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Rassismus in Deutschland. Territorialität, UnOrdnung, Männlichkeiten

Aktuelle Fälle von Polizeikontrollen und -gewalt in postkolonialer Perspektive

Masterarbeit 2014 113 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Politische Geographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anmerkungen

1. Untersuchungsgegenstand und Kontext

2. Territorialität
2.1 Ordnung und Unordnung
2.1.1 Der Ordnungsprozess
2.2 Männlichkeiten
2.3 Zusammenfassung

3. Die Reinigung des Raumes
3.1 Polizei
3.2 Zusammenfassung

4. Rassismus
4. 1 Struktur und Funktion des Rassismus
4. 2 Identität
4.2.1 Ethnische Identität
4.2.2 Eurozentrismus
4.3 Migration und Statisierung
4.3.1 Migrationsregime
4.4 Zusammenfassung

5. Rassistisches Deutschland: Soziohistorischer Kontext
5.1 Nationalismus und Rassismus
5.2 Kolonialismus und Rassismus
5.3 Nationalsozialismus und Rassismus
5.4 Postfaschismus und Rassismus
5.4.1 Neuer alter Rassismus

6. Ergebnisse
6.1 Subalternität

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb.1 und 1.1

Abb.2 und 2.1

Abb.3 und 4

Abb.5 und 6

Abb.7 und 8

Abb.9

Abb.10 und 11

Anmerkungen

Schreibweisen

- ‚Gendergerechte Sprache‘: Mit dieser Schreibweise bemühe ich mich durch begriffliche Sichtbarmachung oder Neutralisierung um eine geschlechtergerechte Sprache, falls das zugeschriebene Geschlecht in der Literatur nicht angegeben ist beziehungsweise für meine Analyse irrelevant ist.
- ‚Rassistische‘ anstatt ‚ethnische‘ Diskriminierung: In Übereinstimmung mit U. Hamann und A. Lemberg sehe ich das Ersetzen von ‚Rasse‘ durch ‚Ethnie‘ als problematisch, da so die ideologische Tradition der deutschen Abstammungsgesellschaft erhalten bleibt. Diese suggeriert damit fälschlicherweise, dass das Deutsche als das transhistorisch Völkische tatsächlich existiert hat und noch andauert bzw. überdauert (2010: 296). Hinzukommt, dass die Konstruktion ethnischer Gruppen durch westliche Wissenschaft stattgefunden hat, die ethnisierten Identitäten aber ggf. andere Bezugssysteme zur sozialen Orientierung hatten.
- ‚Re/Produzieren‘: Diese Schreibweise hebt den zeitgleichen und untrennbaren Vorgang des Produzierens mit einem Reproduzieren hervor (Hornscheidt und NdukaAgwu 2010: 28).
- ‚Schwarz‘/‚Weiß‘: Ich schreibe diese beiden Konstrukte groß, denn sie sollen auf eine soziale, nach ‚Rasse‘ bewertete Gesellschaftsposition hin deuten. Unter der Weißen Gesellschaft sind die ehemaligen Kolonisatoren zu verstehen, sprich die westeuropäischen Gesellschaften sowie die US-amerikanische.

Begriffe

- ‚Biodeutsche’ sind der konzeptuelle Gegenbegriff zu deutschen Migrant*innen, da bei ihnen keine direkte oder indirekte Migration angenommen wird; sie erscheinen demnach als auf dem deutschen Territorium statisiert.
- ‚Diskurse’ im Kontext von Rassismus „transportieren rassistisches Wissen durch die Zeit und formieren als geregelte, institutionalisierte Redeweisen Deutungsraster und sind somit handlungsleitend für Subjekte“ (Friedrich 2010: 26).
- ‚Ehre’ „is a code for both interpretation (…) of symbols, values and definitions in terms of which phenomena are conceptualized and interpreted (…) and actions (…) organized in terms of categories, rules, and processes” (Friedrich 1977: 284 zit. nach Abu-Lughod 2000: 86).
- ‚Ethnie‘ bezeichnet nach Personengruppen, denen eine gemeinsame genealogische Herkunft, Geschichte, Kultur etc. zugeschrieben und diese dann zu einem spezifischen geographischen Gebiet zugeteilt wird (Hornscheidt und Nduka-Agwu 2010: 23).
- ‚Europa‘: Wenn nicht anders gekennzeichnet, soll der Begriff sich auf Westeuropa (ehem. Kolonisatoren) beziehen bzw. auf die innereuropäische Dominanz Westeuropas verweisen.
- ‚Eurozentrismus‘ ist „die allgemeine historische Entwicklung, die als charakteristisch für das westliche Europa und das nördliche Amerika betrachtet wird“ und welche „ein Modell darstellt, an dem die Geschichten und sozialen Formationen aller Gesellschaften gemessen werden können“ (Conrad/Randeira 2002: 12).
- ‚Habitus’ verwende ich nach P. Bourdieu als Bezeichnung für eine selbstregulierende (und oft unbewusste) Verhaltenspraxis eines Menschen. Damit ist nicht eine individuelle Gewohnheit gemeint, sondern eine Sozialstruktur die den Körper und das Sein dieses Menschen einnimmt, sein individuelles Verhalten danach strukturiert und somit auch dessen soziale Position in der Gesellschaft offenbaren kann (Krais/Gebauer 2002: 37, 40, 53).
- ‚Kultur‘ bezeichne ich den normativen Rahmen, an dem eine Gruppe von Individuen ihre alltägliche Lebenspraxis ausrichtet (Behr 2000: 227).
- ‚Männlichkeit‘ „is simultaneously a place in gender relations, the practices through which men and women engage that place in gender, and the effects of these practices in bodily experience, personality and culture” (Connell 1995: 71).
- ‚Migration‘ meint die angenommene Wanderung einer Person; ob sie tatsächlich selbst migriert ist, ist im deutschen Diskurs zweitrangig, da sonst von einem ‚Migrationshintergrund‘ gesprochen wird. Dementsprechend werden auch in der Bundesrepublik geborene und aufgewachsene Individuen aktiv mit Migration affiliiert.
- ‚People of Color‘ (PoC, zu Deutsch: Schwarze) ist eine Selbstbezeichnung aus der Erfahrung rassistischer Diskriminierung heraus und wird als solidaritätsstiftender politischer Begriff verwendet (Migrationsrat Berlin Brandenburg 2011: 7).
- ‚Racial Profiling’ ist „die Praxis, das physische Erscheinungsbild, sogenannte ethnische Merkmale oder die ‚Rasse‘ einer Person als Entscheidungsgrundlage für polizeiliche Maßnahmen wie Personenkontrollen, Ermittlungen und Überwachungen heranzuziehen“ (Cremer 2013: 11).
- ‚Rasse‘ wird von mir als Begriff verwendet, um einerseits die Nähe zum deutschen Forschungsgegenstand aufzubauen und andererseits das Konzept der ‚Rasse‘ als exklusiv nationalsozialistisches Konzept zurückzuweisen (Arndt 2009: 343). Diese Konzepte sind hochaktuell, „denn diese biologischen ‚Rassenkonstruktionen‘ haben sich nachhaltig in Denk- und Verhaltensmuster eingeschrieben, die gesellschaftliche, kulturelle und politische Prozesse und Hegemonien konstituieren und irreversibel rassialisierte [heißt rassistisch bewertete] Identitäten und Positionen hergestellt haben“ (ebd.: 342).
- ‚Rassismus‘ ist ein „Komplex von Gefühlen, Vorurteilen, Vorstellungen, Ängsten, Phantasien und Handlungen, mit dem Weiße aus einer weißen hegemonialen Position heraus Schwarze strukturell und diskursiv positionieren und einem breiten Spektrum ihrer Gewalt aussetzen“ (Arndt 2009: 341).
- ‚Symbol‘ kann „ganz allgemein ein Stellvertreter sein oder, etwas präziser, Sinn-Bild für etwas, das komplex, polysem, widersprüchlich und in ökonomischer Weise (zumeist) nur in symbolischer Form dargestellt werden kann“ (Berrenberg 2009: 25).
- Stigmata entstehen wenn „elements of labeling, stereotyping, separation, status loss, and discrimination occur together in a power situation that allows them [to occur]“ (Link/Phelan 2001: 377). Somit wird durch das Stigma eine Diskriminierung normativ.
- Westen’ meint zunächst Westeuropa und dann auch Nordamerika (als grobe Orientierung ist das Gebiet zwischen Deutschland und Portugal gemeint, sowie USA und Kanada).

