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Frauen im Nachkriegsdeutschland 1945 bis 1949. Haben die Lebensbedingungen der Nachkriegsgesellschaft zur Veränderung der traditionellen Frauenrolle beitragen?

Hausarbeit 2013 16 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation nach 1945
und ihre Auswirkung auf die Lebenswirklichkeit der Frauen

3. Idealbild der Frau in der 30er und 40er Jahren

4. Das Bild der alleinstehenden Frau in der Öffentlichkeit
4.1 Ledige Frauen
4.2 Geschiedene Frauen
4.3 Witwen

5. Die Erwerbstätigkeit der alleinstehenden Frau

6. Auswirkungen der Nachkriegsjahre auf die Familie
und die traditionelle Frauenrolle

7. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dem Kriegsende am 8. Mai 1945 wurden die verheerenden Ausmaße und Verluste des Zweiten Weltkrieges deutlich: Fast vier Millionen deutsche Soldaten waren gestorben, 11,7 Millionen wurden vermisst oder befanden sich noch in Kriegsgefangenschaft. Es würde noch mehr als zehn Jahre dauern bis die letzten von ihnen nach Hause zu ihren Familien zurückkehrt waren.[1] Trotzdem galt 1948 als Jahr der Heimkehr und bis 1949 war der Großteil der ehemaligen Wehrmachtssoldaten zu Hause eingetroffen.[2] In den 50er Jahren hatten die Männer überwiegend ihre alten Plätze im Beruf und als Oberhaupt und Ernährer der Familie wieder eingenommen. Allerdings hatte sich nur einige Jahre zuvor ein anderes Bild in Deutschland dargestellt. Die Nachkriegsgesellschaft war eine Frauengesellschaft. Laut Statistik lebten 1945 sieben Millionenen mehr Frauen als Männer in Deutschland. Es gab allein 3,7 Millionen alleinstehende Frauen zwischen 20 und 40 Jahren, die keine Aussicht hatten einen männlichen Partner zu finden.[3] Die meisten Frauen waren nach dem Kriegsende bedingt durch Männermangel, Verwitwung oder Scheidung auf sich alleine gestellt und verstanden Arbeiten als wirtschaftliche Notwendigkeit, um ihre Familienangehörigen zu versorgen. Für diese Millionen von Frauen, die sich selbst und ihre Kinder ohne männlichen „Ernährer“ und Familienvorstand durchbringen mussten, bedeutete das Ende des Krieges keinen Neuanfang, sondern lediglich eine Fortsetzung ihrer Arbeit unter erschwerten Bedingungen.[4]

Das Ziel dieser Arbeit ist es, darzustellen ob überhaupt und wenn inwiefern sich die traditionelle Frauenrolle durch die neuen Anforderungen und Lebensumstände vorrangig der alleinstehenden - der ledigen, geschiedenen und verwitweten - Frauen verändern konnte. Hierzu wird zunächst ein Überblick über die gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation des Nachkriegsdeutschlands gegeben. Um eine etwaige Veränderung der Rolle der Frau einschätzen zu können, wird im dritten Kapitel kurz das vorherrschende traditionelle Frauenideal der 30er und 40er Jahre dargestellt. Nachdem im vierten Teil das öffentliche Bild der alleinstehenden Frau aufgezeigt wird, soll im fünften Teil die Erwerbstätigkeit thematisiert werden. Zuletzt soll erörtert werden, ob nicht gerade das Jahr 1945 eine einzigartige Chance des Neubeginns für Frauen bot, um bestehende Rollenbilder zu überdenken und zu verändern, da die traditionellen Geschlechterrollen in der männerarmen Nachkriegsgesellschaft zusammengebrochen waren.

2. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation nach 1945 und ihre Auswirkung auf die Lebenswirklichkeit der Frauen

Zu den Folgen des Krieges gehörten erhebliche Bevölkerungsverschiebungen, resultierend aus der Ausweisung und Ermordung beinahe der gesamten jüdischen Bevölkerung, dem Tod von fast vier Millionen Soldaten und einer halben Million Zivillisten, sowie den zahlreichen Soldaten in Kriegsgefangenschaft und noch vermissten Männern. Diese Verluste betrafen insbesondere junge Männer, die bei der ersten Nachkriegszählung 1946 zwischen 20 und 35 Jahre alt gewesen wären.[5] In dieser Zählung stellten Statistiker auch einen Frauenüberschuss fest, bei dem auf 1000 Männer 1259 Frauen kamen. Allerdings ist es laut Niehuss korrekter diesen sogenannten Frauenüberschuss als Männermangel zu betrachten.[6] Resultierend aus diesem Männermangel bildeten Frauen seit dem Krieg in einem ansteigenden Maße die Bevölkerungsmehrheit. Allein auf dem Gebiet der britischen Zone stieg der Frauenanteil an der Gesamtbevölkerung von 50,7 % im Jahre 1939 auf 57,3 % im Jahre 1946. In den Großstädten lebten fast 1/3 mehr Frauen als Männer.[7] Durch die Kriegsfolgen wurden 1,5 bis 2 Millionen Frauen zu Witwen. Aber auch für viele Frauen von heimgekehrten Männern bedeutete die Rückkehr oft keine Entlastung ihrer Lebensumstände, denn viele von ihnen waren entweder verwundet oder krank und konnten somit ihrer Beschäftigung nicht mehr nachgehen. Folglich waren die Frauen nun „gezwungen, sowohl die Ernährerrolle, als auch die Versorgungsrolle zu übernehmen“[8] und mussten ihre Kinder und Familienangehörigen mit einem existenziellen Minimum durchbringen. So sahen sich viele Frauen auch in der Verantwortung für die alten und hilfsbedürftigen Familienmitglieder wie Großeltern und Schwiegereltern zu sorgen.[9] Niehuss ist überzeugt, dass ein funktionierender (Groß-)Familienverband in den ersten Nachkriegsjahren das Überleben vieler sicherte.[10] Der Verlust von Angehörigen, in vielen Fällen aber der Verlust des Ernährers der Familie war wohl die einschneidenste Kriegsfolge für die Betroffenen. Eine weitere langjährige und gravierende Belastung war der Verlust des Wohnraums und die daraus resultierende Wohnungsnot.[11] In Westdeutschland führte der Mangel von fünf Millionen Wohnungen insbesondere in den Städten zur völligen Überbelegung des vorhandenen Wohnraums. Aufgrund des Mangels an Baumaterial und Transportmöglichkeiten konnte kaum neuer Wohnraum geschaffen werden. Somit mussten sich die Familien mit dem bis in die 60er Jahren andauernden „Wohnungselend“ arrangieren, welches eine staatlich festgelegte Wohn – und Nutzfläche von 10 Quadratmetern pro Person, sowie die Bad- und Küchenteilung mit anderen Familien beinhaltete.[12] Einwohner, deren Wohnungen noch erhalten oder nur geringfügig beschädigt waren, mussten ihre Zimmer an Flüchtlinge und obdachlos gewordenen Familien abgeben, was täglich neue Konflikte und Spannungen heraufbeschwor.[13] Heizmaterial war knapp und in den kalten Wintern starben vor allem die Alten an Unterkühlung. Noch bedrückender war die mangelhafte Ernährungslage mit einem pingelig genau festgelegten Anspruch auf Lebensmittel pro Bürger.[14] Frevert ist überzeugt, dass Frauen, um das tägliche Überleben zu sichern, ein Maximum an Arbeit, Energie und Zeit aufwenden mussten um zum Beispiel den mühsam erworbenen und immer gleichen Lebensmitteln ein genießbares Essen für die Familie zu zubereiten.[15]

