten und wie die gegenwärtige Bedeutung von Rasta-Talk für die jeweiligen Sprecher einzuschätzen ist.

Zu diesem Zweck wurden acht qualitative Leitfaden-Interviews mit unterschiedlichen Anhängern der Rastafari-Bewegung auf Jamaika durchgeführt, die dann transkribiert wurden. Anschließend wurden aus dem Datenkorpus acht Kategorien herausgearbeitet, die der Beantwortung der Forschungsfrage dienen sollen. In einem nächsten Arbeitsschritt wurden ausgewählte Antworten meiner Gesprächspartner den jeweiligen Kategorien zugeordnet und vergleichsweise betrachtet, was einer reduktiven Inhaltsanalyse entspricht.

Der Aufbau der Arbeit gestaltet sich wie folgt: Zu Beginn wird eine theoretische Grundlage geschaffen, die Aufschluss darüber geben soll, wie die Rastafari-Bewegung entstanden ist, welche Weltanschauungen und Lebensweisen für einen Rastafari von Bedeutung sind, welche unterschiedlichen Glaubensansätze innerhalb der verschiedenen „Häuser“ zu verzeichnen sind und wie Rastafari schließlich zu definieren ist. Dieses Kapitel ist essentiell, da es eine Auswahl wichtiger Informationen über die Rastafari-Bewegung enthält und als theoretische Grundlage für die Erforschung der Sondersprache der Rastafari dient (Kap. 2). Im Anschluss daran wird der aktuelle Forschungsstand dargelegt und die Beweggründe der Entstehung von Rasta-Talk beleuchtet, so wie anschließend die sprachlichen Strukturen und die charakteristischen Merkmale dieser Sondersprache aufgezeigt werden. Da Rasta-Talk als Modifikation der jamaikanischen Kreolsprache – Patwah – bezeichnet wird, sind diesen Erläuterungen ein Exkurs über die Begriffserklärung von Kreolsprachen und Fakten zur Entstehung von Patwah vorangestellt. Die Definition von Rasta-Talk als eine Abwandlung und Mischform der jamaikanischen Kreolsprache lässt sich damit begründen, dass der Großteil der Rastafari, einschließlich meiner Interviewpartner, infolge gesellschaftlicher Bedingungen überwiegend Patwah sprechen. In der Grundphilosophie der Rastafari ist jedoch die Ablehnung des „Queens English“ und damit die Sprache der ehemaligen Unterdrücker bedeutend. Die in der Analyse geäußerte distanzierte Haltung gegenüber der vorhandenen Einheitssprache schließt demzufolge nicht Patwah, sondern ausschließlich das „Queens English“ ein (Kap. 3). In Kapitel 4 wird die Forschungsfrage, der Ablauf der Forschung und die Methodologie vorgestellt. Der Hauptteil dieser vorliegenden Arbeit enthält die methodologische Analyse der Aussagen meiner Interviewpartner, wobei die Erläuterungen der jeweiligen Anhänger der verschiedenen Subgruppierungen separat voneinander betrachtet werden. Für ein besseres Verständnis werden die Resultate der Analyse am Ende eines Kapitels in einem Zwischenfazit zusammengefasst und geprüft, inwieweit die Feststellungen und Ergebnisse der Forschung von Le Page/Tabouret-Keller (1985): Acts of identity. Creol-based approaches to language and ethnicity, Relevanz für meine Fragestellung und Ergebnisse aufweisen (Kap. 5). In einem abschließenden Fazit werden die für die Beantwortung der Forschungsfrage relevanten Resultate zusammenfassend betrachtet und eine Schlussbemerkung formuliert (Kap. 6). Im Anhang befindet sich ein tabellarischer Überblick über die unterschiedlichen Strömungen der Rastafari-Bewegung. Des Weiteren sind der Fragenkatalog des Leitfaden-Interviews und die „harten Daten“ meiner Gesprächspartner beigefügt. Überdies lässt sich im Anhang eine Auflistung aller Wörter und Begriffe der Sondersprache der Rastafari finden, die in den Interviews von meinen Gesprächspartnern exemplarisch genannt oder im Verlauf der Gespräche gebraucht wurden. Des Weiteren wurden die Ergebnisse der reduktiven Inhaltsanalyse tabellarisch zusammengefasst. Schließlich sind der Arbeit die Transkriptionen der acht Interviews beigefügt.

Anhand meiner Forschungsarbeit wurde schließlich auf empirischer Ebene untersucht, wie die Rastafari-Bewegung einerseits und die Sondersprache der Rastafari andererseits, aus heutiger Perspektive zu verstehen sind. Es ist darauf hinzuweisen, dass die analytischen Betrachtungen der Aussagen der Gesprächspartner meinen individuellen Lesarten unterliegen.

2. Hintergrundinformationen der Rastafari-Bewegung

In diesem Kapitel werden vorerst die Zusammenhänge zwischen der panafrikanischen Bewegung von Marcus Garvey und der Rastafari-Bewegung beleuchtet. Im Anschluss daran wird die Entstehung der Rastafari-Bewegung skizziert und die Bedeutung von Haile Selassie I erläutert. Es folgt eine ausgiebige Betrachtung der Weltanschauungen und Lebensweisen der Rastafari. Ferner werden die Gründe für die Verfolgungen der frühen Anhänger der Rastafari-Bewegung erörtert und anschließend die Beweggründe aufgezeigt, die zur Akzeptanz der Rastafari führten und zur Entstehung verschiedener Subgruppierungen beitrugen. Abschließend wird diskutiert, inwieweit die Bewegung eine Religion darstellt und wie Rastafari schließlich zu definieren ist. Jene Hintergrundinformationen sind notwendig, um schließlich die charakteristischen Merkmale der Sondersprache der Rastafari zu untersuchen und zu verstehen.

2.1 Historischer Kontext: Marcus Garvey

Mit der Gründung der UNIA (Universal Negro Improvement Association) 1914 auf Jamaika rief Marcus Garvey [3] eine Bewegung ins Leben, die auf panafrikanischen Ideologien basierte und politische Ziele verfolgte, insbesondere in Bezug auf die Befreiung und Rückführung afrikanischer Menschen aus der Diaspora und die endgültige Dekolonisation Afrikas und der Karibik. Überdies strebte Marcus Garvey Modernisierungsprozesse des afrikanischen Kontinents an. Außerdem setzten er und seine Anhänger sich für die Gleichberechtigung von Afrikanern auf der ganzen Welt ein und kämpften gegen Diskriminierung und Unterdrückung. [4]

Marcus Garvey war gebürtiger Jamaikaner und emigrierte um 1916 in die USA. Für die Verbreitung seiner Ziele gründete er eine eigene Zeitung unter dem Namen „Negro World“ und eine eigene Schifffahrtslinie. Mit der „Black Star Line“ wollte er allen in der Diaspora befindlichen Afrikanern die Möglichkeit einer Erwerbstätigkeit einräumen. Schon wenige Jahre später erlitt seine Schifffahrtslinie einen finanziellen Zusammenbruch, begründet durch mangelhaftes Management und Unerfahrenheit. [5]

Marcus Garvey galt für die Jamaikaner sinnbildlich als Erlöser, wobei viele die Hoffnung hegten, dass mit ihm und mit Hilfe seiner Bewegung endlich Gerechtigkeit herrschen würde. Demzufolge hatte Marcus Garvey zahlreiche Anhänger, von denen sich einige der Rastafari-Bewegung anschlossen.

Ferner war zu jener Zeit die Bibel das einzige religiöse Buch, welches den Jamaikanern zur Verfügung stand. Diese wurde im Sinne von Marcus Garvey gelesen, jedoch „schwarz“ [6] interpretiert. Überdies hielt er seine Anhänger dazu an, sich ihrer kulturellen Identität bewusst zu werden und stolz auf ihre afrikanischen Wurzeln zu sein. [7]

Mit der Krönung des äthiopischen Prinzen Ras, das äthiopische Wort für Prinz, Tafari Makonnen zum Kaiser von Äthiopien: Haile Selassie I,[8] im November 1930, welcher zusätzlich unter den Synonymen „King of Kings“, „Lord of Lords“ oder „Conquering Lion of the Tribe of Judah“ bekannt ist,[9] erfüllte sich in den Augen zahlreicher Garveyisten die Prophezeiung von Marcus Garvey, welche wie folgt lautete: „Seht nach Afrika, wo ein schwarzer König gekrönt werden wird, denn der Tag der Erlösung ist nahe.“[10]

Dass die politische Bewegung Marcus Garveys und seine panafrikanische Gesinnung sowie die prophezeite Krönung des letzten äthiopischen Kaisers schließlich zur Entwicklung der Rastafari-Bewegung inspirierten, hätte er sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht träumen lassen. Obwohl er viele der Doktrinen der ersten Rastafari ablehnte und ihre individuelle Interpretation der Bibel nicht nachvollziehen konnte, kann die Rastafari-Bewegung, insbesondere in Bezug auf den Kampf gegen die Diskriminierung afrikanischer Menschen und bezüglich der Forderung auf die Rückführung nach Afrika, als eine Weiterentwicklung der politischen Bewegung Marcus Garveys angesehen werden.[11]

2.2 Die Entstehung der Rastafari-Bewegung und die Bedeutung von Haile Selassie I

Es stellt sich immer als ein komplexes Unterfangen dar den Ursprung einer Idee festzumachen, daher lässt sich auch der Zeitpunkt der Entstehung der Rastafari-Bewegung nicht eindeutig datieren. Nach Kremser (2000) hat sich die Rastafari-Bewegung ungefähr in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts anfänglich als Protestbewegung etabliert. [12] Da die Bewegung von Marcus Garvey zur Entstehung der Rastafari-Bewegung inspirierte, kann daraus geschlossen werden, dass die frühen Rastafari, aufgrund der sozialen Missstände und nach einer Ära jahrelanger Unterdrückung und Diskriminierung, ebenfalls danach strebten, gesellschaftliche Veränderungen zu schaffen.

