Lade Inhalt...

Franz Gille: Der Berg und die Seele - Inhaltszusammenfassung und Didaktisierung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 25 Seiten

Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhaltsskizze „Der Runenberg“

3. Inhalt des Aufsatzes von Klaus Gille

4. Zusammenfassung der Hauptthesen Franz Gilles

5. Didaktisierung der Thesen Franz Gilles
5.1 Erarbeitung der These 1
5.2 Erarbeitung der These 2
5.3 Erarbeitung der These 3
5.4 Alternative zur Erarbeitung der These 3
5.5 Erarbeitung der These 4

6. Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit hat die Aufgabe den Inhalt von Franz Gilles Aufsatz „Der Berg und die Seele – Überlegungen zu Tiecks Runenberg“ zusammenfassen. Zum besseren Verständnis wird, wie auch in Gilles Aufsatz, der Inhalt von Tiecks „Der Runenberg“ kurz dargestellt.

Im Anschluss werden die Hauptthesen aus dem Aufsatz noch einmal zusammengefasst. Der Hauptteil der Arbeit beschäftigt sich dann mit der Frage, durch welche Arbeitsaufträge Schülerinnen und Schüler der Oberstufe zu den gleichen Ergebnissen kommen können wie Franz Gille. Dazu werden für jede der zuvor genannten Thesen Arbeitsaufträge vorgestellt und deren Ziele formuliert. Die für die Aufgabenbearbeitung notwendigen Materialien sind dieser Hausarbeit beigefügt. Die Aufgaben sind so bearbeitet, dass der Leser mit Hilfe dieser Niederschrift und den darin enthaltenen Lösungsvorschlägen Unterricht in der Oberstufe gestalten können.

2. Inhaltsskizze „Der Runenberg“

Hauptfigur des Märchens ist Christian, ein junger Jäger, der sich ins Gebirge zurückgezogen hat. Er will sich „aus dem Kreis der wiederkehrenden Gewöhnlichkeit“[1] entfernen. Die Ebene, in der die Eltern leben, schränkt ihn ein. Christian zieht es in die Berge, raus aus der traditionellen Gesellschaft, in der sein Leben vorbestimmt ist: sein Vater, ein Gärtner, will ihn ebenfalls zu einem Gärtner erziehen. Doch je mehr er bedrängt wird, desto weniger will Christian diesen Beruf ergreifen.

Zu Beginn der Erzählung befindet er sich weit ab von der Gesellschaft in einer Berglandschaft. Ein Fremder, den er dort trifft, weist ihm den Weg zum Runenberg, der höchsten Erhebung des Gebirges. Dorthin wandert Christian noch in der folgenden Nacht. Voyeuristisch beobachtet er eine große, weibliche Gestalt, die Bergfrau, beim Entkleiden und bekommt von ihr eine steinerne Tafel zum Abschied geschenkt. Als er am nächsten Morgen erwacht, ist die Tafel verschwunden und alles scheint ihm wie ein Traum. Er zieht weiter in die nächste Ebene, wird sesshaft in einem Dorf und heiratet Elisabeth. Die Erlebnisse am Runenberg versucht er zu vergessen, sie erscheinen ihm jetzt frevelhaft. Er „dankte Gott in einem inbrünstigen Gebete, dass er ihn ohne sein Verdienst wieder aus den Netzten des bösen Geistes befreit habe.“[2]

Doch er bleibt gebannt durch die Erlebnisse am Runenberg. Als ein Fremder in das Dorf kommt, meint Christian in ihm den Mann aus dem Gebirge zu erkennen. Christian soll dessen Gold verwahren und darf es behalten, wenn der Fremde nicht binnen einen Jahres zurückkehrt. Er verfällt dem Schatz und entfremdet sich von Elisabeth und der Dorfgemeinschaft. Vom Wahnsinn gefangen zieht er schließlich zurück in die Bergwelt. Nur kurz kehrt er zurück und trifft noch einmal auf Elisabeth, um sich endgültig zu verabschieden.

3. Inhalt des Aufsatzes von Klaus Gille

Tiecks Märchen entspricht nicht dem moraltheologischen Schema, so Gille. Die Versuchung ist nicht „Herausforderung oder Gefährdung der moralischen Autonomie, sondern Auslöser einer Erfahrungserweiterung, die nicht unbedingt negativ konnotiert“ werde. Tieck bezieht sich nicht auf die Gottes- oder Heilsgeschichte, sondern bettet die Erzählung in einen sozialhistorischen und sozialkritischen Diskurs. Bezugspunkt ist die Gesellschaft.

