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Die Rolle der Anna Sörensen im Film „Merry Christmas“. Eine kritische Analyse

Hausarbeit 2015 19 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Merry Christmas - ein Film über Verbrüderung im Ersten Weltkrieg

3. Figuren und Akteure in der Filmanalyse
3.1. Entwicklung der Rolle der Frau
3.2. Charakterisierung: Anna Sörensen
3.2.1. Analyse der Rolle von Anna Sörensen im Film Merry Christmas
3.2.2. Öffentlicher Diskurs der Medien - Kritik an der Rolle

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

ÄEntre l’homme et l’amour, Il y a la femme.

Entre l’homme et la femme, Il y a un monde.

Entre l’homme et le monde, Il y a un mur.“1

Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist seit Jahrzehnten ein wichtiges Thema im öffentlichen Diskurs. Schon in der Bibel wird beschrieben, dass Adam das Licht der Welt zuerst erblickte und die Frau, Eva, aus einer seiner Rippen geschaffen wurde. Die Schöpfungsgeschichte wurde viele Jahre und wird auch teilweise heute noch als Rechtfertigung für die Unterdrückung der Frau verwendet. Adam wird als der Kluge und Vernünftige und Eva als die Verführerin und Neugierige dargestellt, die ihrem eigenen Belangen nachgeht. Einen wissenschaftlichen Beleg gibt es für diese unterschiedlichen Bilder von Männern und Frauen jedoch nicht.

Im Laufe der Emanzipation hat sich das Bild der Frau jedoch geändert. Vor wenigen Jahrzehnten waren Frauen in der Bundesrepublik Deutschland noch rein für das Wohlbefinden der Familie und den Haushalt zuständig. Heute haben sie einen großen Schritt in Richtung Autonomie, Toleranz und Akzeptanz gemacht. Größtenteils sind Männer und Frauen in Deutschland heute gleichgestellt.

Auch in der Filmindustrie musste die Frau viele Jahre lang für Gleichberechtigung kämpfen. Zu Beginn waren es die Männer, die alle wichtigen Rollen im Film übernahmen. Die Frau spielte in Nebenrollen und wurde in einem für Männer ehemals perfekten Bild dargestellt - als Familienverantwortliche, die sich um die „Kinder, Kirche und Küche“ kümmern musste. Erst ab den 1970er Jahren sollte sich dieses Bild der Frau im Film in Deutschland langsam ändern.

Die Rolle der Anna Sörensen im Film Merry Christmas zeigt, dass sich die Darstel- lung der Frau stark verändert hat. Da der Film auf wahren Begebenheiten des Ersten Weltkriegs von 1914-1918 basiert, wurde die fiktive, das heißt erfundene Rolle von Sörensen ausgiebig diskutiert. Warum wird der Film Merry Christmas, der von einem realen und ernsten Thema handelt, von einer romantischen Liebesgeschichte unter- malt? Wo sieht der Drehbuchautor den Nutzen für den Film bzw. welche Wirkung soll es auf den Rezipienten haben?

Um diese Frage beantworten zu können, muss die Rolle von Anna Sörensen analy- siert werden. Dazu wird in dieser Arbeit der Film mit der Rolle von Anna Sörensen vorgestellt und im Anschluss auf die Wichtigkeit bzw. Relevanz von Figuren in Filmen eingegangen. Daraufhin soll die Entwicklung der Rolle der Frau im Film konkret be- leuchtet werden. Diese Schritte sind notwendig, um die Bedeutsamkeit ihrer Rolle nachvollziehen zu können, denn im letzten Schritt werden die theoretischen Kriterien praktisch auf ihre Rolle als Anna Sörensen angewandt und analysiert bzw. interpre- tiert. Dies soll ein Versuch sein, diese von den Medien stark kritisierte Rolle in einen größeren Kontext zu bringen, um sie für den Rezipienten verständlicher zu machen.

2. Merry Christmas - ein Film über Verbrüderung im Ersten Weltkrieg

Der Film Merry Christmas basiert auf realen Ereignissen des Ersten Weltkriegs. Franzosen, Schotten und Deutsche lagen sich ab dem Spätherbst 1914 in Schützen- gräben im Kampf gegenüber. Die anfängliche Euphorie gegenüber dem Krieg und die Hoffnung, dass die Soldaten Weihnachten wieder zu Hause sein würden, waren verflogen als sich der Kampf in einen Stellungskrieg entwickelte und ein Ende nicht mehr absehbar wurde. Viele tausende Soldaten hatten im ersten Jahr des Kriegs bereits ihr Leben verloren. Der Stellungskrieg reichte von der Nordsee bis zur Schweizer Grenze2. In der Weihnachtszeit im Jahr 1914 kam es zu einer kurzweili- gen Friedensinitiative. Die Soldaten in den Schützengräben ließen ihre Waffen für längere Feuerpausen ruhen, ohne, dass ihre Oberbefehlshaber davon wussten. Briti- sche, französische und deutsche Soldaten verließen die Gräben, um sich in der Mitte des „Niemandslands“3zu treffen und Weihnachten zu feiern. Dabei tauschten sie Geschenke untereinander aus und spielten gemeinsam Fußball.

