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Dependenzkatalysator Landraub? Eine Analyse der Länder Äthiopien und Argentinien

Bachelorarbeit 2014 48 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Globalisierung, pol. Ökonomie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Grenzenloser Handel

2. Abhängigkeit und Unterentwicklung
2.1 Indikatoren der Unterentwicklung
2.1.1 Ökonomische Indikatoren
2.1.2 Gesellschaftliche Indikatoren
2.2 Die Dependenztheorie
2.2.1 Marxistischer Ansatz
2.2.2 Strukturalistischer Ansatz
2.2.3 Kritik an der Dependenztheorie

3. Landhandel in neuen Dimensionen
3.1 Begriffsklärung
3.2 Investitionsmotive
3.3 Akteure

4. Fallbeispiele
4.1 Äthiopien
4.1.1 Status Quo vor dem Trend
4.1.2 Landraub in Äthiopien
4.1.3 Auswirkungen auf das Volk
4.1.4 Landraub und Abhängigkeit
4.2 Argentinien
4.2.1 Status Quo vor dem Trend
4.2.2 Landraub in Argentinien
4.2.3 Auswirkungen auf das Volk
4.2.4 Landraub und Abhängigkeit

5. Landraub als Entwicklungshemmnis

6. Bibliographie

1. Grenzenloser Handel

Im Jahr 2008 kosteten die Verhandlungen mit dem südkoreanischen Logistikkonzern Daewoo den madagassischen Präsidenten Ravalomana das Amt. Er plante 1,3 Millionen Hektar Ackerland für 99 Jahre an die Südkoreaner zu verpachten. Das wäre die Hälfte der fruchtbaren Fläche Madagaskars. Die Verhandlungen wurden jedoch aufgrund heftiger Proteste aus der Bevölkerung wieder eingestellt.[1]

In den darauffolgenden Jahren entflammte eine Debatte über Landraub, für die der Vorfall in Madagaskar als Auslöser diente. Sie fand nicht nur unter Politikern und Intellektuellen statt, sondern erreichte auch weite Teile der Bevölkerung. Von wissenschaftlicher Literatur und Massenmedien gleichermaßen wird der madagassische Fall immer wieder als Startpunkt eines Phänomens angeführt, das auf der ganzen Welt zu beobachten ist: Der großflächige Landerwerb von Investoren im Ausland, die dort für den heimischen Markt Nahrungsmittel oder Energiepflanzen produzieren. Meist sind Entwicklungsländer Ziel der Investoren, da dort aufgrund einer schwachen Wirtschaft und schlechter Infrastruktur die Bodenpreise besonders günstig sind. Geschieht dies auf Kosten der Einwohner des Ziellandes, beispielsweise durch eine Verschlechterung ihrer Ernährungssituation, handelt es sich um Landraub.[2]

So greifbar der Begriff Landraub scheint, so komplex ist sein Umfang. Von Neokolonialismus über Land Grabbing bis zur Neuen Landnahme reichen die Bezeichnungen, die scheinbar das Gleiche beschreiben.[3] Als Phänomen des 21. Jahrhunderts gibt es kaum Langzeitstudien über die Folgen, sondern hauptsächlich Beobachtungen über die direkten Konsequenzen für die betroffenen Staaten. Ziel dieser Arbeit ist es, der Hypothese nachzugehen, dass Landraub vorhandene Abhängigkeitsstrukturen verstärkt oder sogar neue Dependenzmuster schafft.