1. Untersuchungsgegenstand und Kontext

Seit einiger Zeit berichten Opfer, Zeug*innen und Medien verstärkt über unverhältnismäßige Polizeigewalt und rassistisch diskriminierende Polizeikontrollen in Deutschland gegenüber Schwarzen Bevölkerungsteilen. Bundesweite Beachtung fand unten stehender Fall, auf dessen juristisch-politische Resonanz ich nach kurzer Beschreibung des Hergangs ausführlicher eingehen werde. Die Erläuterung von der Relevanz dieses Falles für meinen Untersuchungsgegenstand und von meiner Vorgehensweise im Allgemeinen findet dann im Anschluss statt.

Fall X (Tornau 2012 und 2012a)

Ein dunkelhäutiger Student wird von Polizisten im Regionalzug um seinen Ausweis gebeten. Auf seine Nachfrage hin wird ihm zum Kontrollgrund keine Auskunft gegeben. Die daraus resultierende Diskussion führt zum gewaltsam erzwungenen Ausstieg des Studenten aus dem Zug und zu seiner Durchsuchung. Dabei fordern die Polizisten Verstärkung an, der Mann wird unüblicherweise geduzt, sein Handy geht zu Bruch und er wird des Diebstahls der in seinem Rucksack befindlichen Schokolade bezichtigt. Hilfsbereite Passantinnen werden von den Polizisten in rauem Umgangston verschreckt.

Der Student beschuldigt die Polizisten der Nutzung von Methoden ähnlich denen der nationalsozialistischen Schutzstaffel (SS). Diese zeigen ihn hierfür wegen Beleidigung an. Fall X wird vor Gericht in zwei separaten Prozessen verhandelt. Im ersten entscheidet das Oberlandesgericht Frankfurt, der Vergleich mit SS-Methoden sei rechtens. Im zweiten urteilt das Verwaltungsgericht Koblenz: Bei besonderen Lageerkenntnissen dürfe nach äußerem Erscheinungsbild kontrolliert werden - in diesem Fall eine Zugstrecke zwischen Kassel und Frankfurt, die von der Polizei als Route von illegaler Einwanderung identifiziert wurde. Die öffentliche Bestätigung des Polizeihauptmeisters, den Studenten aufgrund seiner ‚anderen‘ Hautfarbe kontrolliert zu haben, wird so durch eine räumliche Besonderheit legitimiert.

Im Berufungsverfahren entscheidet das Oberverwaltungsgericht Koblenz (OVG) zugunsten des Studenten: Die Kontrolle sei rassistisch zu deuten. Das Urteil wird nicht rechtsbindend, jedoch muss die Polizei sich öffentlich für die rassistische Praxis entschuldigen. Ein strukturelles Problem in ihrer Arbeitsweise lehnt die Polizei jedoch ab.

Die Ausblendung struktureller Problematiken hat bei der deutschen Polizei Tradition und wird von R. Behr, Soziologe und selbst ehemaliger Polizist, als „keine gute Voraussetzung für eine souveräne Haltung gegenüber öffentlicher Kritik“ (2000: 244) kommentiert. Jegliche Handlungen von ihrem strukturellen Bezug zu trennen, vor allem wenn diese institutionell organisiert sind, möchte ich daher als illusorisch bezeichnen. Denn:

„Practice never occurs in a vacuum. It always responds to a situation, and situations are structured in ways that admit certain possibilities and not others. Practice does not proceed into a vacuum either. Practices make a world. In acting, we convert initial situations into new situations. Practice constitutes and reconstitutes structures. (…) It [practice] makes the reality we live in” (Connell 1995: 65).

In welchen strukturellen Bedingungen ist dieser Vorfall also geschehen, um eben rassistisch sein zu können? Welche Konsequenz hat dieser Vorfall, welche Realität schafft er in Deutschland?

Öffentliche Resonanz

Der öffentliche Kanon stuft die oben illustrierte Praxis des ‚Racial Profiling‘ (RP) als verfassungswidrig ein, allerdings entsteht eine Divergenz bei der Wahrnehmung der bundesdeutschen Realität. Während viele Akteur*innen aus Politik, Justiz und Zivilgesellschaft RP sehr wohl als gängige polizeiliche Maßnahme wahrzunehmen und der immer häufiger eskalierenden Polizeigewalt besorgt entgegenzustehen scheinen, bestreitet die Bundesregierung die Unverhältnismäßigkeit der Gewalt und die rassistische Diskriminierung durch Polizist*innen. „Die Realität der Polizeiarbeit wird (…) offenkundig verkannt“ (Deutscher Bundestag 2012a: 1), kritisiert die Petition 37656 gegen RP die deutsche Bundesregierung: Die Wahrnehmung der Regierung sei auf die Theorie der Polizeiarbeit bezogen und dahingehend richtig. Nur sei die Praxis offensichtlich eine andere. Daher müsse die unklare Gesetzeslage unter Berücksichtigung von supranationalen Rechtsnormen und nationalen Betroffenenaussagen geklärt werden (ebd.). Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft bekräftigt dieses Argument unfreiwillig mit seinem Kommentar zum OVG-Urteil: „[D]ie Gerichte machen schöngeistige Rechtspflege, aber richten sich nicht an der Praxis aus“ (Unbekannter Autor 2012).

Der Vorwurf der unklaren Gesetzeslage bezieht sich hier wesentlich auf den § 22 des Bundespolizeigesetzes (BPoIG). Es können auch weitere Elemente des BPoIG gemeint sein, in denen ebenfalls die Anwendung von Recht und Gewalt gegenüber Zivilisten nicht mehr klar als gerechtfertigt zu deuten ist. § 22 Absatz 1a berechtigt die Polizei jede Person anzuhalten und zu befragen, um illegale Einreisen und Aufenthalte aufzudecken. Jedoch sind diese Kontrollen auf Einsatzräume begrenzt, in denen die Polizei nachweislich ein erhöhtes Risiko feststellen muss, so wie Flughäfen, Bahnhöfe, Zugteilstrecken und Bundesgrenzen. Diese Bestimmung an sich ist nicht diskriminierend, jedoch wird die rechtliche Bindung an eine diskriminierungsfreie Anwendung dieser Bestimmung zumeist gegenüber ‚ausländisch‘ erscheinenden Person nicht eingehalten. J. Drohla kritisiert die Begründung der Bundesregierung hierzu, die Kontrollen seien aufgrund von Personenmangel nur gezielt ausführbar. Denn mangelnde Kapazitäten seien keine Legitimation geltendes Recht zu verletzen (2012: 415) - zumal das Diskriminierungsverbot laut Grundgesetz (GG) Artikel 3 absolut, also nicht relativierbar ist. Trotzdem nimmt die Bundesregierung das Diskriminierungspotential der unscharfen Gesetzestexte als unproblematisch wahr (Deutscher Bundestag 2013: 2).

In den öffentlichen Stellungnahmen der Bundesregierung heißt es unter anderem: „Die Bundesregierung hat das Interesse der Öffentlichkeit an einer gesetzestreuen, bürgernahen und transparenten Polizei berücksichtigt“ (Deutscher Bundestag 2011: 4). Wieso leugnet die Bundesregierung kategorisch die Unverhältnismäßigkeit der Polizeigewalt und das rassistische Polizieren? Wieso ist die Regierung gegen unabhängige Kontrollgremien und für einen ausschließlich innerbehördlichen Beschwerdemechanismus? Wenn die Bundesregierung zugeben muss, dass es keine bzw. undifferenzierte Erhebungen zu bspw. Hergang und Inhalt der Kontrollen oder - bei innerpolizeilichen Vorgängen - zu Straftaten im Amt gibt, wieso implementiert sie keine entsprechenden internen Aufzeichnungs- und Kontroll-Maßnahmen? (2011; 2011a).