Das öffentliche Frauenbild dieser Zeit beherrschten die sogenannten Nachkriegsfrauen, die das Überleben ihrer Familien organisierten, in dem sie Brennholz schlugen, Kohlen stahlen, auf dem Schwarzmarkt handelten und für Lebensmittel anstanden.[16] Die Kriegsmobilisierung in den letzten Kriegsmonaten hatte zu ungeheuren Anstrengungen geführt, die den Anteil der Frauen in der Wirtschaft sowie ihre Präsenz in der Öffentlichkeit erhöht hatte. Zu ihren gemeinsamen Erfahrungen zählten Bombenangriffe, Evakuierungen, Flucht und Vertreibung ebenso wie Vergewaltigung, Hunger und die Suche nach vermissten Angehörigen.[17] Laut Annette Kuhn hing die Existenzsicherung und das Überleben der Zusammenbruchgesellschaft in den ersten Nachkriegsjahren in erster Linie von den Frauen und ihrem Arbeitseinsatz in allen Lebensbereichen ab.[18] Und auch Echternkamp ist überzeugt, dass die Lebensbedingungen von Männern und Frauen nie so sehr voneinander abwichen, wie in der unmittelbaren Nachkriegszeit und folglich eine Neuorientierung der Geschlechterrollen mit sich brachten. Denn während die Frauen an der Heimatfront durch die Abwesenheit der Männer zu größerer Selbständigkeit gelangt waren, hatten die Männer im Krieg auch als Geschlecht eine Niederlage erlitten.[19]

3. Idealbild der Frau in der 30er und 40er Jahren

Traditionell mussten Frauen von jeher dafür sorgen, dass die Familie ausreichend ernährt und gekleidet war und die Wohnung warm, sauber und behaglich hergerichtet war.[20] Und auch die Frauenideologie des Dritten Reiches, wie bereits die der konservativen und konfessionellen Frauen der Weimarer Republik, sah die Bestimmung der Frau vorwiegend in der Sorge um Familie, Haus und Rasse. Verantwortung für Politik, Gemeinschaft und Erwerb habe sie dem Mann zu überlassen.[21] 1933 erklärte Josef Goebbels, der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, dass der einzig wahre Platz der Frau in der Familie sei, wo sie Kinder zu gebären habe. Weiter hieß es, Frauen hätten keinen Platz in der Politik und müssten zurück in ihre klar von den Männerräumen abgetrennten Sphären verwiesen werden.[22] Laut Polm wurden Frauen somit in der Rolle der „Bewahrenden“ und „Hüterin des Lebens“ und ihre Wichtigkeit als Mutter und Ehefrau für die „Volksgemeinschaft“ stets emporgehoben, gleichzeitig wurden sie aber durch die extrem antifeministische Haltung der Nationalsozialisten in fast allen Bereichen des Lebens beschnitten und diskriminiert.[23] Die traditionelle Stellung des Mannes als Familienoberhaupt war unangreifbar und die Frau hatte sich ihrem Mann, dem Beschützer, der sie außerdem finanziell absicherte, stets unterzuordnen. Dieses traditionelle Frauenbild blieb beharrlich durch die 30er bis in die 40er Jahre bestehen, bis sich immer mehr Frauen durch die Kriegseinwirkungen während und nach dem Krieg auf sich alleine gestellt vorfanden und von nun an für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Kinder selber sorgen mussten.

4. Das Bild der alleinstehenden Frau in der Öffentlichkeit

Im besetzten Deutschland lebten sieben Millionen mehr Frauen als Männer, was den großen Anteil an unverheirateten, geschiedenen und verwitweten Frauen erklärt. Laut Echternkamp erreichte die Zahl der alleinstehenden Frauen zwischen 1942/43 und 1948/49 aufgrund der Einberufung auch der alten und kriegsuntauglichen Männer sowie durch die noch in Kriegsgefangenschaft befindlichen Männer ihren Höhepunkt.[24] Laut der Volkszählung 1950 waren 1,7 Millionen Frauen zwischen 16 und 65 verwitwet, 700.000 lebten von ihren Männern getrennt, einschließlich der Frauen von Kriegsgefangenen und Vermissten, und 365.000 waren geschieden. Somit war ungefähr jede sechste Frau zwischen 16 und 65 Jahren trotz Eheschließung allein und fast jedes fünfte Kind wuchs ohne Vater auf.[25] Es entstand eine große Gruppe alleinstehender Frauen, die gezwungenermaßen zu Alleinversorgern für ihre Angehörigen wie Eltern und Kinder wurden.[26] Auch Echternkamp gibt zu bedenken, dass die alleinstehende Frau oftmals ganz und gar nicht so alleine dastand, wie die Bezeichnung den Eindruck erwecken könnte. Stattdessen lebte sie mit ihren Kindern, Eltern, Vermietern oder auch Geliebten zusammen. Laut Echternkamp handelt es sich um eine Fehlannahme, wenn man glaubt, dass diese Frauen durch den Krieg zu einem lebenslangen Single-Dasein verurteilt waren. Vielmehr sollten viele von ihnen in späteren Jahren noch ein weiteres Mal heiraten.[27]