Gille weist darauf hin, dass Tieck schon zu Beginn der Erzählung mit Gegensätzen arbeitet. Christian bewegt sich zwischen den Polen Gesellschaft (repräsentiert durch die Ebene, das Dorf, bearbeitete Natur) und außergesellschaftlicher Bereich (Gebirge, Runenberg, unbearbeitete Natur). In beiden wird er sozialisiert.

Christians Aufbruch aus der Heimat bezeichnet Gille als „Ausbruch aus der Enge der väterlichen Welt“, mit der die Entgrenzung seiner Erfahrung initiiert wird. Entgrenzung definiert er als „Suche nach Erfahrungen einer Ganzheit und Ausbruch aus vorgegebenen, kulturell begründeten Ordnungen“. Die Erfahrungen unterteilt Gille nach drei Aspekten:

Christian überschreitet erstens räumliche Grenzen, indem er aus dem beschränkten dörflichen Leben in die Weite der Gebirgslandschaft zieht. Er überwindet zweitens zeitliche Grenzen durch die Erfahrung der Urgeschichte. Gille weist darauf hin, dass die Steinwelt unter Naturwissenschaftlern als das Älteste und Ursprünglichste gilt. In der Erfahrung mit der Bergfrau fallen drittens die psychischen Grenzen der in der Gesellschaft domestizierten Sexualität.

Möglich sind Christians ganzheitlichen Erfahrungen durch die Phantasie; die Reise zum Runenberg bezeichnet Gille deshalb als eine „Reise in das Land der Phantasie“[3]. Diese Phantasie Christians ist an die Lust gekoppelt, an das ES der Psychoanalyse.

Die Entkleidungsszene der Bergfrau analysiert Gille genauer. Verwiesen wird auf Ziolkowski, der die These vertritt, das Bergwerk verkörpere die menschliche Seele; so wie der Mensch in die Tiefe eines Berges steigt, steigt er in die Tiefe der Seele. In seiner Erinnerung bleibt Christian die Bergfrau erhalten. Sie bleibt der Maßstab, an dem sich auch in der Welt der Ebene jeder messen lassen muss.

Am Abend spät, als sie in die Kammer gingen, sagte der junge Gatte zu seiner Geliebten: „Nein, nicht jenes Bild bist du, welches mich einst im Traum entzückte und das ich niemals ganz vergessen kann, aber doch bin ich glücklich in deiner Nähe und selig in deinen Armen.“[4]

Die steinerne Tafel, das Geschenk der Bergfrau an Christian, bietet den einzigen religiösen Bezug in Tiecks Märchen. Gille hebt den sakralen Charakter der Übergabe hervor. Die Worte „Nimm dieses zu meinem Angedenken“ erinnern sehr an das christliche Abendmahl. Doch im Gegensatz zu diesem stiftet die Tafel nicht kollektive Identität, sondern isoliert Christian, wie sein Vater deutlich erkennt.

Sie her, wie kalt sie funkeln, welche grausamen Blicke sie von sich geben, blutdürstig wie das rote Auge des Tigers. Wirf diese Schrift weg, die dich kalt und grausam macht, die dein Herz versteinern muss.[5]

Christian verlässt die Welt des Runenbergs wieder. Er tritt in die Idylle des Dorfes ein, deren kollektive Identität durch einen gemeinsamen Gottesdienst gestiftet wird. Seine Resozialisation erkauft Christian sich durch die Zäsur seiner Erinnerung. Die Erlebnisse kommen ihm schlecht vor.

Seine Empfindungen und Wünsche der Nacht erschienen ihm ruchlos und frevelhaft, er wollte sich wieder kindlich, bedürftig und demütig an die Menschen wie an seine Brüder schließen und sich von den gottlosen Gefühlen und Vorsätzen entfernen.[6]

Christian ist nun Bürger zweier Welten und ist im ständigen Loyalitätskonflikt. Er sehnt sich zurück ins Gebirge, wird jedoch durch das Wiedertreffen mit seinem Vater noch einmal fester an die Gesellschaft gebunden. Sein Vater bringt ein kleines Vermögen in die Wirtschaft ein, Christians Ansehen im Dorf und sein Erfolg wächst. Er erfüllt alle gesellschaftlichen Erwartungen und gründet mit Elisabeth sogar eine traditionelle Familie.