Generell entsteht der Eindruck, die Bundesregierung sehe keinen Anlass, das Thema RP bei den Polizeibehörden zu thematisieren (2012, 2011, 2011a). Bezüglich einer konkreten Anfrage der Partei DIE LINKE zu einer langfristigen Sensibilisierungskampagne für die Polizei zum Thema RP sieht die Regierung keinen Handlungsbedarf (2012b) und spricht sich scharf gegen einen pauschalen Vorwurf gegen die Polizei aus (ebd.: 3). Dass hingegen durch die Polizeiarbeit Stereotypisierungen in der Öffentlichkeit re/produziert werden und breite Schwarze Bevölkerungsschichten unter Generalverdacht gestellt werden kriminell zu sein oder in unvorhersehbarer Zukunft sein zu können, scheint keine Besorgnis für die Bundesregierung als Regierung aller Bürger*innen Deutschlands zu sein (die Gründe dieser Annahme werden sich im Laufe dieser Arbeit zeigen). Stereotypisierungen werden nicht nur für die alltägliche Polizeiarbeit, sondern auch für zwei explizite Fahndungsformen genutzt: Erstens dient ein kulturalistisch erstelltes Verdachtsprofil für eine gezielte Kontrolle von Personen, die eben zufällig unter dieses Profil fallen (Rasterfahndung; bspw. die Fahndungsmethode für Terrorismus nach den Anschlägen auf das Welthandelszentrum in 2001). Und zweitens dient ein solches Verdachtsprofil mit zugeschriebenen Merkmalen und Attributen in Zusammenhang mit bestimmten Räumen als Kontrollgrund (Schleierfahndung), wie in Fall X zu erkennen ist.

In Worten des Juristen H. Cremer (2013: 19) lässt sich hierzu wie folgt empören: „Dabei ist es die Aufgabe des Gesetzgebers in dem Spannungsverhältnis zwischen der Pflicht des Staates zum Rechtsgüterschutz und dem Interesse des einzelnen Menschen an der Wahrung seiner verbürgten Grundrechte, in abstrakter Weise einen Ausgleich der widerstreitenden Interessen zu erreichen“. Anders gesagt: Die Wahrung der Rechte wird hier innenpolitisch für bestimmte Bevölkerungsgruppen relativiert. Diese Gruppen möchte ich mit den politischen Überbegriffen ‚People of Color‘ (PoC) oder zu Deutsch ‚Schwarze‘ bezeichnen.

Cremer (2012) und auch Drohla (2012) warnen vor gesamtgesellschaftlichen Folgen, konkret vor negativen Auswirkungen für ein ‚multikulturelles‘ Zusammenleben. Dabei kritisieren beide juristische Urteile, die bei teils eindeutigen Fällen und unmissverständlichen Indizien zugunsten der Polizei ausgegangen sind. Weiterhin kritisiert Cremer, dass der Eindruck entstehe, Europa sei ein Weißer Raum (2013: 10).

Der Verdacht liegt nahe, dass die hiesige Imagination eines zeitgenössischen Europas nicht der postkolonialen, globalisierten Lebenswirklichkeit entspricht. Meine vorangegangenen Fragen bündele ich somit in folgende, fragende und zentrale These für meine Abschlussarbeit: Wie halten Weiße Deutsche Weiße Räume in Deutschland Weiß?

Weißes Deutschland

In Fall X zeigt sich ‚Deutschsein‘ synonym zu Weißsein. Zumindest in der Polizeipraxis wird dies deutlich, solange eben nicht das Gegenteil bewiesen wird. Der Verdacht dieser Annahme bestätigt sich, wenn ich andere (teils reformierte) Gesetze hinzuziehe. Da ich keine Rechtsanalyse durchführen kann, benenne ich nur kurz die für mich auffälligen Texte:

- Einbürgerungsrichtlinien von 1977: In Abschnitt 2.3 galt „Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Einwanderungsland; sie strebt nicht an, die Anzahl der deutschen Staatsangehörigen gezielt durch Einbürgerung zu vermehren“. In Absatz 3.2.1 wurde „die Einordnung in die deutschen Lebensverhältnisse“ und „ein langfristiges Einleben in die deutsche Umwelt“ von den Bewerber*innen verlangt. In 3.3.4 wurden Einbürgerungen bei „Fehlentwicklungen der Persönlichkeit“, bspw. Alkoholsucht, ausgeschlossen. Mir stellt sich unweigerlich die Frage, was denn das ‚Deutsche‘ an den Lebensverhältnissen ist und wieso Staat und Gesellschaft mit alkoholsüchtigen Biodeutschen leben können, aber nicht mit ‚ausländischen‘ Alkoholsüchtigen?
- Staatsangehörigkeitsgesetz (StAG), welches auf dem Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz (RuStAG) von 1913 basiert: Hier ist anzumerken, dass die Gesetzesbildung 1913 unter Berücksichtigung kolonialer Problematiken - zum Beispiel, ob das ‚Mischlingskind‘ eines deutschen Mannes in einer Kolonie rechtlich deutsch ist - zu verstehen und nur sehr langsam und dürftig reformiert wurde. Nach § 1 ist „Deutscher (…) wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt“. Für diese harmlos klingende Tautologie wird in anderen Gesetzen eine Art Auswahlverfahren geschaffen:
- Im GG Artikel 116 sind dies die Flüchtlinge und Vertriebenen „deutscher Volkszugehörigkeit“.
- Das Bundesvertriebenengesetz § 6 Absatz 1 erläutert dann diese Zugehörigkeit: „Deutscher Volkszugehöriger im Sinne dieses Gesetzes ist,wer sich in seiner Heimat zum deutschen Volkstum bekannt hat, sofern dieses Bekenntnis durch bestimmte Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erziehung, Kultur bestätigt wird“. Dabei sind laut dem zweiten Absatz ausreichende deutsche Sprachkenntnisse zentral für die Wahrnehmbarkeit der deutschen Volkszugehörigkeit.
- Diese Bestimmung findet sich auch in der aktuellen Integrationsverordnung § 3 Absatz 1 wieder. Weiterhin wird in Absatz 2 die Vermittlung von bildungspolitischen Themen wie „Prinzipien der Rechtstaatlichkeit“, „Religionsfreiheit“ aber auch „Kultur und Geschichte Deutschlands“ festgelegt. Dies erscheint mir absurd, denn Biodeutsche müssen sich nicht öffentlichen Debatten und auch keinem Integrationskurs stellen um ihr Deutschsein zu beweisen.
- Der Gesetzeskatalog für rechtlich Nichtdeutsche insgesamt: So erhielt im veralteten Ausländer*innengesetz (AuslG) jedes Individuum, welches nicht deutsch im Sinne des Artikel 116 Absatz 1 GG war (also die deutsche Volkszugehörigkeit für den Staat nicht wahrnehmbar war), den ausländischen Status. Mit diesem erhielt eine Person zwar - und erhält heute noch - politische Rechte, aber diese sind relativierte Bürger*innenrechte, also migrationspolitisch abgestuft. Über die Jahre gab es immer wieder neue Gesetze und Änderungen, um das Ausländer*innenrecht zu regeln, bspw. das Aufenthaltsgesetz oder das Zuwanderungsgesetz.

Diese Beispiele suggerieren, dass es das Fixum Deutschsein in einem bestimmten Raum gibt. Aber auch wenn der Raum verlassen wird wie bei Spätaussiedler*innen (welche ebenfalls nach Artikel 116 GG Deutsche sind), scheint das Deutschsein sich zu bewahren; Abstammung und ein Satz von Verhaltensnormen bilden die kulturalistische Entität des Deutschseins, dessen Essenz über die Zeit hinweg angeblich gleichgeblieben ist. Diese Konstruktion birgt gegenüber allen als Nichtdeutsche wahrgenommenen Personen per se ein erhebliches Diskriminierungspotential. Bspw. wurde im Asylbewerber*innenleistungsgesetz (AsylbLG) erst aktuell entschieden, dass die Menschenwürde des GG nicht migrationspolitisch abgestuft werden kann und somit die Leistungen für Asylbewerber*innen (die teilweise viele Jahre in der Duldung und gesellschaftlicher Restriktion leben) an die Leistungen für Inländer*innen (Sozialhilfe) angeglichen werden müssen. Denn: Weniger (als ein auch für Inländer*innen als zu niedrig kritisierbares) Existenzminimum ist schlicht unvertretbar (Pelzer 2013: 26).