4.1 Ledige Frauen

In den ersten Nachkriegsjahren prägten vor allem die durch den Männermangel resultierenden verringerten Heiratschancen junger Frauen das Bild der Frau in der Öffentlichkeit. Während die junge ledige Frau in der Gesellschaft primär akzeptiert wurde, hatte insbesondere die Frau mittleren Alters traditionell einen gesellschaftlichen schweren Stand und wurde, obwohl unverschuldet in diese Situation der „alten Jungfer“ gekommen, abwertend behandelt.[28] Für diese recht große Gruppe lediger Frauen ohne Aussicht auf eine Heirat stellte sich neben dem erzwungenen Verzicht auf die Gründung einer eigenen Familie auch das Problem, ihren Lebensunterhalt durch eigene Berufstätigkeit bestreiten zu müssen und sich eine eigene Wohnung zu besorgen.[29]

Eine weitere Folge des Männermangels war eine starke Zunahme der unehelich geborenen Kinder, die bis 1970 unter Amtsvormundschaft standen und nicht unter dem elterlichen Sorgerecht der Mutter. Im Gegensatz zu alleinlebenden Witwen waren ledige Mütter mit unehelichen Kindern gesellschaftlich nicht akzeptiert. Der besondere Schutz, wonach die Familie dem Grundgesetz 1949 unterstand, erstreckte sich nur auf familiäre Formen des Zusammenlebens. Das uneheliche Kind unterstand nicht diesem besonderen Schutz und war daher auch rechtlich schlechter gestellt, als das eheliche.[30] Bei vielen dieser „illegitimen Kinder“ handelte es sich um Kinder aus Beziehungen, aber auch Vergewaltigungen, zwischen deutschen Frauen und Besatzern.[31] „Ami-Liebchen“ und „Negerhuren“ waren einige der gängigen Schimpfnamen für Frauen, die eine Beziehung mit einem Besatzer eingingen.[32] Eheliche Untreue und vorehelicher Geschlechtsverkehr hatten bereits in den letzten Kriegsjahren zugenommen. Nicht zuletzt die wachsende Unsicherheit über die Rückkehr des Verlobten oder Ehemannes, aber auch die materielle Bedürftigkeit bereiteten eine sexuelle Freizügigkeit vor, die im Elend der Nachkriegsjahre zu kurzfristigen Affären mit Angehörigen der Besatzungstruppen führten und von der Öffentlichkeit als Sittenverfall kommentiert wurden.[33] Laut Frevert wurden Beziehungen zwischen jungen Mädchen, aber auch verheirateten Frauen mit Soldaten von eigenen Familien dieser Frauen größtenteils toleriert, da diese von den Kontakten in Form von Zigaretten, Schokolade oder Brot materiell profitierten.[34] Bis Ende 1947 hatten 2262 deutsche Frauen amerikanische Soldaten der Besatzungstruppe geheiratet und diese Zahlen waren steigend.[35] Allerdings wurde Frauen, die Beziehungen zu amerikanischen Soldaten pflegten, noch lange mit Vorurteilen und Vorwürfen der Prostitution begegnet.[36]