Dafür wird zuerst auf die Merkmale der Unterentwicklung eingegangen, da Unterentwicklung und Dependenz in einem engen Verhältnis zueinander stehen. Später kann daher anhand der Merkmale untersucht werden, wie sich der Stand der Unterentwicklung in den Fallbeispielen durch Landraub verändert hat. Anschließend werden die zwei wichtigsten Strömungen der Dependenztheorie erörtert: der marxistische Ansatz und der strukturalistische Ansatz. In den 1970er Jahren war die Dependenztheorie die zentrale Theorie der Entwicklungsforschung, bis sie wegen zu vieler theoretischer Schwachpunkte in Vergessenheit geriet.[4] Die wichtigsten Kritikpunkte werden hier kurz angesprochen. Genauso wichtig wie die Klärung des Dependenzbegriffes ist die Definition von Landraub. Das Phänomen soll in seiner gesamten Komplexität dargestellt und erklärt werden. Dafür wird der Begriff zunächst von verwandten Begriffen abgegrenzt, dann die verschiedenen Motive der Landkäufer und Pächter identifiziert und zuletzt die vielschichtige Akteursstruktur analysiert. Landraub ist ein vergleichsweise unerforschtes Phänomen. Es mangelt nicht an oberflächlichen Einschätzungen, doch theoretisch und empirisch belegte Studien, die mehrere Aspekte kombinieren, sind eher die Ausnahme als die Regel. Nach der theoretischen Klärung der zentralen Begriffe wird im empirischen Teil der Fokus auf Äthiopien und Argentinien gelegt. Beide Staaten sind Zielländer des Landraubs, unterscheiden sich aber in wesentlichen Punkten. Es wird auf die wichtigsten landeskundlichen Merkmale und den Status Quo der Entwicklung in den Jahren vor dem Landraub eingegangen, bevor die wichtigsten Landgeschäfte analysiert werden. Die Auswirkungen auf die Einwohner sind für den Entwicklungsstand des ganzen Landes von hoher Bedeutung. Daher wird darauf explizit Bezug genommen, bevor jeweils eine Parallele zur Dependenzstruktur des Landes gezogen wird. Im Fazit soll anhand der empirischen Analyse der zwei Staaten die eingangs aufgestellte Hypothese, dass Landraub ein Dependenzkatalysator sei, bestätigt oder widerlegt werden.

Die literarische Basis für diese Arbeit ist breit gefächert. Da die Dependenztheorie ihren Höhepunkt in den 1970er Jahren hatte, liegen dazu eine Vielzahl an Monographien vor. Auch wenn sie später von vielen Wissenschaftlern als überholt angesehen wurde, von Entwicklungs- und Wirtschaftswissenschaftlern wurde sie doch immer wieder beachtet. Gerade Bachinger und Mathis[5] erwiesen sich ergänzend zur Primärliteratur von Frank und Cardoso/ Faletto als besonders wertvoll, obwohl die Monographie erst 2009 erschien.

Da Landraub ein vergleichsweise junges Phänomen ist, gibt es kaum ausführliche, wissenschaftliche Abhandlungen dazu. Kress[6] erwies sich hier durch sorgfältigste Bearbeitung des Themas als wichtigste Quelle für die theoretische Klärung des Begriffes. Zusätzlich wurde eine Fülle an Aufsätzen hinzugezogen. Viele mussten gründlich auf ihre Gültigkeit geprüft werden, da sie von globalisierungskritischen Organisationen herausgegeben wurden, während andere in die entgegengesetzte Richtung tendierten. Die Herausforderung lag darin, eine neutrale Mitte zu finden.

Auch bei der Bearbeitung der Fallbeispiele Äthiopien und Argentinien lieferten Aufsätze aus Journalen, aber auch Artikel von Homepages oder Zeitschriften die wichtigsten Informationen, sowie offizielle Regierungsdokumente und Berichte von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen. Für die Bearbeitung des Fallbeispiels Äthiopien erwies sich außerdem nochmals Kress als verlässliche Quelle, da sie in ihrer Abhandlung zur Ernährungssicherheit in Subsahara-Afrika unter anderem dem Fokus auf Äthiopien gelegt hatte.

Da in dieser Arbeit kein vergangenes Phänomen bearbeitet wird, sondern eines mit viel Potential, lag eine weitere Herausforderung darin, allgemeingültige Aussagen zu treffen, die auch in Zukunft noch Gültigkeit besitzen. Daher ist diese Arbeit auch als eine Zwischenbilanz zum Thema Landraub und seinem Dependenzpotential anzusehen.

