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Abnehmende Bevölkerungszahl in ostdeutschen Städten. Ursachen und Auswirkungen der Schrumpfungsprozesse

Seminararbeit 2013 18 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition

3 Ursachen für schrumpfende Städte in Ostdeutschland
3.1 Monostrukturierte Städte in der DDR
3.2 Deindustrialisierung
3.3 Demographischer Wandel
3.4 Abwanderung
3.4.1 Altersselektivität

4 Auswirkungen der Schrumpfungsprozesse
4.1 Räumliche Auswirkungen
4.1.1 Wohnungsleerstände
4.1.2 Perforierte Stadt
4.2 Soziale Auswirkungen
4.2.1 Arbeitslosigkeit
4.2.2 Segregation
4.2.3 Infrastruktur
4.3 Wirtschaftliche Auswirkungen
4.3.1 Kommunale Finanzen

5 Maßnahmen gegen die Schrumpfungsprozesse
5.1 Programm "Stadtumbau Ost"

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Erfolgsgeschichte der modernen Stadtpolitik wird gemeinhin mit dem Begriff des Wachstums verbunden. Doch blickt man beispielsweise auf die Stadtentwicklung im Mittelalter zurück, so sind schrumpfende Städte durchaus kein neues Phänomen. (OZWAR (2008 )

Beispielsweise waren in der Zeit um 1800 viele deutsche Städte noch von den Folgen des Dreißigjährigen Kriegs durch rückläufige Bevölkerungszahlen und Brachlandschaften geprägt. Auch erreichten Städte wie Nürnberg und Magdeburg zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht die Einwohnerzahlen, die sie im Jahre 1618 aufwiesen. (BENKE (2008)

Die Städte waren somit keineswegs mit einem durchgängigen Prozess des Wachstums konfrontiert. Die Stadtgeschichte zeigt sich viel mehr als ein Prozess von "Expansionen, Stagnationen, Krisen und erfolgreichen oder gescheiterten Anpassungen an neue politische, soziale und wirtschaftliche Rah- menbedingungen." (BENKE 2004 : 7) Seit der Wiedervereinigung der Deutschen Demokratischen Re- publik mit der Bundesrepublik Deutschland waren besonders die Städte Ostdeutschlands mit Schrumpfungsprozessen konfrontiert, was ein Umdenken in der bisherigen stadtpolitischen Planung notwendig machte.

Welche Folgen resultieren aus den Schrumpfungsprozessen und welche Maßnahmen wurden getroffen, um diesen Entwicklungen entgegenzusteuern?

Um diese Fragen und weitere Fragen der städtischen Schrumpfungsprozesse in Ostdeutschland zu bearbeiten wurde zu Beginn der Arbeit vor allem auf die Ursachenforschung Wert gelegt. Anschließend sollen neben den sozialen Folgen auch die wirtschaftlichen und räumlichen Auswirkungen der Prozesse genauer untersucht werden.

Am Beispiel des Beschlusses der Bundesregierung im Jahr 2001 zum Programm "Stadtumbau Ost" sollen die Maßnahmen aufgezeigt werden, um den komplexen Schrumpfungsprozessen entgegenzu- steuern.

2 Definition

Der Begriff Schrumpfung kann nicht einfach definiert werden, denn es handelt sich dabei um einen komplexen Prozess mit qualitativen und quantitativen Dimensionen.

Das deutsche Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung definiert sechs Kriterien, die mehrheitlich auf eine schrumpfende Stadt zutreffen:

- Bevölkerungsrückgang
- Wanderungsverluste
- Arbeitslosigkeit
- Verlust von Arbeitsplätzen
- Kaufkraftschwäche
- kommunale Haushaltsnot

Dabei werden keine genauen Größenordnungen definiert, sondern ein Bundesvergleich der Werte angestellt. Auch beinhalten die Schrumpfungsprozesse weitere Aspekte wie die Wanderungsbewegung (Binnenwanderung, Stadt-Land-, Außenwanderung) aus wirtschaftlichen oder standortbedingten Gründen. (INGENIEURBÜRO IVAS DRESDEN ET. AL (2006)

Weitere Definitionen basieren ausschließlich auf dem dauerhaften und signifikanten Rückgang der Einwohner. In Zahlen ausgedrückt wird ein Rückgang von mindestens 10 Prozent oder von über 1 Prozent pro Jahr in der Neuzeit als "ausreichend" erachtet. (FREITAG (2008)

3 Ursachen für schrumpfende Städte in Ostdeutschland

3.1 Monostrukturierte Städte in der DDR

Das Gesellschaftssystem in einem Land hat einen großen Einfluss darauf, wie sich Städte entwickeln. So sind ostdeutsche Städte immer noch geprägt von der Politik des Kommunismus der ehemaligen DDR und unterscheiden sich signifikant von den Städten Westdeutschlands, die unter dem Einfluss der Marktwirtschaft stehen.