Diese Fraternisierung der Soldaten wird in dem 2005 erschienen Film unter Regis- seur und Drehbuchautor Christian Carion dargestellt. Die Idee stammt aus dem Buch Batailles de Flandres et d’Artois 1914-1918 von Yves Buffetaut, der darin über die Geschehnisse dieser Zeit berichtete. Der Film weist eine internationale Besetzung auf und wurde in Frankreich, Deutschland, dem Vereinigten Königreich, Belgien, Rumänien und Norwegen produziert.

ÄDie Dialoge sind in der jeweiligen Sprache des Landes untertitelt, in dem der Film gezeigt wird. So soll dem Zuschauer das Geschehen und die Empfindungen der Soldaten so authentisch wie möglich vermitteln werden: ihre Gespräche, ihre Lieder, ihre gemeinsame Messfeier in Latein, der ‚Muttersprache‘ Europas, die die unterschiedlichen Sprachen für eine kurze Zeit in Vergessenheit geraten lässt und an ihre gemeinsame Wurzel erinnert.“4

Bekannt wurden die Ereignisse durch Feldpostbriefe, Erzählungen, Zeitungsberichte und Fotos, die von zahlreichen Verbrüderungen an Abschnitten der Westfront berich- teten5. So berichtete beispielsweise Captain Alfred Dougan Chater, Offizier der briti- schen Armee, in einem Brief an seine Mutter: „Gegen 10.00 Uhr morgens sah ich von meinem Unterstand aus einen mit den Armen wedelnden Deutschen sowie zwei weitere, die aus ihrem Schützengraben kletterten und auf uns zukamen.“6Dies sollte der Beginn eines kurzen Friedens mitten im Ersten Weltkrieg sein - eine der schlimmsten Katastrophen, die es je gegeben hatte.

Der Antikriegsfilm von Carion sorgte für internationale Schlagzeilen und Kritik. Film- starts, ein bekanntes Internetportal, das Filmkritiken schreibt und Neuerscheinungen auf dem Kino- und Filmmarkt bewertet, sagte, dass „‘Merry Christmas‘ […] ein Weih- nachtsfilm der besonderen Art [ist], der fernab vom üblichen Zuckerwattenkitsch eine authentische, einfühlsame Geschichte über einen kleinen Frieden im großen Krieg erzählt.“7Ruby Rankin schrieb für die World Socialist Web Site weiterhin, dass Merry Christmas has been accused of being amateurish, simplistic and overly sentimental. While there may be some truth to these accusations, the film’s subject matter and its dramatisation of one of the most socially potent but little-known events of WWI still speaks to us across the generations, even though it could have been more complex or the themes developed more powerfully.”8

3. Figuren und Akteure in der Filmanalyse

Um die Relevanz der Rolle der Anna Sörensen für den Film Merry Christmas analy- sieren zu können, muss grundlegend geklärt werden, welche Rolle Figuren bzw. Ak- teure in einem Film einnehmen können. Daran lässt sich folglich ableiten, inwiefern Sörensen die Geschichte vorantreibt oder warum ihr dies nicht gelingt bzw. weshalb sich der Regisseur Carion für den Einsatz ihrer Rolle entschieden hat. Bei der Analy- se tragen die Begriffe „Figur“, „Charakter“, „Person“, „Personal“, „Akteur“ oder ähnli- ches dieselbe Bedeutung und sind gleichwertig zu betrachten. Sie beziehen sich alle auf die Darsteller von Filmen und werden nur aufgrund von Abwechslung bzw. Vari- ation im Fließtext verwendet.

