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Das Bilderbuch "Die große Wörterfabrik" in der Grundschule. Theoretische Grundlagen und Praktische Impulse

Hausarbeit 2014 19 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Welt der Wörter

3 Das Bilderbuch als Medium literarischer Erfahrungen

4 “Die große Wörterfabrik“
4.1 Allgemeines
4.2 Inhalt
4.3 Illustration
4.4 Verhältnis Bild Text
4.5 Sprache

5 Schreibspielräume
5.1 Zeit
5.2 Angstfreiheit
5.3 Die Raumgestaltung
5.4 Der Anfang

6 Schreibanlässe
6.1 Mein Wort
6.2 Der Wörter-Laden

7 Präsentation der Ergebnisse

8 Fazit

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In dieser Arbeit möchte ich untersuchen, wie man Kinder auf dem Weg des eigenen Schreibens unterstützen kann. Wie lernen Kinder, in der Welt der Schrift Erfahrungen zu sammeln und dabei sich die Welt und sich selbst zu entdecken? Welche Voraussetzungen müssen für derartige „Schreibspielräume“ Kohl & Ritter 2010: 7) gegeben sein? Welche Impulse sind möglich und geeignet, um Kindern den Übergang von der realen Welt des Klassenzimmers in die Welt der Fantasie zu ermöglichen? Diese Fragen möchte ich ausgehend von der Arbeit mit Bilderbüchern, speziell am Beispiel des Bilderbuches von Agnès de Lestrade und Valeria Decampo „Die große Wörterfabrik“ im Unterricht untersuchen. Ich werde begründen, weshalb ich dieses Bilderbuch als sehr geeignet für die Grundschule halte und was Kinder mithilfe dieses Buches entdecken können. Doch beim Betrachten und Auseinandersetzen mit den Texten und Bildern des Bilderbuches soll nicht Schluss sein. Kinder wollen selbst entdecken, aber auch entwickeln, etwas noch nie Dagewesenes schaffen. Das Gleichgewicht zwischen dem, was man als LehrerIn vorgibt und der Freiheit der Kinder zu finden, ist nicht leicht. Unterrichtsimpulse, gut durchdachte Anfänge, die Lust machen, eine Welt zu schaffen und dabei sich selbst zu finden, können Sicherheit geben und Schreibblockaden überwinden. Was Übergänge zum eigenen Fantasieren und Schreiben sein können, möchte ich anhand von theoretischen Vorüberlegungen untersuchen. Ich möchte versuchen, einen Raum zu eröffnen, in dem die Kinder über Sprache nachdenken, Wörter als etwas Wertvolles kennen lernen, mit denen man viel entdecken kann und sich als Sprachschöpfer verstehen lernen, denen die Worte gehorchen.

Aktuell erscheinen immer mehr Publikationen auf dem Markt. Viele Autoren machen auf die Bedeutung des kreativen Schreibens aufmerksamen und entwickeln konkrete Unterrichtsbeispiele für das Klassenzimmer. Beispiele dafür sind die Werke „Spielzeug Sprache“ von Eva Maria Kohl oder „Schreibszenarien“ ebenfalls von Eva Maria Kohl und Micheal Ritter.

2 Die Welt der Wörter

Worte eröffnen neue und fremde Welten. Sie erzählen Geschichten von unbekannten und manchmal ganz bekannten, aber unbenannten Dingen. Sie können viele Farben und Gefühle haben. Oft erscheinen sie merkwürdig und sonderbar, ein anderes Mal klar und einfach. Wörter können Freude machen, verletzen, heilen, aufregen, Angst machen, erlösen, uns zum Lachen bringen und vieles mehr. Sie entführen oder verzaubern. In Geschichten können wir uns wieder entdecken, wir sehen Welten, die wir gut kennen, die uns sehr vertraut sind. Ein anderes Mal tritt etwas in die Welt, das da gar nicht hinein gehört. Die Welt steht auf den Kopf oder funktioniert plötzlich anders. Alles, auf das man sich vorher verlassen konnte, ist jetzt ganz verdreht. Tiere sprechen, Dinge fliegen umher, einem begegnen Sachen mit Zauberkräften, vielleicht trifft man hinter der nächsten Ecke einen echten Piraten, ein Gespenst oder ein Ufo. In Geschichten ist nichts unmöglich.