Die soziale Bedeutung von Fall X

Ich möchte nun zu Fall X zurückkommen, um die Bedeutung dieses Falles in der deutschen Gesellschaftsstruktur zu verstehen.

Lese ich ihn syntagmatisch, also auf seiner pathologischen Ebene, so ergibt sich zunächst folgendes Bild: Das postfaschistische Deutschland hat eine ‚besondere‘ Verantwortung, die auch im deutschen Gesetz wiederzufinden ist. Die Polizei macht demnach ‚nur‘ ihre Arbeit und kommt manchmal an Grenzlinien, in der das Diskriminierungspotential hoch ist. Es müssen also bewusst Maßnahmen gefunden werden, dieses Potential zu minimalisieren. Das globalisierte Europa ist nicht mehr Weiß und dies muss sich auch in der Polizeiarbeit abzeichnen. Das degradierende Verhalten der Polizisten gegenüber Kontrolliertem und Passantinnen ist als respektlos und faschistoid zu kritisieren; dieser Kritik schließen sich auch Weiße Politiker*innen an.

Ergänze ich dieses Verständnis um die paradigmatische Lesart, so eröffnet sich mir die symbolische Ebene dieses Falles. Und nach J. Berrenberg verraten erst beide Lesarten zusammen den sozialen Sinn eines Gegenstandes (2009: 27, 30). Mit dem Weißen Polizisten vor dem Schwarzen Mann erkenne ich eine kolonialistische Szene, worauf nach meinem Kenntnisstand in der öffentlichen Debatte kein Bezug genommen wurde; Gesinnungspunkt waren und sind stets die Fehler des Nationalsozialismus. Die deutsche Kolonialherrschaft scheint in Gesetz, Öffentlichkeit und Praxis vergessen. Weiterhin erkenne ich, dass die migrationspolitische Polizeiarbeit als solche nicht in Frage gestellt wird. Sie scheint Ordnung schaffen zu wollen, wo Ausländer*innen vermeintlich Unordnung schaffen, in diesem Falle sich nicht an das geregelte Asylsystem zu halten scheinen. Daher scheint solche Polizeiarbeit (und analog dazu die generelle migrationspolitische Kriminalisierung bzw. Sanktionierung von Verstößen gegen das Ausländer*innenrecht) für die Allgemeinheit natürlich und legitim, insofern nicht (rassistisch) diskriminierend oder unverhältnismäßig gewaltvoll. Dann erkenne ich eine Machtdemonstration der Polizei durch die Zurschaustellung der Unterlegenheit ihrer Anderen: Die vom Staat bemächtigten Weißen Männer zeigen den öffentlichen Beobachter*innen einen Schwarzen Mann, der sich vermeintlich unerlaubt auf deutschem Territorium aufhält und eventuell sogar als Dieb die gesellschaftliche Ordnung zusätzlich bedroht; sie zeigen weiter, dass Frauen in dieser Szene passiv bleiben sollten, so wie der Kontrollierte auch, insofern er keine Gewalt erfahren will. Interessant ist hier auch die Anforderung von polizeilicher Verstärkung. Welche Gefahr scheint dieser Student für die polizeiliche Machtdemonstration oder/und die gesellschaftliche Ordnung (geregelt durch Polizei und Gesetzestexte) darzustellen? Zuletzt ist die eindeutig überwiegende Abwesenheit von Schwarzen in Schlüsselpositionen der Debatte (Polizei, Justiz, Medien, Politik) besonders auffällig.

Durch diese Beobachtungsweise identifiziere ich folgende Elemente, welche zu rassistischen Sprechweisen und Handlungen der Polizisten geführt haben: Territorialität (Macht), Ordnung (und die Gefährdung dieser spezifischen Ordnung) und Männlichkeit (in Bezug zu anderen Männern bzw. Frauen).

Hergang der Analyse

Um die symbolische Ebene kohärenter zu verstehen, sollte ich jetzt weitere Fälle in die Analyse einbringen. Zunächst möchte ich jedoch im folgenden Kapitel meine Annahme ausführen, die drei oben benannten Themenfelder seien zentrale Elemente für den deutschen Rassismus. Mit der Hoffnung dann die Leser*innen dahingehend sensibilisiert zu haben, führe ich im dritten Kapitel weitere Fälle auf. Darauf folgt eine kurze Analyse zur Position des kontrollierten Subjekts zur Polizei bzw. zum Staat.

Im viertel Kapitel lernen die Leser*innen Struktur und Funktion des Rassismus im Allgemeinen, aber auch im bundesdeutschen Kontext kennen. Bis hierhin soll aufgezeigt werden, welche grundlegenden Strukturen den gesellschaftlichen Raum für das rassistische Polizieren schaffen. Anschließend wird im fünften Kapitel die historische Kontinuität des Rassismus in Deutschland hervorgehoben; das Vergessen von Kolonialismus und die Verleumdung von zeitgenössischem Rassismus werden mit der nationalsozialistischen Kriegszeit in einen zeitübergreifenden Bedeutungszusammenhang gebracht. Dieser Prozess soll die Bedeutungstiefe von Polizeikontrollen und -gewalt über den soziohistorischen Bezugspunkt des Holocaust führen, um sich dem Verständnis zur bundesdeutschen Lebensrealität der Opfer aus nicht-hegemonialer Perspektive anzunähern. Abschließend bespreche ich, wie rassistischen Strukturen im bundesdeutschen Kontext politisch nachhaltig entgegengewirkt werden kann.

Meine Arbeitsweise nennt sich Dekonstruktion, welche „bestimmte Wahrnehmungen von Realitäten, die auf eine Gesellschaft wirken und gleichzeitig von ihr ausgehen, zu markieren, in ihrer Funktionsweise zu beschreiben und somit für Kritik zu öffnen“ (Eickhof 2010: 26) beabsichtigt. Dekonstruktion ist ein Analyseinstrument aus den postkolonialen Studien und dient der Dekolonisierung von Gesellschaften. Dekolonisierung begreife ich nach N. Maldonado-Torres als eine „confrontation with the racial, gender, and sexual hierarchies that were put in place or strengthened by European modernity as it colonized and enslaved populations through the planet“ (2007: 261). Folglich ist für die postkoloniale Perspektive die „Analyse und Kritik von Herrschaftsverhältnissen“ (Aikins/Franzki 2010: 9) zentral, um durch die „Thematisierung des Fortbestehens und Nachwirkens einer Vielzahl von Beziehungsmustern und Effekten kolonialer Herrschaft“ (Conrad/Randeria 2002: 24) verstehen zu können, warum Schwarze wie in Fall X ihre Anwesenheit im Weißen Territorium immer wieder erklären müssen. So wird nicht die Anerkennung ihrer Anwesenheit Untersuchungsgegenstand, sondern ihre Repräsentation im spezifischen ‚Lebensraum‘ (Steyerl/Rodríguez 2003: 8).

Denn wie J. Aikins und H. Franzki feststellen, hat die koloniale Politik und Gewalt nicht nur die kolonisierten, aber auch die kolonisierenden Gesellschaften strukturell verändert. Die europäische Moderne ist eng verwoben mit jahrhundertelanger Kolonialität1 und bis heute beeinflussen diese kolonialen Machteffekte die kollektiven Identitäten und Alltagskulturen in den (ehemaligen) Metropolen (2004: 9 ff.). Da dem kolonialen Verständnis stets die Imagination und Klassifizierung des Fremden zu Grunde lag, werde ich das Verhältnis des Weißen Europas zu dem von ihm als ‚Orient‘ bezeichneten geographischen Gebiet ebenfalls in die Analyse miteinbeziehen. Denn Kolonialität betraf und betrifft auch Menschen, die von europäischen Imperialmächten nicht räumlich-materiell aber räumlich-imaginär kolonisiert wurden. Diese Erweiterung ist wichtig für das Gesamtbild rassistischer Strukturen in Deutschland und wird helfen, den Untersuchungsgegenstand der rassistischen Polizeiarbeit akkurater deuten zu können.

