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Trennung im gruppendynamischen Prozess und im Bereich der Psychotherapie

Hausarbeit 2015 24 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG
1.1 EINFÜHRUNG IN DIE PROBLEMSTELLUNG
1.2 GANG DER DARSTELLUNG
1.3 ZIEL DER ARBEIT

2 BEGRIFF DER TRENNUNG
2.1 EINORDNUNG DES BEGRIFFS UND SYNONYME
2.2 HISTORISCHE AUSFÜHRUNGEN ZUM TRENNUNGSBEGRIFF IN DER PSYCHOANALYSE
2.3 TRENNUNG UND VERLUST AUS PSYCHOANALYTISCHER SICHT

3 DER BEGRIFF DER ZEIT

4 DAS GRUPPENDYNAMISCHE PRINZIP
4.1 PHASEN DES GRUPPENDYNAMISCHEN PROZESSES UND TRENNUNG
4.2 DIE PRAXIS AM BEISPIEL EINER STUDIENGRUPPE

5 TRENNUNG IN BERATUNG UND THERAPIE
5.1 MEDIATION UND TRENNUNG
5.2 THERAPIE UND PSYCHOANALYSE

6 ÜBERTRAGUNG IN DEN ALLTAG - TRENNUNGEN IM LEBENSZYKLUS
6.1 TRENNUNG IM BERUFSLEBEN
6.2 DAS ENDE EMOTIONAL BEDEUTSAMER BEZIEHUNGEN
6.3 UNERWARTETES BEENDEN

7 SCHLUSSFOLGERUNGEN

LITERATURVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

TABELLE 1: SYNONYME FÜR BEENDIGUNG

TABELLE 2: PRINZIPIEN DER GRUPPENDYNAMIK

1 Einleitung

1.1 Einführung in die Problemstellung

Einen Monat nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemannes lässt die Facebook-Managerin Sheryl Sandberg im sozialen Netzwert ihren Gefühlen freien Lauf: Sie schreibt auf Facebook über ihre Trauer. Und sie beschreibt ihre Trauer nicht mit gut überlegten, rationalen Gedanken, sondern verleiht ihren Emotionen Ausdruck, wenn sie erzählt, wie sie sich in den Schlaf weint, wie sie versucht, den gemeinsamen Kindern eine Stütze zu sein und ihnen einen „Ersatz“ für Vater-Kind-Ausflüge verschaffen will - und wie sie dabei zusammenbricht mit dem Ausspruch „ich will aber Dave...“ (Sauerbrey, 2015). Damit beschreibt sie den Prozess einer plötzlich über sie hereingebrochenen Trennung und wie sie die Herausforderung angeht, „Option B“ zu wählen.

Das Erleben von Trennung und Verlust ist fester Bestandteil unseres Lebens. Umso erstaunlicher ist es, dass dieses Thema in der Gesellschaft weiterhin lieber gemieden und verleugnet wird als dass ein konstruktiver Umgang mit Trennungen und Umbrüchen gelernt und gelebt wird. In den letzten Jahren findet das Thema immer mehr Präsenz im beruflichen Alltag, aber auch im privaten, sehr individuellen Umfeld. Als Teilnehmer und Co-Leiter von Studiengruppen konnte ich erleben, wie eine Gruppe etwas gut und konstruktiv beenden und Trennungswiderstand gemeinsam bearbeitet werden konnte. Es stellt sich die Frage, wie das Erlebte in das Ich und in den Alltag integriert werden kann. Kann die schmerzhafte Erfahrung des Verlustes auch als Herausforderung für die eigene weitere Entwicklung gesehen werden? In der psychoanalytischen Literatur wird die Abschlussphase wenig thematisiert und wenn, dann meist in Fallvignetten oder in Form von allgemeinen theoretischen Überlegungen beschrieben. Vor allem in Deutschland im Vergleich mit den USA wurde das Thema nur vereinzelt und in kurzen Kapiteln abgehandelt. Erst Anfang der Jahrtausendwende fand das Thema größere Aufmerksamkeit, das Jahr 2003 erscheint hier eine Wende zu sein. Die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV) hielt eine Frühjahrstagung unter dem Motto „Gegenübertragung und Beendigung in der Behandlung“ ab, Rieber-Hunscha beendete ihr 2004 erschienenes Buch „Das Beenden der Psychotherapie: Trennung in der Abschlussphase“. Angesichts der trivialen Feststellung, dass alle Psychotherapien zu Ende gehen, ist es allerdings merkwürdig, dass die Abschlussphase so wenig Beachtung erfährt. Die geringe Präsenz der Thematik von Beendigung und Abschluss von Psychotherapien in Forschung und Literatur ist bemerkenswert. Bei der Suche nach Literatur zur Abschlussphase sind vor allem zwei überraschend gegensätzliche Positionen im Hinblick auf die Beendigung von Therapien zu finden. In den Extremen wird die Abschlussphase als entscheidend für das Ergebnis der gesamten Therapie gesehen (Ammon, 1979) oder aber überhaupt nicht thematisiert.