Einflussreiche Garveyisten waren Joseph Nathaniel Hibbert, Henry Archibald Dunkley, Robert Hinds und Leonhard Howell, [13] wobei insbesondere Leonhard Howell als Gründer der Rastafari-Bewegung und somit als der erste Rastafari der Geschichte zu betrachten ist. Obwohl Marcus Garvey mit den Ansichtsweisen von Leonhard Howell nicht konform ging, war schließlich die Krönung von Ras Tafari Makonnen zum äthiopischen Kaiser – Haile Selassie I – für beide von großer Bedeutung. [14]

Bevor die Bedeutsamkeit von Haile Selassie I für Marcus Garvey und die frühen Rastafari aufgezeigt werden kann, soll dieser äthiopische Kaiser im Folgenden kurz vorgestellt werden:

Nach Tafari (2004) gilt Äthiopien als die erste christliche Nation der Welt [15] und wurde, wie viele andere afrikanische Staaten, nie kolonisiert. Daher blieben die antike Kultur und die Traditionen unangetastet, weshalb Äthiopien von Marcus Garvey und den Anhängern der Rastafari-Bewegung als das „gelobte Land“ bezeichnet wird. [16] Die Verehrung von Haile Selassie I lässt sich vor allem auf sein frommes Leben als äthiopisch orthodoxer Christ und auf seine königliche Abstammungslinie zurückführen. Seine strenge religiöse Erziehung und Lebensweise hatten Einfluss auf die Entwicklung seiner Weltanschauung und sein politisches Schaffen. Eines seiner Hauptziele war die Herstellung von Gerechtigkeit, ohne die es seiner Ansicht nach keinen Frieden auf der Welt geben könne. Überdies setzte er sich während seiner Amtszeit als äthiopischer Kaiser (1930-1974) für die bedürftigen und leidenden Nationen ein, etablierte Bildungssysteme in Äthiopien, kämpfte gegen den Kolonialismus und strebte die Unabhängigkeit und Modernisierung des afrikanischen Kontinents an. Schließlich wurde Haile Selassie I als sehr weiser und scharfsinniger Kaiser angesehen. [17] Entgegen jenen positiven Eindrücken bestehen zudem gegensätzliche Auffassungen über das Leben und das politische Wirken von Haile Selassie I, die in Kapitel 2.3 näher erläutert werden.

Marcus Garvey erhoffte sich von der Politik Haile Selassies I die Vollendung seiner Bewegung und Umsetzung seiner Ziele, wie beispielsweise die angestrebten Modernisierungsprozesse und das endgültige Ende der Kolonisation. Er sah Haile Selassie I als Erlöser aller afrikanischen Menschen und erwartete von seiner Politik eine Besserstellung ihrer Rechte weltweit. Schon wenige Jahre später kritisierte Marcus Garvey die Politik von Haile Selassie I. Hintergrund dessen war der italienisch-äthiopische Krieg, weshalb Marcus Garvey dem Kaiser Unfähigkeit bezüglich seines politischen Handelns vorwarf. [18]

Im Gegensatz dazu waren Leonhard Howell und weitere Anhänger der frühen Rastafari-Bewegung davon überzeugt, dass Haile Selassie I der Messias und lebendige Gott sei. [19] Hintergrund dessen waren die zahlreichen Prophezeiungen, die sie in der Bibel lasen und die sie schließlich in der Krönung des äthiopischen Kaisers erfüllt sahen. [20] Eine der wichtigsten Prophezeiungen lautet wie folgt: „Psalm 68:31: Princes shall come out of Egypt; Ethiopia shall soon stretch out her hands unto God.“ [21] Der Krönungstitel „Haile Selassie I“ bedeutet „Power of the Holy Trinity“ und entgegen der Auffassung der Dreifaltigkeit im Christentum, welche den Vater, den Sohn und den heiligen Geist einschließt, sehen die Rastafari Haile Selassie I in der Dreifaltigkeit als König, Gott und Feldherr vereint. Die Bezeichnung Haile Selassies als Feldherr lässt sich unter anderem damit begründen, dass er im äthiopisch-italienischen Krieg selbst an vorderster Front kämpfte und somit persönlich für die Verteidigung seines Landes sorgte. [22]

Des Weiteren kann die Überzeugung von der Göttlichkeit des Kaisers auf seine königliche Abstammungslinie zurückgeführt werden, da er diesbezüglich ein Nachfahre des äthiopischen Königs Salomon und der äthiopischen Königin Saba ist. [23] Die Hautfarbe von Haile Selassie I sowie die Überzeugung, dass er ein göttliches Wesen verkörpert, ist für die Anhänger der Rastafari-Bewegung zusätzlich Beweis dafür, dass Gott dunkelhäutig ist. [24] Wie Barrett (1977) in seinen Ausführungen äußert, steht „Blackness“, nach Ansicht der Rastafari, synonym für „Heiligkeit“. [25]

Schließlich lässt sich die Etymologie der jungen Bewegung auf den Geburtsnamen des äthiopischen Kaisers vor der Krönung – Ras Tafari (Makonnen) – zurückführen. [26]

Nicht nur in religiöser Hinsicht wurde und wird Haile Selassie I von den Anhängern der Rastafari-Bewegung verehrt, sondern auch in Bezug auf sein politisches und soziales Wirken für ein besseres Afrika. [27]

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Krönung von Haile Selassie I als Geburtsstunde der Rastafari-Bewegung angesehen werden kann, so wie die Bewegung Marcus Garveys inspirativen Einfluss auf die Entstehung hatte. [28] Dem hinzuzufügen ist, dass entgegen zahlreicher Parallelen, dennoch Unterschiede zwischen der Bewegung von Marcus Garvey und der Rastafari-Bewegung bestehen. Dies lässt sich damit begründen, dass die Garveyisten ihren Kampf gegen die Unterdrückung afrikanischer Menschen auf konventionellem Wege führten. Dies bedeutet, dass sie innerhalb und außerhalb des westlichen Systems versuchten ihren Platz als Afrikaner wiederzufinden, für ihre Rechte kämpften und schließlich anstrebten Afrika als ihr Heimatland zu entkolonisieren, zu modernisieren und diesbezüglich auf die Rückkehr vorzubereiten. Demgegenüber agierten die frühen Anhänger der Rastafari-Bewegung radikaler. Ihr Kampf gegen die Unterdrückung und Diskriminierung schloss vordergründig die Entsagung vom westlichen und ehemals kolonialen System ein, wodurch ein Bruch mit der westlichen Gesellschaft suggeriert wurde. [29] Besonders deutlich wird dies anhand von Leonhard Howell, der seinen Hass gegen die „weiße“ Gesellschaft öffentlich aussprach, auf Racheakte hindeutete und seine Ablehnung gegenüber der jamaikanischen Regierung deutlich machte, weshalb er schließlich für zwei Jahre in Gewahrsam genommen wurde. [30]

2.3 Weltanschauungen und Lebensweisen der Rastafari

Nach Mutabaruka (2010) studieren die Rastafari die Bibel und vor allem das Alte Testament, weshalb der Theologie der Rastafari-Bewegung jüdisch-christliche Denkweisen zugrunde liegen und die Auslegungen und Terminologien vieler Rastas biblischer Herkunft sind. Demgemäß glauben zahlreiche Anhänger der Bewegung, dass sie nach Babylon verschleppte Israeliten sind und die Rückkehr in das „gelobte Land“, in ihrem Fall Afrika, anstreben. Nach Ansicht der Rastafari werden als „babylonisch“ alle Orte auf der Welt bezeichnet, die unter westlichem Einfluss stehen und in denen afrikanische Menschen als minderwertig betrachtet werden.[31] Babylon stellt demzufolge ein Synonym für das gesamte politische, soziale, ökonomische und wirtschaftliche System der westlichen und ehemals kolonialen Welt dar, in welchem der Kampf um Geld und Macht priorisiert wird und im Zuge dessen die Würde und die Freiheit der Menschen unberücksichtigt bleibt.[32] So werden in der Grundphilosophie der Rastafari-Bewegung vor allem das Bedürfnis nach Gleichberechtigung und die Forderung nach Befreiung der in Babylon „gefangen gehaltenen“ Afrikaner deutlich.[33]

Außerdem verstehen die Rastafari die Bibel nicht ausschließlich als religiösen Text, sondern vielmehr als Geschichte und Prophezeiung.[34] Die Bibel wird des Weiteren dazu genutzt, die Wahrheit über historische Ereignisse, die nach Ansicht der Rastafari von den europäischen Übersetzern korrumpiert wurden und die Einfluss auf den Verlauf der Geschichte und die heutige Weltordnung hatten, wiederzufinden.[35]

Mit der Ablehnung und Entsagung von politischen, religiösen und wirtschaftlichen Institutionen, die das „babylonische“ System geschaffen hat und kontrolliert, wird gleichzeitig der Kampf gegen alle ehemaligen Unterdrücker weltweit und die mentale Befreiung von ihnen symbolisiert. Die Verwendung des Begriffes „Kampf“ kann in diesem Sinne als metaphorisch betrachtet werden, da sich, nach Auffassung der Rastafari, die „babylonischen“ Systeme mittels ihrer eigenen Politik und Lebensweisen in ferner Zukunft selbst zerstören werden.[36] Dies bezieht sich auf den in der Bibel prophezeiten „Judgement Day“: „The wicked shall fall through their own sword.“[37] Nach Schönburg (1981) kritisieren die Rastafari insbesondere den übermäßigen Konsum und die „Übertechnisierung“ in der westlichen Welt.[38] Entgegen der Lebensweise der westlichen Gesellschaften, streben die Anhänger der Rastafari-Bewegung eine „neue Weltordnung“ an, in der dem Spirituellen und der menschlichen Beziehungen untereinander einem höheren Stellenwert zukommen, als dem Materialistischen.[39]