Mit dem Ziel der gänzlichen politischen und administrativen Zentralisierung seit 1952 in der DDR wurde auf die Einbeziehung von privaten und gewerblichen Interessen weitestgehend verzichtet. So- wohl die Kommunen als auch die privaten Akteure hatten wenig bis keinen Einfluss auf die Stadtent- wicklungsplanung, da diese Teil des öffentlichen Staatsapparates war. Sie war administrativ und vor allem finanziell von diesem abhängig. Durch das fehlende Privateigentum, das dem Volkseigentum wich, und dem fehlenden Wettbewerb bildeten sich keine bodenpreisorientierten, sondern politisch bedingte Zonierungen in den Städten. Dadurch kam es nicht wie in westdeutschen Städten zu einer Citybildung, sondern sogar zu Brachflächen in zentralster Lage. Auch die staatlich geförderten Groß- wohnsiedlungsprojekte, die bevorzugt an den Stadträndern errichtet wurden, trugen maßgeblich zum Verfall der Innenstädte bei. Diese finanziellen Fördermittel fehlten umgekehrt wieder den Sanierungs- und Renovierungsarbeiten der gründerzeitlichen Wohnviertel in den Zentren der Städte. (PAULI (2005); GLOCK (2006); KRESS (2008)

Weiters wurde die Entwicklung der ostdeutschen Städte maßgeblich durch ihre industrielle Funktion und wirtschaftliche Bedeutung bestimmt. Durch den vermehrten Bedarf an Rohstoffen und den Ver- lust von Industriestandorten im Zusammenhang mit der Teilung in Ost- und Westdeutschland, wurden Industrien für Braunkohle, Stahl, Schwermaschinenbau und Chemie von großer Bedeutung. Verlorene Industrien wurden vorerst in ländlichen oder kleinstädtischen Regionen neu errichtet. Die historischen Industriestandorte in den Innenstädten wurden hingegen weiterhin ausgebaut und genutzt, sodass sich auch das Arbeitsplatzangebot vermehrt zentralisierte. (OSWALT (2004); GLOCK (2006) "Der bevorzugte Stadttyp im hierarchisch gegliederten Städtesystem der DDR war die Bezirksstadt. Neben ihrer Verwaltungsfunktion wurden Bezirksstädte in der Regel auch als Industriestandorte ausgebaut mit dem Sitz der wirtschaftlichen Leistungszentren". (KRESS 2008 : 246). Durch den Bedeutungsüberschuss der Bezirksstädte wurden vermehrt finanzielle Mittel für Investitionen zur Verfügung gestellt, die kleineren und wirtschaftlich unbedeutenderen Städten fehlten. Somit kam es aufgrund des besseren Arbeitsplatz- und Wohnungsangebotes zu einer starken Zuwanderung in die Bezirksstädte. Durch den steigenden Wohnungsbedarf wurden vermehrt neue Großwohnsiedlungen in den peripheren Gebieten der Stadt errichtet. Als größtes Neubaugebiet stellte Halle-Neustadt (vgl. Abbildung 1) ein Musterbeispiel für eine sozialistische Stadt dar. (GLOCK (2006)

Die Konzentration von finanziellen Investitionen und menschlichen Ressourcen führte zu einer "[...] überzogenen räumlichen Konzentrations- und Zentralisierungstendenz zugunsten ausgewählter größerer, vor allem jedoch mittlerer Städte und zu Lasten der Mehrheit der anderen Städte und Dörfer." (HANNEMANN 2004: 79)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Neubaugebiet (Plattenbauten) Halle-Neustadt 1975

Quelle: HOEPKER, T. (2011): DDR Ansichten. Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit.

3.2 Deindustrialisierung

Durch den Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland 1990 und der damit verbunden Wiedereinführung der Markwirtschaft erfolgte ein radikaler Strukturbruch. Die staatlichen Betriebe wurden privatisiert und der Zugang zum freien Markt ermöglicht, dadurch standen die Industriestandorte in Ostdeutschland unter massivem Konkurrenzdruck durch die effizienteren Industriegebiete im westlichen Deutschland. Innerhalb weniger Jahre brach dadurch die industrielle Grundlage in Ostdeutschland zusammen.

Vor allem in alten Industriebetrieben, die aufgrund der Zentralverwaltungswirtschaft nicht wettbewerbsfähig waren, kam es zu Massenentlassungen. Zudem wurde vielerorts auf technische Modernisierung der Industriestandorte verzichtet, wodurch die Produktivität sank und der Bedarf an Arbeitskräften anstieg. Die Produktionskosten stiegen unverhältnismäßig hoch an, sodass die Produkte auf dem liberalisierten Markt nicht wettbewerbsfähig waren. (GLOCK (2006)