„Mit der Sprache darf und soll man spielen.“ (Kohl 2006: 7) Buchstaben werden verdreht, Wörter ausprobiert. Man kann mit ihnen jonglieren, sie auf den Kopf stellen oder kaputte Wörter neu zusammenbasteln. Wörter lassen sich viel gefallen. Einige Pädagogen vertreten die Ansicht, dass Kinder erst der orthografisch korrekten Schriftsprache mächtig sein müssen, um eigene Geschichten zu schreiben und mit der Sprache spielen zu können. Doch schon in Bildern nutzen Kinder Möglichkeiten, sich auszudrücken und Geschichten zu erfinden (Kohl & Ritter 2010. 22 f.). Kinder entdecken die Schrift sehr früh als etwas, mit dem sie experimentieren wollen. Sie testen Schrift aus und versehen zum Beispiel erste Zeichnungen mit ihren Namen und dann mit den Namen naher Verwandter. Diese ersten Erfahrungen mit Buchstaben und Schrift müssen in der Schule Berücksichtigung finden. Kinder können schon viel. Als LehrerIn sollte man sie in ihrem Können unterstützen und mit ihnen neue Welten suchen.

Kreatives Schreiben bietet vielfältige Anlässe die Kinder genau dort abzuholen, wo sie sind. Das Kind und nicht ein korrektes, orthografischen einwandfreies Schriftbild sollten im Mittelpunkt stehen. Kinder sollten die Erfahrung machen, dass Schreiben Spaß macht und „ein Medium der Artikulation von eigenen Gedanken, Gefühlen, Fantasien und Fiktionen“ (Kohl & Ritter 2010. 22 f.) sein kann. Schreiben sollte wieder verstärkt als ein ästhetischer Prozess begriffen werden, in dem das Kind sich selbst und die Welt sinnlich erfahren und erproben kann. Schreiben wird damit zu etwas persönlich Relevantem, das das eigene Ich und die Welt, in der man lebt widerspiegeln kann.

Damit Kinder Schreiben als etwas so Wunderbaren erfahren können, ist eine bestimmt gestaltete Umgebung notwendig. Das Kennenlernen von Worten und Schrift beginnt bei der Begegnung mit Sprache. Ein lange unterschätztes, aber vielfältig einsetzbares und wertvolles Medium dafür ist das Bilderbuch.

3 Das Bilderbuch als Medium literarischer Erfahrungen

Die ersten literarischen Erfahrungen, die ein Kind macht, begegnen ihnen oft im Bilderbuch. Die Brücke zum Kennenlernen weiterer Literaturgattungen wird sehr früh gelegt. Sie sammeln erste positive Erfahrungen im Umgang mit Büchern angesichts des knappen Textes und der dominierenden Bilder (Hollstein & Sonnenmoser 2007: 186). Das Bilderbuch bietet ganz sinnliche Eindrücke. Die Kinder können das Papier anfassen und die Farben auf sich wirken lassen. Im vertrauten Rahmen, in naher Beziehung zum Vorleser, können sie die Bildwelten entdecken. Dieses verweilende Eintauchen gewinnt im Zeitalter digitaler Medien, in dem das Kind vorbeirasenden Bildern ausgesetzt ist, zunehmende Bedeutung. Durch das Vorlesen kann ganz individuell auf das Kind eingegangen werden. Auftretende Fragen oder Schwierigkeiten beim Verstehen können zusammen besprochen werden. Das Vorlesen schafft und stärkt die Beziehung zwischen dem Vorleser und dem hörenden Kind. Die Zeit, die sich der Erwachsene nimmt, gehört dem Kind. Kinder genießen das und sie träumen sich gern mit anderen zusammen in fremde Welten.

Auf diese fremden Welten lassen sich die Kinder meist gern ein. Oft ist es kein Problem, wenn es in Märchenwelten Zauberei und sprechende Tiere gibt.

