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Höfische Frauenbilder im Mittelalter zwischen Ablehnung und Anbetung

Hausarbeit 2013 18 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Stellung der adeligen Frau im Mittelalter
2.1 Die Beziehung zwischen Ehemann und Ehefrau
2.2 Handlungsspielraume hochadeliger Frauen als Witwe

3 Der Minnesang
3.1 Das Machtverhaltnis zwischen Mann und Frau im Minnesang
3.2 Vergleich der Stellung der Frau in Realitat und Minnesang

4 Die unterschiedliche Entwicklung der Stellung der Frau im Raum des heutigen Europa

5 Conclusio

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

l Einleitung

Die Frau im Mittelalter - immerzu den Blick gesenkt und demutig dem Gatten, Gott und der Gesellschaft dienlich?

Diese Auffassung des Frauenbildes ist in der heutigen Gesellschaft kaum noch vorstellbar. Jedoch kann diese Wahrnehmung der Rolle der Frau im Mittelalter zu- gesprochen werden.

"Frauen sind labil, fuhren andere in Versuchung, sind zankisch, herrisch und stets bemuht, den Mann zu unterjochen und ihn jeder Lebensfreude zu berauben. Frauen sind fur den Mann erschaffen worden und haben sich ihm deshalb zu unterwerfen. Von Natur aus min derwertig, sind sie dem Mann korperlich und geistig unterlegen. “[1]

Dieses Zitat wurde sinngemaG aus einer kirchlichen Schrift des Mittelalters von Kirchvater Augustinus ubernommen. Schlug sich diese Auffassung in der Behand- lung und im Ansehen der Frau gleichermaGen nieder? Oder war das gesellschaftli- che Bild der Frau abweichend von der kirchlich stark gepragten Haltung gegen- uber Frauen?

Im Folgenden wird in dieser Arbeit die Stellung der adeligen Frau am Hofe unter- sucht. Einerseits wird die Beziehung zwischen Ehemann und Ehefrau und das Le- ben der Frau innerhalb der Ehe beleuchtet. Des weiteren wird naher auf ihre Rechte und Pflichten eingegangen. Einen groGen Gegensatz zu diesem klar defi- nierten, unterordnenden Frauenbild bietet der Minnesang. Dabei handelt es sich um eine Form der adeligen Gesellschaftsdichtung[2], welche circa seit dem zwolften Jahrhundert stark praktiziert wurde. Die Beleuchtung des Beispiels „Ich wirbe umbe allez, daz ein man" von Reinmar dem Alten soll dabei das in der Minne ge- schilderte Machtverhaltnis zwischen Mann und Frau verdeutlichen. Da der Minne­sang eher von mittel bis besser gestellten Rittern und angesehenen Dichtern prak­tiziert wurde, die sich hauptsachlich am Hofe aufhielten und folglich auch hofische Damen besangen und beschrieben, wird in der Hausarbeit, um realistische Ver- gleiche anstellen zu konnen, lediglich das Leben und die Stellung der Frau am Hofe behandelt und untersucht. Bei der Betrachtung dieser Aspekte stellt sich so- mit die Frage, inwieweit Realitat und Lyrik ubereinstimmten und wie es trotz des verfestigten, eher negativen Frauenbildes zu solchen Lobgesangen auf das weibliche Geschlecht kommen konnte. Des Weiteren liegt die Vermutung nahe, dass die Minne die soziale Stellung der Frau veranderte. Ob und wieweit dies ge- schah, soll im Laufe der Arbeit geklart werden.

Um zu der eigentlichen Untersuchung zu kommen, dem Vergleich zwischen dem Frauenbild in der Realitat und dem Minnesang, ist es zunachst erforderlich, beide Positionen ausreichend zu erlautern. Deshalb ruckt zunachst die Stellung der Frau am Hofe in den Vordergrund. Um die starke Kontroverse hervorzuheben folgt di- rekt im Anschluss die Darstellung des Minnesangs anhand des o.g. Beispiels. So- mit ist ein fur jeden nachvollziehbarer Vergleich beider Positionen moglich.

AnschlieGend wird kurz auf die regional bedingten Entwicklungsunterschiede der Frauen im heutigen Europa eingegangen.

2 Die Stellung der adeligen Frau im Mittelalter

Adelige Frauen im Mittelalter gelten neben Stadterinnen, Handlerinnen und Baue- rinnen als Randgruppe. Da sich die Geschlechter- beziehungsweise Frauenfor- schung nicht prazise auf die einzelnen Stande bezieht und im Bereich der Adels- forschung groGtenteils nur einzelne Biographien untersucht werden[3], ist die Unter­suchung der Stellung adeliger Frauen im Mittelalter zunachst als schwierig zu be- werten.