1.2 Gang der Darstellung

Trennungs- und Verlusterfahrungen begleiten uns von Geburt an. In Kapitel 2 soll der Begriff der Trennung erläutert und auf die psychoanalytische Sichtweise eingegangen werden. Zudem wird im Kapitel 3 der Begriff der Zeit beschrieben, der in der Gruppendynamik große Bedeutung hat. In Kapitel 4 soll das gruppendynamische Prinzip näher erklärt werden. Hierbei werden Beispiele aus der Praxis beschrieben. Die Bedeutung von Trennung in Therapie und Beratung werden im Kapitel 5 erläutert, bevor in Kapitel 6 auf die Übertragung auf den Lebenszyklus eingegangen wird. Das Kapitel 7 schließt die vorliegende Arbeit mit einem Fazit ab.

1.3 Ziel der Arbeit

Wie bewältigen Individuen Trennungen und Verlusterfahrungen und wie bestimmen diese Erfahrungen unser Leben? Welche Herausforderungen ergeben sich im Prozess der Trennung? In der vorliegenden Arbeit soll der Prozess der Trennung aus verschiedenen Perspektiven näher beleuchtet und die Möglichkeiten einer positiven Entwicklung durch die konstruktive Bewältigung der Krise aufgezeigt werden. Dabei werden die Problematiken und die Schritte im Prozess anhand von anschaulichen Beispielen, die teilweise aus dem Berufsleben der Autorin stammen, dargestellt.

2 Begriff der Trennung

Begriffe wie Abschluss, Beendigung, Ende und Abschied, die mit dem Ende von Beziehungen, also auch mit dem Beenden von Therapien verbunden sind, weisen bei genauerem Hinsehen auf einen in unserer Kultur problematischen Erfahrungsbereich hin. Die Abschlussphase spricht einen Zeitraum des Übergangs an. Die Übergänge, die das Leben rhythmisieren, werden im Alltag des modernen Lebens immer unklarer. Beispielsweise werden Anfang und Ende eines Tages nicht mehr durch Sonnenuntergang und Sonnenaufgang strukturiert, sondern durch Wecker und ‚abschalten’. Bis vor wenigen Jahren war das Fernsehen durch das ritualisierte Abspielen der Nationalhymne beendet worden. Heute ist es möglich, 24 Stunden am Tag Fernsehprogramme zu empfangen. Begriffe wie non-stop, just-in-time und rund-um-die-Uhr kultivieren eine Illusion von Endlosigkeit, vom endlosen Fortgang unseres Lebens, die typisch für die gegenwärtige Zeit zu sein scheint. Nachdenken über Beendigung oder Abschluss widerspricht unserer heutigen Denkweise über den Fortschritt, sich mit dem Ende und dem Abschiednehmen zu beschäftigen. Der Blick ist nach vorn gerichtet und hat den Fokus auf das Neue, das Weiterkommen.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt zum Thema Trennung ist, dass Abschied und Trennungen zumeist mit Trauer, schmerzlicher Erfahrung und Schuldgefühlen assoziiert sind, also mit Gefühlen, denen wir lieber ausweichen (Ley, 2008). Die Fähigkeit, etwas zu beenden und abzuschließen, damit etwas Neues begonnen werden kann, ist eng verbunden mit der Kenntnis und der Akzeptanz von Grenzen und damit auch der eigenen Begrenztheit.