4.2 Geschiedene Frauen

Laut Echternkamp hatten die massiven Veränderungen innerhalb eines kurzen Zeitraums und die permanenten physischen, als auch psychischen Anstrengungen unterschiedliche Auswirkungen auf die Familienstruktur. Auffallend oft folgte dem ersehnten Wiedersehen mit dem Ehepartner schon bald die Scheidung.[37] Niehuss bezeichnet diese Erscheinung als „Heimkehrerproblematik“ vieler Soldaten, die sich häufig nach ihrer Rückkehr in ihrer Heimat und Familie nicht mehr zurechtfanden.[38] Und auch viele Frauen sahen sich durch die Heimkehr ihrer Ehemänner mit einer zusätzlichen Belastung konfrontiert. So erfuhren viele Frauen ihre Ehemänner als inkompetent in der Alltagsbewältigung, wenig hilfsbereit im Haushalt und unfähig im Umgang mit den Kindern. Die Scheidung als Antwort auf diese Eheprobleme scheuten allerdings viele Frauen, denn ihnen war bewusst, wie schwer es sein würde sich und die Kinder durchzubringen. Die gesellschaftliche Ächtung einer geschiedenen Frau und die geringen Chancen einer erneuten Heirat waren Faktoren, die Frauen von einer Scheidung absehen ließen.[39] Und doch hielten viele Ehen den Belastungen der Nachkriegsjahre nicht stand. Laut Frevert wollten Frauen sich nicht wieder unterordnen, nachdem sie jahrelang allein zurechtgekommen waren, Entscheidungen alleine getroffen und ihre Kinder alleine großgezogen hatten.[40] Die Männer andererseits konnten oder wollten sich nicht daran gewöhnen, dass ihre Frauen selbstbewusster geworden waren und eigenverantwortlich handelten. Hinzu kam die Entfremdung von den Kindern, die den wiedergekehrten Vater nicht selten als störenden Eindringling wahrnahmen. Laut Frevert war und blieb die Mutter der Mittelpunkt der Familie.[41] Als Folge dieser Desintegration in die eigene Familie, so scheint es zumindest, stieg die Scheidungsrate in den Nachkriegsjahren drastisch an. 1948 lag die Zahl der westdeutschen Scheidungen mit 88374 um 80 Prozent über der Zahl von 1946.[42] Dieser Anstieg der Scheidungen erregte gesellschaftlich viel Aufsehen, weil Scheidungen bis dato nicht häufig waren und sie in Zusammenhang mit anderen demografischen Faktoren wie dem Männermangel und den geringen Heiratschancen der Frauen den Eindruck einer Gesellschaft von Alleinstehenden erweckten.[43] Der extreme Anstieg an Scheidungen in Verbindung mit den bereits genannten geringen Heiratschancen junger Frauen und Witwen und den zahlreichen unehelich geborenen Kindern ließ Zeitzeugen von einem Verfall der Familie sprechen. Der Soziologe René König führte 1946 den Begriff der Desorganisation der Familie ein mit dem er diese Auflösung und Abschwächung der innerfamiliären Beziehungen durch Verwitwung oder Scheidung beschrieb.[44]

Laut Niehuss lässt sich der augenscheinliche Scheidungsboom der Nachkriegsjahre, der insbesondere die Eheschließungsjahrgänge zwischen 1939 und 1945 betraf, auf zweifache Weise erklären. Erstens wurden viele Ehen kurz vor und während des Krieges geschlossenen, die von Vornherein keine günstigen Ausgangsbedingungen hatten. Diese Spontanehen, Ferntrauungen sowie die während des Fronturlaubs geschlossenen Ehen wären vermutlich unter normalen Umständen nicht zustande gekommen und hielten daher lediglich einige Zeit. Der zweite Grund waren die bereits 1943 zunehmend eingestellten Tätigkeiten der Gerichte, die erst 1946 wieder allmählich aufgenommen wurden. Hieraus ergab sich ein „Überhang“ an anstehenden Scheidungen, die erst 1946 bearbeitet werden und in Kraft treten konnten.[45] Die sinkenden Scheidungsraten ab dem Jahr 1948 und die durchweg niedrigen Scheidungszahlen der 50er Jahre bekräftigt die Erklärung von Niehuss, dass es sich nur um einen scheinbaren Scheidungsbooms handelte und lässt Rückschlüsse auf Wiederherstellung der Stabilität der Familie zu. Laut Echternkamp führten die allgemeine Desintegration in der Gesellschaft und das Desinteresse an gesellschaftlichen und politischen Belangen nicht zuletzt zu einem Rückzug in die Kleinfamilie, wo man Sicherheit und Halt vorfand.[46]

[...]