2. Abhängigkeit und Unterentwicklung

Der Kern der Dependenztheorie erklärt die Unterentwicklung der Dritte-Welt-Länder als Folge der meist gewaltsamen Eingliederung der Entwicklungsländer in die internationale Arbeitsteilung und den Weltmarkt.[7]

Die Schlagwörter Dekapitalisierung und Ausbeutung fassen die Ursachen der Abhängigkeit unterentwickelter Ökonomien zusammen.[8] Bevor die zwei wichtigsten Ansätze der Dependenztheorie erklärt werden, soll kurz dargestellt werden, anhand welcher Indikatoren einem Staat Unterentwicklung diagnostiziert wird. Mit dem Wissen über die Merkmale der Unterentwicklung wird vorgebeugt, dass Ursachen und Indikatoren vermischt werden.

2.1 Indikatoren der Unterentwicklung

Vor allem die Mehrdimensionalität der Merkmale muss beachtet werden. Einzig anhand des Pro-Kopf-Einkommens lässt sich beispielsweise kein zuverlässiges Urteil über den Entwicklungsstand eines Landes fällen; zu sehr hängt das Ergebnis von der Rechenstelle ab, zu künstlich sind Wechselkurse und Währungen.[9] Da wirtschaftliche Folgen der Unterentwicklung sich letztendlich als gesellschaftliche Konsequenzen niederschlagen, müssen zwingend beide Bereiche betrachtet werden.

2.1.1 Ökonomische Indikatoren

Für die Weltbank ist das Pro-Kopf-Einkommen das entscheidende Merkmal bei der Einordnung in Entwicklungs-, Schwellen- oder Industrieland. Liegt das Bruttonationaleinkommen eines Staates unter der Grenze von 1005 US-Dollar, zählt es als Land mit niedrigem Einkommen, also als Entwicklungsland.[10] Diese Betrachtung allein ist allerdings unzureichend. Der reale Ertrag des primären Sektors ist, gerade in ländlichen Regionen, mitunter kaum zu erfassen. Das Einkommen eines Bauern zeigt sich oft in seinem Auskommen, also nicht in Form seiner monetären, sondern in Form seiner Ernteerträge.[11]

Ein zweiter wirtschaftlicher Indikator ist eine andauernde negative Zahlungsbilanz. Auch diese darf nicht als alleiniges Merkmal herangezogen werden, da sie genauso gut ein Merkmal für ein Abhängigkeitsverhältnis darstellen kann.[12]

2.1.2 Gesellschaftliche Indikatoren

Der Hauptgrund für das Heranziehen des Bruttonationaleinkommens als Entwicklungsmesser ist, dass sich mit Wirtschaftswachstum und steigender Kaufkraft auch die Gesundheitsversorgung, das Bildungswesen und folglich auch die allgemeine Lebensqualität verbessern.[13] Calcagnotto und Feix zitieren schon 1979 den französischen Demographen Alfred Sauvy, der die Analphabetenrate, die Lebenserwartung und die Kalorienzufuhr pro Person als wichtige Merkmale der Unterentwicklung anführte.[14] Seit 1990 werden ähnliche Variablen vom United Nations Development Programme (UNDP) erfasst und jährlich im Human Development Report als Human Development Index (HDI) veröffentlicht.[15] Alphabetisierungs- und Einschulungsrate sowie die Lebenserwartung werden anhand offizieller Daten und Erhebungen operationalisiert und verrechnet. Die wirtschaftliche Komponente findet im HDI ebenso seine Berücksichtigung. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf macht ein Drittel des Endwertes aus. Die vier Komponenten werden folglich anteilig verrechnet und ergeben einen Wert zwischen null und eins. Entwicklungsländer erreichen nur einen Wert zwischen 0,0 und 0,5, Länder mit hoher menschlicher Entwicklung kommen auf 0,9 bis 1,0.[16]

Da die Dependenztheorie die Unterentwicklung von Staaten zu erklären versucht, lässt der Entwicklungsstand von Staaten auch direkte Rückschlüsse über seine Dependenz gegenüber anderen Staaten zu. Nachdem die wichtigsten Indikatoren von Unterentwicklung herausgearbeitet wurden, wird im Folgenden die Dependenztheorie mit ihren zwei wichtigsten Ansätzen erklärt.