Die ‚Anderen’ der Weißen Europäer*innen waren und sind geopolitisch außerhalb des Weißen Territoriums verortet (Conrad/Randeria 2002: 23; Rodríguez 2003: 20). Daher erscheint das Ungleichverhältnis zwischen Deutschen und ihren Ausländer*innen2 ‚natürlich‘ (Terkessidis 2004: 9). Rassismus schafft also die Weiße Position erst durch die Schwarze Position; Weiß ist nicht eine gegebene Kategorie. A. Farr nennt die Weiße Position ein „erkenntnistheoretisches Raster zur Dechiffrierung gesellschaftlicher Daten“ (2009: 40), mit welchem Weiße Menschen ihre Umwelt verstehen. Dabei nehmen sie ihre Weiße Position kaum bewusst wahr bzw. können sich nur sehr schwer in die Schwarzen Positionen hineinversetzen. Diese Positionierungen drücken ein umfassendes Gesellschaftsverhältnis aus, welches kein Subjekt meiden oder verlassen kann; sie sind also strukturell verortet (Eickhof 2010: 60). Und in eben diesem Verhältnis ist Weißsein dominant, es zwingt seine Umwelt in die eigene Wirklichkeit (Rommelspacher 1995: 194). So kann ein Schwarzes Individuum (ob bewusst oder unbewusst) die Weiße Position ebenso als erkenntnistheoretisches Deutungsraster nutzen. Die vermeintliche Neutralität dieses Rasters macht es dann aber für alle Gesellschaftsprozesse so gefährlich, denn das ganze Spektrum der rassistischen Strukturen gelangt nicht in das öffentliche also kollektive Bewusstsein.

Dementsprechend befasse ich mich in dieser Arbeit u.a. nicht mit dem ‚Objekt‘ des Rassismus, sondern mit dessen Konstruktion, um so die Objektivierung seines Gegenstandes sichtbar zu machen (Terkessidis 2004: 95; 111). Hierbei will ich die Leser*innen auf meine eigene Situierung aufmerksam machen: Akademische Kreise neigen dazu unreflektiert systemkonform, also Weiße Privilegien re/produzierend, zu arbeiten (Strohschein 2009: 509). Ich stelle also keine objektive Analyse auf, sondern analysiere explizit und transparent aus der postkolonialen Perspektive eines deutschen Schwarzen.

Dabei werde ich bemüht sein meine emische und etische Beobachtungsweise in Einklang mit sachlichen, wissenschaftlichen Richtlinien zu halten. Hier sei erwähnt, dass diese Richtlinien selbst eine Weiße Konstruktion zur Legitimation und Verwaltung von Wissen sind, die eng verwoben mit Weißen Privilegien stand und in spezifischen Kontexten noch steht. Somit will ich die Leser*innen darauf hinweisen, dass wissenschaftliche Tätigkeit stets in Machtkonstellationen eingebunden ist (Aikins/Franzki 2010: 21). Wie aber S. Hall (anlehnend an M. Foucault) bemerkt, ist die Nutzung des hegemonialen Diskurses für dessen Analyse und Dekonstruktion unausweichlich (1994: 151). Aus dieser Position heraus kann ich verstehen, wie rassistische Diskurse geschaffen werden, sich in soziale Handlungen einschreiben und somit rassistisches Wissen re/produzieren (ebd.: 150). Aus dieser Position heraus kann ich ebenfalls verstehen, wie und was diesen Diskursen und ihrer diskursiven Praxis entgegenzusetzen ist.

Aktuell sind die deutschen Postkolonialstudien schwach ausgeprägt und haben wenig Einfluss auf gesellschaftspolitische Entwicklungen. Vor allem fehlen hierfür Schwarze in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen (Friedrichsmeyer et al. 1998: 4), kritisches Weißsein ist kaum im akademischen Inventar zu finden und zu wenig PoC-Perspektiven finden sich in den hiesigen Postkolonialstudien wieder (Aikins/Franzki 2010: 22). Die postkoloniale Analyse der ‚deutschen Kultur‘ ist essentiell, um den Moment herbeizuführen, in dem die eigene Kolonialität erkannt wird und damit einhergehend der Versuch initiiert wird, aktiv gegen die dualistische Logik von Weiß und Schwarz zu arbeiten (Friedrichsmeyer et al. 1998: 7). So soll bestenfalls das hermetische Verständnis vom Deutschsein nach und nach aufgebrochen werden bis ein offenes, prozessuales Verständnis von deutscher Identität erreicht wird.

Ich hoffe mit dieser Arbeit einen Beitrag dazu leisten zu können, in dem ich die analytischen Zugänge zu dem von mir ausgewählten Untersuchungsgegenstand der rassistischen Polizeiarbeit mehre. Dabei identifiziere ich mich selbst als politischen Akteur, denn wissenschaftliche Ergebnisse sind wie erwähnt nur im Kontext von aktuellen Machtkonstellationen zu verstehen, somit weder objektiv noch unpolitisch. Wie in Fall X sichtbar wird, sind offensichtlich auch Gesetzestexte nur in ihrer soziohistorischen Einbettung zu verstehen: GG Artikel 3 wurde bewusst als politische Konsequenz der nationalsozialistischen Zeit geschrieben. Der Trugschluss war und ist, dass Gesetzestexte gegen Diskriminierung gesellschaftliche Handlungsweisen effektiv und nachhaltig ändern. Denn erst wenn das gesellschaftliche Verständnis geschaffen wurde, erfüllen die Gesetze ihren eigentlichen Sinn. Und genau hierin sehe ich unter anderem die akademische Arbeit zu Rassismus verankert.

2. Territorialität

„Territorialität entspringt als Erzeugnis dem Verhältnis zwischen Raum, Wissen und Macht, wobei das Territorium als räumliche Machtenklave durch die [soziale] Interaktion in diesen Orten produziert und reproduziert wird“ (Hamedinger 1998: 190).

Diese erste Definition möchte ich mit dem Geographen R. Sack wie folgt ergänzen: „Territoriality in humans is best understood as a spatial strategy to affect, influence, or control resources and people, by controlling area“ (1986: 1). Territorialität begreife ich demnach als ein Machtinstrument zur Raumproduktion: „[T]erritoriality conceptually separates space from things and then recombines them as an assignment of things to places and places to things“ (1983: 59). Sie vereint als einzige symbolische Form durch ihre Klassifizierung von Gebieten für die Begrenzung bzw. dem Zugang zu dem Inhalt dieser Gebiete „a statement about direction in space and a statement about posession or exclusion“ (1986: 21). Damit ist auch klar, dass räumliche Beziehungen von Menschen sich wandelnde hierarchische Machtbeziehungen sind, da sie stets in einem bestimmten historischen Kontext sozial konstruiert werden. Weiter identifiziert er Territorialität als „primary spatial form power takes“ (ebd.: 26), also als räumliche Basis für Macht und somit als „key geographical component in understanding how society and space are interconnected“ (ebd.: 3). Territorialität als eine strategische, stets umkämpfte Beziehung von Elementen in einem Raum (1983: 59) ist somit für meine Analyse zentral. Sie wird mir Auskunft geben, wie Weiße Räume entstehen und weiterhin Weiß bleiben.

Durch die Klassifizierung des territorialen Gebietes für die Regulierung von Mittel und Zugang zu jeglichen Ressourcen innerhalb dieses Territoriums funktionalisiert die anordnende Instanz einen Raum, gibt ihm eine spezifische Bedeutung für den Menschen. Bspw. kann die erschaffene Raumeinheit identitätsstiftend sein (1986: 30). So ist im nationalistischen Verständnis das Gebiet des deutschen Territoriums zentral für die (politische) Identität des Subjekts. Diese Bedeutung wird dann naturalisiert; das Territorium selbst wird als fast neutraler, kontrollierender Akteur in sozialen Beziehungen wahrgenommen und verdeckt somit die eigentliche (Macht-)Beziehung zwischen der kontrollierenden Instanz A und deren kontrolliertem Subjekt B. Missachtet ein Subjekt seine spezifische territoriale Bindung, so muss laut Sack ein nicht-territoriales Handeln das räumliche Machtverhältnis wieder herstellen, was in der Regel durch Sanktionierungen geschieht (ebd.: 2, 20, 30). Dieses nicht-territoriale Handeln meint, dass persönlich Kontrolle über B ausgeübt werden muss, um seine räumlich ausgedrückte Missachtung zu korrigieren. Die Methode möchte ich ‚Back-up‘ nennen. A kann/können hierbei ein Individuum, eine Gruppe oder eine Klasse sein während B ebenfalls diese Kategorien und/oder Objekte im Raum sein kann/können (1983: 55; s. Abb. 1/1.1). Um die Machtkonstellation zwischen A und B besser zu verstehen, möchte ich einige Punkte zu Macht und Gewalt hervorheben.