Bilderbücher vermitteln die „Grundform der Erfahrungsverarbeitung“ (Hurrelmann 2010: 9). Die ersten Bilderbücher, denen Kinder begegnen, haben meist erzählenden Charakter.

Das auf Fiktion beruhende Bilderbuch ermöglicht dem Kind eine Identifikation mit eigenen Problemen, bietet jedoch auch genügend Distanz. Mit dem Bilderbuch können eigene Probleme bearbeitet und Ängste überwunden werden. Kinder begegnen vielleicht genau den Themen, vor denen sie Angst haben und bekommen Lösungsvorschläge angeboten.

Bilderbücher sind Medien ästhetischer Bildung. „Bilderlesen und Bildverstehen werden im Zeitalter der digitalisierten Bildwelten zu Schlüsselqualifikationen.“ (Thiele 2010: 14) Die Kinder setzen sich mit den Bildern auseinander, entdecken Details. Sie nehmen Farben und Stimmungen wahr, sie lernen Symbole verstehen. Die Kinder entdecken, was Bilder über den Text hinaus aussagen. Spannend sind vor allen die Bilderbücher, in denen sich Text und Bild widersprechen. Sie fordern die Kinder auf, von ihrem gewohnten Blick Abstand zu nehmen. Die Kinder denken neu über Wahrheit und Wirklichkeit nach. Kinder eignen sich die Welt an, sie erweitern ihren Horizont (Ritter 2008: 24).

Doch Bilderbücher gehören nicht nur in den Bereich der Vorschule. Viele Erfahrungsberichte und Unterrichtsversuche zeigen, dass Grundschulkinder und auch Kinder höherer Klassen vielfältig mit Bilderbüchern arbeiten sollten. Die Wahl und die Art des Einsatzes sind entscheidend. Auf dem Bilderbüchermarkt gibt es eine Vielzahl an anspruchsvollen, tiefgreifenden und aufwändig inszenierten Bilderbüchern, die sensibel in Themen einführen oder andere Blicke und Perspektiven eröffnen. Eindrucksvolle Bilder sprechen die Leser an.

Und nicht zuletzt sprechen die Freude der Kinder an Bilderbüchern und die vielen handlungs- und projektorientierten Umsetzungsmöglichkeiten (Hollstein & Sonnenmoser 2007: 186) für den Einsatz im Unterricht. Wie man ein Bilderbuch einsetzen und daraus Schreibanlässe entwickeln kann, möchte ich exemplarisch am Bilderbuch „Die große Wörterfabrik“ zeigen.

4 “Die große Wörterfabrik“

4.1 Allgemeines

Das Bilderbuch „Die große Wörterfabrik“ von Agnès de Lestrade und illustriert von Valeria Docampo erschien in der achten Auflage 2012 im mixtvision Verlag. Es wurde bereits für viele Preise normiert und ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem Esel des Monats in der Fachzeitschrift „eselsohr“, als Kinderbuch des Monats von der „Kinderbuch-Couch“ oder mit dem „LesePeter“ der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW.

Die Zeit schreibt über das Bilderbuch: Von der Liebe sprechen, vom Wert der Wörter, von der Kraft ehrlicher Gefühle, von Schmetterlingen, die dann fliegen - das ist nicht einfach, ohne kitschig zu werden. In Die große Wörterfabrik gelingt es.“ ( DIE ZEIT vom 18.11.2010) „Die große Wörterfabrik“ erfährt von vielen Seiten sehr positiven Widerhall. Warum wird in den folgenden Ausführungen sicherndeutlich.

4.2 Inhalt

Das Bilderbuch spielt in einer Welt, in der Sprache etwas Kostbares ist. Alle Worte, die gesprochen werden, werden in einer großen Wörterfabrik hergestellt. Wenn man etwas sagen möchte, muss man die Wörter essen. In Geschäften kann man Wörter kaufen. Wertvolle Wörter können sich jedoch nur reiche Leute leisten. Menschen, die nicht viel Geld haben, suchen Wörter im Müll oder versuchen herumfliegende Wörter einzufangen. Paul, die Hauptfigur des Buches fängt einige Wörter. Sie sind für Marie bestimmt. Obwohl ein anderer Junge versucht, Marie mit teuren Worten zu begeistern, schafft es Paul seine ganz besonderen Wörter mit so viel Gefühl auszusprechen, dass Marie verzaubert ist.