2.2 Die Dependenztheorie

In den 1960er Jahren waren die Modernisierungs-Theorien an ihre Grenzen gestoßen. Das Ziel, die Entwicklungsländer auf den wirtschaftlichen und sozialen Stand der Industrieländer zu befördern, wurde nicht erreicht, die wirtschaftliche Stagnation war in der Theorie nicht vorgesehen.[17] In Lateinamerika wurde dies besonders deutlich: Der Cepalismo, ein Wirtschaftskonzept, das von der 1948 gegründeten UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik mit dem spanischen Akronym CEPAL[18] ausging, war gescheitert. Der langjährige Leiter der CEPAL, Raúl Prebisch, hatte mit dem Cepalismo eine Doktrin formuliert, die den Protektionismus zum zentralen Thema machte und auf importsubstituierende Industrialisierung setzte. Prebisch rückte die Entwicklungspolitik des Kontinents in ein neues Licht und legte damit den Grundstein für die spätere Dependencia-Debatte. Doch trotz größter Anstrengungen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gelang es dem Cepalismo nicht, den Kontinent aus der Unterentwicklung und Abhängigkeit zu führen.[19]

Als Reaktion gewann die Dependencia-Debatte Mitte der 1960er Jahre an Momentum, gerade lateinamerikanische Intellektuelle suchten intensiv nach den Gründen für das Scheitern der Entwicklung. Dafür mussten sie erst einmal „[…] das ahistorische Entwicklungsparadigma der damaligen Modernisierungstheorien […] überwinden und an seine Stelle eine historisch-genetische Analyse von Entwicklungs- und Unterentwicklungsprozessen […] setzen […]“.[20] Die Soziologen und Ökonomen entwickelten Prebisch' dependenztheoretische Ansätze aus dem Cepalismo weiter; ihr Forschungsgegenstand war das Wechselspiel endogener und exogener Faktoren, die einen Staat und eine ganze Gesellschaft in die Abhängigkeit und Unterentwicklung führten. Mindestens genauso wichtig war es ihnen, einen Weg aus der Dependenz zu finden.[21] Der Ansatz blieb ihnen gemein, doch entstanden viele, unterschiedliche Strömungen. Oberflächlich betrachtet lassen sie sich jedoch in zwei übergeordnete Kategorien einteilen: die strukturalistische und die marxistische Richtung. Die strukturalistische Debatte der Dependenztheorie wurde hauptsächlich von Fernando Henrique Cardoso und Enzo Faletto geprägt, bei der marxistisch orientierten Version war der Sozialwissenschaftler André Gunder Frank Vordenker. Er schaffte es, den Kern aller Beiträge zur Dependenztheorie in drei Wörter zu fassen: Entwicklung der Unterentwicklung.[22] Im Folgenden werden die Schwerpunkte und Zugänge beider Kategorien genauer vorgestellt.

2.2.1 Marxistischer Ansatz

Der Deutsch-Amerikaner André Gunder Frank[23] befeuerte 1966 mit „Die Entwicklung der Unterentwicklung“ die lateinamerikanische Debatte zur Dependenztheorie. Er appellierte im Fazit seines Essays direkt an die […] neue […] Generation […] von Wissenschaftlern aus den unterentwickelten Ländern selbst, die es am dringendsten nötig haben […] den Prozess von Unterentwicklung und Entwicklung zu klären.[24]

Die Perspektive auf die Entwicklungsprobleme der Dritten Welt vollzog eine 180 Grad Wende, erkannten die Wissenschaftler nun, dass die Unterentwicklung aufgrund der Eingliederung in den Weltmarkt entstanden war. Das kapitalistische System hatte folglich reibungslos funktioniert, nur wurde es bisher einzig aus Sicht der Industrieländer bedacht.[25]