Ferner lehnen viele Rastafari jeglichen Verzehr von Tieren ab, was in dem Essay von Zips (2000) von einem Anhänger der Rastafari-Bewegung wie folgt begründet wird: „In eating flesh or fish, dem eat death. […] I and I call dem living deads, but Rasta eat plants, which means life.“[40]

Des Weiteren wird die Entsagung von allen Gesellschaften innerhalb des „babylonischen“ Systems symbolisch durch „Dreadlocks“ dargestellt.[41] „Dreadlocks“ bezeichnet hierbei das Tragen ungekämmter und verfilzter Haare, was zu Unverständnis in der jamaikanischen Gesellschaft führte und einen schrecklichen Anblick bot, wodurch sich der Begriff „Schreckenslocken“ (engl. Dreadlock) etabliert hat. Heutzutage ist das Tragen von Dreadlocks nicht ausschließlich als ein Erkennungsmerkmal der Rastafari zu verstehen, da Träger von Dreadlocks existieren, die sich nicht als Rastafari identifizieren und es darüber hinaus Rastafari gibt, die kurze Haare tragen.

Aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes, verbunden mit ihren theologischen Ansichtsweisen, stießen die frühen Rastafari auf gesellschaftliche Ablehnung. Dies äußerte sich darin, dass man sie verfolgte, aus ihren Wohnvierteln vertrieb und ihnen vereinzelt die Dreadlocks abschnitt, bis hin zur Inhaftierung einiger Rastafari.

Hinzukommt der Genuss von Marihuana, welches von den Indern auf die Insel gebracht wurde und ursprünglich zu meditativen Zwecken genutzt wurde.[42] Nunmehr ist der Konsum von Marihuana unter anderem im sogenannten „reasoning“ von essentieller Bedeutung, da es das „overstanding“ und damit das tatsächliche Verstehen der in den Rastafari-Sitzungen besprochenen und elementaren Themen ermöglicht.[43] Überdies glauben die Anhänger der Rastafari-Bewegung daran, dass Marihuana eine heilende Wirkung auf den menschlichen Körper hat. Nicht nur die heilende Kraft dieser Pflanze, sondern auch die vitale Ernährungsweise vieler Rastafari, die sich überwiegend auf naturgegebene Produkte beschränkt, weist auf eine eng mit der Natur verbundenen Lebensweise hin.[44]

Alles in allem besteht die Grundeinstellung der Rastafari darin, Abstand zum westlichen und ehemals kolonialen Herrschaftssystem zu halten, um somit ihre Identität als Afrikaner wieder zu erlangen. Diese Ablehnung äußert sich darin, dass sie ein eigenes religiöses, kulturelles und soziales System schaffen, um sich von der westlichen Lebensweise und den „babylonischen“ Weltanschauungen mental und physisch abzugrenzen.[45]

Im Zentrum der Überzeugungen der Rastafari steht der Glaube an die Göttlichkeit von Haile Selassie I. Er selbst sprach sich öffentlich gegen seine Heiligkeit aus. Obwohl er jamaikanischen Farmern Land in Äthiopien versprach, beteuerte er zu einem späteren Zeitpunkt, dass er vorzugsweise Akademiker, Ärzte und Ingenieure für sein Land benötige und keine „unnützen“ und in seinen Augen „faulen Rastafari“. Des Weiteren wurde Haile Selassie I nachgesagt, dass er mit Hilfe einer korrupten Schreckenspolitik agierte und das ohnehin schon arme Äthiopien in den Ruin trieb. Ferner machte man ihn für das Verhungern mehrerer hunderttausend Menschen verantwortlich. Obwohl sich eine Diskrepanz zwischen der Realität und der Vorstellungen der Rastafari über Haile Selassie I erkennen lässt,[46] hat die Verehrung des Kaisers auch heute noch in den unterschiedlichsten Auslegungen Bestand.

Die aufgeführten Weltanschauungen und Lebensweisen der Rastafari sind dennoch nicht als einheitlich aufzufassen, was in den folgenden Kapiteln näher erläutert wird.

2.4 Von der Verfolgung bis zur Akzeptanz

Wie bereits angedeutet wurde, diskriminierte und verfolgte die Regierung und die restliche jamaikanische Bevölkerung in den 1950er und 1960er Jahren die frühen Anhänger der Rastafari-Bewegung, aufgrund ihrer sonderbaren Denk- und Lebensweisen und hinsichtlich ihres äußeren Erscheinungsbildes. Die jamaikanische Regierung fand in den Rastafari einen Sündenbock und machte sie für die prekären wirtschaftlichen und sozialen Zustände auf Jamaika verantwortlich.[47] Dies äußerte sich darin, dass ganze Wohnviertel, die als Hochburgen von Rastafari-Anhängern bekannt waren, niedergerissen und radikal geräumt wurden. Überdies wurde die Gemeinde „Pinnacle“, die von Leonhard Howell 1940 in den Bergen von Jamaika gegründet wurde und als ein Staat im Staat galt, 1954 gewaltsam von der jamaikanischen Polizei geräumt.[48] Ferner wurde der „Back-O-Wall-Bezirk“ in Kingston zu Beginn der 60er Jahre, in welchem jedoch nicht nur Anhänger der Rastafari-Bewegung lebten, mit Hilfe von Planierraupen zerstört. Dies hatte zur Folge, dass der ohnehin schon mittellose Teil der Bevölkerung sein letztes Hab und Gut verlor. Die Empörung die sich in der jamaikanischen Bevölkerung darüber ausbreitete führte schließlich dazu, dass sich erste Sympathisanten gegenüber den Inhalten der Rastafari-Bewegung herauskristallisierten. Insbesondere der „schwarze“ und zugleich ärmste Bevölkerungsteil, der aufgrund historischer Ereignisse die Mehrheit auf Jamaika darstellt, resignierte und begann die politischen Machenschaften der vorherrschenden „weißen“ Regierung in Frage zu stellen. Die revolutionären Gedanken der frühen Rastafari fanden schließlich Anklang in der einfachen jamaikanischen Bevölkerung, die sich nun auch gegen die Diskriminierung und Ausbeutung, seitens der jamaikanischen Regierung, aussprachen und Gleichberechtigung einforderten. Insbesondere erkannten sie die Bedeutsamkeit der Entwicklung einer eigenen und neuen Identität, da ihnen, als Töchter und Söhne der ehemaligen Sklaven, die Bedeutung der Wiedererlangung ihrer Würde und Selbstermächtigung bewusst wurde.

Neben der jamaikanischen Unterschicht, drängten zudem Jugendliche und junge Erwachsene aus der Mittelschicht auf gesellschaftliche Veränderungen. Dadurch wuchs die Anhängerschaft der Rastafari-Bewegung und die stereotypen Vorstellungen über die „faulen und nichtsnutzigen Anhänger der Rastafari-Bewegung“ verschwanden allmählich aus den Köpfen der Gesellschaft. In Anbetracht dieser Tatsache, wurde nach Vieth/Zimmermann (1981) der „Freizeit-Rasta“ geboren.

Bezüglich der Ereignisse auf Jamaika kann festgehalten werden, dass die 60er Jahre von Integrations- und Anerkennungsprozessen der schließlich sehr einflussreichen Rastafari geprägt waren. Heutzutage sind die Anhänger der Rastafari-Bewegung in allen gesellschaftlichen Schichten vertreten und überall auf der Insel anzutreffen.[49]

Das folgende sehr einschlägige Zitat von Vieth/Zimmermann (1981) soll abschließend die Akzeptanz der Rastafari und ihre gegenwärtige Stellung in der Gesellschaft verinnerlichen:

„Die Rastafaris sind heute die führende, ernst zu nehmende soziale und kulturelle Kraft in Jamaika. Sie sind bestimmt der politisch bewußteste Teil der Bevölkerung und mittlerweile ja wohl auch der Stolz der Insel, zumindest was die kulturelle Seite angeht. Rastas sind die wichtigsten Vertreter jamaikanischer Musik, Kunst und Literatur. Sie haben den Reggae in der ganzen Welt populär gemacht.“[50] [51]

2.5 Unterschiedliche Strömungen

Nach Mutabaruka (2010) haben sich unterschiedliche Strömungen innerhalb der Rastafari-Bewegung entwickelt. Dies lässt sich damit begründen, dass sich, aufgrund der Verfolgungen und der gesellschaftlichen Ablehnung der frühen Rastafari, einige Anhänger der Bewegung in die Berge zurückzogen, um dem Rechtfertigungszwang und Druck, der auf ihnen lastete, zu entgehen. In den Bergen rund um Kingston entwickelte sich schließlich eine neue Denkweise. Im Gegensatz zu den Rastafari in der Stadt, lehnten die Rastas in den Bergen die Bibel weitestgehend ab und schöpften ausschließlich aus ihren Erfahrungen, die mit ihrer natürlichen Art zu leben einherging.[52] Demnach kann festgehalten werden, dass die Rastafari-Bewegung in sich sehr vielfältig ist und wie Vieth/Zimmermann (1981) außerdem erläutern, jedes Mitglied eine individuelle Auslegung und Überzeugung von Rastafari mit sich bringt.[53]

Die drei Hauptgruppierungen oder „Häuser“ die in der Rastafari-Bewegung bekannt sind, nennen sich: Twelve Tribes of Israel, Bobo Ashanti und Nyabinghi.