Im 14. bis 15. Jahrhundert nahm der Wechsel von Briefen zu. Diese Art zu kom- munizieren ermoglichte einen diskreten Informationsaustausch zwischen getrenn- ten Ehepartnern, politischen Beratern oder Angehorigen. Demzufolge sind aus die- ser Zeit mehrere Quellen zu der Beziehung zwischen Mann und Frau vorhanden.[4] Im Folgenden wird deshalb der Fokus vorwiegend auf die Situation im Spatmittel- alter gelegt.

2.1 Die Beziehung zwischen Ehemann und Ehefrau

Die EheschlieGung im Mittelalter hatte im Gegensatz zur heutigen Zeit eine andere Bedeutung und Wichtigkeit. Wahrend heutzutage in westlichen Kulturen primar aus Liebe zu einem freiwillig gewahlten Partner oder aus steuerlichen Vorteilen geheiratet wird, war die Ehe im Mittelalter ein unumganglicher Prozess, aus wirt- schaftlicher und politischer Sicht. Erste Prioritat hatte das Ziel, legitime Erben zu zeugen, damit die eigene Adelslinie weitergefuhrt werden konnte. Im Hochadel al- lerdings war dies nicht der einzige Zweck einer Ehe. Sie diente in der Politik als Grundlage zur Schaffung eines Bundnisses mit anderen Fraktionen oder als Be- siegelung und Sicherung des Friedens mit verfeindeten Parteien.[5] Somit war die Wahl des Ehepartners entscheidend fur Politik und Familienbestand, weniger je- doch fur die Betroffenen selbst. Wahrend verwitwete Manner immerhin die Mog- lichkeit hatten, die zweite Ehefrau weitestgehend selbst zu wahlen, unterlag eine verwitwete Frau nach dem Ableben ihres Mannes in der Regel wieder der Heirats- politik des Vaters.[6]

Innerhalb der Ehe unterlag die Frau der Kontrolle des Ehemannes. Ihm wurden „durch Recht und Konvention Entscheidungsbefugnisse und Kontrollpflichten uber seine Frau aufgegeben"[7] Diese Macht galt als uneingeschrankt und sah die abso­lute Unterordnung der Frau innerhalb der Ehe vor.[8] Dabei besaG der Mann die Moglichkeit, je nach Ermessen negative, sowie positive Frauenbilder festzulegen. Aufgrund dessen stellte er Verhaltensanforderungen an die Frau, die diese zu er- fullen hatte.[9] Somit lag die Verantwortung des harmonischen Zusammenlebens bei der Frau und war an die Erfullung der Verhaltensregeln geknupft. Das Scheitern der Ehe fiel also nicht in die Schuld des Mannes.[10] Weibliche Bedurfnisse fanden keine Bedeutung, beziehungsweise galten als erfullt, wenn die Frau dem Mann zu seiner vollsten Zufriedenheit diente. Dabei hatte sie „sich selbst standig zu kontrol- lieren und zu disziplinieren, dem Ehemann aber alle Untugenden nachzusehen".[11] Als MaGstab fur die Liebe der Frau zu ihrem Mann galt in der damaligen Gesell- schaft die Art und Weise der Unterordnung unter den Willen des Mannes. Im 15. und 16. Jahrhundert verbreitete sich jedoch ein gemaGigteres Bild der Beziehung zwischen Mann und Frau. Einen groGen Unterschied stellt dabei die Mitverant- wortlichkeit des Mannes fur das Funktionieren einer harmonischen Ehe dar. Unter anderem legten Ehepredigten Verhaltensanforderungen an beide Geschlechter fest. Hauptappelle beinhalteten dabei „beiderseitige Rucksichtnahme, Geduld und Nachsicht mit den Schwachen des Ehepartners".[12] Von nun an wurde nicht die Frau allein als laster- und fehlerhaftes Wesen angesehen, sondern der Mann in gewissem MaGe auch. Durch diese Veranderung galt er nicht mehr als Ideal und konnte auch die absolute Autoritat nicht langer fur sich beanspruchen. Die Frau besaG nun das Recht, sich ihrem Ehemann zu widersetzen und sein Verhalten zu kritisieren, sollte dieses den ehelichen Pflichten oder moralischen Grundsatzen nicht genugen. Der Fuhrungsanspruch des Mannes war jedoch nach wie vor nicht zu hinterfragen.[13] Diese gegensatzlichen Sichtweisen sind durch die Unterschei- dung zweier ehelicher Ebenen zu erklaren. Zum einen ist der „privat- intime Be- reich", zum anderen der „offiziell- offentliche Bereich"[14] zu betrachten. Im erstge- nannten befindet sich die Frau durchaus in einer Erziehungsfunktion gegenuber ihres Mannes. Im letzteren Bereich ist die Fuhrungsposition des Mannes unantast- bar und nicht in Frage zu stellen. Die gesellschaftliche Realitat zeigt also, dass die absolute Autoritat und Verfugungsgewalt des Mannes im Alltag eher fern lag.[15] Frauen adeliger Geburt nahmen offiziell keine Sonderstellung gegenuber ihrem Mann ein. Tatsachlich genossen sie jedoch eindeutig mehr Privilegien als Frauen niederen Standes und besaBen groBere Handlungsspielraume. Eine hohere Stel- lung als die des Mannes erlangte sie aber nie. Uber Gefolge und eigene Finanzen bestimmte die adelige Frau zwar selbst, die personlichen, sowie politischen Hand­lungsspielraume hangen jedoch vom Ehepartner oder dem nachsten mannlichen Verwandten ab. Die Voraussetzung fur ein moglichst eigenstandiges Leben einer- seits, brachte andererseits die Erfullung der Verhaltenserwartungen des Eheman- nes an seine Frau mit sich.[16] Je besser das Verhaltnis der Ehepartner war, desto hoher war also die Chance auf politische Mitbestimmung an der Seite des Ehe- mannes. Dass Furstinnen selbststandig regierten, stellte die Ausnahme dar. Wenn dieser seltene Fall tatsachlich eintrat, ubernahmen sie die Fuhrung des politischen Geschehns oft nur fur kurze Zeit, anstelle ihres unmundigen Sohnes.[17]