"Ende der achtziger Jahre waren dann zum Beispiel im Bezirk Leipzig 56 Prozent der industriellen Anlagen völlig abgeschrieben und technisch total verschlissen. Hier liegt eine der zentralen Ursachen für den raschen, flächendeckenden und tief greifenden Deindustrailisierungsprozess nach 1990." (OSWALT 2004: 634) Dieser flächendeckende Abbau führte zu einem radikalen Verlust von ca. 1,2 Millionen Arbeitsplätzen allein im Bergbau und im verarbeitenden Gewerbe in den Jahren zwischen 1991 und 1997. Auch heute noch arbeiten in den neuen Bundesländern weniger Menschen in der Industrie als in allen anderen Ländern Westeuropas. (GLOCK (2006)

Nicht nur das verarbeitende Gewerbe war von der Deindustrialisierung betroffen, auch der Agrarsektor musste einen Verlust von 80 Prozent der Arbeitsplätze verzeichnen. Durch die politische Veränderung im Zuge der Wende musste der administrative Staatsapparat auch viele überbesetze Stellen und Ämter kürzen. (HÄUßERMANN ET AL. (2008) Zudem wirkten die verstärkten Globalisierungsprozesse weiter verschärfend auf den Konkurrenzdruck im internationalen Markt ein. In den Jahren zwischen 1990 und 1993 erreichte der Deindustrialisierungsprozess in den neuen Bundesländern ihren Höhepunkt. Durch zahlreiche Werksschließungen wurden über 80 Prozent der bestehenden Industriearbeitsplätze abgebaut. (OSWALT (2004) Der Verlust von Arbeitsplätzen in Produktionsbetrieben konnte auch durch den Ausbau des Tertiären Sektors nicht kompensiert werden.

3.3 Demographischer Wandel

In den neuen Bundesländern folgten auf ein natürliches Bevölkerungswachstum nach dem zweiten Weltkrieg ab den 1960er Jahren rückläufige Geburtenzahlen. Im Jahr 1965 kamen noch knapp eine Million Kinder zur Welt. Bereits zehn Jahre später sank die Geburtenzahl auf nur noch 600.000. (PE- TER (2009)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Geburten in Ostdeutschland seit 1949

Quelle: BERICHT DER KOMMISSION (2000): Wohnungswirtschaftlicher Strukturwandel in den neuen Bundesländern, Bericht der Kommission i.A. BMVBW durch Pfeiffer, U.; Simons, H.; Posch, L.

Zu diesem drastischen Geburtenrückgang kam es zum einen durch die geburtenschwachen Jahrgänge aus den Kriegsjahren, zum anderen hauptsächlich durch die Veränderung der Lebensstile der Bevölke- rung. Im Jahr 1969 wurde in der DDR erstmals ein Geburtendefizit verzeichnet, das sich durch Er- laubnis von Schwangerschaftsabbrüchen 1972 noch verstärkte. (vgl. Abbildung 2) Ein wichtiger Indikator für den Zuwachs bzw. den Rückgang einer Bevölkerung ist die Geburtenziffer (TFR, total fertility rate). Sie gibt an, wie viele Kinder eine Frau durchschnittlich bis zum Ende des gebärfähigen Alters bekommt. Sinkt die Geburtenziffer unter den Schwellenwert von 2,0, wird sich die Bevölkerung nicht mehr erhalten können und es kommt zu einer schrumpfenden Bevölkerungs- entwicklung. (CIA (o. J.)

Zu Beginn der 1970er Jahre lag die Geburtenrate in der Demokratischen Republik Deutschland bei 1,54 und somit deutlich unter dem bestanderhaltenden Niveau. Diese geringe Geburtenziffer konnte kurzfristig durch familienpolitische Fördermaßnahmen (vgl. Abbildung 2 "Honecker Buckel") erhöht werden, jedoch lag sie zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung wieder bei 1,52. Nach der Wende kam es zu einem drastischen Geburteneinbruch, der von Demographen auch als "Geburtenstreik" bezeich- net wird. Er zeigt die Bedenken einer Gesellschaft, deren zukünftige Perspektiven sich nur sehr unge- wiss darstellten.

Diese Geburtendefizite könnten durch eine vermehrte Zuwanderung abgefedert werden. Jedoch wurde die rückläufige Bevölkerungsentwicklung durch Abwanderung nach Westdeutschland weiter verstärkt, die im folgenden Kapitel näher erläutert wird. (PETER (2009); HÄUßERMANN ET AL. (2008)

3.4 Abwanderung

Durch die Öffnung der Berliner Mauer 1989 gab es keine behördlichen Ausreisebeschränkungen mehr und es kam zu einem wahren Strom von Ausreisenden, der seine Spitzen in den darauffolgenden 4 Jahren erreichte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Wanderungssaldo zwischen dem früheren Bundesgebiet und den neuen Ländern

Quelle: STATISTISCHES BUNDESAMT (2008): Datenreport2008. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland Entwurf und Layout: Holzmann, J.

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Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668094505
ISBN (Buch)
9783668094512
Dateigröße
846 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310722
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Geographie
Note
1,0
Schlagworte
Schrumpfungsprozesse Ostdeutschland
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Titel: Abnehmende Bevölkerungszahl in ostdeutschen Städten. Ursachen und Auswirkungen der Schrumpfungsprozesse