Die Gruppe der Twelve Tribes of Israel wurde von Dr. Vernon Carrington um 1968 auf Jamaika gegründet. Die Mitglieder dieser Gruppierung praktizieren ihren Glauben in der Kirche ihrer Wahl oder von zu Hause, wobei der Glaube an Jesus Christus im Mittelpunkt steht. Überdies bezeichnen sich die Anhänger der Twelve Tribes of Israel als die verlorenen Stämme von Israel, die sich in Ost- und Westafrika im Exil befanden und dann schließlich aus ihrem Exil in Afrika nach Jamaika verschleppt und versklavt wurden. Daher stellt eines der Hauptziele dieser Gruppierung die Rückführung nach Afrika dar. Die Anhänger der Twelve Tribes of Israel folgen überwiegend den Grundsätzen der Bibel und den Lehren von Haile Selassie I. Dennoch sind keine strikten und einheitlichen Regeln zur Lebensführung formuliert. Haile Selassie I wird im Gegensatz zu den Doktrinen der anderen Subgruppierungen nicht als die Reinkarnation von Jesus betrachtet, sondern als Repräsentant der königlichen Abstammungslinie von König David. Ein besonderes Merkmal der Twelve Tribes of Israel ist der Glaube an die „Erlösung“ nicht nur der verschleppten Afrikaner, sondern aller unterdrückten Nationen weltweit. Die Gruppe der Twelve Tribes of Israel praktiziert zudem international und ist außerhalb von Jamaika, wie beispielsweise in Trinidad, den USA und Deutschland, existent. [54] Überdies akzeptieren die Twelve Tribes of Israel Mitglieder aller Nationalitäten. Die einzigen Bedingungen die erfüllt werden müssen sind die regelmäßige Teilnahme an den Treffen und Konzerten, die von den Gruppenmitgliedern organisiert werden, das kontinuierliche Studieren der Bibel und die finanzielle Unterstützung des Zusammenschlusses, welche durch einen Mitgliedsbeitrag erfüllt werden kann. [55]

Die Bewegung der Bobo Ashanti (Ethiopia Africa International Congress) wurde 1958 auf Jamaika von Prince Emmanuel Charles Edwards ins Leben gerufen. Die Anhänger des „Bobo Hauses“ sehen nicht nur Haile Selassie I, als König und Gott, in der Dreifaltigkeit vereint, sondern zudem Prince Emmanuel, als Gründer und hohen Priester, so wie Marcus Garvey, als Prophet, der mit seiner Protestbewegung den Grundstein für die Rastafari-Bewegung legte. [56] Die Mitglieder der Bobo Ashanti leben oft zurückgezogen in den Bergen und lehnen die Gesetze und Prinzipien der westlichen Gesellschaften ab. Des Weiteren halten sie strenge Diäten während des Sabbats ein, wie beispielsweise das Fasten bis Sonnenuntergang und den Verzicht auf Salz. Dabei folgen sie ausschließlich den Lehren des Alten Testaments. Des Weiteren ist ein Bobo -Rasta oftmals durch das Tragen eines Turbans zu erkennen. Überdies verfolgen sie das Ziel, die Bewegung von Marcus Garvey zu Ende zu bringen und bezwecken eine Wiedervereinigung der verschleppten Afrikaner mit ihrem Heimatland Afrika. [57] Eines der bekanntesten Zentren der Bobo- Rastas befindet sich in den Bergen von Bull Bay, im Osten von Kingston. An jenem Ort herrschen besondere Gesetze und Vorschriften insbesondere für weibliche Besucherinnen, welche das Zentrum nur betreten dürfen, sofern sie ihre Haare, Schultern und Beine bedeckt halten. Darüber hinaus werden in den Bobo Hills die populären Besen dieser Gemeinschaft angefertigt, welche dann in Kingston verkauft werden. Für die Bobo Ashanti -Rastafari symbolisiert der Besen spirituelle Reinheit, welche sich für die Rückkehr nach Afrika als unerlässlich erweist. Die Einnahmen durch den Verkauf der Besen stellt das einzige Einkommen der Bobo- Rastas dar, von dem alle Mitglieder der Gemeinde profitieren, da ein Bobo- Rasta in der Regel keinen Privatbesitz hat. [58]

Die dritte Subgruppierung gilt als die Älteste und ist nach Homiak (2000) zwischen 1940 und 1950 entstanden. [59] Ursprünglich war Nyabinghi nach Zips (2000) eine „panafrikanische Geheimgesellschaft“ die von Haile Selassie I selbst in Äthiopien gegründet und geführt wurde und sich zum Ziel setzte, den italienischen Diktator Benito Mussolini zu vertreiben sowie Afrika endgültig vom Kolonialismus zu befreien. Von dieser sogenannten Geheimoperation erfuhr unter anderem Leonhard Howell und weitere Anhänger der Rastafari-Bewegung, welche den Schluss fassten, Haile Selassie I durch Gesänge und Trommeln mental zur Seite zu stehen. Im Zuge dessen entstanden regelmäßige Treffen, die als Nyabinghi Issemblies bezeichnet werden, bei denen auch heute noch Rastafari aus ganz Jamaika zusammentreffen und für sie wichtige Ereignisse zelebrieren, wie beispielsweise den Jahrestag der Krönung von Haile Selassie I oder den Besuch des äthiopischen Kaisers, im April 1966 auf Jamaika. [60] Ein besonderes Merkmal der Nyabinghi- Rastafari ist die Begleitung ihrer Zeremonien mit spiritueller Trommelmusik, durch welche nach afrikanischer Tradition das Böse bekämpft und vertrieben werden soll und in der Rastafari-Bewegung als Word, Sound and Power bezeichnet wird. [61] Des Weiteren kann festgehalten werden, dass der Name Nyabinghi zudem von Queen Nyahbinghi stammt, die im 19. Jahrhundert in Uganda regierte und gegen den kolonialen Einfluss in ihrem Heimatland vorging. Die Anhänger des Nyabinghi- Ordens zeichnen sich dadurch aus, dass sie Haile Selassie I als Oberhaupt ansehen, wobei dieser im zentralen Mittelpunkt dieser Bewegung steht. Der Begriff Nyabinghi bedeutet „Death to all Oppressors“. Des Weiteren beschränkt sich die Ernährung eines Nyabinghi auf pflanzliche Produkte. Äthiopien hat einen besonderen Stellenwert, weshalb die Anhänger dieser Bewegung ebenfalls die Rückkehr nach Afrika anstreben oder gewillt sind Amharisch – die Sprache der Äthiopier – zu lernen und zu sprechen. [62]

Darüber hinaus existieren noch weitere Zusammenschlüsse, weshalb die Betrachtung der drei Gruppierungen lediglich eine Auswahl darstellt, um aufzuzeigen, wie unterschiedlich die gegenwärtigen Interpretationen und Auffassungen innerhalb der Rastafari-Bewegung sind.

Schließlich gibt es die Universal Rastafari oder nach Edmonds (2003) die „own-built“- Rastas, die sich zu keinem der „Häuser“ zugehörig fühlen. Besonders prägnant für diese Rastafari ist, dass sie Rastafari ausschließlich als „a way of life“ bezeichnen. [63]

2.6 Rastafari eine Religion?

Mittels der Darstellung der unterschiedlichen Strömungen der Rastafari-Bewegung wurde deutlich, dass Rastafari nicht als uniform zu bezeichnen ist und sich eine eindeutige Definition von Rastafari dementsprechend als komplex darstellt.

Seit der Entstehung werden die unterschiedlichsten Begriffe in Bezug auf die Rastafari-Bewegung verwendet. Schönburg (1981)[64] und Vieth/Zimmermann (1981)[65] sprechen beispielsweise in ihren Ausführungen von der „Rastafari-Sekte“. Im Gegensatz dazu verwendet Mordecai (2001)[66] den Begriff „Rastafarian religion“. Darüber hinaus kritisiert Zips (2010), dass die „Rastafari-Philosophie und -Kultur“ weiterhin:

„[…] als ein karibischer Kult, […], eine Schwarze Protestkultur, eine Ghetto-Ideologie, als millentarische, visionäre, revisionistische, eskapistische, chiliastische, messianische oder revitalistische Bewegung […].[67]

abgetan wird. Barsch (2013) suggeriert, dass die Rastafari-Bewegung als „neue religiöse Bewegung“ bezeichnet werden sollte und die Anhänger mittels der Konstitution neuer religiöser Glaubensbekenntnisse, die sich anhand von Modifikationen und Interpretationen der traditionellen monotheistischen Religionen manifestiert haben, soziale und kulturelle Veränderungen zu schaffen versuchen.[68]

Diesbezüglich ist zu klären, wie Rastafari tatsächlich definiert werden kann. Auffällig ist, dass die Rastafari-Bewegung oftmals mit Religion in Verbindung gebracht wird. Daher soll der Begriff Religion in einem nächsten Arbeitsschritt definiert werden und dahingehend untersucht werden, inwieweit sich diese Definition auf die Rastafari-Bewegung übertragen lässt.