2.1 Einordnung des Begriffs und Synonyme

Es ist eine sehr banale Feststellung, dass alles im Leben ein Ende findet. Trennungen und Trauer sind aber oft als solche nicht mehr klar erkennbar und erfahrbar und finden im täglichen Sprachgebrauch viele Synonyme. In der Tabelle 1 finden sich einige Begriffe, die je nach Kontext in ihrer Bedeutung unterschiedlich sein können. Je nach Erfahrung und Situation wird das Thema des Beendens anders umschrieben, ist mit einem plötzlichen Eintreffen oder mit einem langen vorausgegangenen Prozess verbunden. Oft gehen mit dem Prozess starke und schmerzhafte Gefühle einher. Es stellt sich die Frage, kann ein Beenden trotzdem gut und richtig sein, trotz Schmerz, Schuld oder Scham?

Tabelle 1: Synonyme für Beendigung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkung. Quelle: Ley, 2008, S. 12 f.

2.2 Historische Ausführungen zum Trennungsbegriff in der Psychoanalyse

Erst 1937, zum Zeitpunkt seiner Erfahrung durch Emigration aufgrund der Bedrohung durch die Nationalsozialisten, schrieb Freud die Abhandlung „Die endliche und die unendliche Analyse“. Er war zu diesem Zeitpunkt 81 Jahre alt, schwer krebserkrankt und lebte im Exil in England, so dass man fragen könnte, warum er sich zu diesem Zeitpunkt in seinem Leben erstmals diesem Thema ausdrücklich zuwandte. Doch selbst in dieser Abhandlung wird die Beendigung nicht direkt und ausdrücklich als eine Behandlungsphase erwähnt. In einem Überblick über die Geschichte von erzwungenen Beendigungen in den Anfängen der Psychoanalyse zeigen sich Linien von traumatischen (Therapie-) Abbrüchen, die sich durch die frühe Geschichte der Analyse hindurch ziehen: Einer der prominentesten „Abbrecher“ war wohl Sigmund Freud selbst. Aus seinen Aufzeichnungen geht hervor, dass er vor allem zwischen 1897 und 1900 an einer Herzneurose litt. Sein Freund Breuer schloss einen organischen Befund aus. Freud löste die Freundschaft mit Breuer, der über viele Jahre hinweg sein Freund und Mentor gewesen war und wandte sich Wilhelm Fließ zu, mit dem ihm eine lange in Briefen dokumentierte Freundschaft verband. Um 1900 kam es zum Bruch mit Fließ, gleichzeitig verschwanden auch die Herzprobleme. Das Trennungs- und Abhängigkeitsproblem hatte sich gelöst (Richter & Beckmann, 2004).

Das negative Potential dieser ‚erzwungenen Beendigungen‘ wird in den Reaktionen darauf deutlich. Abbrüche und Trennungen begleiteten und prägten die Psychoanalyse deutlich. Dem Bruch zu Alfred Adler aufgrund von Differenzen über psychoanalytische Theorien folgte der Bruch zu Carl Gustav Jung, der von Freud ursprünglich als Nachfolger aufgebaut werden sollte. Psychoanalysen entwickelten den Eindruck einer endlosen Reihe von Therapieabfolgen. Helene Deutsch war nach ihrer Analyse depressiv und unzufrieden, Margaret Mahler begann umgehend eine zweite Analyse.

Fritz Perls et al. (1951) beschreibt den Therapieprozess als ein Kontinuum der Entwicklung zum wahren Selbst, als ein Durcharbeiten von Schichten, die das Individuum wie Zwiebelschalen um sein eigentliches authentisches Selbst gelegt hat. Eine Behandlung ist bei Perls beendet, (...) wenn der Patient die grundlegenden Erfordernisse erreicht hat: eine Ver ä nderung seiner Einstellungen, Mittel zur angemessenem Selbstausdruck und Assimilation und die F ä higkeit, seine bewusste Wahrnehmung auch auf den nonverbalen Bereich auszudehnen. Er hat dann die Stufe von Integration erreicht, die ihre eigenst ä ndige Entwicklung f ö rdert, und er kann jetzt ohne Bedenken sich selbst ü berlassen werden. (...) Schlie ß lich muss, unabh ä ngig von jeder Theorie des Selbst, der Patient, so, wie er aus eigenem Antrieb gekommen ist, am Ende aus eigenem Antrieb auch wieder gehen. Das gilt f ü r jede Therapie (Perls et al., 1985, S. 34 ff.).