Macht und Gewalt

Macht ist im Foucault‘schen Verständnis „eine allgemeine Matrix von Kräfteverhältnissen zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Gesellschaft; sie wirkt auf der ganzen Fläche des sozialen Feldes“ (Maset 2002: 84). Sie ist als Beziehung zwischen A und B zu verstehen, die entweder symmetrisch oder asymmetrisch sein kann. Symmetrische Macht ist die Bemächtigung von A über B, beruhend auf eine Art Konsens zwischen A und B. Das heißt, das Machtfeld kommt ohne ein Gewaltverhältnis aus und bedarf nur der Anerkennung der Autorität von A durch B. Wenn dieser Respekt verloren ist, kommt Gewalt durch A über B zum Einsatz, um das Machtfeld aufrecht zu erhalten (Ahrendt 1975: 45 ff., 52, 57). Herrschaft ist dann, ebenfalls im Foucault‘schen Verständnis, die Institutionalisierung dieses Machtverhältnisses; es wird asymmetrisch und zu einem dauerhaft hierarchischen Zustand. Dieser Zustand repräsentiert nicht die Interessen von B. In diesem Machtverhältnis werden die Ressourcenverteilung und der Zugang zu den Ressourcen durch A zugunsten von A und zum Nachteil von B gehalten (Maset 2002: 57 ff.). Macht ist also eine Kraft, die positiv oder negativ eingesetzt werden kann. Wenn ein Machtverhältnis durch den Widerstand von B nicht umgekehrt werden kann, so ist das Machtfeld zwischen A und B entdynamisiert, sprich in einem Herrschaftszustand. Diese Konstellation kann als Gewaltverhältnis zwischen A und B bezeichnet werden (Maset 2002: 87).

Laut Sack ist das Machtverhältnis zwischen A und B durch den räumlichen Versuch der Beeinflussung von B durch A im entsprechenden geographischen Gebiet sichtbar. Dabei versteht er die symmetrische Machtbeziehung dahingehend als Konsens, als das A und B beide von der Kontrolle von A über B profitieren sollen/können. Eine asymmetrische Machtbeziehung hingegen versteht er dahingehend als Herrschaftsverhältnis, als das A durch die Ausbeutung von B in irgendeiner Form profitiert (1983: 5, 59).

In einer parlamentarischen Demokratie wie in Deutschland ist das Machtverhältnis zwischen Staat und Subjekt zumindest theoretisch symmetrisch, denn es beruht auf einem (relativen) Konsens. Nach M. Maset ist das Regieren über eine Bevölkerung der Versuch, die staatliche Macht mit der individuellen Macht zu verbinden (2002: 84). In der Gegenwart ist die Regierungsform der Gouvernementalität entstanden, in der die Fremdregulation (das Regieren von A über B) und die Selbstregulation (das Regieren von A durch B) eine synergetische Regierungspraxis bilden (Krasmann 2006: 273 f.).

Diese ‚Machtsymbiose‘ als Regulierungspraxis wird durch die symbolische Anheftung von Gesetzen und Normen an ein geographisches Gebiet realisiert. Die faktische Wirkkraft dieser Praxis erscheint fast schon wie ein physikalisches Naturgesetz. Die Menschen in diesem Territorium sollen sich entsprechend dem Raum zu verhalten wissen. Die Verhaltensregeln sind je nach Gebiet spezifisch modifiziert, d. h., es gibt mehrere Territorien innerhalb der nationalstaatlichen Grenze (bspw. privater und öffentlicher Raum). Mit der Instrumentalisierung des deutschen Territoriums als Bezugspunkt tritt der Staat als maßgeblicher Akteur in den Hintergrund. Wenn nun ein Individuum auf deutschem Territorium ein deutsches Gesetz bricht, so bleibt der handlungsleitende Teil des Staates im Hintergrund, während der handlungsausführende Teil als Back-up aktiviert wird: Die Exekutive (in Verbindung mit der Judikative) soll nun die strategische Praxis der Legislative persönlich ausführen. So wird die direkte Machtbeziehung zwischen Staat und Subjekt (gezwungenermaßen) nur zu einem limitierten Teil sicht- und erfahrbar. Da das Gewaltverhältnis zwischen Staat und Subjekt auf einem (nicht absoluten) gesellschaftlichen Konsens beruht, begreife ich die Territorialität des deutschen Staates als eine Mischform von symmetrischer und asymmetrischer Macht:

„Sie [soziale Praxis als strategische Praxis] ist geglückt, wenn Andere sich den fremden Willen zu Eigen gemacht haben, diesen als überlegen akzeptieren oder schlicht nichts dagegen unternehmen können, dass diese sich durchsetzt“ (Belina 2006: 53).

Fall X

Mit den bisherigen Ergebnissen meiner Analyse erklärt sich Fall X wie folgt:

Ausländer*innen sind zunächst, wie der Begriff selbst erkennen lässt, gesetzlich an die Gebiete außerhalb des deutschen Territoriums gebunden. Ein solches Individuum kann durch bestimmte Systeme, wie durch Tourismus oder das Asylverfahren, ‚legal‘ in das deutsche Territorium eintreten. Die Polizei als Back-up soll Personen ausfindig machen, die diese territoriale Bindung in irgendeiner Art missachtet haben, sich also illegal in Deutschland aufhalten. Die Polizisten im Regionalzug nehmen den Studenten aufgrund seiner Hautfarbe als einen Einwanderer wahr. Aus ihrer beruflichen Perspektive wird dieser als Gesetzesbrecher eingestuft und behandelt, bis er das Gegenteil beweisen kann bzw. muss.

Der polizeiliche Zugriff auf den Studenten wird durch den spezifischen Raum, in dem sich dieser zum Zeitpunkt der Kontrolle befand, legitimiert. Dieser Raum trägt nun die Verantwortung über das polizeiliche Scheitern bezüglich der Gleichbehandlung und Antidiskriminierungsregeln. In erster gerichtlicher Instanz wird diese Projektion als rechtens eingestuft, in der zweiten Instanz wird dies revidiert. Die direkte Machtbeziehung zwischen den Menschen als Repräsentant*innen der Gesetzesverfasser*innen und dem Studenten als Repräsentant von Migrant*innen bleibt im Hintergrund, die Menschen hinter dem System unbenannt. Dass das deutsche Territorium vor unkontrollierter Einwanderung geschützt werden muss, erscheint dem Raum als natürlich gegeben und wird nicht hinterfragt (s. Abb. 2/2.1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Um nun die territoriale Basis der Machtbeziehung zwischen deutschem Staat und deutschen Migrant*innen deutlich machen zu können, möchte ich die (Un-)Ordnungsthesen der Ethnologin M. Douglas heranziehen. Ihre Beobachtungen werden Aufschluss über das Prinzip geben, welches dem anordnenden Moment der Territorialität zu Grunde liegt. Es soll also deutlich werden, wieso bestimmte Elemente in einem Gebiet zugelassen werden und andere nicht.

2.1 Ordnung und Unordnung

Wenn mit Sacks Formel Territorialität im Wesentlichen die machtvolle Anordnung und Kontrolle von Elementen (Subjekten oder Objekten) in einem begrenzten Raum ist, dann möchte ich das allgemeine, nationalistische Verständnis von deutscher Kultur als symbolisches Resultat dieses Prozesses bezeichnen:

„Die Kultur, im Sinne der öffentlichen, standardisierten Werte einer Gemeinschaft, vermittelt die Erfahrung von Individuen. Sie stellt im voraus einige Grundkategorien bereit, ein positives Muster, in das Vorstellungen und Werte säuberlich eingeordnet werden“ (Douglas 1988: 57).