Religionen spielen seit Beginn der Menschheit eine tragende Rolle und haben seit jeher Auswirkungen darauf, wie Menschen unterschiedlicher Kulturen ihr Leben strukturieren und organisieren. In jeder Religion werden bestimmte ideologische Weltanschauungen vermittelt, welche schließlich die Art und Weise der Lebensführung bedingen. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich diverse Religionen unterschiedlicher Arten entwickelt, von Stammesreligionen, wie beispielsweise das Juden- und Christentum, bis hin zu jungen und modernen Bewegungen.[69]

Nach der Auffassung von Smart (1969) bestehen sieben Eigenschaften, die allen Religionen der Welt gemeinsam sind. Zum einen stellt er fest, dass jeder Religion eine bestimmte Weltanschauung zugrunde liegt, im Zuge derer bestimmte Leitlinien vermittelt werden (1). Zum anderen beschäftigen sich die Anhänger einer Religion mit der Herkunft ihrer Götter und der Entstehungsgeschichte ihrer Religion (2). Hinzukommt die religiöse Erfahrung, die auf der Begegnung des Überdimensionalen – des Göttlichen – in einem bestimmten Bewusstseinszustand basiert (3). Des Weiteren existieren in jeder Religion institutionelle Einrichtungen, welche als Begegnungsstätten fungieren (4). Ferner ist die Vermittlung moralischer Wertvorstellung essentiell, die eine Anleitung zur Lebensführung darstellt (5). Außerdem kann festgehalten werden, dass in jeder Religion bestimmte Rituale und Traditionen praktiziert werden (6). Schließlich sei die spirituelle Bedeutsamkeit von beispielsweise ausgewählten Orten oder Gegenständen genannt, die nach Smart in jeder Religion eine tragende Rolle spielen (7).[70]

Obgleich die aufgeführten Merkmale allgemeingültig für alle Religionen sein sollen, ist seit jeher eine Tendenz dahingehend zu verzeichnen, dass sich innerhalb bestimmter Religionen, unterschiedliche Strömungen entwickeln. Hintergrund dessen sind die unterschiedlichen Auslegungen und Interpretationen der heiligen Schriften, die mit dem Wandel der Zeit zusammenhängen.[71]

Um der Frage nachgehen zu können, ob die Rastafari-Bewegung als eine Religion verstanden werden kann, sollen die sieben von Smart aufgeführten Merkmale in Bezug auf die Rastafari-Bewegung betrachtet werden.

Wie in Kapitel 2.3 bereits erläutert wurde, basiert die Rastafari-Bewegung auf einer jüdisch-christlichen Weltanschauung, die anhand individueller Auslegungen, die Ablehnung der westlich entlehnten Interpretationen von der christlichen Religion vermittelt (1). Die Entstehungsgeschichte und Mythologie der Rastafari-Bewegung ist auf die Ideologien Marcus Garveys und auf die Krönung Haile Selassie I zurückzuführen und lässt sich daran festmachen, dass die Rastafari Marcus Garvey als Propheten und Haile Selassie I als Messias ansehen (2). Die religiöse Erfahrung die nach Smart in jeder Religion eine tragende Rolle spielt, kann in Bezug auf die Rastafari-Bewegung einerseits mit der Suche und Erkenntnis der inneren Weisheit in Verbindung gebracht werden. Andererseits ist die Überzeugung an die Göttlichkeit von Haile Selassie I als Bestandteil der religiösen Erfahrung zu betrachten (3). Die Existenz institutioneller Einrichtungen ist in Bezug auf die Rastafari-Bewegung als zwiespältig zu betrachten, da die Rastafari beispielsweise keine Kirchen in dem Sinne besitzen. Dennoch existieren Subgruppierungen, wie beispielsweise die Bobo Ashanti -Rastafari, die in der Regel gemeinsam an einem bestimmten Ort zusammen leben oder eine zentrale Begegnungsstätte errichtet haben, welche im weitesten Sinne als institutionelle Einrichtungen angesehen werden können (4.). Der Grundsatz dieser jungen Bewegung besteht darin, dass Bewusstsein über die jahrelang unterdrückte Identität afrikanischer Menschen wiederzuerlangen, was eng mit der Forderung auf die Rückführung nach Afrika verbunden ist. Mit der Ablehnung „babylonischer Systeme“ wird gleichzeitig eine bestimmte Lebensführung vorgegeben, die beispielsweise den Verzehr von Fisch und Fleisch untersagt (5). Des Weiteren enthält beispielsweise das Rauchen von Marihuana einen rituellen Aspekt, welches als Nahrung für die Seele dient und zum Zwecke der Bewusstseinserweiterung essentiell ist (6). Schließlich wird Äthiopien von den Rastafari als heilig angesehen, da Haile Selassie I zum einen aus dem „gelobten Land“ stammt und sie zum anderen erkannt haben, dass die Wurzeln ihrer Vorfahren in Afrika liegen (7).

Auf Grundlage dieser kurzen analytischen Betrachtung, kann der Schluss gefasst werden, dass Rastafari als eine Religion zu verstehen ist. Im Gegensatz dazu, kann in Anbetracht der divergenten Weltanschauungen und Lebensweisen, so wie angesichts der Behauptungen einiger Rastafari, nicht religiös zu sein,[72] festgehalten werden, dass Rastafari zusätzlich als „a way of life“[73] zu definieren ist. Die Begriffserklärung von Rastafari hängt dementsprechend vom individuellen Verständnis der jeweiligen Anhänger der Bewegung ab.

Nach den Worten von Zips (2010) handelt es sich bei der Rastafari-Bewegung weiterführend: „ […] um eine von innerer Vielfalt gekennzeichnete[n] Suche nach Weisheit […].“[74] die auf individuellen Erfahrungen basiert[75] und diese Rastafari-Erfahrung nach Mutabaruka (2010): „[…] die Art und Weise, sein Leben zu führen [ist] […] [wobei] [i]m Zentrum dieser Erfahrung […] Haile Selassie [steht].“[76]

Aus einer ursprünglichen Protestbewegung, der panafrikanische Ideologien zugrunde liegen und innerhalb derer die Anhänger gegen die Superession der Afrikaner durch das westliche System kämpfen, entwickelte sich eine Bewegung, die zu Beginn von tiefer Religiosität geprägt war. Die ursprünglichen religiösen Aspekte haben, wie sich herausstellte, infolge der unterschiedlichen Auffassungen und Definitionen von Rastafari, nicht zwangsläufig Fortbestand, was sich beispielsweise in den grundverschiedenen Lebensweisen und Weltanschauungen der Rastafari in der Stadt und der Rastafari in den Bergen äußert (siehe Kap. 2.5).

An dieser Stelle soll das einschlägige Zitat, welches Zips (2000) in seinem Essay aufgreift, Klarheit verschaffen: „Rastafari identity is Rastafari, who feels it – knows it, who never know it – a go feel it […].“[77] Das soll bedeuten, dass Rastafari gefühlt und gelebt werden muss, um tatsächlich verstanden zu werden.

Ferner erscheint mir die Erläuterung von Foehr (2000) als besonders passend, um Rastafari abschließend zu definieren. Er argumentiert, dass die Rastafari-Bewegung weder als eine christlich-basierte noch als eine afrikanisch-basierte Religion anzusehen sei, sondern vielmehr als etwas Karibisches und bezeichnet Rastafari als ein „modern Afro-Caribbean cultural phenomenon“, in welchem die Traditionen afrikanischer Kulturen sowie die sozialen, wirtschaftlichen, historischen und religiösen Wirklichkeiten der Karibik vereint sind.[78]

3. Aktueller Forschungsstand: Die Sondersprache der Rastafari

Mit dem Begriff „Dread-Talk“ oder „Rasta-Talk“ ist der gruppenspezifische Wortschatz der Rastafari gemeint, welcher nach Mordecai (2001) eine Abwandlung der jamaikanischen Kreolsprache „Patwah“ darstellt.[79] Im Verlauf dieser Arbeit wird jedoch ausschließlich der Begriff „Rasta-Talk“ für diese besondere Sprache der Rastafari verwendet, da das Wort „dread“ in meiner Gegenwart häufig in einem negativen Kontext verwendet wurde und meine Entscheidung diesbezüglich beeinflusst hat.

3.1 Exkurs

In Anbetracht der Tatsache, dass die Sondersprache der Rastafari eine Abwandlung des Patwah darstellt, soll vorerst die Entstehung und die spezifischen Merkmale von Kreolsprachen im Allgemeinen und die Entstehungsgeschichte von Patwah im Einzelnen erläutert werden.

3.1.1 Was sind Kreolsprachen

Unter Kreolsprachen werden jene Gruppen von Sprachen zusammengefasst, die sich aus einer ehemaligen Pidginsprache herausgebildet haben.[80] Nach Thomason/Kaufman (1988) bezeichnet Bußmann (2008) Pidginsprachen als:

„[…] eine aus einer sprachlichen Notsituation entstandene Mischsprache: Beim Kontakt von Sprechern von zwei oder mehr Sprachen ohne gegenseitiges Sprachverständnis werden Struktur und Vokabular der einzelnen muttersprachlichen Systeme durch mutual accommodation nachhaltig reduziert, um eine Verständigung herbeizuführen (Vgl. Thomason/Kaufman [1988]); […].“[81]

Überwiegend sind diese Pidginsprachen im Zuge der Kolonialisierung und des Sklavenhandels entstanden. Die aus Übersee importierten Sklaven in den besetzten Gebieten, wie beispielsweise in der Karibik und im Pazifikraum, bildeten eine multilinguale Zwangsgemeinschaft, welche die nach Thomason/Kaufman (1988) beschriebene „sprachliche Notsituation“ versinnbildlicht. [82] Weiterhin beschreibt Bußmann (2008), dass aufgrund dieser besonders situierten sprachlichen Konstellation, Pidginsprachen:

„[…] gekennzeichnet [sind] durch (im Vergleich mit der Ausgangssprache) vereinfachte phonologische, morphologische und syntaktische Strukturen, durch einen stark reduzierten Wortschatz, [und] eine Tendenz zur Umschreibung und Metaphorik [aufweisen].“[83]