Carl Rogers (1989) beschreibt die Therapie als ein Prozesskontinuum und bringt im Zusammenhang mit einem Fallbeispiel folgende Erfahrung: „ Nicht selten erf ä hrt der Klient gegen Ende der Therapie Angst, das Gef ü hl etwas zu verlieren, und eine vor ü bergehende Abneigung gegen ü ber der Vorstellung, dem Leben allein und ohne die Unterst ü tzung der therapeutischen Stunde zu begegnen. “ (S. 92). Die Trennung und das Beenden ist offensichtlich ein Thema, dass in Therapie und Alltag problematisch ist und doch von großer Bedeutung. Jedoch ist für Patienten und Klienten sowie im alltäglichen Umgang das Erleben von Abschied und Trennungen oft enorm schwierig und es fällt häufig schwer, darüber zu reden. Warum das so ist, soll im folgenden Abschnitt näher beleuchtet werden.

2.3 Trennung und Verlust aus psychoanalytischer Sicht

Bereits das Leben beginnt mit einer Trennung: Der Säugling muss sich zum Zeitpunkt der Geburt vom Mutterleib trennen, die Nabelschnur muss nach der Geburt des Kindes durchtrennt werden, eine symbolische Trennung von der Mutter. Der einschneidende und prägende Vorgang kann traumatisierend für Kind und Mutter sein. Weitere Trennungserfahrungen sind die Loslösung von der Mutter wie etwa das Laufenlernen oder die Einschulung. Auch die Adoleszenz stellt einen weiteren Schritt zur Loslösung dar, ein entwicklungsbedingter Schritt, der eine Ablösung und einen Neubeginn beinhaltet.

Je nachdem wie diese Erfahrungen erlebt und verarbeitet werden können und wie sicher das Kind an seine Bezugsperson gebunden ist, werden zukünftige Trennungen bewältigt und entweder als Herausforderung, als Krise oder als Trauma empfunden. Trennung ist immer mit einem Objektverlust verbunden, dem Verlust eines Menschen. Die Verbindung zu einem Objekt, das dem Subjekt Sicherheit und Geborgenheit gab, muss aufgegeben werden. Folgen sind Trauer, Schmerz, Angst, Scham, aber auch Wut und damit verbunden oft eine unbewusste Abwehr der unangenehmen und schmerzhaften Gefühle. Es ist möglich, dass die Trennung als Bedrohung des eigenen Ichs angesehen wird, vor allem dann, wenn Ich- Anteile sich mit den Objektanteilen vermischt haben. Die Trennung wird dann nicht nur als Objektverlust, sondern auch als Verlust von Ich-Anteilen erlebt (Quinodoz, 2013). Auf das Beenden folgt ein Zustand der Desorganisation und der Trauerarbeit, in der nach und nach die eigene Identität neu gebildet werden muss. Das Alte hat aufgehört zu sein, das Neue hat noch nicht begonnen. Es ist eine Art Schwebezustand, in dem wir uns befinden, der nur schwer zu ertragen ist, besonders dann, wenn die eigene Identität bedroht ist. William Bridges (2004) spricht von einer neutralen Zone, eine Zeit des Übergangs, in dem der Neubeginn erst gefunden werden muss, in dem aber auch Abschied vom alten Leben und vom Objekt genommen werden muss. Der gewohnte Kontext, auf den sich das Subjekt verlassen hat, ist nicht mehr da, sei es durch Scheidung, Kündigung im Job oder gar Tod einer nahestehenden Person. Dieses Erleben ist mit Angst, Spannung und Selbstzweifeln verbunden, die eigene Identität wird in Frage gestellt, was ein Gefühl der Bedrohung auslöst. Diese Erfahrung ist in den Zeiten des Umbruchs von großer Bedeutung, denn sie ermöglicht die Entwicklung und Erweiterung der eigenen Identität und die Erfahrung der eigenen Begrenztheit. In den Zeiten des Übergangs können Rituale einen Halt und Sicherheit geben, um Zeit und Raum für die Entwicklung zu erhalten und den Umgang mit dem Zustand der neutralen Zone erleichtern (ebd.). Die Ordnung und die Regeln eines Rituals können Krisen begleiten und beruhigen, wie beispielsweise eine ritualisierte Trauerfeier nach einer Beerdigung zum Gedenken an den Verstorbenen. Bedauerlicherweise ist in der modernen westlichen Welt kaum noch Platz und Zeit für neutrale Zonen und Riten, was wiederum die Frage aufwirft, wie Menschen psychisch gesund bleiben, wenn es keinen Raum mehr für menschliche Krisen gibt. Hierauf soll später noch eingegangen werden. Dem hier viel verwendeten Begriff der Zeit soll das folgende Kapitel gewidmet werden.