Mit Douglas kann Kultur also als ein Katalog von Kollektivvorstellungen verstanden werden, welcher die individuelle Wahrnehmung standardisiert und seinem Subjekt somit hilft, dessen Umwelt sinngebend ‚einzuordnen‘. Durch ihren öffentlichen Charakter hat eine Kultur Autorität über ihre Anhänger*innen, läuft aber eben daher Gefahr, als hermetisch begriffen und gelebt zu werden. Ihr Subjekt allein kann die kollektiven Denkmuster seiner Kultur nicht grundlegend ändern (ebd.: 57, 101).

Die Gesellschaft als imaginierte ‚Inhaberin‘ dieser Kultur hat eine spezifische Struktur: „Sie enthält im Innern die Kraft, Konformität zu belohnen und Angriffe abzuwehren. Ihre Randbereiche und unstrukturierten Zonen bergen [negative] Energien“ (ebd.: 151). Hieraus folgend möchte ich das Prinzip der Territorialität in die Vorstellung von der Gefährdung gesellschaftlicher Ordnungsstrukturen einbetten. Zum besseren Verständnis meiner Arbeitsweise mit den Ordnungsthesen erläutere ich den Leser*innen einige wichtige Aspekte, bevor ich auf den Ordnungsprozess selbst eingehe.

Symbole

„Symbole durchdringen jeden Alltag“ (Berrenberg 2009: 32) und haben zwei zentrale Funktionen: Zum einen die „grundlegende Klassifikationen der Wirklichkeit“ (ebd.: 26) und zum anderen das „kulturelles Gedächtnis“ (ebd.: 28), welches an die als sozial konstruiert zu begreifende Geschichte erinnert. Daher dienen sie als gemeinsame Ressource bzw. als öffentliche Sozialisationsstruktur, aus der sich die gesamtgesellschaftliche Logik ableitet und welche die Subjekte einer Gesellschaft zu einer Interpretationsgemeinschaft macht (ebd.: 26ff.). Berrenberg nennt diese Logik auch „selektive Wirklichkeitswahrnehmung“ (ebd. 26), also eine sinnstiftende Ordnungsstruktur.

Mit Douglas ergänzend, haben Symbole „Kraft im sozialen Leben“ (1988: 94), die soziale Verhaltensweisen direkt und indirekt beeinflussen (ebd.: 85). Um die symbolische Bedeutung bestimmter Verhaltensweisen zu verstehen, müssen diese in den „Gesamtzusammenhang der Klassifikationsstruktur der betreffenden Gesellschaft“ (ebd.: 7) gestellt werden. So werde die Ordnung des untersuchten sozialen Systems im Beziehungsgeflecht der Symbole widergespiegelt (ebd.: 14).

Ich behaupte mit Berrenberg und Douglas, dass wenn Symbolgeflechte auch historische Ordnungsstrukturen widerspiegeln und diese bis heute andauern bzw. auf die deutsche Gesellschaft einwirken, dann liegt das Christ*innentum der heutigen deutschen Ordnung von Kultur zu Grunde. D. h., nicht nur christliche Werte sind relevant für das deutsche Verständnis von Kultur, sondern auch die Matrix des christlichen Narratives als spezifische Logik zur Wahrnehmung der Umwelt.

Kosmologie (Religion)

Douglas kritisiert mit ihrer Untersuchung die zeitgenössische Betrachtungsweise von Magie, Religion und Wissenschaft als Wissenshierarchie - denn Magie und Religion werden als evolutionistische Vorstufen von Wissenschaft verstanden (1988: 38). So wurde die Wahrnehmung von Symbolen und Ritualen zunehmend aus dem Alltagsbewusstsein der Weißen Gesellschaften verdrängt und fokussierte sich auf die pathologische Ebene. Durch die zusätzliche Ausklammerung eigener kosmologischer Vorstellungen bei der Beobachtung von ‚fremden‘ Gesellschaften hob sich die westeuropäische Wissenschaft als ‚Tatsache‘ im Gegensatz zu der imaginär verstandenen Magie und Religion hervor, obwohl deren symbolische Beziehung von Ordnung und Unordnung die Weißen Gesellschaften ebenso weiterhin betrifft (ebd.: 40, 52, 59). (Weiße) Wissenschaft wird so als neutrale Position und damit zum einzig legitimen Ausgangspunkt für Erklärungsversuche und -muster verstanden.

Diese Ausklammerung von eigenen Vorstellungen als eine spezifische Positionalität kam laut Douglas durch den wissenschaftlichen Paradigmenwechsel am Ende des 19. Jahrhunderts. In dieser Umbruchszeit verbanden sich ethnologische Thesen zur Ausdifferenzierung von Kulturen mit darwinistischen Evolutionsthesen. Diese Symbiose wurde unvereinbar mit der Schöpfungs- und Offenbarungslehre des Christ*innentums und lenkte den Fokus vom Heil aller Menschen zu universell humanistischen Werten dieser Religion (ebd.: 26 f.). Das Christ*innentum bleibt aber weiterhin der soziale (ethische) Text zum Alltag in Deutschland, denn „religious worldviews overflow the boundary of a community of believers and enter the cultural mainstream (…) [S]uch worldviews profoundly affect people’s everyday lives, regardless of whether they are believers and despite degrees of devoutness, and influence even seemingly secular conceptions” (Delaney 1991: 18 f.). Aus christlichen Ritualen lassen sich dann heutige politische Vorgänge als gesellschaftliche Rituale deuten. Ritual Dieses im Alltag für alte Traditionen und religiöse Handlungen konnotierte Wort ist tatsächlich ein elementares, soziales Instrument eines jeden Menschen und findet ebenso auf gesamtgesellschaftlicher Ebene seinen Einsatz. Douglas identifiziert Rituale als ein Akt zum Ausdruck von Symbolik, als eine kreierende Handlung von Menschen. Bei einem Ritual ändert sich der symbolische Gehalt des rituellen Objekts, vor allem in der Wahrnehmung der ausführenden Instanz (1988: 86). Wie schwerwiegend die Modifikation ist, entscheidet der spezifische Fall. Rituale funktionalisieren also ihre Objekte und sind demnach sinn- und handlungsstiftend:

„Als gesellschaftliches Wesen ist der Mensch immer auch ein rituelles Wesen. (…) Gesellschaftliche Rituale schaffen eine Realität, die ohne sie nicht bestehen würde. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß das Ritual für die Gesellschaft mehr ist, als es die Worte für das Denken sind. Denn es ist durchaus möglich, etwas zu wissen und dann Worte dafür zu finden, aber es ist unmöglich, soziale Beziehungen herzustellen, ohne über symbolische Handlungsweisen [Rituale] zu verfügen“ (ebd.: 44).

Körper

Der menschliche Körper ist als symbolisches Bezugssystem ein Grundschema, wie Douglas feststellt (1988: 161, 212). Dabei dient dieser vornehmlich als ein Modell für Systeme mit Begrenzungen, kann bspw. eine soziale Einheit für ein politisches System abbilden. D. h., der Körper stellt symbolisch auch die Gesellschaft dar und die Körperöffnungen symbolisieren meist Ein- und Austritt (Nahrungsaufnahme und -ausscheidung) aus diesem soziopolitisch begrenzten System, dessen ‚Schwellen‘ besonders verletzlich oder gefährlich sind (ebd.: 15, 152, 160). Diese Vorgänge werden durch Rituale ausgedrückt, welche den Inhalt des Symbols aus der Imagination in die materielle Welt transportieren.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die Transsubstantiation als ein zentraler Teil der Kommunion. Durch das katholische Ritual wandelt der Priester die pflanzliche Substanz von Brot und Wein zum ‚tatsächlichen‘ Körper und Blut Jesu Christi. Der ‚Leib Christi‘ hat eine doppelte symbolische Funktion: Einerseits ist er selbst die absolute Heiligkeit, also Reinheit, die in die Körper der Gläubigen aufgenommen wird und auf diese dann einwirkt. Andererseits bilden alle Christen symbolisch den Körper Jesus’, sie sind dessen funktionale Einheiten und Teil der Heiligkeit ihres Erlösers. In nicht-katholischen Ausformungen dieses Rituals gehen Gläubige von der Realpräsenz Jesus’ im Raum aus, Brot und Wein bleiben als Sakrament aber nur Symbol für die Aufnahme seiner körperlichen Heiligkeit.