Wie zu erkennen ist, sind Pidginsprachen überwiegend als funktional anzusehen und zudem oft als Vorläufer von Kreolsprachen zu betrachten.[84] Im Laufe der Zeit wurden dann die primitiven Strukturen des Pidgin beseitigt und eine neue Sprache – eine Kreolsprache – kreiert, die sich dann allmählich als Muttersprache der neu entstandenen Gesellschaft etabliert hat. Dies wird wie folgt erklärt:

„[…] durch Verbindung von Elementen der Muttersprache, insbes. von syntaktischen und semantischen Elementen, mit Elementen der sozial dominanten Sprachen (primär lexikalische Elemente) unter Hinzunahme von generellen linguistischen Strategien.“ [85]

Eine wichtige Voraussetzung dafür waren jedoch Stabilisierungsprozesse in dieser Gesellschaft, was ein Ende der Sklaverei und der kolonialen Besetzung impliziert und Kontinuität im Spracherwerb dieser neuen Sprache voraussetzt. [86]

3.1.2 Die Entstehung der jamaikanischen Kreolsprache: Patwah

Patwah ist eine auf Jamaika gesprochene Kreolsprache, die sich im Zuge der Sklaverei aus einer Pidginsprache entwickelt hat. Aufgrund der britischen Kolonialherren, in der letzten Phase der Kolonialisierung Jamaikas, handelt es sich dabei um eine englisch-basierte Kreolsprache, welche insbesondere von Elementen westafrikanischer Sprachgruppen beeinflusst wurde.[87]

Durch die Verschiffung afrikanischer Sklaven auf die Insel Jamaika, kam es zu der Entstehung einer multilingualen Gesellschaft. Im Zuge dessen entstand eine Pidginsprache, wodurch sich vorerst über den kleinsten gemeinsamen Nenner der vorhandenen Sprachen verständigt wurde. Diese Pidginsprache unterlag dem dominierendem Einfluss des britischen Englisch. Einerseits waren die britischen Kolonialherren versucht den Arbeitssklaven das eigene Sprachsystem aufzudrängen. Andererseits waren die verschifften Sklaven dazu gezwungen, da sie von den Sprechern ihrer eigenen Muttersprachen isoliert wurden, ein Sprachsystem zu kreieren, was ihnen eine Kommunikation untereinander ermöglichte.[88] Das Englisch der Kolonialherren wurde diesbezüglich von den afrikanischen Sklaven insoweit modifiziert, dass es schließlich Wortneuschöpfungen, eine eigene Syntax, so wie Leihwörter aus anderen Sprachen aufwies. Des Weiteren wurden zum Teil Vokale und Konsonanten ausgetauscht und die neue Sprache mit einer Mixtur aus afrikanischen Grammatiken, insbesondere aus den Ewe- und Ibo-Sprachgruppen, versehen.[89] Bei diesem Prozess entwickelte sich im Laufe der Zeit aus einer Pidginsprache eine Kreolsprache, die sich dann allmählich weiter entwickelte und schließlich zu der Muttersprache nachfolgender Generationen wurde. [90] Dies konnte durch die Stabilisierungsprozesse der gesellschaftlichen Verhältnisse nach Beendigung der Sklaverei realisiert werden, da es nun zu einer Kontinuität im Sprachgebrauch kommen konnte (siehe Kapitel 3.1.1).

Die britischen Kolonialherren und weitere Unterdrücker interpretierten die Korruption ihrer Sprache als „Dummheit“ und Unfähigkeit der Sklaven Englisch zu lernen. Wird dieser Vorwurf aus heutiger Perspektive beurteilt, vergleichbar mit der Auffassung von Louise Bennett,[91] kann festgehalten werden, dass es sich dabei um eine Revolte der Sklaven handelte, die sich hilflos ausgeliefert sahen und nicht anders in der Lage waren Widerstand zu leisten.[92] Obwohl die Amtssprache auf Jamaika immer noch das „Queens English“ ist und Patwah oftmals als ein Dialekt der Unterschicht verkannt wird, hat sich mit der Unabhängigkeit Jamaikas 1962, insbesondere durch Louise Bennett, ein neues Bewusstsein in der jamaikanischen Bevölkerung ausgebildet. Sie rief unter anderem dazu auf, der jamaikanischen Kreolsprache mit Stolz zu begegnen und sich ihrer nicht zu schämen, da diese ein Produkt ihrer Vorfahren sei, die sich dadurch mit Erfolg gegen die westliche Herrschaft auflehnten. Die Ausbildung eines neuen sprachlichen Bewusstseins schließt zusätzlich die Entwicklung eines neuen Selbstverständnisses und gesellschaftliche Veränderungen ein, was bedeutet, dass sich die Jamaikaner ihrer Wurzeln und ihrer Identität bewusst wurden.[93]

Schließlich kann die Entwicklung von Patwah unterschiedlich aufgefasst werden. Einerseits handelt es sich bei Patwah um eine Kreolsprache, die sich im Zuge der Kolonialisierung aus einer sprachlichen Notsituation und diesbezüglich aus einer Pidginsprache heraus entwickelt hat. Diese wurde dann nach den Anforderungen der damaligen Gesellschaft spezifiziert und fungiert heute als Muttersprache vieler Jamaikaner. Andererseits kann die Entstehung, wie Louise Bennett unter anderem vorschlägt, als erfolgreiche Revolte und Auflehnung der Arbeitssklaven gegen die Unterdrücker interpretiert werden.

3.2 Was ist Rasta-Talk und Fakten zur Entstehung

Die Rastafari entwickelten durch grammatikalische und lexikalische Veränderungen und Erweiterungen der jamaikanischen Kreolsprache Patwah, einen gruppenspezifischen Wortschatz. Dieses sprachliche Verhalten kommt der Definition von Sondersprachen gleich, weshalb Rasta-Talk als solche deklariert werden soll.[94]

Bei einer Sondersprache handelt es sich um eine besondere Sprache, die vom gegebene Sprachsystem abweicht und von einer bestimmten sozialen Gruppe einer Sprachgemeinschaft verwendet wird. Die gegebene Lexik und Grammatik der vorhandenen Sprache wird nach individuellen Ansprüchen und Interessen der Gruppe modifiziert, sodass ein gruppenspezifischer Wortschatz entsteht. Überdies besteht die Möglichkeit, dass bestimmte Ausdrücke dieser Sondersprache in die gegebene Einheitssprache etabliert werden.[95]

Mittels der Sondersprache der Rastafari werden Weltanschauungen dieser jungen Bewegung vermittelt, die unter anderem, wie in Kapitel 2.3 aufgeführt wurde, einen Bruch mit dem westlichen und ehemals kolonialen Herrschaftssystem darstellen. Durch die Modifizierung des Patwah wird eine spezifische Beziehung zwischen Form und Funktion der Sprache hergestellt, deren Inhalte als eine Art Revolte angesehen werden können.[96] Nach Pollard (2000): „[h]ere patterns of speech really do reflect patterns of thought.“[97]

Das Rasta-Talk vielmehr als eine Abwandlung des Patwah und nicht, wie sich aufgrund der Weltanschauungen logisch ergeben würde, des „Queens Englisch“ zu betrachten ist, hat gesellschaftliche Hintergründe, die im Verlauf der Arbeit noch explizit erklärt werden.

Rasta-Talk wird nach Barsch (2013) von einigen Rastafari als „Iyaric“ bezeichnet. Dieser Begriff wurde von „I“ und „amharic“ abgewandelt. Für viele Rastafari gilt Amharisch, die Amtssprache Äthiopiens, als reine und einzig wahre Sprache. Obwohl „Iyaric“ oder Rasta-Talk dem Amharischen in keinster Weise ähnelt, sollte mit der Entwicklung dieser Sondersprache „wieder eine reine und damit ursprüngliche Sprache“ konzipiert werden.

Die Rastafari glauben an die Vitalität des Wortes, welches ihrer Ansicht nach eine konstruktivere Wirkung als eine Waffe hat, da es die Seele des Zuhörers nachhaltig berührt (siehe: Word, Sound and Power – Kapitel 2.5). Darüber hinaus sind die Rastafari der Überzeugung, dass die Intonation und der Klang eines Wortes nicht zufällig sind, sondern sich entweder positiv oder negativ auf den Zuhörer auswirken.[98]

Der erste Impuls für die Entwicklung dieser Sondersprache hat sich nach Edmonds (2003) spontan während einer Rastafari-Sitzung ergeben.[99] Nach Prahlad (2001) wurde Rasta-Talk in den späten 50er Jahren des 20. Jahrhunderts von einer Gruppe junger Rastafari entwickelt.[100] Rasta-Talk fungierte dann als „[…] a weapon in the Rastafarian ideological and symbolic war against Babylon.“[101] Dies lässt sich damit begründen, dass die Nachfahren der afrikanischen Sklaven in einer Gesellschaft aufwuchsen, wo „Schwarze“, trotz Abschaffung der Sklaverei, weiterhin als minderwertig betrachtet wurden[102] und sie, abgesehen von der Tatsache das sie sich in Freiheit sahen, dennoch keinen Anspruch auf Rechte und Bildung hatten. Dieses Privileg wurde überwiegend der Klasse der Mischlinge und der „weißen“ jamaikanischen Gesellschaftsschicht zuteil. Bei dem einflussreichen „weißen“ und wohlhabenderen Teil der jamaikanischen Gesellschaft handelt es sich nach Lee (2000) um weniger als 10% der Gesamtbevölkerung auf Jamaika, die aufgrund ihrer angesammelten Besitz- und Reichtümer ihrer Vorfahren, die herrschende Gesellschaftsschicht auf Jamaika ausmachen.[103]