Es ist ein anspruchsvolles Buch, das keine „problemlose, fröhliche Kinderwelt“ (Hollstein & Sonnenmoser 2006: 32) zeigt. Paul hat ein großes Problem, es gibt so viel, was er seiner Freundin Marie sagen möchte, doch das geht nicht, er kann es sich nicht leisten. Bestimmt kennen das viele Kinder, die vielleicht Schwierigkeiten mit der Sprache haben oder schüchtern sind. Das Bilderbuch liefert Identifikationsangebote.

Das Buch erzählt von der Liebe, die auch ohne große Worte auskommt. Es spricht jedoch auch gesellschaftskritische Aspekte an und richtet sich nicht nur an junge Leser und Leserinnen. Welche Gesellschaftsschichten sprechen mit welchem Wortschatz? Was bekommen einige Kinder nur zu hören? Das Buch lässt aber auch über den Wert von Worten nachdenken. Es regt dazu an, genau zu überlegen, wann ich welches Wort einsetze. Die Kinder können den Wert, immer sprechen zu können, wertschätzen lernen.

Und es ist ein Hoffnungsbuch, weil nicht der, der sich gut ausdrücken kann, der in unserer Sprache gesagt: „Immer die richtigen Worte findet“ gewinnt. Und es verdeutlicht, dass Worte Farbe in eine traurige Welt bringen können und dass jeder über diese Fähigkeit verfügt. Jeder kann die Welt mit schönen Worten bunter werden lassen.

Die Kinder können ihre Fähigkeit, schreiben zu können als etwas Wertvolles begreifen, dass im Bilderbuch nur die große Wörterfabrik beherrscht. Die Kinder könnten Paul und Marie helfen mit eigenen schönen, tollen Wörtern.

4.3 Illustration

Die Farben des Buches sind auf Brauntöne, Schwarz und Rot beziehungsweise Orange beschränkt. Die Illustrationen des Buches zeigen keine verniedlichte, idealisierte Darstellung einer Welt und der auf ihr lebenden Menschen. Ein Großteil der im Buch auftretenden Erwachsenen blickt düster oder misstrauisch. Ein anderer Teil scheint die Kinder nicht zu sehen oder hat die Augen geschlossen. Einige Erwachsene sind auch nur bis zum Hals oder mit dem Rücken zum Leser abgebildet. Die meisten Erwachsenen tragen schwarze Kleidung. Auf ihr sind viele Buchstaben abgedruckt. Sie scheint durch die vielen Buchstaben ganz schwarz geworden zu sein und symbolisiert auch nach außen hin, dass ihre Träger viel Geld besitzen müssen. Diese Erwachsenen stehen für die „Reichen und Schönen“, die sich ein Leben mit schönen Worten leisten können. Wenige Erwachsene tragen weiße Kleidung mit grauen Linien und eine rote Kopfbedeckung. Die Linien erinnern an unbeschriebenes Linienpapier. Sie können sich keine beschriebene Kleidung leisten. Aber trotz des Reichtums scheinen die wohlhabenden Erwachsenen nicht glücklicher zu sein.

Ganz unmenschlich wirken die Maschinen, die in der großen Wörterfabrik arbeiten. Sie ähneln Robotern und bestehen vollständig aus Metall. Auf den Helmen steht „Wörter“ geschrieben. Ihre Aufgabe scheint klar definiert und sie funktionieren, indem sie lange Bänder mit Buchstaben in Wörter zerschneiden. Ein Wörterautomat trägt ein Gesicht und hat die Aufgabe, im Schlussverkauf Wörter zu versteigern.

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Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668098527
ISBN (Buch)
9783668098534
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v311179
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
Schlagworte
Grundschule Die große Wörterfabrik Bilderbuch

Autor

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Titel: Das Bilderbuch "Die große Wörterfabrik" in der Grundschule. Theoretische Grundlagen und Praktische Impulse