Doch die Idylle ist nur brüchige Fassade. Innerhalb der gesellschaftlichen Normen ist es Christian nicht möglich, beide Welten zu vereinen. Tieck teilt den Kulturoptimismus seiner Zeit nicht, so schreibt Gille, die Welt bleibt aus den Fugen.

Die Runenbergsphäre holt Christian in Gestalt des Fremden wieder ein, der seinen Goldschatz bei ihm hinterlegt. Thematisiert wird nun die entfremdende und gesellschaftszerstörende Macht des Geldes/Goldes. Dieses Motiv des Antikapitalismus ist für die Romantiker zur „Signatur der Moderne“ geworden, so Gille.[7]

Eng verbunden ist dieses Motiv bei Tieck mit der Bergfrau. Ihr werden bei der ersten Begegnung Attribute wie „goldner Schleier“ und „goldner Schrank“ zugeschrieben. Außerdem steht das Gold für die Bergfrau und tritt an die Stelle Elisabeths. Es wird sexualisiert. Christian sagt zu seinem Vater, der ihn nachts mit dem Gold findet:

[...] seht, wie es mich jetzt wieder anblickt, daß mir der rote Glanz tief in mein Herz hinein geht! [...] wie es mir zublinzelt, und mir heimlich ein Liebeswort ins Ohr sagen will: so muß ich mich wohl nächtlicher Weise aufmachen, um nur seinem Liebesdrang genugzutun [...] es wird vor Freuden immer röter und herrlicher; schaut nur selbst die Glut der Entzückung an![8]

Dies führt dazu, dass Christian nicht nur äußerste Lust empfindet, sondern auch aus der Gemeinschaft, der gesellschaftlichen Welt ausgeschlossen wird. Individualität und Gesellschaftlichkeit gehen nicht zusammen.

Ich kann auf lange Zeit, auf Jahre, die wahre Gestalt meines Inneren vergessen, und gleichsam ein fremdes Leben mit Leichtigkeit führen: dann geht aber plötzlich wie ein neuer Mond das regierende Gestirn, welches ich selber bin, in meinem Herzen auf und besiegt die fremde Macht.[9]

Er wertet alles um, sein ICH scheint Christian fremd, das ES empfindet er als seine eigentliche Identität. Das Leben erscheint ihm als ein Traum, die Phantasiewelt, der Traum als wirkliches Leben. Hierin artikuliert sich der romantische Protest gegen die Zwänge der Kulturisation.

In der Schlussszene, dem Wiedertreffen von Christian und Elisabeth, zeigt sich das endgültige Auseinanderdriften der Diskurse Christians und der Gesellschaft. Gemeinsam ist den beiden, dass sie unglücklich sind und vom Fluch des Geldes/Goldes befangen sind. Christian hält wertlose Steine in seinem Wahn für wertvolle Schätze, Elisabeth dagegen ist inzwischen verarmt. Es gibt nur Verlierer in dieser Erzählung und keine Gewinner.

Kennzeichnend für Tieck ist, dass keinem die Schuld zugewiesen wird. Das Märchen ist parteilos und überredet auch den Leser nicht Partei zu ergreifen. Es geht nicht um die individuelle Schuld eines Einzelnen, sondern um historische Prozesse, um die Nachteile der Kulturisation und dabei vor allem der Kapitalisierung der Gesellschaft. Die Religion, dargestellt in den dörflichen Gottesdiensten, ist diesen Prozessen gegenüber ohnmächtig und kann nichts gegen sie tun.

[...]


[1] Tieck, S. 25

[2] ebd., S. 36

[3] Gille, S. 614

[4] Tieck, S. 37

[5] ebd., S. 46

[6] ebd., S. 35

[7] Gille, S. 619

[8] Tieck, S. 42

[9] ebd., S. 43

Details

Seiten
25
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638321952
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v31085
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für Neure deutsche Literatur und Medien
Note
1,0
Schlagworte
Franz Gille Berg Seele Inhaltszusammenfassung Didaktisierung Hauptseminar Adoleszenz Literatur

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Franz Gille: Der Berg und die Seele - Inhaltszusammenfassung und Didaktisierung