Hintergrund der Entstehung von Rasta-Talk ist demnach ein revolutionärer Aufstand mittels der Sprache, wobei sich die Entwicklung auf den Teil der jamaikanischen Gesellschaft zurückführen lässt, der sich vom bestehenden politischen System unterdrückt sah. Dahingehend lässt sich erklären, warum diese Sondersprache ein Produkt der jamaikanischen Unterschicht darstellt, anhand dessen die soziale Situation seiner Sprecher ausgedrückt werden soll.[104]

Des Weiteren ist nach Pollard (2000) festzuhalten, dass Rasta-Talk als eine Sondersprache zu verstehen ist, die außerhalb der Rastafari-Community nicht verstanden wird.[105] Weiterhin stellt Pollard fest, dass Rasta-Talk nicht von allen Rastafari verwendet wird und teilweise nur ausgewählte Aspekte dieser Sondersprache Anwendung finden.[106]

Eng verknüpft mit der Weiterentwicklung von Rasta-Talk und der Verbreitung der Ansichtsweisen der Rastafari-Bewegung, sind die turbulenten 60er Jahre des 20. Jahrhunderts auf Jamaika, die von zunehmender Arbeitslosigkeit und dem Nachhall der amerikanischen Bürgerrechtsbewegungen geprägt waren. Ausdruck fanden die Rastafari in der jamaikanischen Volksmusik – Reggae –, anhand dessen auf die prekären sozialen und ökonomischen Zustände jener Zeit aufmerksam gemacht werden konnte.[107] Da der Reggae von den Anhängern dieser jungen Bewegung geprägt wurde, galt und gilt der Reggae auch heute noch als wichtiges Sprachrohr der Rastafari, für die Verbreitung kultureller Werte und Weltanschauungen, und enthält diesbezüglich wichtige Botschaften.[108] Die spezifischen Termini und der besondere sprachliche Ausdruck der Rastafari, finden in den Liedern Anwendung. [109] Dies hatte zur Folge, dass Rasta-Talk nicht nur in allen Schichten der jamaikanischen Gesellschaft populär wurde, sondern auch international an Bedeutung gewann.[110] Auf den Zusammenhang zwischen Reggae und der Rastafari-Bewegung kann im Verlauf der Arbeit nicht näher eingegangen werden, da es den Rahmen der vorliegenden Arbeit übersteigen würde.

Weiterhin führte die zunehmende Akzeptanz der Rastafari in der jamaikanischen Gesellschaft dazu, dass Rasta-Talk die jamaikanische Kreolsprache Patwah beeinflusste und nach Pollard (2000) die Grenzen zwischen Patwah und Rasta-Talk kaum noch zu erkennen sind. Der Rasta-Talk: „[…] has become a general way of speaking.“[111] Vor allem gibt sie zu verstehen, dass überwiegend junge Männer, obwohl sie sich nicht als Mitglied der Rastafari-Bewegung bekennen, Wörter wie beispielsweise „Irie“ an Stelle von „Hi“ oder „Yes Rasta“ ersatzweise für „Yes Man“ benutzen.[112]

Schließlich verwendeten sogar Politiker der Jamaican Labour Party (JLP) Phrasen aus dem Rasta-Talk für ihren Wahlkampf und die People´s National Party (PNP) nutzten Textteile aus berühmten Reggae-Songs.[113]

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die besondere Sprache der Rastafari und ihre Entstehung eng im Zusammenhang mit der Geschichte einer ganzen Nation steht. Des Weiteren wird mittels der besonderen sprachlichen Form die soziale Situation einer unterdrückten Gesellschaft reflektiert und Weltanschauungen und Ansichtsweisen der Rastafari-Bewegung transportiert. Als wichtigstes Medium gilt der Reggae, mithilfe dessen die Überzeugungen dieser jungen Bewegung und der gruppenspezifische Wortschatz international verbreitet werden können. Hinzukommt, dass die Sondersprache teilweise von der jamaikanischen Gesellschaft, insbesondere von den männlichen Jugendlichen, adaptiert wurde, wodurch bestimmte Termini in die gegebene Einheitssprache eingebettet wurden und Rasta-Talk dahingehend Einfluss auf die jamaikanische Kreolsprache hat.

3.3 Linguistische Eigenheiten von Rasta-Talk

Nach Mordecai (2001) lassen sich im linguistischen System von Rasta-Talk vier unterschiedliche Kategorien finden. Zum einen existiert der Gebrauch von alten englischen Wörtern, unter der Verwendung einer neuen Bedeutung (1). Zum anderen wird die Phonologie ausgewählter Wörter so modifiziert, dass der Sinngehalt ein anderer ist (2). Außerdem sind im Rasta-Talk sogenannte I/i- oder Y/y-Wörter vorhanden, was bedeutet, dass das Präfix eines englischen Wortes durch „I/i“ oder „Y/y“ ersetzt wird (3). Schließlich besteht die Sondersprache der Rastafari aus zahlreichen Wortneuschöpfungen (4). Die ausgewählten modifizierten und abgewandelten Wörter, die den jeweiligen Kategorien zugeordnet werden können, erfüllen bezüglich der Weltanschauungen der Rastafari einen bestimmten Zweck.

Ein Beispiel für die neue Bedeutung eines alten Wortes ist der ursprünglich biblische Terminus „Babylon“, der synonym für das ehemalige koloniale System und der westlichen Gesellschaft sowie für „police“ oder „policemen“ verwendet wird (1.).[114]

Des Weiteren stellt die spezifische Aussprache des Wortes „Jesus“, welches nach Ansicht der Rastafari „Jes-us“ ausgesprochen wird, ein Beispiel für die bewusste Modifikation der Phonologie dar. Die Rastafari betonen dieses Wort zweckmäßig anders, sodass es der englischen Aussage „just us“ gleichkommt und in diesem Sinne für sie bedeutet, dass Christus innerhalb eines jeden Menschen verkörpert ist und demnach lebt.[115] Diese theologische Ansichtsweise der Rastafari wird bei der Erläuterung des „I and I“-Prinzips erneut aufgegriffen.

Obwohl die Umwandlung beispielsweise des Wortes „participate“ zu „fullticipate“ zunächst nicht ausschließlich als eine Veränderung der Aussprache angesehen werden kann, sondern vielmehr den Eindruck hinterlässt, eine Wortneuschöpfung zu sein, gehört diese Art von Modifikation auch in diese Kategorie. Dabei wird der Fokus hauptsächlich auf Assoziationen gelegt, welche die Präfixe beim Hörer hinterlassen. Sehr deutlich wird dies bei dem Wort „dedicate“, welches zu „livicate“ umgewandelt wird, da die Vorsilbe dieses englischen Wortes wie „dead“ klingt und demnach, abgesehen von der tatsächlichen Bedeutung, einer negativen Konnotation unterliegt.[116] Des Weiteren ist der Begriff „overstand“ von dem englischen Wort „understand“ abgeleitet worden und hat sich im Rasta-Talk etabliert. Für die Rastafari hat auch die Vorsilbe „under-“ eine negative Bedeutung, insbesondere in Bezug auf die Geschichte ihrer Vorfahren, die jahrelang „unter-“ der weißen Vorherrschaft „standen“ und unterdrückt wurden. Diesbezüglich haben die Rastafari das Wort so modifiziert, dass folglich mittels des Präfixes „over-“ ausgedrückt werden kann, dass sie über den Dingen stehen, dass sie die Möglichkeit besitzen selbst etwas zu steuern und zu kontrollieren und dadurch unabhängig sind (2.).[117]

Bei den sogenannten „I/i“ oder „Y/y“-Wörtern wird das Präfix eines Wortes mit einem „I/i“ oder „Y/y“ ersetzt, wie beispielsweise „i-ration“ an Stelle von „vibration“ oder „i-tal“ statt „vital“. Hintergrund dessen ist der Wohlklang des Krönungstitels des äthiopischen Kaisers Haile Selassie I. Bei der Artikulation von „Haile Selassie I“ wird deutlich, dass der Name viele „i-Töne“ aufweist und sehr weich klingt, weshalb dem Wort oder Vokal „I/i“ eine harmonische und positive Bedeutung zugeschrieben wird. Um dem Kaiser näher zu sein und dessen Verehrung auszudrücken, wird daher im Rasta-Talk vorzugsweise „I/i“ als Präfix verwendet. Überdies kommt der Wahrnehmung bei den Rastafari einer essentiellen Bedeutung zu. Wahrnehmung meint hierbei nicht ausschließlich den physischen Vorgang mittels des „eye“ (engl. für Auge), sondern meint zudem Einsicht – die Erkenntnis des „I“, des „Ich“ einer Person, des inneren Selbst – was mit der Suche nach Weisheit assoziiert werden kann. Die beiden Komponenten „I“ und „eye“ werden im Rasta-Talk zu „I and I“ und werden synonym für die Pronomen „ich“, „wir“ und „uns“ verwendet.[118] Weiterführend stellt „I and I“ nach Andwele (2010): „[…] eine Einheit zwischen Gott, dem Universum, der Natur und dem Menschen [dar] […].“[119] Ein einschlägiges Zitat macht diese Ansichtsweise besonders deutlich:

„Who is you? There is no you. There is only I, I and I. I is you, I is God, God is I. God is you, but there is no you, because you is I, so I and I is God. We are all each other and one with God because it is the same life energy that flows in all of us.“[120]