„Die historische Forschung zeigt […] , dass die heutige Unterentwicklung zu einem großen Teil aus vergangenen und andauernden wirtschaftlichen und anderen Beziehungen zwischen den unterentwickelten Satelliten und den nun mehr entwickelten metropolitanen Ländern entstanden ist. Zudem sind diese Beziehungen ein wesentlicher Teil der Struktur und Entwicklung des kapitalistischen Systems im Weltmaßstab.“[26]

Franks Theorie der Metropolen und Satelliten zum Status Quo der Abhängigkeitsverhältnisse ist nicht neu. Sie stützt sich maßgeblich auf die Zentrum-Peripherie-Modelle, die sich schon in früheren Modernisierungstheorien finden. Das Zentrum, bei Frank sind es die Metropolen, zeichnet sich durch Industrialisierung, hohe Wachstumsraten und hohe Produktivität aus. Die Peripherie, bei Frank die Satelliten, stellt das Gegenstück zum Zentrum dar: Landwirtschaft statt Industrialisierung, wenig bis kein Wachstum und geringe Produktivität.[27] Auf dieser Struktur basiert das Problem der Unterentwicklung der Peripherie. Das Zentrum ist auf die Peripherie als Zulieferer billiger Rohstoffe und Lebensmittel, billiger Arbeitskräfte und als Auslagerungsstätte wenig ertragreicher Geschäftszweige angewiesen. Nur durch den steten Zufluss von Rohstoffen und Arbeitskräften kann das Zentrum weiter wachsen, während die Peripherie in diesem Gefüge keine Chance hat, sich zu emanzipieren.[28] Es fehlt das Kapital und das Fachwissen, um die vorhandenen Rohstoffe selbst weiterzuverarbeiten, es entsteht ein Ausbeutungsverhältnis.[29] Neu an Franks Metropolen-Satelliten-Struktur ist, dass sie über mehrere Ebenen hinweg verflochten ist. Es handelt sich um ein regionales wie globales Gefüge, in dem eine Metropole gleichzeitig Satellit einer größeren Metropole ist. Er konstatiert:

„Auf diese Weise verbindet eine ganze Kette von Metropole-Satellit-Konstellationen alle Teile des Gesamtsystems, von seinem metropolitanen Zentrum in Europa oder den Vereinigten Staaten bis zum entlegenen Vorposten im lateinamerikanischen Hinterland. […] Die Entwicklung der Industrie [beispielsweise] in São Paulo verhalf den anderen Gebieten Brasiliens nicht zu größerem Reichtum. Stattdessen verwandelten sie diese in interne koloniale Satelliten, entkapitalisierte sie noch weiter und verfestigte die Unternentwicklung oder vertiefte sie sogar.[30]

Auf einen allgemeingültigen Lösungsansatz, der diese festgefahrenen Strukturen durchbrechen könnte, kommt auch Frank nicht. Aber er regte die Entwicklungsforschung mit seinen Hypothesen an und erreichte mit seinem emotionalen Plädoyer Wissenschaftler wie Fernando Henrique Cardoso, der die Debatte um die Dependenztheorie durch einen strukturalistischen Ansatz bereicherte. In späteren Beiträgen zur Dependenzdebatte nannte Frank die Loslösung der Satelliten vom kapitalistischen Weltmarkt und die Bildung einer sozialistischen Gesellschaft als einzig probates Mittel gegen die Unterentwicklung.[31]

2.2.2 Strukturalistischer Ansatz

Den Strukturalisten zufolge greift der marxistische Ansatz zu kurz, sie erkennen auch im kapitalistischen Metropole-Satelliten-System Raum für die Entwicklung der Peripherie.[32] Zusammen mit Enzo Faletto führte Cardoso seine Thesen und Ansätze in dem Standardwerk der Dependenztheorie „Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika“ aus. Gleich zu Anfang grenzen sie sich klar vom marxistischen Ansatz ab:

„Die Begriffe ‚Zentrum‘ und ‚Peripherie‘ betonen zwar die Funktion, die unterentwickelte Ökonomien im Rahmen des Weltmarktes haben, übersehen jedoch die zur Abhängigkeitssituation gehörenden soziopolitischen Faktoren.