3 Der Begriff der Zeit

Kommunikation im Alltag bezieht sich normalerweise auf die ‚unendliche‘ Weltzeit. Nur so ist es möglich, sich zur gleichen Zeit an einem bestimmten Ort zu verabreden und dann auch zu treffen. Diese Weltzeit ist selbstverständliche Orientierung, sie erscheint völlig real. Wie sehr diese Orientierung allerdings kulturelle Übereinkunft ist, zeigt sich am Umgang mit Zeit in anderen Kulturen: In südlichen Ländern wie Italien, in Lateinamerika oder arabischen Ländern ist Zeit kein Ding an sich, insofern auch nicht wertvoll oder rar, sondern eine Bedingung wie das Wetter. Das Leben wird nicht an Zeitplänen orientiert, sondern an Menschen und Beziehungen. Termine und Zeitpläne werden als Anhaltspunkte betrachtet. Gespräche finden dann statt, wenn die für das jeweilige Thema wichtigen Personen da sind und der Kreis verläuft sich wieder, wenn das Thema erschöpft ist. In den nordeuropäischen Kulturen ist Zeiterleben wesentlich durch die Metapher ‚Zeit ist Geld‘ geprägt. Wir sind es gewohnt, unsere Zeit ‚einzuteilen‘, „Zeit zu sparen“ oder zu ‚vergeuden‘ und haben meist recht präzise Vorstellungen davon, wie viel Zeit eine Handlung ‚kosten’ darf. Wenn wir Zeit auf diese Weise verdinglichen, so verleitet diese Vorstellung zur problematischen Schlussfolgerung, dass wir Zeit haben und sie kontrollieren könnten. Obwohl fast jeder eine Armbanduhr als Symbol für diese Kontrollierbarkeit trägt, ist Zeit allerdings viel mehr persönliche Zeit, Eigenzeit, als uns im Hinblick auf ihre Endlichkeit lieb ist. Denn die gelebte und zu lebende Zeit ist endlich, da nichts in dieser Welt so sicher ist wie der Tod eines jeden Menschen.

Die Gruppendynamik und Psychotherapie ist durch Zeitbegrenzungen strukturiert: Begrenzungen jedes einzelnen Termins, vorübergehende Unterbrechungen während Urlaubszeiten, Begrenzungen durch Kriterien gesetzlicher Regelungen. Wir unterteilen in Anfangsphase, Mittelphase und Abschlussphase. Beendigung und Trennungen finden während der gesamten Therapie statt. In der Diskussion um Kurzzeittherapien wird allzu oft eine Polarität zwischen Kurzzeit und Langzeitbehandlungen hergestellt, mit dem Tenor „schneller gleich besser“, ohne diese Gleichsetzung zu reflektieren. Doch diese impliziten Bewertungen verhindern eine sorgfältige Diskussion der Bedeutung von Zeit und Zeitperspektiven für therapeutische Prozesse. Zumindest für den Umgang mit Beendigung fällt auf, dass sowohl im scheinbar endlosen Aufschieben der Beendigung in Langzeit- Therapien als auch in einer rigiden Thematisierung der Begrenzung in Kurzzeit-Therapien ein Unbehagen im Umgang mit Zeit deutlich wird.

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Details

Seiten
24
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668094048
ISBN (Buch)
9783668094055
Dateigröße
601 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v310644
Note
1,0
Schlagworte
Trennung Trauer gruppendynamischer Prozess Gruppendynamik

Autor

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Titel: Trennung im gruppendynamischen Prozess und im Bereich der Psychotherapie