Dementsprechend möchte ich das deutsche politische System in seinem begrenzten Territorium als einen Volkskörper zeichnen, welcher symbolisch die deutsche Kultur trägt.

Der Mund symbolisiert den Eintritt, der After den Austritt aus der Gesellschaft bzw. aus dem Territorium. Die Bürger*innen Deutschlands sind funktionale Einheiten im Körper ihres Staates. Mit dem Auge möchte ich auf die noch zu spezifizierende Logik der Territorialität hinweisen (s. Abb. 3). Auf das einverleibende Ritual gehe ich im folgenden Kapitel unter ‚Anomalie und Ritual‘ ein.

Psyche

In ihrer Analyse zum Durkheim‘schen Verständnis von Gesellschaft kommt Douglas zum Schluss, dass die Betrachtung des Kollektivbewusstseins einer Gesellschaft ihr Wesen verständlich macht. Denn das soziale Bewusstsein des Einzelnen scheint auf eine äußere, mächtigere Struktur projiziert (1988: 34 ff.). Diese Feststellung möchte ich als Anregung nutzen, das bisher gezeichnete Bild von einem christlich sozialisierten Körper der deutschen Gesellschaft mit der Freud‘schen Dreiteilung der Psyche zu ergänzen:

- Das ‚Es‘ ist in seinen Thesen die erste Bewusstseinsform des Menschen; sie ist unkultiviert und triebgesteuert.
- Das ‚Über-Ich‘ wächst als eigenständige Einheit durch äußere Kräfte (elterliche und gesellschaftliche Sozialisation) aus diesem ‚Es‘ zur zentralen moralischen Instanz des Menschen heran. Es hat die öffentlich geteilten Normen und Werte für seinen individuellen Körper verinnerlicht.
- Das eher schwache ‚Ich‘ fungiert als Vermittler von ‚Reizen‘ aus der sozialen Umwelt mit den beiden Bewusstseinsformen auf der Handlungsebene und bildet selbst somit das Alltagsbewusstsein. Es spiegelt die Moral des Über-Ichs auf einfacher Ebene wider (Pervin 2000: 96 f.).

Diese Aufteilung macht auch im Kant‘schen Verständnis Sinn, in der sich der Mensch durch seine Bewusstwerdung und Loslösung vom Körper erst als Wesen realisiert (Douglas 1988: 1904). Heißt: Der Kopf ist handlungsleitend und -kontrollierend, der Rest des Körpers führt aus. Da das Freud‘sche ‚Es‘ triebgesteuert ist, ergänze ich die Nahrungsaufnahme und - ausscheidung mit einem Genital (s. Abb. 4). Die geschlechtliche Spezifikation erfolgt im Anschluss zu der Untersuchung von Logik und Wahrnehmung des deutschen Volkskörpers.

2.1.1 Der Ordnungsprozess

Grundlegend werden alle umweltlichen Eindrücke durch die menschliche Wahrnehmung selektiert und in eine Ordnung gebracht, um einerseits handlungsfähig zu machen, andererseits sinnstiftend als Referenzrahmen für weitere Eindrücke zu dienen. Dieser Vorgang geschieht ebenfalls im Kollektiv, also durch eine spezifische Gemeinschaft. Der Akt der Wahrnehmung ist ein ständiger Ordnungsvorgang an sich, in der das Subjekt für sein persönliches Territorium (Körper) bzw. das Kollektiv für den Volkskörper die sinnlich einströmenden Elemente funktional anordnet (Douglas 1988: 53 f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus ihrer extensiven religionssoziologischen Untersuchung schließt Douglas nun, dass Heiligkeit ebenfalls solch eine funktionale Ordnung verlangt oder ist: Die einzelnen Elemente müssen ihrer Klassifizierung entsprechen und diese Klassifizierungen dürfen nicht vermischt werden, denn manche Kategorien gehören laut transzendentaler Ordnung nicht zusammen. Und diese Heiligkeit ist mit dem Konzept der Vollständigkeit, des Einssein im Sinne von Ganzsein belegt (ebd.: 73 f.). Wenn Ordnung also Ganzsein und Unordnung das Gegenteil darstellt, so heißt das räumlich gesprochen: „Heiligkeit und Unreinheit stehen einander diametral gegenüber“ (ebd.: 19). Die Trennlinien zwischen den beiden werden mit einem spezifischen Gefahrenglauben und entsprechenden Verboten ausgedrückt. Das gleiche Prinzip beschreibt A. Appadurai prägnant mit: „Dirt is matter out of place“ (2006: 44 zit. nach Berrenberg 2009: 27).

Um die obige These zu illustrieren, möchte ich ein an Berrenberg angelehntes Beispiel von einem Haus mit Garten einbringen: Die Erde im Garten befindet sich an den für sie klassifizierten Ort, am Boden außerhalb des Hauses. Bringt bspw. ein Kind die Erde in das Haus, sei es auf den Hausboden oder den Esstisch, befindet sich das Element nicht am Ort seiner Klassifizierung: Erde ist nun Schmutz, das Element der Unordnung und somit Unreinheit, uneins da getrennt von ihrer Klassifizierung (2009: 27). Ich möchte ergänzen, dass Kindern häufig diese Trennlinien mit erstens dem Verbot von Straßenschuhen in der Wohnung und zweitens dem Gefahrenglauben an Krankheiten durch den Schmutz klargemacht werden.

Wenn Unreinheit also die Mischung von Klassifizierungen bedeutet, so ist Reinheit „der Feind aller Veränderungen, Mehrdeutigkeiten und Kompromisse“ (Douglas: 1988: 210). Laut Douglas sei der Drang nach einer starren Ordnung zwar menschlich, aber bringe auch die ständige Erkenntnis der Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit von Elementen im Anordnungsversuch hervor (ebd. 210). Die Leser*innen kennen dieses Phänomen sicherlich unter dem Begriff ‚schwarz-weiß-Denken‘, in dem Menschen unpassende Eindrücke zwanghaft und zumeist widersprüchlich der eigenen Wahrnehmungsordnung unterwerfen; erst wenn die Eindrücke den Sinngehalt des eigenen Wahrnehmungsmusters nicht mehr hinterfragen, sind diese Menschen zufrieden. Dabei entstehen in aller Regel Widersprüche, die aber diese Menschen von ihrem spezifischen Denkmuster nicht abbringen.

Dieses individuelle Prinzip findet sich auch auf politischer Ebene eines menschlichen Kollektivs: Die Autorität der politischen Wahrnehmung(-sordnung) kann schnell kollabieren, wenn sie ihre Gesellschaftsordnung nicht durchsetzt oder sich die bedrohlichen Elemente dem System nicht subordinieren (ebd.: 15, 139, 145).

[...]


1 Der Begriff ist angelehnt an A. Quijano, welcher Kolonialität als weltumspannende strukturelle Ebene von Weißer Macht versteht, die der kolonialen Annexion von Gebieten vorausging und noch heute andauert (2000).

2 Das als natürlich konstruierte Ungleichverhältnis zwischen In- und Ausländer*in ist zunächst strategisch durch den Nationalismus bedingt, scheint sich dann aber entlang von Weißer und Schwarzer Position auszudifferenzieren.

Details

Seiten
113
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668105911
ISBN (Buch)
9783668105928
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310939
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Humangeographie
Note
1,3
Schlagworte
Rassismus Polizei Staat Migration Schwarze Deutsche POC People of Color Männlichkeit Kolonialismus Integration Sicherheitspolitik Orientalismus Privilegien Dekolonialität Dekolonialisierung Klassismus Ausländer Kapitalismus Fremdenfeindlichkeit Islamphobie Subalternität Diskurs Macht

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Titel: Rassismus in Deutschland. Territorialität, UnOrdnung, Männlichkeiten