Im übrigen können sich in einer Gesellschaft durchaus tiefgreifende Veränderungen des Produktionssystems vollziehen, ohne daß wirklich autonome Entscheidungszentren geschaffen werden.“[33]

Allerdings mit Einschränkungen: Die Wirtschaft in den peripheren Ökonomien unterliegt den Interessen der Zentren, letzten Endes also den Industrieländern.[34]

Cardoso, Dependenztheoretiker der ersten Stunde und von 2002 bis 2005 Präsident Brasiliens, bescheinigte den Peripherien eine abhängige kapitalistische Entwicklung. Die Wirtschaft wächst, die soziale Modernisierung kann allerdings nicht schritthalten. Diese ist für die Entwicklungsländer nicht relevant und wird daher auch nicht forciert. Um die Diskrepanz der sozioökonomischen Verhältnisse mit einem Schlagwort zu versehen, wurde der im Zuge des Cepalismo von Prebisch kreierte Begriff der strukturellen Heterogenität aufgegriffen. Der Begriff ist treffender als der der Dualität, da das Entwicklungsgefälle nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Gesellschaft und der Wirtschaft herrscht:[35]

„Während die Produktion von Autos, Fernsehgeräten, Kühlschränken und ähnlichen Gütern auf modernster Technologie basiert, beruhen wichtige Teile der Produktion von Nahrungsmitteln, Textilien und anderen Waren, die den Grundkonsum der Massen ausmachen, nach wie vor auf herkömmlicher Technologie und auf eher traditionellen Produktionsverhältnissen. Die Löhne von Technikern, Managern und Facharbeitern sind […] unvergleichlich höher als die Löhne der in den traditionellen Sektoren beschäftigten Arbeiter und Bauern.“[36]

Der Verfall der terms of trade trägt weiter zur struktrellen Heterogenität bei. Um das Exportniveau zu halten und trotz teilweise verbesserter Technologie den Abnehmern in den Industrieländern einen günstigen Preis bieten zu können, werden Investitionen von den Löhnen der Arbeiter mitfinanziert. Das bedeutet ein sinkender Reallohn trotz ständig steigender Exporte.[37]

Durch diese Struktur entsteht in den Entwicklungsländern eine schmale, privilegierte Schicht, deren Lebensstandard sich an dem der Industrieländer orientiert, während die breite Bevölkerungsmasse in Armut versinkt. Sie werden durch Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit an den Rand gedrängt, die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter. Es kommt zum „Wachstum ohne Entwicklung“, zu einer „Unterentwicklung der Entwicklung“.[38]

Auch die strukturalistischen Dependenztheoretiker plädieren für eine Loslösung der Peripherien aus dem Weltmarkt. Allerdings nur zeitweise, um die Industrialisierung im eigenen Land nach den eigenen Bedürfnissen ausrichten zu können und auch im Politischen und im Sozialen die Eigenständigkeit zu fördern. Ausbau der Infrastruktur und des Schulwesens sind demnach genauso Bestandteil einer positiven Entwicklung wie eine leistungsfähigere Landwirtschaft und Technologieoffensiven. Den Dependenz-Strukturalisten nach wird so eine Eigendynamik geschaffen, die die soziale, politische und ökonomische Modernisierung im Entwicklungsland nachhaltig beeinflusst.[39]

Die Hochphase der Dependenztheorie währte nur bis in die 1980er Jahren. Der Modellcharakter der Theorie konnte nicht beseitigt werden, sodass die Theorie letzten Endes an Bedeutung verlor.