Die Analyse von Charakteren eines Films ist von großer Bedeutung, da diese die Handlung der im Film vermittelten Geschichte vorantreiben. Sie sorgen für Authenti- zität und Identifikation - ohne sie würde es keine Erzählung bzw. Geschichte geben9. Dabei spielen Emotionen, die beim Rezipienten erzielt werden, eine erhebliche Rolle. Je nachdem, ob dieser den Darsteller sympathisiert oder unsympathisch findet, kon- struiert der Zuschauer unterschiedliche Geschichten. Kann dieser dem Gedanken- gang einer Figur also besonders gut folgen und dessen Gefühle verstehen, führt dies zu einer höheren Identifikation und einem besseren Verständnis der Geschichte. „Ei- ne Figur kann nur dann wie eine Person wahrgenommen werden, wenn wir eine Vor- stellung davon gewinnen können, wie es ist oder wie es wäre, diese Person zu sein.“10

Dieses Phänomen kann auch mit dem in den 1960er Jahren entstandenen Uses- and-Gratifications-Approach erklärt werden. In der Medienforschung wurde diese Theorie das erste Mal von Katz und Foulkes in ihrem Beitrag „On the Use of the Mass Media as ‚Escape‘: Clarification of a Concept“ aufgefasst und detailliert be- schrieben11. Es handelt sich dabei um einen Ansatz, bei welchem „grundlegende Be- dürfnisse und Motive des Publikums selektive Mediennutzung“12erklären. Katz und Foulkes beschreiben, dass „there is great need to know what people do with the me- dia, what uses they make of what the media now give them, what satisfactions they enjoy, and, indeed, what part the media play in their personal lives.”13

Das Eskapismus-Konzept, das einen Teil des Uses-and-Gratifications-Approachs darstellt, geht sogar so weit, dass der Rezipient durch den Konsum eines Filmes der realen Welt zu entfliehen versucht. Diese Inhalte stellen eine ganz eigene Welt dar, die es in der Realität eventuell gar nicht gibt14. So kann eine Figur in einem Film also so handeln, wie ein realer Mensch aufgrund gesellschaftlicher Normen in der echten Welt nicht handeln würde, auch, wenn er es gerne wollte. Durch das Schauen eines Films, in dem ein derartiger Akteur mitspielt, entflieht der Rezipient den gesellschaft- lichen Normen und findet seine Gratifikation darin, dass er einen Gleichgesinnten gefunden hat.

Der aktive Rezipient kann in eine Filmwelt eintauchen und sich mit einer Figur identi- fizieren, die „den heimlichen Bedürfnissen [...] [des] Zuschauer[s]“15entspricht. Die Theorie zeigt auf, wie wichtig also eine Vielfalt verschiedener Charaktere für einen Film ist, denn umso mehr verschiedene Rollen es gibt, desto höher ist die Wahr- scheinlichkeit, dass sich der Rezipient mit zumindest einer Figur identifizieren kann.

[...]


1Tudal, Antoine. In: Easthope, Anthony (1993): Contemporary Film Theory. London: Longman, S.179.

2Hirschfeld, Gerhard; Krumeich, Gerd; Renz, Irina (Hrsg.) (2014): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn: Schöningh, S. 957.

3Münkler, Herfried (2013): Der Große Krieg: die Welt 1914 bis 1918. Berlin: Rowohlt, S. 297.

4Lehrer-online: Unterricht mit digitalen Medien, Merry Christmas - mehrsprachiger Antikriegsfilm, http://www.lehrer-online.de/merry-christmas-film.php, 20.03.2015 (08:16), S. 10.

5Hirschfeld, Enzyklopädie Erster Weltkrieg, S. 957.

6Spiegel-online, Erster Weltkrieg: Captain Chaters Brief vom Weihnachtswunder,

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/weihnachten-im-ersten-weltkrieg-brief-beschreibt- waffenruhe-a-1010214.html, 19.03.2015 (14:56).

7Filmstarts, Merry Christmas: Kritik der FILMSTARTS.de-Redaktion, http://www.filmstarts.de/kritiken/38042-Merry-Christmas/kritik.html, 19.03.2015 (14:26).

8World Socialist Web Site, Music wins battle over barbarism, if only for a moment, http://www.wsws.org/en/articles/2006/03/joye-m24.html, 19.03.2015 (15:38).

9Mikos, Lothar (2008): Film- und Fernsehanalyse. Konstanz: UVK-Verlagsgesellschaft mbH, S. 163- 174.

10Ebd., S. 174.

11Jäckel, Michael (2011): Medienwirkungen: Ein Studienbuch zur Einführung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 90 f.

12Pürer, Heinz (2003). Publizistik- und Kommunikationswissenschaft: Ein Handbuch. Konstanz: UVKVerlagsgesellschaft mbH, S. 346.

13Katz, Elihu; Foulkes, David (1962): On the Use of the Mass Media as ‘Escape’: Clarification of a Concept. In: The Public Opinion Quarterly 26, S. 377.

14Pürer, Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, S. 347.

15Hickethier, Knut (1996): Film- und Fernsehanalyse. Stuttgart: Metzler, S. 168.

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668097636
ISBN (Buch)
9783668097643
Dateigröße
705 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v311057
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Philospphische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Erster Weltkrieg Film Rolle der Frau Drama Geschlechterfrage

Autor

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