Des Weiteren versinnbildlicht die Bezeichnung „I and I“ die Manifestation des höchsten Wesens in einem Selbst, welches nach Auffassung der Rastafari einem jeden Menschen angeboren ist. Diesbezüglich spricht ein Rastafari nicht von einem überirdischen Wesen, sondern im übertragenden Sinne von der Erkenntnis des absoluten Bewusstseins und der Weisheit, durch aufmerksame Wahrnehmung und Kenntnisnahme („eye“) der eigenen Person im Hier und Jetzt („I“). Dem hinzuzufügen ist, dass nach Auffassung der Rastafari Haile Selassie I das höchste Wesen ist und sie ihn demzufolge im „I“ vereint sehen.[121]

Da die Bedeutung des „I and I“-Konzeptes schwer nachvollziehbar ist, folgt eine präzise Erläuterung der Philosophie, die sich dahinter verbirgt, durch Mutabaruka (2010), wonach dieses Konzept:

„[d]as Konzept des höchsten Wesens, nicht des überirdischen, sondern des höchsten Wesens in einem selbst [beschreibt]. Dass das höchste Wesen ewig ist. Es gibt keine Reinkarnation der Vorfahren. Ich bin mein Vorfahre und mein Vorfahre ist ich. Gäbe es keinen Vorfahren, würde ich nicht existieren. Und würde ich nicht existieren, gäbe es keinen Vorfahren. Daher versuche ich nicht, die Erfahrung meiner Vorfahren auszuleben. Ich erschaffe meine eigene Erfahrung zu meiner eigenen, mir gegebenen Zeit. Und meine Erfahrung ist definiert durch mein Verständnis und die Information, die mir zu der Zeit gegeben wird, wenn ich sie tatsächlich erhalte. […] Es ein Prozess, das einzuschätzen, wo du gestern warst, und dahin zu gelangen, wo du heute bist […].[122]

[...]


[1] Dem Begriff „Rastafari“ wird im Verlauf der gesamten Arbeit aus stilistischen Gründen kein Plural-S angehängt und als eigenständiges Wort im Singular und Plural verwendet.

[2] Im Verlauf meiner Arbeit werde ich aus Gründen der Lesbarkeit den männlichen Terminus verwenden. Die weibliche Form ist dennoch in meinem Denken eingeschlossen.

[3] Nähere Informationen zum Schaffen und Wirken von Marcus Garvey: Archer, Jules (1993): They had a dream. The civil rights struggle, from Frederick Douglass to Marcus Garvey to Martin Luther King and Malcom X. New York: Penguin Books.

[4] Vgl. Lewis (2010: 79ff.).

[5] Vgl. Vieth; Zimmermann (1981: 114f.).

[6] Was mit der Begrifflichkeit „schwarz interpretieren“ explizit gemeint ist, wird in Kapitel 2.3 näher beleuchtet.

[7] Vgl. Mutabaruka (2010: 55f.).

[8] Die Bedeutung von Haile Selassie I wird im nächsten Kapitel ausführlicher betrachtet.

[9] Vgl. Chevannes (1998: 9).

[10] Zips (2000: 17).

[11] Vgl. Lewis (2010: 82).

[12] Vgl. Kremser (2000: 9).

[13] Vgl. Edmonds (2003: 37).

[14] Vgl. Lewis (2010: 80ff.).

[15] Vgl. Tafari (2004: Forword; Introduction).

[16] Vgl. Plummer (1978: 14).

[17] Vgl. Tafari (2004: Forword; Introduction).

[18] Vgl. Lewis (2010: 83ff.).

[19] Vgl. Lewis (2010: 82).

[20] Vgl. Mordecai (2001: 47).

[21] Mordecai (2001: 47).

[22] Vgl. Zips (2000: 18ff.).

[23] Vgl. Andwele (2010: 46).

[24] Vgl. Mordecai (2001: 47f.).

[25] Vgl. Barrett (1977: 106).

[26] Vgl. Mordecai (2001: 48).

[27] Vgl. Zips (2000: 18ff.).

[28] Vgl. Kremser (2000: 9).

[29] Vgl. Lewis (2010: 88f.).

[30] Vgl. Vieth; Zimmermann (1981: 117).

[31] Vgl. Mutabaruka (2010: 56).

[32] Vgl. Edmonds (2003: 45).

[33] Vgl. Zips (2000: 20ff.).

[34] Vgl. Foehr (2000: 140).

[35] Vgl. Barrett (1977: 128).

[36] Vgl. Zips (2000: 20ff.).

[37] Zips (2000: 23).

[38] Vgl. Schönburg (1981: 26).

[39] Vgl. Prahlad (2001: 114).

[40] Zips (2000: 23).

[41] Vgl. Mordecai (2001: 48).

[42] Vgl. Mutabaruka (2010: 57f.).

[43] Vgl. Vieth; Zimmermann (1981: 128f.).

[44] Vgl. Edmonds (2003: 60).

[45] Vgl. Andwele (2010: 47).

[46] Vgl. Vieth; Zimmermann (1981: 118ff.).

[47] Vgl. Mutabaruka (2010: 55ff.).

[48] Vgl. Edmonds (2003: 37f.).

[49] Vgl. Vieth; Zimmermann (1981: 124ff.).

[50] Vieth; Zimmermann (1981: 126f.).

[51] Im Anhang befindet sich ein zusammenfassender Überblick über die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Rastafari-Bewegung.

[52] Vgl. Mutabaruka (2010: 58f.).

[53] Vgl. Vieth; Zimmermann (1981: 128).

[54] Vgl. Parke (2012).

[55] Vgl. Barsch (2013: 27).

[56] Vgl. Barsch (2013: 28).

[57] Vgl. (2009: http://www.bbc.co.uk/religion/religions/rastafari/subdivisions/twelvetribes.shtml).

[58] Vgl. Barsch (2013: 28f.).

[59] Vgl. Homiak (2000: 51).

[60] Vgl. Zips (2000: 28f.).

[61] Vgl. Homiak (2000: 55ff.).

[62] Vgl. (2009: http://www.bbc.co.uk/religion/religions/rastafari/subdivisions/nyahbinghi.shtml).

[63] Vgl. Edmonds (2003: 68).

[64] Vgl. Schönburg (1981: 18).

[65] Vgl. Vieth; Zimmermann (1981: 116).

[66] Vgl. Mordecai (2001: 82).

[67] Zips (2010: 9f.).

[68] Vgl. Barsch (2013: 31f.).

[69] Vgl. Wilkinson (2009: 14ff.).

[70] Vgl. Wilkinson (2009: 16f.).

[71] Vgl. Wilkinson (2009: 29).

[72] Vgl. Mutabaruka (2010: 63).

[73] Edmonds (2003: 72).

[74] Zips (2010: 8).

[75] Vgl. Zips (2010: 8).

[76] Mutabaruka (2010: 62).

[77] Zips (2000: 20).

[78] Vgl. Foehr (2000: 141).

[79] Vgl. Mordecai (2001: 83).

[80] Vgl. Bußmann (2008: 380).

[81] Bußmann (2008: 532).

[82] Vgl. Kramer (2004: 69ff.).

[83] Bußmann (2008: 532).

[84] Bußmann (2008: 380).

[85] Bußmann (2008: 380).

[86] Bußmann (2008: 380).

[87] Vgl. Cassidy (1961: 10ff.).

[88] Vgl. Krause (2009: 41ff.).

[89] Vgl. Zahl (2002: 140).

[90] Vgl. Krause (2009: 47).

[91] Louise Bennett, auch bekannt als Miss Lou, war eine einflussreiche Autorin, die Gedichte auf Patwah verfasste und anhand dessen die einfache jamaikanische Bevölkerung dazu aufrief, Stolz auf ihre Sprache und afrikanischen Wurzeln zu sein. [Vgl. Zahl (2002: 143)].

[92] Vgl. Bader (1988: 131f.).

[93] Vgl. Bader (1988: 128ff.).

[94] Vgl. Mordecai (2001: 82f.).

[95] Vgl. Bußmann (2008: 632).

[96] Vgl. Mordecai (2001: 82f.).

[97] Pollard (2000: preface).

[98] Vgl. Barsch (2013: 122ff.).

[99] Vgl. Edmonds (2003: 62).

[100] Vgl. Prahlad (2001: 20).

[101] Edmonds (2003: 62).

[102] Vgl. Pollard (2000: 22).

[103] Vgl. Lee (2000: 20f.).

[104] Vgl. Pollard (2000: 4).

[105] Vgl. Pollard (2000: 7).

[106] Vgl. Pollard (2000: 25).

[107] Vgl. Pollard (2000: 30).

[108] Vgl. Pollard (2000: 15).

[109] Vgl. Bader (1988: 190ff.).

[110] Vgl. Pollard (2000: 30ff.).

[111] Pollard (2000: 35).

[112] Vgl. Pollard (2000: 35).

[113] Vgl. Edmonds (2003: 91).

[114] Vgl. Pollard (2000: 41).

[115] Vgl. Mordecai (2001: 83).

[116] Vgl. Edmonds (2003: 63).

[117] Vgl. Mordecai (2001: 83).

[118] Vgl. Mordecai (2001: 84).

[119] Andwele (2010: 50).

[120] Homiak (1998: 167).

[121] Vgl. Mutabaruka (2010: 64f.).

[122] Mutabaruka (2010: 72).

Details

Seiten
102
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668104952
ISBN (Buch)
9783668104969
Dateigröße
940 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v311353
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Sprachvergleich und Sprachgebrauch
Note
1,5
Schlagworte
Rastafari Dread-Talk Rasta-Talk Jamaika Patwah Kreolsprachen Marcus Garvey Haile Selassie Religion

Autor

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Titel: You understand or you overstand? Eine Betrachtung der Sprache der Rastafari