2.2.3 Kritik an der Dependenztheorie

Angreifbar ist die Dependenztheorie hauptsächlich dadurch, dass sie kein in sich geschlossenes Theoriengebäude darstellt, sondern die Sammelstelle für verschiedene dependenztheoretische Ansätze ist. Der Lebenszyklus der Theorie folgte einem klaren Muster: Die Hauptwerke von Frank und Cardoso/ Faletto leiteten die Innovationsphase ein. In den Siebzigern wurden die verschiedenen Ansätze weiter ausgearbeitet und verbreitet, Mitte der Siebziger wurden sie in die Praxis umgesetzt und in Einzelfallstudien bestätigt. Wissenschaftler konnten sich nur noch hervorheben, wenn sie Schwachpunkte der Theorie identifizierten. Ende der Siebziger war die Theorie dadurch in vielen Punkten haltlos, sodass ihre Relevanz für die Entwicklungsforschung schwand.[40]

[...]


[1] Bahn und Kapphengst 2012, S. 17.

[2] Movassat, S. 174-175. Bahn und Kaphengst 2012, S. 17.

[3] Kress 2012, S. 21-22.

[4] Menzel 1992, S. 25.

[5] Bachinger und Matis 2009.

[6] Kress 2012.

[7] Hartwig 2007, S. 32.

[8] Hartwig 2007, S. 32.

[9] Calcagnotto und Feix 1979, S. 14.

[10] Bundeszentrale für politische Bildung 2014, Entwicklungsländer.

[11] Calcagnotto und Feix 1979, S. 14.

[12] Calcagnotto und Feix 1979, S. 14.

[13] Hellmund 2013, S. 11.

[14] Calcagnotto und Feix 1979, S. 15-16.

[15] United Nations Development Programm 2014.

[16] Straßner 2013, S. 77-78.

[17] Lachmann 2010, S. 92. Boeckh 1982, S. 134-135.

[18] CEPAL: Comisión Económia para América Latina y el Caribe.

[19] Bachinger und Matis 2009, S. 123. Boeckh 1982, S. 134-135.

[20] Zitiert nach Boeckh 1982, S. 135.

[21] Boeckh 1982, S. 136-137.

[22] Bachinger und Matis 2009, S. 123-124.

[23] Geboren als Andreas Frank, in den USA als Andrew Frank bekannt, in Lateinamerika schließlich André(s). Den zweiten Namen Gunder gab ihm sein Sportlehrer in Anlehnung an den Sprinter Gundar Haag. Weil er genauso weit vom Feld entfernt war, wie Haag. Nur hinter der Konkurrenz, nicht davor (Kay 2005, S. 1177-1178.).

[24] Zitiert nach Frank 2010, S. 165.

[25] Boeckh 1982, S. 124. Bachinger und Matis 2009, S. 124.

[26] Zitiert nach Frank 2010, S. 149.

[27] McKenzie 1977, S. 63.

[28] Bachinger und Matis 2009, S. 125.

[29] Frank 2010, S. 152.

[30] Zitiert nach Frank 2010, S. 152, 155 .

[31] Bachinger und Matis 2009, S. 139.

[32] Bachinger und Matis 2009, S. 130.

[33] Zitiert nach Cardoso und Faletto 1976, S. 27.

[34] Cardoso und Faletto 1976, S. 26.

[35] Bachinger und Matis 2009, S. 131. Boeckh 1982, S. 142.

[36] Zitiert nach Cardoso und Faletto 1976, S. 225.

[37] Boeckh 1982, S. 138.

[38] Bachinger und Matis 2009, S. 133-134.

[39] Bachinger und Matis 2009, S. 139-140.

[40] Menzel 1992, S. 25.

Details

Seiten
48
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668098152
ISBN (Buch)
9783668098169
Dateigröße
830 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v311118
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Landraub Landgrabbing Neokoloniale Landnahme Argentinien Äthiopien Dependenztheorie

Autor

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Titel: Dependenzkatalysator Landraub? Eine Analyse der Länder Äthiopien und Argentinien