2.2 Handlungsspielraume hochadeliger Frauen als Witwe

Fur die hochadelige Frau im Mittelalter gab es nach dem Ableben ihres Gatten in der Regel drei Moglichkeiten, ihren weiteren Lebensweg zu gestalten. Abgesehen vom Beitritt ins Kloster standen ihr die Wiederverheiratung, der Ruckzug auf ihr Erbe oder die Ausubung der Regentschaft als Optionen zur Verfugung.[18] Die Re­gel war die Wiederverheiratung, wobei der Ehepartner nicht selbst gewahlt werden konnte, was dem Witwer hingegen als freie Entscheidung zustand. Blieb die Frau jedoch Witwe, so bestanden die Alternativen, zuruckgezogen am Hofe ihres Soh­nes zu leben, zu ihrer Herkunftsfamilie zuruckzukehren oder auf ihrem ihr zuste- henden Besitz zu leben. Dabei hatte sich die Witwe jedoch stets dem nachsten mannlichen Verwandten oder der Familie des Sohnes zu unterwerfen. Auf ihre Herrschaftsrechte musste sie nicht selten verzichten, wobei ihr aber zumindest die Kindererziehung zustand.[19] Da der Hinterbliebenen bei nicht ausreichendem Erbe der soziale Abstieg drohte, galt die Ubernahme der Regentschaft als optimal.

[...]


[1] Rennewart, 1999, S.1

[2] Vgl. Biermann, 2008, S. 194

[3] Vgl. Rogge, 2004, S. 9

[4] Vgl. Rogge, 2004, S. 93

[5] Vgl. Rogge, 2004, S.97

[6] Vgl. Rogge, 2004, S. 99

[7] Opitz, 1987, S. 115

[8] Vgl. Opitz, 1987, S. 119

[9] Vgl. Schnell, 1998, S. 171

[10] Vgl. Rogge, 2004, S. 102

[11] Schnell, 1998, S. 184

[12] Rogge, 2004, S. 103

[13] Vgl. Schnell, 1998, S. 281

[14] Schnell, 1998, S. 281

[15] Vgl. Rogge, 2004, S. 105

[16] Vgl. Rogge, 2004, S. 105

[17] Vgl. Rogge, 2004, S. 106

[18] Vgl. Schafer, 2004, S.203

[19] Vgl. Spiess, 1993, S. 260

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668094086
ISBN (Buch)
9783668094093
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310832
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,3
Schlagworte
frauen mittelalter minnesang europa

Autor

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