[1] Frevert, Ute: Frauen-Geschichten. Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit, Frankfurt am Main 1986, S. 246.

[2] Echternkamp, Jörg: Nach dem Krieg. Alltagsnot, Neuorientierung und die Last der Vergangenheit 1945-1949, Zürich 2003, S. 176f.

[3] Kuhn, Annette: Die Rolle der Frau in der Nachkriegszeit, in Schumann, Hans-Gerd (Hg.): Deutschland 1945-1949, Darmstadt 1989, S. 156.

[4] Frevert, S. 246.

[5] Niehuss, Merith: Kontinuität und Wandel der Familie in den 50er Jahren, in: Schildt, Alex/ Sywottek, Arnold (Hg.): Modernisierung und Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre, Bonn 1993, S. 317.

[6] Niehuss, Merith: Familie, Frau und Gesellschaft. Studien zur Strukturgeschichte der Familie in Westdeutschland 1945-1960, Göttingen 2001, S. 34.

[7] Kuhn, S. 156.

[8] Kuhn, Annette/ Schubert, Doris: Frauen in der Nachkriegszeit und im Wirtschaftswunder 1945-1960. Frauenalltag und Frauenbewegung im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main, S. 2.

[9] An dieser Stelle wären allein die vier Millionen Sozialrentner zu erwähnen, die wegen der geringen Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung in hohem Maße von der Fürsorge und Hilfe ihrer Kinder abhängig waren.

[10] Niehuss: Familie, Frau und Gesellschaft, S. 29.

[11] Ebd., S. 42.

[12] Niehuss: Kontinuität und Wandel, S. 321f.

[13] Frevert, S. 245.

[14] Ebd., S. 245f.

[15] Ebd., S. 248.

[16] Echernkamp, S. 182.

[17] Ebd.

[18] Kuhn, S. 156f.

[19] Echternkamp, S. 176.

[20] Frevert, S. 246.

[21] Ebd., S. 201.

[22] Ebd.

[23] Polm, Rita: „…neben dem Mann die andere Hälfte eines Ganzen zu sein?!“. Frauen in der Nachkriegszeit – Zur Situation und Rolle der jüngeren Frauen in den Städten der Bundesrepublik (1945-149), Münster 1990.

[24] Echternkamp, S. 182.

[25] Niehuss: Kontinuität und Wandel, S. 320.

[26] Niehuss: Familie, Frau und Gesellschaft, S. 38.

[27] Echternkamp, S. 182f.

[28] Niehuss: Kontinuität und Wandel, S. 318.

[29] Niehuss: Familie, Frau und Gesellschaft, S. 38.

[30] Ebd., S. 19.

[31] Niehuss: Kontinuität und Wandel, S. 318.

[32] Echternkamp, S. 185.

[33] Ebd., S. 185f.

[34] Frevert, S. 247.

[35] Echternkamp, S. 186.

[36] Ebd., S. 187.

[37] Ebd., S. 186.

[38] Niehuss: Familie, Frau und Gesellschaft, S. 106.

[39] Ebd., S. 111f.

[40] Frevert, S. 252.

[41] Ebd.

[42] Echternkamp, S. 189.

[43] Niehuss: Familie, Frau und Gesellschaft, S. 99.

[44] Ebd., S. 98.

[45] Niehuss: Kontinuität und Wandel, S. 323.

[46] Echterkamp, S. 190.

Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668094222
ISBN (Buch)
9783668094239
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310845
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,0
Schlagworte
frauen nachkriegsdeutschland haben lebensbedingungen nachkriegsgesellschaft veränderung frauenrolle

Autor

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